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Mittwoch, 30. April 2008

Ursachen für Hunger

In einer jüngst eingelangten Aussendung macht "foodwatch" folgende Faktoren für die Nahrungsmittelkrise verantwortlich:

- die gestiegenen Ölpreise, die den Umstieg auf Biosprit - Ethanol - so lukrativ gemacht haben, daß 2007 ein Drittel der US-Maisernte in diesen Sektor floß

- die EU-Agrarpolitik, die durch die subventinonierten Lebensmittel die Weltmarktpreise so in den Keller trieb, daß die Landwirtschaft in Entwicklungsländern ruiniert wurde.

Naja. Ein alter Hut, wenig Neues das Foodwatch da beizutragen hat. Foodwatch kämpft aber nun um die Themenführerschaft in einem Bereich, wo die Wirklichkeit diese Gründung des ehemaligen Greenpeace-Geschäftsführers Thilo Bode ziemlich ignorant überholt hat. Wenn es um Äußerungen geht wie "die Deutschen vertrügen höhere Lebensmittelpreise" oder den stinkenden Käse über den Bauern als bezahlten Landschaftspfleger ist foodwatch sogar über jeden Jordan - und bläst schlicht in die Dummtröte der zeitgeistigen Deppen.

Hier dennoch die Aussendung im Detail:

Das EU-Agrarsystem ist für den heutigen Hunger in vielen Entwicklungsländern mitverantwortlich. Steuersubventionierte Nahrungsmittelexporte aus der EU zerstören kleinbäuerliche Existenzen in der Dritten Welt. Zugleich wehren hohe Handelsbarrieren bei uns Importe (insbesondere von verarbeiteten Produkten) aus den Entwicklungsländern ab. Mit verheerenden Folgen: Die Entwicklung der Landwirtschaft, eine unabdingbare Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung und die Überwindung des Hungers, wird in den Entwicklungsländern dadurch massiv behindert

http://foodwatch.de/kampagnen__themen/welternaehrungskrise/

Die akuten Preissteigerungen sind im Wesentlichen auf das laut dem angesehenen Wirtschaftsmagazin "The Economist" "rücksichtslose" Treibstoffrogramm der USA zurückzuführen. Da 2007 mehr als ein Drittel der US-Maisernte für die Herstellung von Biosprit verwendet wurde, haben sich die Getreidevorräte weltweit verknappt. Andere Faktoren sind der gestiegene Rohölpreis, wodurch Biosprit für den Markt interessant wird, sowie Enteausfälle. Die steigende Lebensmittelnachfrage aus China und Indien ist in der aktuellen Situation weniger bedeutsam, sie wirkt sich eher langfristig auf die Preisentwicklung aus. Lesen Sie den vollständigen Economist-Artikel (auf englisch) hier:
http://www.economist.com/opinion/displaystory.cfm?story_id=10252015

Das Hungerproblem in der Dritten Welt wird durch diese Entwicklung verschärft. Schon seit Jahrzehnten hungert weltweit knapp eine Milliarde Menschen.

http://www.economist.com/opinion/displaystory.cfm?story_id=10252015

In Deutschland können die meisten Bürger die Preissteigerungen verkraften. Gleichzeitig gibt es auch hier eine Schicht der Bevölkerung, die unter der aktuellen Entwicklung leidet. Das jedes Jahr mit fast 50 Milliarden Euro an Steuergeldern subventionierte EU-Agrarsystem verteuert auch die Nahrungsmittelpreise bei uns.

http://foodwatch.de/kampagnen__themen/welternaehrungskrise/hintergrund_eu_subventionen/

Montag, 28. April 2008

Von einem Menschen herstammend



(Titelverinkung: heise.de || Telepolis Artikel)

Die genetische Analyse der Menschen scheint sehr eindeutig in eine Richtung zu weisen, stützt ganz deutlich die These: die Menschen stammen von letztlich einem Menschenpaar ab, und hat sich von einem Punkt (Afrika) ausgehend über die Erde verbreitet.

Aber nicht nur das - die Genanalyse bringt noch eine andere Tatsache ans Licht: Die Diversifizierung des Menschen hat nicht, wie hartgesottene Evolutionisten annehmen müßten, eine Anreicherung des Erbguts mit sich gebracht, sondern offenbar ist die Vielzahl der Gene umso größer, je näher die Menschen dem Ursprung stehen. Es ist nämlich eine Verarmung, Vereinfachung der Genvariabilität festzustellen, je weiter die Menschen vom Ursprung entfernt sind. Die Gesamtheit der weltweit vorzufindenden Gene finden sich nur in Afrika.

Ganz so, als wäre am Anfang alles angelegt gewesen. Ganz so, als griffe jede Ausdifferenzierung in der Fortpflanzung auf einen begrenzten Genpool zu, der durch die Vererbung jeweils lediglich spezifischer, quantitativ aber immer eingeschränkter ausgebildet wird.

Sonntag, 27. April 2008

Diese konkrete Kirche hier

Als die deutsche Wehrmacht 1940 Paris eroberte, kamen in ihrem "Gepäck" natürlich auch katholische Feldgeistliche mit. Diese statteten gleich nach ihrer Ankunft dem Pariser Erzbischof einen Besuch ab und baten ihn, ihnen die Beichterlaubnis für die Diözese zu erteilen. Was der Kardinal tat.

Mit Ringkuß und Kniebeuge verabschiedeten sich die "Besatzer", denn der Pariser Kardinal war natürlich ihr Vorgesetzter!

Selbstverständlich galt in der Kirche das Teritorialprinzip - eine konkrete Kirche ist ohne einen konkreten Ort undenkbar - also auch in solchen Fällen. (Erst seit dem 2. Vatikanum gibt es auch das "Kategorialprinzip", die "kategoriale Seelsorge", die auch fürs Militär gilt - in Österreich wie in Deutschland die einzige Diözese ohne Territorium.)

Freitag, 25. April 2008

Nur eine Wirklichkeit

Karlheinz Böhm erzählte in einem Interview: "... in einem Dorf (in Afghanistan) die Sissy-Filme gezeigt worden. Ich bin später in dieses Dorf gekommen. Plötzlich haben mich die Menschen wegen Dingen attackiert, die ich im Film gemacht habe! Sie hatten keinen Begriff von Schauspiel, das war ihnen völlig unbekannt, und wir konnten es ihnen auch nicht erklären: ich war erledigt." (sinngemäße Übertragung)

Wahrheit ist Verliebtheit

Pierre erinnerte sich später oft an diese Zeit seiner glücklichen Torheit. Er hielt fest an allen Urteilen, die er sich während seiner Verliebtheit über Menschen und Dinge gebildet hatte. Er sagte sich auch später nicht von diesen Anschauungen über Menschen und Dinge los, im Gegenteil: regten sich Zweifel und Widerspruch in seinem Inneren, so griff er auf die Anschauung, die er sich in der Periode der Verliebtheit gebildet hatte, zurück und fand, daß sie stets die richtige war.

Tolstoj; "Krieg und Frieden"




***

Der russische Mensch


In "Krieg und Frieden" findet sich die schönste Darstellung des russischen Menschen, die ich je las. (Bild - Verlinkung: Großansicht, zum Lesen geeignet) Wenn er dreißig Seiten später das Erlebnis der Zuhörer ausdeutet, zeigt er damit, wie trocken die vermeint gelehrte Analyse im Vergleich dazu ist - jedes analytische Wort nimmt der zuvor in den Bildern errichteten Ganzheit anstatt daß es vermehrt.

Mittwoch, 23. April 2008

Humor ist tragische Tragik

Humor ist die Distanz durch Verlängerung einer gegenwärtigen Tendenz - und dadurch die Möglichkeit zur entschärften (den Zuseher nicht blamierenden) Selbsterkenntnis, der Befreiung, die sich im Lachen ausdrückt. Das macht ihn im Grunde tragisch, denn er ist die vertiefte Tragödie.

Niemand kann das besser bestätigten als ein Schauspieler, der in der Probe zu einer Tragödie irgendwann an den Punkt kommt, wo er sich durch deren Übersteigerung ins Groteske flüchtet und sich also lachend davon befreit. Jede Komödie ist eine übersteigerte Tragödie, oder nicht einmal übersteigert ... Weshalb Komödien sich zu Zeiten zeigen, wo das Leben bereits in Charakteren erstarrt zur Tragik verdammt ist.

Im Grunde ist also Frankl's "Erfindung" von der "Paradoxen Intention" gar keine Erfindung, und mir ist nicht nur ein Fall bekannt, wo Menschen selber draufkommen: Durch Verlängerung dessen was man ausdrücklich möchte, sich vor Augen stellen, wo es hinführt ... und sich zum mindesten der Frage öffnen, ob man denn das wirklich wollte - dies alleine ist der effizienteste Heilungsschlüssel der Seele. (Und im übrigen ein hervorragendes Erziehungsmittel ...)

Montag, 21. April 2008

Teppiche für Opium

Der ZDF berichtet, daß im Norden Afghanistans (in der von den Deutschen mit Soldaten beschickten Gegend) etwa eine MILLION Frauen drogensüchtig sind!

Die Landschaft ist durch den Krieg verwüstet, die Wüste von Norden her breitet sich aus, nichts wächst mehr; der letze Winter war so kalt daß das Vieh erfroren ist. Die einzige Erwerbsquelle sind Teppiche. Die von den Frauen geknüpft werden.

Etwa 9 Monate knüpfen sie an einem Teppich, nach Abzug der Materialkosten bleiben ihnen für ein Stück etwa 60 Dollar Lohn - für neun Monate Arbeit. Um die hare Arbeit überhaupt auszuhalten, nehmend die Frauen Opium.

Aber das wohl schon seit je. Da ist die Verbindung mit der aktuellen Afghanistankrise nicht ganz lauter, die das ZDF suggeriert, denn er zeigt Frauen die seit Jahrzehnten süchtig sind. Und von Kindesbeinen an: denn damit die Kinder bei der Arbeit nicht stören, wird auch ihnen Opium gegeben. Dann schlafen sie, Tag und Nacht.

Um die Opiumsucht zu finanzieren - in dem kargen Land wächst auch nicht Opium - belehnen sie noch gar nicht gefertigte Teppiche.

Übrigens: Auch bei den niederösterreichischen Bauern war es noch vor wenigen Jahrzehnten häufig üblich, den Kindern Woll- oder Stopfflappen in den Mund zu stecken, die in Most getunkt ("Mostzutz") oder mit Mohn ("Mohnzutz") befüllt waren, damit sie bei der Arbeit nicht störten.

Samstag, 19. April 2008

30jähriger Krieg - V

Christian von Braunschweig, einer der Heerführer der Protestanten, hatte sich in der Schlacht bei Fleurus einen Arm verletzt, der ihm auch ein paar Tage später amputiert werden sollte weil mußte.

Um seinen Männern zu zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt war, ließ er die Amputation unter Fanfarenklängen öffentlich durchführen. Zugleich ließ er eine Gedenkmünze prägen, mit der Aufschrift: "Altera restat" - "Mir bleibt (ja noch) der andere"

30jähriger Krieg - IV

Die Verpflichtungen der Feldherren beliefen sich nicht nur einfach auf die soldaten, sondern zugleich auf eine zufridenstellende Lebensführung für diese. So waren kaum mehr als ein Drittel der zu Versorgenden Kämpfende, sondern gleichermaßen deren Dirnen, Weiber, Kinder und Diener. Nicht selten einfach zusammengeplündert und -entführt. Wöchentlich wurden z. B. in Mansfeld's Heer sieben Kinder geboren.

Offiziere waren noch aufwendiger zu unterhalten: fünf, sechs Diener, vom Troß der Beuteverwaltung mit sich brachte nicht zu reden, Obristen schlugen dabei mit bis zu achtzehn Dienern zu Buche.

Konnte man seine Leute nicht zahlen - wechselten die einfach die Seiten. Oder holten sich, egal wo und egal wie, was sie kriegen konnten.

Böhmen, vor diesem ersten der zahllosen Kriege des 30jährigen Krieges (der an sich nur eine nicht abreißende Reihe zahlloser Einzelkriege war, den allerdings eine gewisse durchgehende Idee des Religionskrieges "zusammenhielt") eine der reichsten kaiserlichen Provinzen (wobei nicht unstrittig war, ob es - vorwiegend slawisch! - überhaupt dem "Kaiser der teutschen Nation" unterstand) war nach diesen kaum zwei Jahren der Auseinandersetzung ... ruiniert. Kaiser Ferdinand bezog so gut wie keine Steuern mehr aus dem besiegten Land.

30jähriger Krieg - III

Ein bemerkenswertes Licht auf den Charaker des Winterkönigs Friedrich und seiner englischen Angetrauten liefern zwei belegte Fakten:

Während der (entscheidenden) Schlacht am Weißen Berg 1620 hatte der König festlichst getafelt. Man hatte ihm erzählt (und er glaubte immer, was man ihm erzählte), daß die kaiserlichen Truppen völlig demoralisiert und hoffnungslos in der Unterzahl seien, es so nie wagen würden, die protestantischen Böhmen anzugreifen. Nach dem Mahle bestieg der König sein Pferd, um zur Verdauung ein wenig auszureiten. Immerhin hatte er ja die Angelegenheit im Gebete Gott überantwortet, wie er seiner Frau sagte. Wie staunte da der kÖnig, als er an die Stadttore Prags kam, und ihm die ersten derangierten Soldaten entgegenkamen, die von der Niederlage berichteten!

Die Natur seiner Frau war kaum anders geartet - die zahlreichen Kinder der beiden geben anderes Zeugnis der Gemeinsamkeiten, die diese beiden Gemüter hatten. Auf der Flucht schrieb sei an ihre Freundinnen, daß sie ihnen bei Gelegenheit von den gar humorvollen Begebenheiten ihrer als "bon voyage" betitelten Irrfahrt, auf der sie gerade zwischen den anrückenden Heeren entkamen (die Pfalz selbst war längst unter spanischer Herrschaft) Und versprach denen, daß sie herzlich lachen würden.

Das lag wohl in der Familie, und zeigte sich allerspätestens, als die Spanier - die von Süden den Rhein entlang gekommen waren - Heidelberg, die Hauptstadt der Pfalz, angriffen. Der englische König, der sich lieber aus allem heraushielt, hatte auf die Hifeersuchen seines Schwiegersohns erstmal bei der Königsmutter per Kurier angefragt, ob die Spanier wirklich hier angriffen (und nicht nach Böhmen einschwenkten, zur Verstärkung der kaiserlichen Truppen vor Prag). Woraufhin die Dame aus dem Fenster sah und meinte, sie müsse erst nachfragen. Doch wäre das derzeit nur schwer möglich - es sei nämlich die Burg, in der sie sich aufhielten, belagert.

30jähriger Krieg - II

Nach der Schlacht am Weißen Berg fiel Prag kampflos an die kaiserlichen Truppen unter dem Bayern Max - Söldner aus Frankreich, Deutschland, Irland, Polen, Kosaken, Wallonen.

Zur Belohnung wurden die Stadttore Prags - nach der Huldigung der böhmischen Stände an Maximilian, der zufrieden das ihm unverständliche Böhmisch als Übertritt zum Katholischen Glauben konstatierte - geschlossen ... und die Stadt durfte sieben Tage lang von den Truppen geplündert werden. Zwar sollten nur die Protestanten leiden, aber um solche Kleinigkeiten kümmerten sich die siegestrunkenen Soldaten wenig. Immerhin war Prag sicher eine der auch an Kunstschätzen reichsten Städte Europas.

Der Kaiser schuldete dem Bayernkönig - der sich mit den Pferden des geschlagenen Friedrich zufriedengab - hinfort 3 Millionen Gulden. Wofür er Oberösterreich verpfändete.

30jähriger Krieg - I

Die Bauern flohen vor den anrückenden Truppen der katholischen Liga, und nahmen mit sich, was nicht niet- und nagelfest war - denn es fiel ohnehin alles der Versorgungs- oder sonstigen Not der Soldaten zum Opfer.


Wo aber einmal die Soldaten durchgezogen waren, da blieb nur noch Verwüstung und Elend. Der Sommer 1620 war sowieso eiskalt - man spricht ja von der "Kleinen Eiszeit", die diese Jahrzehnte heimsuchte, mit Temperaturen weit unter dem heute bekannten Schnitt. Da brauchte man's wohl warm. Immerhin aber war ein von den siebenbürgisch-ungarischen Truppen gebrandschatztes Haus bei Prag der Grund, daß im dichten Novembernebel die katholischen Truppen unter Maximilian den Aufmarsch der Protestanten bzw. Böhmen auf den Weißen Berg endlich sahen, also nun wußten, wo der Feind überhaupt war. Damit waren sie den Böhmen schon mal voraus, die keine Ahnung der Nähe der Truppen Maximilans hatten. Zuvor waren beide Heerzüge ja quasi parallel, aber ohne voneinander zu wissen, in nur geringer Entfernung von Pilsen Richtung Prag gezogen.

Der Winterkönig verkühlte sich

Da hat er's dann wohl übertrieben, der "Winterkönig", der Friedrich von der Pfalz, der Schönling, mit seiner attraktiven Engländerin als Frau.

Die befahl, man solle doch den "unsittlichen, nackten Badenden" von der Brücke reißen. Aber nicht nur damit ging sie den Pragern zu weit. Denn den Gekreuzigten so zu entheiligen, dagegen verwahrten sie sich doch, den ließen sie sich unter Androhung bewaffneten Widerstands nicht von der Karlsbrücke reißen.

Zuvor hatten sie schon genug gemurrt, als Mägde aus dem Veitsdom und aus der Jesuitenkirche Reliquien einsammelten, um sie als Brennmaterial zu verwenden. Sogar das Grab des Hl. Wenzels hatte man aufbrechen lassen, und die Bilderstürmerei, die sämtliche Bildnisse aus den Kirchen entfernen hatte lassen, ging ihnen sowieso zu weit. Hus-Bekenntnis hin oder her.

Dabei trieben die's selber seltsam genug - so badete Ludwig nackt vor seiner Holden und deren gesamtem weiblichen Hofstaat (und den gaffenden Pragern im Hintergrund) in der Moldau. Und hielt den Hradschin offen, jeder konnte ein- und ausgehen, wurde bewirtet. Und den königlichen Sproß konnte man auch knuddeln - das gab's ja noch nie. Was einmal jemanden verleitet haben mochte, dem heimlich die wollenen Patscherl auszuziehen, weil er sie offenbar selber gut gebrauchen konnte.

Endgültig verscherzt hat er es sich aber nicht nur dadurch, daß er es nicht schaffte, ein Heer aufzustellen, sondern vor allem, daß er um sieben Uhr früh Ratssitzungen einberief - gegen welche Privilegienverletzung die Prager Edelleute heftigst protestierten, sie hätten das Recht, länger zu schlafen.

Und das alles, während die katholische Liga von Bayern wie von Brabant her mit je 25000 Mann anrückte, unter derartigem Brimborium - am Wegrand die Moral stärkenden jesuitischen Anfeuerungspredigten etc., na und Tilly war sowieso als der "geharnischte Mönch" bekannt - daß man häufig der Meinung war, es handele sich um einen kirchlichen Kreuzzug.

Die Prager haben's dem Winterkönig und seiner englischen Frau, die sich weigerte, Deutsch zu lernen, nicht vergessen: Als die Schlacht am Weißen Berg verloren war, strömten die geschlagenen Truppen vor die Tore Prags, um sich dort zu verteidigen. Aber die Prager hielten die Tore verschlossen. Gerade noch Friedrich und seine englische Prinzessin selbst konnten heimlich fliehen, man wollte sie schon ausliefern. Wobei sie in der Eile das Baby (ohne Patscherl) beinahe vergessen hätten.



***

Freitag, 18. April 2008

Klimawandel bringt auch mehr Kinder

(Titelverlinkung: Interview mit Dr. Wolfgang Mazal - Wiener Zeitung)

Immerhin eine fundierte Meinung. Was sagt er?

- Fundament jedes Kinderwunsches wie der kindlichen seelischen Entwicklung ist eine stabile Beziehung, auch wenn das keine Ehe sein muß.
- Entscheidend ist ein gesellschaftliches Klima, weniger Einzelbedingungen, die sich weltweit wie man belegen kann ganz unterschiedlich auswirken.
- Sogar zu sagen, daß die "Vereinbarkeit von Frau und Erwerbstätigkeit" erforderlich ist, ist auf eine Weise zu kurz gegriffen. In Irland z. B. zeigt sich hohe Fertilität trotz niedriger weiblicher externer Tätigkeit.
- "In dem Moment, in dem der Mensch etwas beeinflussen kann, entsteht die Notwendigkeit von Verantwortung und Reflexion. Die Konsequenzen der Pille werden nur kurzfristig und auf die Individualbiografie bezogen gesehen, aber zu wenig gesamtgesellschaftlich und langfristig."
- Die niedrige Frauenfertilität liegt in erster Linie in der Logik der späten ersten Schwangerschaft - die Zeit für weitere Kinder wird zu kurz.
- Die demographische Entwicklung (Mangel an Arbeitskräften) wird die stärkere Einbindung der Männer in Kinderbetreuung automatisch mit sich bringen, weil die Frau stärker in der Erwerbstätigkeit gebraucht sein wird.
- Ein auf die Geschlechterproblematik neutralerer Einfluß als durch das Steuersplitting entstünde, wenn man jedem der Ehepartner die Hälfte des Grundbedarfs eines Kindes als steuervermindernd abzöge.
- Das gesellschaftlich kinderfeindliche Klima muß bereits in den 20er Jahren des 20. Jhds. entstanden sein, denn bereits damals waren Mehrkindfamilien keineswegs angesehen.
- "Das allein durch die Zahl der Dienstjahre bedingte Anwachsen der Gehaltshöhe ist sachlich einfach nicht erklärbar. Moderne Gehaltsschemata sind so aufgebaut, dass das Entgelt während der ersten fünf bis sechs Jahre steigt, dann aber stehen bleibt, und nur mehr ein Inflationsausgleich erfolgt. Erst wenn man Karriere macht, kommt ein neues, höheres Gehaltsschema zur Anwendung."
- "Das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben wird in Österreich durch eine dramatische Regelung auf ewig bestraft, nämlich durch die anciennitätsgetriebenen Gehaltssysteme: Wer einmal einige Jahre pausiert, hat auf ewig einen Nachteil, den er nicht mehr aufholen kann. Ich halte solche Gehaltssysteme für ein Versagen der Sozialpartner und auch für EU-widrig. Es ist eine mittelbare Frauendiskriminierung, wenn die Babyphase bei den Gehaltssprüngen nicht als Dienstzeit angerechnet wird."


Eine seiner früheren Äußerungen: "Ausgangs- und Eckpunkt jeder normativen Analyse muss ein reflektiertes und offengelegtes Menschenbild sein", schreibt er auf der Absolventen-Homepage des Schrödinger-Stipendiums. Und: "Ich gehe davon aus, dass der Mensch als zoon politikon einerseits zur Individualität berufen ist, dass er aber andererseits seiner Individualität als Mensch nur gerecht werden kann, wenn sie in soziale Bezüge eingebettet gelebt wird."

Erster Versuch

Probieren wir die Machbarkeit dieser Aussage:

In eine Zeit hineingewachsen, in dieser pubertiert, die alles auf den Kopf stellte, wurde Protest, Hinterfragung einer durch den Hitler-Vorwurf sprach- und wehrlos gemachten Tradition zum konstituierenden Element einer sich so bildenden "Persönlichkeit". Versuch und Neudefinition wurden zur Methode der Lebensbewältigung - bis das Scheitern aller dieser Entwürfe zur Kentnis genommen mußte. (Die Rückkehr gar nicht weniger der 68er-Proponenten zu sogar sehr "rechtskonservativen" Ansichten ist ja auffällig - Röhl, Maschke ...) Das ging aber noch soweit alles gut, denn die 68er hatten ja Substanz aus ihrer Kindheit und Vergangenheit, die sie verschütten konnten.

Doch deren Kinder - die Geburtenjahrgänge ab Anfang bis Mitte der 80er Jahre - haben diese Unhaltbarkeit am eigenen Leib erlebt. Sie wurden und werden immer lückenloser mit derart bedrängenden Problemen, die allesamt höchst existenzbedrohend sind, konfrontiert, von denen noch dazu ein Gutteil auf ihre Eltern zurückzuführen ist, daß sie gezwungen sind, ernsthafter zu werden als ihre Eltern. (Womit wir bei meiner Vorhersage eines Zeitalters extremer konservativer Wertediktatur wären.)

Die heutigen Jungen haben es bald satt, sich nur noch in Ruinen bewegen zu können, es nur noch mit Leichen zu tun zu haben. Sie verlangen, daß man es richtig macht - auch von sich selbst. Richtiger, als ihre Eltern!

Eher so wie ... die Großeltern. Nein, die Urgroßeltern. Die heutigen jungen Menschen werden ... 60 Jahre zurückgehen (müssen) um jene Bilder zu holen, die sie anstreben wollen: als Rückgriff auf ein Zeitalter, wo noch alles heil war. Denn sie werden Glück wollen! Um jeden Preis.

Mit ihren Eltern (und Großeltern) aber werden sie abrechnen. Wahrscheinlich sogar mit Recht.

Das waren die 68er - III

Eine aktuelle Jugendstudie: über 30 % der Generation unter 30 lebt noch bei den Eltern; 71 % der Jugendlichen würden ihre Kinder genauso erziehen wie sie selber erzogen wurden; 90 % erklären, daß sie mit ihren Eltern gut zurecht kämen.

Peymann: "Es war damals viel viel leichter, zu streiten, das Feindbild war klar. Heute ... es läßt sich ja kaum noch provozieren!"

Röhl: "Die Kinder dieser 68er-Generation berichten übereinstimmend, daß ihre Eltern extrem selbstbezogen waren. Das ganze Gerede von 'antiautoritär' etc. war doch nur die Ausrede dafür, daß sie sich nicht um die Kinder kümmern mußten."

Habermas auf die Frage, was von den 68ern geblieben sei: "Rita Süßmuth."

Das waren die 68er - II

"Unsere Kinder haben ganz andere Verantwortlichkeiten auf sich lasten. Die 68er konnten dagegen ins Volle greifen - Vollbeschäftigung, Rentensicherheit, soziale Absicherung ...!" (Nicht zufällig waren ihre Proponenten fast immer Kinder wohlhabender Eltern.)

"Die bösen sind in der Erinnerung der 68er immer die anderen gewesen - man selber war nie dabei, wenn es arg wurde."

"Dutschke meinte auf die Frage, was als Alternative kommen solle: Das sei egal. Alle, was anders als das Heute sei, könne nur besser sein."

(Peymann) "Ich bekenne mich zur Unsachlichkeit, weil ich mich zur Leidenschaft bekenne. Über die heutige Zeit kann man nicht einmal mehr streiten, so leidenschaftslos und sachlich wie man heute lebt. Und so viele Tote haben wir ja gar nicht auf der Seite liegen."

Das waren die 68er - I

(Titelverlinkung: Seite mit den themenbezogenen TV-Sendungen in der Mediathek auf ZDF)

...

Peymann: ... Es lag doch hier alles im Argen - die Nazis waren überall im Vormarsch ... und es tobte ein Kolonialkrieg, und die Intellektuellen der Welt haben sich dagegen aufgelehnt. Daß es in China ganz anders lief, das wußten wir nicht, wir fandne mao toll.

Aly: Aber man hätte doch recherchieren können - andere haben es doch auch getan.

Peymann: Wir haben doch nicht recherchiert. Wir haben diese Sätze geglaubt! Wir sind auf der Straße gestanden und haben geschrieen.

Röhl (Tochter von U. Meinhoff): Mit der Mao-Bibel in der Hand. Tibet war damals auch schon besetzt, die Problematik bekannt.

Peymann: Wir haben Mao toll gefunden - daß er (in der Kulturrevolution) sein eigenes System in Frage stellt ...

Bremer: 100 Mio sind deportiert worden, 3 Mio umgekommen während der Kulturrevolution.

Peymann: ... wir waren edel, wir waren die Weltelite! Ich rufe Sartre, Abbado, Beauvoir, ... wir haben die Menschen geliebt!

Röhl: Das ist die 68er Diktion - der Persilschein, die Rhetorik, der Totalitarismus ...

Sagt Ihnen der Name "Borlaug" etwas?

(Titelverlinkung: Aktueller ZDF-Beitrag zum Thema "Hunger" in Ägypten)

Mir hat er nichts gesagt - bis ich ihn in der Wiener Zeitung in u. a. Zusammenhang fand.

Langfristige Ziele sollten nicht den Blick auf bestehende und weiter zu erwartende Katastrophen vernebeln
Hunger zwingt zu Prioritätssetzung
Norman Borlaug, millionenfacher Menschenretter.
Von Christa Karas

Aufzählung In 25 Ländern mehr Notleidende als vor zehn Jahren.

Wien. Björn Lomborg und die Teilnehmer am Copenhagen Consensus 2004 haben leider Recht behalten. Auch im Jahr 2008 leidet eine Milliarde Menschen bei einem Einkommen von maximal einem US-Dollar pro Tag Not, werden 3,5 Millionen unmittelbar an Unterernährung sterben und ungleich mehr noch an ihren Folgen, den Krankheiten.

Der dänische Ökonom und acht weitere Wissenschafter (unter ihnen vier Nobelpreisträger) hatten damals eine Liste der anstehenden Herausforderungen erstellt und waren auf Grund von Methoden der Wohlfahrtsökonomie und Kosten-Nutzen-Analysen zu dem Schluss gekommen, für welche von ihnen absolute Priorität gelte. Dies waren Hunger, Infektionskrankheiten wie Aids, Wasserversorgung und Zugang zu sanitären Einrichtungen, aber auch Handelsbeschränkungen, Korruption und Globale Erwärmung.

In der Folge machte sich Lomborg zahlreiche Feinde, als er vorrechnete, warum er die Kyoto-Protokolle als einzige Verschwendung von jährlich mindestens 150 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2100 betrachtet, die anderweitig dringender benötigt würden. Der damit zu erzielende Klima-Effekt sei dagegen marginal. Vor allem kritisierte er in diesem Zusammenhang auch die mangelnde Konzentration auf die nach seinem Dafürhalten wichtigsten Bereiche Luftverschmutzung (als Krankheitsfaktor) und neue Energieentwicklungen.

In bester Gesellschaft

Lomborg befindet sich damit in bester Gesellschaft mit jenen Wissenschaftern, die schon lange zuvor den Hunger als Priorität ihrer Forschungen angesehen haben. Vor allen anderen sind dies Norman Ernest Borlaug sowie Ingo Potrykus und Peter Beyer.

Borlaug, in Cresco, Iowa (USA) geboren und jüngst 94 Jahre alt geworden, entwickelte als Agrarwissenschafter mehrere Weizenhochleistungssorten, unter denen der sogenannte Mexikoweizen besonders hervorragt: Ihm wurde das Gen einer kleinwüchsigen japanischen Sorte eingezüchtet, so dass der kräftige Halm die schwere Ähre tragen kann, ohne abzuknicken.

In Zusammenarbeit mit mexikanischen Forschern und örtlichen Bauern gelang es Borlaug in den frühen 1960-er Jahren, mit Hilfe seiner Züchtung Mexiko nicht nur unabhängig von Weizenimporten zu machen, sondern zu einem der wichtigsten Länder in Sachen Mehlproduktion. Unmittelbar danach, 1965, standen Indien und Pakistan als nächste besondere Herausforderung auf Borlaugs Programm.

Beide Staaten standen zu diesem Zeitpunkt mitten im Krieg gegeneinander, wodurch Millionen Menschen Hunger litten. Monatelang sah Borlaug nachts, wenn er mit seinen Helfern Weizen anbaute, die nahen Mündungsfeuer. Immer wieder war sein Projekt bedroht, doch schließlich gab ihm der Erfolg recht: 1968 wurde Pakistan diesbezüglich autark, 1974 Indien.

Als Borlaugs Kampf gegen den Hunger 1970 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde, umfasste die Weltbevölkerung noch keine vier Milliarden Menschen, heute sind es 6,8 Milliarden, und dem immer noch höchst aktiven Agrarwissenschafter wird bescheinigt – bzw. nach zynischer Lesart vorgeworfen – gut einer Milliarde das Leben gerettet zu haben.

"Grüne Revolution"

Für Borlaug steht fest, dass die Erde auch zehn Milliarden Menschen ernähren könnte, vorausgesetzt, die von ihm eingeleitete "Grüne Revolution" wird konsequent um- und fortgesetzt: mit genetisch modifizierten, den Notwendigkeiten angepassten und ertragreichen Pflanzen, die auch eines der Hauptprobleme der Entwicklungsländer – den Mangel an wichtigen Mikronährstoffen, der zu zahlreichen Erkrankungen und zum vorzeitigen Tod führt – erfolgreich lösen könnten. Beispiele für diese Biofortification wie etwa der mit Vitamin A aus einem Gen der Osterblume angereicherte Golden Rice von Potrykus und Beyer gedeihen längst prächtig – allerdings nicht in jenen Ländern, für die sie auf Grund des Bedarfs entwickelt wurden.

Lomborg hat errechnet, dass die Versorgung mit den in 30 Prozent der Haushalte in Entwicklungsländern fehlenden Mikronährstoffen Vitamin A, Jod und Folsäure pro Kopf und Jahr 0,35 Dollar, eine Ausweitung dieses Programmes für Kinder um Zink, Eisen und Folaten 0,50 Dollar kosten würde. Insgesamt wären dies rund 374 Millionen Dollar bei einem dadurch zu erzielenden Gewinn von fünf Milliarden Dollar durch bessere Entwicklung, künftige (qualifizierte) Arbeitsfähigkeit und geringere Gesundheitsausgaben.

Ernährung und Bildung

Noch einfacher wäre dieser Effekt freilich über die entsprechend angereicherte Nahrung zu erzielen. Doch deren Einsatz wird von Bürokraten und Umweltaktivisten blockiert, deren Kampagnen kaum etwas an Untergriffigkeiten ("Genmafia", "Konzernmafia", "Vergiftung aus den USA") auslassen und – wie Borlaug sagt – auf Grund von Bildungslücken auf Zustimmung stoßen. Die längst müßigen Debatten über die Grüne Gentechnik seien aus seiner Sicht jedenfalls "Debatten der Reichen auf Kosten der Armen".

Freitag, 18. April 2008

Der Komet kommt ...

32.500 Kilometer sind, was das All angeht, eine kleinste Kleinigkeit. Zum Vergleich, unser Mond ist zehnmal weiter weg.

In diesem Abstand fliegt aber im Jahre 2029 der Asteroid "Apophis" an der Erde vorbei.

Wenn er denn vorbeifliegt. Und nicht durch die Anziehung unseres Planeten und all die Satelliten, die sich ihm in den Weg stellen könnten, abgelenkt wird. Diese Ablenkung birgt die Gefahr des Aufschlags des etwa 300 Meter langen und 25 Millionen Tonnen schweren Brockens. Die Wahrscheinlichkeit dafür beträgt immerhin 1 : 45.000.

Langsam kriminell ...

(Titelverlinkung: Artikel in der Wiener Zeitung)

Jetzt wird's langsam kriminell - die Geschichte mit dem Biosprit.

Nun bestätigt eine Studie, daß sogar das durch den Anbau desselben vermehrt freigesetzte Lachgas noch schädlicher für die Atmosphäre ist als CO2 ... Das deckt sich mit einer recht einfach scheinenden "Studie", die im Bayrischen Rundfunk einmal vorgestellt wurde. Die die Meinung einiger "Wissenschafter" (kann man denn das wrot noch hören ...?) feststellt, daß sich zwischen Phasen der "Klimaerwärmung" und der Vermehrung des Landbaus samt der damit verbundenen Erhöhung des Methangases etc. bemerkenswerte Parallelen auftun.

Welche Politiker nehmen die Verantwortung für den Unsinn der jüngsten Verordnungen und Maßnahmen, die abzubrechen längst an der Zeit wäre, aber nun auf sich? (Man denke nur an die Lebensmittelverknappung ... Merkel's gestriges Bonmot, daß die Inder daran schuld seien, weil sie nun plötzlich doppelt soviel äßen - es sei mittlerweile in Indien Mode und eine Unverschämtheit, eine zweite Mahlzeit zu halten - kann's ja nicht gewesen sein)

Oder machen sie's so, wie es viele Wirtschftslenker treiben: die das Controlling, die Welt der unverbrüchlichen Zahlen haben, die ihnen die Entscheidungen eigentlich abnimmt, weil Entscheidungen nur noch "notwendige Maßnahmen" - jede Entscheidung wird somit zum geringeren Übel, das ein Bewegen notwendig, das Beharren also zum Idealzustand macht - sind? Nur sind es für die Politiker ... Studien, die EU (die ihnen alleine 90 % der Entscheidungen abgenommen hat), die UNO, oder Al Gore.

Wäre die Geschichte nicht nur zu typisch für die Natur politischen Handelns heute ... und ein Ausweis der Visionslosigkeit: Gestaltendes Handeln wird durch "erwiesene Notwendigkeit" ersetzt.

Donnerstag, 17. April 2008

Medien-Energieerhaltungssatz

Es ist eine Rechnung mit mathematischem Lösungsansatz, eher der Physik und ihren thermodynamischen Gesetzen (u.a.) zu vergleichen:

Die bloße Existenz der Medien bringt einen bestimmten Energieaufwand k zur Anwendung, der sich beim immer gleichen Volumen m der Aufnahmefähigkeit von Papier in Analogie zu Gehirnen der Menschen auswirkt.

Schon diese Energierechnung macht klar, daß es mit der Zeit zu einer Erscheinung kommen muß, die man als Indifferentismus bezeichnen muß: Es ist nicht mehr möglich, aus der Gewichtung von Medienberichten noch den absoluten Wert einer Nachricht zu bemessen. Bei einem annähernd gleichen ideologischen Kräftespiel wird jede Nachricht zu einer Größe 1 aufgeblasen.

Der immer schärfere Konkurrenzkampf der Medien untereinander macht diese Tendenz zur ausschließlichen Wirklichkeit.

(Zur Illustration: man kennt das "Sommerloch" der Medien, in dem weltweit Nachrichten künstlich aufgeblasen werden müssen, weil zuwenig für die immer gleichen Mengen k und m "passiert")

Dies angesichts eines weltweiten Systems, das - als Inberiff des Idealzustandes der Demokratie - die hervorragende Informiertheit des Bürgers unerläßlich macht.

Geheimnis Mensch

Man erliegt sehr leicht dem Irrtum, aus gewisser Kenntnis des Menschen, aus gewisser Erfahrung, ja aus gewisser Vorhersagbarkeit sogar, den Menschen für durchschaubar zu halten. Sehr rasch sieht es aus als könnte er zu einem schlichten Ursache-Wirkungs-Bündel werden. Da erscheint alles Reden vom "Geheimnis" der Person bestenfalls als moralische SChranke, die man sich besser auferlegte, die aber ansonsten keine Auswirkung hätte - solange die Anwendung der Kenntnisse beschränkt und moralisch bliebe.

Aber dies ist ein prinzipieller Irrtum, kein quantitativer. Das Geheimnis der Person liegt in ihrer unergründlichen Anbindung an die Wirklichkeit, und hier wiederum an das alle Wirklichkeit in sich Vereinende wie Heraustreibende - Gott, das Sein. Weil die erse Ursache aller Ursachen den Menschen übersteigen muß, so muß es auch die Person Gottes sein, und deshalb auch der Mensch, der Person als Prinzip der Individuation - einzig und einzigartig nur dieser eine Mensch, diese eine Person - ist.

Somit ist sein Geheimnis auch nicht ein Bereich, der sich eines Tages quantitativ ganz erschließen könnte.

Wo immer der Mensch in seinen beobachtbaren Äußerungen, die letztlich in Gewohnheiten münden, denn was wäre sogar Tugend anderes als Gewohnheit, für ausreichend zu einem absehbaren Ursache-Wirkungs-Bündel definiert, damit unfrei weil Mechanismus, angesehen wird, geschieht ihm also großes Unrecht, wird sein Spielraum als realer Mensch allerdings eingeschränkt.

Aber auch nicht mehr: Selbst in größter Unfreiheit bleibt ihm jenes Geheimnis gewahrt, das keinem außer Gott, dem Sein selbst zugängig, das ihn erst wirklich ausmacht, und in dem er verankert bleibt. Und um dessentwillen er Mensch heißt.

Montag, 14. April 2008

Die Generation mit dem Gegengift - 1958-63

Die Generation der Jahre 1959 bis 1963 (als ungefähre Umgrenzung, die im Einzelfall durchaus andere Wege gehen kann, wo also spätere wie frühere Ausleger nach- wie vorwirken können) bezeichne ich als "Zwischengeneration"

Ihre frühe Kindheit ist geprägt von den letzten Ausläufern einer abendländischen Kultur. Doch dann, als sie zu denken begannen, wurde alles anders. Das hat sie oft ratlos und stumm gemacht. Aber auch zu stillschweigenden Beobachtern, die vorerst einmal "mitmachten"

Der totale Umbruch der äußeren Wertewelt, der Anforderungen, fiel pädagogisch mit ihrer Pubertät zusammen. Dadurch haben sie die Umbrüche als in besonderem Maße "natürlich" und richtig erlebt. Aber tief in ihnen drinnen, da war eine andere Stimme, die Stimme ihrer Gestalt.

Eine Generation, die ihr äußeres Werden im Widerspruch mit ihrem innersten Grund erlebte. Die deshalb lange brauchte, um zu Wort zu kommen, um diesen tiefsten Grund zu Wort kommen zu lassen.

Aber es ist eine Generation, in die die Hoffnung zu setzen berechtigt ist, daß sie ein Gegengift gegen den kulturellen Tod entwickelt. In dem Maß, als sie ihre Kindheit wieder entdeckt. in dem Maß, als sie älter wird. Denn Altern heißt: die Kindheit entdecken in dem Maß, als die Pubertät sich als Zwischenzustand der Katharsis, als Ringen der Kindheit mit dem Irrtum herausstellt.

Kunstförderung wird Jugendarbeit

Die Förderungsinstitutionen, die für Theater zuständig sind, bekommen immer mehr den Charakter, Geist, Geruch jener Stellen, die sich mit Jugendarbeit, Beschäftigungstherapien etc. befassen. Kunstförderung wird immer häufiger zu pubertärer Weltverbesserungsmaßnahme, deren Kriterien sich aus den charakterlichen Besonderheiten einer neuen Elite der Mäzene - man nennt sie Kuratoren etc. - ergeben.

Theater wohin ...

Man darf sich fragen, wie es in zwanzig Jahren mit der Inszenierung der "Klassiker" aussehen wird. Wenn das geistige Gut der damaligen Autoren, deren Wissen vom Menschen und vom Leben, von den Regisseuren und Schauspielern endgültig und von niemandem mehr verstanden werden wird ... Das ist nämlich absehbar.

Bereits jetzt nämlich häufen sich die beobachtbaren Fälle, und sie häufen sich dort, wo das Theater besonders lautstark von sich behauptet, lebenskräftig und aktuell zu sein - bei Stücken älterer Autoren: Wo Liebeskonflikte zu feministischen Problemen, Tugendtragödien zu marxistischen Klassenkontroversen, der Tod und schlimmstenfalls überhaupt alle menschlichen Konflikte zu sinnlosen Verücktheiten aus dunklen Zeiten der Ungebildetheiten werden.

Aber das Attribut "älterer" vor dem Substantiv "Autoren" ist nur unbeholfenes Synomym. Eigentlicht geht es längst um die Autorschaft an sich. Einer der aktuellsten und kräftigsten Trends, der sich aus dem Regietheater heraus entwickelt hat, ist der, daß überhaupt keine Stückvorlage mehr herangezogen wird, sondern ein "stück" während der (gar nicth mehr so bezeichneten) Probenzeit "entwickelt" wird.

Oder, als nächstem Schritt, ein "Stück" aktualistisch entsteht, gar keine schriftiche Fassung mehr existiert, weil das Theater gar von Vorstellung zu Vorstellung entsteht ...

Längst ist zu beobachten, daß der Umstand, daß ein Autor ein Stück schreibt, selbst Erweis einer überholten Vorstellung von Theater ist und damit disqualifiziert. Längst ist der Anspruch eines Schriftstellers, ein Stück vorzulegen, dem die Realisierung als Telos zu folgen hat weil ein solcher enthalten ist, als rückständige, nicht zeitgemäße Theaterepisode disqualifiziert. Der stand der Theorie ist die These einer völligen Theorielosigkeit als

Warum das so ist? Weil die Enwicklung der geistigen Strömungen der letzten Jahrzehnte - besoffen von der pubertären Illusion, avantgardistisch zu sein - übersehen hat, daß sie rettungslos vorgestrig ist! Weil sie übersehen hat, daß ihre Gedanken längst gedacht, ihre Vorlieben, Leidenschaften und Abneigungen längst einmal gehabt ... ihre Charakterschwächen längst bekannt, ihre Lügen längst einmal gelogen waren.

Sie wollen nicht zur Kenntnis nehmen, daß sie durchschaut sind, wollen nicht glauben, daß sie widerlegt sind, noch mehr: Opfer von politisch-ideologischer Manipulation sind. Sie wollen deshalb (auftragsgemäß) alle glauben machen, daß eine Analyse ihrer Situation nicht möglich ist. Um das zu erreichen, muß als letztem Schritt der Tod jedes Denkens programmatisch werden. Um zu vertuschen, daß es rettungslos rückständig ist, muß das Rückständige sich als Fortschritt deklarieren, und dazu auch die Bedingungen des Diskurses fest und diktatorisch in Händen halten.

Also muß jeder Bezug zu einer festen Folie, der Überprüfung von Absicht und Ziel möglich machte, zerstört werden.

Damit ist der Tod des Theaters als kultureller Institution programmiert. Denn das Theater lebt vom Geist.

Verheizen von Produktionsbudget

Noch bis in den frühen Morgen hinein analysierten wir das Gesehene, und nach und nach wurde uns klar, was der dramaturgische Strang gewesen wäre, den freilich schon der Autor nicht richtig erfaßt und herausgearbeitet hatte, ging man nach der vorliegenden Fassung. Das Stück hatte nämlich Schwächen, gewiß. Aber die waren korrigierbar, und wer weiß: vielleicht nur über die Jahrhunderte seit der Abfassung des Textes so herabgekommen.

Aber der Regisseur hatte ein Stück daraus geflochten, das diesen Namen gar nicht mehr verdiente: Und das niemandem mehr - am wenigsten dem Pubikum - klar gewesen war. Die Antwort auf die Frage, warum der Autor es hätte verfassen sollen, war einfach nicht beantwortbar, außer in der Absonderung von ein paar persönlichen Bosartigkeiten, wo er diesen und jenen etwas auswischen hatte wollen.

So aber hatten die Schauspieler, in völliger Unkenntnis dessen bleibend, was, welche Figur, in welcher Situation sie eigentlich spielen hätten sollen, sich einer Probenzeit gegen übergesehen, in der sie wie hölzerne Marionetten von einer Bewegung zur anderen regelrecht gestellt wurden. Was dann von Vorstellung zu Vorstellung die Inszenierung noch mehr auseinanderfallen ließ, weil sich zwischen den Figuren logischerweise nichts entwickelte, nur die inhomogenen einzelnen Komponenten noch stärker, betonter und für sich stehender wurden.

Weil der Regisseur aber von allem Anfang an "Bilder" inszeniert sehen hatte wollen, mußte er in vollem Bewußtsein gehandelt haben ein Stück zu inszenieren, dessen Handlung und dessen innerer Kern, dessentwegen überhaupt eine Dramaturgie entwickelt wurde, der in der Katharsis freigebrannt hätte werden sollen.

Uns aber ließ die Frage keine Ruhe mehr ... die vielfache und laute Frage nach all den "Warums?" So entwickelten wir aus dem vorhandenen Material einen dramaturgischen Plot, ja ein Stück, von dem wir nicht nur begeistert sondern überzeugt waren, daß der Autor es so ursprünglich gewollt haben mußte. Dabei hatten wir nichts getan als die Dinge neu zu gruppieren und zu gewichten, und nur ganz wenige Sätze mußten eingefügt werden, in der Mehrzahl einfach, um eine dramaturgische Intention zu verdeutlichen.

Bei einer der nächsten Vorstellungen - gestern - überprüfte L. die Hypothese, legte die neue Folie darüber ... und erlebte nahezu ein Wunder: zwar fehlte wie gesagt dies und das an Kleinigkeit, weil die sinnlose Inszenierung chaotisch war, zwar war also auch die Gewichtung der Szenen zu korrigieren, eben der Ordnung der Aussage entsprechend, die wir herausgeschält hatten, aber ... es hätte perfekt funktioniert! Es hätte ein großartiger Theaterabend werden können, mit allen Voraussetzungen zu einer wirklichen, tiefen und bewegenden, dabei höchst aktuellen Tragödie.

So war es eine Tragödie des Theaters geworden, bestenfalls zu einem Spiel inszenatorischer Möglichkeiten - wenn man nicht unterstellen wollte, daß ein unbewußter böser Geist demonstrieren hatte wollen, wie dumm das Publikum bereits geworden ist, das einer Sache applaudiert, die gar keinen Sinne mehr ergibt, also gar nicht "gelingen" KANN ... Der Regisseur hatte in jedem Fall seine Arbeit nicht getan, er war überfordert.

Aber es war ja vermutlich nur um die Aufgabe gegangen, ein Produktionsbudget zu verheizen; das Theater mußte eine nächste Produktion bieten, und die Schauspieler mußten verdienen um ihre Mieten zu bezahlen.

Das ist Theater heute.

Sonntag, 13. April 2008

Mühl's Totalitarismus is everywhere - Enthüllungen? Aktuell.

(Titelverlinkung: Schlothauer - Die Diktatur der freien Sexualiät)

Er hat sein ganzes Buch ins Netz gestellt - jener ehemalige Mühl-Kommunarde, der ausstieg, ehe der Kommune im Friedrichshof, ja bald ganz Europa offiziell das Licht ausgeblasen wurde. Der darin beschreibt, wie es denn gewesen ist, und wie schwer es war, anschließend wieder in ein halbwegs "normales" Leben zurückzufinden. Es ist lesenswert.

Das Erschreckende an diesem Buch aber ist gar nicht so sehr, was er dort alles erlebt hat. Das Erschreckende ist, wie sehr sich diese Methoden des Totalitarismus, der Depersonalisierung auf Theorien stützen, die das heutige Denken der Menschen weitgehend als normal, gängig und wahr empfindet. Wie sie plötzlich in Fortbildungsseminaren auftauchen. Und sei es als "method acting" für Schaupspieler.

Die Enthüllungen des Mannes waren also vermutlich weniger als er selber dachte: weder so schockierend noch entlarvend. Und das mag für ihn selbst die Enttäuschung gewesen sein: daß das, was er fühlte, erlebte, daß da etwas Prinzipielles nicht stimmte, nach heutigen Begriffen sich auf ein paar herausgegriffene Delikte beschränkt. Ja so vieles als übliche Ansicht gilt, solange man nicht bestimmte Grenzen überschreitet. Er selber aber, das spürt man hinter jeder Zeile seines Manuskripts, leidet darunter, das was ihm widerfahren ist auf ein paar signifikante, doch noch als Delikte gesehene Untaten beschränken zu müssen.

Wer die Mechanismen und theoretischen Hintergründe der Mühl-Bewegung weiß, daß es weit mehr ist - daß es ein Angriff auf das Personsein ist. Wer sie auch theoretisch kennt, der weiß wie sehr sie in allgemeine Sichtweisen eingebettet sind, die in den 68er Jahren einen so bedeutenden Verbreitungsschub erhalten hatten. Wobei man im Grunde nur dem Stand des "theoretischen Diskurses" gefolgt war, der schreckt sich nicht an allen möglichen Schilderungen von Sexualität und Mißbrauch. Man schreckt sich, wie sehr wir unsnicht nur an solche Dinge längst gewöhnt haben, sondern wie diese Methoden und Sichtweisen das Leben beherrschen. Freilich nie (mehr) so plakativ wie Mühl das machte. Aber das sind nur graduelle Unterschiede. Noch immer gibt es viele, die wohl meinen, daß dies und das nicht in Ordnung gewesen war, aber ansonsten ... So wie viele meinen, daß nur die Praxis des Kommunismus schlecht gewesen, die Theorie aber nach wie vor ideal sei.

Deprogrammierung aus Geprägtheiten, Sichtweisen der Freiheit als Entpersönlichung, ein Personsbegriff der den Menschen ins Nichts neutralisiert, Denunziation der Vergangenheit, Relativierung und Auflösung der Geschlechteridentitäten und der Familie, Vergemeinung statt Selbststand - das sind nur einige der heute Allgemeingut gewordenen fatalen Anschauungen und Irrtümer, meist noch dazu mit dem Mantel der "Wissenschaftlichkeit", in jedem Fall dem der Moralität verhängt.

Denn die Diktatur der Moralität ist nur ein Indiz für die Feststellung, daß unsere Welt sich zur Hölle einer Sekte entwickelt.

Das, was die Mühl-Bewegung kennzeichnete, und wo jemand, der sie erlebt hat, sogar eher ein unzuverlässiger Zeuge ist, der gar nicht viel an Erhellungskraft mitbringt, ist leider heute nur wenigen wirklich ein Begriff. Wird leider nur von wenigen so durchschaut, daß nicht die prinzipiellen Weichenstellungen erkannt, sondern nur manche Auswüchse abgelehnt werden. So, wie man es bei Sekten noch rascher bereit ist, eher dumpf als bewußt zu bewerten.

Und dazu braucht es den Hintergrund des abendländischen Menschenbildes.

(Im übrigen habe ich persönlich die Erfahrung gemacht, daß - aus der Bekämpfung von Scientology in Deutschland heraus - der Deutsche Bundesverfassungsschutz in seinen Spitzenleuten diese Hintergründe in ganz erstaunlichem Ausmaß hat. Worunter Schlothauer, aber jeder, der solche Formen totalitären Mißbrauchs, solcher Persönlichkeitsverletzung und Schizoidität erlebt hat, so litt und leidet, ist symptomatisch für sämtliche solcher Opfer: daß sie nur so selten jemanden finden der versteht, was sie überhaupt erlitten haben, sodaß sie sich inmitten der Welt nicht einmal sicher sein können, ob das was sie "wissen" wirklich ist. Eine der schrecklichsten menschlichen Erfahrungen.)

Keine zweite Tabor-List (1805)

Die List an der Taborbrücke (siehe voriges Post in Titelverlinkung) wiederholt sich ein paar Tage später - wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen:

Die Russen bei Krems unter Kutusow sind zu schwach, um den Franzosen zu begegnen, und müssen nun fürchten, daß sie durch die nach Brünn, dem Wiener Kaiser nach, der bereits hektisch seine Sachen packt, über die gute Znaimer Straße rasch vorankommenden Franzosen eingekesselt werden, sich mit den aus Rußland erwarteten weiteren Truppen nicht vereinen können. Kutusow schickt in Eilmärschen eine Abteilung von 4000 Mann ins Weinviertel, sie sollen die Franzosen wenigstens einen Tag aufhalten, um die Hauptstreitmacht mit 35.000 Mann entkommen zu lassen.

Die Franzosen, aus Wien kommend, glauben tatsächlich, beim Dorf Grund (Hollabrunn) der Strecke Wien - Znaim die Hauptstreitmacht mit Kutusow selbst vor sich zu haben, dem sie momentan aber an Kräften bestenfalls gleichwertig sind. Die Marschälle probieren die bewährte List: Sie schicken Unterhändler zu den Russen und erzählen, daß Napoleon mit Russen und Österreichern einen Friedensschluß verhandele. Deshalb sei es angeraten, die noch drei Tage dauernden Verhandlungen abzuwarten, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Die Russen gehen - scheinbar - begeistert darauf ein.

In der Zwischenzeit schicken die Franzosen einen Kurier zu Napoleon, der mit seiner Hauptmacht erst südwestlich von Wien steht, um Verstärkung anzufordern. Napoleon, der weiß, wo Kutosow liegt, erkennt sofort, daß seine Marschälle einem Irrtum aufsitzen, und schickt den Kurier postwendend zurück mit dem Befehl, sofort anzugreifen.

Als die Franzosen angreifen, und die Russen tatsächlich auf so tapfere Weise Widerstand leisten, daß Napoleon sie in seinen Aufzeichnungen auf St. Helena später ausdrücklich mit Hochachtung erwähnt, ist Kutosow mit seiner Hauptarmee längst in Znaim, während der Wiener Hof Brünn Richtung Budweis verlassen hat.

Auch diese Begebenheit erzählt Tolstoi in "Krieg und Frieden", und baut sie zu einer wunderschönen (und langen) Passage über die von so viel individuellem Mut bestimmten Kampfeshandlungen aus.

Samstag, 12. April 2008

Aus gekränkter Ehre - Der Verlust der Taborbrücke 1805

1805. Die österreichischen Truppen bei Ulm schwer geschlagen; die zu Hilfe eilenden Russen ziehen sich unter Rückzugsgefechten bei Lambach, Amstetten über Dürrnstein, wo sie den Franzosen noch eine erstaunliche Niederlage bereiten, auf die linke Donauseite nach Krems zurück, wollen sich in Böhmen mit den aus Rußland nachkommenden Truppen vereinen. Die Franzosen, seit Ulm den Österreichern im Nacken, rücken mit ihrer Vorausmacht auf Wien vor. Der Hof flieht nach Brünn, Napoleon rückt in Wien ein. Die 15.000 Mann unter Fürst Auersperg sollen ihn rechts der Donau halten, nur noch eine Brücke steht zwischen Napoleon und Kaiser Franz: wenn die Franzosen nicht aufgehalten werden können, dann soll Auersperg sie verbrennen. Es ist die Taborbrücke, die bereits im Hussitenkrieg ihre Rolle spielte. Die Brücke ist also vollauf vermint, zur Sicherung befinden sich noch Kanonen auf ihr.

Die 3 französischen Marschälle - sieggewohnt, entspannt - sondieren vor Ort die Lage. Da hat einer eine Idee ...

Sie nehmen einem Soldaten ein Leintuch aus der Hand, befehlen einem Bataillonskommandandten, nach zwei Stunden zur Brücke nachzurücken, und gehen - unter Schwenken des weißen Tuchs - auf die verdutzten Österreicher zu. Dort, bereits auf der Brücke, verlangen Sie, sofort Fürst Auersperg zu sprechen. Sie seien im Auftrag von Napoleon hier. Der habe mit Kaiser Franz ein geheimes Zusatzabkommen ausgehandelt, demzufolge der Krieg mit Frankreich beendet sei. Während der österreichische Oberbefehlshaber geholt wird, scherzen die Marschälle mit den österreichischen Offizieren, und so nebenbei werfen sie bereits die ersten Brandsätze in die Donau. Tatsächlich erscheint bald der Generalleutnant, und er schmilzt unter den Komplimenten der Franzosen weg, glaubt ihnen die Geschichte: Er, die Perle des österreichischen Heeres! Der Held der Türkenkriege! Die Feindschaft sei endlich zu Ende, man könne sich die Hände reichen, Napoleon wolle endlich den ruhmreichen Fürsten kennenlernen. Der ist so entzückt von der herzlichen Atmosphäre, so beeindruckt vom Glanz der französischen Marschälle, daß er vergißt, daß er es mit Feinden zu tun hat, denn ihm liegen keinerlei anderen Befehle vor! Schon wird Wein geholt, das Ende der Feindseligkeiten gefeiert ...

Da beobachtet ein Sergeant der Österreicher, der zufällig bei den sich bereits in sehr weinseliger Stimmung befindlichen Offizieren rund um Auersperg steht, wie die Franzosen die Brücke auf ihrer Seite bereits zu besetzen beginnen. Schon sind die Kanonen gesichert, ja die Brücke gar bald genommen! Schon will er einen Warnschuß abgeben, da tritt einer der französischen Marschälle geistesgegenwärtig auf ihn zu, hält ihm die Hand fest! So ruft er: "Fürst, man will Sie betrügen! Die Franzosen sind bereits da!" Murat, der berühmteste der drei Marschälle, glaubt das Spiel nun endgültig verloren, wenn er den Sergeanten nicht zum Schweigen bringt. So wirft er sich wie ein Schauspieler in Pose, gibt sich erstaunt, wendet sich pikiert an Auersperg: "Ich bewundere die in der ganzen Welt bekannte österreichische Disziplin. Wie könnt Ihr da Eurem Untergebenen erlauben, so mit Euch zu sprechen!?"

Das ist genial - Fürst Auersperg fühlt sich in seiner Ehre gekränkt: Ein simpler Sergeant! Er bestraft ihn sofort mit Arrest ...

... doch es ist ohnehin bereits zu spät, die Brücke ist in französischer Hand, der Weg nach Brünn offen ... Ehrverlust. Aber wer hat sie verloren? Die Franzosen haben sie gar nie besessen. Der Effekt alleine zählte. Er hat die Ehre abgelöst. Die Welt des Scheinguts war angebrochen.

Diese Geschichte erzählt auch Tolstoi in "Krieg und Frieden."




***

Gewaltfaktor Moral

(Titelverlinkung: For the People of Tibet)

Es tut mir leid - die Lage in Tibet zu beurteilen vermag ich nicht. So berührend die Internetseite auch sein mag, deren Link ich soeben erhielt. Und: Täglich erreichen mich irgendwelche Aufforderungen, meine Unterschrift unter irgendeine Petition zu setzen, um gegen ... um für ... ja wogegen eigentlich? Wofür? Hauptsache, der Name steht drunter Hauptsache die Angelegenheit gewinnt Gewicht. Gewinnt Macht. Damit man dabei ist. Bei den Siegern.

Durchsetzen. Dabei sein. Dort, wo man gewinnt. Moralisch.

Hier: Gegen die chinesische Besetzung von Tibet. Die geschah vor 58 Jahren. Dagegen, daß China die Aufstände, die uns die Medien nahebrachten, niederschlägt? Dafür, daß der Dalai Lama wieder in Tibet das Szepter übernimmt? Für eine Demokratie in Tibet nach amerikanischem Muster? Bin ich dann verpflichtet, mich zu informieren? Kann ich mich überhaupt hinreichend informieren - müßte ich also hinfahren? Mit wem reden? Wem vor allem glauben? Einem buddhistisch-heidnischen Glauben (mit einem interessanten Inkarnationsgedanken, übrigens) verhelfen, daß er sich in Ruhe entfalten könne - von dem es auch ganz andere Zeugnisse gibt: nämlich schreckliche?

Dafür sehe ich, wie der Druck wächst, sich nicht nur in nahezu alles und jedes einzumischen, zu allem eine Position zu beziehen. Robbenschlachten. Klimawandel. Dschungelverbrennung. Tigerverfolgung. Walesterben. Atommüllverklappung. Hundezüchtung für Essenszwecke. Pelztierfarmen. Singvogelfang in Italien. Laborratten. Kurdenverfolgung. Palästinenserproblem. Irakkrieg. Temelin. Biolebensmittel. Insektizide. Red lists. Bildungsbudget. Ausländerintegration. White Ribbon ... Hey: Das Rauchen! Der jüngste Hammer.

Die Liste wäre endlos verlängerbar, fiele nicht eines auf: Immer umfassender werden die Angelegenheiten, immer mehr zu Blöcken, die das ganze Leben, den ganzen Tag umfassen, von Jahr zu Jahr.

Und: es ist immer dasselbe verlangt: Sich zu deklarieren, sich als guten Menschen zu deklarieren, der diesem weltweiten und öffentlichen Moralkodex angehört. (Denn ob etwas erreicht wird ist - wie edel - unwesentlich; das würde ja die Antworten auf obige Fragen verlangen.) Aber man muß bereit sein, jemand sein, der egal wo und egal wie und egal wem die Durchsetzung einer Moral verlangt, und sei es: erzwingt. Ja: Der moralisch ist. Auch ohne das, was Moral überhaupt bildet, näher geprüft zu haben: WIE DENN DIE DINGE WIRKLICH SEIEN. Denn Gerechtigkeit gibt es nur vor dem Hintergrund der Natürlichkeit, dem Wesen der Dinge. Dann sollte sich auch ergebe, OB ICH FÜR SIE ÜBERHAUPT VERANTWORTLICH BIN. Ob also die Dinge in ihrem Lauf zu beeinflussen natürlicherweise in meiner Macht (und damit: Pflicht) steht. Oder als geringeres Übel. Der Streit um Moral ist aber doch ein Streit darum, wie die Dinge sind?!

Denn wer nicht moralisch ist - der sei ausgestoßen. Der hat kein Recht, Teil der menschlichen Gemeinschaft zu sein. Ja der ist vogelfrei. Und was moralisch sei, das ist hiemit definiert, denn es liegt in einer Tatsache verbunden: mit dem, WER moralisch ist. Das WAS ist unwesentlich. Das kann sich ruhig ändern.

Es geht um das WER. Das ist der eigentliche Ruf dieser Aufforderungen. Wie vorsichtig aber sollte man doch bei dem sein, was einer wie eine Flagge vor sich her trägt. Was einem einer ins Gesicht reckt, auch wenn man nicht danach gefragt hat, damit das Urteil vor der Wahrnehmung da sei, und unveränderlich sei.

Um diesen Glauben zu stärken, brauchen wir immer mehr,immer öfter, immer größere Gelegenheiten, uns zu deklarieren, uns Identität zu verschaffen: Als Gute. Was wohl nur damit zusammenhängen kann, als uns die wirkliche Sättigung der Wirklichkeit fehlt. Die braucht keine Bestätigung mehr. Die wird aus dem natürlichen Vollzug satt. So können wir auf den Tag warten, wo wir mit unserem Blut, unserem Daumenabdruck, den Ausweis der Heiligkeit siegeln. In einer Gemeinschaft der Heiligen.

Sieger sein. In der Moralität. Das ist Heiligkeit.

Und: die wollen wir doch alle, das ist doch legitim das zu wollen - oder!?

Identitätsbehauptung II

Es ist nur eine der heutigen Verrücktheiten:

Einerseits ist alles abgebaut und verfemt, das die Verankerung der Identität in Tradition - einerseits - und festem gesellschaftlichem Überbau (Kultur) anderseits bewirkt. Damit (siehe den Artikel von gestern über männliche Identität - als ständig zu suchende, neu zu erfindende, für jeden zu definierende) wirft man die Menschen aber in eine Situation, wo sie ständig in Abwehrhaltung sein müssen, sobald sie in Gesellschaft treten, weil sie sich ja erst definieren müssen! Eine schlichte Folge ihres Personseins nämlich, ein Grundmerkmal der Individuiertheit.

Genau die heutige Undefiniertheit (als Signum der Freiheit) aber würde pausenlose Diskussion verlangen, würde pausenlose Aperzeption - Zustimmung zum anderen - bedeuten ... in einer Situation, in der ich von mir rückfolgernd (und "der Schelm denkt wie er ist") davon ausgehe, daß der andere seine Stellung mir gegenüber erst im Ringen festlegen kann, will und muß ...

Das zeigt auch die Beobachtung, zeigen Phänomene, die man beklagt: die Gewaltbereitschaft in Schulen, die Desolidarisierung, die Vereinzelung (Singles), die Zunahme von Streßsymptomen (mit einem Anstieg der Entspannungsforderungen - was Kampflosigkeit verlangt) als Beispiel. Die auch die von naiven Gemütern geforderte "Vertrauensbotschaft" (man habe niemanden zu fürchten) nett illustrieren. Genau das nämlich, was Vertrauen als Vorschuß rechtfertigt - die Verbindlichkeit gesellschaftlicher Normen - fehlt ...

Komm und sieh!

Manchmal macht man die Beobachtung, daß Antworten und Fragen völlig aneinander vorbei gehen. Sie befinden sich regelrecht auf zwei unterschiedlichen Ebenen.

Dem ist nur zu begegnen, wenn beide Seiten zur Aperzeption bereit sind: bereit, ganz Auge und Ohr zu sein.

So ist die Stelle im NT zu verstehen, wo Jesus zu einem Fragesteller sagt: "Komm und sieh, wie ich wohne!"

Es ist nicht das Argument, es ist das ganzheitliche Verstehen, das einen Neues, Fremdes beurteilen läßt - dieser Rationalismus, der Wahrheit als Rechenbeispiel betrachtet, ist schlicht unzutreffend. Er übersieht, daß allem rationalen Erkennen eine Grundentscheidung und eine Grundposition bereits vorausgeht.

(Aus diesem Grund ist von jeder Diskussion abzuraten, in der nicht beide Seiten bereit sind, abhängig von ihren Ausgang ihr ganzes Leben von Stund an zu ändern. Spätestens dann weiß man, daß mit ungleichen Waffen gefochten wird.)

So verstehe ich auch den Ruf, jederzeit bereit zu sein, wie die Jungfrauen immer auf den Bräutigam zu wachen.

Freitag, 11. April 2008

Religionsersatz "Gesundheit" - der neue Totalitarismus

(Titelverlinkung: Zenith - Interview mit Dr. Manfred Lütz)

Wieder eine Lesefrucht, die ich kurz zusammenfasse, weil einige Blüten zu den Themen in diesem Blog passen: das Interview mit Dr. Lütz, der derzeit sicher einer der originellsten und wirksamsten Redner ist, die im katholischen Raum - als hellsichtige Analysten der Gegenwart - auftreten, das Zenith (www.zenith.org) führte.

Wobei man zumindest hinweisen muß, daß der Totalitarismus, den Lutz ortet, was das Thema Gesundheit anbelangt bestenfalls ein Ausschnitt jenes Totalitarismus ist, der nach und nach alle Lebensbereiche umfaßt - weil sich ein Bereich nach dem anderen irrational "moralisiert" (z. B. Klimaschutz) und damit totalitär wird.

Ich habe schon vor 15 Jahren prophezeit, daß wir in etwa um das Jahr 2015 - auf die Jahreszahl bin ich aus Überlegungen hinsichtlich Genrationswechsel, Pädagogik, psychologische Entwicklungen der Lebensalter etc. gekommen - eine zu höchster Gewalt neigende (sogar in gewissen Zügen: "konservativen") Wertediktatur zu erwaren haben werden. Das scheint sich Jahr um Jahr zu bestätigen, so schwierig es für den Einzelnen ist, als jemand "mitten drin" die Skalenbewegung im absoluten Maßstab bezogen auf 1993 zu beobachten. Eine Entwicklung noch dazu, an der die Kirchen seit vielen Jahren und ungebrochen kräftig mitwirken, weshalb es nicht schwer ist, ihr für unsere Breiten zumindest Schlimmstes zu prophezeien.

Einige Sätze von Lütz:

... von der Gesundheitsreligion wird ja in gewisser Weise das ganze Leben erfasst. Rund um die Uhr beobachten sich Menschen selber oder werden beobachtet. Der Staat betreibt gesundheitsreligiöse Missionskampagnen und die Krankenkassen erziehen erwachsene Bürger durch Bonus-Malus-Systeme zu tugendhaftem Gesundheitsverhalten. Manch einer ist rund um die Uhr mit diesem Thema beschäftigt. Zudem herrscht in diesem Bereich strenge political correctness. Das heißt: Es gibt bestimmte Tabuthemen, die Sie auf keinen Fall offen ansprechen dürfen. Eben ganz so wie in totalitären Systemen. Ich habe einmal vor vierzig Pflegedienstleitern großer Krankenhäuser über Spätabtreibungen gesprochen und anschließend gefragt, wer die Situation in Deutschland vorher wirklich gekannt hat. Zwei Drittel hatten noch nie gehört, dass man in unserem Land ein Kind im Geburtskanal mit einer Kaliumspritze ins Herz töten darf, de facto mit der einzigen Begründung, dass es behindert sei, zum Beispiel eine Hasenscharte habe. Diese grausame Tötungsprozedur ist im Gegensatz zur Abtreibung von gesunden Kindern nicht rechtswidrig und wird anstandslos von der Krankenkasse bezahlt. Es gibt allerdings ein Mittel, mit dem man die political correctness brechen kann: Satire. Wie in allen totalitären Systemen kann man auch in unserer Gesundheitsgesellschaft die Wahrheit nur satirisch sagen.

... Die Gesundheitsreligion hat inzwischen ihren eigenen Fundamentalismus entwickelt: Die „Ethik des Heilens“. Die „Ethik des Heilens“ ist in Wirklichkeit das Ende der Ethik.

... Es reicht völlig aus, im Sinne der trügerischen angeblichen „Ethik des Heilens“ die Hoffnung zu wecken, man könne über embryonale Stammzellen vielleicht irgendwann einmal irgendwelche Krankheiten heilen, um einen enormen öffentlichen Druck aufzubauen und jede Gegenmeinung als unmenschlich und außerdem ewig gestrig zu diskreditieren. ...

... (die) Kirchen die Chance nutzen können, eine öffentliche Debatte über viele grundlegende ... Fragen zu führen. Da ist nicht nur die Gottesfrage, die inzwischen wieder auf der Ebene der intellektuellen Debatte angekommen ist. Da ist die Frage nach der Menschenwürde und damit verbunden die Frage nach der Wertigkeit der Gesundheit. Wir haben heute ja keine Weltanschauungsdebatten mehr, wir haben Menschenanschauungsdebatten. ...

... Beobachtung, dass die Gesundheitsreligion inzwischen auch die christlichen Kirchen selbst erfasst hat. ...

... zum Beispiel beim Heilfasten in der Fastenzeit: Der Pfarrer ist ganz stolz, die Quote stimmt, die Leute strömen in Massen. Doch in Wirklichkeit hat Heilfasten mit Fasten gar nichts zu tun. ... Heute fastet man, um möglichst spät und möglichst gesund in den Himmel zu kommen ... Man passt sich also bloß an die gesundheitsreligiöse Atmosphäre an ...

... Die Ewigkeit ist aus dem Blick geraten. ... Der mittelalterliche Mensch ... lebte länger ... er hatte vor seinem geistigen Auge das Diesseits plus das ewige Leben. Ich meine das jetzt nicht als Gag. ... (er) konnte – psychologisch gesehen – gelassener leben, weil mit dem Tod nicht alles aus war. Heute ist das völlig anders. Wenn mit dem Tod alles vorbei ist, dann schnurrt das Leben enorm zusammen. Es wird viel kürzer und es bricht Hektik aus. ...

... Ob jemand Christ ist oder nicht, das wird man in einigen Jahren nicht daran erkennen, ob er trinitarisch denkt oder nicht, sondern daran, ob jemand einen späten Alzheimer-Patienten für schützenswerter hält als einen Schimpansen oder eben nicht ...

Stil als Weg der Weltüberwindung


"Der Künstler scheint die Welt "auf dem Weg über" einen Stil auf ihren Sinngehalt zurückzuführen; jede Epoche sieht in den Zügen ihres Schicksals eine gewisse brüderliche Verwandtschaft mit sich selbst. Wir erkennen das Schicksal unsere Zeit nur darum so schlecht, weil es besser ist, "kein Fisch zu sein, wenn man sein Aquarium betrachten will." Stile, in denen der Zusammenhang einer Kultur zur Entfaltung kommt (alle großen religiösen Stile) geben sich klarer zuerkennen als ein Stil, dessen Ausdruck Protest ist; im 19. Jhd. gibt es zwar Stile, doch nicht DEN Stil des 19. Jhds, wie es den gotischen Stil gibt: im Stil des Individualismus tritt die Vielfalt deutlicher zutage als in den Stilen des seiner selbst noch nicht bewußten Individuums." (A. Malraux)

Hier erhebt sich freilich die Frage nach einer universalen Sinndeutung der Kunst, die sie über eine Sinndeutung, die - wie in obigem Absatz - bereits die Grenzen zum "Symptom" (der Künstler also nicht mehr als Herausgehobener und Überwinder, sondern als Teil dessen, worunter er selber leidet - damit eigentlich im Sinne Malraux': Als Gefangener dessen, was seinen eigenen Stil sogar noch verdeckt ... denn der Mensch ist gefährdet von der Unfreiheit, ist zerbrechliches Gefäß und Konglomerat ...) nicht mehr kennt, hinaushebt.

Die Antwort darauf ist eher in Gedanken eines Hans Sedlmayer zu erwarten, der, was die Gesamtstellung der Kunst anbelangt, in die Gedanken Malraux' "hereinsticht" wie eine Nadel. Ich denke da an "Kunst - Nichtkunst - Antikunst" in "Kunst und Wahrheit"

"Kunst" bzw. was als Kunst definiert wird - also: Täuschung - als Betrieb ist ja heute oft die Krankheit selbst!

Aneignung der Welt im Stil


Darstellung ist ein Stilmittel - nicht Stil ein Darstellungsmittel. "... der chinesisch-japanische Impressionismus durch die Wahl des Flüchtig-Momentanen die Vorstellung eines Ewigen anzuregen sucht, in dem der Mensch sich wie im Nebel, den er betrachtet, verliert; daß unser Impressionismus dagegen in seiner Wahl des Momentanen dem Individuum zu dessen voller Kraft zu verhelfen sucht und damit vielleicht nur eine List der Malerei bedeutet, die einem Renoir (Bild: Les Grandes Boulevards) zur Freiheit verhelfen und einen Matisse erwecken will."

Der Künstler erobert so die Welt, indem er sie auf sein eigenes Formensystem zurückführt. So wie der Philosoph alles auf sein Ideensystem reduziert, der Physiker auf seine Gesetze. (A. Malraux)

Was wert ist ausgedrückt zu werden


"Der Nichtkünstler ist der Ansicht, ein Künstler verfahre so, wie er selbst verfahren würde, sollte er ein Kunstwerk machen; nur daß der Künstler dabei über wirkungskräftigere Mitte verfüge. Der Nicht-Künstler würde aber überhaupt nicht "verfahren", weil, was er macht, Erinnerung, Zeichen oder Erzählung, doch niemals ein Kunstwerk ist: eine Liebeserinnerung ist noch kein Gedicht, eine Zeugenaussage vor Gericht kein Roman, und ein Familienbildchen kein Gemälde."

Der Dichter, der Maler etc. ist von einer Form "besessen", selbst wenn diese von innen her vorgegebene Gestalt erst im Laufe des Schaffensprozesses klarer und klarer wird. Doch "selbst" ein Romanschriftsteller trägt in sich das Gesamt einer Formidee. Flaubert z. B. nennt die "Madame Bovary" seinen "Roman in braunrot", Salammbo den in Purpur ... Im ersten KOnzept Dostojewskijs für "Der Idiot" ist nicht einmal Rogoshin, sondern Myschkin der Mörder! Als Dostojewskij das ändert, ändert er nur die Namen - nicht einmal die bereits geschriebenen Szenen! Es sind die Formvorstellungen ... die auch oftüer die Werke hinausgehen: Türen, die in "Die Erniedrigten und die Beleidigten" versucht aufzumachen, finden sich dann in "Die Gebrüder Karamasow" geöffnet. "Die entscheidenden Werke schweben gleichsam über dem, was ihnen voraufgeht, und geben diesem bereits eine leichte Prägung: viel dunkler bliebe uns, was romanische Kunst an Gotischem schon in sich birgt, machte es die Gotik uns nicht selbst deutlich."

Jede dieser Vorstellungen bedeutet einen Bruch mit der bereits vorhandenen Kunst, aus der sie hervorgeht. "Ein Mensch, dem eine Fee den Geist ds Mißvergnügens an allem, was existiert, nicht schon in die Wiege gelegt hat, wird niemals etwas Neues entdecken." (R. Wagner) Malraux stimmt dem zu, schränkt nur ein, daß Widerspruch nicht zornige Ablehnung sein muß. Denn das Entscheidende des Künstlers ist sein Wunsch nach Verwandlung! Und sei es, der Welt ihre Masken vom Gesicht zu reißen, um zu zeigen, daß mehr Glück in ihr vorhanden ist als man glauben möchte.

So ist die Anklage - ein Signum der modernen Kunst - viel mehr als aufgezeigte und erhoffte Erlösung zu verstehen. So offenbart sich im Werk der Sinn der Welt. Offenbart, was von der Welt überhaupt ausdruckswürdig war, selbst wenn dies Ablehnung der Welt bedeuten würde. "Für manche Künstler ist auch die überzeugendste Wirklichkeit nichts als Schein, Maske und Versuchung: verglichen mit der heiligen Begierde des Geistes, die nur durch höchste kunst zu stillen ist, nichts als elende Gier des Auges ..."

Es geht um die Wahrheit der Malerei, nicht um Bewertung der dargestellten Vorgänge - letztere findet sich in ersterer! Dafür nehmen ein Rembrandt, ein Frans Hals (Bild: "Die Regentinnen des Altmännerhauses") Armut und Verachtung in kauf, wirft ein Michelangelo den Papst aus dem Haus oder legt sich El Greco mit Philipp II. an. "Der Künstler entsteht aus Gefangenschaft eines Stils, durch den er von der Gefangenschaft in der Welt frei geworden ist."

(A. Malraux, "Psychologie der Kunst - Die künstlerische Gestaltung")

Freiheit und Künstler

Was Malraux fehlt ist, den Begriff der Freiheit mit der Wahrheit zusammenzudenken. Im Grunde hätte er nur die Summe aus so vielen seine Gedanken ziehen müssen! Selten habe ich das so deutlich bei einem Autor gefühlt.

Denn seine Rechnung geht nicht auf, denn bei ihm wäre jede Äußerung des Künstlers ein Kunstwerk - und dieser Meinung ist er sicher auch nicht. Erst, wenn man das, was er über das Kind sagt, mit seinen späteren Aussagen zusammenzieht, erst dann ergibt sich die Pflicht des Künstlers nach Wahrhaftigkeit und persönlicher Freiheit auf das Kreuz hin gedeutet.

Imitation - Teilhabe an der Welt der Kunst

Malraux meint, daß das erste des Künstlers die Imitation sei. Dort setze jeder Künstler an - im Versuch der Teilhabe an der Welt der Kunst und Künstler. Kein Künstler suche die Teilhabe "an der Welt"

Für Malraux ist somit Kunst ohne Tradition - ohne Vorbilder - überhaupt undenkbar. Weil Kunst immer nur im Rahmen der bereits bekannten Formen anhebt, um diese dann im Ringen um Individuation zu überwinden. Die Frage nach dem Ursprung der Kunst sei also nur die nach den "Urbildern", den allerersten Bildern, die am spannendsten noch in den Höhlenmalereien zu stellen seien: auch dort sei bereits ein Stil als Ausdruck einer Kulturdurchdringung geprägt.

Das bestätigt, was ich bereits mehrfach schrieb, daß die Zerstörung der kulturellen Formen im 19. und v.a. frühen 20. Jhd. alle späteren Generationen regelrecht ins Nichts - in die Identitätslosigkeit - stieß. An deren Folgen wir heute leiden. Und zwar auch und vor allem durch die Entwertung der Vergangenheit (als: verwerfbar) aus diversen Ideologien heraus, die kurzfristigepolitische Ziele erreichen wollten, für die Identitätslosigkeit, ja Teilamnesie Voraussetzung war.

(Wer die Vergangenheit verwirft verwirft nämlich ausschließlich das, was gut an ihr war!)

Donnerstag, 10. April 2008

Reinkarnation und Portrait

Nur das Christentum erkannte der Seele genug Gewicht zu, um auch ihre Form in der Kunst wichtig zu nehmen. Welchen Wert hätte Ähnlichkeit (im Portrait, in der der Kunst) für das Indien der Seelenwanderungen besitzen können?

Die Vorstellung, Ähnlichkeit sei ein ganz besonderes bevorrechtetes Kunstmittel, erschien dem abendländischen Europa lange als Selbstverständlichkeit, wäre einem Byzantiner aber sehr überraschend vorgekommen; denn für ihn war Kunst zugleich Entpersönlichkeung, Erlösung von menschlicher Bedingtheit zugunsten des Ewigen; für ihn lag im Portrait mehr die Richtung auf das Symbol als auf die Illusion. Und erst für einen Chinesen, in dessen Augen Ähnlichkeit nichts mit Kunst zu tun hatte, sondern dem Bereich des Zeichens zugehörte. Die chinesischen Maler legten der Familie eines Verstorbenen nach dem Begräbnis ihre Alben vor, in denen alle Arten von Nasen, Augen, Mündern und Gesichtsovalen abgebildet waren, und malten dann, ohne den Verstorbenen je gesehen zu hben. Sie hielten sich dabei im übrigen nicht mehr für Künstler als unsere Wanderphotographen: was ein chinesischer Künstler zu treffen suchte, war eine Ähnlichkeit mit dem, was ein Gesicht, ein Tier, eine Landschaft in sich bargen, an Vorstellungen anregten oder was sie bedeuteten. ... Ähnlichkeit war nichts, was es zu erobern galt, gehörte nicht einmal in den Bereich des Künstlerischen, sondern in den der Identität.

(A. Malraux)

Nicht der Himmel - sondern das Leid

"Die stärkste Anziehungskraft des Christentums war nicht dessen Himmel, in der frühesten christlichen Malerei finden wir weniger Paradies als Kreuz. Das Christentum gründete sich auf die Sinngebung dessen, was am meisten danach verlangte: des Leidens. Das Leiden der Antike war ohne Zweifel die scheckliche Einsamkeit, der wir noch in den Gegenden Asiens begegnen, aus denen der Buddhismus geschwunden ist: sicher glich Rom den großen Städten des heutigen China mit ihren hoffnungslos Unglücklichen, die inmitten der grenzenlosen Gleichgültigkeit der Menschen einen Schmerz ohne Sinn und Ziel bis zur Neige kosten und ein Gefühl der Verwunderung, daß sie auf dieser Welt sein müssen, (bis sie) ... abstumpfen." (A. Malraux)

Material zum Weltaufbau


"Ein Garagenbesitzer erzählte mir in Cassis: Eines Tages kam der Maler Renoir. Er hatte ein großes Bild bei sich. Ich sagte mir: schau mal ein bißchen zu: da waren nackte Frauen drauf, die irgendwo anders badeten. Er sah irgendwas, ich weiß nicht was, an und änderte dann bloß eine kleine Ecke ... - Das Blau des Meeres war zum Blau des Baches in den "Wäscherinnen" geworden. Den Saft, der das Grün in die Bäume treibt, sucht sich der Baum fern in den Weiten der Erde; Renoir bediente sich der Welt, um durch die seine Bilder zu befruchten ... Seine künstlerische Sehweise war weniger eine bestimmte Art, das Meer zu betrachten, als der heimliche Aufbau einer Welt, der gerade dies tiefe Blau zugehörte, das er aus dem Unermeßlichen zu sich zurückholte." (A. Malraux)

Das Auge ist Blick - nicht Auge


"Vergessen wir nicht, daß man ein Auge niemals um seiner selbst willen anblickt; keiner von uns wüßte zu sagen, von welcher Farbe die Augen seiner meisten Freunde sind. Das Auge ist Blick; Auge ist es nur für den Augenarzt oder für den Maler.

Es gibt kaum etwas Desinteressierteres als unsere Art, zu sehen. Der erste, noch unbewußte Akt des Malers, jedes Künstlers, besteht darin, die Funktion der Gegenstände zu verändern. Man glaubt, sich einen Romanschriftsteller, Dichter oder Philosophen vorstellen zu können, die nicht gerade im Schreiben begriffen sind; denn das Rohmaterial ihrer Kunst, das Wort, ist die Sprache; doch ein Maler ist ohne Bilder ebensowenig denkbar wie ein Musiker ohne Musik. Ein Maler ist ein Mensch, der Bilder macht, so wie ein Dichter ein Mensch ist, der Gedichte macht; die Art, in der ein Maler sieht, dient ihm zum Malen wie dem Jäger seine Art zum Jagen." (A. Malraux)

Vom Blick für Kunst

"Die Sehform der zahlenmäßig Meisten ist etwas wesentlich anderes als der am weitesten verbreitete Geschmack. ... Sehen bedeutet für uns heute allzu rasch: sich etwas in der Form eines Kunstwerks vorstellen. Diese Art Vorstellung ist ohne Stil nicht möglich, von den byzantinischen Mosaiken bis zum Film von heute.

Die gewöhnliche Sehweise ist jedoch von anderer Art. Der Jäger sieht den Wald nicht so wie ein Maler: er weiß von der Sehform des Letzteren so wenig wie dieser vom Anstand des Jägers. Klarinetten zu drechseln bedeutet keine spezielle Form, Musik zu hören ... doch obgleich zwischen Dschunken und hornförmig geschwungenen Häusern eine gewisse Verwandtschaft besteht, sieht eine chinesischer Fischer, der von Malerei nichts weiß, die Zeichnung der Wellen doch nicht im Dschunkenstil, sondern als Fischer, - und das heißt: ohne jeden Stil. Ist die Sehform jedes für Kunst irgendwie empfänglichen Menschen durch seine Beziehung zu Werken der Kunst bedingt, so die des kunstfremden Menschen durch dessen Tun oder Absichten.

In den Augen des letzteren sind die Dinge, was sie tatsächlich sind; in den Augen des Künstlers vor allem das, was sie in einem bevorrechteten Bereich, worin sie der Vergänglichkeit entzogen sind, werden können - dafür verlieren sie in diesem Bereich aber auch einen ihrer grundlegenden Charakterzüge: in der Malerei die wirkliche Tiefe, in der Plastik die wirkliche Bewegung. Der Maler reduziert auf ... Zweidimensionalität ... der Bildhauer ... auf ein Unbewegtes. Kunst die darstellen will will gleichzeitig auch reduzieren ...

Kunst fängt bei der Reduktion überhaupt erst an. Man könnte sich zwar ohne weiteres ein plastisches, bemaltes, modellähnliches Stilleben vorstellen, doch niemals als Kunstwerk. Falsche Äpfel in falscher Obstschale sind noch keine echte Plastik. Damit Kunst entsteht, muß zwischen Mensch und dargestelltem Objekt eine Beziehung von anderer Natur walten, als sie die Außenwelt auferlegt. Deshalb ist die Farbe in der Plastik auch so selten eine Nachahmung der Wirklichkeit; deshalb empfindet jeder, daß ... Wachsfiguren ... nichts mit Kunst zu tun haben ...

Nichts wissen wir von dem, was die allgemeine Sehform im Altertum, ... im Mittelalter war. ... Dafür sehen wir aber, wie sich unsere Zeitgenossen aller Rassen umso besser mit der Photographie abfinden, je weniger sie von Kunst verstehen; wie sich der Film immer, wenn er erzählen will, alle Träume der Welt unterwirft. Der Unterschied zwischen dem Erlebnis des Künstlers und dem des Nicth-Künstlers liegt nicht in einer anderen Intensität, sondern ist wesensmäßig bedingt, weil die letztere sich in Handlngen manifestiert, während die des Künstlers sich nur durch eine Reduktion manifestieren kann. Selbst für den armseligsten Maler besteht die Welt noch aus Bildern.

Ein Künstler muß nicht unbedingt stärkerer Empfindungen fähig sein als ein Kunstliebhaber, ist es oft weniger als ein junges Mädchen: er ist es nur auf eine andere Art. Lebhafte Phantasie macht noch keinen Romanschriftsteller, Neigung zu betrachtender Versenkung noch keinen Dichter, und niemals waren die größten Künstler Frauen. Wie ein Musiker die Musik und nicht die Nachtigallen liebt, ein Dichter Verse und keine Sonnenuntergänge, so ist ein Maler kein besonderer Liebhaber von Figuren und Landschaften, sondern ein Mensch, dem es zunächst um Bilder geht.

... Die Abneigung der großen Masse gegen moderne Kunst ist zweifellos zum guten Teil durch Unwissenheit bedingt; aber auch durch die Wut gegen etwas, das diese Masse irgendwie dunkel als Verrat empfindet. Die Mehrzahl der Menschen ahnt, daß es jenseits der Abbilder, deren Verführung sie unterliegt, große Kunst gibt; doch können sie sich diese nur als religiös vorstellen, ob nun als Ausdruck einer Religion der Revolution oder des Sieges. Wahr ist dabei, daß alle ganz große Kunst Ausdruck einer aus dem heiligen geborenen Gemütsbewegung ist; falsch dagegen, daß dieser Ausdruck die ihn erzeugende Bewegung auch wirklich zur Darstellung bringt. ... Hält der Künstler einmal wirklich einen als besonders bedeutsam empfundenen Augenblick fest, so nicht, weil er ihn reproduziert, sondern weil er ihn durch Reduktion verwandelt hat. ... deshalb ist ein schönes Portrait nicht in erster Linie Wiedergabe eines schönen Gesichts ...

Der Nichtkünstler hat von der Sehweise des Malers verschiedenartige Vorstellungen: einmal hält er sie wohl für schärfer ausgeprägt als seine eigene und deshalb für fähig, sich ihm aufzuzwingen (so faßt er die des Impressionismus und der Japaner auf); ein andermal sieht er sie als Vermögen, ein für besonders bedeutend erachtetes Gesehenes aus seinen Zusammenhängen zu lösen; die Kunst hätte es dann mit photographischer Genauigkeit zu reproduzieren; dann wieder sieht er diese Sehweise in Verbindung mit einer idealisierenden Phantasie. Diese drei Auffassungen sind aus der Funktion entstanden, die dem Künstler von der Renaissance bis zum Impressionismus zugewiesen war. Insofern mittelalterliche Kunst ein System von Form ist, werden ihr diese Auffassungen ebensowenig gerecht wie der Neger- oder Mayakunst; daß einige gotische Statuen in unsere Wandkalender eindringen konnten, liegt weniger daran, daß man sie als Formsystem denn daß man sie als Gefühlsausdruck akzeptiert hat ...." 


André Malraux



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Chinesische Epigonen der Antike

Malraux sieht die Ausstrahlung der griechischen-antiken Kunst bis nach Indien, ja von dort ausgehend bis in die letzten Winkel Südostasiens (Khmer), China und Japan. Insofern hält er die Entwicklung regionaler Kunst für eine Illusion. Die chinesische wie die japanische Kunst sieht er gar als epigonal, als stark von europäischen Vorbildern beeinflußt. So sucht er vielmehr das generell Menschliche in der Kunst, das nicht chinesisch oder griechisch oder afrikanisch ist, sondern dort jeweils nur andere Gesichter und historische Kampfspuren trägt.

Beseelte Antike

Die Renaissance stellt die Welt innerhalb des Christlichen in Frage. Während sich die Frage stellte, ob die Antike in ihren Formen, ihrem Geist der Vernunft, aber auch ihrer natürlichen Religiosität im Mythos nicht die Harmonie zwischen Gott und Mensch besser wiederherstellen konnte, begann die Kunst, den überlebten antiken Formen, den Ruinen, in denen die Kultur stand, Seele einzuhauchen und sie dadurch zu überwinden.

Für Malraux ist die Renaissance deshalb ein Beispiel dafür, wie die Kunst (und damit die Kultur) immer wieder durch den Kampf gegen bestehende Formen, durch deren Überwindung weiter voranschreitet.

Der gereinigte Blick


Nicht das Objekt ist in der Gotik das eigentlich Gereinigte am Geschöpflichen - sondern es ist der Blick des Künstlers, der nur noch das Sein sieht, das nur schön sein kann, und das die Sünde lediglich verdunkelt.

"Zwar scheint das gotische Individuum immer wieder in eine Sündhaftigkeit zu fallen ... doch die Ehre und würde, Mensch zu sein, bleibt wie ein dunkles Rauschen unterirdischer Ströme unter aller italienischen Kunst vernehmbar." (Malraux)

Stilisierte, symbolistische Darstellung des Heiligen vs. Darstellung des Heiligen selbst


Malraux schreibt in "Psychologie der Kunst", daß mit der Gotik - als deren Hauptkunst er die Plastik und die Malerei sieht, in die der Gesamtausdruck des Gotischen überging - der byzantinische Stil nicht mehr der einzige war, der für die Darstellung des Heiligen Gültigkeit besaß.

Und dann findet sich folgender Satz, in Parenthesen: "(so wie heute noch allein das Lateinische Gültigkeit für die Feier des Meßopfers besitzt),..." Das Buch wurde 1949 veröffentlicht.

Aber wieder zum Thema: Auf das Symbol folgte also die Psychologie. Nicht mehr wie in der Antike, kannte die Gotik erstmals die Seele, und sie zeigte sie, überwand damit die Starrheit der Idee, sondern suchte die Gestalt auf Erden.

Schicksal - Gotik - Renaissance


In dem Maß, in dem sich die Einsicht durchsetzt, daß die Schöpfung in ihren (idealen) Formen von Gott selbst erzählt, ja diesen repräsentiert - bis Gott sich in jesus selbst zeigte, in einem Menschen repräsentierte - wird die Darstellung naturalistisch-exakter, ohne in bloßen Realismus zu versinken. Im selben Maß vollendet sich die den dargestellten Menschen umgegende Welt, schließt ihn immer nahtloser und natürlicher ein, bis er mit ihr verschmilzt. Das kennzeichnet den Übergang von der Romanik zur Gotik.

Malraux meint deshalb, daß die Gotik für den Orientalen obszön wirken mußte, weil sie ihn auf die Erde gewissermaßen herniederzerrte. Denn das dem Menschen eigenliche sei seine höhere Bestimmung, die sich in der Stilisierung ausdrückt. Wo immer der Mensch also im Allgemeinen aufgeht, folgt Stilisierung. Je individueller der Schicksalsbegriff wird, umso naturalistischer wird die Darstellung weil die Sicht davon. Die Kusnt geht von der Zeichenhaftigkeit zur Ähnlichkeit, ja "Restaurierung" vollkommener natürlicher Formen, die vor dem Hintergrund ihrer Idee, im Spannungsverhältnis dazu gezeigt werden.

Ebenso findet sich natürlich im Denken, in der Literatur der Weg vom Symbolischen zum Konkreten, vom Reimepos zum Roman. Malraux: "Das gotische Auge ist kein Zeichen mehr - es ist ein Blick. Denn im Ausdruck selbst zeigt sich das Sein, die Vereinigung mit Christus. Sie ist Menschwerdung. Gott wird in seinen Geschöpfen gezeigt, nicht mehr in seiner Einsamkeit." So erobert sich die Gotik einen Stand nach dem anderen, einen Schmerz nach dem anderen - ausgehend vom Schmerz selbst als dem eigentlichsten Drama des Geschöpflichen. In ihren Varianten blitzt das vollkommene Sein auf - in den Heiligen. Und in Maria als dem Tor der Frauen. So steigt Christus zum König auf, erwächst ihm aus den Dornen die Krone, nimmt er der Welt auch an Schwere damit.

Nicht das Abstrakte wird also idealisiert, wie in Byzanz, wie in der Antike, sondern das Besondere. Denn das Chrisentum erkannte jedem seinen besonderen Wert zu. Nur Gott selbst ist einst Richter. Der Glaube selbst aber hat die Form jedeweden Gesichts. "Das Besondere ist weder Amt noch Ruhm noch Schicksal - es ist die Seele."

"Christliche Idealisierung bedeutete Ausdruck einer Ordnung und Harmonie, wie sie die Kirche dem Menschen und der Geschichte - nicht ohne tragische Rückschläge - aufzuerleben bestrebt war. Die Welt nicht als Ordnung zu empfinden, bedeutet in der Kunst weniger, sie als Unordnung, denn als Drama aufzufassen ... Sie ist die Kunst der ersen Verdrängung des Dämonischen."

Und damit schwand die Angst. Die Formen wurden immer weicher, geschmeidiger, Lächeln taucht auf, die Linien werden zur Sprache. Man "ahmt" aber nicht nach, sondern man "wendet sie an." Womit der Weg ... zur Antike sich öffnet, zur Renaissance, zum Barock. Brauchte der Mensch zuvor Theologie, brauchte er nun, im menschlichen Lächeln, Anatomie.

Christus - forma universalis

Malraux über die Gotik: "... Vom frühen Kapitell bis zur Reimser Blattranke wird die Kunst geduldige Bemühung, alle Form zur Aussage über das zu zwingen, was sie von Christus in sich birgt.

Den gleichen Weg beschreitet das Denken ...

In der Kunst beginnt Leben immer mit dem Sinn des Lebens."

"Auch ich werde Maler sein"

"Was den Künstler zum Künstler macht, ist, daß die Entdeckung von Werken der Kunst ihn in jungen Jahren tiefer berührt als die Entdeckung des Gegenstandes, den diese Werke wiedergeben." (A. Malraux)

An der Welt erblinden, um zu sehen

"Wieviele lange Tage braucht ein Schriftsteller, um mit dem Klang seiner eigenen Stimme schreiben zu können? Die souveräne Sehweise der Größten unter den Malern ist die der letzten Bilder Renoirs, Tizians, Frans Hals' - der inneren Stimme des tauben Beethoven ähnlich -; das Sehen, das in ihnen erwacht, wenn sie zu erblinden beginnen." (André Malraux; "Die künstlerische Gestaltung - Psychologie der Kunst")

Von Nachahmung über Nichts zur Form ...

"Künstler bilden sich nicht aus dem Stadium ihrer Kindheit, sondern aus der Auseinandersetzung mit fremder, gereifter Form; nicht aus ihrer noch ungeformten Welt, sondern aus dem Kampf gegen eine Form, die andere dem Leben bereits auferlegt haben.

Als junge Menschen sind Michelangelo, Greco und Rembrandt Nachahmer; ... In Zeiten, da man alles früher Entstandene verwirft, erlischt künstlerisches Schöpfertum während langer Jahre: denn im Leeren kann keiner gehen." (André Malraux in "Die künstlerische Gestaltung")

Wissenschaftlicher Standard ...

Bei Diplomarbeiten und Dissertationen melden Universitäten des deutschsprachigen Raumes folgende Fakten:

Beim Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten - vor allem zum Erwerb akademischer Grade - ist ein "Wandel der Kuturtechnik" zu beobachten, wo Forschen und Wissenschaft immer mehr zu einem mehr oder weniger "themengemäßen" Zusammenstellen von Textbausteinen aus dem Internet entwickelt, deren Stimmigkeit nicht selten "ästhetischen" Gesichtspunkten bzw. der Intuition anheimgestellt wird.

Eine für ein österreichisches Ministerium erstellte aktuelle Studie belegt den steigenden Einfluß des Netzes als Wandel der Kulturtechnik drastisch: selbst in akademischen Abschlußarbeiten sind in 7 von 30 Arbeiten eindeutig Plagiatsstellen zu finden. Ein noch stärkeres Indiz für den Wandel bedeutet der Umstand, daß sich in Quellenverzeichnissen wissenschaftlicher Arbeiten mittlerweile fünfmal soviele nicht-wissenschaftliche WEBquellen wie DRUCKquellen finden. Das legt eine Änderung der Kriterien nahe: denn web-literacy (Kenntnis des webs) ist für einen Prüfer mittlerweile unerläßlich. Denn die "Produktpiraterie" nimmt dramatisch zu. Und damit die Verflachung universitärer wissenschafticher Arbeit.

Derzeit gibt erst zaghafte Vorstöße dahingehend, wie dieser Plagiatisierung wissenschaftlichen Arbeitens Einhalt geboten werden kann. Wobei das von der EU so stark geförderte "E-Learning" (Stefan Weber nennt das in einem Buch "Technologie-PR") sehr kontraproduktive Auswirkungen hat, weil es diesen rücksichtslosen und undifferenzierten Umgang mit diesen Technologien (dieser Umgang liegt in deren Natur und Wesen) fördert. Denn elektronische Information ist auch extrem "vorläufig" (ein falscher Text kann sofort gelöscht oder verändert werden.) (Es ist ein Irrtum des Rationalismus zu meinen, daß es gleichgültig ist, welche gestalthafte Form Information trägt, welches Medium also sie trägt. Denn auch das Medium ist Botschaft.)

Eine Auswirkung - Symptom, Wirkung, aber auch Ursache - dabei: der Verlust jeder Schreib-, Sprach-, Textkultur. Denn ein Text-Assembler der Generation Google braucht kaum noch mehr Sprachkenntnisse als das Formulieren von "Textbrücken" erfordert.

Mittwoch, 9. April 2008

Empiriker sind Tieren gleich

(Leibniz - Sinngemäße Zusammenfassung einer Passage) "Der Streit um den Ursprung unserer Begriffe, ob angeboren oder ganz aus der Sinneserfahrung erworben, ist also ... ein Streit um den Wissenschaftsbegriff: Sollen unsere wissenschaftlichen Sätze nur Wahrscheinlichkeiten oder sollen sie Gewißheiten einschließen? Das ist der tiefere Sinn der Problematik um den Empirismus und den Sogenannten Rationalismus. Der Empirismus kommt mit seiner Induktion immer nur zu einer Summe von Beispielen; mag diese Summe aber noch so groß sein, sie liefert niemals allgemeine, ewige oder streng notwendige Wahrheiten. Die Folgerungen,die Tiere ziehen, stehen auf der selben Stufe wie die von reinen Empirikern. Erst in den Vernunftwahrheiten haben wir sichere, ewige und notwendige Wahrheiten vor uns. Erst dann haben wir es mit Wissenschaften zu tun. Und dort liegt auch unsere Gottähnlichkeit."

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Dienstag, 8. April 2008

Goethe's Aussicht

In "Dichtung und Wahrheit" führt Goethe das Gedicht in Originalintention an, wie es in seinem Notizbüchlein stand, weil es in seiner Werkausgabe anders lautet. Es war ihm eingefallen, als er von den Bergen beim Zürcher See abstieg und den wundervollen Seeblick erlebte:

Wenn ich, liebe Lili, Dich nicht liebte,
Welche Wonne gäb mir dieser Blick!
Und doch, wenn ich, Lili, Dich nicht liebte,
wär', was wär' mein Glück?

Leibniz' Metaphysik

Das überraschende Ergebnis: Die Metaphysik (und: daß er überhaupt eine hatte!) des Protestanten Leibniz war zutiefst scholastisch, also thomistisch-aristotelisch, und damit ungemein offen. Aber damit ist auch klar, warum er die katholische Theologie dermaßen gut verstand.

So verstehe ich auch seinen Begriff der "Monade", in welchen er die Schöpfung teilt bzw. aus welchen diese sich zusammensetzt, in Hierarchien, Mächten und Ordnungen zueinander - es dürfte sich mit dem treffen, was ich mit "Seinseinheit" bezeichne. Wobei Leibniz diesen Monaden auch entelechiale Kraft zuschreibt. Etwas, das für mich beim Lebenden endet. Noch mehr aber sehe ich hier Schnittstellen mit der Engelslehre. Etwas, das bei Leibniz allerdings völlig fehlt. Das er so der potens, dem Möglichen der Seinseinheiten zuschreiben muß, um ihr actu, die Entelechie dieser Substanzen zu erklären.



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