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Freitag, 31. Oktober 2008

Grüne Pole

Sprach ich vor ein paar Tage noch von Widersprüchen innerhalb der Grünen Partei Österreichs, so möchte ich nach dem Lesen eines Interviews (siehe Titelverlinkung) ihres EU-Abgeordneten Voggenhuber präzisieren:

Voggenhuber verkörpert den "sozialen Flügel", und er tut dies mit aller Konsequenz, die Linke aus der Phänomenologisierung sowie Priorisierung bestimmter Werte vermögen: auch um den Preis des Freiheitsverlusts, von dem so oft schon hier die Rede war. Der einstige EU-Paradegegner, einer der wenigen aus der Zeit der Abstimmung 1993, wurde - kurioserweise - zum EU-Parlamentarier der Grünen. Mittlerweile ist er der Logik zum Opfer gefallen, wonach die Gewöhnung das größte Mittel der Überzeugung ist, wie Montaigne einmal meint. Nichts ist nach Voggenhuber so wichtig wie die EU, die der derzeitigen Krise mit massiver Kraft gegensteuert. Nur so könne der Sozialstaat aufrechterhalten bleiben.

Da hat er recht. Der braucht Wirtschaftswachstum und Enteignung. Um jeden Preis. Auch um den der Ökologie.

Im Zitat: Die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise zeige, dass die EU eben nicht abgehoben sei. "Die Antworten auf die Krise kommen jetzt aus Brüssel. Wichtige Aufgaben werden von der EU besorgt."
Der Grün-Politiker ist überzeugt, dass die EU mit dem Vertrag von Lissabon "noch besser für die Zukunft gerüstet ist damit vor allem das Demokratie-Defizit überwunden wäre. Die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit, die Vollbeschäftigung und die soziale Marktwirtschaft sind darin vertraglich abgesichert."

Das nennt man noch Kritik!

DAS nenne ich noch politische Kritik, auch wenn man von Kabarett nur noch in einem bestimmten Sinn sprechen kann: da steht man auf und sagt: schonungslos den Nagel auf den Kopf getroffen, die erste fundamentale öffentliche Kritik, die dieses letzte politische Jahrzehnt regelrecht entblättert! Witz, Geist, Verstand, mehr Tiefsinn als man meinten könnte ... 7 Minuten von Georg Schramm, die es in sich haben.

Man kann den Leuten viel mehr zumuten, als es oft scheint.

***

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Das Geheimnis vom Kreuz

Sie treffen sich an einem Punkt: an ihrem Ziel. Kaum unterscheidbar sind die Schriften eines Johannes vom Kreuz von denen eines Stefan George, oder eines Gottfried Benn, oder ... oder ... all jener so vielen, Künstler, die um das Geheimnis der Wahrheit wußten.

Nicht unterscheidbar ist dieses Ideal des Künstlertums als Priester der Wahrheit von dem, was Johannes vom Aufstieg zum Berge Karmel schreibt.

Und gänzlich ident ist der Weg des Kreuzes mit jenem Sterben, das der Dichter meint und weiß, leisten zu müssen.

Künstliches Leben, tödlich im Krieg

Gespenstisch und fasinierend: künstliche Soldaten!

Mittwoch, 29. Oktober 2008

9.7 Millionen Menschen. Österreicher?

Jüngste Meldungen über die neuesten Prognosen in der Bevölkerungsentwicklung sagen für das Österreich des Jahres 2050 9,7 Millionen Einwohner voraus. Dies Wachstum vollzöge sich in erster Linie durch die Zuwanderung. Wien und Niederösterreich (das 2050 an der 2 Mio-Grenze kratzen wird) seien die am stärksten wachsenden Länder.

Sieht man von Tirol und Vorarlberg ab, haben alle österreichischen Bundesländer mehr oder weniger starke Geburtenminderzahlen. Die Überalterung läßt sich längst auf den Zehntelprozentpunkt vorhersagen.

Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als daß der derzeitige Anteil von 10 % an Migranten (Menschen die nicht in diesem Land geboren wurden, aber hier wohnen) und Zuzüglingen dramatisch wachsen und gegen 30 % steigen wird. Die Auswirkungen auf demokratische Entscheidungsprozesse versprechen Spannung, zumal die Frage virulent werden wird, wer schließlich wen integriert. Wie auch die Auswirkungen auf unseren Wohlstand, denn zumindest eine Generation lang kosten Zuwanderer einem Staat mehr Geld als sie bringen.

Wenn es 2050 noch einen Staat Österreich - was nämlich ist überhaupt dann noch ein "Österreicher"? - gibt ist in jedem Fall davon auszugehen, daß dieser Staat zu einer boden- und wurzellosen, umso mehr in positivistischer (willentlich zu setzender) Moral und Gesinnung verankerten Idee wird, wie es Preußen war, das sogar dann zu Deutschland wurde: in einer Form von Nationalismus also.

Notgriff zum Zweifelhaften

Einerseits warnt Montaigne eindringlich, den eigenen Geist, das eigene Fassungsvermögen als Maß des Erkannten und Erkennens zu setzen. Auf der anderen Seite sind seine Schriften ein einziges Zeugnis seines Ringens um ein eigenes Urteil als Kennmal der Freiheit.

Darin offenbart sich die Brüchigkeit des menschlichen Erkennens, die nach Demut schreit, und deren Behauptung im Akt des Selbstseins doch unumgänglich ist: in diesem fast verzweifelten Wissen um die Brüchigkeit der Instrumente, mit denen wir hantieren müssen.

Die Hölle, statt nichts

Papini bezweifelt die Glaubwürdigkeit von Volkssagen wie dem Faust: ob ein Mensch denn tatsächlich so dumm sein könne, für ein Vergnügen von ein paar Jahren die ewige Verdammnis (durch den Teufelspakt) einzutauschen.

Ich will ihm mit Montaigne antworten, der darauf hinweist, daß das Wesentliche der Erkenntnis und der Neigung des Urteils die sujektive Vorstellungskraft ist, die das Ziel lohnend oder nicht macht.

Wer kann sich Ewigkeit, wer Himmel, Hölle vorstellen? Da gewinnt rasch einmal der verführerische Schooß einer Maid.

Ansonsten pflichte ich Papini bei, wenn er anführt, daß der wichtigste Grund für Teufelsanbeterei, Hexerei, Magie bloße Eitelkeit und Geltungsstreben, naive Träume von Macht sind: wenn schon nicht Gott, so über den Teufel die Wirklichkeit beherrschen. Papinie nennt diesen Ehrgeiz schlicht: albern. Nicht zufällig taucht der Teufel als Gestalt der Literatur in der Romantik so häufig auf.

Mut hat er ja!

Eines muß man den Tschechen lassen: Sie haben einen Präsidenten, der es wagt, selbstständig zu denken, und das auch zu sagen, sich gegen allen Mehrheitsdruck zu behaupten. Dazu hatte und hat in Österreich niemand den Mum. Wie diese aktuelle Stellungnahme im Standard, wo Klaus in wenigen Worten springende Punkte anführt, die 1993/94 in den Mund zu nehmen von den brutalen, pubertären Meinungsmachern in Politik und Kirche als nazistischer Populismus denunziert wurde. Vielleicht ist es das, was die Österreicher von den Tschechen lernen können: Mut zur eigenen Meinung zu haben, auch wenn man alleine ist.

... Es sei erst 19 Jahre her, dass man in Freiheit leben könne, sagte Klaus ... Vor vier Jahren sei Tschechien freiwillig der EU beigetreten und habe damit einen Teil seiner Souveränität abgegeben. Entscheidungen über öffentliche Angelegenheiten rückten erneut weiter von der Tschechischen Republik weg, meinte Klaus. "Ob dieser Schritt für unsere Bürger einen Beitrag oder eine weitere späte Enttäuschung bedeuten wird, wage ich nicht zu prophezeien. Dies wird erst ein historischer Rückblick zeigen", so der Präsident.

Man solle zwar die Allianz mit jenen Ländern schätzen, die auf denselben Werten aufgebaut seien. Allerdings solle man sich nicht "übertriebene Illusionen über ihren Altruismus machen". Auch diese Länder hätten ihre eigenen staatlichen und nationalen Interessen, so wie sie sie immer gehabt hätten. "Die Geschichte ist nicht beendet. Auch das Geschehen der letzten Wochen bestätigt das", so Klaus.

Angesprochen auf die weltweite Finanzkrise sagte der Staatschef weiters, die Tschechen lebten in einem Land, das die dramatischen Erschütterungen der Finanzmärkte nur mittelbar betrifft. "Unsere eigene Währung und das damit verbundene selbstständige Finanzsystem trennt uns von ihnen. Die Geldeinlagen unserer Bürger und Firmen sind daher gleich sicher wie in den vergangenen Jahren. Ein vernünftiger Optimismus ist angebracht", betonte Klaus, der seit Jahren zu den Kritikern der einheitlichen europäischen Währung gehört.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Was verloren ging ...

So schrieb Rilke in seinem "Buch der Bilder" von "Mädchen". So kannte ich noch die eine, oder andere, früher. In dieser Identifikation von Schönheit, Poesie, den wahren Lebensquellen, und Frau. Mädchen - wie Knospe und Tau, im Licht der aufgehenden Sonne, im Park, auf der Bank. Heute ist das fern, so fern. Wenigstens wußte man noch, daß es sie gab. Perdu. Erschlagen von Worten wie"Frauenquote", mit denen die Häßlichkeit blanker rechnerischer Existenz zum Ideal wurde.

Hier in audio.

Von den Mädchen
(R. M. Rilke - "Buch der Bilder")

I

Andere müssen auf langen Wegen
zu den dunklen Dichtern gehn;
fragen immer irgendwen,
ob er nicht einen hat singen sehn
oder Hände auf Saiten legen.
Nur die Mädchen fragen nicht,
welche Brücke zu Bildern führe;
lächeln nur, lichter als Perlenschnüre,
die man an Schalen von Silber hält.

Aus ihrem Leben geht jede Türe
in einen Dichter
und in die Welt.

II

MÄDCHEN, Dichter sind, die von euch lernen
das zu sagen, was ihr einsam seid;
und sie lernen leben an euch Fernen,
wie die Abende an großen Sternen
sich gewöhnen an die Ewigkeit.

Keine darf sich je dem Dichter schenken,
wenn sein Aug auch um Frauen bat;
denn er kann euch nur als Mädchen denken:
das Gefühl in euren Handgelenken
würde brechen von Brokat.

Laßt ihn einsam sein in seinem Garten,
wo er euch wie Ewige empfing
auf den Wege, die er täglich ging,
bei den Bänken, welche schattig warten,
und im Zimmer, wo die Laute hing.

Geht! ... Es dunkelt. Seine Sinne suchen
eure Stimme und Gestalt nicht mehr.
Und die Wege liebt er lang und leer
und kein Weißes unter dunklen Buchen, -
und die stumme Stube liebt er sehr.
... Eure Stimme hört er ferne gehn
(unter Menschen, die er müde meidet)
und: sein zärtliches Gedenken leidet
im Gefühle, daß euch viele sehn.

Von falscher Milde dem Unredlichen gegenüber

Aditum nocendi perfido praestat fides. - Die Redlichkeit bahnt dem Unredlichen den Weg zur Untat.

"... so ist es eine gefährliche und unbillige Pflicht, sich in allen Stücken maßvoll gegen jene im Zügel zu halten, die keine Schranken kennen, denen alles erlaubt ist, was ihr Vorhaben befördern kann, und die keine andere Satzung noch Ordnung haben als ihren Vorteil zu verfolgen." (Montaigne, "Über die Gewohnheit, und: daß ein in Brauch stehendes Gesetz nicht leichterdings geändert werden soll")

Die mächtigste Meisterin der Natur

Montaigne führt als Beispiel für die manchmal kaum glaubliche Macht der Gewohnheit die Bewohner der Nilkatarakte an: umgeben vom tosenden Lärm der wilden Wasser hören sie diesen gar nicht! Was jedem hinzukommendem Fremden sofort auffällt, ist für sie regelrecht unhörbar. Sie sprechen sogar untereinander in normaler Lautstärke, denn sie filtern dieses Tosen aus ihrer Wahrnehmung!

So stellt Montaigne eine andere, nicht uninteressante Frage: Was hören wir sonst noch alles nicht?

Das Geknirsch des Weltgetriebes, wie Montaigne (bildhaft in der Vorstellung vom Reiben der Himmelskuppel auf der Erdscheibe, der Gestirne auf der Himmelskuppel) meint?

Anhand zahlreicher Beispiele zeigt der Franzose (der von 1533 bis 1592 gelebt hat) wie weltweit unterschiedlichste und widersprüchlichste Gewohnheiten entstanden sind. So weist er auf die Rolle der Gewohnheit im Aufbau des Gewissens hin. Mit der besonderen Problematik der Rolle des Sozialen im subjektiven Gewissen. Denn das Überkommene wirkt wie das Natürliche und damit Richtige. Das Problem entsteht somit dort, wo das Überkommene der (ersten) Natur des Menschen widerspricht. (Denn der Zeitraum, wo die Natur in ihrer Art der Selbstregulierung dies zugrundegehen läßt, ist für den Einzelnen meist zu lang, um aus dieser Erzählung zu lernen - befaßt er sich nicht mit Geschichte.)

So mächtig aber auch die Gewohnheit sein mag - sie schafft keine neue erste (entelechiale) Natur, sondern bezieht sich in ihrer zweiten Natur, jener der Gewohnheit, auf diese. Die Natur der Gewohnheit ist in ihrer Gestalt des Faktischen also der Modus, in dem die erste, die wahr sein wollende Natur, verwirklicht ist. Sodaß die Tugend leicht als "Gewohnheit zum Richtigen" verstanden werden kann.

Das sind für Montaigne auch die einzig wirklich sinnvollen Erziehungsziele: nicht um die jeweils vielleicht kleinen oder auch anders zu interpretierenden Handlungen selbst geht es, sondern um ihr Verhältnis zur Gewohnheit, damit um die innere Struktur einer Handlung.

Ewige Gegenwart - Zur Zeit in Mosebach's "Eine lange Nacht"

Jede literarische Form, die im Laufe der Jahrtausende der Menschheitsgeschichte ausgebildet wurde, hat ihre Entsprechung in einer Sicht der Wirklichkeit, ankert insoferne in der immanenten wie expliziten Metaphysik des Autors.

Das macht das Beeindruckende an Mosebach's Buch "Eine lange Nacht" aus. Nicht nur findet sich darin die vollkommenste, spannendste und genaueste Schilderung des Sterbens (anhand der Figur des Vaters des Proponenten) die mir in der Literatur bekannt ist, sondern was Mosebach hier fast schon perfekt gelingt ist die Komposition des Zeitbegriffs, der zeitlichen Ebenen des Buches, des Geschehens.

Ausgehend von einem (erkennbaren, insofern hineininterpretierten) Wirklichkeitsbegriff, der keine Zeit im Sinne von Linearität kennt, sondern immer nur Gegenwärtigkeit, die andere Gegenwärtigkeiten in der Erinnerung präsent hält, was die Illusion einer vorwärtsgehenden Zeit schafft. Die Welt selbst ist immer nur actu, aktuell, in einem unendlich kleinen Punkt der Gegenwart, ihrem ruhelosen Schreiten vom Gestern ins Morgen.

In Mosebach's Buch (erschienen 2000) ahnt man von dieser Gegenwärtigkeit. Fast unbemerkt, nur jeweils kurze Momente irritierend (und hier ist bestenfalls noch der Punkt an dem man merkt, daß Doderer's Forderung, der Roman sei an diesem Punkt noch zu vervollkommnen, noch nicht ganz erfüllt ist, hier hört man noch das Handwerk klappern) gleitet man von Situation zu Situation, die - wie die Wirklichkeit der Welt, in der wir leben - nur noch Variationen eines ewig gegenwärtigen Hierseins sind. Versuche, gültig zu sein.

Das ist das Wesen der Dramatik: das Ringen um Gültigkeit. Nichts anders ist der Sinn unseres Lebens, nichts anders gibt uns im Alltag gar den Antrieb: endlich gültig sein, endlich für die Ewigkeit (sprich: geglückt) sein und aus diesem Zustand heraus handeln.

Phantasie ist eben nicht Phantasy

Cervantes geht im Don Quixotte häufiger als man erwarten würde auf die Literatur der (damaligen) Gegenwart ein. Wobei nicht zuletzt diese fast essayistischen Ausflüge, die er vor allem dem Pfarrer in seinen Dialogen in den Mund legt, seine kaum zu glaubende Aktualität ausmacht: der Don Quixotte ist tatsächlich ein hochaktuelles Buch, frisch in seinen Thematiken, als wäre es gestern geschrieben. Man lasse sich nur nicht von den Kostümen täuschen.

In einem dieser Ausflüge weist er auf den Unterschied zwischen guter und schlechter Ritterliteratur hin. Cervantes zeigt darin den Unterschied zwischen phantasievoller Literatur (ein Beispiel hiefür ist für mich J. R. R. Tolkien mit seinem Hobbitreich in "Der Herr der Ringe") und "Phantasy" hin. Denn ja, die gab es auch schon damals.

Gute Literatur bleibt erfunden, aber ihr Reich, die geschaffenen Welten, sind Analogien zur "wirklichen Welt", und weil nichts letztlich erfunden werden kann, das nicht aus dieser realen Welt stammt, weil der Mensch ja nicht Gott ist, ergibt sich ihr Wahrheitsgehalt automatisch. Gute, phantasievolle Literatur ist deshalb in selbem Maß wahr, als es jeder künstlerische Text ist: er ist wahrscheinlich, plausibel, und verbindet das Zweifelhafte, Erfundene mit dem Möglichen. Das Hohe wird - so Cervantes, und wir wollen ihm hier ungeteilt zustimmen - somit vertrauter gemacht, so daß die Gemüter in Spannung bleiben.

Ganz anders die Phantasy-Literatur, die wie jede andere schlechte Literatur zu erkennen ist. Sie bezieht ihre Spannung aus der reinen Spekulation mit dem Unbekannten, das in diesem Fall aber ganz sicher nicht gekannt sein kann. Der Autor spekuliert geradezu mit dem Irrationalen (nicht aber mit dem Numinosen, hier täuscht er nämlich.) Seine Bestandteile sind nicht der Wirklichkeit entnommen. Ihre Handlungslösungen sind deshalb immer überraschend, und unterwerfen sich keinem Plausibilitätsanspruch. Das rückt sie sogar in die Nähe der Dämonie (die nämlich nicht aus dem dargestellten Gegenstand, sondern aus der Art der Darstellung kommt) und macht sie sogar dämonisch. Ihre Beliebtheit erwächst ganz einfach aus ihrer Entsprechung, mit der sie bestimmten Persönlichkeitsstrukturen antworten, ihre Wirkweise ist Faszination, die dem Kult verwandt ist.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Kunst ist nutzlos, dann ist sie politisch

Gerd Haffmann in einem Nachwort zu Gedichten von Gottfried Benn: "Wenn die Kunst einen Nutzen hat, dann, im Sinne eines allgemeinen Nützlichkeitswahns nutzlos zu sein. Die Wissenschaft hat sich vor den Karren der Pragmatiker schirren lassen. Die einzige Gegenwelt bleibt die Kunst. Anstatt nun mit Zähnen und Klauen diese Gegenwelt festzuhalten, beginnt die Kunst sich dieser Nutzlosigkeit zu schämen, und will nützlich werden, politisch werden, aufzeigen, verbessern. Alas, das kann sie nur wenn sie nutzlos bleibt."

Wann wurde der Geist politisch? Benn: "Als der deutsche Idealismus vordrang, nach dem alles Wirkliche vernünftig war, also auch Kriege Erscheinungen und ausdruck des Weltgeistes wurden. Kritik wurde Blasphemie am Weltgeist. Darwin verlieh den kämpfenden Haufen naturwissenschaftliche Fahnenbänder: Kampf ums Dasein -Auslese der Starken ... nun trat der Parademarsch neben den Satz vom Grunde. "Das Leben", "Die Wirklichkeit", "Der Starke" - identisch gesetzt mit Vernunft, in Durchdringung miteinander als "Gesetz", "Geschichte" zu idealistischer Philosophie, naturwissenschaftlichem Axiom, dithyrambischer Sonnen- und Gletschervision erhoben: Hegel, Darwin, Nietzsche -: sie wurden tatsächliche Todesursachen von vielen Millionen. Gedanken töten, Worte sind verbrecherischer als irgendein Mord."

Dienstag, 21. Oktober 2008

Renaissance der Nationalstaaten - Ende der Globalisierung

Carl Schmitt: "Souverän ist, wer den Ausnahmezustand beherrscht." Die derzeitige Krise zeigt demnach: das ist der Nationalstaat. Mittlerweile werden auch Stimmen laut, die von Notwendigkeiten eines neuen Protektionismus sprechen, und das Ende der Globalisierung verkünden.

In jedem Fall ist die Aussage nicht gewagt, daß unter dem Titel der Rettung der Systeme mit dem Überhang der Exekutive "unmerklich" dramatische, zukunftsbestimmende politische Weichenstellungen stattgefunden haben und stattfinden.

Qualität, nicht Quantität

Es ist vielsagend, daß die Länge oder Kürze eines Lebens nie eine Aussage über den Menschen selbst beinhaltet. Vielmehr sind es seine Taten. Und hier wiederum werden in einer Reihenfolge jene Taten am höchsten geschätzt, die dem Kriterium der Ewigkeit am nächsten kommen: die bleiben. Und sei es, weil an ihnen die Tugend, die sie benötigten, am höchsten geschätzt zu werden verdient.

Montaigne formuliert es trefflich so: "Die Nützlichkeit des Lebens ist nicht in der Länge, sie ist im Gebrauch. Weder der Mnsch, noch das Lben wird nach Ellen gemessen."

"Wenn auch Dein Alter noch nicht vollendet wäre - Dein Leben ist es. Ein kleiner Mensch ist ein ganzer, gleich wie ein großer."

"Jeder Tag ist ein Schritt auf dem Weg zum Tod. Der letzte langt an."

Cautum est in horas!

Der Tod lauert jede Stunde. (Horaz)

Aeschylos war vorhergesagt worden, er solle sich in acht nehmen, wenn er ein Haus betrete, denn er werde durch ein Haus umkommen! Das tat der griechische Dichter, und mied zeitlebens Häuser, wo es ging.

Er starb im Freien. Weil einem Adler, der über ihn hinwegflog, ein Schildkrötenhaus entglitt - und Aeschylos erschlug.

Über allem - der Tod

Montaigne empfiehlt, Delinquenten vor ihrer Hinrichtung statt an die Stätten ihrer Verbrechen durch die Häuser der Reichen zu führen, Ihnen so die Lockungen dieser Welt, deretwegen sie - mit dem Ziele, sie sich unrechtmäßig anzueignen - ihre Untat begangen hatten, noch einmal vor Augen zu führen. Den Effekt also, den auch die sogenannte Henkersmahlzeit, die "letzte Zigarette", der "letzte Wunsch" im Grunde erzielen, zu erhöhen.

Denn die endgültige Perspektive, der Tod, die zugleich die Perspektive aller Menschen ist, wird dem Delinquenten (und: in gewisser Weise sind wir alle solche) die Relativität und Unbedeutendheit weltlicher Genüsse zeigen. Ihm damit vielleicht mehr Reue erwecken, als alle übrigen Maßnahmen vermöchten: weil er somit leicht erkennt, daß er für "nichts" allen möglichen wirklichen Lebensgenuß (der eine Frage der Tugend ist) aufgegeben hat.

"Das Ziel unserer Laufbahn ist der Tod," schreibt Montaigne. Dieser Gedanke erschreckt uns jeden Augenblick. Der Ausweg der gemeinen Menge ist, den Tod zu verdrängen. Damit geht der Mensch in seine eigene Falle.

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Pogrom (Armenien)

Abdul Hamid sah sich einer von Ägypten und v. a. dem Sudan (Mahdi-Aufstände) ausgehenden panislamischen Bewegung gegenüber, der die realpolitisch schwache Stellung der Türkei - das osmanische Reich war längst eher eine Glaubensgemeinschaft als eine Nation - gar nicht mehr entsprach. Die Religionsführer, Aufwiegler etc. gingen längst im Palast ein und aus, drängten zur islamischen Tat: ein neues Zeitalter war angebrochen, Jahrhunderte der Demütigungen islamischer Mächte durch das Christentum sollten ein Ende finden. Dabei waren christliche Minderheiten ein Dorn im Auge - wie jene in Armenien, noch dazu politisch ein Risiko durch die Grenze mit Rußland, wo ebenfalls eine starke armenische Bevölkerungsgruppe lebte. (Das russische strategische Ziel ist ja bis in diese Jahre gleich geblieben: der Zugang zum v. a. eisfreien Meer, im Norden, wie im Süden über Kleinasien - die Arktisfrage muß man auch vor diesem geopolitischen Hintergrund sehen)

Dazu die Munkeleien, hinter vorgehaltener Hand, die nicht verstummen wollten: er stamme nicht nur von einer armenischen Mutter ab, sondern gar der Vater sei ein armenischer Sklave. Wozu kam, daß im Palast die Armenier gesuchte Kräfte waren, weil sie die islamischen, oft kleinlichen Moralbedenken nicht kannten. So bereitete sich auch der psychologische Boden beim Sultan auf.

So begannen die Provokationen gegen die (christlichen) Armenier. Die wiederum fühlten sich ermutigt wie gestärkt durch die internationale Presse, die Reaktionsbereitschaft sämtlicher westlicher Mächte, einschließlich Rußlands, vorgaukelten.

Aber Rußland hatte (wahrscheinlich aus den Erfahrungen mit Bulgarien heraus) plötzlich kein Interesse mehr an einer Unterstützung. Die Westmächte reagierten ebenfalls nicht, England sah sich Vorteile durch den schwachen Sultan am Suez (ihre Strategie geht mit dem arabischen Aufstand unter Lawrence und dem Einfluß auf den persischen Golf endgültig auf) und will damit den status quo erhalten, Frankreich nützte es gleichermaßen für seine Ambitionen in Nordafrika (wo es bald in Konflikt mit Italien geraten wird). 

Der Deutsche Kaiser wiederum war v. a. durch wirtschaftliche Kooperation bald der engste (sogar: persönliche!) Freund des Sultans, den die ganze diplomatische Welt meidet, ja den man öffentlich als "Mörder" tituliert. Denn auch die deutsche Strategie - Reaktion auf die Beherrschung der Meere durch England - beginnt zu arbeiten, und wird für Jahrzehnte im Rennen um die Machtverteilung in kommenden globalisierten Zeitaltern (DAS Problem europäischer Politikperspektive) unheilvoll weiterwirken: in Einflußnahmen auf den Osten und Südosten, vom Balkan ausgehend, mit dem Fernziel: persischer Golf, Irak, als Ausgleich für mangelnde Kolonien ("Volk ohne Raum!") und Rohstoffe ...

Die verbitterten, panislamistisch leicht beeinflußbaren Zwangsausgesiedelten aus den Einflußverlusten am Balkan wurden zwischenzeitlich in die armenischen Gebiete eingesiedelt. Die Träger der ersten Greueltaten aber waren Kurden, die durch steuerliche Daumenschrauben von den Armeniern nicht mehr bezahlt und damit stillgehalten werden konnten. Alleine in den ersten Tagen des "Volksaufstands" gegen die Christen wurden 60-70.000 Armenier niedergemetzelt. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis auch eine Radikalisierung armenischer Gruppen eintrat.

Zwischen 1890 und 1896 kamen, so schätzt man, mindestens 200.000 Armenier ums Leben. Manche Schätzungen sprechen von einer Million Opfer.



***

Sultanische Paranoia

Sultan Abdul Hamid II. (Sultan von 1876-1909) war so paranoid, daß es gefährlich war, in seiner Gegenwart auch nur mit der Hand zu zucken, oder auch nur diese in die Hosentasche zu stecken: die Wahrscheinlichkeit, daß der durch ständige Übung perfekte Schütze, der ständig zwei, drei Pistolen bei sich trug, einen aus Angst vor Anschlägen sofort erschoß, war hoch.

So geschehen sogar bei einer der Bettgefährtinnen aus seinem Harem, die im (seltenen) Liebesdienst zu einer (vermutlich rein zärtlich gemeinten) Bewegung ansetzte - Bruchteile von Sekunden später lag sie mit einem Schuß in der Schläfe tot im Bett.

Zweitweilig waren die einzigen kampfbereiten Truppen jene 15.000 Mann, die der Sultan bei sich im Yildiz-Kiosk, der neu errichteten Festung des Sultans in Istanbul, konzentrierte. Die übrigen Truppen erhielten häufig nur Platzpatronen.

Die Atmosphäre irrationalen Mißtrauens vergiftete alles, und bewirkte, daß die Umgebung des Sultans bald nur noch von Falschheit und Intrige geprägt war. Denn ein Mensch mit Vernunft und Charakter konnte sich in der Umgebung des Psychopathen Abdul Hamid nicht halten: entweder wurde er sein Opfer, oder er mied ihn aus Klugheit.

Die Haltung dem Tod gegenüber

In einem seiner früheren Essays bedauert Montaigne die Furchtsamkeit, die die Menschen heute fesselt. "Jede Meinung ist stark genug um unter dem Einsatz des Lebens verfochten zu werden."

Gerade unter dem einfachen Volke seien aber oft Gegenbeispiele zu finden, deren Montaigne einige anführt. So erzählt er von einem zum Tode Verurteilten, dem vorgeschlagen worden war, daß er eine stadtbekannte Dirne heiraten solle, dann ließe man ihn am Leben. Ein häufig anzutreffendes Vorgehen. Der Mann besah sich aber die Frau, und als er sah, daß sie hinkte, zog er es unter Spottrufen für die Dirne vor, zu sterben.

Oder: Bei Einnahme de Stadt Arras durch Ludwig XI. (1477; Krieg Frankreich/Habsburger u. a. um Burgund) ließ sich eine erkleckliche Anzahl Bürger lieber hängen als zu rufen: Es lebe der König!

Aber auch Beispiele anderer Art finden sich bei ihm: So habe ein Henker dem Delinquenten von seinem Weinkrug zu trinken angeboten. Der habe aber abgelehnt. er fürchte, sich von den Blattern anzustecken, die in der Gegend grassierten.

Ein anderer habe gebeten, ihn zum Galgen nicht durch eine bestimmte Gasse zu führen. Dort sei ein Schneider zuhause, dem er noch Geld schulde, was ihm peinlich sei.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Verrückte Welten, fern des Bettes der Vernunft

Was in dem aktuellen Film der Coen-Brothers "Burn after reading" am Augenfälligsten ist, ist der Umstand, daß diese scheinbar verrückten Menschen des Alltags den heutigen Menschen darstellen, wie er realistischer kaum darzustellen wäre: völlig eingesponnen, ja erstickt in Teillogizismen, deren Irrsinn im Insgesamt man, inmitten des alltäglichen schnellen Lebens, kaum noch bemerkt. Wo immer umfassendere, aber in sich geschlossene Systeme (hier: CIA etc.) noch mit gewissen Logiken agieren, stehen sie diesen Phänomen gegenüber wie Menschen, die stachelige Kastanien in Händen halten (müssen). Ja, die einzigen im Insgesamt vernünftigen oder eine solche Vernunft (aus Wirklichkeitsdruck und -ernst) ahnen lassende Aussagen kommen ... von diesen Geheimorganisationen. Bzw. von wenigen Menschen, die sich noch Vernunft bewahrt haben, damit aber wie Fremde in einer emanzipierten Welt herumtorkeln, die sie nicht mehr verstehen.

Köstlich deshalb u. a. die Zeichnung der Personen der russischen Botschaft, die - wie aus einer anderen Zeit und Welt kommend - am klarsten sehen und handeln. Illustrierend für diese Aussage auch: der Manager des Fitneßstudios, der die Proponentin tatsächlich liebt, sie aber nicht auf den Boden der Wirklichkeit zu ziehen vermag, und deshalb sich selbst entwurzelt, um sie zu erreichen. Was ihn aber teuer zu stehen kommt.

Der Coen's Darstellungen mögen uns übertrieben vorkommen, vielleicht ist es das in dieser Dichte selbst für US-amerikanische Verhältnisse. Genau dann aber ist es das m. E. aber nicht: hier ist der Film lediglich (wie Kunst eben ist) prophetisch. Sieht bereits im Gegenwärtigen, was zukünftig sein wird.

Die Coen's zeigen diese Gegenwart. Der alltägliche Mensch heute ist nicht mehr vernünftig, und er vermag das auch gar nicht mehr zu sein: er befindet sich in keinem Insgesamt mehr, in keiner Ordnung, die seine sozialen Bezüge noch sinnvoll macht. Diese sind nur noch und bestenfalls kurzfristige Anlaufstellen für zu befriedigende weil an die Oberfläche kommende Bedürfnisse.

In Händen riesige Mengen an Puzzleteilen, aus allen möglichen Gesamtbildern herausgerissene Versatzstücke, die allesamt nicht mehr zusammenpassen, ja das auch gar nicht können, "gezwungen zu leben", schlägt er nur noch blind um sich. Was da auf uns noch zukommt, vermag man derzeit kaum abzuschätzen. Irrsinn ist es allemal.

U. a. schon in dem ebenfalls exzellenten Film "Fargo" haben sich die Coen-Brüder im Grunde bereits mit diesem Thema befaßt: der Berührung einer Welt der Vernunft, die vor diesem Vordergrund "konservativ" scheint, ja sich mit dieser Attitüde sogar zu schützen sucht, in der Berührung mit der heutigen Welt, wo der Einzelne in geschlossenen, in sich gespenstisch stimmigen Teilwelten der Verrücktheit subsistiert. In der Chronik Ihres Schaffens zeichnen sie somit die Entwicklung der westlichen Gesellschaft nach, und zeigen in "Burn after reading" fast berichthaft deren Entwicklung hin zu einer verrückten Welt, in der nichts und niemand mehr Halt findet. Wo jedes wirkliche, genuin menschliche Streben und Bedürfnis karrikaturhaft nachgezeichnet, aber nicht mehr erreicht wird.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Ohne Religio kein Staat

Der Scheik-ul-Islam hatte im osmanischen Reich die Macht des Richterspruchs selbst über den sonst allmächtigen Sultan. Auch er war also dem Koran und seiner Gesetzessammlung unterworfen. Ein Richterspruch von diesem Gremium ist ganz schlicht mit einem Richtspruch der Verfassungsgerichtshöfe vergleichbar!

Die Verfassungen - wie auch immer sie aussehen, und was ihren Rang genießt - haben schlicht die Rolle der Religionsgemeinschaften gegenüber den Staatslenkern eingenommen.

Zum Ausdruck, daß auch heute über allem Staatswesen ein dieses konstituierende Werte- und Herkunftsbewußtsein steht. Jede Regierung benötigt den Ausweis der Legitimität. Fehlt er, stürzt sie, bleibt ihr bestenfalls das Mittel der totalitären (aus sich selbst Autorität schöpfenden) Gewalt.

Vom geträumten Halbmond

Als Statthalter der degenerierten Seldschuken regierte der Türkenfürst Erthogrul im 13. Jhd. Armenien. Als der Druck der Mongolen aus dem Osten nicht nachließ, zog dieser mit seinem Stamm nach Kleinasien weiter.

Sein Sohn Osman trat dem muslimischen Glauben bei, und bewarb sich um die Tochter eines mächtigen Scheikhs der Seldschuken. Aber ohne Erfolg: er war zu geringen Standes.

Eines Nachts träumte Osman, daß er dieses Mädchen zur Frau nahm, worauf sie einen Halbmond gebar, der sich weitete und bald über die ganze Erde rundete. Diesen Traum deutete er als die Prophezeiung eines Weltreiches.

Der Scheikh, der von diesem Traum gehört hatte, wollte sich diese Chance für seine Familie nicht entgehen lassen. Er gestattete die Mesalliance.

Montag, 13. Oktober 2008

Man stirbt immer durch einen Fehler

Markus Hengstschläger im Interview: "Altern ist eine Anhäufung von Fehlern. Beim Zellteilungsprozeß - dem Lebensprozeß schlechthin - passieren immer wieder Fehler. Viele werden ausgeglichen, aber nicht alle. Die häufen sich - bis sie eine Tages als Konsequenz tödlich sind."

"Man wird nicht talentiert - man ist es. Es ist in die Wiege gelegt, oder nicht. Ich bin nicht musikalisch talentiert, zum Biespiel, sondern nur enthusiastisch. Aber auch ein Herbert Grönemeyer hat sich gegen seine Gene entschieden: er hat nicht da beste Rüstzeug für diesen Job. Bei Starmania würde er beim Casting durchfallen. Etwas Neues, Geniales zu bewirken ist die Kombination verschiedener Talente, oft für sich kleinerer Dinge. Man braucht immer und überall Leute, die etwas Neues schaffen. Die Wiederholung von etwas interessiert niemanden. So gesehen hat jeder Mensch kraft seiner Individualität etwas Neues, Besonderes. Jeder kann deshalb etwas Besonderes bewirken."

"Neues bewirkt man nur durch den Geist. Kein noch so gesundes Sportbetreiben vermag dasselbe zu leisten."

"Man darf Vertrauen von Risiko nicht entkoppeln."


Hengstschläger meint, daß der Mensch per se aus der Zellstruktur heraus quasi "unendlich alt" werden könne. Schon in vier, fünf Generationen sei bei anhaltendem Fortschritt der Medizin ein Lebensalter von 180 Jahren völlig realistisch. Entsprechende Organe würden dann z. B. einfach nachgezüchtet und transplantiert.

Das ist ja alles noch recht interessant, was der da sagt, der übrigens Mitglied des päpstlichen Rates der Wissenschaften ist. Ein bissel viel glaubt er vielleicht an die Mechanik der Biologie, das wäre aber noch verständlich. Grotesk wird es jedoch bei Aussagen wie:

"Ich bin sogar tief gläubig. Aber ich kann mit manchem der Kirche nicht: ich glaube überhaupt nicht, daß die Welt erschaffen ist. Die Bibel ist ja die Grundlage dessen, was man glaubt. Aber mir wäre es nie eingefallen, ihre Aussagen als wissenschaftlich stichhaltig zu nehmen. Außerdem geht mir vieles an der Institution zu weit - z. B. was die Kirche zur Sexualität sagt etc. Nur wer dabei sein kann, kann etwas verändern. Am Tennisclub, wo ich Mitglied bin, paßt mir ja auch manches nicht, und trotzdem bin ich Mitglied."

Na szervusz - da werden erhellende Einblicke gegeben. Wie sagte seine Mutter noch? Er solle achtgeben, daß er nicht hochmütig werde.

Ab wann man ein Schicksal hat

Ein Genetiker schreibt, daß das Schicksal des Menschen von dem Moment an feststeht, in welchem sich Eizelle und Same verbinden.

Auch das Schicksal, ob man ein Schicksal hat, wie Doderer einmal schreibt.

Bleibt interessant, daß Viren und Gene sich im Bau als Nukleoproteide sehr ähnlich sind: es sind Merkmalsträger.

Die Gefährlichkeit des Krieges liegt nicht am Schlachtfeld

Von 1792 bis 1815 (in den napoleonischen Kriegen) wurden insgesamt 4,5 Mio. Franzosen für das Heer verpflichtet (ausgehoben). Davon starben 150.000 auf den Schlachtfeldern.

2,5 Mio starben in den Hospitälern, wobei das Wundfieber die häufigste Todesursache war. Dicht gefolgt von Cholera, Fleckfieber und Malaria.

Im Krieg 1870/71 verloren die Franzosen 150.000 Soldaten durch Seuchen, während die Preußen bereits verpflichtende Schutzimpfungen (Cholera) eingeführt hatten und kaum 3.000 Soldaten durch Krankheiten verloren.

Malaria und Fleckfieber waren es auch, die verhinderten, daß Frankreich und England von Griechenland her Österreich-Ungarn 1914/18 (sieht man von der Schlußphase ab, wo die österr.-ungar. Armee durch Selbstauflösung zusammenbrach) ernsthaft gefährden konnten: von 115.000 in Saloniki stationierten Soldaten waren manchmal kaum 20.000 einsatzbereit, der Rest lag in Spitälern. Die Folgen wären gravierend gewesen, hätten die Mittelmächte das wahre Ausmaß der Epidemien gekannt. Denn recht eigentlich hätten sie ohne nennenswerten Widerstand bis zur Ägäis durchmarschieren können.

Die Medizin schritt gerade in diesen Jahren aber enorm voran: Im deutschen Heer gab es 1914-1918 zwar immer noch 155.376 an Ruhr Erkrankte, und 8.646 überlebten die Dysentrie nicht. Aber von 5.686.937 Verwundeten waren nach Behandlung nur 350.000 dienstunbrauchbar! Weltweit waren es 27 Mio Verwundete, von denen immerhin 98,4 % überlebten, mit 95,8 % Dienstfähigkeit. Die Wundkrankheiten waren nahezu vollständig zurückgedrängt.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Glück ist, wenn man angekommen ist


Der Regensburger Soziologe, Prof. em. (Regensburg, St. Gallen, Basel, Trento) DDr. Robert Hettlage (D) im Radiogespräch über das Glück:

"Fragt man alte Menschen, egal welcher sozialen Schichte, was in ihrem Leben glücklich war, so kommt eigentlich ausschließlich das Erinnern an die Familie zum Vorschein, nämlich auch dort, wo die eigene Familie scheiterte: dann zählt die Kindheit. Glück läßt sich vielleicht wirklich so definieren: dann ist man glücklich, wenn man verstanden wird, wenn man angekommen ist, wenn man zuhause ist - wo einfach die Schwingungen stimmen. Da genügen einige wenige Menschen."

"Glück hat mit sozialen Anbindungen zu tun: die sind notwendig fürs Glück. Und man wird diese Einbindungen auch nie los."

"Gerade auch, wenn die beruflichen Aufgaben weniger werden - immer ist es dann die generationenübergreifende Familie, die noch übrigbleibt. Fehlen diese Bezugspersonen, bleibt nur Egoismus, den die Alten selber als unwürdige Existenz begreifen."

"Frauen sind weniger glücklich als Männer, und häufiger depressiv. Das hatte früher wohl damit zu tun, als die Familie als Gefängnis, zumindest teilweise, empfunden wurde. Einen Ausweg aus dieser Eintönigkeit gab es kaum, die Anbindungen and ie Außenwelt fehlten. Das ist heute zwar anders, aber die Frauen sind nach wie vor die unglücklicheren: Sie erleben, eingespannt zwischen Familie und Beruf, von letzterem sie trotz der hohen Belastung nicht lassen wollen, heute ein Scheitern ihrer hohen Kommunikationsanforderungen."

"Die Menschen heute kommen durch die langen Ausbildungszeiten sehr spät erst in der Gesellschaft an. In den Examen - da sitzen einem 30jährige gegenüber, die zwar viel gesehen haben, überall waren, aber Kinder sind: sie sind noch niemand, nicht angekommen, erst dabei sich die Zutrittsgenehmigungen für die Gesellschaft zu erwerben. Das war früher sicher anders: die Menschen waren früher erwachsen."

"Die Politik ist immer dann gefährlich gewesen, wenn sie sich verantwortlich für das individuelle Glück er´klärte. Das ist Privatsache: die Glücksfindung. Die Politik kann nur die Rahmen schaffen. Dazu gehört sicher, die Belastung der Frauen zu vermindern, gerade vor dem Hintergrund, daß Familie Bedingung für Glück ist. Früher z. B. waren die Kinder nach der Schule sich selbst überlassen, es gab eine eigene Kinderwelt: wie liefen auf die Straße, trafen sich auf den Plätzen. Das gibt es nicht mehr. Stattdessen beginnt weiterer Terminstreß, Ausbildungstermine etc. Oder es ist zu gefährlich, z. B. die Kinder auf die Straße zu schicken."

"Rollenbilder sind so komplex, daß wir nicht wissen, wie die entstehen oder veränderbar sind. Was in den 50er Jahre passierte war eine Revolution, die vorwiegend durch den Bedarf an Arbeitskräften entstand, die die Frauen in den Produktionsprozeß holte. Dennoch gibt es in interessantes Phänomen: Frauen werden nach der 'Babypause' selber ambivalent. Damit werden sie für die Betriebe weniger berechenbar, die sie durchaus als qualifizierte, ausgebildete und erfahrene Arbeitskräfte wieder zurückhaben wollen. Aber Frauen beklagen sehr die Härte der Arbeitswelt, die diesem oft überraschenden Glück in der Familie gegenübersteht. Trotzdem ist zu beobachten, daß man nicht verstanden wird wenn man die Frauen fragt: warum also wollt ihr in diese harte kapitalistische Welt überhaupt rein? Warum nicht in der Familie bleiben?

Männer haben keine Alternative. Frauen können ihre Rollen ja wählen: Familie und Beruf. Nicht so Männer. Es gab einen Stern-Journalisten, der sich entschied, Hausmann zu sein, und darüber ein Buch schrieb. Dennoch - nach ein paar Jahren kam er zurück, und er bekannte ein: es war für ihn unvereinbar mit seinem Selbstbild, mit dem Bild das er als Mann von sich hatte. Als Hausmann war er eine gesellschaftliche Null, und damit wurde er nicht fertig. Das muß man einfach auch in der Gender-Forschung zur Kenntnis nehmen."

"Die Komplexität heute - durch die Globalisierung - ist von niemandem beherrscht und beherrschbar. Und mit einem mal wird der kleine soziale Bezug wieder so wichtig, um zu verankern: Heimat, Familie, die Denkmalpflege, die Erinnerung ... Da kann man wieder gestalten, da überschaut man die Problematiken."

"Die 68er-Bewegung hat die Familienbezüge geöffnet. Heute verlangen wir wieder nach mehr geschlossenen Räumen, die Offenheit war uns zu weit."

"Ich glaube nicht an die Single-Gesellschaft. Zwar haben wir viele Singles, aber die meisten sind unechte Singles: ungewollt, oder aus Witwerschaft, in Partnerschaft, etc. Echte Singles sind vielleicht 5 Prozent, und fast alle davon sagen: wir suchen einen Partner! Die Singlegesellschaft ist eine Chimäre."

"Wenn man diese Patchwork-Verbindungen ansieht, so täuscht man sich gerne. Überall sind gewaltige Verletzungen da, und die verfolgen die Menschen bis ins hohe Alter. Familie ist nicht so einfach ersetzbar, weshalb man sich auch Scheidungen viel besser überlegen sollte. Man könnte z. B. einen Ehevertrag aufsetzen, wo man vereinbart, daß im Scheidungsfall eine Mediation verpflichtend zu konsultieren wird. Es fehlt heute ja schlicht oft an Sozialtechniken."

Zum (eigenen) Pensionsalter (Hettlage ist 60): "Wir sind so eingespannt, daß wir nicht zum Nachdenken kommen. Man publiziert, initiiert ständig, und kommt nicht mehr zum Nachdenken. Ob man mit 65 dieses Podest der Eitelkeit verlassen kann, hängt davon ab, ob man genug Substanz angehäuft hat, das zu verkraften. Vielleicht kommt in diesem Schauen, Zuhören, das nun als neue Phase ansteht, doch ein wenig Weisheit vorbei."

Literaturliste DDr. Hettlage

Dienstag, 7. Oktober 2008

Scham und Ehre

Kaiser Maximilian hatte ein so ausgeprägtes Schamgefühl, daß er es nicht nur ablehnte, seinen Topfstuhl (wie es Fürstensitte war) auch zum Thron zu machen, sondern er verweigerte sich, in Gegenwart selbst seiner intimsten Kammerdiener Wasser zu lassen. Er verfügte ferner, daß seiner Leiche im Fall, er stürbe nächtens, Unterhosen anzuziehen seien.

Montaigne, der davon berichtet, meint aber, daß der Kaiser inkonsequenterweise verabsäumt hätte, ein Kodizill hinzuzufügen: daß nämlich demjenigen, der ihm diese Hosen anzog, auch die Augen zu verbinden seien.

Jeder Gegner muß krank sein

Da scheint es aber ein generelles Defizit im Verständnis von Staat zu geben, das Ministerin Schmied - zuständig für Bildung, Unterricht und Wissenschaft - aufweist. Vor kurzem war an dieser Stelle die Rede von Erlässen, die Ideologiezwang für den Unterricht bloßlegten.

Nun macht sich dieselbe Ministerin Gedanken (siehe Titelverlinkung), was denn da "falsch gelaufen sei", daß junge Menschen zu einem Drittel "rechtspopulistisch" gewählt hätten. Diese Parteien zu wählen könne nur Erweis von Unfreiheit und bedenklicher Persönlichkeitsentwicklung sein. Unausgesprochen: also müsse in den Schulen überlegt werden, wie ideologisch vorgegangen werden könne, um diese Entwicklungen zu stoppen.

Nun: ich bin kein Freund dieser Parteien, von denen hier die Rede ist. Aber ich bin kein Freund egal welcher Partei. Doch einen Mitspieler im demokratischen Spektrum so darzustellen, daß diesen zu wählen objektiv ein Defekt, eine Unfreiheit darstellen müsse, ist eine ganz beachtliche Leistung! Daß Politiker so offen bereits versuchen, den Staat für ihre ideologischen Zielsetzungen - wo nur das zulässig ist, was sein soll, nicht was ist - zu mißbrauchen, ist starker Tobak.

So war sie aber immer, die Linke: wer nicht für sie war, mußte einen "wissenschaftlich belegbaren" Defekt haben. Links denkt man nicht, denn denken ist nicht deren Sache, da können sie noch so viel lügen: Links IST man. Und alle anderen haben kein Existenzrecht, werden bestenfalls bis zu einer bestimmten Größe geduldet. Sonst kommt der böse Mann.

Warum die Jugend "rechts" wählt? Nach meiner Erfahrung besteht bei den jungen Menschen nach Jahrzehnten der ideologischen Manipulation im Namen einer "modernen Pädagogik" - vom Kindergarten bis zur Universität - mehr als Überdruß an all diesen Ideologien. Das ist der eine Grund. Anderseits haben diese jungen Menschen keinen Mut, wirklich aufzustehen, also können sich die Grünen und die Sozialisten wieder beruhigen: denn sie haben erlebt, daß frei zu denken - sich also nur auf die eigene Wahrhaftigkeit zu stützen, wie es Montaigne tat - für die jungen Menschen emotional mit dem totalen Nichts belegt ist; die Einbettung in die Welt wurde und wird mit Ideologie belegt. Nur, wer sich bestimmter Haltungen befleißigt, hat ein Recht dazuzugehören - ansonsten wird er einem Umerziehungsprogramm unterworfen werden. Mit welchem Recht? Mit dem Recht der "Wissenschaftlichkeit"

Damit der Kreis geschlossen bleibt, wird von der Linken auch immer noch definiert, was Wissenschaftlichkeit denn sei: nur, was bestimmtem Dogmatismus, bestimmtem Verhalten entspricht. Wer nicht links denkt, kann nicht wissenschaftlich orientiert sein.

Wer sich zur eigenen Freiheit erhebt, fällt aus dieser zur Urmutter stilisierten gespensterhaften Volksgemeinschaft des Wohlverhaltens heraus. Diese Angst (mehr ist es ja nicht; die Linke hat ja nur Phantome, potemkinsche Dörfer aufgebaut) hält eh keiner aus.

Auch das: eine Waffe der Frau.

Montag, 6. Oktober 2008

Kein Parteigänger

"Der Vorzug des Bestehenden ist schlicht, daß es besteht." So schreibt sinngemäß Michel de Montaigne in seinen Essays Mitte des 16. Jhds. Er lehnt den Protestantismus deshalb ab, weil um das Bestehende umzuwerfen ein Maß an Überzeugtheit notwendig ist, das ihm das Maß der Menschlichkeit längst zu überschreiten scheint. Es ist ihm suspekt, von derartiger Gewißheit ausgehen zu sollen, daß auch letzte Wahrheiten davon umgewälzt werden könnten. Religion ist ihm primär immer das Überkommene, ihm Gegebene. Es ist unmöglich, das Geglaubte letztlich zu definieren - umso mehr also auch, es zu hinterfragen. Aus demselben Grund ist ihm das Wüten der Gegenreformation suspekt und ablehnenswert. Montaigne war nie Parteigänger, egal welcher Parteiung. Das war für alle Seiten unverzeihlich an ihm - keine hat ihn vereinnahmt, er war keiner zuverlässig genug.

So ist der Mensch, so ist die Wirtschaft

"Eigentlich eine Riesensauerei, die da passiert ist," meinte K, der Mann von der Bank. Der Bedarf an hochverzinslichen Anlagen - vorwiegend aus Europa und Asien - hatte bewirkt, daß sich die Kreditfonds aus den USA größter Nachfrage erfreuten.

In den USA wiederum hatte dies nicht einfach nur zu einem Boom auf Immobilienkredite geführt. Sondern diese Kredite wurden den Konsumenten regelrecht "aufgedrängt": steigende Immobilienpreise hatten die Versuchung groß werden lassen, Immobilien sogar ÜBER den momentnen Markpreis hinaus zu belehnen - 120 Prozent Belehnung waren keine Seltenheit. Gleichzeitig hatte man auch unteren Einkommensschichten durch Tilgungsfreistellungen (es waren nur die - niedrigen - Zinsen als Raten zu zahlen) den Mund auf Kredite wässrig gemacht. Mit der Perspektive, daß weiterhin steigende Preise in wenigen Jahren diese Kredite sogar noch zu einem Geschäft werden ließen. Selbst Arbeitslosigkeit war da kein Hindernis mehr, solche Kredite zu bekommen; ja viele haben sogar von diesem "zuviel" an Kreditgeld gelebt, in der Hoffnung auf weiterhin steigende Immobilienpreise. Solange stiegen diese auch - kein Wunder, bei der künstlich angekurbelten Nachfrage?!

Nichts anderes war ja schon 1929 beim Börsencrash passiert: Auf Kredit wurden Anlagen (damals: Wertpapiere) gekauft, deren Wert - so erwarteten es alle - durch die Marktentwicklung steigen würde, sodaß sich der Kaufpreis von selbst, zuzüglich eines satten Gewinns, bezahlen sollte.

Dem Staat war das auch diesmal nur recht. Schon gar, weil seit Jahrzehnten die USA Konjunkturpolitik vorwiegend über Geldmengenvermehrung (=Nachfragesteigerung) und (niedrige) Zinsen betreibt (und damit, wie F immer so wütend bemerkte, natürliche Marktmechanismen für notwendige Strukturbereinigungen und Innvoationsschübe ausschaltet). So wurde die Konjunktur angekurbelt, was den gerade gewählten Politikern nur recht war.

Konkret angekurbelt und getragen wurde dieses Geschäft durch die Investmentgesellschaften, durch die Anlageberater etc. Meist simple Angestellte, provisionsabhängige Verkäufer, nicht mehr. Denn die bekamen angesichts solcher Verkaufserfolge Millionengagen an Provisionen ausbezahlt. Alle schienen glücklich, die wunderbare Geldvermehrungsmaschine war erneut erfunden. Die Kredite selbst wanderten sofort in die Fonds, die europäische Banken, deren Geldtöpfe mit den Geldern aus Pensionsfonds und Vorsorgeersparnissen gefüllt waren, aus den Händen rissen. Die Kreditgeber selbst hatten vorerst so gut wie kein Risiko zu beklagen, oder sicherten sich durch Versicherungen ab. Selbst die Versicherungsgesellschaften (über weltweite Rückversicherungen vernetzt) wurden so involviert.

Aber: die Preise fielen. Denn es kam allmählich zu einem Überangebot an Immobilien. Wenn die Errichtung neuer Immobilien leicht fällt, weil die Kredite leicht zu haben und billig sind, ist das naheliegend. Sehr rasch stellten die Verkäufer fest, daß diese am Markt kaum - oder nur zu weit geringeren Preisen als vorgestellt - unterzubringen waren. Und mit einem mal ... waren die Kredite nicht mehr wertgesichert, Firmen und vor allem Banken unterkapitalisiert usw. usf.! Damit brach Panik aus. Und nicht nur jene Kredite waren damit faul, die ohnehin mit höchstem Risiko gehandelt worden waren, sondern zunehmend auch jene mit niedrigerem Risiko: Die Banken mußten handeln, mußten Kredite fällig stellen, mußten ihr Eigenkapital erhöhen (z. B. durch Kreditrückforderungen, verstärkt schließlich sogar bei den guten Bonitäten), sonst wären sie insolvent geworden.

Wie im Dominospiel purzelten die Steine, und ein Ende dieser Wertberichtigungsprozesse ist derzeit immer noch nicht absehbar. Angefangen hat es, weil diese verdammten Verkäufer nur eines wollten: mehr verkaufen.

Samstag, 4. Oktober 2008

Baader-Meinhof-Komplex; letzte Rätsel

Die immer wieder aufgestellte Behauptung, daß die Selbstmorde der Köpfe der Baader-Meinhof-"Bande" in Stuttgart Stammheim im Oktober 1977 staatlich organisierte Morde waren, scheint mit Sicherheit auszuschließen zu sein. Soweit die Geschichtsforschung, soweit alle Beteiligten.

Nicht ganz klar ist, wie weit die Behörden vom bevorstehenden Selbstmord (durch Abhören in der Todesnacht - unterlassene Hilfeleistung nicht nur, sondern Handlungspflicht für Schutzbefohlene: Tötungsdelikt durch Unterlassung also) informiert waren. Zumal Abhörmaßnahmen in jenem Herbst bewiesen und zugegeben sind.

Warum diese Abhörmaßnahmen? Es war erwiesen, daß von den Zellen aus terroristische Anschläge organisiert worden waren. Die Isolierung der Inhaftierten von der Außenwelt war bei weitem nicht so lückenlos wie intendiert.

Es gilt z. B. als ziemlich klar, daß die Häftlinge sich untereinander verständigen konnten.

Immerhin weiß ich noch aus eigener Erfahrung, wie sehr u. a. diese Behauptung der Ermordung der RAF-Köpfe bei mir als Jugendlichem (in Rebellion) wie bei anderen den Opfer-, ja Märtyrermythos und damit die Bereitwilligkeit zur Identifikation - und damit weltanschauliche Weichenstellungen lostrat, die immer zuerst als Gemütsbewegung artikuliert sind - genährt hat. (Soviel auch von dieser Stelle zur Bedeutung des Opfermythos.)

Immer noch nicht bis ins Detail geklärt sind manche Morde der 90er Jahre - wie jener an Hanns Martin Schleyer.

Ziel der (damals schon: rechtlich zweifelhaften) Abhöraktionen war, die Gespräche der Gefangenen untereinander abzuhören. (Nicht der in unseren Rechtsverhältnissen unerlaubte Eingriff in das Verhältnis Anwalt-Mandant, wie andere behaupten.) Es scheint jedoch festzustehen, daß eben ausschließlich Besprechungszimmer abgehört worden waren. Damit wäre der eine Rechtsbruch erwiesen, das Verbrechen s. o. aber von der Hand.

Nichts ist an dem Gerücht, es habe bereits in den 1970ern einen V-Mann aus der Führungsriege der RAF (Rote-Armee-Fraktion) zum Verfassungsschutz in Deutschland gegeben. Auch die Stasi der DDR - die abgesprungene RAF-Terroristen aufnahm - wußte solches nur vom Hörensagen. Erst Anfang der 1990er Jahre gelang diese Einschleusung.

Im übrigen gab es sehr wohl einige rechtliche Fauxpas und Fehlurteile der deutschen Justiz - so in der Verurteilung von RAF-Mitgliedern für Bankeinbrüche (übliches Mittel der RAF zur Geldbeschaffung), von denen man mittlerweile weiß, daß die konkret Verurteilten sie nicht durchgeführt haben können.

Zwischenfinanzierung

Vielleicht sollte man gerade in diesen Zeiten bei den harten Fakten bleiben: die nun vom amerikanischen Kongreß beschlossene Hilfe von 700 Milliarden Dollar sind nicht einfach Ausgaben, sondern denen stehen genau jene Immobilien an Wert gegenüber, die mit diesen leidend gewordenen Krediten gekauft bzw. errichtet worden sind. Im Grunde ist diese Finanzhilfe also eine Art "Zwischenfinanzierung", oder, je nach Sichtweise, Verstaatlichung.

Je nach Bewertung und Entwicklung gehen die meisten Wirtschaftsexperten davon aus, daß von diesen 700 Milliarden Dollar ca. 40 % den Steuerzahler belasten werden. Rein theoretisch könnte es sogar zu Überschüssen in diesem Fonds kommen.

Strukturen organisierter Verantwortungslosigkeit

Befaßt man sich näher mit den Vorgängen und Ursachen rund um die derzeitige und seit Monaten das Geschehen weltweit in Spannung haltende Finanzkrise fällt immer mehr eines auf: die Fülle an Derivatprodukten (Finanzprodukte, die auf ein einziges Grundrisiko und -investment bzw. dessen Perspektiven und Risken weiter aufbauen, damit die beteiligten Geldmengen vermehren) haben sich zunehmend völlig vom Grundgeschäft abgekoppelt, und: Sie sind sämtlich Produkte der Ab- und Weitergabe von Verantwortung!

Damit liegt hier alles im Trend: die Verantwortung für das eigene Handeln nicht zu übernehmen, die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung zu verwischen.

Das Dominospiel begann, als plötzlich ins Bewußtsein drang, daß es doch ein wirtschaftliches Grundrisiko gibt: daß z. B. Immobilienpreise auch einmal fallen können.

Freitag, 3. Oktober 2008

Es fehlte an Reflexion

Die gegenwärtige und gewaltige Finanzkrise der Weltwirtschaft, die mit normalen marktwirtschaftlichen Vorgängen keineswegs mehr erklärbar ist, zeigt eines jedenfalls: Es hat an Faktoren gefehlt, die reflektieren, was bei all diesen Finanzvorgängen "theoretisch" und im Ganzen gedacht passiert. Alle waren viel zu sehr damit befaßt, ihre Interessen zu vertreten, hatten viel zu viel Interesse vor allem daran, daßdiese Blasen positiv ausgehen. Mit praktisch ganz simplen Ursachen, deretwegen sie dies nicht taten: weil der Mensch nämlich so ist.

So hat die Praxis des Beleihens von Krediten dazu geführt, daß die Vergabe von Krediten selbst aufrund des für die Banken verringerten Risikos diese Risken selbst immer weiter steigerte: Kredite wurden immer sorgloser vergeben. Am Risiko waren ja weltweit Anleger beteiligt. Die allesamt diese hohen Zinsen brauchten, weiter darauf aufbauten. Das Risiko für den Kreditgeber ist damit selbstverständlich geringer geworden - warum hätte der nicht entsprechend handeln sollen?

Man hat sie nicht ernst genommen: die Philosophen, die Künstler.
Und: diese haben auch versagt, haben keine "Auskunft gegeben". Vielleicht hätte man sie gehört.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Untergehen oder retten

Maxence van der Meersch läßt in "Leib und Seele" eine Figur sagen, daß wir keine Wahl haben als an die menschliche Veränderbarkeit zu glauben, an das Gute, das ihm immer möglich ist. "Wenn ich das nicht mehr glaubte, so könnte ich nur Abscheu empfinden. So liebe ich sie (die Menschen) als etwas, das uns aufgegeben ist. Wer dies Hoffnung aufgibt, gibt das Leben auf. Wenn der Mensch nicht mehr daran glaubt, daß er seinen Bruder retten kann, ist er verloren: Untergehen oder retten. Dieses Wort von Giovanni Papini ist ein Schlüssel zum ganzen Leben."