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Samstag, 31. Januar 2009

Es war alles nur Schimäre

Nun gibt es Zahlen, Hans Rauscher bringt sie im Standard-Artikel (Titelverlinkung), wo er die Sachlage auf den Punkt bringt:

Die Osterweiterung, deren wirtschaftlicher Segen für Österreich durch großzügige Kredite der österreichischen Bankenlandschaft (ausnahmslos) in Höhe von 230 Milliarden (230.000.000.000) Euro (das sind knapp 3 Billionen Schilling, also 3.000.000.000.000 Schilling) vorfinanziert wurde - ist eine für heute so typische Luftblase gewesen. Jene "Hoffnung", die rechtfertigte, über Kredite das Wirtschaftsvolumen aufzublasen, weil dieses zusätzliche erschaffene Geld ja irgendwann zurückgezahlt werden könne, ist weggebrochen, nun geht es ans Zahlen.

(Nur auf solchem Hoffnungshandel beruht nämlich diese Art des Wirtschaftens, sowie auf der Annahme, daß es ein fehlerfreies System geben kann, man muß nur alle Störfaktoren ausschalten. Das zur Totalität fast unausweichlich führende Aggressionspotential dieser Art des Wirtschaftens, in der alles bereits zum technischen Vorgang verkommen muß, dem alle Menschen schlicht zu dienen haben, kann man sich also ganz leicht ausrechnen.)

Nun können diese Staaten diese Kredite nicht mehr zurückzahlen. Wir werden sie ohne Zweifel zum Teil zumindest selber bezahlen müssen, nur dann sind diese Kredite nämlich überhaupt noch etwas wert: wenn wir dieselben Kredite retten, die wir vergeben haben. Und das müssen wir, sonst ist auch unsere Bilanz dramatisch: gehen unsere Banken flöten, geht unser System, in dem wir's uns so gemütlich eingerichtet haben, flöten.

Man darf also die Oststaaten nicht pleitegehen lassen, will man unser eigenes System am Leben halten! Wobei wir aus denselben Gründen, aus denen heraus nun alles so bedrohlich aussieht, diese EU-Erweiterung lautstark als "nötig" gefordert erlebten. NUR dadurch konnte ein weit früherer Kollaps unserer Mechanismen verhindert werden. Da war es nur eine Formalität, diesen Staaten auch die Gelder gleich zu geben, mit denen sie dann - bei uns, durch die gesteigerte Nachfrage, bei ihnen durch den noch verbleibenden Rest der mit Geld künstlich geschaffenen Nachfrage - Wirtschaftswachstum produzieren sollten. Nur hatte das System einen kleinen Haken ... wie jedes System gibt es am Fuß dieser Pyramide ... Menschen. Sie stehen nicht nur im ehemaligen Osten und sind letztlich das einzige Kriterium, sondern sie standen auch in den USA, von wo (aber das müßte man noch breiter untersuchen, ob denn das überhaupt so war, lassen wir mal die Formulierung: dort wurde es am ersten sichtbar) diese derzeitige Krise, die ein Kollaps ist, keine Krise, seinen Ausgang nahm. Man hat nicht mit dem Faktor Mensch gerechnet ... der nicht einfach beliebig "Wirtschaftsleistung á la Turbokapitalismus" erbringt, der das längst auch bei uns völlig übersteigerte Wirtschaftssystem noch hätte retten können. Und das haben wir im Grunde erhofft! Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Nun suchen die Werte einen realistischen, einen glaubwürdigen Grund, und sieh da ... dieses Spiel des (angeblich aber nur jemals) Geglaubten beginnt zusammenzufallen, wie ein Kartenhaus, wie ein Dominospiel - ein Stein wirft den anderen.

Rauscher und EU-"Fachleute" sprechen von mindestens 100 Milliarden Euro "Berichtigungsbedarf". Nur für Österreichs Banken, wohlgemerkt. Die - wie hieß es so schön? - in den letzten 10 Jahren einen beispiellosen Erfolgszug hingelegt hatten, vor lauter Tüchtigkeit platzten ja die Bilanzen vor Gewinnen. Ah ja, ich verstehe.

Noch einmal, zum Mitschreiben: man verkaufte etwas, das der Osten sich nicht hätte leisten können. Aber weil wir die Ware sonst nicht abgesetzt hätten, gab man ihm auch das Geld, damit dieser überhaupt Kunde sein konnte, und zwar aus den zukünftigen Erträgen, die man mit dem Verkauf erzielte ... nein: erzielen WOLLTE weil mußte - das hat man uns dann als positiven Effekt der Osterweiterung der EU verkauft, der wir angeblich unseren Wohlstand (der nur noch ein Aspekt eines unbedingt notwendigen Wirtschaftswachstums war) verdanken.

Verwirrt? Aber es ist doch recht einfach?

Jetzt können diese Oststaaten ganz einfach nicht nur nichts mehr kaufen, weshalb unsere Produkte in den Lagern verrotten, oder gleich: gar nichts mehr produziert wird, mangels Abnehmer, weil nur noch ein Irrer weitere Kredite geben würde, nicht einmal mehr österreichische Banken das tun, sind alle Schienen in eine rosige Wachstumszukunft abgeschnitten. Jetzt MÜSSEN wir diesen Schuldnern, die nicht mehr zahlen können, es ja nie konnten, sogar WEITERE Gelder geben. Ja, wir "müssen"! Sonst ist der Strudel gar nicht mehr aufzuhalten, und er wird auch uns nicht nur möglicherweise, sondern ganz sicher - und gleich - verschlucken. Unser System würde radikal - und sehr sehr realistisch - auf die Gegenwart abgeschlankt. Wobei noch immer die Frage offen bleibt, ob das überhaupt zu vermeiden sein wird.

Offen bleibt? Es wird nicht zu vermeiden sein. JETZT - und das müßte man einmal öffentlicher sagen - geht es nur darum, ob wir noch einmal das System um drei, um fünf, oder vielleicht zehn Jahren hinausschieben. Wovon das abhängt? Ob es gelingt, noch einmal eine Zukunftsblase auszubauen, die durch zukünftige Erwartungen die Erwartung glorreicher Zukunft rechtfertigt. Zum Beispiel: durch eine gigantische Erfindung. Der verdanken wir ja, daß wir uns aus den müden 1970ern noch einmal zu 30 Jahren Prosperität hochpumpen konnten: weil alle Kredite gerechtfertigt schienen.

Stell Dir vor, es ist Prosperität, und alle gehen hin - und dabei ist gar keine.

Verwirrt? Aber es ist doch so einfach ...

Mein Geschäftspartner aus dem 1980/90ern (treue Leser dieses Blog kennen ihn schon: HvW, Gott hab ihn selig) hatte nicht nur weise Sprüche als Essenz aus seinem bewegten Leben gezogen. Er hatte ein Gefühl für ökonomische Wirklichkeiten, und deshalb auch ein nie ganz zu überwindendes Mißtrauen zu der Art, wie in Österreich Geschäfte gemacht wurden. Er meinte nämlich immer, in einer Art "Restskepsis", daß er nicht verstünde, wie das hier (also der österreichische Wohlstand) alles überhaupt möglich sei. Nach seinem Dafürhalten fehlten da überall die Aktiva! Also das, was er also solche sähe.

Mein Gott, was diese Preußen doch immer nüchtern und sachlich sind ... Bis heute: Jetzt wollen sie nicht einmal beitragen, zu diesen 100 Milliarden Euro, oder 1,4 Billionen (1.400.000.000.000) Schilling. Die EU hat mehr als genug mit anderen Problemen zukämpfen. Wir haben ja allen erzählt, wie gut es uns geht. sie haben es geglaubt, oder: haben uns beim Wort genommen. Wie wir es gewollt haben. Die EU hat nämlich alle Hände voll zu tun, den Euro am Leben zu halten! Gehen die Länder der EU pleite oder werden noch schwächer, stürzt der Euro ins Bodenlose (zur Erinnerung lese man das gestrige Interview mit G. Soros), und reißt alle mit, und - das wird ja gerne vergessen - werden die Regulierungseinheiten KLEINER werden, wenn nicht sogar kleiner werden müssen! Schon jetzt kann man die Krise nur NATIONAL effektiv bekämpfen, und "Währung" ist über den Wechselkurs eines der wesentlichsten Krisenbekämpfungsmittel!

Aber HvW hatte so recht mit seiner ewigen Skepsis, er hatte so recht. Was nun als Ergebnis der phänomenalen "Osterweiterung" und der letzten "Boomjahre" auf uns zukommt, an (nicht: in!) denen wir "so gut verdient haben", ist nichts als ein weiteres, aber ziemlich definitives Ergebnis auf diese österreichische Art, sich in Erfolge frohzurechnen: Indem wir es nun selbst sein werden, die diesen so tüchtig erwirtschafteten Wohlstand - der als reines Luftgespinst ein simpler Kredit war - über höhere Steuern zurückzuzahlen haben. Es gab ihn nicht, den Wohlstand, es gab ihn nicht, das Geld das umzuverteilen war. Es gab nur den Glauben daran, die Illusion, die sowohl Rechten wie Linken nur recht war, weil sie genügte, um Kredite zu besichern, sodaß niemand recht auf wirkliche Kostenwahrheit achten mußte - das war's!

Aber die gelernten Österreicher wissen seit den 1970er Jahren: es kann nur aufwärts gehen, es gibt ihn, den Weihnachtsmann. Sobald sich alles wieder erholt, wir wieder auf der Überholspur der jährlichen Wachstumsraten der Bruttosozialprodukte sind, wird eh alles gut. Wählen wir halt dann eine andere Regierung. Oder machen einen Generalstreik.

Eines nur darf nie passieren: Dieser Glaube an den Weihnachtsmann, der darf freilich nie brechen.

Donnerstag, 29. Januar 2009

Das System IST eigentlich zusammengebrochen

George Soros ist (ebenfalls) dieser Meinung, und er meint, daß die Ankurbelungspakete nicht ausreichen werden, um es zu retten. Lesen Sie dazu das gerade durch die Hilflosigkeit, die sich in den Andeutungen verrät, so aussagekräftige Interview im Standard (Titelverlinkung) Soros, über dessen Verantwortungsbewußtsein man ja durchaus geteilter Meinung sein kann (wir erinnern uns: vor fünfzehn Jahren hat er alleine durch geschickte Spekulationstaktik das Britische Pfund ums Haar zerstört), meint dabei immerhin, daß es nichts nützt: man wird JETZT einen Schlußstrich ziehen, die Schulden BEZAHLEN müssen.

Soros: ..."Man bräuchte eine Art Vereinbarung über verlorenes Kapital, damit die Last geteilt wird, und woran jedes Land sich beteiligt, sonst leiden noch mehr Staaten."

Schulden bezahlen aber heißt: Geld dem Wirtschaftskreislauf entziehen, damit ein "Gesundschrumpfen" einleiten, eine Konsolidierung und Strukturbereinigung ganz anderer Art als man gewöhnt ist. (Bisher haben dies v. a. die Zinsen und ihre Auswirkungen auf die Investitionen übernommen.) Und das bedeutet eine sofortige Anpassung des "Wohlstandsniveaus" ... das gewaltig nach unten rutschen würde. Wenn aber nicht jetzt - dann in wenigen Jahren. Ein Sozialstaat derzeitigen Ausmaßes ist aber schon jetzt in keinem Fall mehr zu finanzieren.

Wie lange wird die Politik aber noch gutes Geld dem schlechten hinterherwerfen? Wann wird man erkennen, daß ein Neubeginn notwendig ist? Wer wird den Mut aufbringen - in Demokratien?

Setzen wir ihn aber jetzt nicht, wird er uns in wenigen Jahren unausweichlich aufgezwungen werden. Aber dann wird Europa von der Weltbühne abtreten. Darüber scheint noch niemand nachgedacht zu haben. Denn Schulden der Zukunft werden eben diese bis zur Bewegungsunfähigkeit einengen. Noch aber könnten wir es: handeln.

Soros: ... Die Krise hat sich eigentlich als schlimmer herausgestellt, das habe selbst ich nicht erwartet. Der Kollaps der Lehman-Bank war ein Wendepunkt-Ereignis. Ich habe erwartet, dass die Krise bis an den Rand des Abgrundes reicht, aber nicht darüber hinaus. Wir sind weitermarschiert. Eigentlich ist das Finanzsystem kollabiert. Es gibt jetzt eine künstliche Lebenshilfe. Das Ausmaß ist viel schlimmer als erwartet.

Mittwoch, 28. Januar 2009

50 Jahre später

David Kelly war unter anderem Botschafter Großbritanniens in Moskau, also ein Insider. Wenige Jahre vor seinem Tod 1959 schrieb er "Die hungernde Herde". Und er warnte damals eindringlich davor, geostrategisches Denken weiter zu vernachlässigen - die "Feinde" im Kalten Krieg, die UdSSR und China, würden das auch nicht tun. Nicht zuletzt der Zweite Weltkrieg sei auch eine Folge dieser Nachlässigkeit vor allem Englands als europäischer, aber eben weltumspannender Macht gewesen.

Es ist sehr interessant, aus 50jährigem Abstand nicht nur eine innere Stimmung - diese ständige Angst und erlebte Bedrohtheit (Ängste, die, so belegt Kelly, die UdSSR selber schürte) erinnernd wiederzuerleben, die meine Kindheit in den 1960ern so prägte. Es ist noch interessanter, die Stichhaltigkeit vieler Thesen und damit der Analysen der Geschichte überprüfen zu können.

Kelly hatte in enorm vielem Recht, und er hatte noch mehr darin recht, die UdSSR nicht zu unterschätzen. Er schrieb es westlichem Leichtsinn, ja mangelndem Selbstbehauptungswillen zu, einem kommunistischen System "guten Willen" abzunehmen. Den gebe es nicht, so Kelly, und es sei kein schwerer Fehler getan, als Chruschtschow als "Reformer" einzuschätzen.

Stalin hingegen sei in seinen letzten Jahren regelrecht milde geworden, auch weil der Widerstand immer größer geworden war. Sein Nachfolger hingegen, frischer Kraft, habe sofort mit allen Widersachern aufgeräumt, sein Machtposition gestärkt, und auch geostrategisch Saiten aufgezogen, denen der Westen gar nicht gewachsen war.

Die Taktik: vollendete Tatsachen schaffen, und dann Verhandlungsbereitschaft zeigen. Damit wird in Wahrheit etwas legitimiert, was in nuce nie hätte stattfinden dürfen. Das kommt einem doch (z. B. aus der Pädagogik) bekannt vor?

Dienstag, 27. Januar 2009

Ein Muslim ist überlegen.

Es ist natürlich schon interessant, was der Falter (Titelverlinkung) nun ans Licht bringt: eine Studie im Rahmen einer Dissertation über in Österreich wirkende Islam-Lehrer. Vielleicht nicht zufällig, denn vor einigen Tagen tauchte in Deutschland eine ebenfalls erschreckende Studie auf, die den Stand der "Integration" muslimischer (und v. a. türkischer) Zuwanderer in Deutschland zum Inhalt hatte.

Auch dort wurden in einer langfristigen und breit angelegten Untersuchung alle "Vorurteile rassistischer Bösmenschen" mehr als bestätigt: Von Integration kann man so gut wie nicht sprechen, sie sei, so die Studienautoren, definitiv gescheitert. Und die Ursache liegen bei den Zuwanderern selbst, die Subkulturen bilden und gar nicht integriert sein wollen (siehe dazu: die Akzeptanz der hiesigen Gesellschafts-, Werte- und Rechtsordnung bei der österr. Studie). Der Bildungsstand ist weit unterdurchschnittlich, auch in zweiter oder dritter Zuwanderergeneration, die Bindung an das Herkunftsland (Türkei) entscheidend, der Anteil jener, die hier von staatlichen Zuwendungen leben, weit überdurchschnittlich. Die Erwerbsquote v. a. der Frauen ist extrem niedrig, die Arbeitslosenquote der Männer, wohl korrelierend mit der geringen Schulbildung, sehr hoch.

Hier zeigen sich allerdings auch ganz andere Konfliktpotentiale, wo die "offene Gesellschaft", der Technizismus, der uns längst auf allen Ebenen beherrscht, mit dem Naturrecht in Widerspruch steht, und muslimische Einwanderer lediglich einen Mut aufbringen, der z. B. den Christen des Abendlandes längst fehlt.

Auch im Detail sind Ergebnisse wie sie unten angeführt stehen, täglich als Realität erlebbar. Das meiste sind aber nicht einfach Kultur- oder Mentalitätsunterschiede, also schlichtweg das, was man vorwirft: fremd. Das meiste berührt die Frage, ob man bei so manchem überhaupt von Kultur sprechen kann, die uns da oft genug umgibt. Noch in meiner Kindheit galt vieles von dem, was man beobachten kann, schlichtweg als "asozial," als unfähig, in einer (noch dazu: so dichten, fein verästelten, alten) Kultur, in sozialem Umfeld zu leben. Waren wir damals aber vielleicht bloß verbohrte Querköpfe?

Der Falter schreibt also: ...Mouhanad Khorchide ist ein liberaler Muslim, einer, der den Koran nicht wortwörtlich nimmt und der sich im Studium von der Wissenschaft und nicht von Gottes Wahrheit leiten lässt. Er predigt in Wien als Imam und bildet Lehrer fort, er hat selbst als Religionslehrer unterrichtet und am Islamischen Religionspädagogischen Institut der Uni Wien als Assistent gearbeitet.

Was die Studie aber zur bisher wohl wichtigsten Arbeit in Sachen Islam, Schule und Integration macht, ist ihr exklusiver Zugang: Da die Oberen der IGGIÖ in Khorchide eine Zukunftshoffnung sahen, durfte er 2007 bei einem Kongress der heimischen Religionslehrer seine Fragebögen austeilen. 210 der damals etwa 330 Lehrer retournierten die Bögen ausgefüllt. Vor allem für Wien und Niederösterreich, wo laut Experten die weitaus besseren Lehrer unterrichten, sind die Aussagen repräsentativ; Hilde Weiss, eine Kapazität auf dem Feld der Integrationsforschung, betreute die Dissertation, die mit Sehr Gut benotet wurde.

Wer die Studie liest, kann sich vorstellen, wie überrascht Mouhanad Khorchide gewesen sein muss, als er die Bögen auswertete (siehe Grafiken). Beginnen wir mit den verstörendsten Antworten: „Lehnen Sie Demokratie ab, weil sie sich mit dem Islam nicht vereinbaren lässt?“ 21,9 Prozent („trifft sehr zu“ und „trifft eher zu“ wird jeweils addiert) sagen Ja. „Lehnen Sie die Menschenrechtserklärung ab, weil sie sich mit dem Islam nicht vereinbaren lässt?“ 27,1 Prozent bejahen. „Hätten Sie Verständnis dafür, wenn Muslime, die vom Islam abgefallen sind, mit dem Tod bestraft würden?“ 18,2 Prozent Zustimmung. „Sehen Sie einen Widerspruch zwischen Muslim sein und Europäer sein?“ 28,4 Prozent sagen Ja. Zwei Drittel der Lehrer gaben an, bei Problemen zwischen Schule, Schülern und Eltern als Mediator zu fungieren.

Es ist nicht lange her, dass katholische Priester als weltliche Autoritäten galten und in den Schulklassen im Namen der Erziehung religiöse Indoktrinierung betrieben. Heute nutzt der kleine Franz „Reli“ eher dazu, Hausaufgaben zu schreiben, als sich Anleitungen für den Alltag zu holen.

Für seinen Sitznachbarn Mohamed hat der Islamunterricht hingegen noch eine andere, weltlichere Bedeutung. Die immense Rolle der Religion als Identitätssensor für Migranten der zweiten und dritten Generation ist mittlerweile unbestritten – Khorchide selbst kam in seiner vorangegangenen Studie zu diesem Schluss. Nun hat er bei denen nachgefragt, die diese Identitäten maßgeblich stiften.

Die Studie weist ein Viertel der Lehrer aus, die auf Fragen nach Demokratie, Rechtsstaat und Integration genauso antworten, wie rechte Populisten es behaupten und Liberale es befürchten. Je älter die Lehrer, desto höher die Ablehnung rechtsstaatlicher Prinzipien. Je höher die Identifikation mit Österreich, desto höher auch die Anerkennung. 32,7 Prozent lehnen die rechtsstaatlichen Prinzipien ab (35,5 Prozent von im Ausland und 21,3 Prozent von im Inland Geborenen). Der Studienautor fasst mehrere Fragen zu Demokratie und Rechtsstaat zusammen und zieht den Schluss, dass 22,6 Prozent der Lehrer „fanatische Haltungen“ einnehmen – die Zahl ist übrigens zwischen Österreichern und Ausländern gleich verteilt.

Zwar meldet sich etwas mehr als die Hälfte der Schüler vom sunnitisch geprägten Pflichtfach ab. Dennoch unterrichten derzeit 394 Lehrer 50.000 muslimische Kinder. Vor diesem Hintergrund ist Beunruhigung angebracht, wenn 44 Prozent der Lehrer die Vermittlung von Überlegenheitsgefühlen als vorrangiges Ziel betrachten.
...

Vor allem dieses letztgenannte pädagogische Ziel scheint ja recht erfolgreich umgesetzt. Denn diese kaum faßliche Überheblichkeit ist häufiger Gegenstand der alltäglichen Erfahrung.

Noch ein Hinweis auf das ARS ACTU Forum, wo es jede Menge stichhaltiger demographischer Daten (mit Berücksichtigung der Frage, ob Zuwanderung die Folgen aus dem Geburtendefizit ausgleichen kann) nachzuschlagen gibt.

Montag, 26. Januar 2009

Einblick und Trost

Ganz unvermittelt bricht der Briefverkehr Schiller - Goethe bei Brief 1005 vom 25. April 1805 ab (in der Ausgabe von Emil Staiger) Goethe antwortet noch darauf.

Bis zuletzt bleibt Schiller klar bei Verstand, sind seine Kommentare sachlich und konzentriert, sofern er überhaupt noch in der Lage ist zu schreiben. Kein Jammern, auch zuvor nicht, über all die Jahre seit 1794, in denen sich in diesen Briefen Persönlichkeiten vorstellen, die man bei der Arbeit belauscht. Von diesem plötzlichen Ende berührt, schließt man das Buch.

Was ist das so ungemein ... Tröstliche? ... bei dieser Lektüre, war es auch schon für so viele andere - Hofmannsthal als Beispiel, auch nicht gerade der Unproduktiven einer. Nein, nicht daß man sich einfachhin vergliche. Aber man sieht, wie die Probleme dieser beiden unbestreitbaren Größen keine anderen sind als jene, mit denen man selber sich herumschlägt. Sie erteilen einem das placet, ja, man darf diese Probleme haben, sie gehören dazu, sie sind keine Disqualifikation vom Beruf.

Nebenher erhält man einen ungeheuren Einblick in die Literaturszene der damaligen Zeit, und sieht, wie alle, wirklich alle mit Wasser kochen, aber immer aus ihrer Zeit heraus kommen und in sie hinein antworten.

Man sieht Goethe unsicher werden, ob des enorm scharfsichtigen Gegenüber, ja oft wagt Goethe seinem Freund gar nicht mehr die unfertigen Werke vorzulegen, überrascht ihn schließlich schon mit Gedrucktem! Während sie in den ersten Jahren noch heftigst über quasi alle ersten Produktionsschritte und Projekte diskutieren. Man sieht, daß die Probleme am Theater dieselben waren wir heute, und man ist befreit vor allem auch beider Ringen um jene "produktiven Stimmungen" zu sehen, die sie für ihre Werke benötigen, unter Anwendung sämtlicher Tricks, die man eben so kennt.

Man sieht und erkennt - zwei Künstlerleben. Die in ihren Briefen einen so tröstlichen Einblick in ihre Welt des Schaffens geben. Was auch immer man selber ist - man atmet auf, weil an sich in so vielem Empfinden wie Denken schlicht und ergreifend ... zu sich selbst, und nur dazu, und nur wieder einen Schritt mehr, legitimiert fühlt.

Menschsein heißt immer, einem Volk anzugehören

Wenn ich mir die Freiheit nehme, mich als "Deutschen" zu sehen, so darf ich das wohl. Nicht nur, weil es mütterlicherseits auch was die Nation anbelangt stimmt. Auch wenn ich in Österreich geboren und hier aufgewachsen bin. Es ist ganz gewiß auch nicht nur deshalb, weil meine Mutter (als Schlesierin 1945 nach Österreich geflüchtet, vermeintlich interimistisch) mich im besonderen vielleicht - als dem Jüngsten, an dem "nichts mehr falsch gemacht" werden sollte - in ihrer ursprünglichen Intention aufzog: als Fremden, inmitten einer Umgebung, die mir Heimat hätte sein sollen, sich aber stets verweigerte, weil auch ich mich ihr verweigerte. Eine Intention, die nur die Spitze des Kampfes gegen den Vater und seiner Identität - Bauernsohn aus Neuhofen/Ybbs: gibt es Ursprünglicheres als Österreicher? - war. Oh, wie habe ich gelitten unter diesem "Schrein", den sie in sich trug, und bis zum heutigen Tag trägt, diesem Allerheiligsten, von dem wir täglich Kommunion empfingen, nein, sie wie ein Schaubrot gezeigt erhielten, ohne je davon essen zu dürfen. Denn wir waren nicht rein ...

Wenn ich mir dennoch die Freiheit nehme, mich (zumindest: auch) als "Deutschen" zu sehen, weil ich mich als solcher zu begreifen lerne. Nicht erst, seit ich in der Dichte und Geschlossenheit Krakaus nahezu schockartig begriff, wie sehr diese mitteleuropäische Kultur in ihrem wirklichen Kern und Wurzelstock mir entspricht, mich darstellt, mir schlicht gefällt, wiesehr ich mir ihr verdanke, wie sehr sie in mir nämlich eine Antwort findet, sodaß ich erstmals und bewußt diese Kutlur als "Heimat" begreifen mußte, nicht nur konnte.

Sondern deshalb, weil ich diese Kultur als die meine zu empfinden begann. Oder mir diese Empfindung gestattete, einen Teil der Ängste ablegend, wo es einem seit 1945 verboten ist, dies auszusprechen. Oder: wo so getan wird, als sei es verboten. Diese Angst ist nämlich ... neu! Sie stammt nicht aus der Zeit nach dem Krieg, fast im Gegenteil: damals waren die Kräfte stark und gut, die daran erinnerten, was die eigentlichen, die wirklichen, die guten Wurzeln jenes Volkes waren und sind, das sich in so unendliche Schuld hineinziehen ließ, sich damit besudelte, und besudelt wurde.

Es ist dieselbe Bewegung, die meinen Vater (Generalsekretär des Bundes der "Freiheitskämpfer") bewog, in Neuhofen eine "Ostarrichi"-Gedenkstätte zu initiieren, auch wenn sich ein anderer heute mit deren Verwirklichung rühmt, wahrscheinlich schon zu Recht, das läßt sich nicht mehr eruieren, mein Vater ist - wie der andere - längst tot.

Dieselbe Bewegung, ja derselbe mythische Urgrund, wie ihn ... Kurt Kluge in seinem "Der Herr Kortüm" in den frühen 1950er-Jahren so berührend und begeisternd niederschrieb. Ein Buch, das es in vielerlei Hinsciht wert ist, dem Vergessen entrissen zu werden.

Voller Weisheit, und voller Poesie, aber auch in einer Metaphysik, die dem Leben jenen Zauber, jenes Geheimnis nicht gibt, sondern darauf verweist, den es hat. Und der es lebens- und liebenswert macht.

"Der Herr Kortüm" hat aber noch einen anderen Zauber, und ich glaube nicht, daß ich zufällig darauf gestoßen bin. Es macht einen Urgrund dieses Volkes greifbar, fühlbar, der berührt, und der zu einer Liebe kräftigt, die heute so fehlt. Eine Renaissance wenn schon nicht dieses Buches - es hat, gegen Schluß, einen ganz leichten zeitbezogenen Zug, der aber nicht nur verzeihlich, sondern der ihm sogar zu Ehre und Rang gereicht, wenn auch vielleicht auf anderer Ebene, der Verfasser ist eben Protestant, insofern tendenziell Moralist, es sei ihm verziehen ... - so doch der Wiederbesinnung auf die Grundlagen als Volk ist nicht schwer vorhersagbar. Vorausgesetzt, es gelingt rasch, diese Empfindung allem Nationalismus zu entreißen, indem man sie, weil schlicht natürlich, richtig und zur Regenration des Besten in uns notwendig, aus der Schmuddelecke holt. Stattdessen: in der Liebe birgt!

Man ist Mensch, und man ist es immer ALS, immer ganz konkret - so ist man es immer auch als Deutscher, wenn man ein solcher ist.

Dies in seinen besten Wurzeln wiederzuentdecken, dazu trägt Kurt Kluge's "Der Herr Kortüm" in jedem Fall bei. Ich kann das so poetische Buch, das so voller Weisheit und Güte und Wahrheit ist, das einem so hilft, sich und die Welt zu verstehen und zu lieben, nur empfehlen, und damit zumindest ein wenig dem Vergessen entreißen. Eines jener Bücher, von denen ich sage: Es macht einen, als Kunstwerk (nicht als Moralverweis), zu einem besseren Menschen.

Starke Frauen sanft geschmeichelt


KURIER: "Die Wirtin" lässt Sie nicht los – Ihre erste Fassung des Goldoni-Stücks stammt aus den 70ern. Das Stück dominiert eine sehr starke Frau. Sind Sie Feminist?
Peter Turrini: Mich faszinieren starke Frauen. Sie sind besonders liebevoll, während unterwürfige Frauen früher oder später verzweifeln und böse werden. Sie verfallen der inneren Frustvermehrung und der Dauerkeppelei. Je emanzipierter eine Frau ist, je mehr sie ihr eigenes berufliches Leben lebt, desto hingebungsvoller und weichherziger ist sie. Einige Kollegen haben das noch nicht ganz durchschaut ...


Ich bin mir nicht sicher, ob bei Turrini nicht diese riesenhafte Dimension annehmende Sehnsucht des Mannes den Blick trübt, die sich in eine solche Frau - und das erhofft man ja von einer Frau - mehr hineinträumt als sie real vorfindet. Ich kenne keine solche Frauen, wie Turrini hier anführt. Ich kenne nur einen unvereinbaren Zwiespalt in ihnen, der sie zwischen diesen Rollen s. o. hin- und herspringen läßt.

Ansonsten aber gibt sich Turrini schon seit Jahren sehr geläutert, was ihn als Künstler ausweist, der sich zwar lange wehren kann, aber langfristig zur wahren Form zurückkehrt. Denn sie ist es, die ihn überhaupt treibt. Damit höre ich auch gerne zu, wenn er über Theater und Dramaturgie spricht. Es gewinnt schon längere Zeit zunehmend Relevanz.

Diese Priorität der Form erkennt man bei ihm an Sätzen wie diesem:

In meine Fassung aus dem Jahre 1973 sind mir ein paar feministische Töne hineingerutscht, die weniger nach Literatur, mehr nach Zeitgeist klingen. Wann immer ich das Stück in den letzten 30 Jahren gesehen habe, sind mir auch ein paar schlechte Sätze aufgefallen. Da hat mich kurzes, heftiges Leid ergriffen. Das habe ich jetzt geändert.

Wobei das durchaus ein wenig zornig macht. So leicht kann sich Saulus nicht als Paulus ausgeben. Turrini hat auch viel angerichtet, dem wiederum nur er - nicht aber andere - entfliehen kann. Für so viele andere nämlich ist der Rucksack von ihm selbst sehr schwer gemacht worden. Er aber ist "mit der Bewegung großgeworden, er verdankt ihr alles." Er war ein Mitschwimmer.

Ob sich das wirklich noch ändert, wird man sehen. Die Hoffnung habe ich aber bei jedem Künstler, für den Wehrlosigkeit gegenüber der Wahrheit - als Gestalt, als Form, in seiner ihm gemäßen Darstellungsart - Fluch wie Gnade ist. Sein Leidensinstrument, sein Kreuz, ist eben die Form. Disput ist letztlich für ihn irrelevant, nur Instrument der Befreiung. Er ist nicht Philosoph.

Intensive Sinnlosigkeit

Wenn wir heute schon dabei sind - diese Theaterkritik aus der Wiener Zeitung (siehe Titelverlinkung) möchte ich auch noch erwähnen, ehe sie in den dunklen Gründen der Internetarchive bis zum Jüngsten Tag verschwindet:

Der Theaterkritiker des Standard - Ronald Pohl - hat wieder eimal ein Stück geschrieben. Ein Stück?

"Der Zuschließer" entspringt der Feder des Kulturredakteurs und Sprachkünstlers Ronald Pohl und wurde nun im Theater Drachengasse uraufgeführt.

Plot gibt es keinen, dafür umso schönere Wortkaskaden. Pohls Sprache ist blumig, fast schon ausufernd. Jeder Satz eröffnet ein neues Universum.


Ein Hammer, mehr gibt es dazu nicht mehr zu sagen. Und weil am selben Ort, vor etwa drei Jahren, vom selben Autor ein Stück bereits jämmerlich durchgefallen ist, ging er diesmal einen Schritt weiter:

Die Intensität des Textes konnte Stephan Bruckmeier allerdings nicht konstant auf die Bühne bringen, wodurch das Stück einige Längen aufweist.

Denn das ist, gelinde gesagt, eine Frechheit und zutiefst beschämend. Man bekommt Mitleid mit dem Schauspieler, dem man höchstens sagen kann: selber schuld, warum spielt er einen Text, der nicht zu spielen ist, und dessen Sinnlosigkeit mit Begriffen wie "Sprachkünstler" vertuscht wird? Was bitte spielt ein Schauspieler, dessen Figur "keinen Plot" (also: keinen Handlungsstrang) hat? Wobei die Figur nur so tun kann, als gäbe es keinen - denn: indem Moment, wo der Vorhang hoch geht, beginnt eine Handlung. Dasein IST Handlung. Die Frage ist nur, ob man es gestalten kann, oder es dem Zufall überläßt, wie es offensichtlich hier geschieht. Womit eine Anwendung des Begriffs "Kunst" automatisch unmöglich oder fraglich wird.

Mit diesem Thema übrigens gibt es jede Menge theatralische Auseinandersetzung, nicht die schlechteste und nur scheinbar bloß humorvolle ist die von Curt Götz, "Der Lampenschirm", die ich zufällig vor ein paar Tagen las.

Aber für Langeweile den Schauspieler zitieren ... wahrscheinlich hat er gut gespielt, sodaß die Eigenart des Texts durchkam. Vor drei, vier Jahren, beim ersten "Stück" Pohls, das ich schon vor der Uraufführung kennenlernte, ging die Zeitungswelt Wiens noch nicht solch beschämende Seitenwege. Aber weil es damals unter den Leserzuschriften ("Postern") des Standard (der das Stück diesmal nicht einmal erwähnt) heftige und hämische Kritik am Vorgehen der Zeitung gab, wo sich nämlich die Redaktion selbst heftigst und salbungsvoll lobte, ging der Verfasser und Redakteur es diesmal wohl anders an - und einer der Wiener Zeitung tat ihm den Gefallen. Darin sind die ja geübt. Eine Krähe hackt der anderen, usw.

Anders wird es kaum gewesen sein.

Samstag, 24. Januar 2009

Nur Eigentum bleibt bestehen

In seiner erstaunlichen Schrift "Maschine und Eigentum" zeigt F. G. Jünger, daß der Maschinenkapitalismus, der sich seine Menschen unterwirft, zwangsläufig in ein technisches Kollektiv mündet, dessen Vollendung und Höhepunkt im Grunde der Kommunismus ist. Die Umwandlung des freien Unternehmers und Handwerkers zum Funktionär (des Organismus wie der Maschine) ist unausweichlich. Wie es die Enteignung ist, ohne daß sich das Kollektiv Eigentum im eigentlichen Sinne schafft, denn der Technizismus vernutzt und verkonsumiert die Welt lediglich.

Und tatsächlich finden sich in den Schriften Marxens wie Lenins bemerkenswerte Prognosen gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen, in denen das Wort "Kommunismus" beliebig gegen "Maschinenkapitalismus" auszuwechseln ist!

Noch bestechender ist Jünger's Analytik dort, wo er die Enteignung zugunsten des technischen (organisatorischen) Kollektivs als wesentliche Eigenschaft des technischen Maschinenzeitalters feststellt. Denn hierin nimmt er sogar die Auflösung der Familien vorweg - die mit eben dieser Auflösung des Eigentumsbegriffs direkt zusammenhängt.

Das Kollektiv aber kennt keine Verantwortung, und auch kein Eigentum, es kennt nur Vernutzung und Raubbau. Verantwortung kann nur in Verbindung mit Eigentum existieren - wo der Eigentümer nur dann solcher bleibt, wenn er das Objekt seines Eigentümerseins auch "pflegt", also in bestem Bestand hält. (Was nicht ohne "Naturgemäßheit" und Abwesenheit von "Raubbau" denkbar ist.) Nur das hat Bestand, das auch einen Eigentümer hat. (Nicht: nur Besitzer!)

Das Unbewußte und das Schaffen

Goethe in Antwort auf Schiller auf die Fragestellungen nach Art und Grad des Poeten (Goethe setzt den Begriff mit 'Genie' gleich): "... sondern ich gehe noch weiter. Ich glaube, daß alles, was das Genie, als Genie, tut, unbewußt geschehe. Der Mensch von Genie kann auch verständig handeln, nach gepflogener Überlegung, aus Überzeugung; das geschieht aber alles nur so nebenher. Kein Werk des Genies kann durch Reflexion und ihre Nächsten Folgen verbessert, von seinen Fehlern befreit werden; aber das Genie kann sich durch Reflexion und Tat nach und nach dergestalt hinaufheben, daß es endlich musterhafte Werke hervorbringt. Je mehr das Jahrhundert selbst Genie hat, desto mehr ist das einzelne gefördert.

Was die großen Anforderungen betrifft [...] daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die Dichtkunst verlangt im Subjekt, das sie ausüben soll, eine gewisse gutmütige, ins Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen unschuldigen produktiven Zustand und setzen, für lauter Poesie, an die Stelle der Poesie etwas, das nun ein für allemal nicht Poesie ist. Wie wir in unsern Tagen leider gewahr werden; und so verhält es sich mit dem verwandten Künsten, ja mit der Kunst im weitsten Sinne.
"

Von der Art - und vom Grad

Schiller an Goethe: "Man hat in den letzten Jahren über dem Bestreben der Poesie einen höheren Grad zu geben ihren Begriff verwirrt. Jeder der imstande ist, seinen Empfindungszustand in ein Objekt zu legen, so, daß dieses Objekt mich nötigt, in jenen Empfindungszustand überzugehen, folglich lebendig auf mich wirkt, heiße ich einen Poeten, einen Macher. Aber nicht jeder Poet ist darum dem Grad nach ein vortrefflicher. Der Grad ... [beruht] ... auf dem Reichtum, den er in sich hat, und ... auf dem Grad der Notwendigkeit, die sein 'Werk ausübt. Je subjektiver sein Empfinden ist, desto zufälliger ist es; die objektive Kraft beruht auf dem Ideellen. ... Es leben jetzt mehrere so weit ausgebildete Menschen, die nur das ganz Vortreffliche befriedigt, die aber nicht im Stande wären, auch nur etwas Gutes hervorzubringen. Sie können nichts machen, ihnen ist der Weg vom Subjekt zum Objekt verschlossen; aber eben dieser Schritt macht mit den Poeten.
Ebenso gibt es Dichter genug, die etwas Gutes und Charakteristisches hervorbringen können, aber mit ihrem Produkt jene hohe Forderungen nicht erreichen, ja [nicht einmal jene erreichen] die sie an sich selbst machen. Diesen nun, sage ich, fehlt nur der Grad, jenen fehlt aber die Art, und dies, meine ich, wird jetzt zu wenig unterschieden.
"

Es hebt im Dunklen an

Schiller an Goethe während der Arbeit an "Johanna von Orleans": "... habe ich Schelling den Krieg gemacht wegen einer Behauptung ... daß 'in der Natur von dem Bewußtlosen angefangen werde, um es zum Bewußten zu erheben, in der Kunst hingegen man vom Bewußtsein ausgehe zum Bewußtlosen' .... fürchte aber, daß diese Herren Idealisten ihrer Ideen wegen allzu wenig Not zu von der Erfahrung nehmen, und in der Erfahrung fängt auch der Dichter nur mit dem Bewußtlosen an, ja er hat sich glücklich zu schätzen, wenn er durch das klarste Bewußtsein seiner Operation nur soweit kommt, um die erste dunkle Total-Idee seines Werks in er vollendeten Abeit ungeschwächt wieder zu finden. Ohne ein solche dunkle, aber mächtige Totalidee, die allem Technischen vorhergeht, kann kein poetisches Werk entstehen, und die Poesie, däucht mir, besteht eben darin, jenes Bewußtlose auszusprechen und mitteilen zu können, d. h. es in ein Objekt überzutragen. ... Eben so kann der Nichtpoet so gut als der Dichter ein Produkt mit Bewußtsein und mit Notwendigkeit hervorbringen, aber ein solches Werk fängt nicht aus dem Bewußtlosen an und endigt nicht in demselben. Es bleibt nur ein Werk der Besonnenheit. Das Bewusstlose mit dem Besonnenen vereinigt macht den poetischen Künstler aus."

Manchmal hörst Du's rauschen innerlich

Tiefer Blick

(A. Wildgans)

O, du kannst einsam sein, daß Gott erbarm
Und es dich mitten in dem Fliegenschwarm
Der Menschen jäh befällt wie Scham und Grauen!
Und manchmal muß du vor den Spiegel gehn
Und voller Angst nach deinem Bilde sehn,
Um in dein Antlitz, das dich kennt, zu schauen.

Und Freunde kannst du haben, Weib und Kind
Und so allein sein wie ein Baum im Wind,
Der zitternd steht auf namenloser Heide;
Und mit den Freunden hast du viel verbraucht,
Und mit dem Weibe schläfst du jede Nacht,
Und jenes Kind ist deiner Seele Weide.

Sie aber fassen deine Rede kaum,
Als sprächest du aus einem irren Traum,
Der nicht Bewandtnis hat in ihrem Leben;
Zu deiner Freude sin sie fremd und küähl,
Für deine Drangsal o0hen Mitgefühl,
Neugier ist alles, was sie zögernd geben.

Da wirst du selbst dir mählich unbekannt
Und wie ein minderer Komödiant,
Der jede Miene einlernt und Gebärde;
Nur manchmal hörst du's rauschen innerlich
Und hältst erschrocken inne: bin das ich?! -
So einsam kann man sein auf Gottes Erde.

Freitag, 23. Januar 2009

Das Viehgeld

Vielleicht überraschend, aber erhellend: Geld an sich kommt aus dem sakralen Opfer, aus dem Horten von Schätzen! Der ursprüngliche Sinn von Geld war: Präsentation, Darstellung von Schönheit und Macht(überfluß)!

Von dort aus - die ersten Bankiers waren die Priester! - hat es sich mehr und mehr über private Hortung (Schatz) über Liquiditätsschöpfung (Geld = "pecus" - "vechu" - Vieh) und Geldmehrung (über "Zukunftsphantasie", wie man das so schön nennt) als Wert (mit zukünftigem Tauscherlös) abgelöst, bis zur völligen Abstraktion, dem heutigen Buchgeld, das in Sekundenbruchteilen um die Welt wandelt, und sich nahezu völlig vom Hortgeld entfernt hat, dennoch - wie sich ja jetzt herausgestellt hat - auf immer denselben und absolut gesehen unverändert gebliebenen "Schatz" zugreift.

Langfristig verglichen, bleibt das Geld einer Volkswirtschaft immer nur ... im Umfang des Hortgeldes (in etwa, weil der Wert des Schatzes für die Menschen immer etwa gleich bleibt) werthaltig. Dieses Verhältnis bleibt stets in etwa gleich. Das ist an der lange Jahre stufenweise reduzierten, dann völlig aufgegebenen (verpflichtenden) Golddeckung ablesbar - bezogen auf die Inflation, bezogen auf jene Güter, die es für Geld zu kaufen gibt.

Was bleibt von Geld ist immer simpler Tauschwert real zu erbringender menschlicher Leistung.

Bis zur bitteren Wahrheit

Der KURIER und andere Medien bringen nun, nachdem das Weihnachtsgeschäft am Laufen gehalten wurde, weil man die Krise kurzftistig für abgeschafft erklärte, Stück für Stück Wahrheiten, die weit mehr sind als weitere Berichte von der Krisenfront. Es sidn nämlich Abtrechnungen mit so vielen Lügen, die uns in den letzen Jahrzehnten aufgetischt wurden.

Z. B. jene mit den positiven Effekten der "Osterweiterung" der EU.

Diese "positiven Effekte" waren nichts anderes als durch immense Kredite in die Kreisläufe gepumpte künstliche Nachfrage. Damit hat man im Osten auf Deibel komm raus eingekauft, saniert, renoviert, ja, auch investiert, und nicht zuletzt: konsumiert.

Nun bricht auch dort der Zuckerguß. Und es stellt sich heraus, daß z. B. in Ungarn die Haushalte bereits ein Drittel Ihres Einkommens für Kreditilgungen ausgeben. Zuviel! Breite Zahlungsunfähigkeit liegt längst in der Luft, das Leben ist schon jetzt sehr hart. Damit der nächste Immobiliencrash mangels Nachfrage, weil die Preise verfallen, damit die Kredite nicht mehr gedeckt sind ... Die laufenden derzeitigen Abwertungen zeigen es längst - zuviel Geld im Verhältnis zu den Vermögen ist um Umlauf. In anderen Ländern ist es weit ärger.

Nun werden mit österreichischem Steuergeld die österreichischen Banken, die von diesen gigantischen Krediten enorm hohe Anteile halten (weil sei ja so tüchtig waren, wie wir gehört haben - den Banken ging es ja zuletzt sowas von gut in Österreich, da waren lauter Helden am Ruder, einen Zug zum Größenwahn gab es ja nie), gestützt, und noch weit mehr werden sie zu stützen sein! Denn mit einem mal müssen wir Österreicher die Liquidität dieser Änder aufrecht halten, mit noch mehr Geld, noch mehr Krediten, weil uns sonst unsere eigenen Gelder davon brechen ...

Übrigens

Wir haben unsern Kunden Geld geliehen, damit sie unsere Waren kaufen konnten, damit wir daran verdienen konnten, um ihnen Geld zu leihen, das wir nur haben, weil wir ihnen das Geld leihen, damit sie uns die Ware bezahlen können ...

Einmal geht es ans Zahlen, Herrschaften!

Fragt der KURIER-Reporter treuherzig, ob das Konsequenzen haben würde, auch in den USA seien Bankenchefs zurückgetreten. Sagt der Raiffeisenboß: Na das wär doch das blödeste! Der kennt sich doch überall so gut aus - wer soll denn sonst nun das Schlamassel wieder beseitigen?! Wir haben doch so profitiert vom Aufschwung im Osten, und nun muß uns das doch auch was wert sein?! Wir können es uns aber sicher nicht leisten, daß die illiquid werden, dann schaut es dumm aus für uns ...

Automatische Inflation

Einer der Nenner, auf die man F. G. Jünger's Thesen vereinfachend bringen kann, lautet: Die Mechanisierung der Produktionsvorgänge bringt eine ebensolche Technisierung sämtlicher Lebensvorgänge. Weil aber jede Mechanik mit ihren zunehmend abstrahierten Werten (der Wert ist nicht mehr direkt aus dem fertigen, gesamten Produkt der Arbeit erkennbar, sondern nur noch aus dem geglaubten Wert im Rahmen einer Organisation) unweigerlich und unvermeidlich Reibungsverluste hat, erzeugt Mechanisierung zusätzliche Arbeit, ohne aber den letzthinnigen Mehrwert zu erhöhen.

Damit führt Mechanisierung automatisch (!) zu Inflation, zu zumindest relativer (im Verhältnis zu den schaffenden Händen) Geldentwertung.

Dienstag, 20. Januar 2009

Der pädagogische Effekt der Maschine

F. G. Jünger zeigt in "Die Perfektion der Technik" sehr überzeugend, daß die heutige Wissenschaftsauffassung - vor der er noch warnte, heute haben wir sie bereits als Postulat - eine Vorentscheidung ist: nämlich die, reines Denken mit Technik und Mechanismus gleichzusetzen. Ähnliches führt ja auch Goethe als Kritik an der Wissenschaft an.

Diese Entwicklung erfolgt nach Jünger'scher Auffassung (und ich wiederhole: sie wirkt schon deshalb glaubhaft und überzeugend, auch wenn man nicht allen seinen Gedanken folgen kann, weil das, wovor er 1940 noch als Möglichkeit schrieb, heute vollständig und nachprüfbar eingetroffen ist - aber Intuition ist ja immer VOR jeder Theorie ...) deshalb und in breitem, die gesamte Kultur, ja die Welt umfassender Weise, weil die Herrschaft der Maschine unausweichlich ist.

Durch sie wird der Umwelt - wie erst dem Arbeiter, der durch die Maschine zum Proletariat herabsinkt, vom Handwerker zum Vollzieher einer nur noch mit abstraktem, nicht mehr aber sinnlich wahrnehmbaren Sinn belegten technischen Handreichung - das Unlebendige einer technischen Organnisation ausgezwungen, der sich auchd er Mensch zu fügen hat, ja gerade er. Während zwar auf der einen Seite - immer aber unter Raubbau betreibender Ausbeutung der Bodenschätze und der Menschen - Effizienz damit erreicht wird, wird auf der anderen (gemäß dem "2. Thermischen Lehrsatz" vom Energieverlust) mehr Arbeit notwendig, die jedoch in die Bürokratie und die Organisation fließt:

Höhere Technisierung bringt lt. Jünger also immer auch steigenden Bürokratismus mit sich.

Keine Frage, daß Jünger mit seinem Denkansatz eine große Gefahr für den Nationalsozialismus darstellte (und er konnte gerade diese Schrift damals nicht publizieren): denn das Aufgehen der Menschen in einem Volksganzen, das zu einem despotischen Organismus verschmilzt, ist für Jünger eine der schrecklichsten Gefahren des Technizismus.

Man übersieht blitzschnell, daß dieses "klare" logische (technische) Denken ein Hilfsmittel zum Erfassen der Wirklichkeit - und nicht diese selber - ist, womit wir wieder bei Goethe und Schiller wären.

Heraufdämmern einer Fehlentwicklung

Es muß um die Zeit der Wende 18./19. Jhd. noch sehr evident gewesen sein, daß für die Annahme der Newton'schen Physik als allumfassende Erklärung der Welt - als Mechanismus - viel zu glauben war. Das geht für mich aus der Diskussion zwischen Schiller und Goethe hervor, soweit sie aus den Briefen nachvollziehbar ist.

Beide lehnen dieses Weltbild deshalb als völlig ungenügend ab, und sie bestreiten auch seine Wissenschaftlichkeit: eben weil es keinen ganzheitlichen Ansatz hat.

Diesen wiederum bei diesen beiden zu finden ist faszinierend, wie immer man zu ihnen stehen mag, und ich bin mir selbst noch nicht im klaren darüber. Aus ihren Briefen finde ich aber eine Gesundheit der Weltsicht angezeigt, die diese in einer Universalität sucht, die die Ergebnisse heutiger Quantenphysik ebenso einschließt wie umfassende Warnung vor einer immer umfassenderen Technik, die damals erst dräuend am Horizont stand. Aber nah genug, um sie als Krankheit zu ahnen, die im Begriffe war, sich bereits allerorten festzusetzen.

Montag, 19. Januar 2009

Lebt der Mensch?

Die Maschine ist tot, weil sie nicht nur nichts aus sich selbst heraus kann, sondern weil alle ihre Funktionen und Bewegungen mit Hilfe der Begriffsbildungen der klassischen Mechanik angeben können.

Wenn wir das gleichermaßen auf den Menschen übertragen, wenn wir also annehmen, daß der Mensch ebenfalls eine bloße Abfolge von (von mir aus: höchst komplexen) mechanischen, funktionalen Vorgängen ist - dann ist auch der Mensch ... tot.

Verpackte Propaganda

Ein interessanter Gedanke von G. F. Jünger: In dem Moment, in dem Lebensmittel verpackt sind, ist ihr Kauf ein grundlegend anderer Vorgang - er ist technisiert, seine innewohnende Qualität wird von einer substantiellen zu einer akzidentiellen.

Denn ab dem Moment kann der Käufer die Eigenschaften nur noch "glauben". Das Ausmaß der Propaganda, das so gestiegen ist, sieht Jünger in direktem Zusammenhang weil verursacht von der Umwandlung der jeweiligen Produkte in technische Produkte ("Markenartikel"), sodaß sie zugleich der technischen Organisation verfallen, diese also notwendig brauchen.

Der Kaufentschluß hat sich also völlig verlagert: von einer humanen, "ganzheitlichen" Entscheidung zu einer technisch-rationalen. Damit entlarvt sich auch das Etikett "bio" ("grün" etc. etc.), das demselben technischen Denken, nur von anderer argumentativer, ja genau eben vermeintlich technisch-rationalerer Seite her, entspringt.

"Sanis omnia sana" (Paracelsus; Dem Gesunden gereicht alles zur Gesundheit.) Die Technisierung der Ernährung hat lediglich mit sich gebracht, daß der natürliche Instinkt getäuscht (Inhaltssurrogate) und gestört wurde.

Das Maß der Ordenbarkeit überstiegen

Ein Satz von F. G. Jünger, geschrieben ca. 1940/50: "Der Währungsverfall ist weder eine lokale noch eine vorübergehende Erscheinung. Er wird in einer bestimmten Phase des technischen Fortschritts hervorgerufen, und zwar dann, wenn die Mittel, welche die Technik zur Finanzierung ihrer Organisation gebraucht, jenes Maß übersteigen, innerhalb dessen eine geordnete Finanzwirtschaft fortgeführt werden kann." (Aus Die Perfektion der Technik, überarbeitet erschienen ca. 1953, verfaßt ca. 1940)

Aktueller geht es kaum. Genau das ist im letzten Jahr zu beobachten gewesen, wo man das Getriebe der Vorgänge so schön krachen hat hören.- Als Folge der Finanzwirtschaften des letzten Jahrzehnts vor allem, denn das Wesentliche war ja längst passiert: die Art zu finanzieren, Geld zu schaffen und um den Apparat am Leben zu halten, umlaufen zu lassen! Und genau das passiert, nur auf anderen Wegen auch jetzt wieder, als angeblicher "Kampf gegen die Krise".

Es gibt keine Ausbildung zum Künstler

Aus der Korrespondenz zwischen Schiller und Goethe die Bestätigung: daß eine Ausbildung zum Künstler im eigentlichen Sinn nicht möglich ist. Eine "Schule" macht nur insofern überhaupt Sinn, als erzieherisch eingewirkt werden kann, daß Unarten nicht zur Reife gelangen, sondern Raum wird für das (Schiller nennt es: Naive) Natürliche in ihm, das Reine sohin - sodaß man ja nur in diesem Zustande von Freiheit überhaupt sprechen kann. Diese Arbeit muß ja in jedem Fall geleistet werden - und ist im höherem Alter meist mühsam und kostet viel Zeit, die für Produktionen verloren geht.

Schiller geht es vor allem um die "sentimentalische Stimmung", die auszurotten für ihn notwendig ist, weil sie der wahren Empfindung kontrapunktisch entgegensteht und eine Unart ist. Sowenig das "Schöne Naive" auch faßbar und überlieferbar ist. Aber es ist eben dem Wesen des Menschen natürlich. Hat sich aber Sentimentalisches bereits fest herangebildet, so meint Schiller sei auch von einer Schule nichts mehr zu machen. Wobei er überhaupt der Ansicht ist, daß "heute" (1798) Schulen fast nur noch kritisch (ausscheidend) denkbar seien, nicht mehr schöpferisch-produktiv (wie bei den antiken Griechen.) Einen festen Punkt freilich, um den herum sich die Bildung guten Geschmacks und künstlerischer Echtheit als Quelle ständiger Erneuerung formieren könnte, den kann Schiller auch nicht erkennen, so notwendig er ihn (bereits) sah.

Es ist vielleicht nicht ganz untypisch, daß Goethe (erst) gegensätzlicher Ansicht war: daß das Künstlerisch-Geniale in keiner Weise vermittelbar sei. Nicht nur in dem Punkt, hatte Schiller die überzeugenderen Argumente.

Die Kenntnisnahme der Zeit, der Traditionen des handwerklichen der ausgeübten Kunst sind noch weitere Ausbildungsfelder, die eine Schule sinnvoll machen können, wobei diese Bereiche auch das Leben selbst, und persönliches Bildungsinteresse vor allem, ersetzen können.

In dem Moment, wo das Künstlerische erlernbar und lehrbar betrachtet wird, erstickt es im (von den Sezessionisten so genannten) "Akademischen".

Dies betrifft nicht nur die Dichtkunst, sondern jede andere gleichermaßen, denn alle Künste haben an sich die gleichen Grundbedingungen zu ihrer Entstehung.

Ob die "Argumente pro" freilich die Gefahr, daß eine Schule nämlich die gerade für eine künstlerische Natur immense Versuchung darstellt, das Künstlertum in einer Art und Pose zur Identität einzufrieren, aufwiegen, steht auf einem anderen Blatt Papier, und muß aus der empirischen Erfahrung heraus fast ... verneint werden.

Psychologie geht für Poesie

Durch die Auflösung der Kultur, im Entwerten aller überkommenen Prägemerkmale, wird die damit ausgelöste Identitätssuche zum scheinbar faszinierenden Prozeß künstlerischer Qualität. Die Poesie wird durch Psychologismen eines verzweifelten Versuchs, sich aus sich selbst zu definieren, nahezu verdrängt. Mit der Tücke, daß das Pathologische auf der Ebene der Psychologismen scheinbar deckungsgleich, dabei aber nur äquivok ist.

Ja oft ist scheinbar poetisches Empfinden nichts Simpleres als der zwanghafte Versuch, ideologische Forderungen und verirrte Ansprüche als ureigensten innersten Seelenkonflikt auszugeben - Falschgeld pur also, und besonders bei Frauen (heute) häufig.

Wieder andere - auch hier seien Frauen als häufigste Übeltäter genannt, wo sogar behauptet wird, es gäbe eine "Frauenspezifische Literatur und Kunst" - geben als Poesie aus, was nichts als das Ergebnis ersparter Mühe des poetischen Läuterns ist, ja wird gerade das Aussparen dieser Mühe und die daraus folgenden Wirrnisse als ... Mimesis der Kunst, des Poetischen ausgegeben. Wenn es frauenspezifische Kunst gibt, dann insofern, als von Frauen angefertige Poesie gerne die für Frauen spezifische Neigung zum Fehler voreilig abschließender Synthese zeigt, die diesen Läuterungsprozeß - bei ihm kann man erst eigentlich von männlich sprechen - zu vermeiden sucht. Aber ungeläuterte, von ungereinigtem Wollen und Sehen bedrängte Poesie ist eben nicht oder noch nicht oder nur verminderte Poesie.

Zur Politik gemünztes Wollen ergibt keine Poesie, es kann bestenfalls als Bezugsgegenstand vorkommen.

Das gilt natürlich ebenso für das andere Ende der Fahnenstange - für jene, die meinen, "katholische" oder "christliche" Literatur und Dichtung zu verfassen, eigentlich: zu erfinden. Die gibt es genauso wenig, und die strengen Gesetze der Kunst gelten auch für sakrale Werke, die sich lediglich durch ihren Inhalt von weltlichen Werken unterschieden, nicht durch ihre Formgesetze. Auch jede moralische Wirkung ist eine indirekte Folge des Schauens (als Seinsübergang), aber nicht direkt intentierbar.

Stefan George: Solange der Dichter etwas will, und sei es noch so versteckt, ist er noch weit weg von Kunst. Nur die Läuterung und die Zucht ermöglicht Kunst. "vor zu lebhaften ausdrücken der kraft im kunstwerk muß man auf der hut sein ... hinter ihnen steht oft gar nicht des empfindens tiefe und wahrheit - sondern nur schwärende unreife oder die anstrengung sich durch die eigenen schreie in etwas einzureden was nicht vorhanden ist ... kunst ist nicht schmerz und nicht wollust sondern der triumph über das eine und die verklärung des anderen."

Sonntag, 18. Januar 2009

Eine Wiederholung

Ich nehme mir vor den Gedanken weiter zu verfolgen, der zuletzt mehr und mehr aufgetaucht ist: die kulturkritische Literatur von vor 50 Jahren, in ihren vorbereitenden Wegen seit Jahrhunderten, liest sich als wäre sie gestern geschrieben worden. Bis hinein in Details, die wir so verräterisch dem Nationalsozialismus alleine vorbehalten wollen.

Was aber nichts anderes bedeuten kann, als daß wir im Begriffe sind, die ultimative Katastrophe 1918 und 1945 ... vorzubereiten und zu wiederholen.

Ich halte es für immer wahrscheinlicher. Und wir sind nicht im Jahre 1929, oder 1931, nein: wir stehen bei 1935 oder 1936.

Mythos Technik II

F. G. Jünger: "Die Technik erzeugt keine Reichtümer; durch ihre Vermittlung aber werden uns Reichtümer zugeführt, verarbeitet und dem Verbrauch erschlossen. Es ist ein beständiger, stets wachsender, immer gewaltiger werdender Verzehr, der hier stattfindet. Es ist ein Raubbau, wie ihn die Erde noch nicht gesehen hat. ... Nur dieser Raubbau ermöglicht sie (die Technik; Anm.) und läßt sie zur Entfaltung kommen. alle Theorien, die diese Tatsache außer acht lasen, haben etwas Schiefes, denn sie unterschlagen die Voraussetzung, unter der das Arbeiten und Wirtschaften jetzt stattfindet."

Ein Raubbau, der längst auch das Humankapital (unsere Kultur) verzehrt (hat) ... Es gibt eben nur zwei Faktoren, die überhaupt Reichtum ausmachen können: Menschen, und Rohstoffe.

Technik = Zeichen von Mangel

Man müßte F. G. Jünger sogar reziprok erweitern: Nicht nur, daß Organisation (=Technisierung) eine Erscheinung ist, die Mangel anzeigt, sondern umgekehrt macht (willkürliche, z. B. ideologische) Technisierung von Vorgängen diese zu Mangelvorgängen.

Dies läßt sich bei sozialen Vorgängen beobachten, die in den letzten Jahrzehnten aufgrund ideologischer Maximen sehr grundlegend umzuformen versucht wurden. Die Folge? Die erwünschten Folgen sind nicht eingetreten (man beachte nur die Umfragen zur Geschlechter-/Rollenfrage, die regelmäßig Heiterkeit erregen), vielmehr ist eine immer weitergehende Zerrüttung sämtlicher sozialer Vorgänge zu beobachten, sprich: die einzigen "Erfolge" die man bemerken kann ist völlige Desorientierung

(Was natürlich als "Fortschritt" verkauft wird, als "Auflösung überkommener Rollenbilder" z. B., während das Fehlen von Ersatz als Frage der Zeit gutgequatscht wird. Da interessiert nicht einmal, was "in der Zeit bis dahin" eigentlich ist ... Gerade solchen Vorgängen wird es zu verdanken sein, daß wir auf dem besten Weg zu einer extrem moralistischen, scheinbar "konservativen" Gesellschaft sind. Wie weit wir auf dem Weg dorthin bereits vorangekommen sind, ist uns natürlicherweise - als mitten in den gesellschaftlichen Vorgängen Stehende - gar nicht klar.)



 ***

Mythos Technik I

Für F. G. Jünger ist die Korrelation von Technik und Reichtum ein bestenfalls politisch motivierter Mythos: "... Auch der kleinste technische Arbeitsvorgang verbraucht mehr an Kraft, als er hervorbringt. Wie sollte also durch die Summe dieser Vorgänge (in Technisierung und Rationalisierung; Anm.) ein Überfluß geschaffen werden?"

Jünger stellt mit sehr grundsätzlichen Überlegungen infrage, ob ein Ziel "Reichtum" überhaupt mit Technisierung erreicht werden kann. Zu obigem Satz führt er als Beleg den 2. Hauptsatz der Wärmelehre an (Carnot-Prozeß), der vereinfacht besagt, daß die Umwandlung von Wärme in Bewegung (zur Technisierung in Maschinenform) ausnahmslos nur einen Teil der Wärme, die sie einem heißen Körper entziehen, in mechanische Arbeit verwandeln können (es gibt also keinen "Wirkungsgradfaktor/thermodynamischer Wirkungsgrad = 1").

Vielmehr meint Jünger, ob nicht beobachtbar sei, daß die Zunahme der Technisierung die Quantität an manueller Arbeit ebenfalls erhöhte! (Man möge sich nur die Regelkreise größer als in Nationalökonomien geteilt vorstellen - Stichwort: Globalisierung!)

Jünger sagt nichts anderes als daß es immer einen ausgleichenden Faktor "menschliche, manuelle Arbeit" braucht, und daß dieser Sektor mit der Zunahme der Mechanisierung (irgendwo auf der Erde) ebenfalls größer (bestenfalls verschleierter, weil auch viel indirekt verursacht) wird.

Wir SIND Katholiken.

Friedrich Georg Jünger in "Die Perfektion der Technik" über den heutigen Menschen, den "Techniker", weil alles in Technik aufgelöst ist: "... Mit solchen Menschen ist auch kein Gespräch zu führen, da sie nicht mehr Partner eines Gesprächs, sondern Demonstranten sind. Die Umwandlung des Gesprächspartners in einen Demonstranten kennzeichnet die Dogmatisierung der Glaubensgrundlagen einer mechanischen Bewegung."

Ein anderer Satz, ich glaube von Kaltenbrunner (auch wenn ihn der anders meinte, aber sich damit eigentlich verriet), zeigt, was Jünger 1953 prinzipiell meinte: "Wir SIND Evolution!"

Beim Spaziergang steigt mir dann der Satz auf, daß der Sozialstaat heutiger Prägung einem Hochstand des Technizismus entspricht, technisierte Zwischenmenschlichkeit ist, der durch Moralismus (die depersonalisierte, weil in Technik aufgelöste Gutheit des Seins, das somit regelrecht in Ursache und Wirkung aufgespalten, zum jeweiligen Ziel an sich wird) definiert wird. Als Diktatur einer öffentlichen Moral, deren Fratze deshalb nur so wenige kennen, weil sie nur so wenige derzeit noch erlebt haben. Denn das Große auszurotten war eine der ersten politischen Zielsetzungen des Sozialismus.

Größe - und damit erlebbare Würde - ist dort nicht nötig, wo alle Vorgänge technisiert sind.

Selbst der Umgang mit dem Mitmenschen ist simple Analyse möglicher technischer Vorgänge im andren. Um der Unerträglichkeit wirklicher Autorität auszuweichen.

In Gesellschaft von Kindern lacht sich's leichter

Was den Umgang mit Amerikanern immer wieder so angenehm erscheinen ließ? Im Zug, in aller Schmuddeligkeit, Unkompliziertheit, die, streng betrachtet, Ausweis völliger Kulturlosigkeit ist. Aber so rasch findet sich ein (nettes) Gespräch, so rasch sind sie zu verblüffen, so rasch lachen wir, auch ohne Zynismus ... - nun denke ich, daß die Ursache dafür ist, daß ihnen Neid weitgehend unbekannt ist. Wo allen alles möglich ist, zumindest prinzipiell, nimmt mir der andere nie etwas weg, das auch mir gehört oder gehören könnte, sondern er ist maximal schneller.

Wo Scheitern konsequenzenlos bleibt, weil es zu gar keiner Identität kommt, mangels kultureller Institutionalisierung, die weitertragen könnte, oder weiterzutragen wäre (eine bemerkenswert asketische, fast mystische Seite der Wurzellosigkeit), da ist Neubeginn mit veränderten Vorzeichen jederzeit möglich. Sie sind alle eben Kinder.

Das alles läßt sie auf eine Art und Weise unbefangen und offen, in gewissen Hinsichten angstfrei sein, die wohltut. Eine Seite der Kindlichkeit, die gerade dem gelernten Österreicher inmitten unverweslicher Leichenberge Balsam ist.

Freitag, 16. Januar 2009

Blind geworden

Der Verzicht darauf, daß ein Werk auch Kunst zu sein habe, wie er im Barock als Verdrängung der Kunst durch die Imagination davon stattfand, durch die Imagination einer Stimmung und Spiritualisierung des Sinnlichen durch dessen Ersatz und Symbolisierung stattfand, war der Tod des Sehens.

Man verzichtete auf "wirkliche Gegenwart" des Gesehenen (was eine Eigenschaft der Kunst ist) zugunsten einer bloßen und rein geistigen Erinnerung daran.

Geist ohne jedwede Wirklichkeit und Geschöpflichkeit - das ist Barock. Und das ist Subjektivismus des Descartes wie der Konstruktivismus der heutigen Philosphie. Und das ist heutige Liturgie: auf Dualismus, Zweispaltung des Menschen aufbauend wie davon herstammend. E-Soterisch - nicht mehr soterisch.

Die Liturgie der Katholischen Kirche von heute ist also nichts als eine Ausformung einer jahrhundertelang "gelehrten" Wirklichkeitssprache. Es ist also wirklich kein Wunder, daß Aufklärung und Barock so engumschlungene Geschwister waren.

Samstag, 10. Januar 2009

Es geht doch noch tiefer


Eigentlich dachte ich schon bei Bill Clinton, daß das Maximum erreicht sei - aber diese kleine Auswahl an Sprüchen aus dem Munde George Bush's jun. zeigt, daß es stimmt: Es geht immer noch tiefer, als man glaubt.

"Die Menschen in Louisiana müssen wissen, dass es überall in unserem Land viele Gebete gibt - Gebete für diejenigen, deren Leben auf den Kopf gestellt wurden. Und ich bin einer von ihnen. Es gut, hier her zu kommen." (In Louisiana nach dem Hurrikan "Gustav")

"Es ist nicht die Umweltverschmutzung, die unsere Umwelt schädigt, es sind die Verunreinigungen in unserer Luft und in unserem Wasser."

"Ich weiß, dass in Washington viel Ehrgeiz existiert. Aber ich hoffe, dass die Ehrgeizigen mitkriegen, dass sie mehr Erfolgschancen mit Erfolgen haben werden als mit Misserfolgen."

"In unserer gesamten Geschichte haben die Worte der Unabhängigkeits-
erklärung Einwanderer aus der ganzen Welt inspiriert, die Segel zu setzen und unsere Küsten anzusteuern. Diese Einwanderer haben dazu beigetragen, 13 kleine Kolonien in eine große und wachsende Nation von mehr als 300 Leuten zu verwandeln."

"Es gibt einen alten Spruch in Tennessee - ich weiß, es ist in Texas, vielleicht in Tennessee - der besagt, täusche mich einmal, Schande über dich. Täusche mich - du kannst nicht erneut getäuscht werden."

"Unsere Feinde sind erfinderisch und haben viele Mittel, und wir auch. Sie hören nie auf, über neue Arten nachzudenken, wie sie unserem Land und unserem Volk schaden können, und wir auch nicht."

"Es war nicht immer so festgelegt, dass die Vereinigten Staaten und Amerika enge Beziehungen haben. Schließlich waren wir 60 Jahre im Krieg - vor 60 Jahren waren wir im Krieg." (Bei einem Empfang des japanischen Minister-
präsidenten Junichiro Koizumi im Weißen Haus)

"Herr Ministerpräsident, danke für ihre Einleitung. Danke, dass Sie ein so guter Gastgeber für den OPEC-Gipfel sind." (September 2007 in Sydney bei der Teilnahme an einem Gipfel des Asiatisch-Pazifischen Forums APEC)

"Ich bin im Westen aufgewachsen. Im Westen von Texas. Das ist ziemlich nah an Kalifornien. In vieler Hinsicht näher an Kalifornien als Washington."

"Sie haben drei verschiedene Arbeitsstellen? ... Sowas kommt nur in den USA vor, nicht wahr? Ich meine, das ist doch fantastisch, dass Sie so etwas machen." (Zu einer geschiedenen Mutter von drei Kindern)

"Es ist Zeit für die menschliche Rasse, in das Sonnensystem einzutreten."

Als begnadeten Redner würde man Georg W. Bush wohl nicht gerade bezeichnen. Zu seinem Repertoire gehört etwa die Neuschöpfung des Verbs "to misunderestimate" - eine innige Verbindung von "to misunderstand" (missverstehen) und "to underestimate" (unterschätzen).

"Ich weiß, dass Mensch und Fisch friedlich zusammenleben können." (Bei einer Erklärung zur Energiepolitik in Michigan)

"Selten wird die Frage gestellt, lernt unsere Kinder etwas?"

"Wir werden die bestausgebildeten Amerikaner auf der ganzen Welt haben.

"Es gibt in mir keinen Zweifel, keinen einzigen Zweifel, dass wir scheitern werden."

"Sie haben mich fehlunterschätzt."

"Sie missunterschätzen das Mitgefühl unseres Landes. Ich denke, sie missunterschätzen auch den Willen und die Entschlossenheit des Oberbefehlshabers." (Über die Terroristen vom 11. September)

"Wenn wir keinen Erfolg haben, werden wir scheitern."

"Und sie haben keine Geringschätzung für Menschenleben." (Über Rebellen in Afghanistan)

"Ich erinnere mich an eine Begegnung mit der Mutter eines Kindes, das von den Nordkoreanern entführt wurde genau hier im Oval Office."

"Es wäre ein Fehler, wenn der Senat der Vereinigten Staaten zulassen würde, dass irgendeine Art von menschlichem Klonen aus dieser (Parlaments)Kammer kommt."

"Ich habe gehört, dass es in den Internets Gerüchte gibt, wir würden die Wehrpflicht wieder einführen." (Präsidentschaftsdebatte 2004)

"Ich glaube, wir befinden uns auf einem unumkehrbaren Trend zu mehr Freiheit und Demokratie - aber das kann sich ändern."

"Es ist nicht die Umweltverschmutzung, die unsere Umwelt schädigt, es sind die Verunreinigungen in unserer Luft und in unserem Wasser."

Freitag, 9. Januar 2009

Geschmacklos

Da wird es natürlich schon happig: wenn als Show der Gewinn von 100.000 Euro für jenen Übergewichtigen in Aussicht gestellt wird, der am meisten abnimmt. So, wie es Pro 7 jüngst macht.

Da drängen sich Vergleiche mit den Tanzwettbewerben der 20er Jahre auf, die in den USA so populär waren. Wo jenes Paar jeweils den Geldtopf gewann, das am längsten durchtanzte. Was zumindest in einem Fall sogar zum Ableben eines Teilnehmers wegen Erschöpfung führte. Gerade die verbissensten Teilnehmer waren natürlich unter jenen zu finden, die bettelarm waren und das Geld dringend benötigten. Und sich deshalb selbst verzweckten, auch diese Entwürdigung auf sich nahmen.

Samstag, 3. Januar 2009

Den Habsburgismus geläutert überstanden

Man muß Ricarda Huch in ihrem "Federico Confalonieri" eigentlich rechtgeben - ihre Wut auf die Katholische Kirche begründet sie dort (durch den Mund eines Proponenten) mit der "entsittlichenden Wirkung", die der katholische "Formalismus" hat.

Es ist natürlich prinzipiell falsch und unverstanden, diese Soteriologie (die Verbindung von Gnade und Zeichen im Sakrament), die wiederum auf einer Metaphysik aufruht, als "magisch" zu verurteilen, wie es Luterh (ff.) tat. Aber rein praktisch gesehen hatte sogar Luther (ff.) im Einzelfall (und auf vielfache Volkspraxis bezogen) recht: Der Mißbrauch der Gnadenmittel, ja ihr quasi-magischer Gebrauch sind auch heute sehr häufig zu beobachtende Erscheinungen.

Ganz kann man diesem Urteil die Wahrheit also nicht absprechen. Denn wenn auch stimmt, daß die Sünde niemandem den Zugang zu den Gnadenmitteln verbaut (ein Problem, das der Protestantismus schlicht und ergreifend gar nicht realistisch - und nur durch ein Wunder - lösen kann: was ist nun mit dem Sünder hier auf Erden!?), sofern er sich von ihr abwendet, so sehr verführt diese Bindung der Gnade und der Rechtfertigung an die Form und Praxis (der Beichte) zu Laxheit und Heuchelei.

Genau so, falsch, heuchlerisch und bösartig-dumm, hatte ich als Jugendlicher in den späten 1960ern, frühen 1970dern das kirchlich-katholische Umfeld wahrgenommen.

Ich hatte mich mit Grausen davon abgewandt.

Der Mailänder Graf und italienische Nationalist Federigo Confalonieri interessanterweise (Huch ist Protestantin) überwindet in bemerkenswerter sittlicher Haltung einer (durch das Leid der 14jährigen Festungshaft in Spilberk/Spielberg bei Brno/Brünn) sich mehr und mehr läuternden Liebe diese (prinzipielle) Anfechtung.

Ich habe mich deshalb schon mehrfach gefragt, ob der Protestantismus als "Ordensgründung" nicht durchgegangen wäre ... denn jeder Orden betont einen Aspekt stärker, als dem Ganzen wohltäte. Im Protestantismus eben den des rigorosen Bemühens um subjektive Wahrhaftigkeit.

Einfach die Strategie gewechselt

Immer wieder erinnert sich in mir, wie ich beim Umräumen meiner Bücher ein schmales Bändchen aus früheren Zeiten zur Hand nahm, erst nur sentimental-belustigt darin blätterte, dann (erneut) las. Es war eine Schrift von Mao Tse Tung. "Vier philosophische Monographien" - "Über die Praxis", "Über den Widerspruch", "Über die richtige Behandlung de Widersprüche im Volke", "Woher kommen die richtigen Ideen im Menschen"

Die Schrift ist klug, weil Mao sehr klug war, das wird gerne unterschätzt, oder vergessen. Oder glaubt man hierzulande wirklich - den Eindruck hat man manchmal - daß diese Menschen dumm waren oder sind? "Vier philosophische Monographien" behandelt ganz praktische Fragen politischen Handelns. Ich war perplex. Hatte ich doch ganz vergessen, was darin so offen stand, und was ich doch einmal (aber gewiß auch völlig anders, aber wie? ich weiß es nicht) gelesen hatte. Nun las ich es mit völlig anderen Augen. Nun las ich nämlich, was sich wie eine Niederschrift der politischen Handlungsstrukturen bei uns (!) las. Als wären wir der von Mao empfohlenen Strategie bis auf den letzten Buchstaben erlegen. Man muß es selbst gelesen haben.

Ähnliches ist mir bislang bestenfalls beim Lesen von Toqueville passiert - zu sehen, wie (sehr) lange zurückliegendes Wort, aus poräziser Analyse der Wirklichkeit gewonnen, sich buchstabengetreu der Prophezeiung gemäß erfüllt hat. Aber Tocquevill prophezeit eben, aus Menschenkenntnis, als Beobachter, als Außenstehender. Seine Hellsicht ist besorgte Warnung.

Mao arbeitete Strategien aus - ebenfalls aus Menschenkenntnis. Sein exakte Analyse dient aber dem Erreichen eines politischen Zieles. Und, verdammt noch einmal, wer seine Schriften liest könnte meinen, er hätte alles, wirklich alles erreicht.

Aber ist China nicht ... kapitalistisch geworden? Hat sich der Kommunismus dort nicht selbst aufgelöst?

So lautete doch die Mär bei uns. Gäbe es nicht ab und zu irritierende Nachrichten über grausame Vorgänge in China, mit denen aber ... niemand hier etwas anfangen kann? Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Denn die Widersprüche sind für uns nicht auflösbar. Es fehlt an einer erhellenden These, an einem gültigen Urteil über China. Das vergangene - die pösen pösen Kommunisten - darf man irgendwie nicht mehr anwenden, das ist ja nicht mehr gültig?

Gleich vorweg: China hat keineswegs den Kommunismus aufgegeben. Nach wie vor ist es ein kommunistisches Land, und verheimlicht das nicht einmal. Könnte es aber nicht sein, daß man diese Mischung aus Konfutsianismus und Marxismus in seiner praktischen Wirkung schlichtweg gänzlich unterschätzt? Die Chinesen waren, anders als die Russen und Osteuropäer, keineswegs so dogmatisch verbohrt, dafür in der Umsetzung unvergleichlich konsequenter. Sie haben stets rasch Realitäten zur Kenntnis genommen, und sie haben auch keinerlei abendländische Skrupel hinsichtlich Wert und Würde des Einzelnen - worin sie vom Konfutsianismus ganz elegant getragen werden. Ihr System der Gehirnwäsche zeugt von einer beeindruckenden Kenntnis des Menschen. Da klingt "Archipel Gulag" fast steinzeitlich rückständig in seinen Methoden - als hätte der sowjetische Kommunismus immer noch einen Rest an abendländischem Dünkel vor dem Menschen bewahrt.

Die Chinesen haben stets viel rascher gelernt - weil sie schlicht lernbereiter waren und sind. Sie sind kühl pragmatisch, wie es bei uns bestenfalls die Römer waren. Und die haben es ja auch weit gebracht.

Die Chinesen haben vor 15 - 20 Jahren einfach die Strategie gewechselt.

Worin der Strategiewechsel der Chinesen s. o. bestand? Nur Ewiggestrige, Verbohrte greifen die politischen Gestalten noch direkt an. Heute wird der Boden ausgetrocknet. Dann fallen die Bäume von selbst. Das Zaubermittel "Realismus" - in der paradoxen Intention - wirkt auch in begrenzten Systemen. Dazu braucht es keinen Gott, den Viktor Frankl ebenso treuherzig-berührend wie kantianisch reklamierte. Was hat ein Mitspieler zu verlieren, der eigentlich nur gewinnen kann? Entweder wird er reich, und hat so die Macht, oder das Spiel bricht zusammen - ein Sieg (des Kommunismus) bedeutet (wie Sun Tsu in seiner Kriegstaktik sagt) letztlich nur, daß der Gegner mehr fällt als man selbst. Bei wem aber menschliche individuelle Würde ohnehin keine Rolle spielt - der kann (macchiavellistich gesehen) gar nicht fallen. Sieg verhält sich auch relativ zum Ziel. Man siegt dann am elegantesten, wenn man den Gegner dazu bringt, scih selst zu lähmen. Z. B. indem man ihn auf Phänomene fixiert, indem man sie ihm läßt, ja liefert - bis man ihn süchtig gemacht hat.

Gegenprobe? Nie konnte China mehr Phänomene kontrollieren als in den letzten Jahrzehnten, wo auch die wirtschaftliche Potenz dazu entstand, im Westen mitzumischen. Hat China aber sein Verhältnis zur menschlichen Würde geändert? Im Gegenteil: der wirtschaftliche Aufstieg Chinas, seine Kapitalpotenz, die ohnehin nur auf das westliche System bezogen war und ist, baut auf genau jener Menschenverachtung. China hat ja nicht einmal Rohstoffe, wie die Sowjetunion sie hatte. China aber hat Asketen.

Die Sowjetunion ist genau daran gescheitert: es war wirtschaftlich ausgehungert, es ist strategisch dem Westen unterlegen, bis zum Todesstoß, dem SDI (Star Defense Initiative)-Programm.

China hat genau zu der Zeit umgeschaltet.

Nein, nein, der Marxismus ist keinesfalls tot, und ich habe das auch nie so gesehen, mich auch nicht vom "Mauerfall" täuschen lassen. Er ist nur viel schlauer, als der naive Abendländer sich vorstellen kann, und er ist dabei, das Feld von hinten aufzurollen. Und wenn man sich "Vier philosophische Monographien" durchliest hat man den Eindruck, daß die westliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte darin vorweggenommen ist, ja präsentiert sich diese als Ergebnis politisch klugen Handelns, wie Mao es beschreibt. Präsentiert sich auch und vor allem in der Verlagerung des politischen Handelns hin zu moralischen Bewegungen (ich erwähne nicht zufällig die Grünen, aber auch die FPÖ etc.), die nämlich extrem geschickt weltanschauliche Diskussionen regelrecht ins Abseits stellen, zu grotesk-lächerlichen akademischen Ehrenrunden machen, als strahlender Sieger.

Ist ja auch kein Wunder, denn der Marxismus spiegelt die Charakter- und Handlungsstruktur charakterloser Muttersöhnchen, denen es nicht um die eigene Würde geht: "Das Schwache macht das Starke schwach, damit die Schwäche Stärke wird." (E. Wagner, in "Zwei Seelen - Keine Welt")

Nirgendwo übrigens, so hört man, ist die Familien- und Mutterbindung, ja die symbiotische Abhängigkeit der Jungen von den Alten, so hoch wie in ... China.

Ursache war nicht eine vergessene soziale Komponente

Etwas gefällt mir an der Stellungnahme des Freiburger Erzbischofs Zöllner, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der mit einfachen Worten einen Kern des Problems aufzeigt: der Hinweis darauf, daß sich kein Mensch überlegt hat, woher denn die versprochenen, erwarteten Gewinne kommen sollen, mit denen angeblich die Zukunft abzusichern wäre. Daß es aber jede Menge Narren gab, die allen Ernstes an ein mathematisches Wachstum ad infinitum glaubten und (das ist ja der Kern!) ein ganzes Wirtschaftssystem auf dieser Annahme aufrichteten.

Und die sich nach wie vor nicht hinterfragen, ob an ihren Denkmodellen etwas grundsätzlich nicht stimmen könnte. Nein, dieselben Denkmodelle und Masken werden bestenfalls stromlinienförmiger gemacht, im Windkanal "Öffentlichkeit und Autorität" (sprich: Identität) kam es ja zu Turbulenzen! Also wird rasch auch diese Krise zur "die weltweite Finanzkrise" mythologisiert, wird ihr ein selbständiger Körper gegeben, auf daß sich dieselben Versager an ihren Plätzen halten und nun mitten in der Schar der Krisenbekämpfer auftauchen, die sie durch intellektuelles Versagen mit verursacht haben: da ist sie, die Krise, bekämpfen wir gemeinsam das Ungeheuer aus der Unterwelt!

Das Geschehen 2008 auf den weltweiten Finanzmärkten war schlicht widervernünftig, das ist der Kern. Und das erwähnt EB Zöllner leider nicht, sondern er spielt wieder die scheinbar leichtere Moralbande, kick und - mal sehen, wo der Ball letzlich landet, Moral klingt immer gut ...

Es war eben nicht das Scheitern des Neo-Liberalismus oder sonst eines -ismus, es war auch nicht ein vergessenes soziales Gewissen, sodaß man hätte sagen können: MIT diesem wäre alles gut gewesen, alles lag ja nur an einer fehlenden (positivistischen) Moralität der Beteiligten.

Sondern es war die Kapitulation des Verstandes vor einer Mentalität, die jeden Bezug zu Realitäten verloren hat und Folge einer Wohlstandsideologie ist, die die Menschen - und das schon eine ganze Generation lang - jeden Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verlieren hat lassen. Ein irreales Lebensgefühl, das in diesen Breiten vorherrscht, wankte jetzt erstmals beträchtlich, die Wirklichkeit meldete sich zurück, durch alle Nebel, die gar niemand mehr durchdringen wollte.

"Schnell noch diese Beute gemacht, und noch eine, und noch eine ... und dann rasch die Tür zu, hinter uns die Sintflut ..." Einmal freilich ist man einfach nicht rasch genug, aber das nimmt man in Kauf. Auch jetzt noch. Weltweit wird längst an einer weiteren Vernebelungsmaschine gebaut.

Ich weiß, ich spinne da vor mich hin, aber ... mich würde keineswegs wundern, wenn irgendwo, auf einer Parteihochschule der Chinesischen Kommunistischen Partei, in tiefster Provinz, die Sektkorken zum messerscharf gedachten Strategiewechsel knallten. Zu auffällig ist die Deckungsgleichheit der gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Mao's Schriften vorgezeichnet. Mittlerweile verstaatlicht sich der Kapitalismus nämlich selbst - über die Allmacht des Proletariats, das bei Gefährdung des Wohlstands zur Bestie würde. Man mußte das System über seine Schwächen nur hochkochen! Die Finanzmittel dazu hat China nämlich. Es ist seit Jahren weltweit der größte Investor. Und was soll China passieren? Daß der Kapitalismus endgültig zusammenbricht? Dreimal gelacht.

Gut, weit gegriffen, ich weiß. Diese Vernebelung der Geister war und ist aber in jedem Fall - und diese These paßt mit Gewißheit - Folge einer ideologisch-politischen Maßnahme des Zerreißens aller Zusammenhänge von Ursache und Wirkung, und diese politische Naivität, deren bösartiges Gesicht einmal auch für Wohlstandsbäuche bedrohlich (aber noch nicht mehr) wurde, dominiert nach wie vor. Denn nur wer Ursachen von Wirkungen (in falschen Theorien) trennt, kann sie politisch zur Bekämpfung freigeben.

Dies betrifft weltweit die Grundlagen des Menschseins (nach dem Mechanismus, dem Subjektivismus der Entwertung der Gestalten über die Geschlechterfrage zur Gottesfrage), indem man auf diesem Weg die Existentialität des Menschen zu manipulieren sucht. Die Ausweglosigkeit, in die man den heutigen Menschen hineinmanövriert, ist ganz klar absehbar, und wird sich in gewaltiger Irrationalität Luft verschaffen. Das kann gar nicht anders sein.

Aber nun EB Zöllner - wobei: Was mir an seiner Stellungnahme ebenfalls nicht gefällt sind diese "flinken Vertreterbeine": als wollte die Kirche nun rasch den Fuß in die Tür kriegen. Das war auch im Wirtschaftsgeschehen verräterisch.
„Wenn ich Geld anlege und hoffe 15 oder 25 Prozent Gewinn zu machen, dann muss ich mich fragen, woher der Gewinn kommen soll. Den muss ein anderer bezahlen. Diese Gier ist ins Maßlose getrieben worden“, sagte der Freiburger Erzbischof.

... Der Neoliberalismus sei an seine Grenzen gestoßen und in seiner radikalsten Ausformung in den USA bereits am Ende angekommen. Ein Kapitalismus, der allein auf Wachstum setze und die soziale Komponente vergesse, sei zum Scheitern verurteilt. „Wenn ich Geld anlege und hoffe 15 oder 25 Prozent Gewinn zu machen, dann muss ich mich fragen, woher der Gewinn kommen soll. Den muss ein anderer bezahlen. Diese Gier ist so ins Maßlose getrieben worden, dass wir jetzt diesen gewaltigen Einbruch erleben“, sagte der Freiburger Erzbischof.

„Es waren ja nicht nur die Manager, die große Gewinne machen wollten. Es hat sich ja auch die breite Bevölkerung darauf eingelassen, dass man tatsächlich 15 oder 25 Prozent Gewinn machen könnte: Die Gier ist eine Untugend und eine der Hauptsünden, die nun die breite Bevölkerung erfasst hat. Darum ist es wichtig, dass wir uns alle gemeinsam besinnen und nicht nur darauf aus sind, möglichst viel Gewinn zu machen, sondern dabei auch immer an die anderen denken.”

Es sei wichtig zur Besinnung zu kommen und zu der Erkenntnis: „Geld ist doch nicht alles, die Vermehrung des Gewinns ist doch nicht alles“. Im Blick auf die Krise der Banken sieht Zollitsch das große Problem darin, dass keine Bank der anderen Bank mehr Geld ausleihe. Das bedeute, dass das Vertrauen zerstört sei. Inzwischen hätten auch Banker begriffen, dass Management allein nicht ausreiche, sondern Glauben und Vertrauen die Basis soliden Wirtschaftens sei.

Freitag, 2. Januar 2009

Einen Weg der Katharsis finden

Wenn die Dichtung (als einzige Kunstform hat sie die Gegenwehr gegen den Irrtum in der Hand, das Wort) es nicht schafft, sich die Gesetze des Schönen wieder zurückzuerobern, und sohin zur wirklichen Handlung zu finden, wird dies die Weltgeschichte selbst übernehmen. Denn die Kräfte der Menschen und der Welt werden sich ihren Weg der Katharsis suchen.

Ein einziger dramatischer Kernkonflikt

Es gibt im Grunde nur einen einzigen dramatischen Kern des Weltgeschehens und damit des Menschen: jener des (positiven) Helden, der das Gute will (1. Akt, Exposition und Entschluß), aber von der Welt und dem Guten widerstrebenden Mächten bekämpft wird (Anfang 2. Akt), dennoch seinen Weg geht (2./3. Akt), ja scheinbar siegt (Ende 3. Akt, Palmsonntag) und in der (scheinbaren) Niederlage (4. Akt) endet, dabei aber - siegt (Auferstehung/Peripetie) und erlöst (5. Akt, dramaturgischer Ausgleich).

Dieses vollkommene dramatische/dramaturgische Schema, das eigentliche Schema der gefallenen Welt, findet sich eben schlicht und ergreifend in der katholischen Messe wieder, die somit aufgrund ihres Gegenstands zu Recht als das vollkommenste und höchste Drama betrachtet wird.

Die Wirkweise der Liturgie selbst - wobei so zu sprechen die Gefahr enthält, die Kunst als Urphänomen als der technischen Machbarkeit unterwerfbar dazustellen - ist absolut ident mit jener des Theaters. Die liturgische Diskussion der letzten Jahrzehnte trägt deshalb die haargenau selben Züge und Argumentationslinien. Ja, die liturgische Diskussion wird (Gratia supponit naturam ...) von jener des Theaters (die zugleich eine der Metaphysik, der Anthropologie ist) geprägt (nicht umgekehrt!) Sodaß es keineswegs zufällig ist, daß die Erscheinungsformen von zeitgenössischem Theater und heutiger (landläufig vorzufindender) Liturgie sich so angeähnelt haben. Beide haben und hatten Ende der 60er Jahre dasselbe Problem - die Frage der participatio actuosa, beide leiden übrigens unter Zuschauerschwund, haben "ihre Häuser leergespielt", wie man es nennt. (Und beide versuchen eine Trendwende mit ähnlichen Rezepten ...)

Immer sich selbst gespielt

Volker Schlöndorff im Interview: "Viele Filme sind nicht Filme MIT Schauspielern, sondern Filme ÜBER Schauspieler, Dokumentationen gleich. Schauspieler wie Romy Schneider waren gar keine "großen" Schauspieler, das würde ich so nicht sagen, sondern sie hat alles in Bezug auf sich gesetzt und war mit einem Magischen Moment ausgestattet, das gerade in der Kamera - (während im Filmgeschehen den Phänomenen der Seele ohnehin völlig neue Interpretationen verschafft werden) - so hervorragend wirkte. Romy blieb immer sie selbst, war immer sie selbst, und das berührt einen, weil sie auch tiefste, intimste Seelenregungen in Ihr Gesicht ließ.

Dustin Hofmann - mit dem habe ich gedreht, nicht aber mit Romy, die dann zum Schluß schon so neurotisch war, daß uns das in "Die Fälschung", wo es um diese Frage ging, zu riskant war - als anderes Beispiel ist wiederum einer von jenen, die mit einer ungeheuren Wandlungsfähigkeit ausgestattet sind. Er ist auch wirklich ein Charakterdarsteller, viel mehr als ein Star. In "Marathonman" z. B. hat er darauf bestanden, daß ihm der Zahnarzt wirklich die Wurzel anbohrt - er wollte den Schmerz spüren, nicht nur so tun als ob."
(Sinngemäße Wiedergabe)

Donnerstag, 1. Januar 2009

In testimonium fidei

Ich selbst habe verschiedentlich Zweifel an der Heiligsprechung von Edith Stein dahingehend vernommen, als das Sterben am Judentum unter den Nazis kein Sterben "in testimonium fidei" gewesen sei. Auch manche Äußerung Johannes Pauls II. konnte dahingehend gedeutet werden. Das wäre an sich stichhaltig, denn es wäre im strengen Sinn nicht möglich, an Umständen wie jenem, Jude zu sein, ein Martyrium im eigentlichen Sinne zu erleiden.

Wäre Edith Stein nicht aus ganz anderen Gründen verhaftet worden. Denn mit 26. Juli 1942 hatten sich die niederländischen katholischen Bischöfe in einem bewundernswert klaren Hirtenbrief gegen die (geplante) Ausschließung der Juden vom öffentlichen Leben, deren Verschleppung usw. ausgesprochen. Als Racheakt verhaftete daraufhin die Gestapo viele derjenigen Katholiken und Kleriker bzw. Ordensangehörigen, gegen die gesetzliche Handhabe vorlag - z. B. als konvertierte Juden.

Edith Stein selbst hat übrigens immer die Verfolgung der Juden in einem Zusammenhang mit deren historischer Schuld - der Kreuzigung und Leugnung Christi - und dem daraus erwachsenen Fluch gesehen. Was natürlich niemals dessen Rechtfertigung bedeutet. Einmal schreibt sie sinngemäß, daß es wohl richtig sei, daß Kain verfolgt würde. Wehe aber dem, DURCH den er zu Schaden komme (hier: die Nazis, das Deutsche Volk) Man fand in ihren Schriften ein Bildchen, auf dessen Rückseite eine Aufopferung ihres Lebens für die Bekehrung der Juden niedergeschrieben stand.

Aber weil ich es für wesentlich halte - und zwar als historischen Faktor, denn die wahren Kämpfe sind nicht die in großem Lärm - noch die Abschrift einer Bitte an ihre Priorin: Liebe Mutter, bitte erlauben Euer Ehrwürden mir, mich dem Herzen Jesu als Sühnopfer für den wahren Frieden anzubieten, daß die Herrschaft des Antichrist wenn möglich ohne einen neuen Weltkrieg zusammenbricht und eine neue Ordnung aufgerichtet werden kann. Ich möchte es heute noch, weil es die zwölfte Stunde ist. Ich weiß, daß ich ein Nichts bin, aber Jesus will es, und er wird gewiß in diesen Tagen noch viele andre dazu rufen. (Passionssonntag, 26. III. 1939)

Die Teilung der Erde

Zum Zusammenfall von künstlerischem Ideal und jener Armut, wie sie den eigentlichen Weg des Kreuzes bedeutet, auch dieses Gedicht, von Schiller 1795 verfaßt:


"Nehmt hin die Welt!" rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu. "Nehmt, sie soll euer sein!
Euch schenk' ich sie zum Erb' und ew'gen Lehen;
Doch teilt euch brüderlich darein."

Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten,
Es regte sich geschäftig jung und alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
der Junker birschte durch den Wald.

Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
der Abt wählt sich den edeln Firnewein,
der König sperrt die Brücken und die Straßen
Und sprach: "Der Zehente ist mein."

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Poet, er kam aus weiter Fern';
Ach, da war überall nichts mehr zu sehen,
Und alles hatte seinen Herrn.

"Weh mir! so soll ich denn allein von allen
vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?"
So ließ er laut der Klage Ruf erschallen
Und warf sich hin vor Jovis Thron.

"Wenn du im Land der Träume dich verweilet,
Versetzt der Gott, "so hadre nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?" -
"Ich war," sprach der Poet, "bei dir.

Mein Auge hing an deinem Angesichte,
An deines Himmels Harmonie mein Ohr;
Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte
berauscht, das Irdische verlor!" -

"Was tun?" spricht Zeus. "Die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben:
So oft du kommst, er soll dir offen sein."

Opera maxima

Ich glaube es ist Carl J. Burckhardt, der "La Divina Comedia" des Dante Alighieri als die umfassendste Ausfaltung abendländischer Weisheit bezeichnet, und ich glaube es ist Goethe, der die Ilias des Homer als die umfassendste Darstellung menschlicher Möglichkeiten bezeichnet, die wir in der Literatur besitzen. Alle andere Literatur sei nur noch Ausformung von mehr oder weniger großen Kapiteln oder Episoden daraus.

Armut als Haltung

Man mißversteht das "Kreuz", wenn man es mit "Leiden" gleichsetzt. Edith Stein nennt deshalb in "Die Kreuzeswissenschaft" das Leiden lediglich "Hilfsmittel." Ja, Kreuz bedeutet die Bereitschaft zur Entfaltung des Seins zum Seienden hin, der eigentliche Auftrag des Menschen im Selbstdialog Gottes, den Schöpfung darstellt. Wo Gott sich in sich selbst liebt weil herausstellt, und den Menschen daran teilhaben läßt, neben ihm, und doch nur aus ihm.

Wir töricht also fast alles, was man zum Thema Armut und Armutsbekämpfung hört! Fast ausnahmslos hat dieses Reden den Charakter der Kreuzesvermeidung - nicht einmal den der Hilfe, Kreuz zu tragen (das im Gegenteil eben wieder mit Leid und Leidvermeidung identifiziert wird.)

"Der Mensch stirbt nicht vom Gift, er stirbt auch nicht vom Tod,
er stirbt vor lauter Todesangt, er stirbt wenn man ihm droht," singt Arik Brauer einmal. Und so ist es auch im Kreuz: es bedeutet letztlich die bloße Bereitschaft - und hier muß und kann man vom eigentlichen Geheimnis und Fruchtbarkeit der Armut sprechen - alles aus der Hand und in die Hand Gottes zu geben. Alles dem Sein zu überantworten, ohne diese Deutung als simple Passivität ausgelegt zu erlauben.

Das ist nicht Fatalismus, sondern Armut als Weg zur Freiheit. Und es ist diese Armut der Kreuzesannahme.

Diese Armut als vollendete Haltung der Kreuzesannahme ist das Geheimnis Christi in dieser Welt. Sie bedeutet nicht einmal "Güterlosigkeit." Sie bedeutet lediglich das Ja zum Kreuz, zugleich die freie Annahme der Gesetzlichkeiten, die anerkannte bis zum Tode gehende (weltliche) Ernsthaftigkeit sohin, in Erfüllung des Standes, in welchem man steht.

Frausein als erfüllte Hingabe

Edith Stein zum Wesentlichen des Frauseins: "Sich liebend einem anderen Wesen hinzugeben, ganz eines anderen Eigentum zu werden und diesen anderen ganz zu besitzen (im Sinne von: ganz von ihm im Erkennen durchwirkt sein; Anm.) ist tiefstes Verlangen des weiblichen Herzens. Darin faßt sich die Einstellung auf das Persönliche und auf das Ganze zusammen, die uns spezifisch weiblich erscheint."

"Wo diese Hingabe einem Menschen gegenüber erfolgt, ist sie eine verkehrte Selbstpreisgabe, eine Versklavung und zugleich ein unberechtigter Anspruch, den kein Mensch erfüllen kann. Nur Gott kann eines Menschen Hingabe ganz empfangen und so empfangen, daß der Mensch seine Seele nicht verliert, sondern gewinnt."

"Darum ist die restlose Hingabe, die Prinzip des Ordenslebens ist, zugleich die einzig mögliche, adäquate Erfüllung des weiblichen Sehnens."

Ich habe Herrliches gesehen


In einem Buch über Edith Stein eine Schilderung des Todes von Edmund Husserl, als dessen Assistentin sie jahrelang gearbeitet hatte, ehe sie vom Judentum zum Katholizismus konvertierte und auch philosophisch, wie sie selbst es bezeichnete, "von vorn beginnen" mußte, und der sich zeitlebens selbst als Ungläubiger bezeichnete:

Gründonnerstag 1938 fragte er die Krankenschwester, die vereint mit seiner Frau und der Geistlichen Schwester A. pflegte:
"Ist es wirklich möglich, gut zu sterben?"
Sie antwortete: "Ja, in tiefem Frieden."
"Aber wie?"
"Durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus!"
Die Schwester begann den 22. Psalm: "Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir mangeln ..." An der Stelle "selbst wenn ich wandle mitten im Todesschatten, will ich nichts fürchten, weil du bei mir bist", unterbrach Husserl sie:
"Ja, so ist es, ich möchte, er wäre bei mir, aber ich fühle seine Nähe nicht." Dann flüsterte er: "Betet für mich!"
Am folgenden Tag sagte seine Frau: "Heute ist Karfreitag."
"Welch schöner Tag", erwiderte er, "Karfreitag! Ja, Christus hat uns alles verziehen."
Am Abend beklagte er sich, daß er immer noch lebe: Schwester A. sprach von dem Sterben Christi am Kreuze, um ihn zu ermutigen.
"Gott ist gut," schloß sie.
"Ja, Gott ist gut", fiel er ein, "aber er ist unbegreiflich, und das ist eine große Prüfung für mich ..." Er konnte den Satz nicht vollenden. Nach einer Weile begann er wieder "das ist wie zwei Kräfte, die sich ständig suchen, sich vereinen und von neuem suchen .."
Schwester A. suchte seinen Gedankengang aufzunehmen: "Ja, in Jesus vereinen sich Himmel und Erde, in Christus steigt Gott zu den Menschen herab."
"Der Kranke stimmte zu: "Ja, so ist es" ... dann ruhte er ein wenig. Plötzlich machter er heftige Bewegungen, als wollte er erschreckende Bilder verjagen. Gefragt, was er sehe, sagte er: "Licht und Finsternis, große Finsternis und dann wieder Licht."

Er fiel in eine Art Bewußtlosigkeit, die mehrere Tage anhielt. Plötzlich wandte er sich zu seiner Pflegerin und rief: "Ich habe Herrliches gesehen! Schnell! Schreiben Sie!"
Als diese mit ihrem Notizblock herbeieilte, war Husserl tot.