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Sonntag, 31. Mai 2009

Berlusconi I: Vom Humor in der Politik


Man kann sagen was man will - an Köstlichkeit ist Silvio Berlusconi, der schon zweimalige italienische Ministerpräsident, nicht mehr zu überbieten. Und er macht einem Italien, das Land der "Mama", "Spaghetti" und "Ragazzi", noch sympathischer als es einem ohnehin bereits war. Weil er ein richtiger Gewinn für die nationale wie internationale Politik ist. Bücher mit Anekdoten werden einmal Kassenschlager sein, mit Beweisen seiner realistischen, volksnahen Einstellung, seiner großartigen "Italianitá", und vor allem: seinem unüberbietbaren Sinn für Humor. Fellini hätte seiner Heimat keine größere Liebeserklärung machen können. Hier einige Beispiele.

Seine Reaktion auf die Wahl von Barack Obama zum Präsidenten der USA zeigte schon, daß auch die sogenannte Hohe Politik nicht mehr ist als ein Job: "Er ist jung, gut aussehend und sogar braungebrannt." Auf eine Frage über Unterschiede zwischen ihm und Obama antwortete er wahrheitsgetreu: "Ich bin blasser, auch weil ich seit langem nicht in der Sonne gewesen bin. Obama ist schöner, jünger und größer."

Obama soll nicht so tun, er hat auch schon genug Böcke geschossen.

[B. Obama zu seinem Pressesprecher, beiseite: "Who is that funny guy? ... A what? ... Bouerlassoni??? ... never heard ... oh, I see ... oh, Europe, I see ... Riesenrad, Wiener Schnitzel and so, I see ...]

Auf die Erdbeben des heurigen Frühjahrs in Italien reagierte er viel subtiler - denn was brauchen solche Menschen zuallererst? Richtig: Ablenkung von ihren Sorgen, am besten mit einer gehörigen Portion Galgenhumor. Viktor Frankl hätte das nicht besser gekonnt, mit seiner Paradoxen Intention: Er ermunterte die obdachlos gewordenen Menschen L'Aquilas, die Zeltlager zu verlassen, aus der Not eine Tugend zu machen, und in die Hotels an der Adria-Küste zu ziehen. Zeit hätten sie ja! Und wer weiß schon, wann sie sich den nächsten Urlaub leisten können. Haben ja grad alles verloren! "Fahren Sie ans Meer über Ostern!" Leider ist nicht bekannt, wieviele der Betroffenen die Einladung zum Urlaub angenommen haben. Viele hatten wohl noch zu tun. Und blieben in den Zeltstädten vor Ort untergebracht. Berlusconi aber konnte nicht aufhören, die Idee, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, zu proklamieren - wenn er schon mal da war, wollte er auch was zur Entspannung der Leute beitragen. "Natürlich ist ihre Unterbringung absolut provisorisch, aber man muss es eben nehmen wie ein Campingwochenende"!

Aber Berlusconi hat einfach keine Zeit zu verlieren. Immer auf Achse, immer am Kurbeln ... Das Familienfoto der Staats- und Regierungschefs auf einer Rheinbrücke aus Anlaß eines NATO-Gipfels fand deshalb leider ohne ihn statt. Weil er sich nicht von seinem Handy lösen konnte. Berlusconi war schon beim Ankommen direkt aus seiner Limousine ausgestiegen, und war telephonierend zum Rhein geschlendert. Die Gastgeberin, Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, die zur Begrüßung auf ihn zugegangen war, hatte er unabsichtlich links liegen gelassen. Bitte, es wird dennoch nicht das letzte NATO-Treffen gewesen sein. Ist man so vielbeschäftigt wie ein Ministerpräsident, dann muß man eben die Prioritäten richtig setzen!

Aber Berlusconi hat ja schon bei anderen Anlässen gezeigt, daß er von Selbstmanagement etwas versteht. Arbeitslosen riet er einmal völlig richtig, nicht deprimiert zu sein und sich doch zu beschäftigen! Jawohl, kann man da nur sagen, wenn man arbeitslos ist und auch noch deprimiert herumhängt, dann wird man apathisch, desinteressiert, vernachlässigt sich ... wer kennte das nicht!? "Wer arbeitslos ist, soll etwas tun, ich würde nicht tatenlos herumstehen," Wer würde nicht den hohen pädagogischen Wert der Aussage Berlusconis erfassen?

Das Gespräch übrigens, bei welchem er diese Ratschläge gab, fand übrigens im von der Schließung bedrohten Fiat-Werk in Pomigliano D'Arco bei Neapel statt - mit dessen (Noch-)Arbeitern. Schlicht konsequent, die politische Linie, kann man da nur sagen: Am richtigen Ort das richtige Wort! Zwei Tage zuvor erst hatte Berlusconi ja seinen Landsleuten schon einmal eindringlich nahegelegt, "mehr zu arbeiten", um einen Ausweg aus der Krise zu finden. Was gibt's nun daran auszusetzen?!

Mit Berlusconi ist eben einfach immer etwas los. Was mit Sicherheit dafür sorgt, daß der eine oder andere seiner Amtskollegen der europäischen Staaten heimlich nur wegen "der Hetz" zu all diesen Konferenzen kommt. Während seine Frau zuhause glaubt, er arbeite schwer - das ... beim Familienfoto der EU-Außenminister 2002 bildete Berlusconi mit Zeige- und kleinem Finger hinter dem Rücken des spanischen Ratsvorsitzenden Josep Pique ein Paar Hörner, "cornuto", das Symbol für einen gehörnten Ehemann. (In Italien eine schwere Beleidigung.) Naja, wer weiß, warum Berlusconi zu diesem Treffen zu spät kam.

Und SO gesittet geht's auf so hoher Ebene auch nicht immer zu, wie wir alle ja wissen; man möge nur an sich selber denken! War da nicht was mit einer spanischen Kommissarin und einem französischen ... ? (Oder hat man schon ermittelt, wer der Vater ist? Um falschen Gerüchten vorzubeugen: Nein; das war VOR Berlusconi's Zeit.)

Warum nur wollen ihm alle immer am Zeug flicken!? Auf einen groben Klotz ein grober Keil? Berlusconi ist doch in Wahrheit zartfühlend und sensibel! Nach dem Wahlerfolg des Bürgermeisters Giovanni Benussi zum Beispiel. Sicher, er hielt bei einer Kundgebung der Forza Italia den "Stinkefinger" in die Kamera. Aber: Sofort meldete sich sein Gewissen. "Jetzt wird man behaupten, dass ich vulgär bin." Es fehlt einfach überall an Humor. Und Mitgefühl.

Die Deutschen hinwiederum mögen solche Lockerheit, ja sie fahren nach wie vor in Massen nach Italien, um Urlaub zu machen, des Lebensgefühls wegen, wie Umfragen belegen. Mit Italienern ist einfach immer Feierstimmung - Pizza und Spaghetti und Chianti und Spumante, ach, man kommt ins Schwärmen. Berlusconi verkörpert diese südländische Lebenshaltung, die immer etwas von Kindsein hat, perfekt. Zum Auftakt einer Zusammenkunft mit Angela Merkel ging z. B. der italienische Ministerpräsident hinter einer Säule in Deckung und rief: "Kuckuck!" Die deutsche Kanzlerin drehte sich daraufhin um, rief "Silvio!" und umarmte ihn. Man sieht sie, die glücklichen Kinder in den glücklichen Filmen, die - in Zeitlupe - in die geöffneten Arme ihrer vor Glück weinend lachenden Mütter fliegen und "Mama!" rufen. Herrlich. Glückliche Politiker. Wann gab's das zuletzt?

Berlusconi kann aber eben einfach mit den Deutschen. Beweis? Dem deutschen SPD-Abgeordneten Martin Schulz bot Silvio Berlusconi in seiner Antrittsrede zum italienischen EU-Vorsitz 2003 glatt eine Filmrolle an: "In Italien wird gerade ein Film über Konzentrationslager gedreht. Ich lade Sie ein, die Rolle des Kapo zu spielen." Der Italiener hat einfach einen Blick für Menschen, und was in ihnen steckt.

[Tja, das Berufsgeheimnis der Schauspieler: Beziehungen muß man haben, dann kriegt man auch die Rollen!]

Berlusconi kennt die Branche, kennt ihre ewigen, ehernen Gesetze. Wobei: Er hat es ja nicht so leicht. Im Gespräch mit Opernsängern in Rom meinte er vor laufender Kamera: Sicher, auch er sei Schauspieler (wir wissen das, Silvio!), aber im Vergleich hätten es Opernsänger ja leicht: sie spielten jeden Tag die selbe Rolle. Er aber müsse jeden Tag eine andere spielen!

Das stimmt - für einen Schauspieler kaum zu bewältigen! Und: wann lernt der Text? Die Folgen können nicht ausbleiben.

2005 verärgerte Goldmund Berlusconi nämlich jemanden - durch einen Versprecher!? Die finnische Regierung betraf's. Als er nach langen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen der Presse (welche Indiskretion! der Presse! da kann er's gleich in die Straßen rufen!) offenbarte, er habe bei der Präsidentin Tarja Halonen sogar seine "Playboy- Künste" aufbieten müssen, um sie im Kampf um die EU-Lebensmittelbehörde zum Einlenken zu bewegen. "Man muss eben alle Waffen einsetzen, die man zur Verfügung hat", meinte er. Für sein Land tut dieser Mann eben alles. Nicht zufällig verglich er sich schon mit Jesus.

Ob Halonen errötete, oder sich verlegen ihre unordentliche Bluse in den Rockbund stopfte, ist leider nicht überliefert. Darüber schwieg sie nämlich, die Presse. Unfair!

Naja, die war mit anderem beschäftigt, denn: Da attackierte Berlusconi die kulinarische Tradition der Finnen! Das war zuviel. "Ein Land, das sehr stolz auf seine baltischen Fische und auf marinierte Rentiere ist. [Solch ein Land soll also die Lebensmittelbehörde stellen?] Die Finnen wissen doch nicht einmal, was 'Prosciutto' ist." Da hat er natürlich recht, aber sagt man das so brutal offen?

Die Reposte kam wie's Amen im Gebet: "Prosciutto ist Schinken", titelte die größte finnische Zeitung am nächsten Tag. Um im Untertitel nachzuschieben: "1,2 Millionen Finnen wissen das jetzt. Reicht das, Berlusconi?"

Berlusconi irrte also. Kann passieren. Bei 25 oder 35 EU-Mitgliedern, pisageprüft, wer soll da den Überblick behalten, wer was weiß!?

Reif fürs Goldene Buch, getragen von Mitgefühl und Menschlichkeit, waren freilich auch seine Äußerungen zu einem Massenausbruch aus einem Flüchtlingslager auf der Mittelmeerinsel Lampedusa. Die Insassen seien doch nur auf die Straße gegangen, wie sie es immer machten, rechtfertigte Berlusconi die Gewaltexzesse. Natürlich, bitte, im Süden spielt sich doch das halbe Leben auf der Straße ab, das wissen wir schon, aber so?! "Das ist kein Konzentrationslager." Es stehe den illegalen Einwanderern in dem Lager frei, jederzeit "ein Bier trinken zu gehen". Zumindest das, wenn sie sich schon nicht im Lande aufhalten dürfen. Für Mensch im Not hat Berlusconi - wie so oft schon bewiesen - immer ein Wort der Aufmunterung.

Der Favorit all seiner Sager ist aber zweifellos ein von ihm gesetzter, wohl nie mehr zu überbietender Höhepunkt wahlkampftechnischer Perfidie: 2008 machte er die Linke im Laufe des Wahlkampfs mit dem Satz nieder: "Unsere Frauen sind einfach schöner als Eure"! Das Insiderargument überzeugte - es war sowas von wahr!

Berlusconi gewann die Wahl - auch wenn seine Frau bis heute nicht begriff, was er eigentlich gemeint hatte. Sie fühlte sich irrtümlich angesprochen, und läßt sich jetzt scheiden. Dabei: Er hat nie gesagt, er KÖNNE alle schönen Frauen haben! Er hat gesagt: Die Forza Italia HABE die schöneren Frauen! Oder lag's am schöneREN? Da kenne sich einer aus, mit den heißblütigen Südländerinnen ... Außerdem: Er hat erst jetzt wieder gesagt, daß er sofort zurücktreten WÜRDE, HÄTTE er etwas mit einer Minderjährigen. Darum war es ja doppelt gemein, ihn auf der Feier zum 18. Geburtstag der Neapolitanerin abzulichten. Bitte, sie IST nun volljährig! Und schöner ist sie auch als seine Frau. Er hat nicht gelogen.

Und es ist gewollt mißverstanden, wenn man seine Aussage, sein Beruf sei sehr hart - jeden Tag müsse er in einem anderen Bett schlafen ... anders auslegt als sie gemeint war.

Die Linken in Italien haben sich von diesem gezielten, knallharten Schlag jedenfalls bis heute nicht erholt. Unbestätigten Gerüchten zufolge war das einzige, was seither bei ihnen gestiegen ist, die Scheidungsrate.

[Rosa M., (Ex-)Frau eines kommunistischen (Ex-)Abgeordneten, im Interview: "Wir haben es satt, immer mit Verlierern und Loosern identifiziert zu werden. Immer dieses Mutter Theresa-Image! Wir sind moderne Frauen, wir gehören auch zu den Gewinnern! In welchem Jahrhundert leben diese Sozis?" Hinweis der Redaktion: Aus prinzipiellen Gründen werden Heiratsofferte nicht weitergeleitet!]

Berlusconi hat eben das Zeug, ALLEN die Augen zu öffnen. Nur eine seiner zahlreichen Gaben, die ihm ethische Verpflichtung sind, sich für sein Land völlig aufzuopfern. "Nur Napoleon hat mehr getan als ich, aber ich bin auf jeden Fall größer als er."

Wo Berlusconi recht hat, da hat er recht. Wie wünschte man sich doch mehr von dieser erfrischenden Aufrichtigkeit, auf dem Boden einer beeindruckend nüchternen Sachlichkeit, in der Politik.

P. S. Sämtliche Beispiele sind aus der Sammlung des KURIER angeregt. (Titelverlinkung)




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Freitag, 29. Mai 2009

Sophistik und Mission

Das Grundproblem sämtlicher Erneuerungsbewegungen zeigt sich in ihrem Gründungsmythos, in welchem sich die Haltung Wort sucht, daß während rundherum die Kirche und Glaube sich auflöst und zerstört ist, die wahre Kirche und der wahre Glaube in ihnen fortlebt. Hier treffen sie sich scheinbar mit dem missionarischen Auftrag der Kirche, doch handelt es sich nur um Äquivokation, um theologistische Sophistik. Vergleicht man die Erneuerungsbewegungen mit den christlichen Häresien und Ketzerbewegungen der Kirchengeschichte, so sind die Parallelen, aber auch die Stringenz ihrer Herkunftsbelege, verblüffend.

Schon gar, weil man streng genommen nicht einmal von "proestantischem Ursprung" sprechen kann, sondern nachgerade umgekehrt: von der Herkunft des Protestantismus aus ihnen, sprechen muß. (Sodaß gerade die heftige Gegenwehr Luthers, Calvins ff. gegen diese Schwärmerbewegungen, als Indiz verstanden werden kann.)

Donnerstag, 28. Mai 2009

"Von Ostgeheimdiensten gesteuerte Jugendrevolte!"


Es ist längst bekannt, in welchem Ausmaß die kommunistischen Geheimdienste, allen voran: der Geheimdienst der DDR, die 68er-Unruhen unterstützt haben. Noch weniger bekannt ist, in welchem Ausmaß sie diese "Unzufriedenheit" durch Unterwanderung sogar gesteuert haben. Man konnte es schon bisher für legitim halten, phantasievoll zu spekulieren, vieles ist längst belegt - die Realitäten scheinen aber weiter gegangen zu sein.

So wurde nunmehr aufgedeckt, daß der deutsche Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 in Westberlin während einer Demonstration gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammed Reza Pahlevi den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hat, nach Recherchen des Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) Spitzel der DDR-Staatssicherheit gewesen sein soll. Das belegten neu entdeckte Dokumente der sogenannten Birthler-Behörde. Kurras habe ab 1955 für die Stasi gearbeitet; außerdem sei er ab 1962 Mitglied der SED gewesen. Ein definitiver "Tötungsauftrag" wurde aber nicht entdeckt.

Die Erschießung - sofort in der "Szene" als "Ermordung" durch den kleinfamiliar-repressiven Polizeistaat "erkannt" - des Studenten Benno Ohnesorg während einer Demonstration gilt als ein Schlüsselereignis der 68er-Bewegung. "Der unterdrückerische Springer-Kapitalismus schlägt zurück!"

Landnahme per Scheckbuch - ein neuer Trend

Fährt man durch den Oderbruch, sieht man zwar große agrarwirtschaftlich genutzte Flächen. Aber die Bevölkerung singt ein Klagelied über den völligen Niedergang der Landwirtschaft, vor allem des Produktenhandels und der Weiterverarbeitung. Mit den neuen Bedingungen seit 1989, der "Wende", herrschten auch die Bedingungen der EU, weshalb die Produktion landwirtschaftlicher Güter auf diesen Flächen nicht mehr notwendig war - es herrscht in der EU Überproduktion. Also wurde stillgelegt.

Doch ausländische - man hört: vor allem niederländische - Pächter umgehen elegant die nationalen Brache-Vorschriften. Und sie freuen sich auch über die vorgefundenen Bedingungen: die ehemalige Kolchosenwirtschaft brachte große zusammenhängende Flächen, die auch bestens für den Maschineneinsatz geeignet sind. So pflügen und säen und ernten niederländische Bauern im Land des Friedericus Rex, während die ansässige Landbevölkerung arbeitslos ist und die Orte durch Abwanderung veröden.

Aber das Problem ist keineswegs aus den besonderen Bedingungen der "Wende" entstanden. Seit zwei Jahren gibt es weltweit einen definitiven Trend: Länder und Konzerne kaufen oder pachten riesige Landflächen, natürlich vor allem in armen Ländern, um dort Produkte (v. a. Reis und Mais) für Nahrung oder Biosprit anzubauen. Dabei geht es nicht nur um ein gutes Geschäft, denn die Produktenpreise sind weltweit nach wie vor hoch, sondern immer mehr auch um existentiell notwendige Lösungen für den Nahrungsmittelbedarf.

Zielländer sind vor allem Afrika und Asien, die Investorenländer stammen natürlich aus den Kreisen der Industrieländer. China, aber auch die arabischen und islamischen Länder sind hier besonders zu nennen.

Solche der Kolonisation nicht unähnliche Landnahmen gehen freilich nicht immer ohne Widerstand ab. So hat sich die Bevölkerung von Mocambique erfolgreich dagegen gewehrt, daß China 800 Mio € in Land investiert hätte, um Reis anzubauen. Man prognostiziert für China, daß es in wenigen Jahren den Eigenbedarf an Lebensmitteln nicht mehr selber decken kann. In Kambodja ist China schon jahrelang weit willkommener, dort fehlt wie in allen Entwicklungsländern das Geld für die Entwicklung der Infrastruktur. Dort gibt es auch wenig Widerstand gegen die Chuzpe, die China in Mocambique so große Schwierigkeiten gemacht hatte: man wollte auch 10.000 Bauernfamilien ansiedeln, die den Reisanbau bewerkstelligt hätten. Damit aber wären keine Arbeitsplätze in Mocambique entstanden.

Ähnliche Gründe hatte der Widerstand in Madagaskar, wo der südkoreanische Daewoo-Konzern eine Fläche, die so gro9ß ist wie halb Belgien, 1,3 Mio Hektar, kaufen und mit Ölfrüchten (Mais, Palmöl) zur Biosprit-Gewinnung bebauen wollte.

Längst ist solche "Landnahme per Scheckbuch" (andere nennen es "land grabbing" oder "Neokolonialismus") in großem Maßstab im Gange. Besonders die Nahrungsmittelkrise von 2007 und 2008 hat, begünstigt durch die Weltwirtschaftskrise 2009, die den Finanzbedarf für arme Länder noch weiter erhöht hat, hat diesen Trend initiiert. So wurde unlängst bekannt, daß Mercedes riesige Landflächen in Südafrika gekauft hat. Und der Kongo witterte offenbar ein Geschäft - und bot Südafrika weitere 10 Mio Hektar Land zur wirtschaftlichen Nutzung an.

Denn die Folgen werden von Fachleuten nicht nur negativ gesehen. Vor allem Investitionen in die Infrastruktur werden so initiiert und tatsächlich durchgeführt, die anders nicht finanzierbar gewesen wären, oder wo Korruption die Entwicklungsförderungsgelder in dunkle Kanäle geleitet hätte. Denn es ist eine Tatsache, daß viele der sogenannten "Entwicklungsländer" von Korruption geprägt sind. Was zur Aussage führender Experten der UNO geführt hat, daß der Hunger in den meisten Ländern ein "hausgemachtes Problem" sei! Der Grund: während die Regierungen die Produktion von Lebensmitteln im eigenen Land mit hohen Steuern belegen (Exportsteuern, Produktionssteuern), und der eigenen darbenden Landbevölkerung Produktenpreise bezahlen, die kaum die Hälfte der Weltmarktpreise für die Güter betragen, stecken korrupte Eliten die Differenz zu den Erlösen am Weltmarkt - denn natürlich werden die Produkte dort veräußert - in ihre Taschen.

Weltweit geht man von 1 Milliarde Menschen aus, die unter der Hungergrenze leben müssen.

Mittwoch, 27. Mai 2009

Pervertiertes römisches Recht

Das römische Recht kannte die sogenannte "freie Ehe": in ihre konnte die Frau die Ehe jederzeit beenden. Aber dafür verzichtete sie auf die Versorgung als Witwe, und verlor jedes Recht den Kindern gegenüber.

Dies macht die Ungeheuerlichkeit der heutigen Rechtslage in Österreich so richtig deutlich, die nämlich das Gegenteil vorsieht, während die Pflichten des Mannes weitgehend unverändert dem des römischen Rechts entsprechen: Die Frau kann die Ehe jederzeit beenden, behält aber defacto alle Rechte auf die Kinder, sowie alle Versorgungsrechte.

Weber sieht übrigens sehr richtig als wesentlichen Faktor der ehelichen Güterregelung die Sicherung außenstehender (Ehe-)Gläubiger. Es ist deshalb nur logisch, daß die Kreditwürdigkeit des Mannes (ein Maßstab seiner Unternehmenskraft) hierzulande längst deutlich unter der der Frau rangiert.

In dem Moment, wo das wirtschaftliche Recht - bei der Frau in der Mitgift, auf die sie je und je mehr Zugriff hatte, beim Mann vorwiegend in vor allem von Dritten, Außenstehenden auferlegten werkzeuglichen und militärischen Bedingungen, wie z. B. Waffenrecht - in die Hausgemeinschaft eindringt, sieht Weber den definitiven Beginn der Zersetzung der Hausgemeinschaft: ab hier löst sich der Kommunismus auf, wird "gerechnet".

Nur eheliche Kinder

Weiter in Max Weber's Anatomie der menschlichen Gesellschaft, die er in der von ihm quasi grundgelegten Soziologie in "Wirtschaft und Gesellschaft" akribisch vom Kleinsten ins Allgemeinste betreibt:

Aus der Verflechtung der Hausgemeinschaften in den Nachbarschaftshilfen ist die Bedeutung der Übernahme von Rechten und Pflichten durch die Nachkommenschaft verständlich, und die Gewähr durch jeden Einzelnen, sich im Sinne eines "do ut des" an dieses Geben und Nehmen untereinander zu halten. Ein Einbruch fremder Sippenansprüche hätte hier gravierende Unordnungen und Desolidarisierung stiften können.

Dadurch ist auch die Unterscheidung in illegitime/legitime, eheliche Nachkommen eine Einrichtung, die der Frau - der natürlich die Kinder zugerechnet wurden - Rechtssicherheit gab. Die Annahme als Kind durch den Vater war ja weitgehend ein willkürlicher Akt des Haushaltsvorstands (und die patriarchale Rechtsordnung ist historisch existentielle Voraussetzung jedes Volkes mit größerer Reichsgründungskraft, sohin größerer Kulturkraft) Eine Einrichtung, die sich in den nordischen Ländern noch bis ins Mittelalter erhielt. (Namensgebung, auch in slawischen Völkern!)

Die Gefahr des Bruchs dieser Solidarverpflichtung innerhalb der Gemeinde brachte die (verstehbare) Gefährdung der sozialen Stellung des ganzen Hauses mit sich!

Nahe, aber keine Nachbarn

Der die Familie prinzipiell in ihrem Außenverhältnis tangierende weitere Kreis ist jener der Nachbarschaft. Ihre Berührung findet in der Nachbarschafts-Hilfe, in der ökonomischen Nothilfe statt, und reicht prinzipiell auch nicht weiter oder länger. Die Gemeinschaft solcher Nachbarschaften sind das, was mit Gemeinde verstanden werden kann, welche wiederum nur in ihrem Außenverhöltnissen zu anderen Gemeinden (aus nachbarschaften) besteht wie verstehbar ist. Die Größe der Familie selbst ist wiederum eindeutig ökonomisch bedingt.

Wobei es natürlich zu immer komplexeren Verflechtungen und kulturell-institutionalisierte Ausdifferenzierungen von Familie - Sippe - politischer Verband - Nachbarschaft/Gemeinde kommen kann und kommt. Sie setzen alle aber in der Nachbarschafts-Nothilfe an. Mit einem interessanten Hinweis: Weber sieht die Sippe (blutsverwandte Familien in unterschiedlichsten Formen) als klarste Gegenkraft gegen die politischen Verbände. Ja, die Rechtsgewähr des Einzelnen gründet in diesem Rückhalt.

Umso problematischer sieht Max Weber die heutigen sozialen Verhältnisse ("Mietskasernen"), die durch ihre ökonomischen Bedingungen, die große und nicht wirklich weiter bestimmbare Nähe bewirken, oft eine Abgrenzung der Hausgemeinschaften/Familien voneinander bewirken, anstatt solche Nachbarschaft zu entwickeln.

Sauber von der Ehe gesprochen

"Von einer Ehe kann man im Sinne einer bloßen Kombination einer sexuellen mit einer Aufzuchtsgemeinschaft von Vater, Mutter, Kindern begrifflich überhaupt nicht reden. Denn der Begriff der EHE selbst ist nur duch Bezugnahme afu noch andere als jene Gemeinschaften zu definieren. Ehe entsteht als gesellschaftliche Institution überhaupt erst durch den Gegensatz zu anderen, NICHT als Ehe angesehenen geschlechtlichen Beziehungen."

So einfach formuliert Max Weber den Umstand, daß Bestand wie Auflösung der Ehe nicht simpel auf individuellem Wollen oder gar moralisch-ethischem Gutsein beruht, sondern daß ihre Natur wesenhaft mit der sie berührenden Gesellschaft zusammenhängt. Hört die Gesellschaft auf, die Integrität der Ehe zu achten, nimmt sie die Ehe durch Scheidungsgesetze nicht mehr ernst, oder nivelliert sie sie durch "Ausweitung" des Begriffs aus ihrem Wesen nach andere Lebensformen, löst eine Gesellschaft in ihrer Konkretion - Staat - die Ehe schlichtweg auf.

Die Ehe aber ist entscheidendes - ja Weber ist drastisch: einziges - Kriterium der Zugehörigkeit zu einer Wirtschaftsgemeinschaft, weil nur so der Konsens des Einzelwillens mit dem umfassenden (religiösen, wirtschaftlichen, politischen) Gemeinschafts- und Solidaritätswillen hergestellt ist, die Nachkommen als Teil jeweiliger Genossenschaft angenommen sind. (Anm.: Max Weber, dessen unfaßliche Vorurteilslosigkeit und strenge Wissenschaftlichkeit berühmt ist, und beim Lesen enorm beeindruckt, sieht also zumindest auszuräumendes, einen Konsens nämlich posthoc forderndes Konfliktpotential zwischen Gemeinschaft und Individuum auch dort, wo Nachkommenschaft in Unehelichkeit entsteht.)

Auch wenn die relevanten Passagen in Weber's "Wirtschaft und Gesellschaft" nur wenige Seiten umfassen, und in der für Weber so typischen Art trocken und extrem sachlich, aber ungemein präzise und umfassend durchdacht unbedingt lesenwert sind, würde es zu weit führen, sie hierher zu übertragen. Auch wenn klar ist, daß Weber die Soziologie nicht als normierend, sondern nur deskriptiv sieht. Umso beeindruckender und relevanter aber seine Beschreibungen.

In der Ehe und Familie selbst prägen sich für die Nachkommen die jede weitere gesellschaftliche Organisationsform tragenden, ja konstituierenden Wertebezüge und Verhaltensweisen. Sie trägt nicht nur die urwüchsigste Form des gemeinschaftlichen wie gemeinschaftsbezogenen Handelns des Einzelnen, sondern ist die Grundlage der Pietät und Autorität, somit zahlreicher weiterer Gemeinschaften außerhalb ihrer: Der Autoritä des Stärkeren, Erfahreneren, der Wehrhaften udn Arbeitsfähigen gegenüber den Unfähigen, der Erwachsenen gegen die Kinder, der Alten gegenübe den Jungen. Der Pietät der Autoritätsunterworfenen gegen die Autoritätsträger wie untereinander; sie geht als Ahnenpietät sohin in die religiösen Beziehungen ein, wie insgesamt auf die gesellschaftlich-kulturellen Bezüge. Damit ist sie ihr maßgebliches Identitäts- und Stabilitätselement.

Einige von Weber's Gedanken zum Thema "Hausgemeinschaft": Die Entwicklung ihrer Integrität bietet für Weber den für den Einzelnen maßgeblichen kulturellen Fortschritt des Schutzes vor der Gemeinschaft. Deshalb ist sie auch vor allem ab der Seßhaftigkeitsstufe der Völker markant feststellbar. Gleichzeitig bestimmte Formen von Solidarität, die insbesoners durch den (von Weber so genannten) Hauskommunismus" auf der Grundlage des Begreifens von Hausgemeinschaft als Wirtschaftsgemeinschaft. Ihre Verfaßtheit ist maßgeblich (und defacto unersetzbar, zumindest in dieser Zuverlässigkeit, Gerechtigkeit und Stabilität, denn sie weist nicht die durch Komplexität und Bedingtheiten gegebene Anfälligkeit aller übrigen Wirtschaftsgemeinschaften) für die Versorgung ihrer Mitglieder mit den Gütern des Alltags.

"Der hauskommunistische Grundsatz, daß nicht "abgerechnet" wird, sondern daß der Einzelne nach seinen Kräften beiträgt und nach seinen Bedürfnissen genießt (soweit der Gütervorrat reiche), lebt noch heute als wesentlichste Eigentümlichkeit der Hausgemeinschaft unserer "Familie" fort, freilich meist nur als ein auf den Haushaltskonsum beschränkter Rest." Weber sieht ganz klar den vor allem wirtschaftlich-sozialen Vorteil, den der Einzelne zieht, umgibt ihn ein solches Umfeld aus näherer und weiterer Familie.

Montag, 25. Mai 2009

Vom Sinn eines Wunders

Ronald A. Knox berichtet: Die Charismatikerin Jemima Wilkinson, sie lebte in den "amerikanischen Kolonien der englischen Krone", behauptete, sie sei 1776 gestorben, und kurz darauf in einem neuen Leib auferstanden, der eine Inkarnation Jesu Christi sei. Sie trat in einer Art Männerkleidung au und behauptete, Wunder wirken zu können. Sie gründete mit ihre Anhängern eine kleine Siedklung, die freilich wenig Erfolg hatte.

Einmal rief sie ihre Jünger zusammen um ihnen zu zeigen, daß sie auf dem Wasser wandeln könne. Noch ehe sie es aber versuchte, fragte sie ihre Anhänger, ob sie fest daran glaubten, daß sie es könne.

Diese bejahten enthusiastisch.

Daraufhin meinte Jemima Wilkinson, damit sei der Sinn des Wunders ja erfüllt: die Stärkung des Glaubens. Somit brauche sie es nicht mehr wirklich zu tun, einen "Beweis" jetzt noch zu fordern wäre Vermessenheit.

Sonntag, 24. Mai 2009

Vor der Hinrichtung

J. G. Seume erzählt Beispiele des Sittenverfalls in den italienischen Ländern um die Wende 18./19. Jhds.: Der König von Neapel war als großer Frauenliebhaber bekannt. Eine "interessante, attraktive" Adelige war wegen Hochverrats und Aufwiegelei (gegen ihn) zum Tode verurteilt worden. Freunde bewirkten, daß sie kurz vor der geplanten Hinrichtung ihre Sache dem König selbst noch einmal vortragen konnte.

Dabei blieb es aber offenbar nicht. Tagelang lebte der König nahezu öffentlich mit der Delinquentin "nach der Liebhaber Weise." Schließlich wurde der König von den Hofbeamten doch erreicht, und gefragt, was nun geschehen solle.

Da ließ der König die Frau abführen und "ordnungsgemäß" exekutieren.

Samstag, 23. Mai 2009

Buchdruck auf Verlangen

Eine neue Ära des Buches bereitet sich still und heimlich vor, hört man allenthalben: "Book on demand"

Man wird in wenigen Jahren in die (noch verbliebenen) Buchhandlungen (oder in Vertriebsstellen wie Copyshops usw.) gehen, ein Thema am Bildschirm suchen, sofern man einen Buchtitel nicht schon gewählt hat, am Bildschirm (Google ist da längst dran) anlesen, und dann - je nach Geldbörse - ganz oder teilweise "kaufen":

Der Verkäufer läßt am Druckgerät das Buch in gewünschter Art ausdrucken, und gleich abbinden. Vielleicht kann man noch die Ausstattung wählen, billiger, teurer, edler, einfacher ...

Man zahlt.

68er-Schwärmerbewegung

"Alles Schwärmertum ist eine Erkrankung nicht des entkräfteten, sondern des überernährten Organismus und empfängt seine Prägung vom Wesen eben jenes Protestes, den er anmelden möchte."

Was Knox da über die mittelalterlichen Schwärmerbewegungen sagt, möge noch um eine weitere Aussage erweitert werden:

"Der Enthusiasmus pflegt seine treuesten Anhänger weder in den reichsten noch in den ärmsten Schichten zu finden; es ist der kleine Mittelstand, von Natur ein Nährboden puritanischer Tendenzen, der ihn am wärmsten willkommen heißt."

Um dann diese Fakten auch in den 68ern erfüllt zu finden. Eine Bewegung aus gelangweilter, situierter, und/oder verbeamteter Mittelschicht heraus.

Um auch die Erneuerungsbewegungen diesen (weiteren) Kriterien nach erfaßbar zu sehen.

Freitag, 22. Mai 2009

Nee, auch die Kirche lernt nicht

Zwar entspricht sie - fast neumodisch und aktuell - mit ihrer Vorgehensweise bei Fehlern Kriterien der ISO 9000f, also hochmodernen Qualitätssicherheitssystemen. Aber nur auf dem Papier. Wer liest denn heute noch den Denzinger? "Na wie man es halt im Studium liest," hat mir einmal ein (junger) Priester geantwortet. So mal drüber, damit man irgendwie auch gehört habe, was drin stehe, meinte er.

Das kann auch gar nicht anders sein, denn sonst würde sich nicht auch in der Kirche - trotz dieses an sich perfekten Qualitätssicherheitssystems - ständig alles wiederholen. Wer sich z. B. die Geschichte Kirche : Montanismus ansieht, gewinnt den Eindruck. Doch vielleicht hätte es funktioniert, vielleicht ... denn eine definitive Verurteilung des Montanismus findet sich im Denzinger gar nicht! Diese "Schwärmerbewegungen" sind nicht einfach Häresien, zumindest nicht immer so einfach als solche zu identifizieren. Sie haben eben immer einen sehr subjektiv-persönichen Zug. Übrigens fast immer auch sind sie stark in Frauen verankert bzw. von solchen getragen, finanziert, verbreitet. Ja Knox meint sogar, daß die Geschichte der Schwärmerbewegungen sich streckenweise signifikant mit der Geschichte des Feminismus deckt.

Und tatsächlich: Der als Häresie implizit (von mehreren maßgeblichen katholischen Schriftstellern) verurteilte Prophetismus - der direkte Draht zu Gott - ist kaum je tot gewesen, was auf seine Wurzeln in grundsätzlichen menschlichen, charakterlichen Haltungen hinweist. Mit den in jeder Generation wieder aufstehenden Subjektivisten und Auserwählten, Eiferern, ist er immer wieder, mal mehr, mal weniger, aktuell. Und das hat mit seinem schwer zu fassenden Wesen zu tun, die eine Abgrenzung im Einzelfall so problematisch, ja fast unmöglich machen. Auch, weil ein Urteil über einen Menschen so unmöglich ist, sich Verteidiger dieser Richtungen aber sehr oft auf solche Haltungen beziehen. Nicht zuletzt - sie sind ja deren Vollzieher, damit heiliger als die Ankläger.

Dazu kommen und kamen die oft rasch wandelnden, oft von Person zu Person, von Ort zu Ort variierenden Inhalte oder Teilaussagen der Lehren. Der Hl. Bernhard hat es (angesichts der Vielfalt solcher Bewegungen, die im Mittelalter aufbrach) einmal so bezeichnet: Die Gesichter sind verschieden, aber an ihren Schwänzen hängen sie zusammen.

Das Überleben des Montanismus - in dem sich diese Haltungen erstmals so deutlich ausprägten - profitierte genau davon, und so hat er immer wieder neue Gesichter angenommen.

Die Charismatischen Bewegungen (wobei: wie deutlich hier, denn sie sind sämtlich Ableger aus dem Protestantismus, der ja fast perennierter Montanismusboden ist), und alle ihre Ableger, sind solche Gestalt: fast lupenreiner Montanismus. Aber liest man Ronald A. Knox' hervorragende historiologische Untersuchung "Christliches Schwärmertum", gewinnt man den Eindruck: die kirchliche Gesamtbewegung seit dem Vaticanum II. ist es generell! Insbesonders bei jenen, die vom "Geist des Konzils" sprechen, bei den Reformern also, usw. usw. Vergleicht man so viele Phänomene: die Parallelen sind verblüffend.

Sogar bis zum Umstand, daß die verkündete Moral nicht auf die Propheten selbst anzuwenden sei (man denke an die Vorfälle um den Gründer der "Legionäre Christi"), deckt sich so vieles.

Und es geht bis zum Verkennen der Mystik, die nicht aus Prinzip der Ekstase und dem Prophetismus zuzurechnen sich die Kirche (und die Heiligen) eingeschworen hat.

Einsam und allein versuchen historisch lediglich die päpstlichen lehramtlichen Grundsatzdokumente Platzhalter für den "echten", historischen, traditionellen Katholizismus zu spielen.

Und: auch hier in den letzten Jahrzehnten oft recht mangelhaft, zu spät, zu wenig deutlich. Beim letzten Papst Johannes Paul II. ließ es sich so gut beobachten. Ein Papst, der ständig seine eigenen Dokumente nachflicken mußte, sofern er selbst nicht kaum etwas anders tat als vergangene Aussagen (schwächer weil viel verquaster und verschwafelter, wie um sie vermeint spiritueller, dabei aber okkulter zu machen) zu wiederholen - er hat keine einzige originelle Aussage getroffen, die nicht längst in teils sogar expliziten kirchlichen Dokumenten festgelegt war?! Nur wiederholt.

Eingedämmt aber ist (und damit: wurde) gar nichts, der Wildwuchs ging munter weiter, auch was den Montanismus in der Kirche anbelangte. Ja, im Gegenteil: die Stimmen sind zumindest lauter, die die Charismatik wie einen Teil des Katholizismus behandeln. Kirchenpolitik?

Auch im 2./3. Jhd. übrigens gab ja maßgebliche kirchliche Stimmen, die - mit denselben Argumenten! - eine Integration des Montanismus, der "formell keine Häresie sei", für möglich hielten, ja forcierten. Ja, in Tertullian trat sogar ein sogennanter "Kirchenvater" zum Montanismus über! Schließlich aber setzte sich die ablehnende Haltung durch. Daran sollte man vielleicht manche erinnern, die meinen, man müßte die alten Fragen neu aufrollen. Sie sind meist längst beantwortet.

Es ist aber eben so: Die Frage von "richtig oder falsch", aber auch von "gut oder böse", ist in vielem eine Frage des rechten Maßes, des "zuviel oder zuwenig". Und mit einem mal wird aus einem vermeintlich nur graduellen Unterschied - ein prinzipieller: weil das fehlende Maß die Fehler der Prinzipien aufdeckt.

Der Grundfehler aber - die Berauschung an sich selbst als übergeschwappter Erkenntnisvorgang, wo man sich selbst als Quelle der Wahrheit, ja diese identitär eins mit sich, erlebt - ist zutiefst menschlich-allgemein.

Mit der Lampe kristallener Klarheit in jede Nische des Dämonischen

Franziska Martienssen-Lohmann hat die Aufgabe des Künstlers (und es betrifft alle Kunstsparten) in einem kurzen Artikel auf einen konzentrierten Punkt gebracht, und nicht zufällig im Artikel über das "Maß", in ihrem Quasi-Lexikon "Der wissende Sänger":

"Das Geheimnis der Geheimnisse in der Kunst ist die Grenze. [...] Der Künstler braucht eine heilige Nüchternheit [...] Bändigung des Maßlosen, [...] Überwindung des Chaos, [...] Geistige Formung im Kampf mit der Materie [...], Ausgleich der Willenskräfte, Sieg über Willkür, Triumph der Wahrhaftigkeit [denn sie ist das Wesenhafte, das Entscheidende. Wie muß das unbestechliche künstlerische Gewissen mit der Lampe der Klarheit auf den Grund der Darstellung leuchten ... Und dies in völliger Selbständigkeit des Geistes, fern von Nachahmung, fern von Originalitätssucht. Denn diese beiden - wie auch ihre dritte Hexenschwester, der Eitelkeit - sind Feinde der Wahrhaftigkeit, Träger der Lüge und damit in höherem Sinne auch Feinde des Geistes und der Natur.]"

Gesunde Existenz und künstlerischer Anspruch


Einige Aussagen von Christoph Waltz, einem Wiener Schauspieler, der seit vielen Jahren in London lebt und v. a. in deutschsprachigen Fernseh- und Kinoproduktionen auftrat, zuletzt in Quentin Tarantino's "Inglorious Bastards", aus verschiedenen Medien-Interviews:

[Wie war die Begegnung mit Liselotte Pulver bei der „Zürcher Verlobung“?]
Das war ein Wiedersehen, weil ich das Vergnügen hatte, ihr schon einmal begegnet zu sein. Ich fand es schön, dass mit ihrem Auftritt der Geist der alten Filmwelt hereinschwebt, die wirklich eine bessere war. Lilo Pulver kommt aus einer Zeit, in der den Dreharbeiten mehr Zuwendung entgegengebracht wurde als heute. Diese Art und Weise des Herangehens an Filme ist einfach vorbei. Heute geht es in erster Linie um die Verwertbarkeit.

[Aber es ist doch Ihr Traumberuf?]
Albtraumberuf (lacht). Es könnte wirklich der schönste Beruf sein, den man sich träumen lassen kann. Aber tatsächlich unterscheidet er sich nicht von anderen Berufen. Ein Architekt muss sich auch seine ganze Laufbahn lang mit Bauherren und der Finanzierung seiner Fantasie herumschlagen. [...]

Die Teams sind [in Wien; Anm.] besser, die Mitarbeiter höflicher, aufmerksamer. Etwas verallgemeinernd: Der Umgang hier - und zwar in alle Richtungen - ist ein respektvollerer. Und auf so etwas lege ich Wert.

[Sie vermissen Respekt und Höflichkeit in Deutschland?]
In der Tat. Der Umgang ist mir in Deutschland oft zu direkt. Das Niveau ist sowieso nicht so besonders - das ist natürlich eine Verallgemeinerung, natürlich gibt es viele Ausnahmen. [...] In Berlin ist das gottlob alles noch nicht so extrem. Aber ich spüre dort auch den Ansatz: 'Glaub ja nicht, du könntest hier gewisse Privilegien in Anspruch nehmen!' Es geht [...] um die Anerkennung einer bestimmten Funktion in der Gemeinschaft. Daran fehlt es in Deutschland, meiner Meinung nach. [...]

Es wird eindeutig zu viel gequasselt und zu wenig gesehen. Bis tief in die Kunstszene hinein drängt sich das Gequassel inzwischen in den Vordergrund. Wir Künstler sind, so nannte es Jim Rakete einmal, nur der Rohstofflieferant. Aber ich weigere mich, nur der Rohstofflieferant zu sein für Presse, Making Ofs und all das. Wenn Sie jetzt bedenken, dass es immer schlimmer wird, dann ahnen Sie, was für ein Problem ich habe.[...]

Es wird in der Branche immer noch mit den Marketingmaximen der 80er- oder 90er-Jahre gearbeitet: Der Inhalt spielt absolut keine Rolle, es ist die Verpackung, die zählt, nur die! Es ist für einen ernsthaften Schauspieler, aber sicher auch für wirkliche Künstler aus ganz anderen Disziplinen, ein komplizierter Vorgang, wenn von einem verlangt wird, sich so zum Objekt zu machen.


[Wie genau meinen Sie das?]
Dass von einem im Interesse einer gesunden Existenz verlangt wird, die Arbeit von der Person zu trennen. Wenn ich das tue, wo bleibt dann der künstlerische Aspekt? Der geht völlig verloren.



***

Mittwoch, 20. Mai 2009

Nicht den Arbeiter vertreten wollen

Man muß sich fragen, ob es Identitätslosigkeit überhaupt gibt (außer vielleicht: für den Künstler zu Anfang) Ob die heutigen Identitätsprobleme nicht eher Probleme der Ablehnung der wahren Identität sind.

Der Gedanke kam mir beim Lesen eines Satzes von Oswald Spengler, der monierte, daß es keine Partei der heutigen Demokratien mehr wage, zu bekennen, daß sie NICHT den Arbeiter (als Proletarier) vertrete und diesen auch nicht als privilegierte Schichte ansehe. (Was würde geschehen, wenn das eine Partei heute wagte? Ich denke: Überraschendes ...)

Das weit größere Problem, das in einem Kulturzusammenhang entsteht wie heute gegeben ist, ist jenes der Persönlichkeit und deren Konstituierung. Es kann nämlich tatsächlich Persönlichkeitslosigkeit geben, die oft umso mehr ihr Vorhandensein wegzutäuscheln versucht, je mehr sie zutrifft. Eine existentielle Schwäche zum Tode, in dessen Armen sie sich eigentlich weiß.

Der Schauspieler faßt das, was Persönlichkeit ist, in einem einzigen Satz zusammen: "Mut zur Blamage." Es geht um das Aushalten des Alleinseins in allen Entscheidungen und Wegen, weil es im Leben nicht wirklich darauf ankommt, WAS man tut, sondern: in welcher Haltung und Hingabe man es tut.

Im Anfang war das ... Spiel! Am Anfang der Persönlichkeit steht nicht die Irrtumslosigkeit - sondern die Bereitschaft, den Irrtum auszutragen, weil die Treue zu sich selbst mehr wiegt.

Dienstag, 19. Mai 2009

Nur Freie Marktwirtschaft ist verantwortbar

Die Argumentation Max Weber's in "Wirtschaft und Gesellschaft" ist ebenso simpel wie einleuchtend: verantwortetes, "rationales" Wirtschaften und Arbeiten (als jeweiliger Mitteleinsatz) ist nur möglich, wenn (alle Faktoren betreffend) realistische wie erzielbare Wertansätze einer (wie immer gearteten) Kalkulation und Kapital-/Wirtschaftsrechnung ermittelbar sind, die im gesamtgesellschaftlichen Gefüge verankert, erwachsen und begründet sind.

Dies ist nur in einer personalen, freien Marktwirtschaft gewährleistet.

Montag, 18. Mai 2009

Vorsicht mit den Namen!

Rilke an Kappus: "Es ist so oft der Name eines Verbrechens, an dem ein Leben zerbricht, nicht die namenlose und persönliche Handlung selbst, die vielleicht eine ganz bestimmte Notwendigkeit dieses Lebens war und von ihm ohne Mühe aufgenommen werden könnte."

Samstag, 16. Mai 2009

Teleologie der physischen Erscheinungen

Sowohl von der Tatsache und den beobachtbaren Wirkungen der Schwerkraft wie aus den Erscheinungen der Quantenphysik ließe sich die These verifizieren bzw. nicht falsifizieren, daß dem Verhalten der Körper ihre Beziehungen zueinander fundamental vorausgehen - nicht also umgekehrt. Dieses Zueinander der Körper ist auf einer anderen Ebene definiert, als es die bisherige Physik in den festgestellten physischen Phänomenen zu messen vermag. Es liegt nahe, daß diese Beziehung den Charakter einer Apriori-Information hat, weil sie auch die Eigenschaften der Dinge bestimmt.

Bei beiden Kräften spielt übrigens Distanz eine Rolle. Auch im Verhältnis der einzelnen Dinge zueinander ist dies der Fall, vom Eintritt in Beziehungskreise bis zu dessen definitivem Verlassen.

Auch die Behauptung wäre unwidersprochen gültig, daß dem So-Sein eines Einzelkörpers die Bereitschaft des Insgesamt (seines Systems, das er bis in seine äußersten Verästelungen berührt, im Grunde immer: der Kosmos) zur Separation vorausgeht. D. gh. daß das Insgesamt das Einzelne zuvor denken muß, ehe es entsteht. Folglich enthält das Insgesamt alles Einzelne - ist sohin keine posthoc-Summe der Einzelheiten, sondern - omnipotent.

Hier ... setzen Hegel und Schelling (u. a.) an.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Kunst, Natur, und Zwang.

Wie schon so oft ist auch in diesen Tagen auffällig, wie sich bestimmte Erfahrungen auf verschiedenen Ebenen ihrer inneren Qualität und Natur nach konzentrieren. Nennen wir die Erfahrungen der letzten Tage "Befreiung durch Nüchternheiten - 385. Kapitel"

Beispielhaft seien zwei der denkwürdigsten Momente angeführt, und, wie könnte es anders sein, sie sind durch Bücher erfahren.

Da ist das Buch des im angloamerikanischen Raum sehr bekannten und vielgespielten (angeblich hat er 3000 Stücke geschrieben) Theaterautors und Regisseurs Alan Ayckbourn, "Theaterhandwerk". (Eine Empfehlung von M., danke!) Typisch amerikanisch der Untertitel: "101 selbstverständliche Regeln für das Schreiben und Inszenieren." Sie können sie nicht lassen, die Amis, ihre Kochbuchmentalität ... Egal. Das Buch ist wegen seines pragmatischen Realismus hervorragend! Lob und Preis der subventionslosen Kunst, die im Gegenwind der Wirklichkeit ganz anders ausgewaschen wird. Dieses Buch hat deshalb das Potential, Schauspieler (und Regisseure) von so vielem zu befreien, das sie dumpf am Theater (kaum: im Film) erleben mußten und täglich müssen, über das man aber hierzulande nicht (mehr) spricht, ja nicht einmal meist identifizieren darf und damit bald kann - und das Ayckbourn so simpel beim Namen nennt: "Unsinn!"

Man atmet stellenweise richtig durch: "Ja!" Wenn es etwa heißt: "Ich habe erlebt, wie Schauspieler, arglose Gemüter, selbstsicher wirkenden Regisseuren, die für sich den Anspruch erhoben, im Besitz der letzten Geheimnisse zu sein, durch Klippen von Inkompetenz folgten, an denen Selbstvertrauen und oft auch berufliches Ansehen der Darsteller zu zerschellen drohte."

Oder: "Ganz zu unrecht mißtrauen wir oft dem Einfachen. Wir wühlen im sandigen Boden der Kreativität in dem Versuch, unsere Kunst bedeutungsvoller, irgendwie "tiefer" zu machen. Im allgemeinen mit dem einzigen Resultat, daß wir mit dem Kopf im Sand dastehen und dem Publikum den Hintern zeigen."

Eine wahre Goldgrube ist aber das Buch von Franziska Martienßen-Lohmann (eine Empfehlung, die Dietrich Fischer-Dieskau in seinen Memoiren ausspricht, posthum ebenfalls: Dank!), "Ausbildung der Gesangs-Stimme".

Es gibt eben solche Bücher, die zu bestimmten Zeiten wie Schlüssel wirken können. Indem es zu einem selbst befreit, Mut macht, zum eigenen Empfinden zu stehen - für jeden Kunstschaffenden eines seiner zentralen Themen. Wieviel Unsinn hat man zu diesen Themen bereits gehört, auch in sogenannten "Ausbildungen"! Wieviel Verwirrung wird oft gestiftet, in den Anleitungen und Regieanweisungen, was wie zu tun wäre, in der Kunst, sonst gehörte man ja nicht einmal dazu.

Und wie oft wird (und wurde) das eigene Empfinden beschädigt, nachhaltig oft beschädigt, weil es so wenige kompetente Gestalten im Raum der Kunst gibt, wie oft erlebt man den Widerspruch von Anforderungen und "Kritik" zum eigenen Empfinden ...

Martienßen-Lohmann ist eine jener selten anzutreffenden Personen, die wissen, wovon sie sprechen. Und das ist nur auf der Basis großer, uneitler, wahrhaftiger, durch demütig zugelassene Wirklichkeitseinbrüche ernüchterter Erfahrung möglich. Man ahnt und weiß es vom ersten Satz an, und schlürft Zeile um Zeile.

Und wollte fast das gesamte Buch zitieren! Es gehört (in aller antiquarischen Schäbigkeit) nämlich zum Wertvollsten, das hinsichtlich der Ausübung jeder Kunst (und hier sind alle Künste gleich) an Gedrucktem zu finden ist. Nur ein paar Sätze, dennoch herausgegriffen:

"... Was heißt "Technik" in der Kunst? Jeder reife Künstler weiß: Technik ist im letzten gleichbedeutend mit Persönlichkeitsgestaltung. ... [Kunstinteressierte Laien] müßten selbst Künstler in voller Reife sein, um dieses innere Verhältnis von Persönlichkeit und Technik, diese Einheit [am Beispiel Auguste Rodin, Anm.] ganz zu verstehen - um zu erfassen, daß mit dem kalten und irreführenden Begriff "Technik" etwas ganz Eigenzugehöriges gemeint sein kann, zutiefst verflochten mit der innersten Lebensbewegung."

"... [Bei manchen Gefahren, die der Autodidakt zu bewältigen hat, gilt dennoch:] In [diesem] Sinne sind alle wirklichen Könner im Gesange Autodidakten und werden es immer bleiben. [Ja müssen sich zuzeiten immer wieder dazu machen, denn:] Das Entscheidende ist das frisch wachgerufene [und wachzurufende] Autodidaktentum durch die neugewonnene Einsicht in die eigene Stimmnatur."

"Genie ist eine Zwangslage; die Hand, die Sinne, der Geist müssen arbeiten, müssen schaffen, müssen wirken."

"Leider muß ja der Einsichtige denen Recht geben,die auf die eingeschworenen Gesangsmethoden schlecht zu sprechen sind. Das Wort "Methode" sagt alles [...] - da kann nichts Organisches, Lebendiges wachsen und erblühen. [...] "Die Natur auffassen und sie unmittelbar benutzen ist wenig Menschen gegeben; zwischen Erkenntnis und Gebrauch erfinden sie sich gern ein Luftgespinst, das sie sorgfältig ausbilden und darüber den Gegenstand zugleich mit der Benutzung vergessen." Das Luftgespinst heißt "Methode". Der Natur nahe sein, ihre Gesetze erlauschen vermittels eines gesunden, reinen, unbeirrbaren Instinktes - das macht das augenfälligste Talent im Gesange aus."

Mittwoch, 13. Mai 2009

Am falschen Kreuz gestorben

Ich kenne bei weitem mehr Menschen, die an eingebildeten Kreuzen (perfiden Formen von Kreuzesscheu in Wahrheit) leiden, ja sogar ganz real daran zugrundegehen, als solche, die ihre wirklichen Kreuze einfach aufnehmen und tragen.

Denn natürlich, auch das Erkennen eines Kreuzes unterliegt dem Tugendmaß jedes Erkennens, und schon gar ist verdächtig, zumindest mit Vorsicht zu behandeln, wenn das Kreuz aus dem Lebensinsgesamt heraus in Vereinzeltheit gesehen wird.

Schon aus diesem Grund - ist Humor ein sicheres Erkennungsmal des Heiligen, des echten Kreuzes. Der Humor zeigt eine Distanz, die das Kreuz als gegeben - nicht als selbstgeschaffen - ausweist.

Austrocknung des Sentiments durch Kreuzesrealismus

Beim Lesen eines Aufsatzes über Eugen Dühring: Es ist ein großer Irrtum anzunehmen, im Leben erlittene Ungerechtigkeiten, Schmähungen, Lieblosigkeiten, schlicht: alle Formen von Verwundungen, würden auf gleich zu stellen sein. Wer in dieser Erwartung lebt, läßt sich immer mehr in eine Bewegung stellen, die dieses Teilwollen zum Hauptwollen umgestaltet, ja überhaupt erst zu einem absichtsvollen Wollen (wie in einer Ideologie) macht.

Es gibt nur einen Weg, mit diesen Verwundungen - die jeder Mensch am laufenden Band einzustecken hat - fertigzuwerden, das ist jener der Integration. Aber wenn das Insgesamt, die Mitte eines Menschen, stark genug ist, vermag er alles zu tragen, mit allem fertigzuwerden. Umso mehr, als er das Metaziel - im Kreuz - damit fruchtbar machen kann, wo Natur in Übernatur verwandelt und überstiegen wird. Der Unterschied zum Idealistischen liegt im Realismus, der sich im Kreuz in weit mehr als einer bloßen subjektivistischen/subjektiven (solipsistischen) Hilfe zur Lebensbewältigung ausdrücken muß.

Erst wo gesunder Realismus der Gnade aus dem Kreuz herrscht, und einen solchen kann wesentlich nur die soteriologische Dimension der Liturgie formen, wird auch die Gefahr gebannt, das Kreuz desintegriert als "Merite" und Anspruch auf Anerkennung in Hochmut und Vermessenheit, immer Selbstgerechtigkeit (die sich selbst Urteil und Wert bestimmt) manisch zu verunstalten. Erst auf solche Mißbräuche kann sich Kritik wie "Opium fürs Volk" beziehen, und hier ist sie sogar berechtigt.

Aus Gesagtem sollte auch vordergründigstes Ziel im Umgang mit dem Nächsten sein, den Rahmen dessen, was er zu tragen imstande ist, nicht zu überschreiten, nicht durch eigenes Verhalten zu überdehnen.

Meint man sohin einmal, ein Kreuz nicht tragen zu können, wäre zuvorderst die Frage zu stellen, wo wirkliches Kreuz endet bzw. beginnt, nicht das Leid zweitwirklicher, nur vorgestellter Egozentrik, oder dem Irrtum, oder einem zeitgeistigen Ressentiment das kein Fundament in re hat, entspringt.

Daraus läßt sich ableiten, daß "gelungene Verarbeitung" nicht heißen kann, einen Schaden in den Blick zu rücken, sondern zum Gegenteil: die eigentlichen, hauptsächlichen Lebensziele ohne jede Utopie so zu stärken, daß sich vom Mittelpunkt ausgehend die Wunden schließen, zumindest integrieren können. (Manche Wunden können einfach nicht heilen, weil sie tatsächlich wesentliche Lebensvollzüge betreffen: wo eine Tat, da auch reale Folgen.) Hier ist subjektiver wie subjektivistischer Unrealismus allerdings oft wichtige Hilfestellung, wie ein Druckpolster, ein Warten auf bessere Zeiten.

Dühring hat sich in dieser nie endenden, ganz gewiß auch durch Lieblosigkeiten immer wieder aufgefrischten Erwartung - a-theistisch m eigentlichen Sinn einer erschütternden A-Religiosität - nicht runden können. Und das war wohl schade, weil es sein wirkliches Werk und seinen wirklichen Wert zunehmend verdüstert hat.

Schutz vor der Bestialität

"Das einzige, das den Menschen vor der Bestialität bewahrt, ist die institutionalisierte Kulturalität," sagt einmal Samuel Johnson. Um an anderer Stelle zu sagen: "Dieses Gerede um Gleichheit ist schlicht unsinnig. Wo es doch immer, wenn zwei Menschen zusammenkommen, innerhalb einer halben Stunde zur Ausbildung einer Hierarchie kommt, weil einer etwas viel besser kann als der andere."

Dienstag, 12. Mai 2009

Bild der Jugend

Schon längst wollte ich schreiben, daß wir doch unser ganzes Leben lang nichts sonst tun als zu versuchen, das Bild der Kindheitswelt zu erfüllen, das uns Auftrag ist, da lese ich bei Ernest Renan Folgendes:

"Der Wert des Menschen bemißt sich nach der Größe des religiösen Gefühls, das er von seiner Jugend her bewahrt hat, das den Duft seines Lebens bildet. Die religösen Menschen leben von einem Schatten. Wie leben vom Schatten eines Schatten. Wovon wird man nach uns leben?"

Montag, 11. Mai 2009

Am Ende - matriarchale Degeneration

Man sollte sich da keine Illusionen machen - im Stück "Der Fechter von Ravenna" (ein "Hit" in den Theatern der 1850er60er Jahre) von Friedrich Halm steht es nackt und bloß vor Augen, und läßt mich auch von einer weiteren Perspektive her an Bachofen's Matriarchats-Thesen zweifeln:

Das 19. Jahrhundert hat definitiv ein Zeitalter der Muttersöhne, eine Epoche hysterisch-pathetischer, sich selbst dramatisierender Charaktere eingeläutet. Gerade in unseren Breiten waren Figuren wie Bismarck und Hitler signifikanter Ausdruck dafür.

Das Matriarchat ist nicht, wie Bachofen meinte, Ausgangs-, ja Heimat- und Fluchtpunkt einer Kultur, sondern Endpunkt einer spezifischen kulturellen Degeneration.

Der "Mutterkult", wie ihn Halm in seinem (dramaturgisch ausgezeichnet konstruierten) Stück so zeitgemäß erscheinen läßt - jawohl, zeitgemäß: die Frau, die das Schicksal des Landes in die Hand nimmt, weil die Männer versagt haben und versagen ... das ist die Grundhaltung heute, Ibsen hat es noch weiter ausgebaut, noch anklagender, realistischer, deshalb warnender, wahrer, auf die Bühne gebracht - hat jene revolutionäre Kraft sentimental verankert (so funktioniert Lenkung der Masse), die die Kulissen unserer Kultur endgültig gesprengt haben.

Damals übrigens kam auch der "Muttertag".

Samstag, 9. Mai 2009

Spiel und entfaltete Leiblichkeit

Selten habe ich so klar, einfach verständlich, und doch umfassend, auch in der Tiefe, etwas über die Kirchliche Liturgie gelesen wie in dieser Zusammenfassung (Autor:Stefan Baig, Zenith) eines Vortrags der Dresdener Religionsphilosophin Hanna Barbara Gerl-Falkovitzs. Aber lesen Sie selbst.

... Gerl-Falkovitzs Betrachtung der Liturgie geschah hingegen aus anthropologischer Perspektive. Dabei stützte sich die Religionsphilosophin auf Romano Guardinis Klassiker „Vom Geist der Liturgie", dessen Kapitel „Liturgie als Spiel" Ausgangspunkt ihrer Ausführungen wurde. Im Zentrum ihres Vortrags stand „die spielerische Entfaltung der Leiblichkeit". Um die heilende Wirkung der Liturgie zu betrachten, wurden zunächst die verschiedensten Tätigkeiten des Lebens betrachtet, und zwar im Hinblick auf die Unterscheidung von Zweck und Sinn.

„Im Zweck ruht das Tun nicht in sich selbst, sondern wird als Durchgang auf ein anderes Ziel hin getan: Lernen, um die Prüfung zu bestehen. Sinn aber lässt den Schwerpunkt des Tuns in ihm selbst aufleuchten: Lernen, weil es Freude macht." Während der Zweck ein Ende in der Zeit habe, gebe es auch Vorgänge, deren Sinn nicht mit ihrem Ende abgeschlossen sei. Gerade die wesentlichen Vorgänge des Lebens seien zwecklos, aber sinnvoll. Liebe zum Beispiel sei eine selbsttragende Handlung ohne „um - zu". Ebenso gebe es auch den absichtslosen, kontemplativen Blick, in dem das Individuum frei werde, sich selbst mitzuteilen.

Die Liturgie verfolge wie jedes wirkliche Kunstwerk keinen unmittelbaren „Zweck", sondern trage ihren Sinn in sich. Dieser Zug begründe auch die Schönheit der Liturgie: „Sie hat weder erzieherische noch absichtsvoll künstlerische Aufgaben, ihr tiefster Sinn ist einfach ‚Schau', und zwar Schau von Gottes Herrlichkeit, die Leiden und Kampf einschließt."

Der Sinn der Wirklichkeit erschließe sich über den Leib. Gegenwärtig geschehe in der Anthropologie eine Neuentdeckung des Leibes. „Der Leib ist in ein Spannungsgefüge einbracht. Das, was ich nach außen spiele, erfahre ich auch innerlich." Gerl-Falkovitz beschrieb mit Guardini verschiedene körperliche Haltungen. Das Liegen etwa sei „gesammeltes Ausgegossensein", Stehen „schwingende Ruhe".

In der Liturgie finde ein leibhaftes Spiel statt. „Der Schwerpunkt ist oben. (...) Es ist dieses wunderbar in sich Ruhende und den Blick Öffnende, das die Liturgie zur Quelle eines Ankommens im Sinn macht und über Verzweiflung hinausführt, bis in die leibliche Erfassung und schwingende Ruhe hinein." Auch für das leibhafte Spiel in der Liturgie lieferte die Vortragende eine phänomenologische Beschreibung: „Zweckfrei sich ausströhmendes, von der Fülle besitzergreifendes Leben, sinnvoll in seinem reinen Dasein."

Samstag, 2. Mai 2009

Zusammenbruch durch Selbstauflösung

David Kelly sagt in "Die Herrschaft der Wenigen" in seinen Kommentaren zu historischen Prozessen in Indien (den Rückzug Großbritanniens aus dem Subkontinent 1949 erlebte Kelly als britischer Botschafter in Moskau), daß er noch nie erlebt hätte, daß die marxistische (stalin'sche) Theorie stimme: daß Führungseliten nur durch Gewalt, durch eine Revolution, von der Macht zu trennen seien.

Vielmehr sein sein Fazit aus der Weltgeschichte (und der Britanniens), daß der Verfallsprozeß einer Gesellschaftsordnung, einer Hierarchie, mit dem Verlust des Selbstbewußtseins einer Führungsschichte beginne, ja von dort ausgehe, bis diese sich definitiv zurückziehe, nach Ersatz rufe. Dies geschehe in erster Linie durch ideelle Prozesse, die einen Verlust der moralischen Fundierung des eigenen Handelns bewirkten.

Dann genüge das, was immer passiert sei, meint Kelly: eine kleine Schichte, die aber entschlossen genug und vor allem: überzeugt von sich ist, setzt sich durch und bestimmt den weiteren Weg. Denn, meint Kelly, es seien (auch in der Demokratie) immer nur Minoritäten, die wirklich Politik machten.

Unter diesem Blickwinkel, werden tatsächlich Geschehen, beginnend vom Zerfall Griechenlands und Roms, über die französische Revolution, die Geschehnisse in ganz Europa 1914-18, bis zu Rußland 1917, usw., usw., viel umfassender verständlich.

Düpierte Vorhersagen

Den Crash vom Oktober 1987 hatte Paul C. Martin (neben zahllosen Vorträgen in seinen Büchern "Sachwert schlägt Geldwert", "Der Kapitalismus", "Cash - Strategien gegen den Crash") richtig vorhergesehenm, und die letztlich so hausverständlichen Gründe angeführt, warum es gar nicht anders kommen konnte. Auch ich war seinerzeit dieser Meinung. Als Bauunternehmer (eine Branche, in der viel Geld, und viel Fremdkapital in Bewegung ist, sodaß man rasch und notgedrungen Einblick in Finanzierungs-, Rendite- und Zinshebel erhält) hatte ich Martin's Argumente, vor allem die realen Auswirkungen solchen Wirtschaftens (der ungeheure Druck, der den Zwang zum Wachstum mit sich bringt), nur bestätigt gefunden.

Der Crash kam. Aber es ging ... scheinbar munter weiter. Womit er (und ich) damals nicht gerechnet hatte war nämlich, daß die Bereitschaft, durch immer weitergehende Verschuldungsstrategien die Finanzmärkte und Volkswirtschaften weltweit so zu vernetzen, daß einzelne Volkswirtschaften, ja sogar Kontinente, durch multilaterale Kreditnetze "unsinkbar" wurden. Die Staaten erklärten sich einfach weltweit bereit, sich untereinander "beliebig" Geld zu leihen.

Paul C. Martin war düpiert. Ich war düpiert. Scheinbar unglaubwürdig gemacht, als Schwarzmaler desavouiert. Dabei hatten wir recht. Aber das wußten nur wenige. Völlig richtig - und mit resigniertem Sarkasmus - hat er in seinem weiteren Buch "Aufwärts ohne Ende" 1990 kopfschüttelnd aufgegeben, weitere Prognosen zu stellen, denn wenn der Gegner keine Grenzen kennt, kann man im Disput nie gewinnen.

Mittlerweile gab es weitere Crashes, auch solche in denen weit mehr Geld vernichtet wurde als 1929. Aber mit immer weitergehender und immer findigerer Ausreizung des Systems, wobei das "Weiter!" immer mehr bestimmt war von "ultimo ratio", vom "geringeren Übel", von Alternativlosigkeit, weil sonst (bereits früher) das System kollabiert wäre, sprich: mit immer weiteren immer uferloseren Schulden, hat man alles weiter am Laufen gehalten.

Nun kam der globale Crash.

Was nun? Es gibt sie nämlich nun nicht mehr, die Hoffnungsmärkte, auf die alles aufgehangen wurde - China, Indien, ehemalige Oststaaten. Was auch immer an "Maßnahmen" gesetzt wird - es geht immer nur um noch mehr öffentliche Schulden, denn aus sich heraus sind die Volkswirtschaften nicht mehr in der Lage, solche Geldmengenverringerungen (um die geht es letztlich: die Geldmengen suchen ihren Boden in realen Werten, wie Martin seinerzeit warnend ausgeführt hat) auszuhalten.

Es wird deshalb zu einem Systemwechsel kommen, das zeichnet sich längst ab. Um das System zu halten, um den "Wohlstand" zu halten (der nie einer war, sondern vorgezogener Konsum des Ertrags späterer Generationen gewesen ist), funktioniert weltweit nur noch: Verstaatlichung, Kommunisierung, Vergemeinschaftung, vor allem: noch mehr Globalisierung, noch mehr Zentralisierung weil weltweite Akkordierung nationaler Maßnahmen.

Gemeinwohl? Gibt es nicht mehr. Es ist durch den Wohlstand ersetzt.

Und um den geht es uns doch letztlich allen. Oder?

Freitag, 1. Mai 2009

Vergessene Propheten

Rasch hatten sie ihre Schuldigen, ihre Sündenböcke, die man mit aller Schuld belud und in die wüste trieb. Die manager, die Führungskräfte, die Chefs, die Anlageberater, die anderen Banken, die Regierenden, die Minister, vor allem aber: die Reichen. Die sollen zahlen, die haben ja alles gestohlen. (Da kommen Blitzableiter wie Julius Meinl, oder Graf Mensdorf-Pouilly, wie gerufen, wie politisch bestellt: perfekte Dramaturgie! Ich teile übrigens das Lachen des 5. Meinl, mit dem eigentlich Stimmung gegen ihn gemacht werden soll ... siehe Titellink)

Denn alles gehört allen, ein paar nehmen es diesen Allen nur weg. Nur das meine - das ist mir. Das eigene Unglück ist nämlich immer von anderen verschuldet, deren Glück unverdient; das eigene Glück hoch verdient, das Unglück der anderen allemal.

Und die Gewerkschaften schlagen Kleingeld aus der Lage und fordern, die Pensionistenvertreter nützen die Chancen, sich zu profilieren, und daß die Beamten schweigen, kann nur ein Versehen sein. Endlich kann man wieder mit der Gier das Massen arbeiten, Unzufriedenheit und Begehrlichkeiten schüren, damit hat es sich immer leicht politisiert.

Während die beamtete Wohltätigkeit mit dem Geld anderer Hochkonjunktur feiert - die Caritas (und weitere kirchliche Stimmen) hat noch immer viel zu verteilen und soziale Gerechtigkeiten zu fordern. (Aber wann haben die in den letzten 30 Jahren auch nur irgendwas kapiert?)

Denn den Wohlstand, den haben ja wir uns erarbeitet, nicht wahr? Unseren Wohlstand. Und wir wollen ihn halten, auf alle Fälle, er gehört uns allen, alles gehört uns. Auch um den Preis des Verlusts der Freiheit des Wirtschaftens. Wen kratzt das?

Daß unser System der Schulden, mit dem wir seit dreißig Jahren unseren Wohlstand regelrecht gestohlen haben, der Zukunft herausgerissen, das ist zu unangenehm, um wahr zu sein.

Aber es gab sie, die Vorhersagen. So vieles, wenn nicht alles, was vorhersehbar. Nur nicht populär.

Heinz Pentzlin z. B. hat Prognosen gemacht, lange Jahre leitender Redakteur der WELT. Z. B. 1962 in seinem Buch "Was kostet der Wohlstand?" Was kostet das sogenannte Wirtschaftswunder?

All die soziokulturellen Veränderungen, die gesunde wirtschaftliche, kulturelle Strukturen zerstören, die Herrschaft der Zahlen mit völlig überschätztem Rang der Betriebswissenschaften, die Getriebenheiten - alles war vorhersehbar. Aber noch etwas, über die zunehmende Umbildung der Wirtschaft auf Etatismus (Staats-Plan-Wirtschaft), dem Streben nach wie dem Geworfenwerden auf staatliche Abhängigkeit und Versorgung immer weiterer gesellschaftlicher Schichten, wird unsere Gesellschaft den sozialistischen Systemen angeglichen werden.

Und das ist mehr als ein Schlagwort. Der Preis des (dieses "unseres") Wohlstands war für Pentzlin vorhersehbar: er heißt Freiheit.

Antonio della Caraffa hat es 1989 so formulierte: "Der Osten hat die Mauer nicht mehr gebraucht. Die Gesellschaften zu vereinen war reif, weil der Westen erfolgreich angeglichen, zuglich fallibel genug war, nun den Osten auch materiell aufheben zu müssen. Die Mauer fiel nicht nach Westen, sie fiel nach Osten."

Im atmendenden Arm Gottes

"Jeder Mensch hat einen inneren Freund, seine Eingebungen sind am reinsten in der Jugend; nur Frivolität verscheucht ihn, so wie Hinneigung zu gemeinen Zwecken ihn endlich ganz verstummen läßt."

"Uns allen nämlich wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser Innerstes, von allem, was von außen her hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen, und da unter der form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen."

"Im stillsten Dasein und ohne Reflexion offenbart die Pflanze die ewige Schönheit. So wäre dir am besten, schweigend und gleichsam nicht wissend Gott zu wissen. Nur in der höchsten Wissenschaft schließt sich das sterbliche Auge, wo nicht mehr der Mensch sieht, sondern das ewige Sehen in ihm sehend geworden ist."

(F. W. Schelling)

Kunstwerk und Prophetie

Noch nie war der Eindruck so stark, wie beim Lesen von Schelling, bei dem genau dies so plastisch zu werden scheint (als dächte er nicht, sondern schlüge er wie ein Bildhauer am Stein, bis das Bild der Idee gleiche), daß Denken ein Anpassen der Vorstellungs- und Ideenordnung an das Gefühlte, über die Welt Geahnte, ist. Gerade, wenn man "Menon" von Plato dazufügt, wo Sokrates über das Erkennen als reinen Akt des Erinnerns spricht.

Damit ist auch das Sprechen an sich als Gestalt ein Akt der Gewohnheit, sohin in direktem Zusammenhang mit Tugend und Wahrhaftigkeit stehend, das Denken ein Akt der Sprachgestaltung, bis es im Logos kopuliert.

Gleichzeitig ist - auch hier ist Schelling zu folgen - das Urgrund allen Weltfühlens ein Herzensakt der Poesie, wird der Künstler zum Priester und Propheten, das Kunstwerk zum einzigen die Schöpfung als Akt der Liebe und Selbsterkenntnis Gottes wirklich entfaltenden Akt.

Heinrich Reinhardt weist wohl in gleicher Gedankenlinie auf die zentrale Bedeutung des "Wohlwollens" als Tor zur Philosophie hin.

In dieser Sicht - der Welt als Explikation Gottes, dem Sein, das sich enthüllt, sodaß Wahrheit menschlicher Erkenntnis im Maß Ihrer Übereinstimmung mit Gott (als der Wahrheit) darstellende Teilhabe an Gott (mit dem Schlüssel: Kreuz, wie Dante es ebenfalls ausdeutet: laß alles fahren ...) bedeutet - trifft sich Schelling absolut mit Thomas v. Aquin, Cusanus, Plato etc. etc.

Nietzsche wirft Schelling vor, kein Denker zu sein. Während Schelling diesen Anspruch gar nicht mehr erhebt, sondern sich als "Mythologe der Vernunft" begreift.