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Dienstag, 28. Juli 2009

Ich glaube nicht mehr nur an das Gute im Menschen


Schwester Isa Vermehren († 2009) über ihr Leben (aus: Kirche in Not)

Sie hatten einige Markenzeichen: Zum einen die Ziehharmonika, zum anderen „ein unglaublich freches Gesicht“, wie die Presse damals schrieb. Das dritte war, dass Sie so unbekümmert gesungen haben. Da hätten sich die meisten Leute sicherlich gewundert, wenn sie gewusst hätten, dass in Ihnen bereits ein ganz anderer Geist arbeitete. Ein Geist, der Sie 1938 zur Konversion brachte. Wie kam es dazu?

Gottes Wege sind wunderbar. Das ist sicher eine Gnadenführung gewesen. Wir wurden ja so stark indoktriniert von den Nazis. Als Kind hatte ich mir oft Fragen gestellt: Was ist das hier eigentlich? Worauf kann ich setzen? Was will ich werden? Worauf kann ich mich verlassen? Wofür will ich leben oder auch sterben?

Diese Fragen nach Wahrheit und Religion waren für mich quälend. Sie haben mich beschäftigt. Dieser Prozess des Denkens und Fragens wurde durch die Nazi-Erziehung herausgefordert und beschleunigt. Ich hatte das Glück, in Berlin in eine Gruppe überzeugter Katholiken zu geraten. Diese Leute waren so beeindruckend.

Sie haben die Konzentrationslager Ravensbrück, Buchenwald und Dachau überlebt. Davon handelt Ihr Buch „Reise durch den letzten Akt“. An mehreren Stellen taucht eine Erkenntnis auf, die Sie im KZ gewonnen haben: Dass das, was wir als das natürlich-menschlich ansehen, wie Freundlichkeit und Güte, gar nicht so natürlich-menschlich ist, sondern auf einer kulturellen Tradition beruht. Was hat Sie zu dieser Erkenntnis gebracht?

Das Konzentrationslager ist eine ungeheure Schule des Glaubens gewesen. Was die Aufseher den Gefangenen angetan haben, das war immer jenseits des Anstands. Dieser Umgang mit den Häftlingen war furchtbar rau und kränkend, ungerecht und brutal. Sie wurden verhöhnt und geschlagen.

Genau das hat sich auch Jesus Christus von uns gefallen lassen. Das muss einem wohl erst geschehen, damit die Liebe und Treue zu Christus in die Bewährung kommt: „Was ihr dem Geringsten tut, das tut ihr auch mir.“ Das ist nicht nur das Gute, sondern auch das Böse.

Das Menschenbild hat sich geändert in dieser Zeit. Ich glaube heute nicht mehr nur an das Gute im Menschen. Die Möglichkeit dazu hat jeder sicherlich, aber wenn sie nicht gepflegt und kultiviert wird, wie etwa Höflichkeit oder Ehrlichkeit, dann kommt es nicht dazu. Das hat mich auch in meiner Zeit als Lehrerin begleitet.

Samstag, 25. Juli 2009

Kehlmann sagt es


Wenn Kehlmann in seiner Eröffnungsrede zu den diesjährigen Salzburger Festspielen (siehe: Titelverlinkung zum Text der Rede) erzählt, daß ausländische Freunde ihn unverwandt fragten, was denn das solle, was sie am Theater hierzulande zu sehen bekämen, und Kehlmann dann darauf hinweist, daß man bei solchen Diskussionen sofort ideologische Anwürfe - "reaktionär" etc. - zu erwarten habe, so ist es ein erster Befreiungsschlag, der zu begrüßen ist.

Aber es kann noch erweitert werden: ausländischen Freunden von mir ist es nie verständlich, wenn man ihnen andeutet, in welchem Ausmaß hierzulande ideologische Kämpfe geführt werden. In welchem Ausmaß hierzulande eine ideologische Diktatur versucht, das gesamte Leben, und wieviel dabei die Meinungsbildner, wieviel die Kunst, unter ihre Fuchtel zu bekommen. Und dies über Masse, Meinungsmanipulation und Lüge wie bedenkenlos gerechtfertigter Verleumdung via Ressentiment-Erzeugung tut.

Es ist ausländischen Freunden nicht vorstellbar, in welchem neurotischen Klima man hierzulande zu leben hat, das einem Klima der Diktatur kaum nachsteht.

Es ist ausländischen Freunden nicht vorstellbar, daß es Kunstdiskussionen gibt, die andere als Form- und Gestaltprobleme haben. Daß politisch-moralische, ideologische Opportunität weit mehr zählt. Daß Verbildetheit auch Beurteilungskriterien bis in die Irrelevanz verschoben hat.

Es ist deshalb ausländischen Freunden nicht vorstellbar, wieviel Mut Kehlmann aufbringt, wenigstens anzudeuten, wie bedrückend und eng das geistige Klima in diesem Lande ist. Eng gemacht gerade von jenen, die nicht Kunst, sondern "Gesellschaftsveränderung" auf ihre Fahnen geschrieben haben, und "haltet den Dieb" schreien, während sie die Beute unter sich aufteilen.

Freitag, 24. Juli 2009

Nur als Lehen zu verstehen

Adam Müller macht den Gedanken des "Lehens" zum Dreh- und Angelpunkt der Freiheit und des Bestands eines Staates. Nur, wenn Eigentum als Lehen (von Gott her) aufgefaßt wird, ist das Maß an Distanz wie Ernsthaftigkeit (bis zum Tode) gewahrt, wird nicht der ganze Staat zum sklavischen Rädchen eines Mechanismus, der Eigentum "absolut" stellt, und dies nur durch scharfe Gesetzgebung garantieren kann, der aber alle Erfülltheit mit Leben (vom Einzelnen und in Wechselseitigkeit, von Verpflichtung wie Nutznießungsrecht her) fehlt. In einem solchen Staat - Müller sieht die Entwicklungen durch Veränderung des Eigentumsbegriffs (vom Lehen zum Absolutum) zum Ausgang des Mittelalters - "wird der Souveraign zu einer legislativen und administrativen Maschine, zu einem obersten Polizeichef."

Zuvor sieht Müller Eigentum als "vorübergehendes, lediglich lebenslanges Nießrecht" verstanden. Jedes Eigentum, wie auch der Staat, ja: das ganze bürgerliche Leben, ist ein solches von Körperschaften und Familien zugleich, und ist in einer unendlichen Reihe aus Vergangenheit und Zukunft von Personen gesehen. Wird aber die religiöse Verpflichtung aus dem Eigentum durch Verabsolutierung desselben verdrängt (Müller sieht es durch die steigende (Kapital-)Macht des Handels eingetreten), fehlt die Verankerung des Einzelnen im Allgemeinen wie im Allgemeindienlichen. Der Staat wird bestenfalls nur noch zum Garanten egoistischer Interessen, das eigentlich Staatsverbindende (das allem Eigentum vorausgeht, ihm übergeordnet ist) hat sich aufgelöst.

Opfer und Spiel - Kult und Kunst

Unübertreffbar stellt Hugo v. Hofmannsthal ("Gespräch über Gedichte") den Gedanken der Sakralität der Kunst dar, in ihrer Verbindung zum Priestertum und zum Heiligen Opfer. Wenn er beschreibt, wie das Blut des Opfertieres dem Priester die Arme entlangläuft, und so für ihn Opfertier und er selbst ununterscheidbar werden.

Damit beschreibt er, was der Künstler ist. Damit macht er klar, daß der Zuschauer über die Empathie - das Mitleiden, das Mitfühlen, die Identifikation - in gottesdienstlicher Katharsis (Feuerreinigung) zu Gott erhoben wird, weil er auf seine Absicht zugunsten des Höchsten verzichtet, zur Seite tritt. Ein objektives Geschehen, kein bloßes Empfinden, wenn solches überhaupt. Im Erleiden dessen, was dem den Sinnen dargestellten Objekt geschieht, erlebe ich auch seinen Schmerz und vollziehe die opfernde Haltung, weil ich mich dem Geschehen, dem Willen des Schöpfers, ausliefere.

Im Opfer gebe ich etwas aus der menschlichen Verfügungsgewalt, Berechenbarkeit und damit Existenzialität weg. Und trete in den Bereich des Spieles, der unverzweckten Tätigkeit, die in ihrer Nutz- und Absichtslosigkeit ausschließlich der Schönheit dienend einer Auslieferung an Gott gleichkommt.

Dem ich im selben Maß zugestehe, aber auch den Raum freigebe, in der Welt zu wirken.

So kann man erkennen, wie die Kunst aus dem Kult (der Liturgie) kam und immer noch dort gründet, so kann man erfassen, daß es gar keine Feier geben kann, wenn sie nicht religiös motiviert ist - weil sie sonst der Selbstvergötzung bestenfalls in der Wollust dient, und unzweifelhaft bitter und leer wird, sich nur noch im Sensationellen in jenes "Heiligkeits- und Höhegefühl" retten kann.

Damit wird klar, daß es nur Kultur geben kann - denn alles Schöpferische entsteht aus dem Spiel, braucht diesen Freiraum, weil es sonst eingekerkert in bereits bekannte Nutzschemen bleibt - wenn einem Volk jene Religiosität zugrundeliegt, die das Geschehen der Welt in einem über alles menschliche Sorgen und Planen stehenden Raum des Rechts, der Gerechtigkeit und Vorsehung geborgen weiß. Nur dann treffen sich Gewissen und Spiel.

Heiliges Eigentum

Die uns extrem erscheinen mögende rechtliche Stellung des Eigentums bei den Römern führt sich offenbar bereits auf die Weltsicht der Etrusker zurück. Ihnen war nichts in dieser Welt zufällig, der Mensch, alles Geschehen eingebunden in ein gigantisches Räderwerk, dem (in ihrer Weltsicht) der Mensch eigentlich hilflos ausgeliefert war. Wo immer er sich gegen den Willen der Götter stellte - bereits bei den Etruskern: ein außerordentlich ausgebautes und enorm wichtiges System der Auspizien, der Vorhersage - war sein Handeln zum Scheitern verurteilt.

Die Götter aber hatten natürlich auch die Welt, alle Dinge, in einer strengen Ordnung gedacht und bestimmt, und so war es ein hoch sensibles, entscheidendes Vorgehen, Grund und Boden - und von dort ausgehend alles, was der Entfaltung des Menschen diente, also auch die Dinge (siehe dazu: Adam Müller's Gedanken über die "Gleichstellung von Person und Sache") - aufzuteilen. Diese Teilung war, als grundlegende Verfügung der Götter mit dem Erdkreis, heilig! Der Mensch hat sich dann nach dem Eigentum, seinem Grund und Boden, seinem Bezirk innerhalb der Erde, definiert - nicht umgekehrt. Seine Identität nahm von dort ihren Ausgang - vom Äußeren, vom Staat, und dann vom "Haus" und dem Hausherrn. Bei den Etruskern ging dies ja bis zum Matriarchat: denn das Bleibende war ihnen (oder: ist, denn sie entscheiden auch heute über die Dauer allen Geschöpflichen, das in ihrer Hand liegt) die Frau, der persönlichkeitslose, allgemeine Familienstamm.

Das ging so weit, daß Eigentum untrennbar von der Familie war - wurde es getrennt verlor es ja einen essentiellen Teil seiner selbst! Eigentum war nicht "an sich" da, sondern immer "für jemanden." Es definiert sich in seinem "Nutzwert", der immer ein ganz spezieller "Nutzwert für" ist, es ist also immer personenbezüglich. (Wieder ein Hinweis auf Müller: weil Sachen, Dinge, quasi nach außen gelagerte Teile der Person seien, die zu seiner Lebenswirklichung essentiell wären, würden sie sogar zu Teilen der Persönlichkeit, also sei ihnen auch entsprechender rechtlicher Rang zuzukommen.)

Somit war Eigentum heilig, und es zu verletzen - im Diebstahl, aber auch in der Vernachlässigung - war ein erdkreiserschütterndes Sakrileg. (Samt dem Recht für den Bestohlenen, den Dieb augenblicklich umzubringen.) Der Mensch war von seinem ihm zugewiesenen Ort auf dieser Erde nicht denkbar, und nie zu trennen! Darauf baut dann alles weiter ausdifferenzierte Eigentumsrecht auf.

Im Grunde: bis zum heutigen Tag. Denn in Wahrheit läßt sich kein Eigentumsbegriff verteidigen, wenn er nicht religiös - Gabe Gottes - begründet ist. Wir glauben nur, daß das anders sein könnte, weil wir uns so leichter im Gewissen betrügen können.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Das Ego spazierentragen

S. B., Schauspieler, München: "Die Situation bei den Auftraggebern scheint heute manchmal so zu sein, daß man eher Egomanen zu suchen scheint, als Leute, die ihren Beruf verstehen: Leute, die ihr Ego spazieren tragen, aber keinen künstlerischen Hintergrund haben. Speziell mit Angeboten, die außermonetäre Vorteile - Stichwort "Bekanntheit" - als Bezahlung beinhalten, zieht man solche Leute regelrecht an.

Das provoziert eine Schauspielregie, die ausgereifte Persönlichkeiten gar nicht mehr verträgt, weil sie mit dem gar nicht mehr rechnet, was ein Schauspieler eigentlich sein kann. Speziell die Arbeit mit Laien, die vielfach in Mode kommt, ruiniert deshalb die Position des Schauspielers, der seinen Beruf als ganzheitliche künstlerische Aufgabe versteht. Denn dem Egomanen ist Bekanntheit um jeden Preis ohnehin genug.
"

Berlusconi IV: Il stallone ...

Nun wird Silvio Berlusconi in keiner Wahl mehr zu schlagen sein, in der der 72jährige antritt! Zumindest nicht in Italien. Denn dort hat er der Linken nicht nur bereits kaltschnäuzig unter die Nase gerieben, daß die politische Rechte die schöneren Frauen habe, sondern nun legte er nach und erklärte, warum das so sei: Weil die Rechte nämlich die potenteren Männer habe!

Und weil das (den Bezug des hinweisend gebrauchten Artikels darf sich der Leser aussuchen) so sicher ist wie das Amen im Gebet, darf der Verdacht geäußert werden, daß er selbst dafür gesorgt hat, daß das intime Geflüstere an die Öffentlichkeit gelangt ...

Berlusoni: Ich dusche noch, und dann komme ich. Geh einstweilen ins große Bett und warte auf mich!
Die (mit Tonband ausgestattete) Prostituierte: In das, das Dir Putin geschenkt hat?
Er: Ja, in das von Putin, genau!

Offiziell konnte er das aber nicht verkünden, denn Prostitution ist in Italien illegal. Was für einen Ministerpräsidenten nicht ganz die feine Tour wäre. Also überließ er es der Presse ...

"Skandal," schreit nun die Linke wie bestellt. (Seitens der Kirche hat sich ja nur ein etwas älterer Kardinal aufgerafft, mit dem Zeigefinger zu schelten, daß man das doch wirklich nicht tue ... Nutten.) Und macht es in jeder Ecke des Landes bekannt, zu ihrem Schade, man wird es bald sehen. Denn:

WER von den knapp 18 Mio. wahlberechtigten italienischen Männern wollte nicht, daß er solchen Dialog sprechen könnte, noch mehr aber: daß solch ein Dialog dann als "Indiskretion", als Enthüllung über sein "übliches Leben", ans Tageslicht käme? Und WELCHE von den knapp 19 Mio wahlberechtigten Italienerinnen wollte nicht, daß sie es sei, die diesen Dialog entweder spräche, oder Berlusconi dann dafür eine Scheidungsklage auf den Schädel brummen könne - mit der expliziten Regelung, daß das Bett von Putin IHR zugesprochen wird?

Mehr als ... also: viele, ganz gewiß.

Jaja, das ist eben das katholische Europa und Italien. Seien wir doch froh, daß es so ist.

Übrigens: Das Bett stammt, wie nun die ganze Welt weiß, von Putin, was einen interessanten Einblick auf die Zwischenmenschlichkeit unter Staatschefs gibt. Berlusconi - Putin ... "Putana" heißt ja Hure, auf italienisch. Noch schlimmer aber ist es in Frankreich: dort würde "Putin" bereits als "putaine" ausgesprochen, was wirklich "Hure" hieße! Weshalb man dort vorzieht, "Putin" öffentlich so auszusprechen, als würde er "Putinè" geschrieben. Immerhin hat man dort ja Sarkozy und seine Bruni, von der alle paar Monate neue Nacktphotos auftauchen. (Was Putin wirklich übersetzt heißt? "Puth" ist im Slawischen die Sprachwurzel für "Weg", vielleicht kommt die Bezeichnung "Putin" - "der Wegmacher"? - also aus dieser Ecke. Da hätte der Name eine Symbolik, um die man jeden Politiker beneiden könnte.)





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Dienstag, 21. Juli 2009

Gegen die neuen Religionen

Zwei Dinge kann man aus dem interessanten, schwungvollen Statement erfahren: wie kaum faßlich offenbar die neue "Klimawandelreligion" - einer der zahllosen Ableger einer christlichen Häresie - jede Vernunft beiseiteschiebt, um ihr religiöses Erleben zu haben. Und zum zweiten, und vielleicht noch interessanteren: man erkennt, wogegen der Ahteismus seine Argumentation, seine Ablehnung des Theismus, eigentlich richtet - gegen ein Gespenst, das im Grunde nur jene Religionen betrifft, die NICHT katholisch sind. Denn diesen Dogmatismus, diesen Fideismus, vertritt jede übrige Weltreligion (nicht jene gerechnet, die ohnehin bloße Philosophien sind) AUSZER dem Katholizismus.

Samstag, 18. Juli 2009

Predigten, weniger Gespräche

Nicht wenige von Ralph W. Emerson's Essays geben dem Leser das Gefühl, einer emphatischen Predigt ausgesetzt zu sein - mehr denn einer Gedankenführung zu folgen, wie man sie von Essays erwartet. Als wollte er mit nicht wenig Anstrengung ein Weltbild vermitteln, das es in vielem nur zu glauben gibt, weil Emerson keine Vernunftanbindung bieten kann.

Das ist es wohl auch, warum er so eigentümlich "zeitgenössisch" auf mich wirkt: wie einem esoterischen Zirkel angehörig, der heute, im Juli 2009, im 14. Bezirk Wiens sitzt und dessen Mitglieder monatlich eine Erweckungszeitschrift hektrographieren und kuvertieren, und wöchentlich zu Seancen, bei Mun-Tee und Aromakerzen, zusammenkommen.

Gewiß, immer wieder findet man Körner, schon gar wenn man wohlwollend und bereit ist, seine metaphorische Darstellungsweise als solche, als Poesie gar, zu nehmen. Findet wertvolle Einzeldarstellungen, erleuchtete wie einen manchmal blitzartig durchglühende einzelne Gedanken und Schlüsse.

Aber in Summe hat man nicht den Eindruck, daß Emerson seine einzelnen Versuche zu einem sinnvollen, überzeugenden, vernünftigen und damit verantwortbaren Ganzen zusammenführen kann. Sondern daß er - der Plato (wie manche andere) nur zur Untermauerung eines mit viel Bildungsgut verbrämten Subjektivismus benützt - sie als Munition benützt, um die Welt zu bekehren, zu verbessern, getrieben von einem fast esoterischen, lediglich dumpf gefühlten, und stark enthusiasmierten, aber letztlich irrationalen Weltbild. Die meisten seiner Essays erfahren ihre formale Geschlossenheit somit aus einer rhetorischen Brillanz, die ein begnadeter, aber in seiner perfekten Sprache gefangener und deshalb nicht immer wahrhaftiger Prediger zu verleihen vermag.

Er ist vielleicht einfach doch nur ... Amerikaner.

Droge Trash

Die heute in Theater und Film vorzufindende "Komik" ist selten noch mehr als absurder "Trash", und nichts als Ausfluß einer abgrundtiefen Angst, die dazu zwingt, der Wirklichkeit der Beobachtung - und schon gar einer wahrhaftigen künstlerischen Aussage und Darstellung - zu entfliehen.

Im Trash, in der deklarierten Un-Ernsthaftigkeit, entzieht sich der Künstler jeder Kritik. Denn er weiß zuinnerst längst: die Linke hat keinen Humor, und sie kennt keine Menschlichkeit und Größe der Toleranz. Wer alles politisch bedeutsam sieht, kann nämlich nichts mehr großmütig tolerieren, relativieren!

(In einer Diskussion mit Wiener Kulturpolitikern vor großem Auditorium war demgemäß die Stellungnahme des Kultursprechers der Grünen die einzige, die klar politisch-inhaltliche Forderungen an die Vergabe von Fördergeldern knüpfte. Und sich gegen die grotesk schwachen Figuren der übrigen Parteien durchsetzte, und die anwesenden Dutzenden Künstler völlig überrumpelte!)

Deshalb vermeiden es viele sogar, ernsthafte Reflexionen anzustellen. Denn das Denkergebnis - das gefühlte Wirklichkeitsrezeption ja im tiefsten Gewissen längst kennt - würde eine Gewissenslast ergeben, die zu tragen man sich außerstande fühlt, weil die Rezeption einen in so starke Widersprüche zur Mitwelt stellt.

Dabei läßt der Trash zwar lachen, er "hat Witz", aber er unterscheidet sich fundamental vom Humor, der er nämlich nicht ist! Er kennt nicht dessen Herz, dessen Wärme und Güte - das sind nämlich seine Grundlagen. Humor befreit, macht glücklich. Das Lachen des Trash ist aber kalt, nicht selten gnadenlos, wenn nicht entladene Verzweiflung. Trash überwindet nicht - Trash demoliert. Er macht alles nieder, und "befreit" somit durch Zertrümmerung. Wer den anderen tötet, wird freilich mit ihm nie mehr ein Problem haben ... So glaubt man's zumindest.

Während aber der Trash als scheinbare Komik in Film, Theater und Literatur zunimmt, fehlt immer mehr herzerfrischender, befreiender, absichtsloser, sanfter (oder von mir aus: deftiger) Humor, fehlt liebenswürdiges Schmunzeln, herzliches Lachen, beglückender Charme. Ja, nur der Humor kennt Poesie! Und er verlangt eine entsprechende Rezeption: der Milde, der Güte.

Nicht so im Trash - ein Wort, das man fast ausspuckt, wenn man es sagt. Man hat sogar das Gefühl, gar nicht mehr zu wissen, was guter Humor denn sei ... gäbe es nicht Konserven von Loriot oder Curt Goetz etc. Der 60 Jahre alten Forderung des letzteren kann ich nur höchste Aktualität konzedieren: wenn er sagt, daß die Menschen nichts so sehr suchten als herzlichen Humor, als herzliches, menschlich warmes Lachen. Ja, danach sehnten sie sich geradezu!

Es ist also ein Mißverständnis, dem der Humor heute meist bedrückend konsequent unterliegt. Wirklicher Humor verlangt eben Herzensqualität - für Trash reicht sogar ein bösartiger Einfall. Der Humor liebt seine Menschen - der Trash führt sie vor.

Wer sich dem Trash ergibt, was der Flucht in einen Rausch gleichkommt, weicht jeder ernsthaften künstlerischen Arbeit aus. Er wird zum tragischen Symptom - nicht aber zum Überwinder - der Unfreiheit der Gegenwart.

Poesie ist Poesie, nicht Politik

Meine Leser kennen den Spruch: Die Linke schafft sich ihre behaupteten Gegner selber. Das hat damit zu tun, daß ihre Analysen nie faktenbezogene Analysen waren und sind, sondern politisch motivierte Behauptungen, mit denen die Mitwelt bewegt, vorwiegend über die wahren Absichten aber getäuscht werden soll.

So geht es einem mit der Behauptung, daß "alles Leben politisch" sei. Denn das ist es mitnichten, weil politisch zu handeln - will sich der Begriff nicht ad absurdum führen - immer das klare, willentliche Handeln des sich politisch bewußt betätigenden Menschen bedeutet.

Dennoch steht die Forderung, auch die Kunst, im besonderen: das Theater, sei politsch an sich, und deshalb bewußt politisch zu halten. Und finden genug Leichtgläubige, die ihre Rezeption davon vergiften lassen.

Das führt zu einer Situation, daß einerseits kaum noch Theater zu finden ist, wo nicht Poesie durch politische Aussage ersetzt wird. Noch schlimmer aber ist es, erleben zu müssen, daß die poetische Schöpfung sofort politisch umgedeutet und -gebrochen wird! Das hat längst zu einer Immanentisierung geführt, die das Schaffen unfrei gemacht haben, weil sie einen neurotischen Prozeß darüber gelegt haben - den die Linke, hämisch grinsend, als politische Dimension aller Kunst erklärt.

Nein, es ist nicht alles politisch, und wenn der Poet die Figuren ihr Spiel treiben läßt, so soll es ihn einen Scheißdreck interessieren, ob andere darin (gesellschafts)politisch unerwünschte Aussagen erblicken, weil sie es nie ehrlich mit den Menschen meinen - sondern sie für zu manipulierende Funktionen in einem Spiel um reale (humorlose) Macht halten.

Es ist eben nicht alles politisch. Weil das Leben mehr ist als ein Spiel von Interessen, mehr ist als eine Mechanik der Evolution, mehr ist als ein Kampf um Macht.

Es ist eine Blüte der Schönheit, ein absichtsloses Spiel der Freude, ein Fest. Und Kunst ist Ausdruck der Liebe zu diesem Glück.

Freitag, 17. Juli 2009

Wahrsagen darf nur der Adel

In jeder Kultur der Weltgeschichte taucht derselbe Zusammenhang zwischen GUT (glücklich, tüchtig, gedeihens- und verheißungsvoll) und ADEL auf - ebenso wie ... umgekehrt: SCHLECHT und PLEBS. Das ist also keine Erfindung der Neuzeit oder kapitalistischen Wahns. (Er findet sich in sehr reiner Form übrigens im Calvinismus wieder, man blicke nach der Schweiz!)

Nun war der klarste Weg, den Willen der Götter zu erfahren, sie zu befragen! Wer aber wäre dafür besser geeignet, ja: einzig geeignet, als der den Göttern maximal Gleiche: der Adelige und Priester, in vielerlei Hinsicht ident.

Das machte im Alten Rom die Stellung der Patrizier so markant. Denn immerhin verkündeten sie - als Recht - den Willen der Götter, und somit die politische Richtung! Hier siegte auch der Stand gegen die Klasse - denn so sehr die Volkstribune sich darum auch mühten: dieses Recht blieb ihnen verwehrt, es war nicht mit der Funktion, sondern mit dem Stand, der Geburt verbunden.

Haftbarkeit der Politiker

Die Volkstribune des alten Rom hatten eine enorm schlagkräftige Waffe entwickelt: zwar war ein Patrizier und Konsul nicht belangbar, solange er im Amt war - aber sobald er abtrat, konnte man ihn mit Kapitalklagen (quasi Schadenersatz) verfolgen. Damit hatte man bald soviel Erfolg, daß die politische Macht (auch in der Willkür des Plebs) enorm anwuchs, während die regulären Staatsmechanismen regelrecht ausgehebelt und lahmgelegt oder zu Mitteln der Erpressung (Beispiel: Verweigerung von Wehraushebungen) wurden.

Soviel zu der heute oft recht populär auftauchenden Forderung, Politiker für ihr politisches Handeln persönlich haftbar zu machen. In der Republik, die einen völlig anderen Verantwortungsbegriff wie das Königtum in seiner reinen Form verlangt, muß die Trennung von Privatperson und Politiker (als Beruf; s. u. a. M. Weber) gesichert sein, will man Erpreßbarkeit etc. vermeiden.

Persönliche Haftbarkeit von Politikern ist nur im Zusammenhang mit patrimonialer Herrschaft (vom Hausherrn zum Königtum ausgehend) natürlich und gegeben.

Wo Unschuld eine Seltenheit ist

Die Argumente für die Einführung eines für alle gleichermaßen verbindlichen Rechtssystems waren im alten Rom keineswegs eindeutig, denn sie machten die Prinzipien eines technizistischen Bürokratismus zur Grundlage eines Volkes, ersetzten Stand durch Klasse, wie Max Weber es a. a. O. nennt. Franz Altmann zitiert in "Italien und Rom" beeindruckende Gegenargumente (u. a. aus Livius):

... der König sei wenigstens ein Mensch gewesen, der nicht nur zürnen, sondern der auch habe verzeihen können. Recht und Unrecht sei von ihm nur nach dem Maß des Notwendigen festgestellt worden, wobei der Herrscher freundliche und feindliche Gesinnung unterschieden und Gnade habe walten lassen. Das Gesetz dagegen sei starr und allen Bitten gegenüber taub. Es helfe mehr dem Schwachen als dem Mächtigen, es kenne keine Verzeihung in einem Leben, darin Unschuld inmitten menschlicher Hinfälligkeit eine Seltenheit sei.

Altheim zeigt auf, daß mit der Durchsetzung des Zwölf-Tafel-Gesetzes auch das vorher sehr ausgeprägte Asylwesen Roms (das auf vielfache Amnestie hinauslief) nahezu verschwand. Der Rechtsbegriff wird systematisiert, und das Rechtswesen muß danach streben, ausnahmslos vorzugehen und jeden Rechtsvorgang, der nicht auf rein rechtlichen Erwägungen beruht, auszuschalten. "Während man der Plebs auf der einen Seite gegeben wurde, hat man ihr auf der andren eben dadurch genommen. [...] Nicht ihre beginnende 'Befreiung' liegt vor, sondern nur ihren Herrn hat sie gewechselt. An die Stelle des jeweiligen patrizischen Patrons ist ein Größerer getreten, nicht die Plebs, sondern der Staatsgedanke hat gesiegt."

Das Rechtssystem - mit dem beeindruckend gestellten Volkstribun - Roms seit der Königszeit (also: noch VOR den Zwölf-Tafel-Gesetzen) war, soweit es den Plebs (also den Nicht-Patrizier) betraf, zunehmend revolutionären, rebellischen Ursprungs, auch in fallweiser Gegenwehr gegen Trannei. Wobei: auch die Abschließung der Kreise des Patriziats, die die Kluft zum Plebs erst so groß machte, erfolgte etwa 10 Jahre NACH den entsprechenden Organisation des Plebs (ca. 495 v. Chr.) als schutzartige Gegenreaktion. Das Volk hatte sich über die Tribune zunehmend ein Gewaltrecht ausgebaut, das tief in das Staatsgefüge eingriff, und von einer Vorherrschaft der Patrizier war ohnehin keine Rede mehr: es gab stattdessen pausenlose Machtkämpfe, wo nur noch jeweilige Schwächen des Gegners zu Machtverschiebungen führten - bis das Faustrecht herrschte, sich regelrecht zwei Staaten anstelle eines gebildet hatten.

So wurde um 450 daran gegangen, ein einheitliches Gesetz für alle abzufassen. Und es entstand, nach griechischem Vorbild und vielerlei Anleihe, aber dennoch sehr original, das Zwölf-Tafel-Gesetz, die Grundlage aller weiteren römischen Staatsgeschichte. Die Inkraftsetzung dieser Rechtsgrundlage erfolgte durch eine "Volksabstimmung" - somit auf der Grundlage eines consensus omnium.

In jedem Fall aber, so Altheim in "Italien und Rom", brachte die Einführung des staatlichen Rechtssystems keine Veränderung, schon gar nicht der Eigentumsrechte. Sondern lediglich eine Verschärfung (weil Betonung der Ausnahmslosigkeit und Unbarmherzigkeit), eine Zwischenschaltung des Staates. Aus privater Rache wurde staatliche Strafe. Der Staat untersagte Willkür, übernahm nur die Abwicklung vormaliger Rache und Strafe. Wodurch er den Gläubiger bzw. Geschädigten aber zur Ausübung zwang. Und damit stellte sich an die Stelle der Stände ... ein Staat mit einem einheitlichen Staatsvolk.

Nach wie vor durfte der Dieb (natürlich fast immer aus der Plebs) bei Nacht ertappt erschlagen werden, nur mußte der Bestohlene diesmal laut schreien, während er ihn erschlug, um so Öffentlichkeit zu zitieren.




***

Vereidigung auf die Mutter

Die Vereidigung" von Soldaten geht - als uralte, archaische Sitte - zurück auf die lex sacrata der frühen Zeit Roms, und der Völker am Appennin! Worin sich der Plebs eine Form zweckorientierter, vorübergehender militärischer Gebundenheit und Organisation gab. Sie wurde mit dem Initialritus eines Eides konstituiert, und war immer auf Verfestigung und Hinüberführung in den bestehenden Staat ausgerichtet.

Dabei war sie eine Form von echtem Widerstandsrecht, wenn sie sich mit der "Sezession" verknüpfte, was mehrmals vorkam (als Zusagen des Senats nicht eingehalten wurden, aber auch im Widerstand gegen Tyrannen) Wenn der Senat die fides - eine moralische Gebundenheit an das Wohl des Volkes - brach, war auch der Untertan von seinen Bindungen an das Recht gelöst, denn die Treue galt dem Recht. Ein schon bei den Germanen zu findendes Recht, übrigens. Der ungetreue König verlor die Gefolgschaft seines Volkes, wenn alle anderen Möglichkeiten der Gegenwehr erschöpft waren. (Bei den Germanen ging dies noch weiter: bis zum Gebot des gewaltsamen Widerstands.)

Dieses Bild wird freilich erst vollständig, wenn man die ursächliche Verbindung von Richterspruch und Gottesurteil/-willen (hier: im Kampf) berücksichtigt. Für die Römer war irdisches Geschehen direktes Handeln der Götter! (s. u. a. Max Weber, Franz Altheim)

Vom Pater befruchtet

Aus der sozialen Gliederung der (frühen) Römer ist ein klarer Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Rang und identifizierbarer Abkunft erkennbar. Die Masse war unidentifiziert, während die Patrizier (von: pater) ihre Herkunft von den Ideengebern, dem Prinzip der staatlichen Gemeinschaft, besaßen.

Die Masse war immer genuin weiblich, mütterlich, war herkunftslos, ohne Ahnen und ohne Sippe. Ihr stand das Zeugende, der die individuelle Tat evozierende Patrizier, gegen. (Im übrigen ist dies der wahre, metaphysische, also in der Natur der Dinge liegende Grund für die Bindung des Priestertums an den Mann; das nur so nebenbei.)

Es ist also keinesfalls zufällig, daß im Zeitalter der Vermassung, mit gleichzeitiger Verlagerung der Macht zu dieser hin (Massendemokratie), die Rückkehr zum Matriarchat politische Forderung wird.

[Gleichzeitig deutet sich der Zusammenhang von Ahnenkult und kultureller Gestalt eines Volkes an. Die matriarchalen Etrusker zum Beispiel praktizierten die das leibliche Individuum im Grunde negierende Einäscherung.]

Kranke Künstler - kreative Schizoide

Nun hat man also endlich auch in der DNA verblüffende Parallelen bei bestimmten Merkmalen bei einerseits Schizophrenen, anderseits Menschen mit anerkannt künstlerischen (kreativen) Leistungen (veröffentliche Bücher o. ä.) festgestellt.

Bei den einen aber scheint dieselbe Konstellation aber eine Geisteskrankheit auszulösen, bei den anderen nicht. Nun beginnt das Rätselraten, warum.

Aber mitnichten soll hier um Verständnis für manche Sonderlichkeit einer Künstlerbranche geworben werden. Mitnichten.

Wie oft habe ich (auch hier) ja schon darauf hingewiesen, daß die Psychosymptomatik bei Pathologien und künstlerischen Veranlagungen nahezu ident ist. Das Problem dabei ist, daß dies heute zu verheerenden Fehleinschätzungen und Identitätsverbildungen führt, weil die seelischen Symptome kein zuverlässiges Erkennungsmerkmal liefern, Kriterien der Form aber aufgelöst sind: denn heute gilt psychische Auffälligkeit, Pathologie, nahezu bereits als Auslösereiz für hysterische "Förderung von Sonderbegabung," wird Künstlertum wie eine errungene Leistungsmedaille in die Vitrine gestellt.

Sehr oft, ja allzu oft hat man es in einem Zeitalter technizistischer Verbürokratisierung - vorwiegend über identitätsbildendes Umbrechen in "Ausbildungen" und Akademien, als wäre Künstlertum sui generis eine ausbildbare Identität - nicht mit künstlerischen Berufungen (Talent alleine ist noch nicht einmal genug: es gibt auch talentierte Nicht-Künstler), sondern mit seelischen Pathologien oder schlichten Charakterdefekten (die auszuleben das künstlerische Gebiet ja viel Freiraum bietet) zu tun. Mit "Absolventen" die perfekt gelernt haben, künstlerische Berufsfelder zu simulieren - anstelle von Künstlern.

Und wenn, wie heute, das Geheimnis der Kreativität nicht Freiheit (was mit Wahrheit zu tun hat) sondern Entschränkung heißen soll, dann verschwimmt eben wirklich jede Unterscheidbarkeit von Pathologie und Künstlerischem Genie, ist letzteres lediglich eine graduelle Pathologie, die sich noch im Rehmen gewisser Sozialisierung bewegt.

Kunst wird zur Krankheit - und das Kranke wird zur Kunst stilisiert. Nur weil beides Desintegration bedeutet.

Das Hohe düpieren

Borchardt - oder war es jemand anders? - schreibt einmal, daß es für ihn nahezu unterträglich sei, um seiner Existenz willen Geldverdienstmöglichkeiten in "berufsnahen" (Dichter, Schriftsteller) Berufen nachzugehen. Vor allem Gutmeinende würden ihm solche Möglichkeiten zu schaffen versuchen - als Redakteur, Journalist etc. - weil sie völlig mißverstünden, was das Wesentliche der künstlerischen Berufung sei: nicht das Handwerk, sondern die Art, mit der Welt umzugehen.

Borchardt war insofern ... Gärtner! Und als solcher verwendbar, "nützlich". Er verweigerte sich sogar dem üblichen Schriftstellerbetrieb, dieser "ständigen Offerte", mit der er seine Kollegen durchs Leben laufen sah.

Es ist von manchem bekannt - auch von K - daß sie lieber am Fließband tätig waren, in oft primitivsten Tägigkeiten, ganz am Ende der sozialen Skala, als ihr Wesentliches täglich aufs Neue zu düpieren: in einem Beruf, der die Aktivierung entfalteter Persönlichkeitsebenen verlangte.

"Im Letzten," und das ist von Borchardt, "weiß jeder Dichter nur ganz alleine von seiner Berufung." Es gäbe keinen Weg aus dieser Vereinsamung.

[K meinte - unter Bezug auf eine hier erfolgte frühere Eintragung sei es ergänzend hinzugefügt - daß das Zerbrechen gerade in "berufungsnahen Berufsfeldern" der Anlaß für die Neider und Kleinbürger war, ihm die Befähigung wie Berufung zum Künstlertum überhaupt abzusprechen. Und als einziges Erklärungsmodell persönliche Unzuverlässigkeiten anzuwenden - wie zu kolportieren.]

Unauflösliche Widersprüche eines marionettenhaften Daseins

Was Baudelaire mit dem Bild des Albatros - der in den Lüften unübertrefflicher Meister, am Boden gelandet oder gar festgehalten jedoch tollpatschig und plump, ja Objekt des Spotts - einfängt, zeigt sich in den Essays von Emerson als mosaikartige Aneinanderreihung von Menschen, Gestalten und Einzelsätzen, ja Aphorismen (die, wenn sie gut sind, bewußte Resignation vor dem großen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Insgesamt der Tiefe sind, von dem nur je ein Zipfelchen zu erhaschen möglich ist.)

Emerson meint, daß die Menschheit nicht von einem einzigen Menschen (es sei denn, er wäre Gott; Anm.) repräsentiert und umfaßt werden könne. Vielmehr würde diese Last einen Einzelnen in Widersprüchen und Spannungen aufgehen lassen.

In jedem Fall übersteigt er das Verstehen der Umwelt.

(Da kommt die heutige Psychologie vonstatten, die selten mehr ist als eine Absicherung des Kleinbürgers, damit ihm seine kontrollierbare Welt der Gewißheiten nicht zerfällt.)

"Der Poet muß sich wohl in jeden hineinfinden können, aber wollt er EINEN solchen geeinten Menschen darstellen, so käme ein Monstrum von Widersprüchen, eine Puppe, der alle möglichen Gewande aufgebunden sind, zum Vorschein." (Emerson)

Es ist eine vielfach zu beobachtende Tatsache, und Jacobsen bringt sei in seinem "Niels Lyhne" so großartig zur Darstellung: Dieses Erleben der Nutzlosigkeit des Poeten, der er mit allen Kniffen und Tricks in eine bürgerliche Existenz zu entfliehen sucht. Und scheitert doch ...

Das Scheitern des Poeten in der Welt - es ist wie das Aufbinden von Kostümen auf eine Puppe, die denn doch wie Fetzen herabhängen - und doch ... wahr sind: wie die Fühler des Thermometers.

Aber sie sind nicht seine wahre Identität.

[K erzählte einmal, daß sein Problem, ehe er sich der Kunst widmete, darin bestanden hatte, daß in dem Moment, wo er "als" diese oder jene Figur angesprochen wurde, weil er sie so perfekt nachzubilden versucht hatte - K war in allen seinen Berufen und Existenzversuchen sehr erfolgreich, in jedem Fall weit überdurchschnittlich - war dies nur eine Frage von kurzer Zeit, meist etwa eines halben Jahres, mußte er also dann ausbrechen, alles hinwerfen.

Mit den Jahren wurden die Intervalle seiner Gestaltsaufnahmen wie restlosen -auflösungen immer kürzer, denn die Kraft der Jugend, die Bereitschaft, sich Gewalt anzutun, schwand.

Umso unverständlicher war er der Umwelt geblieben, die ihn in der jeweiligen Existenzgestalt als ausgeschöpft und "genau richtig" erlebt hatten. Dabei hatte er sich dem neid der Mitmenschen auf besondere Weise ausgeliefert gefühlt: denn während viele gespürt hatten, daß etwas mit ihm nicht "stimmte", er "seine Flügel am Boden hatte schleifen lassen", war er für andere, für Niedrige - K drückte sich so aus - beliebtes Objekt bösartigen Psychologisierens, einer Erklärung seiner Unfreiheit also, mit dem sein wesentliches Verhalten zur Charakterdeformation, ja: Unmoral, erklärt wurde.

Tatsächlich aber hatte es K damit nie geschafft, eine sogenannte "kontinuierliche" Existenz aufzubauen, auf die normale Menschen in der Mitte ihres Lebens einmal zurückgreifen können. Er stand zu einem Zeitpunkt, wo andere die Früchte ihres bürgerlichen, existentiellen Lebens ernten, erst am Anfang seines eigentlichen Lebens. Und war lange noch versucht, jedenfalls im Ungewissen, ob und wieweit er seine vergangenen Existenzen zum Ausweis seiner Lebensberechtigung hervorkramen und -zeigen sollte. K fehlte selbst in fortgeschrittenem Alter eine Identifikationsmöglichkeit, was die Umwelt zu oft seltsamsten, meist wenig schmeichelhaften Erklärungsmodellen regelrecht herausforderte.
]

Donnerstag, 16. Juli 2009

Ein Gentleman

Der Begriff des "Gentleman" geht direkt in jenen des Standes über, ja er krönt in jedem Fall den des jeweiligen Standes in seiner höchsten, edelsten, vornehmsten Blüte. (Und geht insofern einher mit jenem des Ritters.)

***
Der britische Parlamentsabgeordnete Sir Fox (ein Freund von Sir Edmund Burke) wurde eines Tages von einem Geschäftsmann, dem er seit langen Jahren dreihundert Guineen schuldete, beim Zählen zahlreicher Goldmünzen angetroffen. Er verlangte unmittelbare Zahlung, offenbar sei Fox ja dazu in der Lage.

Fox aber verweigerte. Mit diesem Gelde würde er erst eine Schuld an Mr. Sheridan begleichen. Diese sei eine Ehrenschuld: Sheridan habe keinerlei Schuldschein o. ä. in Händen, und wenn ihm etwas zustoße, stehe Sheridan ohne Beweis seines Anspruchs da.

"Dann," sagte der Gläubiger, "verwandele ich meine Forderung ebenfalls in eien Ehrenschuld!" Und er zerriß den Schuldschein in zahllose kleine Schnipsel, die er anschließend wegwarf.

Fox sah ihn an. Er bedanke sich für diesen Vertrauensbeweis, meinte er schließlich. Nunmehr werde er, Fox, also wirklich ihm zuerst diese dreihundert Guineen rückerstatten, denn sie seien die ältere Schuld - Sheridan müsse noch warten.
***
(Ralph W. Emerson erzählt diese Episode zur Illustration des Begriffs des "Gentleman".)

Sich selbst zeugende Welten

Von Zeit zu Zeit sollte man die These von Georg F. Jünger neu meditieren.

Daß die Technik nichts Neues, kein "Mehr", schafft, sondern nur umschichtet. Technik schafft nicht einmal weniger Arbeit, sondern sie verlagert sie nur weg vom Anwender, vermehrt aber gleichzeitig den Aufwand ihrer Grundentstehung.

(Simples Beispiel: die "Hardware" der Herstellungs- und Erhaltungsprozesse für Computer wiegt den Nutzen ihrer Anwendung global gesehen nicht nur auf, sondern übertrifft ihn noch bei weitem: es wuchs also insgesamt nicht der "Software"-Anteil, sondern im Gegenteil: dieser nahm weiter ab, sie schuf sich sogar ihre eigene Nachfragewelt.)

Und sie tut es um den Preis der Freiheit, indem sie bedingungslose Unterwerfung fordert. Je technisierter Lebensvorgänge sind, desto weniger Spielraum bleibt für das spezifisch Menschliche - und das ist nicht bereits auf technische Maßstäbe gebrochener "Wohlstands-Bedarf", sondern "ganzheitliches Leben".

Jünger führt das vereinfacht auf den simplen Umstand zurück, daß es keinen technischen Vorgang gibt, der (direkt oder indirekt) NICHT mehr Energie (Kraft) verbraucht - als er schafft.

Hasardspiele ohne Ende

Es waren eben nicht einfach die "Reichen und Superreichen", die mit ihren Milliarden an den Börsen zockten und damit "die Finanzkrise" auslösten. Weil die österreichische Bundesfinanzierungsagentur, deren Aufgabe es ist und war, die öffentlich nötigen Gelder am Finanzmarkt aufzutreiben, ebenfalls gewaltige Summen verlor, war es irgendwann nicht mehr geheimzuhalten, und gilt doch nur als Beispiel:

Es waren eben "wir alle", unsre faulen Gesamtsysteme, deren Blasen hier geplatzt sind: die Pensionsfonds, die die Gelder anlegen mußten, auf unseren Auftrag hin, die die fehlenden Pensionszahler durch Geld- und Wirtschaftswachstum ersetzen sollten, die überschüssigen Gelder aus der Umverteilung (wovon? Kredite!) der letzten Jahrzehnte abschöpfen udn verzinsen mußten, und nicht zuletzt die Staaten mit ihrem exorbitanten Finanzbedarf, in Europa vor allem für den Sozialtopf. Von allen Seiten wurde auf die wunderbare Geldvermehrung gesetzt, die sich rein kalkulatorisch ergeben müßte ...

Paul C. Martin (u. a.) hat es in den 1980er/1990er-Jahren bereits völlig richtig analysiert, als er schon damals grübelte, warum die Börsen, nach den damaligen gewaltigen Zusammenbrüchen nicht wirklich zusammenbrachen: Er kam drauf, daß das Zockerspiel nur um eine Etage HÖHER stieg - was nichts anderes hieß, als daß die Sicherheiten für Kredite immer "phantasievoller" wurden! Sodaß sich nun die Staaten wechsel- und gegenseitig Kredite in immer komplexeren Konstruktionen (fast) ohne Ende geben konnten.

Was nämlich niemand wirklich ernsthaft wagt ist, den Menschen die Wahrheit zu sagen, die stattdessen immer noch von Reichtum und Wohlstand faseln, den wir uns alle erarbeitet haben.

Wie in der DDR - "Geld hatten wir doch!" sagen sich manche sogar noch heute, wie kann man da pleite sein?

Der Bürger zweifelt immer noch? Hat er nicht vor kurzem vom Vorhaben des IWF (Internationaler Währungs-Fonds) gehört, der nun ebenfalls beginnt, Kredite zu vergeben? An diesem Fonds sind die Staaten weltweit beteiligt, und diese Kredittöpfe werden (noch) aus begebenen Anleihen finanziert, die die Staaten zeichnen.

Sie haften also für jene Kredite, die sie sich selbst und gegenseitig zuteilen (denn selbst wenn die Kredite an Drittweltländer o. ä. vergeben werden, so soll damit Nachfrage geschaffen werden, die nur von den Industriestaaten gedeckt werden kann, die sich also das Geld wieder zurückholen ... ja: selbst brauchen, um so durch Wachstumsraten und Prosperität jene Bonität vorzuschützen, die ihnen wiederum zu Krediten verhilft, oder hilft, sie zurückzuzahlen ... Nicht anders hat es u. a. Österreich im ehem. Ostblock gemacht.) So, in einfachen Linien, funktionieren die heutigen Wirtschaftssysteme, die immer existentieller eine absolute Zementierung ihrer selbst verlangen, und den Glauben an längst irrationale (aber mathematisch scheinbar rationale) Zukunftsperspektiven zum unabdingbaren Dogma zu diktieren.

Dabei kann man nicht einmal schlicht "böse Absicht" unterstellen. Vielmehr haben unsere Staatshaushalts- und Finanzierungssysteme auch einfacher Wirtschaftseinheiten längst eine Dynamik angenommen, die uns zu Getriebenen macht: und einen Bezug auf das Gesamtsystem - "Wenn das System nicht bricht, muß das auch gehen. Und bricht es, ist es ohnehin egal." - zum immer alltäglicheren Kalkül machen. Alles wird damit noch rascher bereits zum "geringeren Übel," das überhaupt schon die Hauptmaxime des heutigen Lebens ist.

Wer nicht begriffen hat, daß alle Rechenmodelle der Finanzmathematik niemals geschlossene Systeme bleiben dürfen, sondern immer eine sehr "handfeste" Erdung in den simpelsten Realitäten des Lebens benötigen - Reißleinen gleich - mag in hoher Intelligenz handeln, aber nicht mit Verstand. Das menschengerechteste und damit wirklichkeitsgerechteste Handeln ist nicht, rationalistisch vorzugehen, sondern vernünftig, nach dem Maß des "Normalen".

Man muß es sagen: daß "Caritas in veritate" es zwar nur vorsichtig anspricht, aber recht hat. Es braucht neues menschliches Handeln! Es braucht neuen Mut, und es braucht ein grundsätzliches Überdenken der Grundlagen unserer technizistischen Lebensführung.

Mittwoch, 15. Juli 2009

Eine Spätfolge römischen Versagens

Wenn ich behaupte, daß der Mensch, ein Volk, sich aus seiner Literatur erkennt, zu sich gerufen, befreit wird, so impliziert dies, daß es nur in dem Maß frei wird, als seine Literatur an (immer: bedingter) Wahrheit enthält.

Wenn ich an anderer Stelle behaupte, daß wir (nicht nur, aber hier: in Europa) unter einer protestantisierten Erkenntnisbasis - unter Bezug auf: man erkennt, was man in sich trägt - und -einengung leiden, so ist hier nun die Querverbindung zu ziehen:

Speziell der deutschsprachige Raum ist in seiner "Selbsterweckung" durch ... die Sprache (und damit Denkweise) Luthers, der die erste umfassende Schriftsprache Deutschlands schuf, geprägt worden.

Man sieht die Zusammenhänge fast schon so, wie man sie ahnt.

Denn man beginnt zu ahnen, wie maßgeblich die römisch-antike, ungemein universale Prägung der Kultur sich gerade angesichts des Umstands ausgewirkt hat, daß Deutschland nur zu einem geringeren Teil romanisiert war, ja daß gerade der NICHT romanisierte (protestantische) Teil später "Deutschland" als geeinigte Nation und als politischer Wille schuf.

Rudolf Borchardt hat es in seinen tragischen Monaten der Inhaftierung durch die SS freimütig seinen (ihn tief bewundernden!) Bewachern gegenüber bekannt: es sei alles die katastrophale Spätfolge und Auswirkung der historischen Tatsache, daß dieses Deutschland eben nicht romanisiert war. Borchardt hat deshalb dezitiert in einigen Werken versucht, an das Deutsch des Mittelalters anzuschließen. Wahrscheinlich schlicht zu spät und sinnlos - selbst sein inniger Freund Rudolf A. Schröder schrieb in sein Exemplar der Schrift: "Wer soll das lesen?"

Nachsatz: Aus dargestellten Gründen wird nun verständlich, welche Auswirkungen eine noch dazu so subtile, ideologisch motivierte Veränderung der Sprache - Stichwort: Inclusivsprache - haben wird! Sie wird die Menschen deuscher Zunge in wesentlichen Bereichen "nicht zu sich kommen lasssen", und damit die Denkfähigkeit eines ganzen Volkes maßgeblich (zugunsten eines Irrationalismus, Okkultismus) trüben.

Alles kennt nur seinesgleichen

Jeder erfaßt von der Welt nur als "er/bekannt", was in ihm ist. Weshalb jeder nur im Maß seiner Weite oder Enge, im Maß seiner Freiheit erkennt, das nur allmählich weiter, rasch aber eng wird.

Bei Ralph W. Emerson ist deshalb ebenso (bedauerlich weil seine oft so schönen, erhellenden Essays spürbar verbitternd) auffallend, daß Protestanten (und Mohammedaner gleichermaßen) Religion nur unter dem Maß des Fideismus (als aufgetragenes, zu glaubendes Gebot) und es Moralismus (als heilbringendes Verhalten) sehen KÖNNEN.

Einen metaphysischen Zugang - eine Seinsveränderung als PRIMÄRES des Katholischen - kennen sie nicht, ja können sie sich auch nicht vorstellen. Alles was sie vom Katholizismus wissen, deuten sie unter diesen Prämissen IHRER Religion.

Deshalb ist es umso bedauerlicher, daß sich der Katholizismus in den letzten Jahrhunderten zunehmend in eine Position eines "Kulturprotestantismus" (auf der natürlichen Grundlage einer durch den verzweckten Kapitalismus einer protestantisch-moralistisch geprägten Gesellschaft) hineinzwängen hat lassen - und deshalb schon selbst sich so oft geriert (v. a. unter dem vorletzten Papst war dies mit größtem Bedauern zu bemerken) als wäre er eine Moral, nicht anders als jede andere dieser großen Religionen: sein Wahrheitsanspruch damit relativ wie jener der anderen!)

Und es erklärt, warum sich gerade im letzten Jahrhundert so klare Präferenzen maßgeblicher Künstler zu einem (metaphysischeren) Pantheismus bilden konnten! Selbst zu Borchardt, Hofmannsthal muß man sagen, daß ihr Urteil über den Katholizismus schlicht auf Uninformiertheit, mangelndes Verständnis aufruht. Und DAS ist wirklich bedauerlich, weil er sie manchmal in den größten Höhen - kläglich in primitiv-esoterische Schwafeleien abschmieren läßt, welches Herumtappen im Trüben sie aber der (vermeint!) konfessionellen Enge (der Katholizismus ist eben KEINE Konfession, er ist pure Soteriologie) des Katholischen vorziehen.

Wäre der Katholizismus so, wie ihn Emerson darstellt und ablehnt - ich wäre garantiert auf seiner Seite. Aber Pantheismus ist keine Erweiterung des Gottesbegriffes ins eben Konfessionslose, Metaphysische, sondern er ist "masturbierte Soteriologie", ermöglicht durch vorzeitige Beendigung des Denkens - und damit einfach eine "Marscherleichterung". Aber er verkürzt damit jede wirkliche Poesie.

Aber diese haben doch so große Werke geschaffen? Ha ... sie haben doch eben keine Konfessionen niedergeschrieben! Richtig. Ihre Minderung tritt eben nur dort ein, wo diese Ebenen sich einmischen, oder wo sie überhaupt ins Konfessionelle treten. Ansonsten sind sie Abendländer, und damit zutiefst katholisch (allumfassend) geprägt. Wenn Borchardt also Hofmannsthal in einem Brief zu dessen "Entkatholisierung" des Christentums gratuliert, so kann ich ihm dort zustimmen, wo Borchardt (und das meint er, soweit erkenne ich ihn aus seinen Schriften) die "Entkonfessionalisierung" meint. (Im 19./20. Jhd. vielleicht das größte Problem der Kirche.)

Boxengespräche II

Die Auflösung des Seins in Technik, seine Reduktion auf Mechanik, imitiert auf perfide Weise den wirklichen Prozeß der Befreiung zu einer Tat: in der Erweckung durch ein Vorbild, ein Archetyp, durch Erkenntnis, durch Literatur als hervorragendes Instrument des Selbsterwachens, weil auch die Unfreiheit eine Angelegenheit der Lüge, der Sprache, der Erkenntnisoffenheit hiemit, ist.

Denn im Erwachen ZU einem Sein, das ein Gewahrwerden eines bislang schlummernder, sich nur unbewußt äußernder Natur (= wozu man geboren) ist, löst sich tatsächlich das bislang als fern empfundene Sein dieses Standes auf, indem man in es eintritt, sich darein wie auflöst - und die vorige Position, die anderen, die bisherige Umwelt, als fremd und entfernt erlebt.

Weshalb man wirklich davon sprechen kann, daß ein Volk durch seine Literatur (bzw. die Erzählung) zu sich kommt - vorausgesetzt, seine Literatur ist gut.

(Was das Multi-Kulti-Problem (wie jenes einer vordergründig "internationalisierten" Kultur) von ganz anderer Seite beleuchtet - denn zugewanderte, fremde Kultur bereichert NICHT primär, sie entfremdet erst einmal von mir selber, trägt zumindest nichts zum Selbstwerdungsprozeß bei - außer im Antinomischen! Was den "Fremdenhaß" erklärt, der gar kein Haß, sondern das Persönlichkeitselement der Antinomie, der notwendigen Abgrenzung als Abstecken des Bereichs ist, von dem ich Selbsterwachen erwarte. Aber darüber ein anderes mal.)

Ich habe diesen Prozeß an anderer Stelle als Professionalisierung bereits einmal zu beschreiben versucht.

Man erfährt mit einem male ein bestimmtes Sein, das man vorher vielleicht nur bewundernd - aber als "Außenstehender" - betrachtet hat, nur noch ... von der technischen Seite. Mit einem male wird das Sein nebensächlich, ja es ist geradezu Kennzeichen, ein bestimmtes Sein (und Identität) errungen zu haben, indem dieses unwichtig wird, die Hingabe an die Technik aber alles Trachten ausfüllt.

Martienßen-Lohmann beschreibt es, als Beispiel, beim Sänger als "allen zuzuschreibende Notwendigkeit zum Autodidaktentum": wo nur noch die Technik der Entstehung eines Tones (Plastik, Roman, Film etc.) wichtig, Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wird. Es ist das sicherste Zeichen des Fortschritts, Begabung ist nur eine Aussage über den Rang der Kunst - und unter Umständen im NICHT-Berufenen (technisch) größer. (Was dem heute immer häufigeren Simulanten, dem Seinsusurpator, oft große Chancen einräumt.)

Der Unterschied? Dort ist es Auflösung des Seins, um so "gleich" (und damit: eins) zu werden (woraufhin es dieses Sein gar nicht mehr gibt), dort ist es jeweils nur dem Einzelnen (kraft Natur, also Berufung) zugängige FREILEGUNG und Eintreten IN dieses Sein, nein: Überziehen des einen Umarmenden.

Das einmalige Genie also wird immer einsam sein. Seine Erweckung in Archetypen ist nur bis zu einer gewissen Höhe möglich. Darüberhinaus ist alles nur noch eien Frage seines Mutes. Man hüte sich also, die Vereinzelung (zumindest: voreilig) als "Nicht-Genügen" zu deuten, wie es die Mechanikermentalitäten gerne fordern und einreden! Man hüte sich, sich selbst zum Mechaniker machen zu wollen. Man wird dort noch kläglicher versagen, als vielleicht am Höhenweg.

Wirkliche, allumfassende Liebe weil Erkanntheit gibt es eben nur in Gott. Und in den allzu wenigen, die noch zu staunen vermögen.

Dienstag, 14. Juli 2009

Zwei Sichtweisen

War die Universität Wien bei ihrer Gründung durch Rudolf IV. 1365 - die gar nicht unbestritten war, denn erst kurz vorher war mit Krakau nach Prag eine weitere Universität in diesem geographischen Raum gegründet und damit der Bedarf wohl gedeckt worden, - noch ein "Staat im Staat", mit eigener Gerichtsbarkeit quasi extorritorial, so litt ihr Ruf sehr bald unter der Anforderung, eine Universität solle vor allem Beamte produzieren. Als in der Gegenreformation die Jesuiten die Universität übernahmen, kam es zu weitgehenden Einschränkungen der Forschung und Lehre. Speziell unter Josef II. wurde sie sehr ramponiert, und hat sich in den Geisteswissenschaften ("Wiener Kreis") nie mehr erholt.

Zumindest meint das Hilde Spiel in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen vom 12. Mai 1965, den ich in einem Band von Hofmannsthals Dramen fand. Die Autorin bedauert darin, daß die österreichische Philosophie nur noch von Vertretern "transzendentalphilosophischer Richtungen" geprägt dahindümpele.

Während die nachmals berühmtesten österreichischen Philosophen ihren Ruf vor allem den englischen Universitäten verdankten, galt noch in den 1950er Jahren der Ruf, daß es europaweit wohl kaum mittelmäßigere Professoren gäbe als in Wien. Sodaß der Spruch galt, daß die österreichischen Universitäten in Yale oder Harvard besser vertreten seien als in Wien. Speziell in den 1930er Jahren habe ja ein regelrechter Exodus stattgefunden.

Wie hat wohl Hofmannsthal darüber gedacht?

Dann sammele ich mich wieder, und lese das Vorgehabte: das Versdrama von der Frau, die am Balkon ihrer Villa auf ihren Geliebten wartet, dabei ihrem Mann begegnet, der nur zufällig zurückkam, ahnungslos; sie aber, weil sie sich ertappt und verraten glaubt, gesteht ihm verzweifelt alles, fleht um Vergebung; da entdeckt sie ihren Irrtum - woraufhin er sie erwürgt.

Hofmannsthal schreibt, daß der Dichter in den Erscheinungen, die er aufnimmt, das glühen fühlt, das sie, und alles, bewegt. Alles Leben ist sohin transzendent. Und es zu erkennen macht Gott gleich.

Die Idee der Erneuerung

"... mit dem lumpigen Begriff der Neuromantik soll ein Ende gemacht werden und das kann nur geschehen, wenn wir im Zusammenhange begründen, in welchem Sinne wir die geistige Führerschaft der Nation an uns zu nehmen gedenken; denn daß die künstlerische ohne die geistige, das empirische Tasten und Experimentieren ohne die Idee, die Einzelleistung selbst hohen Ranges ohne ei neu aufgestelltes bild der Welt, zur schlotternden Appendix am Körper dieser wilden Zeit bestimmt ist, statt zum Ganglion ihrer inneren Regierung, muß nun auch wol dem Dumpfsten dämmern." (Rudolf Borchardt in einem Brief an Hugo von Hofmanntshal, 1911)

Dunkelheit bewahren, um zu sehen

Die Menschen heute gleichen den Drachen in einer Vision Swedenborgs, die in einer dunkelen Hütte lebten. Als das Sonnenlicht einfiel, schrien sie auf, man möge die Läden schließen, denn sie könnten nichts sehen.

Caritas in veritate

53. Eine der schlimmsten Arten von Armut, die der Mensch erfahren kann, ist die Einsamkeit. Genau betrachtet haben auch die anderen Arten von Armut, einschließlich der materiellen Armut, ihren Ursprung in der Isolation, im Nicht-geliebt-Sein oder in der Schwierigkeit zu lieben. Oft entstehen die Arten der Armut aus der Zurückweisung der Liebe Gottes, aus einem ursprünglichen tragischen Verschließen des Menschen in sich selbst, der meint, sich selbst genügen zu können oder nur eine unbedeutende und vorübergehende Erscheinung, ein »Fremder« in einem zufällig gebildeten Universum zu sein.

Der Mensch ist entfremdet, wenn er allein ist oder sich von der Wirklichkeit ablöst, wenn er darauf verzichtet, an ein Fundament zu denken und zu glauben. Die Menschheit insgesamt ist entfremdet, wenn sie sich bloß menschlichen Plänen, Ideologien und falschen Utopien verschreibt.

Heute erscheint die Menschheit interaktiver als gestern: Diese größere Nähe muß zu echter Gemeinschaft werden. Die Entwicklung der Völker hängt vor allem davon ab, sich als eine einzige Familie zu erkennen, die in einer echten Gemeinschaft zusammenarbeitet und von Subjekten gebildet wird, die nicht einfach nebeneinander leben.

Papst Paul VI. bemerkte, daß »die Welt krank ist, weil ihr Gedanken fehlen«. Diese Aussage enthält eine Feststellung, vor allem aber einen Wunsch: Es bedarf eines neuen Schwungs des Denkens, um die Implikationen unseres Familieseins besser zu verstehen; die wechselseitigen Unternehmungen der Völker dieser Erde fordern uns zu diesem Schwung auf, damit die Integration im Zeichen der Solidarität und nicht der Verdrängung vollzogen wird. Ein solches Denken verpflichtet auch zu einer kritischen und beurteilenden Vertiefung der Kategorie der Beziehung. Es handelt sich um eine Aufgabe, die nicht von den Sozialwissenschaften allein durchgeführt werden kann, insofern sie den Beitrag von Wissen wie Metaphysik und Theologie verlangt, um die transzendente Würde des Menschen klar zu begreifen.

Der Mensch als Geschöpf von geistiger Natur verwirklicht sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Je echter er diese lebt, desto mehr reift auch seine eigene persönliche Identität. Nicht durch Absonderung bringt sich der Mensch selber zur Geltung, sondern wenn er sich in Beziehung zu den anderen und zu Gott setzt. Die Bedeutung solcher Beziehungen wird also grundlegend. Dies gilt auch für die Völker. Ihrer Entwicklung ist daher eine metaphysische Sicht der Beziehung zwischen den Personen sehr zuträglich. Diesbezüglich findet die Vernunft Anregung und Orientierung in der christlichen Offenbarung. Gemäß dieser wird die Person nicht durch die Gemeinschaft der Menschen absorbiert, beziehungsweise ihre Autonomie zunichte gemacht, wie es in den verschiedenen Formen des Totalitarismus geschieht.

Vielmehr bringt die Gemeinschaft im christlichen Denken die Person weiter zur Geltung, da die Beziehung zwischen Person und Gemeinschaft der eines Ganzen gegenüber einem anderen Ganzen entspricht. Wie die Gemeinschaft der Familie in sich die Personen, die sie bilden, nicht auflöst und wie die Kirche selbst die »neue Schöpfung« (vgl. Gal 6, 15; 2 Kor 5, 17), die durch die Taufe ihrem Leib eingegliedert wird, voll hervorhebt, so löst auch die Einheit der Menschheitsfamilie in sich die Personen, Völker und Kulturen nicht auf, sondern macht sie füreinander transparenter und vereint sie stärker in ihrer legitimen Vielfalt.


(aus: Benedict XVI. pp "Caritas in veritate")

Und keinen interessiert's ...

Die Prognosen eines 15jährigen Praktikanten bei Morgan & Stanley (Investment-Bankhaus, London) machen derzeit die medialen Runden. Der Bursche sagt wohl einfach, was er sich denkt, und so daneben dürfte er damit nicht liegen, denn die Frage liegt ja nahe: ein System, in welchem jeder von jedem etwas will (wie: Twitter, Facebook etc.), Zwischenmenschlichkeit zur Nützlichkeit ("Netzwerke") wird, kann - neben der menschlichen Tragik - nicht funktionieren. (Ich habe noch kein Netzwerk gesehen, in dem nicht hier Geber sind, meist jene mit den höchsten, unrealistischesten Erwartungen, und dort: Nehmer, meist nur die besseren Bluffer.) Die Grundfrage bleibt ja, wer sich für einen wirklich interessieren soll, außer Marktforschungsinstitute und Leute mit vielen "Geschäftsideen."

Aber hinter der Verzweckung der Zwischenmenschlichkeit steckt noch etwas ganz anderes: die Methode der Stärkeren, die Schwächeren zur Auflösung ihrer Persönlichkeit zu bewegen, um sie so, wie die Spinne, aussaugen zu können. Und die Gegenmethode der Schwachen, durch Entwertung des Gestalthaften weiter betrügen zu können. Da sollte man sich auch von Jubelmeldungen wie im KURIER über den angeblichen Börsenwert von Facebook nicht irritieren lassen. Auch vor der bisher größten Internetblase vor 7 Jahren waren die Erwartungen ins Uferlose aufgeblasen worden. 200 Mio Nutzer hat Facebook angeblich. Berichten zufolge sind 95 % inaktiv, bei BLOGs (einer ähnlichen Überschätzung der letzten Jahren) noch mehr.

"[...] Dem Nachwuchsanalysten zufolge ist etwa das noch weitgehend fehlende Geschäftsmodell des Online-Kurznachrichten-Dienstes Twitter zum Scheitern verurteilt. Zwar würden die Konsumenten von morgen immer mehr Medien nutzen als bislang. Die Bereitschaft, dafür zu bezahlen, nehme hingegen ab. Twitter per Mobiltelefon zu nutzen sei zu teuer und die User würden erkennen, dass ihre Profile weitgehend unbeachtet blieben. Dies führe sie zu der Erkenntnis, dass ihre "Tweets" sinnlos sind. "Teenager nutzen Twitter nicht", schreibt Robson. Tatsächlich hat die noch relativ junge Plattform bereits mit einem Nutzerschwund zu kämpfen (pressetext berichtete).

Werbung nervt die User nach den Erkenntnissen des Teenagers auch online, das herkömmliche Fernsehen stoße zunehmend auf Ablehnung und werbefreies Musikhören im Internet erhalte gegenüber dem traditionellen Radio den Vorzug. Geld geben die jungen Verbraucher vorzugsweise für Kino- und Konzertbesuche wie auch Spielkonsolen aus, deren Möglichkeiten zur Online-Kommunikation attraktiver seien als das Telefon. Für die nur allzu umfangreiche Berichterstattung von Printmedien mit seitenweise Informationen bleibe außerdem zu wenig Zeit. Teenager würden nicht regelmäßig Zeitung lesen, sondern Zusammenfassungen im Internet oder im Fernsehen bevorzugen.

Montag, 13. Juli 2009

Aufhören zu wünschen zu lieben

"Die Keuschheit ist uns nicht als Züchtigung vorgeschrieben, sie ist vielmehr - die Erfahrung bezeugt es - eine der geheimnisvollen, aber offensichtlichen Vorbedingungen eben jener übernatürlichen Selbsterkenntnis, der Erkenntnis unser selbst in Gott, die Glaube heißt. Die Wollust zerstört diese Erkenntnis nicht, sondern sie hebt das Bedürfnis nach ihr auf. Man glaubt nicht mehr, weil man eben nicht mehr zu glauben wünscht. Man wünscht nicht mehr, sich zu erkennen.

[...] Man wünscht nicht mehr seine eigene Freude. Man kann sich überhaupt nur in Gott lieben, man liebt sich nicht mehr. Und so wird man sich nie mehr lieben, weder in dieser Welt noch in der andren - in aller Ewigkeit nicht mehr.
" (Georg Bernanos in "Tagebuch eines Landpfarrers")

Von Kindern profitiert, wer keine hat


Zu einer der faszinierendsten Seiten der Welterkenntnis gehört die Entsprechung von Zahlen, Berechnungen, damit: Statistik, und Geschehen, Wirtschaft, Leben, Geschichte. Deshalb wohl gehört Herwig Birg zu einer der schillerndsten Figuren des gegenwärtigen Populärwissenschafts-Zirkels. Birg, Vorstand des Deutschen Statistischen Zentralamts, fiel bereits seit vielen jahren durch seine präzisen, nüchternen, politisch völlig neutralen Stellungnahmen zur Entwicklung der deutschen, noch mehr: europäischen Gesellschaften auf. Dabei gehört die demographische Entwicklung zu einem seiner mit größter Dringlichkeit immer wieder vorgebrachten Sorgengebiete.

Hier sei noch auf den schon Jahre alten Beitrag im Forum von ARS ACTU hingewiesen, der (sowie im anschließenden Diskussionsfaden) eine recht taugliche Faktensammlung zu diesem Thema abgibt.

Das im Titel verlinkte Interview mit Birg fand sich heute im Standard. Das Fazit? Nichts grundsätzlich Neues unter der Sonne. Nach wie vor wird nirgendwo politisch aktiv den immer schicksalshafter sich manifestierenden Entwicklungen gegengesteuert.

Hier noch einige weitere, pointierte Sichtweisen der Dinge, wie sie (dem politisch nie direkt aktiven) Birg eigen sind:

Birg: [...] Vielleicht kommt das, wenn die Menschen in Deutschland oder Österreich um 2060 merken, dass der Staat an ihrem sozialen Status nicht wirklich etwas verbessern kann und sich auf andere Dinge besinnen, so wie die Amerikaner. Die hatten noch nie die Situation, dass der Staat ihnen hilft, wenn alle Dämme brechen. Deshalb haben wir in den USA eine ganz andere Geburtenrate von zwei Kindern pro Frau. Es ist in Europa nicht zu erwarten, dass die Leute jetzt den Schluss ziehen: Der Staat kann mir nicht helfen und es gibt nur die Familie, auf die ich mich wirklich verlassen kann, alles andere ist riskant. Da muss noch viel mehr Erfahrung in der Gesellschaft angehäuft werden, damit den Leuten das dämmert.

derStandard.at: Das heißt, Familien zu stärken kann ein Ausweg sein. Sie fordern ja schon seit längerem, dass Eltern bei Jobvergabe bevorzugt behandelt werden. Bedeutet das nicht eine Diskriminierung von Kinderlosen?

Birg: Warum? Es ist niemandem verboten, Kinder zu haben. Das ganze Leben ist eine einzige Selektionsmaschine. Das ist nichts Ungerechtes, das ist das Unabwendbare. Wenn sie keine Unterschiede machen, dann ist das eher eine lebensfeindliche Einstellung, als wenn sie Unterschiede erkennen, wahrnehmen und - soweit sie erträglich sind - dann auch leben. Ich sage ja nicht, dass alle Kinderlosen schlechter dastehen sollen, als Menschen mit Kindern. Sondern nur, dass bei der Besetzung von Arbeitsplätzen unter gleich Qualifizierten diejenigen Vorrang haben sollen, die Kinder haben oder durch Pflegeleistungen Familienlasten tragen. Die Pflege von Eltern würde ich als gleichrangig mit der Erziehung von Kindern sehen.

derStandard.at: Das steht doch aber dem entgegen, was von den 68ern angestoßen und während der Siebziger Jahre durch den Ausbau des Sozialstaates ermöglicht wurde: Dass die Frage, ob man Kinder haben möchte, eine individuelle Entscheidung des Einzelnen ist und keine Notwendigkeit oder gesellschaftliche Verpflichtung.

Birg: Die Entscheidung für oder gegen Kinder ist frei und soll frei bleiben. Geändert werden soll nur der Umstand, dass die Lasten der freien Entscheidung gegen Kinder von jenen getragen werden, die Kinder haben. Heute ist es so: Von Kindern profitiert, wer keine hat. Das ist alles andere als eine soziale Errungenschaft. Die sozialen Sicherungssysteme hängen ja gerade davon ab, dass Beitragszahler nachwachsen. Das ist eben der Witz: Wegen der vielen freien Entscheidungen gegen Kinder brechen die sozialen Sicherungssysteme zusammen. Das sollte inzwischen jeder verstanden haben. Die 68er waren so desinteressiert an Fakten und so fixiert auf Ideologien, dass sie das heute noch nicht kapiert haben. Ich kann das als 68er beurteilen.

Bühne als Traumbild

"Vergessen wir doch nicht, daß die Bühne nichts ist, und schlimmer als nichts, wenn sie nicht etwas Wundervolles ist. Daß sie der Traum der Träume sein muß, oder aber sie ist ein hölzerner Pranger, auf dem das nackte Traumgebild des Dichters widerlich prostituiert wird."

"Denn die Welt ist nur Wirklichkeit, ihr Abglanz aber ist unendliche Möglichkeit, und dies ist die Beute, auf welche die Seele sich stürzt aus ihren tiefsten Höhlen hervor." (Hugo von Hofmannsthal in "Die Bühne als Traumbild")

Freitag, 10. Juli 2009

Funktionseliten statt Kultureliten

"Hinter allen Erörterungen der Gegenwart um die Grundlagen des Bildungswesens steckt an irgendeine entscheidenden Stelle der durch das unaufhaltsame Umsichgreifen der Bürokratisierung aller öffentlichen und privaten Herrschaftsbeziehungen und durch die stets zunehmende Bedeutung des Fachwissens bedingte, in alle intimsten Kulturfragen eingehende Kampf des FACHMENSCHEN-Typus gegen das alte KULTURMENSCHENTUM."

Die durch bürokratische Strukturen (in allen Kulturen in ihren Spätphasen) erfolgte wie effektuierte Technisierung unserer Kultur (wobei auch die Bürokratisierung im selben Sinn Technisierung bedeutet, wie sie die Basis für die utilitaristische Ökonomisierung des Soziallebens bedeutet wie diese vorantreibt) steht in beachtlichem Gegensatz zum Bildungs- und Menschenideal sowohl des (als Beispiele genannten) antiken Griechenland, des alten China, oder des europäischen Mittelalters. Uns sie bringt automatisch eine Nivellierung der Beherrschten, durch Auflösung der Stände, nein: durch deren Umwandlung in "Klassen" (als einheitlichen technischen Gesellschaftsbezügen unterliegend). Bürokratismus ist Rationalismus, und deshalb wie dieser immer revolutionär, indem sie [archaische, traditionelle, gewachsene] Herrschaftsstrukturen durch unpersönliche, verzweckte Regeln und Mittel ersetzt.

Das meint Max Weber, und er führt an, daß während in diesen Hochkulturen der "kultivierte Mensch" Ziel der Bildung und Erziehung war, der auch soziale Ehre und Prestige verdiente, kam (und kommt - als Prognose ca. 1925 verfaßt) es in Europa zu einer völligen Auswechselung der Kultureliten durch reine Funktions-, utilitarisierte und damit eigentlich zur Klasse proletarisierte Fachwissenseliten, die natürlich auch die sozialen Ehrenzeichen usurpieren. "Es ist das Zurückdrängen der Begabung (des "Charisma") zugunsten des Besitzes," bringt es Weber auf einen Punkt.

Er beschreibt damit bereits vor 100 Jahren das Problem der heutigen Eliten als kaum mehr umkehrbaren, längst eingeschlagenen Weg. Denn er geht einher mit einer Verbeamtung/-bürokratisierung - während Merkmal jedes Verwaltungsapparates seine effiziente Selbsterhaltung kraft seiner faktischen (auf "Fachwissen" beruhenden) Macht ist.

Lediglich im mittelständischen (nicht verbürokratisierten) Unternehmertum sieht Weber noch eine kulturgebundene Bastion.

Der Wahrheit Durchlässigkeit gewähren

"[Denn das Gefühl des Seins] strömt offenbar aus derselben Quelle, aus der auch [aller Dinge] Leben und Dasein quillt. Erst teilen wir das Leben, durch das die Dinge existieren, später sehen wir sie als Erscheinungen der Natur und vergessen, daß wir teil an ihrem Grunde haben. Hier liebt die Quelle alles Tun und Denkens. Von hier strömt jene Inspiration, die dem Menschen Weisheit verleiht un die zu leugnen (die wahre) Irreligiosität und Atheismus ist.

Wir ruhen im Schoße eines unendlichen Geistes, der uns zu Gefäßen seiner Wahrheit und Werkzeugen seiner Tätigkeit macht. Wenn wir etwas als recht, als wahr erkennen, dann handeln nicht wir, sondern wir gewähren nur seinen Strahlen den Durchgang.
" (Ralph W. Emerson in "Selbständigkeit")

Man kann bei Emerson im Grunde nur einen (weitverbreiteten) Fehlschluß finden - nämlich dort, wo es darum geht, Analogie in der Natur (aus dem Werk entnehme ich zwar die Eigenschaftlichkeit des Schöpfers, aber nicht diesen identitär selbst) mit Identitärer Anwesenheit gleichzusetzen, was direkt zum Fehlschluß des "direkten Drahtes" zu Gott führt: dem zu begegnen, den zu schauen (und mich im Anschauen zu verändern, weil ich das Angeschaute in mich integriere) ich sohin nicht mehr in der Liturgie (einer Mittlerschaft) begegnen muß, sondern überall - von Angesicht zu Angesicht, Sein zu Sein.

Zwar stimmt, daß die Größe des Menschen sich aus seinem Selbstsein, dieses wiederum gewirklicht in der Sittlichkeit, ergibt ("Per-sonare"), aber deshalb vermag der Mensch nicht zu "schaffen". Alles Seiende ist vom Sein an sich eben abhängig. Es ist im Grunde dieses alte "eritis sicut Deus" - Du wirst sein wie Gott!

Für Emerson (hier stellvertretend für eine Geisteshaltung, die nachvollziehbar und historisch gut verfolgbar ist) verschwindet - ohne daß er das wohl direkt wollte - die Bedeutung allen Seienden. Er hat seine Herrlichkeit im Grund in sich, was also soll ein geschöpfliches Ding noch dazu beitragen? Worin soll somit überhaupt noch der Wert der Erkenntnis (eines Dings) liegen? Worin somit der Wert von Form?

Trunkene, die ab und zu aufwachen

Emerson sieht in dem Märchen vom Bettler, der, volltrunken, von Dienern des Herzogs aufgelesen, gewaschen, angezogen wird, und, als er erwacht, erzählt bekommt, daß er bisher nur trunken gewesen nicht gemerkt habe, daß er in Wahrheit der Herzog sei - ein Bild des Menschen generell.

"[Wir gleichen diesem Bettler] der in der Welt wie ein Trunkener wandelt und hier und da aufwacht, zu klarer Besinnung kommt und erkennt, daß er ein Fürst im vollsten Sinne des Wortes ist."

Handeln wie ein König, dessen Wesen Emerson als das jemandes beschreibt, der nach seinen eigenen Gesetzen unter den Menschen wandelt, und den Glanz einer Herrschaft ausstrahlt. Der nicht mit Geld und Gold bezahlt, sondern mit Ehre. Als Urbild der Berufung jedes Menschen.

Am Pranger: die Konsequenz!

Ralph W. Emerson zieht gegen die Konsequenz" als Frucht der Eitelkeit, der Gefallsucht, vom Leder. Sie sei der Plagegeist und das Schreckgespent aller kleinen Geister. Weil man aus seiner Erinnerung heraus eine Figur zu gestalten sucht, die Bestand habe - und so vermeintlich ohne Vergebung auskommt: denn alles was gestern war, ist der göttlichen Barmherzigkeit alleine anheimstellbar. Jeder Tag aber muß aus sich selbst heraus gelebt werden. "Ein wahrer Mensch ist das Zentrum aller Dinge." Er habe keine Furcht davor, mißverstanden zu werden. "Alle großen Männer sind mißverstanden worden."

Heilig, weil wir selbst

"Zuletzt ist nichts heilig als die Integrität des eigenen Geistes." So schreibt Ralph W. Emerson in einem Essay, der ein einziger Aufruf an den Einzelnen ist, sich mannhaft auf den eigenen Geist zu berufen.

Sind wir Geschöpfe Gottes, so tragen wir in uns auch seine Natur, analog, abbildhaft. Dann ist ein Hervortreten unserer wahrhaftigen, wahren Natur auch ein Sichtbarwerden weil Selbsterzählen Gottes. Dann ist alle Nachahmung Tod, ist alles nachplappern Feigheit, so sehr die Umgebung sich sofort und unmittelbar gegen alles stellt, was da mannhaft und eigen ist. "Wer da Mann sein will muß Dissident sein."

Und da solle man sich nicht täuschen, denn die Konventionalität hat nie ein konkretes Gesicht behalten - und in dem oder jenem bestanden. Jedes Tun war zumindest einmal originales Genie. Konventionalität war immer strukturell, und fußt in Angst vor dem tiefen eigenen Impuls. Da kann auch "Rebellion" zum lächerlichen Abklatsch werden!

Vielleicht besteht anderseits diese Angst aber auch zu recht. Nämlich dort, wo nicht zwischen aktualistischem "Irgendwie" und dem leisen Stimmchen der innersten, meist gequälten, verschütteten Natur unterschieden wird, denn nicht "jeder" faktische Impuls ist eine Äußerung unserer geglückten Natur, schon gar, je älter wir werden - und so wird das Hören beeinträchtigt von der Angst des Irrtums: vor dieser (ursprünglich kindhaften, dem Kinde eigenen) Stimme der Natur, die so mancher ideologischen, utopischen Forderung so offen widerspricht.

Weshalb sich Dummheit, als Äußerung der Bosheit, immer massiv an das Kind wendet und es zu beeinflussen sucht. Denn in jedem Kind wird anfänglich die Stimme Gottes erneut und neu hörbar.

Fast alles, was sich heute als "Unkonventionalität" ausgibt, ist nichts als plumpe Nachäffung einer erstarrten Wahrnehmung, entstanden aus Angst vor dem wirklichen Selbstsein. Denn da würden einem ganz andere Gegenwinde aufstehen.

Kind Gottes sein aber heißt genau darauf vertrauen zu dürfen, daß jeder Mensch in einer ganz eigenen Sicht, aus ganz eigenem Blickwinkel sieht, weil wir aus einem unendlichen "Mosaik" der Gedanken Gottes kommen. Wer also wahrhaftig ist - tugendhaft - der kann auch gewiß sein. Daß jeder in diesem Blickwinkel auch das Licht Gottes, des Seins, je eigen erhalten hat und erhält, seinem Auftrag gemäß.

Wir sind heilig in dem Maß, in dem wir dieses Unwiederholbare in uns Gestalt werden wie nehmen lassen.

Nicht einmal mehr die Liebe

Max Weber nennt es "Disziplinierung", Georg F. Jünger Folge der Technisierung - beide meinen dasselbe: weil sich für gewünschte Effekte - technische Siege, hier wie da, in denen "persönliche Ehre" nichts mehr zählte - das arbeitsteilige Aufgehen des Einzelnen in der Ausübung abgezirkelter Funktionen als überlegen erwies, begann ab dem Mittelalter jeder Lebensbereich zu zerfallen.

Was zuerst war? Militär, wo der Ritter nicht mehr gebraucht wurde weil hoffnungslos der Phalanx, aber auch den modernen Waffen unterlegen war? Es gab sogar Bestrebungen, die Armbrust zu verbieten. Aber die Schweizer, die hier revolutionär wirkten, waren gar nicht durch ihre neuen Waffen überlegen. Sie waren es durch ihre neue, technisierte Kampfweise, die auf Ehrbegriffe und Rittertum - die Ziele waren gewichtiger als das, was sie dafür aushebeln mußten - pfiff. Damit waren sie in ganz Europa gefragte Leute.

Oder die Wirtschaft, die zur Industrie revolutionierte und den Proletarier schuf, der ohne Bezug zu einem Endprodukt seine abstrakte Arbeitskraft verkaufte? Aufbauend auf einer Güterverteilung, auf einer Verkehrswirtschaft, die als alles überdeckende "Maschine(rie)" der kleinen Einheit ihren Takt vorgab, und damit die Metamaschine schuf, die bald alles, bis ins kleinste hinein, zu "takten" begann.

Heute ist es wohl der gesamte zwischenmenschliche Bereich, der technisiert ist. Nicht einmal mehr die Liebe hat schöpferischen Freiraum.

Nicht einmal mehr die Liebe.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Utilitarismus kennt keine Person

Weber stellt "Stand" und "Klasse", im Begriffspaar "Stand : Markt" noch deutlicher, gegenüber: als einerseits "idealistisch", anderseits "ökonomistisch" geprägt. "Stand ist immer markthemmend."

Anders als in der reinen Ökonomisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen, kennt nur der Stand einen über den Utilitarismus hinausgehenden Ethos. Den Weber als "Ehre" bezeichnet. "Der Markt kennt kein Ansehen der Person; sachliche Interessen beherrschen ihn. Er weiß nichts von Ehre. Die ständische Ordnung bedeutet gerade umgekehrt: Gliederung nach Ehre und ständischer Lebensführung und ist als solcher in der Wurzel bedroht, wenn [sie zugunsten einer utilitaristischen Marktordnung, die womöglich noch über der "Superadditum" ERFOLG überwertet ist, erliegt.]" Wobei "Ehre" natürlich ein "sozialer Wert" ist, Stellung wie Wertschätzung in einer Gemeinschaft ausdrückt.

Viele ständische Anforderungen und Sittlichkeitsgebote widersprechen zudem jenen Verhaltensweisen, die ein "freier Markt" aber erfordert - z. B. das Feilschen, das in der Antike wie im Mittelalter vielfach als Makel galt.

Anders als politisch verkündet, sieht Weber in den Klassen (vereinfacht formuliert: einer gruppenbezogenen Definition und Monopolisierung von Marktchancen) KEIN Gemeinsames. Vielmehr sieht Weber gerade im Unterschiedlichen das Gemeinsame: Was diese Klassen vereint lebt gerade aus den Unterschieden, wie dem Markt: ihm unterworfen zu sein, seinen Bedingungen, der darauf bezogenen Rechtslage, der Definition und Stellung von Eigentum.

Den wirklichen und unvereinbaren Gegensatz sieht Weber also in einer ständischen hier - einer marktdominierten kapitalistischen gesellschaftlichen Ordnung dort. Das "Treibmittel" ist hier soziale Ehre innerhalb des Standes - dort materieller und zählbarer Erfolg. Nicht zufällig ist (weltweit) zu beobachten, daß die höchsten Stände jede auf Erwerb abzielende Tätigkeit als unehrenhaft verpönen.

Weber sieht historisch dabei eine Korrespondenz mit wirtschaftlichen Entwicklungen: wo immer es zu rasanten ökonomischen Umwälzungen kam, wurde eine ständische Gesellschaftsgliederung von "Klassenbildungen" verdrängt - verlangsamte sich eine solche Entwicklung, schob sich der Begriff der "sozialen Ehre" wieder in den Vordergrund.

Ein Mythos, der manchen nicht unrecht kommt

Max Weber meint, bei historischer Betrachtung sei das Motiv für politische Zusammenschlüsse im Großverband (wie damals, um die Jahrhundertwende 19./20. Jhd.: Reichsgründung Deutschlands) keineswegs so eindeutig gesamtwirtschaftlich zu sehen.

Das ist ein Mythos, der zwar manchem nicht unrecht kommen mag, aber bei genauerer Betrachtung nicht haltbar ist.

Vielmehr meint Weber sei auffallend, daß selbst in der Antike ganz andere Interessensgruppen profitierten, und deshalb primär Motoren solcher Zusammenschlüsse gewesen seien. Am Beispiel Deutschlands war ein Zusammenschluß (Zollverein; Anm.) fast unlogisch, weil maßgebliche deutsche Wirtschaftszweige ihre Absatz- und Wirtschaftsräume ganz woanders hatten, nur nicht innerhalb Deutschlands: in England, in Rußland, in Frankreich.

Aber das Streben nach Pfründen, Ämtern, auch militärischen Karrieren (selbst bei Niederlagen ein fluktuierendes Gewerbe) sei als Motiv nachweislich oft genug maßgeblich für solche Zusammenschlüsse gewesen.

"Bei den großen Flächenstaatenbildungen des Binnenlandes vollends war in der Vergangenheit eine maßgebende Rolle des Güterverkehrs durchaus nicht die Regel." Ja, Weber meint: nicht einmal besonders gut ausgebaute Verkehrswege seien oft zu beobachten gewesen. Historisch ebenfalls eindeutig sei aber, daß Expansionen politischer Machtkörper praktisch IMMER der Gewinnung von Einkünften für den Zentralapparat dienten. Selbst die Expansion des römischen Reiches war ja nicht gerade von der Gewinnung wirtschaftlicher Prosperitätsräume gezeichnet, sondern fast ausschließlich getrieben von Bodenspekulanten, Steuerpächtern und Amtsjägern. Noch deutlicher gilt dies für die persische Expansion.

Als Regel kann gelten: wirtschaftliche Beziehungen waren stets nur die Folge machtpolitischer Vorgänge. Als Regel gilt: wirtschaftliche Beziehungen sind die Folge politischer Prozesse.

Gerade am Beispiel Roms weist Weber darauf hin, daß die dortigen Verhältnisse als beispielhaft für die weitere historische Entwicklung gelten müssen. Hier habe sich ein Wirtschaften entwickelt, das "imperialistischer Kapitalismus" zu nennen sei. "Es sind die kapitalistischen Interessen von Steuerpächtern, Staatsgläubigern, Staatslieferanten, staatlich privilegierte Außenhandelskapitalisten und Kolonialkapitalisten. Ihr Profitchancen ruhen durchweg auf der direkten Ausbeutung politischer Zwangsgewalten, und zwar expansiv gerichteter Zwangsgewalt."

Anderseits sei die späte Phase des römischen Reiches ein Beispiel dafür, wie die Notwendigkeiten des Apparates in Verwaltung und Militär das Aufkommen eines Kapitalismus als Merkmal wirtschaftlicher Prosperität regelrecht erstickten (sprich: das hohe Maß an Staatswirtschaft löschte die wirtschaftliche Eigeninitiative der Bevölkerung aus). Diese Entwicklung hinwiederum befeuert das Kreditwesen, und damit die Einflußnahme der Gläubiger auf die Politik.

Also der Kapitalisten? Falsch gedacht, meint Weber. Vielmehr mutiert das Staatsgläubigertum zum Rentnertum (Staatsrentner, wobei der Begriff "Rentner" nicht einfach ident ist mit "Pensionist"), und schafft somit die Chancen für Kredite (Anleihen) emittierende Banken.

Und ... Rüstungslieferanten, als Interessentengruppen, deren Existenz eindeutig an der Entstehung von Kriegen interessiert ist. Womit sie systemtragend in mehrfacher Hinsicht sind, denn:

"Alle politischen Gebilde sind Gewaltgebilde," schreibt ferner Weber nüchtern in seinem Hauptwerk "Wirtschaft und Gesellschaft". Sie hätten die klare Notwendigkeit wie Natur, sich vor allem nach außen zu behaupten. Praktisch nie sei historisch ein "starker" Nachbar dafür gewünscht weil von Nutzen gewesen: jedes politische Machtgebilde vertrage keine starken Gegner.

Das kommt einem doch angesichts mancher Beobachtungen in Zusammenhang mit dem Verhalten inländischer Politiker und der EU nicht ganz unplausibel vor ...

Aber noch ein anderer Gedanke zeigt sich angesichts dieser Überlegungen gut beleuchtet: Daß die Staaten heute - hoch verschuldet (s. o.) - einen Zusammenbruch des Bankensektors schon deshalb gar nicht dulden konnten, weil damit Staatsbankrotte unausweichlich geworden wären! Denn im Falle eines Bankenzusammenbruchs würden Kredite fällig gestellt. Wie im Falle Islands, Litauens defacto geschehen, bei zahlreichen weiteren Staaten gerade noch abgewendet, bei weiteren aber noch immer im Raum.

Der Kapitalismus sei seiner Natur nach also expansiv, sei also: imperialistisch.

ABER: wer nun meint, Weber plädiere für einen Sozialismus, irrt erneut. Er zeigt vielmehr, daß das Wesen eines Staatssozialismus mitnichten friedliebender wäre. Denn es gibt keine Veranlassung zu meinen, daß nur weil nun andere Schichten - "Massen" - betroffen wären, diese weniger ökonomisch interessiert seien! Vielmehr trage der Güteraustausch in Expansion ein anderes Gesicht. Weber zeigt: der Schwächere würde über direkte oder indirekte Form zum Tributzahler des Stärkeren. Die (vom Staat nun direkt abhängige; Anm.) "Masse" sei also in diesem Sinne zum "Kapitalisten" geworden, und habe dieselben (aggressiven) Motive, die Stärkung des Systems zum Hauptziel zu haben.

Alles Kleine wurzelt in den Tiefen

Ralph W. Emerson über Goethe in Faust II: "Im Kleinsten, im Vereinzelten erkannte er den Genius des Lebens, den alten listenersinnenden Prometheus, der nicht bei uns haust, zeigte, daß die Langeweile und Prosa, die wir unserem Zeitalter zuschreiben, nur eine andere seine Masken sei: 'Selbst seine Flucht ist nur verkanntes Nahen'. Daß er nur die fröhliche Uniform abgelegt und ein Werktagskleid angezogen und nicht ein Titelchen weniger lebensfrisch oder reich [...]

Zeigte, daß durch die alltäglichsten Handlungen sich ein mythologischer Faden spinnt, der uns bis zu den alten Fabeln zurückführt, sobald wir den Stammbaum jeden Gebrauchs, jeder Gewohnheit, jeder Institution, jedes Mittels und Werkzeugs bis zu seinem Ursprung im Entwicklungsbau der Menschen verfolgen.
"

Mittwoch, 1. Juli 2009

Notwendigkeit des Wiedererkennens

"Die [Ausdrucksmöglichkeiten und] Gesetze einer Kunst gründen in den Charaktereigenschaften Ihres Materials." Diese also sind zuallererst zu kennen.

"Beim Abbilden von Gegenständen geht es darum, schon "bei der mechanischen Abbildung [...] ein Gefühl für dessen Wirklichkeit [zu verlangen], das ganz außerhalb einer mechanischen Bschäftigung liegt!" Die Gefahr beim Film sei (aufgrund seines Realismus und seiner mechanischen Dynamik) sich mit dem Ergebnis zufriedenzugeben, auch wenn die künstlerische Intention - das Geplante - nur mangelhaft umgesetzt, ja gar nicht vorhanden war.

Dabei ist es notwendig, sich im Rahmen des Humanen, Identifikablen zu bewegen, schon gar, dieses zu kennen - wobei man darauf vertrauen kann, daß es dann im Publikum ebenfalls zumindest aus Erfahrung bekannt ist. (Die Deutung und Benennung eben ist ja dann u. U. die künstlerische Leistung.)

"[Denn] ein Künstler gibt niemals Elementarunterricht sondern beruft sich auf die gemeinsamen Erlebnisse und Kenntnisse der Menschen als material für seine Formungs- und Deutungsarbeit."

(Rudolf Arnheim, "Film als Kunst")

Blickschutznetze vor dem Tod

In Gesellschaften "vernetzter Menschlichkeit" (wie: facebook) bieten alle Mitglieder einander Gewähr, jeden in jenem Selbstbild zu bestätigen, das er von sich vorauswirft. Solcherart immer mehr davon abhängig, daß eines Identität positivistisch-willkürlich von der Umgebung aufrechtgehalten, ja eben: gestützt wird, ist "Twitter" (quasi ortslos, und jederzeit) der nächste Schritt in der Schaffung einer notwendig lückenlosen Maske des Selbstseins, wo alle einander in Empfindenswelten tragen wie halten.

Der Einbruch des Hassenswerten geschieht überall dort, wo die Wirklichkeit durchzuschlagen droht. Und der Verhaltenscodex ist hart - er besteht in den aktuellsten Konventionsvereinbarungen, und hat einen Grundsatz: Aufgabe der Persönlichkeit.

Diese Formen der "Vernetzung" sind also Versuche (und man unterschätze ihr Aggressionspotential nicht), eine Welt ohne Wirklichkeit, in reinem Konstruktivismus, und so: in Neuschaffung einer Wirklichkeit, mit simulierten Gefühlen und Realitäten, zu erbauen. Solcherart wird auch die wirkliche Wirklichkeit nur noch zum Steinbruch im Dienste der Illusionsdichte. Persönlichkeit, die Mühe kostet, wird verzichtbar zugunsten eines Austauschs der (sohin: simulierten, in Verwertbarkeiten aufgelösten) Früchte aus ihr.

Sohin geschieht alles im Dienste eines getarnten, aber umso bösartigeren Egoismus, denn der Verkehr miteinander geschieht in der Form eines unentwegten Manipulationsversuchs der anderen, so wie die Ameisen an den Läusen die Zitzen kitzeln um sie zu "melken", sie für eigene Zwecke ("Liebesempfang") dienstbar zu halten.

Sie liegen im Trend, in einem Zeitalter, wo die Dinge unwesentlich werden, weil man ihr "Frui", ihren Fruchtgenuß, einfach künstlich zu schaffen verspricht. Denn wenn die Wirklichkeit lediglich eine Folge mechanischer, materialistischer Abläufe, Geist Epiphänomen physiologischer Vorgänge ist, ist Glück ebenfalls eine rein mechanische Reaktion, Geist eine Täuschung.

In Wahrheit bauen alle diese aber nur an der Verbarrikadierung vor dem immer dräuenderen Tod. Und mauern an Gebäuden eines Tages nicht mehr länger verbergbarer Verachtung füreinander. Und wetzen die Messer für den Tag, wo die Kräfte versiegen noch länger vorzutäuschen, den anderen der Mühe des Selbstseins ("Person" als Gestalt der Persönlichkeit) zu entheben.

Es sind Marktplätze des Menschlichen, die brutal-darwinistische Ausschlachtung des Menschen zur Ware. Alle wollen hier voneinander etwas, alle hoffen auf das große Geschäft und hohe Renditen. Das sicherste Zeichen für einen Markt, an dem Menschen teilnehmen, die allesamt leere Taschen haben.