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Sonntag, 28. Februar 2010

Vom Wesen des Prophetischen

Als der in Bad Freienwalde (im Oderbruch; Nähe Berlin) im Jahre 1909 geborene jüdische Arzt und Schriftsteller Hans Keilson im Juni 1933 mit seiner Frau, einer begabten Graphologin, eine Ausstellung in Berlin besucht, gehen Sie u. a. an einer Vitrine vorbei, in der sich ein Schriftstück befindet, das Adolf Hitler eigenhändig geschrieben hatte. Da faßt sie ihn am Arm, und flüstert ihm zu: "Der zündet die Welt an!"

Keilson wandert 1936, nachdem er sowohl als Arzt wie als Schriftsteller - als letzter jüdischer Schriftsteller den der Fischer-Verlag noch verlegt hatte - Berufsverbot erhalten hatte, nach den Niederlanden aus, wo er halb illegal als Arzt und Kinderpsychologe arbeiten und leben kann, ehe er 1940 in den Untergrund abtaucht. Fast zufällig, so erzählt er im Radio anläßlich eines Interviews zum 100. Geburtstag 2009, sei er im Gymnasium in Bad Freienwalde zur Literatur gekommen.
Als sein allererstes Gedicht, die er als Romancier zu seiner eigenen Überraschung, wie er erzählt, in Holland begonnen habe zu schreiben, zitiert er folgende Verse:

Wir Juden

Wir Juden sind auf dieser Welt
Ein schmutz'ger Haufen billiges Geld
Von Gott längst abgewertet.
Er zieht uns nicht aus dem Verkehr.
Er wirft uns weg, er ruft uns her,
Wir zahlen alle Schulden.
So wandern wir im Kreis herum
Von Hand zu Hand, den Buckel krumm,
Uns reibt kein Putztuch helle.

Wo wären wir, wo wär die Welt,
Führt sie ihr Leben ohne Geld
Wer zahlte ihre Schulden?!
Drum braucht sie uns noch lange Zeit.
Doch sie wird rot, wenn ein Jud schreit:
Die Welt hat mich geschlagen! -
Ich werd's dem Gott schon sagen!



Als ich dieses Gedicht - eines Juden - hörte, da begriff ich, ahnend, wieder ein wenig mehr, was es meint, wenn man sagt, daß kein Dichter sei, der nicht seinem Volk, wie seines Volkes Prophet ist - Stimme der Wahrheit, die Gott ist. Welche Selbstaussage auch als Volk, aus dessen Mitte der Erlöser stammt, welch Selbstbegreifen ...

Vielleicht nicht beim ersten, vielleicht aber beim zweiten Lesen versteht man plötzlich viel vom Christentum. Den Hinweis, daß Jesus Jude war, braucht es da wohl nicht mehr.

Aber wer hört? Wer sieht? Sie haben Augen - sehen aber nicht. Ohren, hören aber nicht.

***

Wie alles kam (7)

Was sich in der Nachkriegszeit Österreichs abspielte, und wahrlich nicht bei Null begann, ist natürlich keineswegs einmalig in der Geschichte - weder des Landes, wie überhaupt. Und ehe wir mit dem rein "historischen Faktenläufen" (wie schwer es da wird, die Begriffe zu wählen, wenn man einmal begriffen hat, daß es immer um eine einzige Gegenwart von Antrieben, Motiven, und Freiheit geht, deren Höhe erst überhaupt eine Aussage zulässig macht), dem Ablauf der (immer ausgewählten, als geschichtsmächtig angesehenen) Geschehnisse in Österreich fortsetzen, die uns auf einen bestimmten Punkt bringen sollen, der etwa in den mittleren 1970er Jahren liegt, ab dem eine Entwicklung eine Reife gewonnen hatte, die die folgenden Jahren nur noch zur Folgetragung machten, weil wirklicher Entscheidungsraum, auch durch die Menschen die nun "geformt" waren, kaum mehr existierte, ehe wir also mit dem "Fortgang der Dinge" weitertun, wollen wir neuerlich etwas einschieben.

Das uns helfen soll, das, was da geschieht, noch besser begreifen und einordnen zu können. Denn wozu sonst sollten wir es tun? Erst damit können wir für unsere Hier und Jetzt gewinnen, weil wir seine Genese verstehen, ja aus der Geschichte überhaupt erst dieses Heute erkennen!

Es soll in diesem Schritt also weiter Luft geholt, sollen Daten zu Fakten, und sei es unbewußt, geadelt werden oder werden können, und dem geneigten Leser nicht vorenthalten bleiben, was Joachim Fernau zur "goldenen" Zeit sagt - und zwar jener der rund 30 Jahre der Regierungszeit des Perikles im "demokratischen" Athen (ab ca. 460 v. Chr.) sagt. Die man gerne als die wirklich große Zeit der Griechen, in Wohlstand und Glück, darstellt.

Die Töne freilich, mit denen diese Epoche kommentiert wird, sind zu dieser Vergoldung denn doch deutliche ... wie sagt man? Konnotationen?

[Perikles'] Geist war geformt, aber nicht befruchtet; sein Herz weit, aber ohne Sehnsucht. Er hatte Temperaratur, die die Menge zu allen zeiten als warm und er wirklich Warmherzige als lau empfindet. Seiner musischen Natur verdanken wir die Schätze Athens - dennoch war diese Natur ohne Feuer. Er erwärmte sich an de Kunst, aber er brannte nie. Er war nie ganz im Himmel. Er besaß einfach ein glückliches Naturell und eine glückliche Hand.

Interessant wird es nun, wenn man die Charakterisierung seiner Regierungszeit liest - Ähnlichkeiten und Anspielungen auf Lebende oder Gelebt-Habende und Bestehendes keineswegs zufällig und unabsichtlich. Es war eine Zeit, in der die (zufließenden, nicht die erarbeiteten!) Geldmittel schier unerschöpflich waren, der Anteil der vom Staat Gestützten oder Bezahlten stieg und stieg.

Wohl, so Fernau, habe man den einzelnen Menschen so vorgefunden, wie man ihn aus Väterzeiten kannte, "überall begegneten einem die Männer alten Schlages, der eine ein Solon, der andere ein Mensch wie Aristides, dieser Geflügelhändler ein wahrer Odysseus, jener ein Schuster, ein Megakles, eine Menge fröhlicher Theatraliker, liebenswerter Flunkerer gegenüber dem Leben, Bummler, Gaffe, Schwätzer, Komödianten ... So waren sie als Einzelne."

Aber es war wie ein Auftrieb aus früheren Wurzeln, Frucht anderer Zeiten! Denn: als Masse hatten sich die Athener längst verändert. Früher war man eine Art Burggemeinschaft gewesen, ein stabiles Gefüge; jetzt war man eine Großstadt, mit einem riesigen Proletariat, labil, unüberschaubar, anonym. Wo einst der Schuster ind er Gasse gesessen und die Sandalen des Herrn Kleophanes [...] genäht hatte, da saßen jetzt zehn Gesellen wie an einem Fließband; der eine schnitt nur noch die Sohlen zu, der andere die Riemen, der dritte nähte, der vierte färbte [...] Den Schuh hatte "niemand" gemacht, so wie nun die Politik "niemand" gemacht hatte. Und keiner erfuhr je, wer den Schuh trug. Man lieferte dem Meister kein Werk mehr, man liefert ihm Arbeitsstunden. [...] Niemand liebte mehr die Arbeit, [sondern alle leisteten ihren Job:] man empfing seinen Lohn und ging.

Wenn sich früher der Färbergeselle zum Panathenaion-Fest herausputzte, so wollte er die Göttin ehren und das Bild der Straße verscönern. Wenn er es jetzt tat, so wollte er Mimikri treiben; er rechnete mit seiner Anonymität ind er Masse und wollte für einen anderen genommen werden. Er sah mit Kopfschütteln auf die [...] Sklaven herab, [wenn sie abends singend in die Weingärten zogen] während er selbst ein anderer Mensch wurde und durch die Barbierstuben und Parfümerien schlenderte. [...]

Er sah, daß die Dinge nicht mehr fest standen, sondern im Fließen waren; er sah, wie das Leben jetzt Lotterie spielte; bald vergaß er, daß es eines Einsatzes bedurfte, er glaubte, das Los müsse jeden treffen. Aus der Hoffnung wurde eine stumme Forerung; aus der stummen eine laute. Der Mann aus dem Volke war unzufrieden geworden!

Athen war volle Unzufriedenheit. Niemand aus der Masse besann sich mehr auf die Vergangenheit, ja auch nur auf das Gestern. Rückständige taten das, Reaktionäre. Man mußte sie belächeln, besser: hassen. Gesteigerte Zuversicht in den nächsten Tag, das war die neue Lebenskunst.


[...] Alle quatschten in die Politik hinein, heute fällten sie eine gefährliche Entscheidung, morgen stießen sie sie um, übermorgen hatten sie die Lust verloren [...] Wenn das Geld knapp wurde, forderte man höhere Löhne. [Erstmals gab es "Streiks"!]

Perikles führte für alle, die in den Ausschüssen oder Räten [saßen] "Tagegelder", Diäten, ein, die zum Leben ausreichten. Infolgedessen drängte sich ein riesiger Haufe von Eckenstehern und Tagedieben zum "Regieren", eine Ansammlung von finsterstem Plebs.

[...] Wer da noch arbeiten wollte? Fremde und Sklaven. Über den [Hafen] wurde herangekarrt, was gebraucht wurde.

Die Staatsausgaben übertrafen längst die Einnahmen. War es nicht einfach? War es nicht eine Lust zu leben? Wer an das große Erwachen glaubt, war ein Faschist oder Kommunist.

Und all die herrlichen Kunstwerke aus dieser Zeit? Fernau: Ich pfeife auf alle Herrlichkeiten aus Marmor, wenn sie zu Grabbeilagen eines Volkes werden! [...] Das Gejohle, das Lachen der Masse, die Lust an der sausenden Talfahrt [...] sind ein scheußlicher Anblick.

Alle aber klammern sich umso mehr an das Zauberwort - den Fortschritt. Der Wahn vom "Fortschritt" ist, philosophisch gesehen, ein Denkzwang, der aus einer seelischen Erkrankung kommt. Er tritt epidemisch auf, und zwar immer dann, wenn die Lebenskraft eines Volkes sich zu erschöpfen beginnt. Man findet ihn bei jedem Kulturkreis, jedem Folk, jeder Rasse. [Die Gehirne der Massenmenschen] verkraften ihr plötzliches Empfinden für große Dimensionen, für Weite, Zeit und Entwicklung nicht; sie verlieren den Halt, sie verlieren das, woran sie sich halten konnten, sie werden haltlos. Sie haben den Sinn im Kleinen verloren, und sehen keinen im Größeren.

Der wahre Inhalt des Fortschritts ist Wechsel. Mit Qualitätssteigerung hat er nichts zu tun [...] Auch ein Im Kreise drehen wird von der erkrankten Seele durchaus als Fortschritt empfunden [...] Die kranke Seele konsumiert die Bewegung, den Wechsel wie eine Droge! Zustände, die zuvor von Dauer waren und auch von Dauer sin sollten, werden jetzt am laufenden Band "verbraucht". Der Fortschrittler ist - vergessen Sie diesen Satz nie mehr - ein Verbraucher!

Und damit sind wir bei einer entscheidenden Erkenntnis: Fortschritt ist Umsatz. Und zwar nicht etwa "eine Art Umsatz", sondern er ist das Prinzip des Umsatzes schlechthin. Genauso wie beim Kaufmann. Es ist identisch mit dem merkantilen Begriff.

Daher ist die Wirtschaft auch der "Mäzen" des Fortschritts. (Und der Todfeind des biblischen Paradieses.) Mit einer Fortschrittsepidemie geht stets eine Wirtschaftsepidemie parallel.

Und selbstverständlich war das fortschrittliche Athen stolz darauf! Ja: Im Zustand des Fortschrittswahns wird die Menschenseele tyrannisch. Sie verlangt, daß sich ihr jedermann im Fortschrittsglauben anschließt. Obwohl sie kein Heil weiß, gebärdet sie sich als Heilskünder.

Weshalb Athen alle, Freunde wie Feinde, aufforderte, dieselbe Verfassung, dieselbe Lebensform, dieselbe Wirtschaft anzunehmen; daß es die nicht Folgsamen zuerst als rückständig belächelte, dann anprangerte, und schließlich bekämpfte.

[...] Es war nichts als die Angst vor dem Alleinstehen, der angstvolle Wunsch der wurzellos gewordenen Massenseele nach Bestätigung. Vielleicht mehr: der Wunsch, Vergleichsmöglichkeiten zu vernichten. In solchen Wünschen leben heute ganz eErdteile. Allerdings ohne Parthenon.

Sie wollen wissen, wie es damals weiterging? In Athen? Es stürzte unmittelbar nach Perikles, nach diesem "goldenen Zeitalter" des Wohlstands, in einen schier endlosen, sinnlosen, verwirrenden 30jährigen Bürgerkrieg mit dem großen zweiten Spieler auf der griechischen Halbinsel, Sparta, jeweils samt Verbündeten, an dessen Ende auch das Ende des "großen" Griechenland stand. Bis es von den Römern aufgesogen wurde, und schließlich weitgehend - über Byzanz und die Türken - von der Bildfläche verschwand. Das "goldene Zeitalter" war ... das Vorspiel zum Ende gewesen.

Als Perikles erst zurücktrat, und dann, als Legende seiner selbst sich selbst überlebend weil zurückgeholt, endgültig starb, stellte man fest: es gab keinen annähernd gleichwertigen Nachfolger von Format! Fernau dazu: Alte despotische Naturen fühlen sich unter Nullen wohl.

Natürlich gab es dann einen Nachfolger, und zwar "einen aus dem Volke" - das in Kleon erstmals in Reinkultur auftrat! Freilich verhöhnte man seine Einfachheit, schimpfte man ihn "Demagogen". Aber war das so? "Kleon trug vollkommen ehrlich seine eigenen niederen Regungen vor, sie deckten sich mit denen der Masse. Er hielt sie auch nicht für niedrig, er hielt sie für prima. Daher sein Mut zur Konsequenz. Er war brutal, undiszipliniert [...] aber so ist eben die Masse: Sie reißt sich nur zusammen, wenn etwas weh tut.

Kleon,
schließt Fernau, war ein Prolet. Er war die Quittung für die Nullen, die ein alter Mann, der zu lange und zu monton regiert hatte, hinterließ.


Zitate entnommen aus: Joachim Fernau, "Rosen für Apoll - Die Geschichte der Griechen"

***

Samstag, 27. Februar 2010

Suche nach Gott

Ich habe lange darüber nachgedacht, was hinter dem Umstand stecken könnte, daß vielfach dem heutigen Menschen - allen lautstarken Beteuerungen und Hinweisen auf die großartigen Wissenschaften, auf deren Boden man sich angeblich befände, zum Trotz - eine rationale, eine verstehbare Welt so überaus zuwider scheint. Man kann meist geradezu warten darauf, daß, nachdem das Gegenüber sich in mühsamen Diskussionen auf Vernunft, Wissenschaft und Verstand bezogen hat, sein Gesicht mit einem male aufleuchtet, und er Neuigkeiten aus der Welt des Tischerlrückens, Pendelns, oder eines Yogi verbreitet, und mit bislang brachliegenden Fähigkeiten des Menschen zu Überirdischem und -sinnlichem "erklärt". Gerade also in einer Welt, die alles behauptet restlos aufklären zu können, braucht es offenbar einen Ausweg, eine Fluchttür. Wissenschaftlich freilich abgesichert, denn auch das nicht Erklärbare wird ja irgendwann wissenschaftlich geadelt, also lassen wir es durchaus gelten ...

Wo immer sich sonst klare Sinnzusammenhänge über das Weltgeschehen zeigen, unter einfacher Berufung auf die sens ratio, den gemeinen Hausverstand, stößt man aber auf Ablehnung. Wer heute dummerweise nicht in der fatalen Lage ist, an der Sinnlosigkeit der Welt zu zerbrechen, wird meist sogar als irrelevant, seine Geschichten die ihm Welt abbilden als konstruiert, deren Motive als vordergründig abqualifiziert. Dabei sind sie genau das nicht, ja genau das Gegenteil ... sie sind nur eines: erhellend. Weil sich nämlich das Leben selbst regelrecht auflöst in ganz bestimmte Grundbewegungen, die in den jeweiligen Menschen nie wiederholend variieren. Das Leben ergibt letztlich, schon gar in seinen großen Verläufen, immer eine einfache, ja geradezu simple Geschichte - und ist doch so unergründlich. Heute denkt man es ja genau umgekehrt.

So wird eben Irrationales gewählt, verlangt, und zur "Tiefe" um- und mißdeutet - dabei besteht ein fundamentaler Unterschied, ja verhält es sich geradezu diametral: denn das letztlich Unerklärbare der Welt bedeutet keineswegs, daß sie in ihren undurchdringlichen Erscheinungen (denn alles Ganze, und alles was etwas ist ist ein Ganzes, ist ein Geheimnis, un dsein Entstehen ist ein solches) zufällig oder irrational ist! Genau darauf aber, genau darauf zielt die heutige Sucht nach Irrationalität. (Sieht man davon ab, daß sie dem Dummen willkommener Fluchtweg ist, was alle Tendenz natürlich verstärkt.)

Gilbert K. Chesterton, dessen Lektüre häufig wie ein frisch durchblutender Kopfstand wirkt, und das Beobachten von Kindern, die die Augen schlossen und sich durch den Raum tasteten, brachte mich auf die Spur: Es hat mit der Suche nach Gott zu tun.

Denn das ist zum einen ganz gewiß darin begründbar, daß eine verstehbare, also eine deutbare Welt auch Anforderungen stellt, denen nicht zu entfliehen ist: sie ist ein Aufruf an unsere Verantwortung, und sie ist es immer in unserem nächsten Umfeld. (Denn gegen Metatheorien besteht ja kein Einwand, im Gegenteil - sie werden gesucht: da interessiert, ob United Fruit die Bananenbauern in Ecuador trietzt oder ein Tsunami in Japan aufgrund von Ölbohrungen im Marianengraben entstand, oder - das kann doch sowieso niemand nachprüfen! - ob und warum die Nesselqualle ein direkter Vorfahre der Kuduwanze ist.) Verstehbare Welt bedeutet auch Mühe, die Mühe der Reflexion, bedeutet Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewissen, den ständigen Versuchen sich zu überrumpeln ... und hier haben wir das Stichwort!

Denn es hat diese Suche nach dem Irrationalen, diese Sucht nachgerade (Horrorfilme prosperieren!), noch einen anderen, und ganz entscheidenden Grund, der durch den Lärm der Ablehnung gerne verborgen bleibt. Und das soll auch so sein, denn ...

... die Suche nach dem Irrationalen ist ... eine direkte Suche nach dem Erlebnis Gott, nach Gott überhaupt - und sei es ein Ersatz. Denn der Mensch sucht nie Gott. Der Mensch sucht das Mysterium - das ist zutiefst menschlich. Der Rest ist Interpretation, auf der Basis von Offenbarung.

Denn erst, wenn sich der Mensch in einer Umgebung findet, die ihm völlig unbekannt ist, kann er sich von sich selbst (!) lösen, und muß das ihm Zustoßende nicht mehr auf ein längst bekanntes mechanisches Weltgeschehen oder den Zorn des Herrn Tröltsch zurückführen, sondern ... dann erst gerät er in Kontakt mit einem Mysterium!

Inmitten einer Welt, die ihm nunmehr zustößt, die er nicht mehr zu ordnen, nicht mehr zu beantworten hat, die ihm völliges Mysterium bleibt und dies bleiben darf, erfährt er am deutlichsten, so hofft er, Gott, den Ursprung allen Weltgeschehens.

Es ist ja mehr als auffällig, daß gerade diejenigen, die am meisten auf dem Postulat der Wissenschaftlichkeit beharren, in zentralen Fragen des Lebens - oft auf unfaßlich plumpe Weise! - das wirrste Zeug glauben und annehmen, und häufig einen direkten Zug zu Horror, Esoterik, Psychotechniken, Verschwörungstheorien, Marsmenschentheorien, fremdartigen Religionen mit rein mythologischen Weltbildern, völlig unsinnigen Weltentstehungsgeschichten denen sogar die künstlerische Qualität der Mythen fehlt weil sie in technische Vorgänge aufgelöst sind (genau so läßt sich erklären, daß der Aberglaube der Evolutionstheorien - wären sie wenigstens das: Theorien! - sich so derartig verbreitet hat) und was auch immer haben.

Der Irrationalismus ist somit die Abenteuerlust der Gegenwart. Er ist der letzte Kick des Lebens, nachdem alles bereits bekannt und gekannt ist, der diesem Leben noch irgendetwas abgewinnen soll. Er ist die Droge einer technizistischen Zeit. Er ersetzt daß die Kirche überhaupt kein Mysterium mehr anbieten möchte, sondern gerade denselben Fehler gemacht hat wie ihn alle machen - stattdessen alle ihre Güter in Rationalität und zwischenmenschlicher Technik versucht hat aufzulösen.

Und wir stellen im Irrationalismus die Welt wieder auf Distanz, wie lassen sie uns (scheinbar wieder zustoßen. Denn der Begriff Gott hat nun einmal mit Unvorhersehbarkeit und Willkür und Macht zu tun.

Der Irrationalismus ist somit die synthetische Herstellung einer damit wieder wunderbaren Welt, die Psychotechnik des Mysteriums, er ist die herbeimasturbierte Pseudo-Gotteserfahrung, er ist ein jeweils (oder, im Irrsinn, zur Haltung gewordener) zu setzender menschlicher Akt: das Aussteigen aus der Welt.

Es ist der Gestus der Gegenwart. Als Aussteigen, das Entfliehen aus der ersten wirklichen Gotteserfahrung, die uns ab ovo zugängig ist: dem Hineingeworfenwerden in eine konkrete Umwelt, in eine konkrete Familie, in konkrete Lebensumstände - denn dort ist tatsächlich alles Abenteuer, und uns von Gott unbegründbar zugestoßen. Denn die Familie ist das größte Mysterium, und es begrüßt uns gleich beim Eingang zur Welt.

Deshalb hängt Gottlosigkeit (keineswegs in moralisierendem Sinne gemeint!) immer auch mit Boden- und Wurzellosigkeit zusammen.

Und es ist logisch, daß Irrationalität zur Zwangsvorschrift einer Gesellschaft im Absturz wird.

Und es ist nur noch logischer, daß genau das von der Kunst von den Machthabern verlangt wird, soll sie (materiell) überleben können. Denn nichts würde das heutige System mehr in Frage stellen und umwälzen, als die simple Nachricht: Stell Dir vor, es gibt doch einen Sinn, den es zu erfüllen gilt ...

Bilder Nebel 1 & 2, © Mario Lehwald

Angstliteratur

Man kann die engagierte Literatur, die ideologisch und moralistisch ausgerichtete Literatur, auf einen simplen Tugendfehler beim Literaten reduzieren: der Angst hat, daß sich herausstellen könnte, er habe nichts zu erzählen. Der Angst hat, er könnte zu wenig sein für die Aufgabe, die er einzig in seinem Leben sieht. Und hier wird er unglaublich rasch konventionell, langweilig und unkünstlerisch, und rechtfertigt dies mit moralischer Notwendigkeit - mit Seelsorge ...

Er vertraut sich nicht. Und vielleicht hat er nur Angst vor der Bescheidung, die Werk immer bedeutet: man wird schwer in seinem Glauben geprüft, und nie kann man sich den Weg der Selbstläuterung ersparen.

Also meint er, einen Inhalt explizit machen zu müssen. Und sein Werk wird Predigt. Also meint er, sich figürlich einbinden zu müssen, um etwas wert zu sein.

Das dachte ich mir nach dem Anhören eines Interviews mit Josef Haslinger im Radio. Wo er u. a. eine nette Anekdote erzählte: er sei mit Peter Turrini unterwegs gewesen, und habe diesem erzählt, daß er in seiner Kindheit Pfarrer werden habe wollen. Der habe ihn daraufhin angeschaut, ein paar Sekunden nachgedacht, und dann gesagt: "Bistes eh geworden."

Zur Schreibakademie Leipzig, an der er unterrichtet, sagte er einen interessanten Satz: Er meinte, daß eines der Kriterien, die zeigten, ob jemand literarisch tiefergehende Ambition und vor allem Talent habe sei, daß er in seinem Schreiben das Klischee, das einfache Verwenden von Überkommenem, die Konvention zu vermeiden suche, ja: "Schon daß er das überhaupt erkennt zeigt sein Talent an."

Das Wesentliche am Künstler ist ganz sicher, daß er schaffen will - und man schafft nicht, wenn man nur das Äußere nachbildet, nur funktioniert. Jeder Künstler zeigt sich deshalb darin, daß er mit Vorhandenem zu spielen beginnt, was nur geht, wenn er es beherrscht.

Weshalb, so Haslinger, auch ein Kriterium sei, ob der Aufnahmekandidat (jährlich gibt es davon 600, aufgenommen werden 20) ... viel lese.

Wie wirklichen Genies übrigens, die, so Haslinger, die würden ohnehin nie so eine Akademie betreten. Na, dann besteht ja für viele noch Hoffnung.



***

Freitag, 26. Februar 2010

Unberechenbares Leben

Je entwirklichter die Menschen denken, und das heißt, je mehr sie in Vorstellungen von etwas verhangen sind, und das heißt wiederum, je mehr sie ihre Ansichten von der Wirklichkeit nach gesollten, nicht nach wirklich selbst gedachten, selbst rückgefolgerten Plausibilitäten formieren, sondern vorwiegend aus Reaktionen zusammenklittern, die verbergen sollen, daß sie diese Erfahrung nicht wirklich einzuschätzen vermögen, umso mehr klammern sie sich an diese Vorstellungsbilder.

Und umso weniger Raum hat damit auch die Wirklichkeit selbst.

Auch und vor allem in der Kunst. Ja, gerade dort, wo man nämlich sagen könnte, daß der originäre Blick des Künstlers praktisch immer an der Vorstellungswelt der Menschen scheitert.

Weil man den Eindruck gewinnt, daß (natürlich keineswegs unbekannte) Vorstellungen, aufgespießt am Spickbord zu sollender Gefühle, Reaktionen, Wirkungen, keinen Blick für Originäres mehr zulassen. Damit, darauf läuft es ja hinaus, ersoffen in Konventionalitätsräuschen sind.

So reagieren dann die Betrachter, so agieren dann die Darbietenden.

Am verräterischesten also für das Fehlen der Erfahrung und wirklicher eigener Gedanken zu einem Thema - sagen wir: Tod, sagen wir: Vergewaltigung, sagen wir: Liebe, sagen wir: Haß, sagen wir: Mord, sagen wir: ... - und für diese Ertränktheit in Konvention ist also, der Wirklichkeit (eines Kunstwerkes, zum Beispiel) bestimmte (inhaltliche) Reaktionen abzuverlangen. Dann hat man es mit Schauspielern zu tun, die meinen, eine vergewaltigte Frau habe in pathetischen Wahnsinn auszubrechen, mit Regisseuren, die behaupten, Liebe sei nur mit schwulstig aufgewölbten Schmachtlippen spielbar, und mit Kuratoren bei Förderstellen, die meinen, Tod habe sich tieftragisch, äußerlich breit, und von Beethovens 5. untermalt, abzuspielen, sonst sei er nicht ausreichend gewürdigt.

Aber Vergewaltigungen spielen sich meist sogar ziemlich "unscheinbar" ab, und in Wahnsinn bricht meist niemand aus, es sei denn, er hat ausreichend Zeitungsmeldungen gelesen, die ihm nun nahelegen, möglichst in Hysterie zu verfallen. Liebe hat so unendlich viele Formen, daß sie gerade oft in Zusammenhang mit scheinbarer Reaktionslosigkeit die tiefste Gestalt annimmt. Und Tod ist ein Faktum, das gerade dem am "leichtesten" fällt, der am meisten damit zu tun hat - denn große Menschen sterben leicht, und gehen sehr "natürlich" mit dem Tod um. Nur lächerliche Menschen, wie sie heute natürlich häufig sind, machen daraus ein Theater. Und Diktatur ist nicht die massenhafte und deutlich sichtbare Marionettenproduktion, das sieht man erst wenn man ihr eben nicht zugehört, sondern gerade in ihren wirksamsten Formen eine subtile seelische Zwangslage, die in ihrer Äußerlichkeit eben genau mit der Erfüllung von Konventionen das Gute betreffend täuscht.

Das sieht in der Praxis dann so aus, daß bestimmte Arten udn Weisen gefordert und geliefert werden, mit denen explizit gemacht werden soll, was aber doch immer nur ... implizit darstellbar ist!

(Das erinnert mich - zur Illustration - an einen Streit, den ich mit einem Fernsehredakteur hatte, der in einem von mir verfaßten Drehbuch, bei dem auch die Geschichte von mir stammte, eine bestimmte Gegebenheit, nämlich den möglichen Mißbrauch des Mädchens um das es ging, wörtlich ausgedrückt verlangte. Aber, so meine Reaktion, sie haben doch erkannt, daß es so ist? Bzw. wahrscheinlich so ist? Erzählt es so nicht viel viel mehr, wo es sich der Zuschauer im Kopf bildet, und daß es so ist, haben ja Sie bewiesen? Also: IST es nicht erzählt? Nein, so seine Antwort, er verlange, daß das definitiv zur Sprache komme, und eine entsprechende Reaktion der Umgebung erfolge ... Aha, eine entsprechende Reaktion der Umgebung auch noch ... der muß also ein Problem haben, daß er befürchtet, seine sittlich einwandfreie Haltung würde nicht deutlich genug erkennbar sein? Warum möchte das jemand? Ich habe sehr bald wieder aufgehört, für diese Produktionsfirma zu schreiben.)

Solche faktische Realitäten, solche Erwartungen und Forderungen aber, mit denen man zunehmend konfrontiert ist, gerade, wenn man nicht der Konvention folgt, wie Konventionslosigkeit auszusehen habe, was meist nichts als eine sogar betonharte Konvention ist, machen die Kunst heute brotlos und scheinbar chancenlos, weil ihre Distributeure, ihre Auftraggeber, ihre Akteure, meist nichts anderes verlangen und zulassen, und nicht mehr mehr wagen, als genau die Erfüllung dieser Konvention.

Und so hat auch diese Zeit ihre unerträglich dummen Moden, mit denen sie glaubt, die Probleme der Gegenwart erfaßt zu haben. Dann müssen Jugendliche so und so sein, müssen die Menschen so und so reagieren, müssen sie vor allem aber eines: nicht mehr frei handeln.

Vor allem aber herrscht heute die unerträglich dumme Mode, das Leben selbst "ernst" zu nehmen. Nämlich ernster, als es ist. Oder richtiger: an der falschen Stelle ernst. Denn eine ernster Umstand ist meist sehr demütig-unscheinbar. Kein Trommelwirbel, kein einfahrender Blitz - einfach so und so. Man darf sich also fragen, welche Art Mensch sich an die einzelnen Erscheinungen des Lebens so klammert, daß sie nicht immanent wirken, sondern explizit ihr Schild aufdrängen, was sie zu sein hätten. (Entsprechend "moralisch", ja: moralpropagandistisch sind ja auch heute die meisten Filme.)

Aber das Leben ist nie auslotbar ... und es kann manchmal "kitschiger" sein als der kitschigste Film. Es ist (in den menschlichen Handlungen) nämlich alles andere als "adäquat".

Es ist aber immer motiviert. Und diese Motivation aber, die ist nicht nur jedem unwiederholbar eigen, die ist ja das Rätselhafte am Menschen. Und Kunst ist nicht deshalb Kunst, weil sie eine bestimmte Wahrheit darstellt, die ohnehin jedem klar ist, sondern weil es das Leben von einem unwiederholbaren Standpunkt aus darstellt und damit etwas sichtbar macht, weil beleuchtet, das höchst individuell ist. Sondern diese Motivation ist meist ein gar nicht sichtbares, nur ahnbares Gefährt, das im Hintergrund schiebt, aber immer fühlbarer wird, bis es - und das heißt Drama - am Schluß erst ihr Gesicht zeigt, sodaß es der Zuschauer in sich erfaßt, und zwar wieder vielleicht nur: indirekt. Gleichgültig, ob es auch nur irgendjemand sagt, oder, und das sind meist die besten Dramen, nur in sich schweigend, weil unennbar, erwägt.

Kopfschütteln ... wieder: Berlin

Berlin wäre nicht Berlin, wenn es nicht Berlin wäre - von Politically Incorrect übernehme ich diese Meldung, weil sie einen nur noch fragen läßt, wie weit die Groteske noch gehen muß, ehe sie auffällt:

In einer zu den Freien Evangelischen Schulen zählenden Grundschule in Berlin-Hellersdorf, die Kooperationspartner der christlichen Jugendeinrichtung „Die Arche“ ist, hat doch tatsächlich ein Lehrer versucht, Kindern das Unrecht von Abtreibungen näher zu bringen. Die Schulleitung ist empört und distanzierte sich umgehend von dem Lehrer, der Gott sei Dank nur ein Vertretungslehrer ist und den man deshalb nicht fristlos zu feuern braucht.

Und der "seriöse" Tagesspiegel schreibt dazu:

Ein Lehrer der Hellersdorfer Arche- Grundschule hat offenbar versucht, seine Schüler gegen Abtreibungen aufzubringen. Mit Arbeitsblättern, die den Ablauf einer Abtreibung in drastischer Form beschreiben, sollten sich die Kinder mit den Details des Eingriffs auseinandersetzen. Die Schule hat sich inzwischen von dem Lehrer distanziert. Ihr droht ein Imageschaden, weil das Material publik geworden ist: Jugendstadträtin Manuela Schmidt (Linke) hatte die Blätter zugespielt bekommen und weitergereicht.

Nach Angaben von Schulleiter René Schlüter handelte es sich um einen Pädagogen, der bis Dezember für ein halbes Jahr als Vertretungslehrer eingesetzt war. „Wenn er noch bei uns wäre, würden wir ihn jetzt fristlos entlassen“, stellte Schlüter am Dienstag klar. „Wir sind traurig und ärgerlich und verurteilen das Vorgehen des Lehrers.“ In dem Papier ist davon die Rede, dass „Kinder in Stücke zerlegt“ werden, damit sie beim Absaugen durch den Schlauch passen. Zuerst würden Arme und Beine „vom Körper getrennt“, dann der „Rumpf vom Kopf“. Da der Kopf zu groß sei, müsse der Arzt ihn zerkleinern. Weiter steht dort, dass der „zerfetzte Körper“ zum „Verbrennungsofen“ gegeben werde. Im Text fehlen Wörter, die von den Fünftklässlern einzusetzen waren. Die Senatsverwaltung für Bildung zeigte sich entsetzt über das Material. „Die Schule muss in Zukunft noch genauer hinsehen,“ forderte der Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), Jens Stiller.

Die Schule ist Kooperationspartner der christlichen Jugendeinrichtung „Die Arche“ und gehört zur Freien Evangelischen Schule. Deren Geschäftsführer hatte sich am 16. Februar bereits gegenüber der Schulaufsicht von dem Vorfall distanziert.




Im Maserati zur Notschlafstelle

Der Spiegel berichtet von der sogenannten "Maserati-Affaire" in Berlin: Der Geschäftsführer einer Berliner Obdachlosen-Hilfsorganisation, der "Treberhilfe", hat als Dienstwagen einen (bildhübschen) Maserati gefahren! Das war nach einer Polizei-Radarkontrolle publik geworden, weil der Wagen geblitzt wurde.

Der Sache wurde nachgegangen. Und so wurde bekannt, daß die Gesellschaft, mit einem gemeinnützigen Verein als Träger, jährlich auch noch "Überschüsse" von 600.000 € "erwirtschaftet" ... Das ließe auf unsoziale Arbeitsbedingungen schließen, meinten dazu die Gesellschafter, man werde auch das also prüfen, denn irgendwo müsse das Geld ja herkommen.

Der Geschäftsführer sah das erst nicht ein und beharrte auf dem standesgemäßen Gefährt. Vielleicht weil er immerhin ein florierendes Unternehmen aus der Klitsche gemacht hatte, wie die Zahlen bewiesen? Nach ernsten Worten der Vereinsführung wollte er den Dienstwagen für Touristenreisen zu Sozialeinrichtungen Berlins (!) nützen.

Aber schließlich zog er das Angebot nach weiteren und medialen Empörungen zurück, immerhin finanziert sich das Unternehmen ja aus öffentlichen Geldern und Spenden, und verzichtet zukünftig schweren Herzens auf diesen Wagen.

Er steht nun zum Verkauf.

Besonders interessant dabei: die Polizei verzichtete auf die Einhebung der Strafe wegen Schnellfahrens. Das sei bei Mitarbeitern gemeinnütziger Vereine, im Dienst, üblich, immerhin dienten diese ja in hoher Selbstlosigkeit einem guten Zweck ...

***

Blendwerk "engagierte Kunst"

Es gibt sie nicht nur selten, sie sind fast die Regel, und es war vielleicht nie anders - in der Kunstbranche Tätige (hier definiert das Wort "Künstler" gar nichts, ist hier lediglich unabgrenzbare Teilmenge der Genannten) die großmundig in ihren Werken für ein "humanes Anliegen" eintreten. Die nicht müde werden, moralisch explizit zu wirken, und in allen Stellungnahmen ihr Anliegen - ach wie selbstlos - in den Vordergrund schieben:

Die Schlechtigkeit der Menschen (mit, natürlich, dem koketten Hinweis, daß man ja selber auch nicht anders sei, oder auch so sein könnte), des Landes, der Kirche, der Institutionen, der Politiker, der Unternehmer, der Künstler ... bloßstellen, und so weiter, und so fort.

Was, unter uns gesagt, sollte leichter sein? Eines ist nämlich gewiß: daß jeder seine Schlechtigkeiten, Verführbarkeiten, Anfälligkeiten, Schwächen hat. Deshalb ist es schlicht und fast immer nur banal zu beweisen, daß "auch ein Gott bei Scheißen stinkt" (Zitat aus "Der Odysseus", von E. Wagner - man will ja nicht Plagiateur seiner selbst sein)

Und alle in der Kunstbranche Tätigen haben sie auch. Darauf hinzuweisen heißt also nur, daß sie damit einen lediglich eleganten, aber in Wahrheit stinkfeigen Weg der Unangreifbarkeit gerade dessen gehen, was sie als ihr Werk ausgeben. Und das sie möglicherweise ... nur als Vehikel benützen. Das (siehe andere Repliken an dieser Stelle) nur so aussehen muß wie ein Kunstwerk, solange es eine moralische Botschaft verkündet, und das um "Erfolg" zu haben lediglich genug Leute braucht, die (auch aus schlechtem Gewissen vielleicht) so tun als wäre es das, wofür es sich ausgibt. Und deren gibt und gab es ja beileibe immer genug.

Jede Kritik an ihrem Werk aber - sofern sich eine solche überhaupt noch zu erheben wagt -  verschwimmt perfiderweise augenblicklich und ununterscheidbar zur Gegenposition zu ihren (in ihren Augen) unanfechtbaren moralischen Forderungen. Und sind diese gar nicht unanfechtbar, so erst recht. Dann sind sie sogar noch zufrieden in ihrem Ego, in ihrer Identität gefestigt, weil sie eine Diskussion angezettelt, ein Thema aufgegriffen haben, das ja (für die anderen) so wichtig ist, und so weiter, und so fort. Wie das Künstler ja so zu tun hätten.

In jedem Fall sind sie (meinen sie) aus dem Schneider - sie stehen in einer win-win-Situation, schon gar öffentlichen Stellen (weil Geldgebern) gegenüber, die - weil hierzulande alles politisch durchwirkt ist - sich gerne und natürlicherweise jedes ihre Politik unterstützenden Windes dankbarst erfreuen.

In jedem Fall ist gerechtfertigt auf jene zu schimpfen, die das Stück, das Werk, kritisieren. Und in jedem Fall - so erscheint es zuweilen - haben sie sich für etwas eingesetzt.

Das es ... vielleicht gar nicht lohnt, auch nicht in ihren Augen. Was sie wissen: denn erst jetzt, und umso mehr stärkt die entgegenbrandende Entrüstung ihre Identität, als Künstler wahrhaft am Pult der Zeit zu lauschen, wofür die Entrüstung beredtes Zeugnis ablegt. Ein Künstler muß auch aufregen können.

Sie irren. Sie irren selbst dort, wo sie meinen zu meinen (sic!), daß genau das gemeint sei, wenn man von "Aussage" spricht, die ein Künstler zu haben habe, sonst sei er keiner: eine moralische Ermahnung. Eine Aussage zur Zeit. Wie der Philosoph, oder der Prophet verkündet, oder wie sie jedes Kunstwerk (sonst ist es keines) - im Dargestellten immanent, indirekt enthält, sodaß sogar eine explizite Aussage zur indirekten wird (ich weiß, kompliziert genug ...) Was aber nur das Publikum, wenn das Werk gut ist, in sich, als Antwort, als Reaktion still oder laut, immer aber frei, formuliert.

Auch und vor allem aber irren sie, weil sie sich etwas gar nicht vorstellen können, nein, wollen, denn dann würde es für sie ungemütlich: daß es tatsächlich Menschen gibt, und zwar vor allem auch im Publikum, die sich wirklich nur um die Qualität eines Kunstwerks kümmern, und dazu noch eine gebildete Meinung und Erfahrung haben -  während ihnen der Inhalt (fast) egal ist. Weil jeder Inhalt, wenn er in einem guten Kunstwerk aufgegriffen ist, es auch wert ist, betrachtet und erwogen zu werden. Jeder.

Weil es in der Kunst - und wie froh wäre man doch, diesen Begriff endlich von dort "heruntergeholt" zu haben, wohin ihn ein schreckliches, kleinkariertes Bildungsbürgertum geschoben hat - tatsächlich nur um die formale Vollkommenheit geht. Daß Freiheit, Gutheit und Wahrheit in der Kunst eine solche FÜR die Wahrheit der Form (und nicht ein von ihr) ist - und damit zur Schönheit (und auch nicht zur Hübschheit, und auch nicht zur "Ästhetik") verschmilzt.

Bei allen, die in der Kunstbranche arbeiten. In jeder Sparte.

Parameter sinnvollen Freiheitsentzugs

Wahrscheinlich Dr. Josef Goebbels schrieb 1930 in einem von der historischen Wissenschaft kaum rezipierten weil ob seiner Urheberschaft strittigen Artikel ("Utilitarismus und unsere Bewegung") im "Hochberliner Achtelsblatt" folgende Sätze:

"In Zeiten der Krise zählt nicht mehr die Integrität der einzelnen Teile eines Organismus. Vielmehr zeigt uns die Natur, daß nur noch jene Eigenschaften der Organe eines Ganzen zum Tragen kommen und abrufbar sein müssen, die einem einzigen Ziele - der Beseitigung der Lebensgefahr - dienen.


Entsprechend muß ein Volkskörper sich Mitleid verbieten, das er sich in Notzeiten nicht leisten kann, weil ihm Ballastexistenzen jene Lebenskraft abziehen, die er an der Front, dem Entscheidungspunkt seiner Existenz, benötigt. Es mag in Friedenszeiten, in Zeiten der Üppigkeiten, ausreichend Raum für solchen Luxus der mitmenschlichen Werte wie Barmherzigkeit und Liebe geben. 


Aber die große, alles umfassende Liebe fordert in eine Situation, in der es um das Überleben aller geht, das nur im Organismus des Ganzen möglich ist, herrisch ihr Recht, und sie verlangt die Unterordnung geringerer Interessen, des Einzelnen, auch wenn es ihn das Leben kostet. 


Es muß deshalb verlangt werden können, wenn ein Staat, wie es heute der Fall ist, um seine Existenz ringt, belastende Existenzen selbst ihre Eliminierung betreiben. Wir haben keinen Platz für halbe, Viertels- oder Achtelskräfte, wie der Humanwissenschafter Karl Binding es ausdrückt. Es braucht auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen, um diesen menschlichen Hülsen eine Erlösung von ihrem Leiden das sie für ein Volk sind zu ermöglichen. Denn unser Volk braucht das Ganze, oder es wird im Kampf ums Überleben untergehen! Wir dürfen unsere Arbeitskraft, unsere Geduld, unser Vermögen nicht mehr länger verschwenden.

In diesem Sinne muß es der Staat als seinen Auftrag sehen, sich selbst zu reinigen. Ja, jede Familie muß es als Ruf zur Pflicht fühlen, sich vom Ballast zu befreien, um mit von alten bürgerlichen Maßstäben der Schwäche befreitem Herzen und mit ganzer vitaler Kraft dem Staate und ihrem Glücke zu dienen. Denn die Kraft eines Staates steht im Verhältnis zum Glück seiner Menschen!"

Lüdger Beer weist in seiner Schrift "De animae terrorismae" die simple Mechanik auf, die das technische Zeitalter zu einer Apparatur macht, die aber einen identifizierbaren Gesamtzweck benötigt - und den schafft eine Gesamtbedrohung, die die Unterordnung aller Partikularinteressen unter die Interessen des Gesamtüberlebens nötig macht. Kennzeichen eines entuferten Gesellschaftssystems sei es deshalb, daß sich solche Ziele häuften, die eine Bedrohung des Gesamten voraussähen, die die Beseitigung individueller Freiheiten notwendig und vertretbar machten. Während das Bedienpersonal des Technizismus sich aus Spezialanwendern zusammensetzt, zu dem vor allem jene wissenschaftlich vorgebildeten Figuren neigen, die sich in der Technik der Stoffbeherrschung verlieren können.

(Es war auffällig, mit welch biederem Enthusiasmus, zugleich mit welchem moralischen Pathos, die Techniker nationalsozialistischer Eugenik und Euthanasie ihr Handwerk betrieben; während ihre Gewissen duch die "Notwendigkeitssituation" entlastet war, die ihrem Handeln den Charakter einer  Befehlserfüllung gab, sofern dieser nicht ohnehin vorlag.)

Gradmesser der Fortgeschrittenheit solcher Gesellschaften sei, so Beer, die Tatsache, daß je näher solche Systeme dem Kollaps stünden, der Wert der Freiheit diffundiert, für den Einzelnen als Maß politischen Handelns nicht mehr vorhanden und relevant ist. Vielmehr schreite die Vermassung voran, die den Einzelnen von der Pflicht, die Freiheit nämlich in Wahrheit bedeute, enthebe. Der Einzelne fühlt immer deutlicher den Zwang, sich einer Norm anzupassen.

Zugleich werde das Denken, schon gar das der Öffentlichkeit und der Medien, zu einem reinen Mechanismus degradiert, sodaß Entscheidungen immer ausschließlicher "nicht anders fallen können", zu simplen mathematischen Ergebnissen führten.

Totalitarismen haben immer also zwei Hebel: den einer zwingenden Moral, der den zweiten Hebel, des notgedrungenen Entscheidens gegen die Freiheit des anderen, nach sich zieht. Und sie sind immer der Verlust des Bewußtseins, daß sich das Leben immer auf Gott bezieht und ein Dialog ist, dessen Wert nicht innerweltlich-technisch beschränkbar ist.

Der politisch entscheidende Punkt dabei aber ist, daß längst zuvor der Humanitätsmaßstab zu einem Zweck- und Nützlichkeitsdenken reduziert wurde.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Ein gerne vergessenes Detail

Vielleicht sollte man sich aus bestimmten Gründen zuweilen daran erinnern, daß die Kommunisten in den Jahren vor 1933 in Deutschland zur Überraschung vor allem der bürgerlichen Konservativen fortlaufend mit den Nationalsozialisten paktierten. Denn sie waren sich einig, daß es darum ging, die Weimarer Republik auszuhebeln.

Genau das war für viele Bürgerliche und Liberale der Beweis, daß der National-Sozialismus die Überwindung der inneren Spaltungen und Einigung des Volkes war, tatsächlich die Versöhnung zwischen den verfeindeten Lagern der Nationalen und der Sozialisten schaffte. Selbst Stalin sah keine wirklichen Unterschiede - das geht aus seinen Bemerkungen zum Nichtangriffspakt 1939 hervor.

Man kann nur vermuten, daß auch die Kommunisten den Nationalsozialismus einfach zuwenig ernst nahmen, und zu sehr mit der lt. Marx unausbleiblichen Volkserhebung rechneten. Das bezahlten die deutschen Kommunisten freilich teuer: rund 20.000 Kommunisten wurden im Sommer 1933 in Gefängnissen und Konzentrationslagern zusammengetrieben, nachdem man ihre Führungsriege bereits unmittelbar nach dem Reichstagsbrand inhaftiert hatte.

Dennoch bleibt manches nicht ganz erklärlich: warum zum Beispiel der Kommunistische Führer Torgler sich nach dem Reichtstagsbrand den Nazis stellte, um "seine Unschuld" zu beweisen. Warum auch die Kommunisten keinen Aufstand gegen die Nazis initiiert hatten. Dabei waren sie bei den Wahlen 1932 in Berlin noch auf beinahe 38 Prozent der Stimmen gekommen!

Man weiß es nicht. Die Erklärungen gehen bis zu gewiß falschen Vermutungen, Stalin hätte es so befohlen, weil er mit Hitler noch so seine Pläne gehabt hätte.

Das größte Mirakel aber bleibt eine Tatsache, die in genau diesem "kommunistischen" Berlin festzustellen war. Dort, wo sich bis 30. Jänner 1933 Nazis und Rote die blutigsten Saalschlachten und Straßenkämpfe geliefert hatten, war NACH der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein regelrechter Ansturm ehemaliger Kommunisten zur SA zu bemerken.

70 Prozent der Aufnahmen in die SA wurden von nun bekehrten Kommunisten rekrutiert.

(Die Zahlen in dieser Höhe, aber nur darin, sind nicht ganz gesichert, weil sie vom damaligen Leiter des deutschen Geheimdienstes Rudolf Diels stammen, der nach Meinung ihrerseits glaubwürdiger Autoren, darunter Gerhard Ritter in "Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung", in seinem Memoirenbuch "Lucifer ante portas" glaubwürdig ist. Andere Autoren, wie J. C. Fest, erwähnen diesen Umstand, beziffern ihn aber kaum.)

Der entwürdigende Beweis

Hans-Ulrich Instinsky denkt in seiner geschichtswissenschaftlichen Studie zur Historizität von Jesus Christus, "Das Jahr der Geburt Christi", darüber nach, wie sorgsam mit den historischen Quellen umgegangen werden muß. Es sei geradezu der Incarnation Gottes typisch, daß sie sich nicht nur als Mensch, sondern auch der menschlichen Überlieferung ausgeliefert habe. Jede Überlieferung und Tradierung habe wiederum nicht nur die Aufgabe, einfach weiterzugeben, was sie gehört habe, sondern zugleich zu reinigen, seinen Kern erneut zum Leuchten zu bringen, ohne in simplen Archäologismus zu verfallen. Denn jede historische Gestalt habe ihr historisches Gewand, ihre historischen Bedingtheiten.

Den Glauben an Jesus Christus aber auf eine geschichtswissenschaftliche Beweistatsache zurückführen zu wollen, ihn sonst gar zu verwerfen, bringe in seiner technischen Folgeichtigkeit, der nicht zuzustimmen ja widermenschlich wäre, das eigentlich Christliche um seinen Kern: der Betonung der Würde des Menschen, der sich in Eigenverantwortlichkeit auch zu seinem Glauben immer wieder und je neu durchzuringen habe.

So ist und bleibt der Boden, von dem aus der Mensch auch die Wissenschaft - als eines der beiden Beine des Erkennens - zu betreiben aufgerufen ist, ein menschlich-sittlicher Akt, der Verdienstlichkeit beinhalte. Und nur in diesem Zusammenspiel, in dieser sittlichen Reife und Leistung, erhebe sich der Mensch zu jener Wirklichkeitsbereitschaft, die eine Erkenntnis in aller seiner menschlichen Tiefe und Breite bedeuten könne.

Wer meint, auf den Glauben verzichten zu können, beraube sich lediglich einer, und zwar: seiner entscheidenden, Wesenswirklichkeit.

Wissenschaftlich-kritische Prüfung der Grundlagen der Geburt Christi vermöge, so Instinsky, nie den Glauben zu begründen. Sie vermag lediglich, ihn zu stützen. Genauso wenig aber kann wissenschaftliche Skepsis und mangelnde Beweiskraft einen Glauben zu zerstören, der nicht bereits zuvor aufgegeben war.

Mittwoch, 24. Februar 2010

Wie alles kam (6)

Wer sich mit den Schriften des ehemaligen Reichskanzlers Bismarck befaßt, kann nur beeindruckt sein, und selbst wenn er anderer Auffassungen ist, auf welchem geistigen Niveau, in welcher Tiefe der politischen Diskussion und prinzipiellen Überschau hier gedacht und gehandelt wurde. Daß dies kein Einzelfall war, sondern den Parlamentarismus des 19. udn beginnenden 20. Jhds. kennzeichnete, beweisen seine Gegner, allen voran der christlichsoziale Parlamentarier Ludwig Windthorst, sein größter Gegenspieler.

Aber auch in Österreich war Format zuhause, und man mag über ihn denken, wie man will - aber die Schriften eines Ignaz Seipel aus der Zwischenkriegszeit Österreichs sind von tiefer Geistigkeit und politisch beeindruckender Weitsicht - gerade angesichts der Katastrophe einerseits, in der sich dieses Deutschösterreich wiederfand, und der Problematik eines Staates, dem die Nation abhandengekommen und verboten war, anderseits, also einer Aporie! - geprägt.

Die Zeit großer Parlamentarier ist vorbei, ja nach dem 2. Weltkrieg brach sie erst gar nicht mehr an. Die spezifische Entwicklung hat den Parlamentarier selbst zum Vollzugsbeamten der Parteipolitik gemacht. Die eigentliche Arbeit der Abgeordneten geschieht in Ausschüssen und Gremien, ja sie wird aber in Österreich bereits in den 1950er Jahren in ganz anderen Gremien abgeführt - die österreichische Politik fand außerhalb der Parlamente statt, die Machtzentren waren immer mehr die Büros des Gewerkschaftsbundes, und in nur schwächerer Gegenposition der Arbeitgeberverbände. Heute würde man sagen: Lobbyimus war das Prinzip österreichischer Politik.

Das hat sich bis in kleinste Lebenstrukturen fortgesetzt. Überall mußte man "jemanden kennen", Gerechtigkeit kam nur in einer parteispezifischen, proportionalen Form vor. Der Bürger hatte die Wahl, welcher Lobby er beitreten wollte, das war seine Freiheit. Und ... man lebte damit, ja die Bürger inhärierten dieses System.

Mit denselben Folgen: ein System, das als Preis dafür, daß man es benutzen darf, weil zur Lebenswirklichung braucht - der Staat selbst ist ja kein Freizeitspaß einiger Enthusiasten, sondern er ist die verfleischlichte Gemeinschaft eines Volkes, er ist Ausfluß und zugleich Kanalsystem ihrer Kultur! - die Eingliederung und damit Unterordnung in einzelne Machtsysteme als Eintrittspreis benötigt, wird am Ende auf die Interessen dieser Machtsysteme reduziert, ja er wird selbst zum Instrument dieser Machtinteressen.

Gelingt es der Politik, die Lebensweise der Menschen zu prägen, indem sie den Staat beherrschen, so kommt der Moment, wo der Staat selbst diese Lebensweise fordert, um in ihm bestehen zu können, weil diese Lebensweise sein eigenstes Lebensprinzip wurde.

Der Kommunismus ist genau daran nämlich gescheitert, und zugleich ersieht man, daß er nur scheinbar gescheitert ist: Es ist ihm nicht gelungen, eine taugliche "andere" Lebensweise zu schaffen! Er konnte nur vorhandene Lebensformen und -strukturen für sich verwenden, mißbrauchen, usurpieren, um den Schein zu wahren, er hätte andere Lebensformen. (Im speziellen Fall ist er ein Beispiel für die Unmöglichkeit, gegen die Wahrheit der Natur zu herrschen. Entsprechend groß war der Aufwand des früheren "Ostblocks", diesen Lebensnotwendigkeiten der Natur zu entsprechen, ohne sich öffentlich zu widersprechen. Bei gleichzeitig nie geringer werdendem Aufwand, die Ursache für diese Unmöglichkeit in Feindaktivitäten zu suchen.)

Gelingt es, wie im Fall Österreichs, einer immer uferloser werdenden Macht von Interessensgruppen - in diesem Fall: von Funktionären des Materialismus, mit seinem Gesicht des Wohlstands -  die Menschen von sich abhängig zu machen, zum Staat selbst zu werden, so wird das System selbst für die Menschen zur existentiellen Lebensbedingung, wird seine Bedrohung zur Bedrohung des Einzelnen. Wer in Österreich den Wohlfahrtsstaat - unter dem Begriff "Sozialstaat" (als staatliche Präventivfürsorge) noch viel stärker emotional und moralisch verankert - infragestellt, wird somit zum (unmoralischen) Staatsfeind.

Gleichzeitig sorgt der Staat für seine Kinder: die Auswahlkriterien, nach denen er die Menschen an sich zieht, sind immer ausschließlicher solche der existentiellen Angstvermeidung. Die  Möglichkeit zur Verhinderung von existentiellen Folgen subjektiven Handelns wird dabei zur Zuchtpeitsche. Das Bewußtsein der Menschen in Österreich, daß Handeln die Welt neu schafft, daß Handeln bedeutet, daß der nächste Moment anders und unbekannt sein wird, ist somit nicht nur abhanden gekommen, sondern es läßt Handeln überhaupt nur noch im Rahmen immer peniblerer Folgenabsicherung zu.

Eine Diskussion über gesellschaftspolitische Themen wird in einem solchen Staat nicht mehr geführt. Sie dient nur noch der jeweiligen Selbstvergewisserung einerseits, entsprechend wird das intellektuelle Klima zu einer bloßen Schutzbehauptung, das wirklich substantielle Infragestellungen gar nicht mehr zuläßt, ja nicht einmal mehr erkennt weil erkennen will, weil alles wirklich Andere als Bedrohung empfindet und verhindern muß, oder eben als Abwehr anderseits. In einem solche Klima muß jeder Geist zwangsläufig verkümmern, er kann sich bestenfalls noch dort ergießen, wo es um reine Ablauf- und Handhabungstechniken geht.

Oder meinen Sie, es wäre - als Beispiel - Zufall, daß das traditionell musische Österreich derzeit z. B. in der Physik wissenschaftlich reüssiert? Auf Forschungsgebieten praktischer Anwendung, die nie um sich selbst und ihren Sinn frägt? Während der Stand der Philosophie, der Kunst (die derzeit so laut klappernde Filmbranche ist schon prinzipiell nur sehr bedingt auszunehmen, praktisch durch ihre Internationalität sowieso), unserer Domäne, nach übereinstimmender Auffassung vieler Fachleute im internationalen Stellenwert vielleicht noch nie so niedrig war wie derzeit?

Und doch, hört man genau hin, macht sich Unbehagen breit. Und doch protestieren Jugendliche oder junge Studenten nicht mehr "gegen" oder "für" - sie protestieren ... weil sie spüren, da ist etwas, das ihnen nicht paßt! Zum allergrößten Teil sind sie, und das ist die Perfidie des existentiell, identitär verankerten Wohlfahrtsstaates, der seine Opfer von der Wiege an in seine Hände fordert, gar nicht mehr in der Lage, diejenigen Fragen zu formulieren, die sie wirklich betreffen! Nicht nur Ihr Vokabular ist ungenügend, auch wenn sie es da und dort verwenden, selber nicht sicher, ob diese Forderungen überhaupt zutreffen.

Wer die Groteske um die "Studentenproteste" des Jahres 2009 erlebt hat, hat illustriert bekommen, wovon unter anderem die Rede ist. Da besteht wirkliche Angstbesetztheit, sich ihrer eigenen Unzufriedenheit ernsthaft zu nähern. Die Angst, daß dann etwas auftauchen könnte, das Konsequenzen verlangte, die wirkliche Folgen hätten ... Man stelle sich nur dieses Beispiel vor: wie protestierende Studenten artikulieren, daß eine Besetzung der Hörsäle über Weihnachten ein Problem würde, weil man über die Feiertage heimfahren wolle. Daß eine Demonstration, zu der die Gewerkschaft sogar ihre Unterstützung in Form von Hundertschaften schickt, weil ohnehin alle diese Proteste in Wohlwollen und befürwortendem medialem Echo regelrecht ersticken, abbrechen, sich regelrecht davonstehlend, weil den dazu aufrufenden Studenten ... das Wetter zu kalt ist.

Die Folge einer derartigen Ineinssetzung von Partialinteresse und Staat als Erfüllungsinstrument, wie sie durch die Beherrschung sämtlicher Strukturen durch Gewerkschaften und Interessensverbänden in Österreich entstand, und nicht mehr rückgängig zu machen scheint, sind ein völliger Verfall staatlicher Autorität, ja der Staat selber versinkt am Horizont und wird über kurz oder lang vor einer handfesten Legitimitätsdebatte stehen, die er nicht mehr lösen kann, es sei denn, er flüchtet in die mehr oder weniger offene Diktatur - zum Beispiel angesichts einer übergroßen Gefahr - und: haben wir diese Tendenzen nicht längst?

Formulieren sich nicht jedes Jahr neue und immer mehr sich zuspitzende, immer universalere Metagefahren, die Priorität über alle sonstigen Lebensvorgänge verlangen, und vor allem ein Bedrohungsmerkmal haben, dessen Realitätsgehalt aber durchaus zu hinterfragen wäre, würde das nicht immer mehr Mut verlangen, der immer weniger vorhanden ist: Wer das System verläßt, wer aussteigen will, der stirbt nämlich, heißt es da? Klimawandel. Weltwirtschaftskrise. Fluchtwege aus der Legitimitätskrise der Staaten? War der EU-Beitritt 1995 etwas anderes?

Wenn Partialinteresse Macht verdient, dann jedes - und damit zerfällt genau das, was den Staat ausmacht: seine Übergeordnetheit, seine Zuständigkeit für Probleme, die den Horizont und Einfluß des Einzelnen übersteigen, ihn aber sehr wohl betreffen. Wenn zugleich der Staat als Ansprechpartner für jeden und alles erlebt wird, er sich um jedes Problem zu kümmern vorgibt, sinkt er auf genau diesen Rang: den einer lächerlichen Kindertante.

Somit steigt sein Verwaltungsaufwand ins Unermeßliche, ohne daß die Zufriedenheit der Bürger mit ihm steigt, zum Gegenteil. Der Versuch, diesen Aufwand durch "Amt im Internet" zu reduzieren, hat die fatale Folge, daß der Staat überhaupt zur verachteten Virutalität, zum autoritätslosen Konstrukt, zum folgen- und realitätslosen Videospiel, als das das Internet nämlich gesehen wird, verkommt, den Bürgern, die sich seiner hemmungslos bedienen, im selben Atemzug unter den Fingern zerrinnt.

Und der Ruf nach "Bürgermitbestimmung" erhält so ein ganz anders Gesicht. Was ist heute noch wirklich durchsetzbar, wenn nicht genau das, wozu der Staat da ist, aufgegeben wird - Regelungen festzusetzen, ohne jeden einzelnen zu fragen, um ein allgemeines Problem für möglichst viele gut zu regeln, das diese einzeln nicht regeln können?

Ist das nicht das sicherste Zeichen, daß der Staat sich dessen, wozu er überhaupt da ist, nicht mehr sicher ist? Daß er immer häufiger erfährt, daß das, was er anordnet, nicht mehr dem Willen der Bürger entspricht, oder: er desse nicht mehr sicher sein kann? Zeigt das nicht, daß die demokratischen Strukturen längst ihren Sinn - der Sendung, der Legitimierung der Autorität - verloren haben?

Es entspricht jedenfalls genau dem, was in Österreich passiert ist und passiert, und ist eine Folge der politischen Entwicklungen der Nachkriegszeit.

Dienstag, 23. Februar 2010

Aberglaube in der Wissenschaft

"Es gibt keinen fester gewurzelten modernen Aberglauben als den, daß die Wissenschaft 'voraussetzungslos' arbeite. Kein Einsichtiger bestreitet, daß Viele ehrlich und unbefangen ein fleißiges Leben in solcher Befangenheit zubringen. Und doch liegt es klar am Tage, daß die vorsichtigste und sicherste Handhabung der 'kritischen', das heißt alle Vorannahmen ablehnenden Methode, vor der Befangenheit nicht schützen kann, die die größte ist, weil sie sich am feinsten versteckt. 

Auch die 'kritische' Methode hat ihre 'Hypothesis', ihre Vorannahme: die, da man eben 'kritisch' an die geschichtlichen Erscheinungen herangehen könne, das heißt, daß 'damals' alles ebenso gewesen sei wei heute. Mit dieser Annehme strömen aber sämtliche Kategorien, die der Untersuchende mitbringt, in die Untersuchung mit ein. Kein Mensch kann von den Kategorien abstrahieren, die mit ihm geboren sind. 

Ein großer Mensch ist immer unbefangen und vorurteilslos, auch wenn er die kritische Methode niemals kennengelernt hat; und ein Virtuose dieser Methode kann immer noch zugleich in wahres Sammelbecken von Vorurteilen sein. Die wahre Unbefangenheit und Vorurteilslosigkeit liegt in der Art der Kategorien, nicht in der Arbeitsweise."

Alfred Bäumler in "Das mythische Weltalter"

Montag, 22. Februar 2010

Goerdeler contra Eurozone

Als ich den Artikel in der Neuen Züricher Zeitung las, mußte ich an Carl F. Goerdeler denken. Denn mindestens genauso interessant, wenn auch auf andere Weise, wie seine Geschichte im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 (er wurde am 2. Feber 1945 enthauptet, als einziger der Hauptangeklagten übrigens, nicht stranguliert), sind seine wirtschaftstheoretischen Ideen. Die, aufruhend auf seiner gewinnenden, klaren, offenen Persönlichkeit (und seinen Erfolgen als Oberbürgermeister u. a. von Leipzig), in den Jahren bis zu seiner Kaltstellung 1936 jenen legendären Ruf in Deutschland begründeten, der ihn zum Staatsoberhaupt nach einem erfolgreichen Putsch sehr geeignet gemacht hätte.

Was die NZZ nämlich über Griechenland, Spanien, die gesamte Euro-Zone schreibt, dazu bzw. zu dieser Problematik hatte Goerdeler Gegenrezepte, die die Schweizer vielleicht tatsächlich kennen ... denn so vieles gleicht sich!

Da steht also einleitend:

Jeder Tourist weiss: In Spanien, Griechenland oder Italien auswärts zu essen, ist schmackhaft, die Rechnung aber ist gesalzen. Das ist der Grund für die desolate Lage dieser Länder – und damit des Euro. Die Löhne und Preise sind zu hoch geworden. Die vielgescholtenen Staatsdefizite dagegen spiegeln nur im Nachhinein die dramatisch verlorene Konkurrenzfähigkeit dieser Länder, seit sie der Euro-Zone beitraten. Abwerten können sie aber nicht mehr, wie früher die einfache Lösung lautete.

Ich bringe den restlichen Artikel auf einen (der möglichen weiteren) Punkte: Griechenland, ja die gesamten südlichen Länder Europas, haben sich mit dem Euro einen Strick gedreht. Denn so verlockend höhere Wohlstand und Ausgleich in Europa auch sein mögen, sie wurden der Wirklichkeit auch in diesen Länder nicht gerecht. Nun sind die Folgen da, und sie scheinen kaum bewältigbar, weil sie in der Natur der Sache liegen. Die Rezepte, mit denen in Europa nämlich Wirtschaftspolitik gemacht wird - sie haben in Griechenland (und Spanien und Portugal, also dem Süden, aber auch Irland) genau diese Krise verursacht.

Denn um die Wirtschaftskraft in diesen Ländern anzuheben, wurde Geld nach unten gepumpt - auch durch die niedrigen Zinsen (des Nordens, mit höherer Produktivitätssteigerung). Dieses Geld hat bewirkt, daß die Löhne und die Preise sowie die Importe stiegen - nicht aber die Produktivität. Diese war scheinbar ja gar nicht mehr nötig - die Regierungen konnten ja über Sozialausgaben und staatliche Investitionen alle Folgen ebenfalls lange kaschieren. Gleichzeitig stieg der Euro auf den Weltmärkten - Exporte außerhalb Eurpas wurden noch schwieriger, die Arbeitslosigkeit stieg, die Sozialkosten gleichfalls ...

Da haben wir den Salat, ich habe es ja vorhergesagt, würde Goerdeler da sagen. Der ein strikter Gegner jedes Keynesianismus war, und nur (und erst in späteren Jahren) in äußersten Grenzlagen eine Einmischung des Staates für gut hieß. (Er war dann sogar mehrere Jahre Kommissar zur Überwachung der Preise - ein Amt, für das er kein Gehalt nahm, und sogar sein Privatauto ohne Spesenrechnung einsetzte.)  Vor allem war er vehement gegen eine "Ankurbelung" der Nachfrage durch staatliches Geld, durch eine Erhöhung der Geldmenge, die NICHT im Gleichschritt (und eher nachträglich) mit höherer Güterproduktion und Produktivitätssteigerung stand. (Weshalb Goerdeler in gleichem Maß vehement gegen jede parteipolitische Färbung öffentlicher Ämter und Regierungsträger war, und dies ebenso offen wie klug von Hitler einforderte.)

Ein staatlicher Eingriff dürfe nur unterstützend zur Gesundung in Krisenzeiten, und nie länger, geschehen. Und was der spätere, nach, wie er dann meinte, "als einzigem bedauernd zu langem" Zögern per 20. Juli 1944 zu allem bereite Goerdeler in den späten 1920er, frühen 1930er Jahren dachte und soweit er konnte umsetzte (er sanierte z. B. die Finanzen Leipzigs binnen kürzester Frist), klingt wie ein heute gültiges Rezept für Griechenland. Kein Wunder, denn seine Konzepte waren ja in Reaktion auf die Weltwirschaftskrise ab 1929 - die der heutigen in manchem gleicht.

(Unter anderem war er zu dem auch in aktueller analytischer Literatur vertretenen Schluß gekommen, daß die Währungskurse der Länder anders als damals geschehen zueinander akkordiert, aber nicht unveränderlich sein müßten - um nicht als Kampfmittel aller gegen alle zu dienen, eine der Hauptursachen für die Krise jener Jahre. Man lese dazu, was die NZZ über den Starrheits-Effekt des Euro folgert ...)

Goerdeler sah die Wirtschaftskrise 1929ff. als Ergebnis einer zu hohen Geldmenge bei zu niedrigen Geldkosten (bei gleichzeitigem Anstacheln der Anlegermärkte zu höherem Risiko für höhere Zinsen ... wie heute!) Gegenrezepte wären lediglich durch harte Arbeit und Sparkurse - ja: Deflation - wirksam: sie bestünden in einer Senkung der Löhne, in einer Senkung der Preise (notfalls durch staatliche Kontrolle - diese Aufgabe hatte dann Goerdeler für Jahre übernommen), in einschneidendem Sparen bei aller staatlicher Verwaltung, drastischer Reduktion des Beamtenapparates aufs Notwendigste, und in einer Erhöhung der Güterproduktion durch höhere Stundenleistungen der Arbeitnehmer. Denn der Grund für mangelnde Nachfrage auch am Weltmarkt sei der zu hohe Preis der Güter. Und der Grund für die zu hohen Preise waren u. a. die im "Boom" der Wirtschaft der 1920er Jahre leichtsinnig in den Markt gepumpten, vielfach auch öffentlichen Gelder.

Weil dies - ein Exkurs - in volksdemokratischen, parteipolitisch durchtränkten Ordnungen aber kaum durchsetzbar war, war Goerdeler, gewiß zur Überraschung mancher heute, ein Verfechter des Systems der Notverordnungen auf Zeit (wie eben vor Hitler, und diesem dann zum mißbrauchbaren Instrument.)

Das klingt wie jenes Fazit, das der Schweizer Journalist Beat Kappeler in seinem Artikel zur Lage des Euro zieht. Der die gemeinsame Währung für gescheitert hält. Weil sie die realen Wirtschaftsverhältnisse in den südlichen europäischen Ländern bestenfalls "frohrechneten." Gleichzeitig hätten dies Länder keine Möglichkeit mehr, sich durch Währungsparitäten (Abwertung) am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Aber die Wirtschaft hab bereits viel Substanz verloren, weil durch die erhöhten Importe Arbeitsplätze, Unternehmensgewinne und Steuereinnahmen nur noch sanken. Zugunsten der Nordländer nämlich! Die zwar dafür "Geld schickten", aber die Folgen sind bereits dargelegt ... durch die Krise 2008/09 sind nun die südlichen Haushalte rettungslos ruiniert! Die Schulden Griechenlands, Spaniens, Portugals ... sind nicht mehr bezahlbar!

Zur Rettung des Euro aber legt sich nun - bumerangartig - den nördlichen europäischen Ländern eine Last auf, die diese kaum tragen können. Und der Euro geriet längst schon unter Abwertungsdruck, während die Energiekosten dadurch (Importe werden teurer) steigen, und einen eventuellen Aufschwung bremsen. Wobei sich aus demselben Grund die Zinsen zur Regulierung nicht erhöhen lassen - der schwachen südlichen Länder wegen - um die Inflation in der ganzen Euro-Zone bei den hohen Geldmengen, die zusätzlich aufgebracht worden waren, im Griff zu halten. Kappeler meint sogar, daß, wenn die südlichen Länder nicht aus dem Euroverbund austräten, Deutschland diesen Schritt machen sollte. Denn die Last wird nicht zu tragen sein und ein Vielfaches der Wiedervereinigung ausmachen.

[...] Die noch einfachere Lösung ist völlig tabu – dass Deutschland austritt. Es gewänne tiefere Zinsen, und alle seine Euro-Schulden würden mit einer aufgewerteten Mark bezahlt. Der Konkurrenznachteil des Euro-Südens fiele weg, die Importe für die Deutschen würden billiger. Auch hier steht eine Ideologie im Wege – die vielgerühmte Europa-Solidarität. Die einfache, nutzenorientierte Frage der Schweizer oder der Engländer, die ohne Euro jetzt massiv abwerten konnten, stellen sich Deutschlands Politiker nicht: Was bringt's, was kostet es?

Gewiß originell, der Vorschlag. Schon gar wenn man die Frage mancher anderer Kommentatoren weiterspinnt, die da lautet: wo dieses ganze Geld, das der Europäische Währungsfond alleine voriges Jahr geschaffen habe, denn nun hingeflossen sei? Wo wieder Goerdeler ins Spiel käme: denn zwar sei scheinbar die Krise 2009 abgefangen worden, weil weit weniger "schlimm" ausgefallen, als befürchtet, aber sie habe die wirkliche Krise nur hinausgeschoben. Und die sei eine Überproduktion gewesen, die aber durch zu hohe Preise aufgrund zu hoher Stückkosten durch zu hohe Löhne und zu hoher Sozialausgaben nicht absetzbar gewesen war. Nimmt man die Autobranche als Beispiel und Symptom, so hat Goerdeler einfach recht.

Es gibt Meinungen die nüchtern schlußfolgern, daß diese riesigen Rettungs-Geldmengen (z. B. vom Europäischen Währungsfonds)  vom Markt nicht aufgesogen, verarbeitet wurden, denn es wurde ja nicht mehr produziert, weil nicht mehr verbraucht, und schon gar nicht aber: mehr (und gar zusätzlich) investiert (denn welcher Unternehmer geht ohne realen Sinn höheres Risiko ein?), sondern stattdessen eine neue Welle Anlage suchender Investoren ausgelöst habe - bis zum nächsten Blasensprung ...

In Wirklichkeit war das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre (so wie vor 1929) und gar Jahrzehnte bereits zunehmend künstlich, zum einen, durch öffentliche Ausgaben über Verschuldung entstanden, und zum anderen durch "Leerlaufwirtschaft" - durch Erhöhung der (unproduktiven) Sozialkosten (die ja in unsere BIP-Rechnungen als "Wirtschaftsleistung" aufblasen) sowie (meist staatlich bezahlte) Tertiärkosten (Beispiel: Folgekosten, die der Realwirtschaft abgenommen werden und dort ein unwahres Kosten-/Nutzengefüge entstehen ließen - wie Umweltsanierungen, Kinderbetreuungskosten, Frühpensionierungen anstatt Arbeitslosigkeit etc.) In Krisenzeiten sind diese Ausgaben nicht mehr haltbar, will man keinen Staatsbankrott riskieren.

Goerdeler meinte übrigens, daß die Arbeitslosenfürsorge (er war ein Gegner einer Versicheurng) auf kommunaler Ebene zu bleiben habe. Der Verantwortungsgefühle aller wegen.

Irland (das - aus anderen, und doch sehr ähnlichen Gründen -  vom selben Problem betroffen ist) hat als erstes Land nun begonnen, die Preise zu senken. Der NZZ-Journalist meint, daß aber die südlichen Länder wohl kaum nachziehen würden. Denn dort, so Kappeler, sei der ideologische Druck viel höher. Zitat NZZ:

Doch Spekulation war eher, dass die damals Europa dominierenden Sozialisten und Gewerkschaften den Maastrichter Vertrag nicht richtig gelesen hatten, dass die Politiker hofften, alles gehe schon noch auf. Doch das Grundlagenpapier der EU-Kommission von 1990 zur Währungsunion sah «insbesondere in der Lohnflexibilität das wichtigste Anpassungs- instrument». Als Alternative müssten diese Länder die Leistung pro Kopf dramatisch steigern. Dazu müssten die Kündigungs-Hemmnisse abgeschafft, die Arbeitszeiten verlängert, die viel zu vielen Staatsangestellten in private Produktionen gesteckt werden. Solche Produktivitätsgewinne sind das Unwahrscheinlichste. Da bleiben nur lange Jahre Abbau und Deflation. 

Tja - wer da nicht Goerdeler hört? Der war eben auch ein vehementer Gegner von Ideologien, sodaß er sogar mit seiner eigenen Partei brach. Doch seine Gedanken waren gewiß bemerkenswert. Für Ideologen freilich überraschend, und für Hitler bald "unmöglich" und "lächerlich" weil der alle Erfolge durch fröhliche Geldvermehrung erzielte. Später war seine (an sich lange Zeit hohe) Meinung über Goerdeler dann ja noch ganz anderer Qualität.

Wieviele Parallelen zur Gegenwart!

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1 + 1 = 2. Basta.

Vielleicht ist es wirklich so simpel, wie es der amerikanische Wetterfrosch John Coleman, Gründer des Wetterkanals in den USA, hier erklärt?  Der dann völlig zu recht befordert, daß nun genug über das Klima gequatscht worden ist, die Hypothese über die menschengemachte Klimaerwärmung ist hinfällig, die Beweise liegen auf der Hand, man muß sie nur einmal zusammenzählen. Der kurze Beitrag bringt die Dinge so auf den Punkt, daß man sich fast die Augen reibt und sich wundert, wie einfach alles sein kann!

Wobei ... schauen Sie diese 6 Minuten (mit deutschen Untertiteln), und machen Sie sich den Spaß, es als Teil eines Kabarettprogramms zu sehen, das das Thema ironisch kommentiert, und die dargestellten Schlüsse genau deshalb hinterfrägt, weil Coleman in so unübertrefflich schnoddriger Gewißheit "Also los!" schreit: "Laßt es uns weiter gut gehen und Öl verbrennen, solange es noch da ist!"

Und dann, dann wollen wir das Thema vielleicht wirklich ein für allemal abhaken.

Wie alles kam (5)

Versuch einer Zwischenbilanz:


Die "Konfliktkultur", die in Österreich von 1945 an, und bis heute vorherrschend, kultiviert wurde, ist im Grunde ein Kriegsstrategie: zu dem Zeitpunkt, zu dem sich die prinzipiellen politischen Strukturen in diesem Lande ausformten, die im Wesentlichen seither unverändert herrschen, ja sich geradezu perpetiuiert, hermetisiert haben, und das liegt in ihrer Natur, zum zeitpunkt nach 1945 ging es um das bloße Überleben als selbständiger Staat den Machtblöcken des Kalten Krieges gegenüber. Schon deshalb mußten ideologische Prinzipien hintangestellt werden, denn über allem regierte ein einziges Kriterium: der Bestand Österreichs.

Nichts vereint so sehr, wie ein gemeinsamer Feind. Ja, manches Ding auf dieser Welt hat überhaupt nur dann Bestand, wenn es ein Gegenüber hat. Und: solange es dieses hat. Die Lage zwischen den Machtblöcken, immer in Wahrheit nur von den Kommunisten bedroht - so empfand man es in diesem Land, so handelte die Politik, in Wahrheit waren die Kommunisten im Parlament nie eine wirklich ernstzunehmende Größe -  hat hierzulande ein Zusammengehörigkeitsgefühl geschaffen, das nicht unwesentlich zur Schaffung eines Proporzsystems führte, demgemäß die Parteien, und somit: die Gewerkschaften anteilig gesehen am meisten, das Leben in diesem Land völlig durchwirkt haben.

Speziell die Gewerkschaften werden ja als Prinzip meist völlig unterschätzt. Denn ihr Einfluß ist nicht "quantitativ" - er ist ein prinzipieller. Mit der Streikdrohung, mit der Drohung, das ganze tägliche Leben und Wesen eines Staates zu kippen, und das ist eine Streikdrohung, sind sie in Wahrheit die Träger der gesamten Macht. In Österreich hat die starke Konzentration der gewerkschaftlichen Macht, die mehrere Gründe hat, die hier bereits nachvollziehbar gemacht wurde, zu einem lebenspraktischen Pragmatismus geführt, der auch nach 1955 nicht mehr zu beseitigen war. Dazu hätte es einer regelrechten Neugründung des Staates bedurft, der vielzitierten "Dritten Republik" - befänden wir uns nach Ansicht mancher seit 1971 nicht längst in einer solchen - dazu aber später.

Jenes Lebensprinzip aber, das nur noch den pragmatischen Wohlstandsvorteil als maßgebendes Kriterium der Politik sieht, wird zurecht als "sozialistisches Prinzip" gesehen - als Ausformung des puren Materialismus. In dieser Lebensprägung haben sich nicht nur die Nachkriegsmenschen bewegt, sondern sie haben die nächsten Generationen großgezogen.

Nun hat der Materialismus - quantitativer Wohlstand als alleiniges Kriterium - eine bemerkenswerte und widersprüchliche Folge: er schafft Angst. Denn er verhängt zunehmend Identität und Persönlichkeit mit irdischen, aber vergänglichen (!) und gefährdeten Gütern. Damit wird deren Wandel und Krisenhaftigkeit zunehmend zum taktgebenden Zentrum des Lebens.

So verändert sich die Sichtweise der Menschen: materielle  Sicherheit steht über allem, ihr wird ideologische Ausrichtung - und hier hat sie insofern Sinn, als sie NICHT materialistische Lebenshaltung anzeigt, wo also Identität und Lebensmotiv "krisenresistenter", von irdischem Geschehen unabhängiger, in überzeitlichen Werten ankert - völlig untergeordnet. Diese Prinzipienlosigkeit, die viele ja sehr wohl auch heute feststellen und an den Parteien kritisieren, wird umgekehrt subjektiv gerechtfertigt, und somit selbst zum ideologischen Prinzip, das auch aggressiv verteidigt wird.

Dieser "Liberalismus", als Folge immer verengtereren Materialismus, schafft also zwar nach außen "Ruhe", scheinbar Konfliktlosigkeit, ist aber in Wahrheit nur ein Verbot von Konflikten, dessen Einhaltung auch strikt überwacht wird.

Ausgehend also von der immer tieferen Angst, das gesamte System unseres Lebens bräche zusammen, werden die Lebensäußerungen zunehmend reduziert, und wo sie gerade aus diesem unterdrückten Vitaltrieb heraus zu einer sogar übertriebenen Exaltiertheit führen, sind sie in Wahrheit Ersatz für die unausgelebte Eigentlichkeit der Antriebe. Man tut viel - um nicht das tun zu müssen, was man tun sollte - um denn die Angst vor dem Scheitern, dessen Konsequenzen dunkel bleiben müssen, die ein Herausfallen aus dem System prinzipiell verlangen (!), überwiegt. Denn wer SEINEN Weg geht - der muß auf jeden Fall aller Konvention entsagen. Seinen Weg kann nur er gehen, hier ist jeder im letzten ohne Archetyp.

Das ist dann der Moment, wo sich Parteien von "Bewegungen" abgelöst sehen. Hier sucht sich vitaler Trieb, der in vorgefundenen Strukturen keine Entsprechung mehr fühlt, eine konkrete Form. Weshalb jede Bewegung unweigerlich in eine Partei mündet ... Die FPÖ, die ideologisch keinen wirklichen Boden hatte, war die einzige Partei, die somit diesen "Bodensatz" der Unzufriedenheit aufnehmen konnte. (Ihre spaltungen der letzten Jahre sind im Grunde für diese Thesen irrelevant, ja bestätigen sie: die Kärntner BZÖ unter Jörg Haider war eigentlich eine Rückkehr zum Wohlstandspragmatismus, wie ihn die SPÖ, und schließlich das ganze Land vollzogen hat)

Scheinbar werden dann alle Aufgaben der Politik zu reinen Sachproblemen - man übersieht dabei aber, daß schon die Definition dessen, was die Sache eines Problems ist, ideologische, weltanschauliche Grundfragen geklärt haben muß! Sonst wird Problemlösung zum bloßen ... und hier wieder eine Ursache der heutigen Blöcke! ... Technizismus. Weil sich die Lösung eines Problems immer nur auf die Erhaltung eines status quo beziehen KANN.

Jedes Heraustreten aus dem mehr oder weniger engen Rahmen eines "Sachproblems" verlangt sofort weltanschauliche Positionierung, und damit Geist.

Die Festlegung der realen Lebenstrukturen in diesem Land aber - wo alles sich letztlich in einer Form von Gewerkschaft aufgelöst hat, einer Verbrüderung in der Forderung nach Wohlstand "gegen" den Staat - ist nicht nur ein Verbot solcher Überlegungen, sondern eine ideolgische Entscheidung selbst: die des Materialismus.

Der in diesem Land durch seine politischen Strukturen zum Lebensprinzip einzementiert wurde. Damit - und hier muß man Marx in gewisser (nämlich: faktischer) Hinsicht recht geben - wird das Weltprinzip tragend, daß sich das "Sein" das Bewußtsein schafft.

Nahezu jeder Lebens-, vor allem aber: Denkbereich in diesem Land ist somit materialistisch und in einer meist höchst widersprüchlichen Mischung von Ideologien, deren einziger Nenner: subjektiver Pragmatismus ist, geprägt. Aufruhend auf einem gesättigten Dasein, in dem natürlich nur das Mittelmaß, ja: das untere Maß, "alles" findet. An dem aber vor allem das Überdurchschnittliche, das immer (!) ein Geistiges ist, selbst wenn es sich auf körperliche Fähigkeiten (Sport) beruft, scheitern MUSZ, weil es mit dem Strukturkonservativismus des Zufriedenen konfrontiert ist, das aber die Entscheidungen trägt,

Nicht zufällig deshalb werden in den letzten jahren die Rufe nach Überdurchschnittlichem laut! Aber diese Rufe werden zwangsläufig scheitern, werden keinen Wiederhall finden können. Die Lebenshaltung in diesem Land ist zerstört - und sie ist es aufgrund politischer Entscheidungen und Wege der Zeit nach dem 2. Weltkrieg.

Man muß, um das zu belegen, nur ein ganz klein wenig die Augen öffenen, denn die Indizien sind mehr als erdrückend: die Lebensgeschichten der Menschen mit außergewöhnlichen Leistungen sind auch heute noch Geschichten von oft unmenschlichen Überwindungen von Schwierigkeiten - keine Produkte von Fördertöpfen oder -wegen. Schon deshalb übrigens ist von den meist überversorgten Migranten ... nur wenig zu erwarten. Viele kommen nicht, um hier zu wirklichen, wozu sie in ihrer Heimat nicht in der Lage sind, sondern um sich ebenfalls hier an den scheinbar unerschöpflichen allgemeinen, verrechteten Töpfen bedienen zu können.

Nur - nur! - dort werden sich aber noch Überdurchschnittliche erheben können, weil als ultimo ratio zu sich selbst finden, wo sich Bevölkerungsgruppen finden, die Systemverlierer sind. Zwar hat der Sozialstaat auch deshalb nämlich die Tendenz entwickelt, "alle" zu integrieren - denn nur Unzufriedene gefährden ihn (scheinbar, nur scheinbar!) - aber er produziert eine kleine Schicht an "Todfeinden", die er niemals wird integrieren können.

Dieses tatsächlich kleine, vielleicht sogar: winzige!, Reservoir an Menschen ist die einzige Zukunftshoffnung Österreichs ...

Sonntag, 21. Februar 2010

Hoffnungslos, aber nicht kritisch

Vielleicht muß man manchmal etwas korrigieren - den Eindruck der entstehen könnte, betrachtet man den Kern des Schöngeistigen, als das Zentrum des Lebens überhaupt. Das nämlich immer (auch) eine fundamentale Kulturkritik bedeutet.

Und auf manchen Blick wie fatalistisches Endzeitdenken (von Schöpfungsverneinung gar nicht zu reden) wirken könnte.

Das ist es zwar, aber nur: auch.

Es wäre deshalb verkehrt, zu meinen, kritische Haltung wäre gnadenlose apokalyptische Drohung. So sehr Kritik heute zum Schluß kommen könnte, es wäre nichts mehr zu retten. Vor dieser kulturellen Verzweiflung sei gewarnt! Auch sie ist oft lediglich Ausflucht.

Jede Kulturkritik ist nämlich zu allererst eine Prognose aus korrigierbaren (!) Mißständen heraus, ist ein prophetischer Aufruf zum "Kehrt um!" Und es ist eine Kritik, die sich aus der unvermeidlichen Reibung des Faktischen mit dem Idealen ergibt. Weil diese Verfehlungen aus der immer gleichbleibenden Haltung des Menschen auch immer gleich sind, gleicht sich ja die Kulturkritik aller Jahrtausende, und hat ihre Kritikparameter durch den Fortgang der Geschichte bis zur hellsten Hellsicht geeicht weil verifiziert. Sie ist aber nie Fatalismus - das träfe nur dort zu, wo wir genau das beklagen, was Kritik einfordert: menschliches Handeln in Freiheit und Wahrheit. Nur dort liefern wir uns unabänderlichen Mechanismen aus.

Ohne diese kritische Grundhaltung würde man sich somit den Mechanismen der Zeit ausliefern. Das Leben aber kann nur dann nicht verfehlt werden, wenn seine Richtung ständig auf sein wirkliches, volles Ziel hin korrigiert wird. Passiert dies nicht, so wird sich das Leben freilich verfehlen, mal mehr, mal weniger, oder auch ... ganz. Zumindest ist das nicht auszuschließen.

Aber ganz sicher nicht besteht die Haltung der Lebensbejahung in einer Eingliederung in die Heerschar selbstzufriedener Bonvivants und Ja-Sager, die nur nicht beim Beuteverzehr gestört werden möchten. Wirklich Ja zu allem konnte man nur im Paradies sagen. Seither sind wir aber gezwungen, die Geglücktheit unsere Lebens selbst zu wollen, und den Kurs selbst festzulegen. Denn seither können wir unser Leben auch verfehlen - wir wollten es so, wir wollten Gut und Böse unterscheiden können, wollten auch die Freiheit zum Bösen ausprobieren, und deshalb auch dem Nichts Raum geben. Damit aber müssen wir auch täglich und stündlich neu wählen und uns über das Nichts erheben, und müssen wir uns trainieren, für dieses Gut auch genug Kraft zu haben, um es überhaupt wählen zu können. Was man Tugend nennt.

Deshalb KANN eine gesunde menschliche Haltung nur eine Haltung der Kritik sein, um uns diese Freiheit immer wieder neu zu erringen. Die pessimistisch sein kann, aber dennoch nie in dieser Kritik versinkt.

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Flammen von unten

Ein modernes Meßgewand. Ist das ausgedrückt, was anzunehmen sich aufdrängt - daß der Priester bei der Zelebration etwas "subparterre" steht?

Sünder! Keine Verkäufer und Keiler.

Was dem Ambrosius bei all diesen Diskussionen um Mißbräuche und sexuelle Verfehlungen in der Kirche, wie sie jüngst wieder aufgetaucht sind, immer deutlicher fehlte?

Ihm fehlt das, was jedem Katholiken doch selber am Herzen brenne müßte: JA, ich bin ein Sünder, ich habe gefehlt! Aus.

Und wenn die anderen auf die linke Backe schlagen, dann halte man auch noch die rechte hin.

Wer den Schaden hat, hat eben auch den Spott zu tragen.

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen hat es nun endlich geliefert. Er (ich zitiere kreuz.net) findet es verständlich, daß die Kirche wegen Homo-Schändungen „besonders an den Pranger gestellt“ wird. Das sagte er im Interview mit der liberalen Tageszeitung ‘Frankfurter Rundschau’: „Wir treten als Kirche mit einem hohen moralischen Anspruch auf. Daran müssen wir uns dann eben auch messen lassen – und die Kritik annehmen.“ 

Und nun wird es bunt, und nun muß ich mich angewidert abwenden, denn kreuz.net schreibt weiter:

Ferner verleumdete der unverschämte Erzbischof auch die Kirche und behauptete, daß es „in unseren Reihen sexuellen Mißbrauch in einem erschreckenden Maße“ gäbe.

Verleumdete ... Es reicht. Denn Erzbischof Thissen hat völlig recht. Was reicht, ist aber diese Haltung von billigen, neurotischen PR-Agenten und selbsternannten Verkaufsberatern, die im Grunde Defraudanten sind, die jedesmal Nervenkrisen bekommen, wenn die Welt nicht so auf sie reagiert, wie sie es gerne hätten und meinen zu verdienen. Leute, wie sie haargenau aus der Schule des NeuroLinguistischenProgrammierens zuhauf kommen. Die nämlich bei dem, was sie tun, keinen Moment mehr darauf vertrauen, was IST, sondern jeden Augenblick ihre Wirkung BEIM (nicht einmal: auf) anderen kontrollieren wollen. Die bei allem nur noch berücksichtigen, wie es ihrer Meinung nach wirken könnte - um nur ja das gewünschte Bild zu schaffen. Damit der andre ja kaufe ...

So werden nur noch Scheinkämpfe geführt. So führt sich alles Fort vom Fleisch der Wirklichkeit, ins Land der Phantasten. Und alle jammern nur noch über die verschüttete Milch, die sowieso nicht mehr zu retten ist.

Ich weiß, daß man nicht einfach und immer zu naiver Offenheit raten soll. Aber es gibt einfach auch einen Punkt, wo man nur darauf setzen MUSZ. Jahrzehntelang wurde nur um die Stellung der Kirche in der meinugn der Menchen nicht zu schädigen nur noch gemauert und geklammert, sodaß niemand mehr gemerkt hat, daß er nur noch einen staubzerfallenen, verwesten Leichnam in Händen hielt, eine Mumie. Alles ist im Systemkonservativismus erstickt, und tut es noch heute.

Wenn es aber heißt: "... und wenn Dich einer zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, so geh zwei mit ihm" - dann drückt sich darin eine auch rein menschlich gesehen tiefe Klugheit aus. Ein Urteil in den Augen der Menschen muß sich in deren Herzen - als eigene Leistung!" - bilden. Laßt doch den Menschen diese Freiheit! Das Ergebnis, ich bin überzeugt, wird ganz anders ausfallen, als all diese neurotischen Zwangsbeglücker ahnen - weit besser nämlich!

Wenn es aber eine Gruppierung in der Kirche geben sollte - und die gab es ja zu allen Zeiten, Luther war der effektivste von ihnen - die meint, eine Kirche OHNE die Tatsache, daß sie in zerbrechlichen Gefäßen real existiert, verkaufen zu können, dann kann man davor nur warnen. Denn was sind das dann für Menschen?! Gerade diese behauptete Heilsvollkommenheit und -gewißheit ist ja der Krebsschaden, ja sie ist der Kern der Liturgiereform nach dem Vaticanum II, samt manchen Gegenbewegungen, der seit Jahrzehnten alles zugrunde richtet. Weil das Gewand der Kirche blickdicht macht - de labore sole!

Die Zeichen der Zeit lauten heute anders, das wage ich zu behaupten. Sie lauten nicht: Wiederherstellung eines längst verlorenen, längst museal gewordenen Zustands. Das ist vorbei. Wie sehr, zeigen gerade die Vorfälle der letzten Jahre, die zeigen, wie morsch so vieles war, was da so alles jahrzehntelang dahinfaulen konnte, ohne daß man es zur Kenntnis nahm. Der wahre Skandal wurde ja zunehmend gar nicht das individuelle Fehlen Einzelner - sondern das Verhalten der Kirche selber, die Vertuschung, die Ignoranz, die einer Verhöhnung aller Opfer gleichkam, und die Untaten nie enden ließ!

Deshalb sind sie auch wieder aufgetaucht, alle. Und wer weiß, welche noch auftauchen. Das zu sagen ist nicht Verleumdung, sondern längst schon gebotene Klugheit. Das zu verleugnen aber verlangte genau die falsche, die dümmliche Naivität. Das fing an bei Kardinal Groer, und es scheint nicht zu enden. Da wedelt doch längst der Schwanz mit dem Hund - nicht mehr die Tat zählt, sondern die Rezeption ...

Vielleicht letztere genau wegen des Umgangs mit der Tat? Wie endet denn Unrecht jemandem gegenüber? Mit Kadavergehorsam, der das Opfer eben zum Opfer fallen muß, das sollen sie alle endlich zur Kenntnis nehmen, weil die Tat weniger zählt, als der PR-Schaden an der Kirche? Das wirkliche, realistische Maß all dieser Untaten kann so ja nicht einmal wirklich rezipiert, frei von allen zeitgemäßen Hysterismen, und damit jene auch geheilt werden! Sicher nicht geheilt werden sie, wie groß und wirklich schwer sie auch sein mögen, wenn über all die Obacht, mit der über dem Image "der Kirche" gewacht wird, das Unheil genau durch den Umgang damit weiter aufrecht bleibt. Zumal in einer Zeit des Zerfalls der kulturellen Ordnungen. Denn das heißt, daß auch die Integrationskraft für Wunden sinkt, und früher noch integrierbare, im Schweigen diskret gehaltene Aporien, nun als Zerfallsprodukte ans Tageslicht kommen ... es wäre für alle gut, sich darauf einzustellen. Vor allem auch für die, die alle Hände voll zu tun haben, und damit gar keine mehr freihaben, um mit fanatisch geweiteten Augen die Potemkin'schen Dörferkulissen festzuhalten.

Die Ursache der grandiosen Orientierungslosigkeit, die heute herscht, ist eigentlich genau der fehlende Begriff, die fehlende Sichtbarkeit von Heiligkeit - das ist der Kern auch all der Phantasmorgien, die sich gebildet haben, von Medjugorje bis zu Pius X. Deshalb ist die Häme, die einer Kirche entgegenschlägt, die genau das zu sein ja behauptet, heilig, heil, wie sonst sollte sie es weitergeben, nur zu verständlich: Wo ist sie denn da also, die Heiligkeit? Wie sieht es denn aus, das, was der Mensch sein könnte und - sollte, und ... wollte? Ist es denn nicht blanker Zynismus, dafür eine Lebensführung einzufordern, deren die Prediger selbst nicht fähig sind? Heiligkeit wird um kein Jota wahrer, wirklicher, wenn man dafür sorgt, daß alle die entsprechende Brille aufsetzen, die einen ansehen. Schon vergessen? Der Zweck heiligt nicht die Mittel!

Wo aber wären sie, die heiligen Priester heute? Wo!? DAS von Bischöfen und Päpsten endlich einmal zur Kenntnis genommen zu sehen, das ist ein erster Schritt ... es ist die Wehmut der Sehnsucht nach solchen Priestern! Gerade in dieser historischen Situation, wo wirklich alles zerfällt, und kosmetischer Fassadenkitt einfach nicht mehr reicht, um temporäre Schäden auszubessern, bis zur nächsten Generalsanierung. Aber als Dauerkosmetik es zu verkaufen - so agieren Keiler, die den Daumen auf die Fehlstelle halten, und nur ihrer Sache unsichere Verkäufermarionetten versuchen etwas vorzugaukeln.

Jeder offizielle, und vor allem aber: jeder selbsternannte Provinz-PR-Agent soll seine Betriebsanleitung, wie man Autorität und Stellung innerhalb der Gesellschaft erreichen könne, endlich an Scientology und NLP-Trainer zurücksenden, die sämtlich in dieser Angst vor der Wirklichkeit, dem Sein, ersticken. Das immer und in aller Gestalt letztlich tragend wirklich ist und bleibt, und auf das man auch vertrauen lernen muß, und dann sollen alle diese endlich in Pension gehen.

Tun wir alle ab den Schlaf, bedecken wir unser Haupt mit Asche, und lassen wir uns endlich erneuern. De labore sole hieß das Motto des Malachias, das über dem Pontifikat von Johannes Paul II. stehen solle. Ja, es trifft zu: Gott kann nicht mehr durchwirken. Durch die schweren Stoffe, aus denen die Kostüme gewebt sind, die Kirche und vor allem das Heil vorgaukeln sollen. Das ist ein Faktum. Und es trifft auf sowohl die Rechten, wie auf die Linken zu - sie sind Teil derselben krankhaften Misere: Gott das Heft aus der Hand nehmen zu wollen, weil er sich erdreistet, armselig zu sein.

Rudolf A. Schröder greift in seiner Predigt zum Sonntag Invokabit (der heutige erste Fastensonntag heißt auch bei den Protestanten so) im Jahre 1946 die Schuld Deutschlands der vergangenen Jahre auf, und er spricht es ins Heute, denn Geschichte ist nur das jeweilige Gesicht der stets gleichen Kräfte: auch wenn nun das große Splitter- und Balkensuchen anhebt, der Baum ist als Ganzes betroffen und verflucht. Die Wurzel kann nun nicht sagen, sie hätte ja alles ihrige getan, die Blätter seien es gewesen! Es braucht nun das Einstehen für das Gesamte, es braucht Seelen, die das Kreuz tragen - nicht abwehren, oder verteilen. Wir haben noch eine Frist erhalten.

Es braucht Seelen, die noch ernst nehmen, wenn sie vor der Kommunion dreimal an die Brust schlagen und murmeln: Domine, non sum dignus ut intres sub tectum meum, sed tantum dic verbo, et sanabitur anima mea ...

Ambrosius