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Mittwoch, 31. März 2010

Geheimnisvoll gestaltende Hand

Selbst nach abertausenden Seiten Lektüre unterschiedlichster Autoren wird die erste Hälfte des 17. Jhds. in der Geschichte Europas, die im 30jährigen Krieg sich einfaßte, nicht einfacher zu abstrahieren. Vielmehr zerläuft diese Epoche in ein einem Bienenhaus gleichendes Gemengelage eigentümlichster Figuren und Charaktere und alles zerreißender Motivstränge. Und eine der wahrlich seltsamsten dabei ist die des Pater Joseph, der "Grauen Eminenz", wie man diesen Kapuzinerpater, den engsten Vertrauten, die rechte Hand von Kardinal Richelieu, nannte.

Dieser Mann, der meist zu Fuß zwischen Rom, Wien, Deutschland, ja Schweden, und Paris unermüdlich hin- und herlief, war der eigentliche Drahtzieher eines Europa, das den tödlichen Keim des Zerfalls, den Frankreich sehr real anbot, schluckte - und daran zerweste. Es sind nicht die geringsten Historiker, die in den Ereignissen des 30jährigen Krieges, und vor allem in der Konstellation, die im Westfälischen Frieden 1648 geschaffen wurde, die vitale Wurzel der furchtbaren Kriege des 20. Jhds. sehen.

Und dieses Drahtgeflecht, diese Mißgeburt, wurde von einem Mönch geflochten, der auf diesen abertausenden Kilometern, die er auf Schusters Rappen, in einfachen Sandalen oder gleich barfuß  zurücklegte, in fortwährendem Gebet versunken, sein Leben Gott hingab, für Frankreich im mystischen Sinne starb. Er, Francois Leclerc du Tremblais, Pater Joseph (1577-1638) war der Täter, er führte nicht nur aus, sondern er gestaltete, verhandelte, vereinbarte - völlig im Hintergrund, und nur in grober Abstimmung mit dem offiziellen Architekten, Richelieu.

Ein schlichter Bettelmönch brachte das Kaiserreich, die einzige Hoffnung Europas, zum Einsturz, indem er ihm auf diplomatischem Wege (der natürlich auch Intrigen umfaßte) unheilbare Wunden zufügte, schwächte weil spaltete Deutschland auf Jahrhunderte, entschied den Krieg durch Allianzen, brachte Spaniens Vormachtstellung in Europa zum Einsturz, setzte geschickt den Papst politisch für seine Zwecke ein, stimmte über das weltweite Informationsnetz der Kapuziner die Politik seines Landes auf geostrategische Momente ab, steuerte über Massenmedien - die ersten "Parteizeitungen" - Stimmung und politische Meinung in Frankreich selbst, und stärkte, nein schuf so Frankreich als europäische Großmacht.  Ein Ziel, dem er sich auf spirituelle Weise, als so verstandenen Auftrag Gottes an ihn, in aller Totalität unterordnete.

In einer Zeit voll der gleichermaßen bemerkenswertesten wie seltsamsten Figuren. In deren Hand auch unsere Gegenwart lag.

Genau so war ja die Argumentation

Genau das, was Robert Menasse im KURIER-Interview zur EU sagt, war ja die Argumentation, damals, als es um den Beitrit zur EU ging: So wird es kommen. Und Menasse bestätigt: ja, so ist es gekommen, und so wird es kommen. Daß Menasse als bekennender Linker das positiv sieht ist natürlich logisch - er ist mittlerweile von er EU überzeugt. Lesen Sie, warum sie das erfüllt, was sich in Linker als vernünftige Politik vorstellt (gekürzt) - als aufklärerisch-marxistischer Superstaat, der endlich effizient umsetzt, was marxistische Ideologie als glückliche Zukunft präsentiert. Die Katholenschädel, die noch vor wenigen Jahren alles getan haben, um Österreich in die EU zu treiben, können sich ja einmal in Ruhe überlegen, warum die prononciertesten Linken längst die massivsten Befürworter der EU sind - weil man mit einem derart mächtigen Apparat, der auf dem Bodensatz linker Ideologien sitzt, den die Universitäten dorthin schwemmen und geschwemmt haben, tatsächlich viel Einfluß auf die Gesellschaftspolitik der "Regionen" nehmen kann, die man ja begrüßt. Nachdem man sie gleichgeschaltet hat.

KURIER: Herr Menasse, was machen Sie in Brüssel?
Robert Menasse: Ich bin seit einem Monat hier, gehe jeden Tag in die Kommission, in den Rat, spreche mit Beamten, lasse mir von ihren Tagesabläufen erzählen. [...] Ich arbeite an einem Roman, [...] Eine der Romanfiguren arbeitet in der Kommission.

[...]

Was ist Ihnen bisher Besonderes aufgefallen?
Ich hatte große Vorurteile gegenüber der Kommission. Ich sah sie als aufgeblähten, realitätsfernen bürokratischen Apparat, der ohne demokratische Legitimation weitreichende Entscheidungen trifft. Und nun bin ich beeindruckt von der Effizienz dieser Institution und der Kompetenz der Menschen, die hier arbeiten. Sie sind in der Regel hoch qualifiziert, engagiert, weltoffen, polyglott, haben nationales Denken zugunsten des supranationalen Projekts EU hinter sich gelassen. Die viel geschmähte Bürokratie ist letztlich der Glücksfall einer aufgeklärten Verwaltung.

Sie haben in einem Essay vor wenigen Tagen dieses System als "europäischen Josephinismus" bezeichnet.

Ja. Das ist, wenn man genau hinschaut, verblüffend. Ein aufgeklärter Apparat, der ohne Volk tatsächlich für das Volk arbeitet. Das ist Josephinismus. Gestört oder
zurückgestutzt wird dessen Arbeit just von jenen, die wir demokratisch in Führungspositionen gewählt haben. Etwa die Regierungschefs. Der Rat. Da entscheiden Politiker, die angetrieben werden von nationalen Stimmungen und von Krawallmedien. Es ist eine eigenartige Dialektik: Beamte treiben das europäische Projekt voran, gewählte Politiker stören diese Entwicklung durch Renationalisierung.

[...]

Bleiben wir bei der Geschichte und dem Inhalt Ihres Romans: Es soll da auch um die Vorbereitungen für europaweite Feierlichkeiten gehen, anlässlich eines runden Jahrestags der EU-Gründung. Die Überwindung nationaler Feindschaften ist das Gründungsmotiv der EU. Junge Menschen können damit aber kaum noch etwas anfangen.
Junge Menschen brauchen vielleicht keine historisch abgeleiteten Legitimationsideologien. Ihnen genügt die unmittelbare Erfahrung der Lebensrealität. Ich hätte gern als Student ein oder zwei Gastsemester in Berlin gemacht. Das war damals unmöglich. Meine Tochter studiert ganz selbstverständlich in einer anderen europäischen Stadt - nur die Großeltern sagen ,im Ausland'. Grundsätzlich aber wird die EU, wie jedes politische Gebilde, auch weiterhin einen historisch ableitbaren Gründungsmythos brauchen. Und "Nie wieder nationale Kriege, nie wieder Auschwitz" ist doch wahrlich nicht unvernünftig. Historische Vernunft ist ein Vexierbild. Wenn wir es ein wenig kippen, sehen wir: Die EU ist im Grunde ein krypto-marxistisches Projekt.

Das sehen die Regierungschefs aber sicher nicht so.
Und doch stimmen sie in der Praxis der Marx'schen Analyse zu: Die Ökonomie ist die Basis. ,Its the economy, stupid!' Darauf erhebt sich der politische, juristische, ideologische Überbau, im Moment noch eine europäische Überbaustelle. Dieser Überbau bestimmt das Verhältnis der Menschen zu ihrer materiellen und geistigen Produktion und ihr Verhältnis zur Natur. Die Entwicklung der EU folgt Fünf- und Zehn-Jahresplänen. Das finde ich, wenn ich an die Marxistenfresser-Zeit vor '89 denke, witzig. Die Nationalstaaten verlieren an Bedeutung, wie Marx in seiner Analyse des Kapitalismus vorausgesagt hat, sterben ab, werden ersetzt durch eine freie Assoziation von Regionen. Die Erlösung von Nationalismus und Krieg ist sowohl Realität als auch Legitimationsideologie der EU. Diese wird die EU auch in Zukunft als ideologischen Baldachin brauchen. Vor allem bei runden Jahrestagen wird das eine Rolle spielen.

[...]

Dienstag, 30. März 2010

Dschungulesisch-amouröse Kontrolle

Das Leben der in Malaysia kämpfenden kommunistischen Guerillas wurde, schreibt Graham Greene, streng geregelt - Kontrolle und Disziplin hielt trotz der unmenschlichen Lebensbedingungen im Dschungel, der für die Kommunisten zwangsläufig zum Gefängnis wurde, die Kampfmoral aufrecht. Wobei sich Greene über die Art der Moral wundert.

Denn in den Lagern der Guerilla gab es Kurse in Marxismus, hektographierte Lenin-Nachrichten und den Roten Stern zu lesen, gab es vor allem ständige Zusammenkünfte, in denen Selbstkritik geübt wurde. "Was für ein seltsamer naiver Gegensatz zu ihrem unbarmherzigen Terror. Man konnte sich aus erbeuteten Dokumenten ein Bild dieser Art zu leben machen, man erfuhr daraus, daß Li Kheng nicht hygienisch sei, daß Ah Tschang den freundlichen Gruppengeist besitzt, daß Lau Beng eher faul ist, flüchtig beim Lernen und überhaupt nicht besonders angenehm im Benehmen (manchmal ist er ängstlich angesichts der Situation, und seine Kameraden finden ihn ziemlich unreif)."

Liebe, schreibt Greene, sei mit Sympathie und Disziplin behandelt worden, schon gar weil es viele Frauen bei den Dschungeltruppen der Kommunisten gab. Einem abgefangenen Exemplar der Lenin-Nachrichten sei zu entnehmen gewesen, daß Genossen und Genossinnen, die nicht verheiratet waren, auch nicht miteinander leben durften. Doch konnte man von höheren Stellen Ausnahmegenehmigungen erhalten.

"Wir verbieten niemandem den Beischlaf; die Einstellung zum Beischlaf muß jedoch einwandfrei sein. Wird er ausgeübt, so ist dies unter Angabe genauer Gründe den Parteistellen zu melden. Die Angelegeheit wird durch die Partei untersucht, sodann werden die beiden Partner über die Beschlüsse informiert."

Die Untersuchung hatte folgende Punkte zu klären:

  1. Warum ist unter Kommunisten die Liebe ein ernst zu nehmender Trieb?
  2. Was ist die richtige Einstellung zur Liebe?
  3. Kommen auch in unserem Gebiet immer noch Fälle von selten gewordener unzulässiger Liebe vor?
  4. Was sind die Begleitumstände ihres Auftretens?
  5. Was ist die Ursache?
  6. Wie überwinden wir unzulässige Liebe? Welches Verfahren empfiehlt sich?

Die seltsame widersprüchliche Lebensweise der kommunistischen Guerilla führt zu grotesken Situationen. Einmal wird ein Guerillakämpfer aufgegriffen, der unachtsam war, weil er sich in eine Sprachübung vertieft hatte, bei der er in einem hektographierten Text, den er vor sich liegen hatte, Fehler finden und korrigieren sollte.

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Kunstwerk und Kohlenstoff

"Und wenn der Wissenschaftler erklärt, daß die Ordnung, die er in der Natur entdeckt, nicht als Freude bereitend gemeint ist, wogegen der Töpfer, der die Vase schuf, die Absicht gehabt habe, Freude zu bereiten, so würde ich vor allem erwidern, daß der Wissenschaftler nach seinem eigenen Geständnis nicht weiß, ob in der Ordnung der Welt eine Absicht vorhanden ist, und daß die Absicht des Töpfers nicht die war Freude zu bereiten, sondern eine Vase zu machen, die seinem Instinkt für Ordnung entsprach.

Im Grunde [...] läßt sich kein Unterschied zwischen Wissenschaft und Kunst in Form von Wertsetzungen machen. Das Kunstwerk ist genausosehr oder genausowenig ein empirisches Faktum wie die Struktur eines Kohlenstoffmoleküls; die empirischen Fakten der Wissenschaft sind genau so sehr eine Frage der Wahl oder des Zufalls oder der Eingebung wie ein Kunstwerk. Ich weigere mich absolut, den empirischen Status eines Kunstwerkes preiszugeben."

Herbert Read in "Formen des Unbekannten"

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Montag, 29. März 2010

Ein Ruf zur Armut

Es wäre einen genaueren Blick wert - wieweit die Mißbrauchsfälle in der Katholischen Kirche mit der Situation der Kirche im Lande zu tun haben. Korelationen scheint es auf den ersten und auf den zweiten Blick nämlich zu geben.

Manches spricht dafür, daß in Ländern, wo die Kirche arm geblieben oder geworden ist, und wo ihre Stellung in der Gesellschaft schwach ist und ständigen Kampf erfordert, auch Mißbrauchsfälle ausbleiben. Siehe Frankreich, sowie die meisten Länder des ehemaligen Ostblock - Polen aus eben den genannten Gründen ausgenommen.

In Sattheit und Geltung verkommt die kirchliche Existenz äußerst leicht - aber eben: ob nicht (die menschliche Schwacheit realistisch eingeschätzt) durch die hohe Wahrscheinlichkeit fast zwangsläufig - zum selbstgerechten Zynismus. So existentiell oberflächlich, aus der Sicherheit heilsgewisser Beamtenrentner, erlebt man sie dann häufig. Und so beginnt man sie zu hassen.

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Ein glänzendes Comeback

Oder war er je fort? Schon längst gehen die Diskussionen weit genug, um zu dem Punkt zu kommen, daß es nur ein effizientes Mittel gegen den Klimawandel geben wird - Kommunismus, so berichtet der Standard nicht zum ersten mal. Totalitarismus. Und wir sind längst sturmreif geschossen dafür. Guerillataktik. Nie endend. Alternative Wertautoritäten gibt es (scheinbar) nicht mehr.

In einer Auseinandersetzung der Identitäten, sagt Amin Maalouf einmal. Denn es wird nicht mehr diskutiert werden. Ansichten sind Fleisch geworden - sie stehen nicht mehr vor den Menschen, willentlich ergriffen, Besitz - die Menschen SIND ihre Ansichten. Recht zu haben wird zur Überlebensfrage. Die Dämonen suchen ihre Leiber - und sie finden sie. Denn das, das ist eine ganz seltsame Parallele zu Aussagen über Gott, der die Wahrheit IST. "Eritis sicut Deus" - die Grundversuchung des Menschen.

Freiheit?Nein. Wenn sie auch die Freiheit bedeutet, zu scheitern. Das können wir uns gar nicht mehr leisten - menschliches Scheitern, menschliche Bosheit ... So reden sie. Ganz offen.

Wir schaffen nun definitiv den fehlerfreien Menschen. Und haben allen Grund dazu. Weil wir in einem Ursache-Wirkungs-Mechanismus stecken, der uns dazu zwingt. Nicht vergessen - das Überleben aller, des Planeten, des Sonnensystems, des ganzen Universums hängt davon ab.

Ich habe nie etwas anders behauptet. Die Fußspur der Klimahysterie hat eindeutige Tangenten - welche im Totalitarismus enden.

Wozu noch etwas unter Gänsefüßchen stellen.

Empfehlenswerte Lektüre dazu: R. H. Benson, "Der Herr der Welt"

Auslöschung des Menschseins

Es gibt für den Menschen keine gute und keine schlechte Geschichte - es gibt nur SEINE Geschichte.

Nicht nur, daß man heute die Geschichte auszulöschen versucht (und so nebenbei: neue schafft!), sondern man nimmt den Menschen auch die zukünftige.

Diese Gedanken kommen mir, als ich über "Osteopathie" im KURIER lese.

Ein Unfug reiht sich heute an den nächsten. Die Folgen sind immer unabsehbarer - und "ganzheitlicher". Leben wird zur Betriebsstörung. Gleichzeitig wird das Problem der ungebundenen Lebensenergie, der freibleibenden Libido, unlösbar, wird der Mensch sich selbst zum Problem (man beachte die Zunahme, aber auch die jeweiligen Krankengeschichten, der Autoimmunerkrankungen.)

Kein Mensch hat ein konkretes Bild von sich vor ihm hergehend - seine Konkretion IST die Auseinandersetzung mit allem, sie WIRD erst, ausnahmslos, durch und in dem, was ihm begegnet. Und nichts davon ist unwesentlich, alles hat seinen Sinn, stellt eine Aufgabe dar, an der genau dieser Mensch zu reifen, zu wachsen hat. Jede Hürde ist genau jene, die er, und nur er, zu bewältigen, zu überwinden hat.

Das Leben aber wird zunehmend zur Betriebsstörung reduziert, die unnötig wäre, wenn ...

Wer aber auf diese, auf eine "Frühform Mensch" zurückgreifen, die Uhr darauf zurückdrehen möchte, irrt nicht nur prinzipiell - kein Säugling beginnt bei Null, jeder Mensch stellt die Gesamtgeschichte der Menschheit dar, und trägt sie in sich, es gibt sie also, die Erbsünde -  sondern versucht Form auszulöschen. Selbst das neunmonatige Menschenkind, das nun geboren wird, hat bereits eine Geschichte, ist durch eine konkrete Situation geformt, und hat darauf reagiert, und ist im Dialog damit bislang konkret geworden. Und will noch konkreter werden, will noch mehr Gestalt annehmen, zur Gestalt wachsen.

Durch "Osteopathie" diesem Menschlein also seine Gestalt "auflösen", zu einer "Idealgestalt" (wovon?) zurückzuschmeicheln, ist Wahn, und lächerlich mißverstandene "Liebe", die schon im ersten Schritt gleich mal den Respekt ablegt, den es vor dem andern - und auch das kleine Winzige ist in dieser Hinsicht ein jemand, ein anderer - zu haben gilt. Du hast so und so auf Deine Welt reagiert? Na das lösen wir gleich mal auf ... ah schau, da wehrst Du Dich gegen Deine Welt, das wird aufgelöst, und dies, und das ... Das Resultat im übrigen ist genau das Gegenteil dessen, was behauptet wird - quasi Entspannung, um mehr "selbst" sein zu können. Die innerste Schicht des Menschen, sein unzerstörbarer Ich-Kern, zieht sich nämlich nur noch weiter "von der Welt" zurück.

Jede Form ist immer eine konkrete historische Gestalt. Oder sie ist gar nicht. Frühestens dann kann man von "ganzheitlich" sprechen - hier, wie in so vielen Fällen, ist es glatter Mißbrauch der Sprache. Denn wenn schon, dann heißt ganzheitlich den Zusammenfall von Innen und Außen, wie Leopold Ziegler es einmal ausdrückt. Und nicht die Selektion in wesentlich und unwesentlich, also ausscheidbar. Der Weg zur "Heiligung" (ich bleibe im Begriffskreis von Ziegler, der Heiligkeit, in Anlehnung an Plato, als "das Seiendste", das "Ganzeste" bezeichnet) verläuft also geradewegs umgekehrt, als er z. B. durch diese Methoden verheißen wird.

Wer keine Form mehr hat, wird somit unweigerlich mit dem Leben selbst immer weniger fertigwerden. Also wird sein Leben zunehmend darauf abzielen, Leben selbst zu verhindern, Hindernisse möglichst stillschweigend und nicht wahrnehmbar aus dem Weg zu räumen (zu verlangen), als sie zu überwinden. Und was wäre ... was wäre heute nicht deutlicher zu beobachten?

Und, um bei Ziegler zu bleiben, der es so nachvollziehbar seziert, so werden sich diese zuinnersten Kräfte auf seltsame Weise dem Außen verschwistern, heimlich, und dieses zu einer immer totalitäreren, zum Schicksal und Verhängnis sich auswachsenden Ideologien auswuchern. Vor allem aber - ein eigenes Thema! - wird er zuerst sich selbst der größte Feind sein.

Menschliche Hilfe kann sich nur darauf erstrecken, Hilfestellung zur Selbstwerdung anhand konkreter Aufgaben zu geben - nicht die Hindernisse und Aufgaben aus dem Weg zu räumen (genau das passiert z. B. in der Schulpädagogik), indem man durch Weltauflösung beseitigt, was gerade den Betrieb zum vermeinten Glück stört. Wer so denkt wird - ohne es je zu bemerken - zunehmend alles im Leben als unüberwindliche Hürde befinden, und jede begegnende Form wird ihm zur unerträglichen Gewaltausübung der Welt.

So ist zu verstehen wenn es da heißt: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge!" Alles andere ist purer Schmonzes.

Erfundene Wahrheit

"Eins war mir klar: Eure Träume,Ihr Dichter und Schriftsteller, sind wahrer, weniger - bewußt oder unbewußt - lügenhafter als die Ergebnisse der historischen Wissenschaften, sind überhaupt keine Lügen mehr, weil sie so reine 'Lügen' sind (antik gesprochen), daß das Menschliche, das uns Menschen einzig Wichtige, in ihnen unverlogen sich zeigt ...


Suche ich Wahrheit? Die Reinheit suche ich, die Klarheit, die Unverlogenheit - das ist mir Wahrheit,und das finde ich bei Euch, deren Leben obendrein noch die Wahrheit (in diesem Sinne) Eurer Träume bestätigt, nicht aber bei den Herrn Kollegen, von deren Unwahrheit ich schrifliche Beweise habe - o Ihr rein Träumenden ..."

[...]: 'Imagination, whatever form it takes, is somehow closely wedded to the fountain of the gods in us. If cleanliness is next godliness, how much more so is that true of imagination!"


Karl Kerenyi in einem Brief vom 20. X. 1944 an Hermann Hesse

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Kommunistische Eroberungen

Das Wesen des Kolonialkrieges in Malaysia, schreibt Graham Greene, sei keineswegs ein Krieg einer Nation um ihre Freiheit gewesen. "95 % aller Guerillas waren Chinesen." In rein malaiischen Gebieten herrschte auch während der Kämpfe bunte, ja fröhliche Normalität. Dort aber, wo der Dschungel begann, dort begann auch der Guerillakrieg. Und der war von den Kommunisten perfekt organisiert - mit Politbüros, pädagogischen Einheiten, Schulungen, Ausrüstungsstützpunkten und Ausbildungslagern, einem unermüdlichen Geheimdienst und politischen Kommissaren.

Einige tausend Banditen standen hunderttausend Malayen von der bewaffneten Polizei, und fünfundzwanzigtausend britischen, malaiischen und Gurkha-Truppen gegenüber. Welche jene sich die Eigenheiten des Dschungels in Malaysia - besondere Dichte, extreme Feuchtigkeit, fast täglicher Regen, Insekten, alles durchdringender schwerer Verfaulungsgeruch der Vegetation ... - zu Nutze machten, um durch einen kaum greifbaren Dauerkrieg die Kolonialherren zu zermürben.

Sonntag, 28. März 2010

How to make babies

Vielleicht war alles ganz anders

Eine interessante, und bei näherem Nachdenken vieles beleuchtende These, die Joachim Fernau in "§Deutschland, Deutschland, über alles ..." vertritt - auf der Feststellung aufbauen, daß jeder Glanz des Kaisertums in Deutschland im 17. Jhd. längst erloschen, Maria Theresia (deren Erbberechtigung - Karl VI. hatte keine männlichen Nachkommen - und damit Legitimität in einem Teil Deutschlands nie anerkannt wurde) nur noch "Fürstin in ihrem Stammland" war:

"In blinder Gier hatten die Habsburger unter Vernachlässigung aller Reichsgeschäfte und Kaiserpflichten ihren persönlichen Besitz mit allen Mitteln der Verträge, der Tauschgeschäfte und der Heirat vergrößtert. Aus jener Zeit stammt das Wort: Tu felix Austria nube, Du glückliches Österreich, heirate.


Man kam sich sehr schlau vor. Das Schicksal präsentierte jedoch jetzt (im 18. Jhd., Anm.) die Rechnung: Die Habsburger Untertanen bestanden aus Böhmen, Mähren, Österreichern, Krainern, Tirolern, Siebenbürgern, Ungarn, Oberitalienern, Flamen, Wallonen und Serben, ein sinnwidriges Völkergemisch, das uns die Welt später schwer übelgenomen hat. Es zwang den Kaiser damlas, undeutsch zu denken. Die Ungarn haßten ihn, die Böhmen haßten ihn, die Wallonen haßten ihn, die Italiener haßten ihn. Es war ihm egal. Verzweifelt klammerte er sich an seinen erheirateten und erschacherten Besitz, ständig jonglierend."

Tja, was soll man da noch sagen ... außer: Wo wollte man ihm widersprechen? Außér daß die Geschehnisse der letzten paar hundert Jahre ihre auffällig stimmige Logik erhielten, die den gelernten Österreicher zwingen würde, sien Selbstbild, dals er ohnehin nie auf die Reihe bekommt (und das vielleicht dann, wenn er sich dieser Wahrhei gegenüber öffnet, endlich, endlich ihr Gleichgewicht fände), neu zu überdenken? Ein Ende hätte es dann mit falscher Habsburg-Romantik, ja eben diese wäre dann falsch.

Wer hat denn wirklich je die Habsburger gemocht? Die Österreicher, das heißt und hieß: Oberösterreicher? Niederösterreicher? Steirer? Schon unter Rudolf, dem ersten Habsburger auf Deutschem Königsthron, waren sie gegen ihn, er mußte das Land brechen, und er tat es gegen Premysl Ottokar, dem die Menschen in Wahrheit anhingen.

Ist sohin die Geschichte dieses Landes nicht die Geschichte einer jahrhundertelangen, unausgesetzten usurpatorischen Anmaßung? Ist sohin die Geschichte des Adels, der Eliten in diesem Lande, die eines unausgesetzten Verrats? Einer Spaltung der Bevölkerung, in dem man ihm Eliten vorsetzt, die zu ihm in Widerspruch stehen?

Ist das heute anders? Ist also heute nur die Fortsetzung dieses historischen Zuges, in dem ein Volk, Völker, in Geiselhaft stehen?

Samstag, 27. März 2010

Et Deus verbum erat

Insofern ist die Haltung des Dichters mit der des Anbetenden identisch - weil er sich (ein Wort, das Heinrich Reinhardt einmal geschrieben hat) zu fragen hat, ob er tatsächlich nur von Gott sprechen will.

Dazu braucht es die Prüfung der Absichten, braucht es das Ablegen von Eigenwillen und Geltungsdrang, braucht es die Bereitschaft, sich vom Wort erfassen, sich von ihm verwandeln zu lassen.

Sodaß das wahr sprechen das da-sein Gottes wird, sodaß das Darstellen in der Kunst zur Incarnation Gottes selbst wird. In der neuen Schöpfung.

***

Nebeltaktik

Graham Greene beschreibt die Guerillataktik der Kommunisten in Malaya als Taktik des "nie endenden Krieges". Es gab nie eine Entscheidungsschlacht, und so endete auch nie "Krieg", sondern er durchdrang alles, jeden Tag, jede Handlung, jeden Atemzug der Bevölkerung wie der (englischen) Soldaten in Südostasien. "Der Krieg war wie Nebel; er durchdrang alles, er lähmte den Geist." Nach und nach löste vor allem Mißtrauen - 5-6000 Kämpfern standen stillschweigende Helfer in der Bevölkerung gegenüber, die in die Hunderttausende gingen - die alltäglichen Lebensabläufe regelrecht auf. Einfachste Vorgänge wurden lebensgefährlich - wie eine simple Abholung am Bahnhof zu vereinbaren.

Mit Vorliebe suchten die kommunistischen Guerillas (einheimische) Pflanzer als Opfer ihrer Anschläge aus. Denn ihr erklärtes Ziel war es, das Land so zu devastieren, daß sich für die Kolonialherren eine Erhaltung der Kolonie, eine Militärpräsenz, einfach nicht mehr lohnte. Weil nun Malaya's Reichtum auf Zinn einerseits, auf Gummmi anderseits aufruhte, Zinnminen aber relativ leicht zu überwachen und zu verteidigen waren, waren die Plantagen die einzigen lohnenden Angriffsziele.

Die Überfälle auf die Eisenbahnen waren so alltäglich, daß in den Waggons Schilder in Chinesisch, Malaiisch, Tamil und Französisch hingen, auf denen lapidar zu lesen war:

WARNUNG: TERRORISTEN

Bei Feuerüberfällen auf die Eisenbahn wird den Passagieren empfohlen, 
sich auf den Boden zu legen und unter keinen Umständen den Zug zu verlassen.


Freitag, 26. März 2010

Verlust der Einheit

Ortega Y Gasset beschreibt in "Geschichte als System" unter erweisendem Rückgriff auf Cicero die Prozesse, die im letzten Jahrhundert v. Chr. in Rom abliefen: als die Einheit des Landes zerfiel. Und sie zerfiel nicht zufällig just in dem Moment, wo sich der Glaube an die Legitimität des Regierenden, auflöste. Nun standen sich unterschiedliche Religionen gegenüber, die erstmals auch den gemeinsamen Rahmen - die Republik - zu sprengen nicht mehr zurückscheuten.

Als dieser Glaube zerfiel, zerfiel das Land in die Bürgerkriege der Zeit Cäsars. Der bereits die kommende einzige Lösung ahnte - wie sie dann Augustus im Imperium, in der gottgewollten Alleinherrschaft verwirklichte.

Einheit, so Ortega Y Gasset, ist nicht eine simple Übereinstimmung von Meinungen, sondern baut auf einer wirklichen religio auf: sie ist das Rechnen mit einer übergeordneten Macht, der man verpflichtet ist. Und deren Wille (von daher die zentrale Stellung der Zeichendeuter in der Antike) ist entscheidend und muß gelesen wir befolgt werden.

Von da her ist Religion und Staat nicht zu trennen, und er ist es bis heute nicht. Denn auch die Republik heutiger Facon beruht um nichts weniger denn je auf einem den Menschen eines Landes gemeinsamen Glauben.

"Wesentlich ist daß der Mensch mit etwas rechnet, das über ihm steht. Dies Verhalten, das uns dazu bringt, nicht leichthin zu leben, sondern mit Bedacht vor einer transzendenten Realität - ist die ganze Bedeutung, die das Wort religio für die Römer hatte, und es ist die wesentliche Bedeutung von Religion. Wenn der Mensch an etwas glaubt, wenn etwas ihm unbestreitbare Wirklichkeit ist, so wird er religiös in Bezug auf sie. [...] Religiosus bedeutet soviel wie gewissenhaft, daher: wer sich nicht leichthin, sondern mit Bedacht beträgt."

Mit dem Gegenteil, der Nachlässigkeit, der neclego, der negligens.

"Die Auspizien stellten für Cicero den festen und einmütigen Glauben in bezug auf die Welt dar, der die Jahrhunderte der großen römischen Eintracht möglich gemach that. Sie waren daher das Grundfundament jedes Staates. Es bestand eine so enge Verbindung zwischen diesem und jenem, daß Auspizium zur Bedeutung "Herrschaft" (imperium) überging. [...] Von ihm stammen auctoritas und augustus."

"Die Begriffe des Glaubens und des Staates durchdringen einander. In der Politik gibt es Epochen der Religion und Epochen der Nachlässigkeit, des Bedachtes und der Unbedachtsamkeit, der Geweissenhaftigkeit und der Friviolität."

***

Tante Henriette antwortet

Zur Berichterstattung über den nächsten Lichterlmarsch in Wien - wie bei Berlusconi, nur umgekehrt: die Linken behaupten mit 6000 mehr Demonstranten als die ... nein, die Polizei, mit 3000 - gegen die Kandidatur von Barbara Rosenkranz zum Amt des Bundespräsidenten erübrigt sich jeder Kommentar. Mir fällt dazu nur der Bericht einer Klosterschwester zum ersten Kerzerlmarsch der österreichischen neueren Geschichte ein, vor rund 35 Jahren muß das gewesen sein, am Heldenplatz. Und diese schwer vom Bazillus der charismatischen Schwärmerei angesteckte Nonne hauchte, als sie in der Pfarre davon berichtete, in ihrer unnachahmlichen, legendären Naivität, daß sie (und ihre Mitschwester) mit ausgestreckten Armen unter diesen Massen herumgelaufen seien, und den Heiligen Geist gespürt hätten, ja, der sei so spürbar gewesen an diesem Abend ...

Daran mußte ich wieder denken, als ich im Standard las: Um 21 Uhr wurden die 10.000 vorbereiteten Fackeln - begleitet von der Musik der Trommlergruppe "SambATTAC" - entzündet. "Das hat so richtiges Gänsehautfeeling", sagt eine Studentin.  

Lediglich zwei Bilder, eines samt Unterschrift aus dem Kurier, das zweite aus dem Standard, erscheinen ansonsten bemerkenswert genug, um hier Eingang zu finden.

Das eine, weil es zwei wunderschöne Menschen zeigt.

Der Text dabei ist natürlich unfreiwillig grotesk, denn der Mann meint es ja wahrscheinlich ganz anders, nämlich wirklich so, wie er es sagt, und das ist seinen Mitdemonstranten ja genau nicht recht, ja auf eine Weise demonstrieren sie genau dagegen:  

Buxton ist ebenso mit seinem Nachwuchs gekommen. Er hätte sehr wohl etwas zu sagen - aber auf Englisch, bittet er. "I believe that every human being has he right of freedom and speech."

Tante Henriette antwortet:  

Lieber Buxton, ganz lieb gesagt, aber wir sind in Österreich. Was haben die Dir denn wieder erzählt, worum es hier bei der Demo geht? War das diese triefäugige Dicke mit dem Frauenpowe-Button am Palästinenserschal? Die Dir eingebläut hat: "Ali, ju masst kamm, bikohs sis wumän wonz ju oll in prison ent beck tu Togo, änd sis wumen wonz all in KZs bikohs ju ahr bleck, schie wonz no friedam änd so, ju wont friedam?!" Buxton, vergiß das alles, im Grunde stehst Du auf der falschen Seite. Denn hier kann man nicht einfach Redefreiheit verlangen, das ist Gaga, das ist UNO-Zeugs und Tahiti-Naivität. Hier gibt es einen Konsens, daß manche Ansichten nicht geäußert werden dürfen, und wir sind hier sogar mehrheitlich der Ansicht, daß das ganz o.k. ist. Also entweder protestierst Du DAgegen, oder Du forderst etwas, das Du gar nicht meinst. Schreib mir doch? Deine H.


Und das zweite Bild? Weil es auf eine ganz eigentümliche Weise anrührt, seltsame Assoziationen weckt. Aber urteilen Sie selbst.


***

Donnerstag, 25. März 2010

Es hätte sie also doch gegeben

Die Vernunft, das christlichsoziale Gedankengut, deretwegen mein Vater auszog um die Welt zu retten. Und es hat sie gegeben, die Elite, die noch nicht zu Funktionselite und Akademikerproletariat abgewirschaftet hat. Erkennbar an den nun aufgetauchten Papieren des Akademikerbundes der ÖVP.

Nur wurde sie totgeschwiegen, im hintersten Kämmerchen verborgen, man hat es - als alter Christlichsozialer - ja geahnt und gehofft, und aus Rücksicht auf politisches Kalkül, auf Verträglichkeiten in der Medienöffentlichkeit, so wie in der Kirche so vieles verschwiegen wurde um eines Ganzen willen, geschwiegen.

Aber nun, da man erleichtert aufhorcht, man hatte also Recht, nun könnte man es ja doch öffentlich bekennen? - ja, so ist die Wirklichkeit, das ist unsere wirkliches Denken - aber was passiert? Stattdessen werden sie, die Herrn vom Akademikerbund, sofort totgetrampelt - von der ÖVP selbst nämlich, die ja, der zeit der Not gehorchen, oder umgekehrt, längst in neue, der Landschaft selbst angeglichenere Dimensionen ideologischen Zentralismus vorgestoßen ist!

Sodaß sich also die ÖVP von diesen Gedanken distanziert? Weil sie also andere Positionen einnimmt? Tatsächlich?

Dann ist ja alles klar. Auch so geht's.




Schuß ins Knie

Die wie in Österreich ausnahmslos links oder linksliberal ausgerichteten Medien Ungarns haben der Rechten, der Jobbik, sämtliche Kanäle verschlossen gehalten - sie brachten keine Werbung, keine Berichte, keine Stellungnahmen.

Das hat die Jobbik dazu gebracht, jeden Haushalt Ungarns persönlich aufzusuchen, um mit den Menschen direkt zu sprechen. Der Schuß der Linken ging also gründlich nach hinten los.
Auch hier stand eines Abends tatsächlich ein junger Mann vor der Tür, er trug dieses typische Hemd, das Abzeichen an der Schulter. Unter höflichem "Köszönöm, viszontlátásra!" zog er wieder ab, er hätte seine Zeit bei mir verschwendet, ich bin kein Ungar, nur Gast in seinem Land. Ich bin mir nicht sicher, ob er deshalb verärgert war, ein wenig wirkte er so. Oder war er einfach schon müde, überfordert? Er mochte keine 20 Jahre alt gewesen sein, was hätte er mir erzählen wollen?
 
Aber die Not wurde zur Tugend. Mittlerweile geht man davon aus, daß die Jobbik nicht nur 20 Prozent, sondern noch mehr erreichen könnte. Zusammen mit der konservativ-rechten FIDESZ hält man eine (verfassungsrelevante) Zwei-Drittel-Mehrheit der Konservativ-Rechten für wahrscheinlich.

Die nun jahrzehntelang regierende Linke, selbst kurz vor der Spaltung (siehe: Italien), kann von Glück reden, wenn sie noch ein Viertel der Stimmen auf sich vereinigen kann.

Wer Volksdemokratie beschwört, muß auch mit ihr leben.

Er bleibt sich treu

Silvio Berlusconi hält Italien und uns bei Laune und zeigt dem Gegner, was ne Harke ist. Mit wahrhaftigen Argumenten verwirrt er sie bis zur Selbstauflösung - die italienische Linke reibt sich in internen Streitigkeiten regelrecht auf. Sodaß sogar der Lapsus der Berlusconi-Partei, die Anmeldefristen für die in den nächsten Tagen stattfindenden Kommunalwahlen in Kalabrien und Katanien versäumt zu haben, Berlusconi Aufwind verschaffte, weil das logische Verbot, dort anzutreten Signore! ..."), die Geschlossenheit seiner Partei noch weiter verstärkte - durch einen gemeinsamen Feind. Was soll's also, an seinem Sieg zweifelt sowieso niemand.

("Mamma mia, nur wegenn einn baaar dagge!? Bin gewesen bei la Mamma in Schitschilia, warre grang! ... Was soll eissen, diese kuverto? Mir nix gehören, gehören Ihnen, denke ig? ... Ah, was heissen das, bestegung, bestegung, Signore, was für ein hässliges Wort, bestegung, nix bestegung ... sagen wir: Unterstützung für notleidende Beamte, ein soziales Werk! ... Oh, sie verstehen aber gar geine Spass, ...")

Was soll den Schwung und die ideenreiche Frische brechen, mit der der 73jährige, der die italienische Seele kennt wie seine Westentasche, weil er sich schamlos erdreistet nichts zu sein als Italiener, die Gegner fertig macht? Mailänder Gipsdome, als Wurfgeschoß auf seine Nase bolzeniert? Sie ebnen ihm nur den Weg zum "santo subbito", und vor allem: sie befeuern seine Schlagfertigkeit und Inspiration.

In der Berlusconi sogar seine tiefe Verankerung im abendländischen Denken beweist, das nolens volens auf den Beinen aristotelisch-scholastischen Denkens steht, also die Zusammenhänge kennt, die zwischen Liebe und Wahrheit bestehen. Denn unser Mann ließ ja auch verkünden, daß (seine) "Liebe" den Neid und den Haß der Gegner zwinge, woraufhin hunderttausende seiner Anhänger (die Zahlenangaben schwanken) nach Rom kamen, um ihn zu lieben. Was auch immer daraus rückgefolgert werden sollte. Liebe jedenfalls, Liebe braucht wie fördert die Wahrheit.

Jüngster Anlaß für solche Rückschlüsse? Da meinte der Premier bei einer Wahlveranstaltung über die Oppositionspolitikerin Mercedes Bresso (Bild): "Warum ist sie stets so schlechter Laune? Weil sie morgens, wenn sie in den Spiegel schaut, sich selber sieht. Dann ist der Tag gleich verdorben."

Ob aber Berlusconi da nicht ein wenig, mindestens, seine gute Kinderstube vergessen hat?

Italia - wir lieben Dich!




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Mißbrauchte Erziehung

"Ebenso (wie bei einer Wissenschaft, die die Aussagen der Kunst unberücksichtigt läßt, Anm.) ist auch keine Erziehung vollständig, die sich nicht um die Zeugnisse der Kunst kümmert. Ich habe den größten Teil meines Lebens damit verbracht, daß ich gegen eine Erziehung protestierte, die die geistigen Prozesse ignoriert, die zu den bleibendsten Leistungen der Menschheit geführt haben, da eine solche Erziehung keine wahre Erziehung sein kann. Unsere ganze Auffassung der Erziehung ist funktionell geworden, da sie als den jeweiligen Interessen einer sozialen Wirtschaft dienend aufgefaßt wird und nicht als eine Eroberung der Wirklichkeit.

Unsere Erziehung ist nicht einmal Wissenschaft in striktem Sinne, denn sie ist nicht des-interessiert."


[...] Die wissenschaftliche Auffassung von Erziehung wird völlig Wertsetzungen, Wünschen, Zielen untergeordnet - [was Reichenbach] *den Zwang unentrinnbarer Triebe oder die Erwartung einer künftigen Wunschbefriedigung oder das bequeme Behagen unbestrittener Gewohnheiten* nennt. Die Erziehung ist heute ein System, das genau der technischen Organisation unserer Gesellschaft entspricht, und anstatt die enorme Einschränkung, die ein solches System der Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit auferlegt, zu empfinden und zu bedauern, sind wir stolz auf die unmenschliche Wirksamkeit einer solchen Maschinerie
."

Herbert Read in "Formen des Unbekannten"

Und, in Fortführung der Aussagen: Read konnte sich 1953 gewiß nicht vorstellen, daß es Zeiten geben könnte, wo sogar diese "menschliche Komponente" technisch "reproduziert" und in die Dienste dieses selben utilitaristischen Technizismus gestellt wird.

Nun wissen wir es

Das Bombardement von Dresden, in der Nacht vom 25. auf 26. Februar 1945, hatte zwischen 18.000 und 25.000 Tote zur Folge gehabt. So verbreitet es der MDR - Mitteldeutsche Rundfunk.

In den Tagen vom 13. bis 15. Februar 1945 waren auf Dresden mehrere Angriffswellen geflogen worden. Dabei wurde ein Großteil der Stadt zerstört, vor allem die historische Altstadt lag in Schutt und Asche. Britische Bomber hatten 2.660 Tonnen Spreng- und Brandbomben abgeworfen. Amerikanische Flieger klinkten tagsüber weitere 711 Tonnen Bomben aus. Am 15. Februar folgte eine letzte Angriffswelle von amerikanischen Bombern. Sie warfen 463 Tonnen Sprengbomben ab.

Eine Gruppe von Historikern hatte sich seit 2004 durch den ungeheuren Berg von historischem Material gearbeitet, mit Betroffen, Hinterbliebenen, Überlebenden gesprochen, Photos gesichtet, Berichte aus Krankenhäusern und Friedhöfen ausgewertet, ... 800 Archive wurden durchforstet, 60.000 Einzelnachweise über Opfer wurden erbracht, Opferlisten abgeglichen.

Größere Opferzahlen sind auf mehrere Ursachen zurückzuführen - beginnend von der Propaganda des Dritten Reichs, das unmittelbar nach den Angriffen von 200.000 Toten sprach, bis zu bloßen Spekulationen in irgendjemandes Interesse, das bis zu 1 Million Opfer gesehen haben wollte. Etwa 3 Prozent der Toten waren Flüchtlinge - eines der häufigsten Argumente für eine so hohe Opferzahl war ja, daß Dresden von Flüchtlingen aus dem (ehemaligen) Deutschen Osten, aus Preußen und Schlesien, überfüllt gewesen sei. Selbst so makaber wirken könnende Überlegungen wurden angestellt, wie: ob die Temperaturen in den Dresdner Kellern so hoch gewesen seien (Dresden ist in einem unfaßbaren Feuersturm untergegangen) daß Tote zu Staub zerfallen seien. Nein. Zwar sei in den Kellern - die seit 1993, also bis heute, von Archäologen und händisch ausgegraben werden - die Atmosphäre absolut tödlich gewesen, aber die Temperaturen hätten etwa 800 Grad betragen. Der menschliche Körper aber zerfällt erst bei 1.200 Grad Celsius. (Hier der Audio-Beitrag)

Das Gremium untersuchte zunächst, welche Angaben in deutschen und ausländischen Archiven überliefert sind. Dann begannen die Historiker, die Zahl der Luftkriegstoten vollständig neu zu bestimmen. Die ermittelte Zahl prüften sie anschließend in verschiedenen Untersuchungen auf ihre Plausibilität. Der Expertenkommission zufolge kamen bei den Luftangriffen Menschen aus fast 20 Nationen ums Leben. Unter den Opfern seien auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene gewesen, erklärte die Kommission. Der Anteil von Flüchtlingen sei entgegen einiger Spekulationen jedoch gering gewesen. Dass Todesopfer nicht geborgen worden seien, habe sich nicht bestätigt.

Keine Angaben sind zu finden, wieviele zusätzliche Verletzte dieser bis dahin furchtbarste Vernichtungsangriff durch Bomben zurückließ. Wer sich noch eingehender informieren möchte, kann das über die Homepage der Stadt Dresden.

Die Schrecklichkeit der Ereignisse, eine der Spitzen dieser wahrhaft apokalyptischen Katastrophen, die über deutsche Städte in den letzte Kriegsjahren kam und die sich so fatal auf die gesamte Kultur, auf die Traditionen des Landes auswirkte, Auswuchs menschlichen Wahns wahrscheinlich wirklich nie (auch bei aller kulturell-technischen Relativität) gesehener Dimension und Totalität, wird ahnbar, wenn Sie auch das kurze Statement des deutschen Publizisten Jörg Friedrich anhören: es war ein Wille, sich zu vernichten. Allseits. Nicht nur in Dresden, wo in diesen Tagen und Nächten so hohe Temperaturen entstanden, daß sich sogar (siehe Bild) die Straßenbahnschienen aufbogen.

Keine Stimme aber, so Friedrich, die da Einhalt gebot: Nein, auch wenn uns Unrecht geschah, WIR tun nicht desgleichen. Stattdessen, selbst nach diesem Inferno, der Ruf nach noch mehr Totalität, danach, auch den Feind in diese Hölle mitzureißen, die alle vorherigen Bombardements der Deutschen nicht zu schaffen vermochte ... aber nur, weil dazu die militärische Kraft und Technik fehlte.

So wie beiden Seiten längst jedes Maß, jeder Wille zur Humanität fehlte. Das ausgelöst, das verwirklicht zu haben, ist wohl die wirkliche Katastrophe Europas gewesen, das wirkliche Ende des Abendlandes.



Den Bombenkrieg als Verbrechen zu sehen, auf beiden Seiten, das freilich ist keineswegs Revanchismus, oder rechtslastige Subjektivität - damit müssen auch die Briten und die Amerikaner leben. Und diese Ansicht wurde und wird auch von vielen Stimmen der ehemaligen Feinde vertreten. U. a. von Bruce Marshall, der schottische Schriftsteller, dessen literarische Welterfolge immer wieder auf dieses Unrecht hinweisen, und dahingehend empfohlen werden können, weil Marshall eine sehr ausgewogene humane Haltung zugeschrieben werden muß.

Es ist gut, daß hier nun Gewißheit geschaffen wurde.


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Mittwoch, 24. März 2010

Ort der Entstehung

"Was den Wert eines Kunstwerkes ausmacht ist nicht sein Ausdruck oder die Bejahung von Wünschen oder die Wahl von Zielen, sondern die Tatsache, daß ein wirkliches Objekt existiert, etwas, das aus dem Gefühlsstrom herausgerissen und dazu gebracht worden ist, objektiv zu existieren. Seine Existenz, seine Persistenz ist seine Realität.

In diesem Zusammenhang muß die Geschichte der Kunst mit Max Scheler aufgefaßt werden als *ein sukzessiver Eroberungszug der anschaulichen Welt - der Innen- und Außenwelt - für die mögliche Erfassung, und zwar für eine Art von Erfassung, die keine Wissenschaft je zu geben vermöchte*.

Die Mission aller echten Kunst ist *
weder Gegebenes zu reproduzieren (was überflüssig wäre) noch in subjektivem Phantasiespiel etwas zu erschaffen (was ephemer und notwendig für alle andern ganz gleichgültig sein müßte), sondern vorzustoßen in das All der Außenwelt UND der Seele, um hier Objektives und Seiendes sehen und erleben zu machen, was Konvention und Regel bisher verbarg.*

Ich möchte diese Worte Schelers nur in einem Punkte verbessern, denn die objektiven Realitäten der Kunst werden nicht vom Künstler gesehen und daraufhin mitgeteilt:

Sehen ist vielmehr schaffen, und schaffen ist Mitteilung, die objekiven Realitäten kommen im Akte des Schaffens zustande
."

Herbert Read in "Formen des Unbekannten"

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Teil des Lebens

Graham Greene über den Unterschied zwischen Franzosen und Engländern:

"Für den Engländer ist Krieg eine Abweichung vom Normalen, wie eine Leidenschaft. für den Franzosen ist der Krieg einfach ein Teil seines Lebens: er kann angenehm oder unangenehm sein, wie ein Ehebruch. La vie sportive - so nannte ein französischer Kommandant sein Leben auf einem kleinen Landungsfahrzeug im Delta südlich von Saigon, wo er in den schmalen Kanälen, dem Granatregen von beiden Ufern ausgesetzt, Viet-Minh-Guerillas jagte."

Denken ist Ironie

"Mit all dem habe ich nichts getan als ein Theorem entworfen. Theoreme sind erdachte Figuren, die wir mit Linien von geometrischer Reinheit ausarbeiten. Aber die Wirklichkeit stimmt niemals mit diesen Theoremen überein. Und trotzdem gibt es kein anderes Mittel, sie zu verstehen, als ihre immer schwankenden Züge anzuschauen duch die irrealenProfile, die von unserer Phantasie geschaffen werden.

Das Theorem erlaubt uns, uns in der Verworrenheit zu orientieren, die jede Wirklichkeit auf den ersten Blick ist, und auch genau zu messen, wieviel Deskrepanz zwischen ihr und dem Spinngewebe unserer Ideen besteht.

Denken ist eine ironische Handlung; was wir sagen, ist die "reine Wahrheit", aber wir sagen es in dem Bewußtsein, daß die Dinge ein wenig von ihr unterschieden sind, denn alle Dinge sind die unreine Wahrheit. Nur wer nicht denkt, nur der Dummkopf glaubt, daß das, was er sagt, ohne weiteres die Wirklichkeit selbst sei."


Ortega Y Gasset in "Geschichte als System"


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Dienstag, 23. März 2010

Einsamkeit

Geboren ist er am 13. Juni 1966 in St. Petersburg, das damals noch Leningrad (Leninstadt) hieß. Schon in der Grundschule war sein überragendes mathematisches Talent aufgefallen, und sein Weg war somit vorgezeichnet: 1982 gewann er als Schüler eine Goldmedaille bei der Internationalen Mathematik-Olympiade (mit voller Punktzahl) und wurde deshalb ohne Aufnahmeprüfung zum Studium zugelassen. Für einen Sohn jüdischer Eltern in der antisemitischen Sowjetunion eine bemerkenswerte Ausnahme. 1990 promovierte er in Leningrad über einem Problem der Sattelflächen im Euklidischen Raum.

Es folgten Aufenthalte an Universitäten in den USA, und tolle Angebote wiesen auf eine kometenhafte Karriere. Da überlegte es sich Grigori Perelman noch einmal. Er kehrte 1995 nach St. Petersburg zurück, und war dort Steklow-Instiutut tätig. Weil man seine überragenden Fähigkeiten erkannt hatte, ließ man ihn völlig in Ruhe, obwohl er nichts mehr publizierte, wie man sagt: an der Differentialgeometrie arbeitete, und nicht einmal seine Habilitationsschrift verteidigte, was im russischen Bildungssystem, wo der "Doktor" immer weit höher qualifiziert war als z. B. in Österreich, notwendig gewesen wäre. Er blieb "Kandidat" (etwa: Magister), als einziger der führenden Wissenschafter am St. Petersburger Institut.

2003 kündigte er aber dort, und es ist die letzte bekannte Beschäftigung, der er nachging. Eine Zeit lang wohnte er in der Datscha eines Freundes, isoliert und zurückgezogen, und befaßte sich noch mit mathematischen Problemen. Schließlich zog er wieder zu seiner Mutter in die Vorstadt von St. Petersburg. Nun wird von ihm nur noch bekannt, daß er ein ausgezeichneter Tischtennisspieler ist, Geige spielt, und von seinen Ersparnissen lebt.

Bereits 1996, als 30jähriger, hatte er den EMS-Preis der Europäischen Mathematischen Gesellschaft abgelehnt. 2002 veröffentlichte er den ersten Artikel einer Serie, in denen er die Poincaré-Vermutung bewies. 2003 bis 2006 prüfte ein internationales Gremium diese Beweise, um deren Stichhaltigkeit festzustellen.

Damit stehen Perelman Preisgelder zu, neben der Anerkennung, die ihm weltweit zuteil wird. Oder: würde. Denn man geht davon aus, daß der Sohn einer Mathematikerin und eines Elektroingenieurs auch diese Preise nicht abholen, dafür seine Zurückgezogenheit nicht aufgeben wird. Obwohl ihm nun mit Fields-Medaille (einer Art Nobelpreis für Mathematik) und dem Millenniums-Preis des Clay-Instituts in Cambridge (USA) zugesprochen wurden, die zusammen mit 1,015 Millionen Dollar dotiert sind.

Angeblich aber hat sich Perelman völlig aus der Mathematik zurückgezogen. Angeblich weil er sich keinen Jurys mehr stellt, die gar nicht verstehen, was er sagt. Angeblich weil er enttäuscht über den Niedergang der Ethik in der Gesellschaft ist. Und in der Mathematik.

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Entführung

In den frühen 1970er Jahren passierte in Argentinien folgende Geschichte: Der paraguayanische Untergrund hatte in Argentinien den (vermeintlichen) Botschafter Paraguays entführt. Damit sollte von Diktator General Stroessner, dem Staatsoberhaupt Paraguays, die Freilassung politischer Gefangener erpreßt werden. Denn der General führte sein Land sehr ... sagen wir: übervorsichtig?

Sie stellten ihre Forderungen, doch der General war nicht im Lande - er war auch in Argentinien, und zwar zum Angelurlaub. Endlich hatte man ihn aufgefunden, um ihm die Nachricht zu überbringen.

Mittlerweile aber hatte sich herausgestellt, daß die Entführer einen Fehler gemacht hatten: der Entführte war nicht der Botschafter, sondern nur ein Honorarkonsul des Landes ...

Nichts destro trotz, beharrten die Entführer auf ihren Forderungen: Freilassung der Gefangenen.

General Stroessner ließ ihnen jedoch ausrichten, daß ihm egal sei, was mit dem Konsul geschehe. Er sei nun zum Angeln, und der Rest interessiere ihn nicht.

Wenige Wochen später wurde der Konsul von der Guerilleros wieder freigelassen.

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Standesgemäßer Dienst

In seiner Monographie (die es eher ist denn eine Biographie) von Pater Joseph, der "Grauen Eminenz" des Kardinal Richelieu, schreibt Aldous Huxley abschließend, indem er den großen Irrtum des an sich zu Kontemplation begabten Geistlichen reflektiert - wo ein Kirchenmann seine geistliche Autorität verspielte, um die weltliche zu gewinnen, um hinwiederum dieser denn doch fremd zu bleiben:

"Es ist verhängnisvoll, sagen die Inder, wenn Angehörige einer Kaste die Funktionen, die eigentlich einer anderen gehören, an sich zu reißen. So wird, wenn sich die Kaufleute auf das Gebiet der kshatriyas (die regierenden Fürsten, Anm.) wagen und sich des Geschäfts des Regierens unterfangen, die Gesellschaft von allen Übeln des Kapitalismus heimgesucht; und wenn die kshatriyas tun, wozu nur der theozentrische Brahmane ein Recht hat, wenn sie sich anmaßen, in spirituellen Dingen Vorschriften zu machen, dann kommt es zum Totalitarismus mit seinen götzendienerischen Religionen, seiner Vergötterung der Nation, der Partei und der politischen Bonzen.

Nicht weniger verhängnisvolle Wirkungen treten ein, wenn die Brahmanen (= die Gottgeweihten, Priester) sich der Politik oder dem Geschäftsleben zuwenden; denn dann verlieren sie ihre spirituelle Einsicht und Autorität, und die Gesellschaft, die zu erleuchten ihre Aufgabe war, bleibt völlig im Dunkel, aller Verbindung mit der göttlichen Wirklichkeit beraubt und daher eine leichte Beute für Prediger falscher Lehren.
"

Bei Pater Joseph führte die falsch Wahl - weil die Aufgabe nicht mit seiner "Kaste" übereinstimmte - dazu, daß sein ursprünglich angesehener Ruf als Geistlicher so zerstört wurde, daß man ihn schließlich aufgrund seiner im (mißverstandenen) Gehorsam ausgeführten politischen Handlungen jeder Lüge und jedes Verbrechens für fähig hielt.

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Montag, 22. März 2010

Revolution der Kinder

Graham Greene beschreibt eine "Revolution der Kinder", die er 1957 in den letzten Tagen des US-unterstützten Diktators Batista erlebt hatte, von der aber, wie er meint, kein Medium der Welt berichtet habe. Dabei waren zahlreiche Korrespondenten wie Greene Augenzeugen.

Wie so viele, war nämlich auch ein Vater von drei Töchtern, acht bis zehn Jahre alt, verhaftet worden, konnte aber entfliehen. Da tauchte die Armee in seinem Haus auf, und nahm die drei -Töchter als Geiseln mit, und verbrachte sie in eine Kaserne in Habana.

Am nächsten Morgen hatte sich die Nachricht blitzschnell in allen Schulen verbreitet. An den höheren Schulen trafen die Kinder die Entscheidung selbst, und gingen auf die Straße. Die Kunde verbreitete sich weiter. Nun kamen auch die Eltern und holten ihre Kinder aus den Volksschulen heraus. Die Straßen waren voll von ihnen. Die Kaufleute schlossen die Läden, erwarteten das Schlimmste.

Aber die Armee gab überraschend nach, und entließ die drei Mädchen. Sie konnte denn doch nicht ihre Feuerwehrschläuche auf kleine Kinder in den Straßen richten, wie sie es bei ihren Müttern getan hatten, oder sie an den Laternenpfählen aufhängen, wie es an den Vätern geschehen wäre.

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Sonntag, 21. März 2010

Wie immer bei solchen Angelegenheiten

Martin Mosebach schreibt in "Die schöne Gewohnheit zu leben" von dieser seltsamen Dumpfheit der Italiener ihrer Umwelt gegenüber, als "altes kaltes Volk", wie es auch Rudolf Borchardt einmal beschreibt. Das die Welt kennt, und ihr in Zynismus und Hyperrealismus die kalte Schulter zeigt. "Man könnte von einer welthistorisch bedingten Disposition zur Kälte bei den Italienern sprechen."

Deshalb kann man den Italienern nur wünschen, was Berlusconi als neuesten Slogan verkündet: den "Sieg der Liebe über den Neid und den Haß." Um ihm in Rom zuzujubeln, waren sie jedenfalls genug, aber gut, da gab es was zum Wärmen, das sagt noch nicht viel. 3000 Busse, 10 Sonderzüge. Italien wählt in ein paar Wochen seine Stadtparlamente, da hat es was für die Piazza in Cremona und Tarent gebraucht.

Eine Million sei es gewesen, verkündete Berlusconi. Ach was, wild übertrieben, unkte die Opposition. Ohne aber leider zugleich ihre Schätzung bekanntzugeben. So blieb ihr Bezugspunkt ihre eigene Demonstration von vor zwei Wochen, wo an der Piazza del Populo (Bild 2) knapp 200.000 Italiener ihr kaltes Herz zu wärmen versucht hatte. Äußerer Anlaß war - angeblich - jeweils die Ankündigung der Staatsanwaltschaft, die Partei Berlusconi's unter die Lupe zu nehmen. Weiß der Deibel warum.

Beiden geht es jedenfalls ganz exemplarisch in solchen Situationen, der Österreicher kennt das ja, vom Heldenplatz am 13. März 1938: Erst betonen die einen, daß es möglichst viele, und die anderen, daß möglichst wenige sind. Kurz darauf ist das genaue Gegenteil der Fall.

Vielleicht sollten sie sich jetzt schon auf eine gültige Interpretation einigen und mal die Köpfe am Bild zu zählen und dann auf die Quadratmeter hochzurechnen beginnen. Das Bild müßte die Piazza vor der Lateranbasilika, der eigentlichen Bischofskirche des Papstes, zeigen - die ist groß. Ja, ist sie nicht viel größer, als die Piazza del Populo am Ende der Via del Corso?



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Frei in der Wirklichkeit

Als er in die Vierziger kommt (in den 1950ern), schreibt Graham Greene in seinen Lebenserinnerungen "Fluchtwege", gerät er in eine seltsame Verfaßtheit: er möchte nur noch fliehen. Seine Erfolge, v. a. im Film, haben es ihm gut eingerichtet, und nachdem er auch die Vorgehensweisen des Schreibens weitgehend ausgelotet hat, wird er zunehmend ihr Gefangener, auch weil diese Wege zu Methoden werden. Das war wohl ausschlaggebend, daß er sich auf eine Weise verändert hat, im Leben sich's eingerichtet hat, die im Gleichmaß der Behaglichkeit jene Angst bis zur Unmöglichkeit steigen läßt, wieder loszulassen, ja die den bewußten Zugang völlig versperrt.

Verzweifelt sucht er Wege, wie er sich selbst, dieser uneigentlichen Identität, zu der sich sein Leben verfestigt hat, wieder entflieht. Und er beschreibt es indirekt in "Das Ende einer Affaire". So deutlich, daß Papst Pius XII., der das Buch gelesen hat, zum englischen Bischof Heenan sagt: "Ich glaube, dieser Mensch ist in Gefahr. Sollte er je zu ihnen kommen, dann müssen sie ihm helfen!" (Greene hat Heenan freilich nie aufgesucht.)

"In [dem Roman] habe ich einen Liebenden beschrieben, der sich so sehr fürchtet, die Liebe könnte sich erschöpfen, daß er ihr Ende beschleunigt, um auch die Qual zu beenden. Dennoch floh ich diesmal nicht vor einer unglücklichen Liebe, ich war glücklich verliebt. [...] Ich suchte nicht das Ende einer Liebe, sondern des Lebens. Zum Selbstmord fehlte mir der Mut, aber ich machte es mir zur Gewohnheit, in Krisengebiete zu reisen, nicht um Stoff für Bücher zu sammeln, sondern um das Gefühl der Ungewißheit wiederzufinden, das ich während der drei Luftangrife auf London so wohltuend empfand."

Die Ungewißheit, in der er sich selbst, einer übermächtigen Gewalt ausgeliefert, endlich entkommt, dem Scheinleben entkommt, um Gott neu zu finden, indem man endlich seine Hände aus allen Sicherheiten lösen, staunend ganz neu in die Wirklichkeit einzutauchen vermag ...

Samstag, 20. März 2010

Zeichen der Zeit

Steht man vor dem Hause am Beginn jener kleinen Gasse, die ehedem das schmale Gäßchen - ein "Schlupf", davon der vormalige Begriff "Schlippergasse" - gewesen, das zu den Weingärten der südlich ausgerichteten Hänge der Ränder der Stadt führte, so befindet sich rechter Hand ein Internetcafé, und links der Leichenbestatter, in dessen Schaufenster die Toten der Stadt angeschlagen sind. An sich nicht verwunderlich, liegt doch die Széntlelek templom - die Heilig Geist Kirche - gleich anschließend. Und womit sonst hat Tod zu tun, als mit Jenseits, ist doch der Gottesdienst, die Messe, die Öffnung des Tores, auf daß sich zwei nun getrennte Welten zu einer wiedervereinen.

Es gibt keine Weingärten mehr, nicht mehr dort, wo die Gasse hinführt, gerade diese besten Lagen sind mitlerweile vollständig von modernen Siedlungshäusern verdrängt. Der für Sopron berühmte Kekfrankos, der Blaufränker, wird heute deutlich außerhalb der Stadt gezogen.

Nach dem Kriege, nach der Vertreibung (oder der rücksichtslosen Magyarisierung, was in gewisser Hinsicht keinen Unterschied macht, weil man die Menschen zwang, sich in der abgeschnittenen und auch umgedeuteten Vergangenheit selbst zu verleugnen - was also blieb noch denen, die blieben ...?) der Deutschen, verschwand mit ihnen auch die Weinbaukompetenz, denn sie waren (auch) die Weinbauern gewesen. In Schnellsiedekursen wurden vor allem den Zuzüglingen, die die nun leerstehenden Häuser bewohnen sollten (aber lange nicht wollten) Grundbegriffe des Weinbaus beigebracht, erst heute und nach 65 Jahren wagt man es wieder, von Qualitätswein zu sprechen. Die Gasse aber heißt nun nach dem kleinen Dorf, das man nach15 Kilometern über sie erreicht: Balf.

In dem Lokal neben dem Temetkezési, dem Bestatter, noch vor dem Durchgang, der Café und Bestatter trennt, befand sich, noch heute erkennbar, ein Schreibwarengeschäft. Es hielt sich nicht lange, mußte mangels Kundschaft schon nach wenigen Monaten wieder zusperren.

Das Internetcafé, in dem tagaus tagein vor allem Studenten stumm sitzen, und in eine andere jenseitige Welt starren als die Kirchgeher von Széntlelek, war zuvor das "Beisel ums Eck" der Gegend, das ausgelagerte Wohnhzimmer, wie es immer noch die völlig unterschätzten Stammbeisel, die Stammkneipen darstellen, die soziale Gefüge nicht einfach schweißen, sondern sind. Betritt man die Räumlichkeiten heute, so herrscht eisernes Schweigen, und sogleich umfängt einen die eigentümlich Pietät des "Nichtraumes", in dem lauter Parallelwelten in sich versunken beschäftigt sind, der Raum als bloße technische Ausrüstung gar nicht erst versucht, soziale Stätte zu werden. Selbst beim Leichenbestatter wird mehr und schon gar lockerer geredet, wenn die Angestellten die Särge durch die Gänge des Hauses fädeln, und dies nicht anders tun als wuchteten sie Bierkisten.

Deren Lagerräume sind vom Internetcafé nur durch eine dünne Türe getrennt. Aber es hätte auch ein Blatt Papier genügt, im Geschäft mit Geistern.

Keinen Platz mehr

G meinte: "Wenn man sich ansieht, was es alles schon gibt - nämlich genau alles - dann könnte man den Glauben verlieren, daß da noch Platz für einen selbst ist, daß man an dieser Welt noch was zu tun haben soll, und nicht ... umsonst da ist. Vielleicht ist das alles, da rundrum, gar nicht Neid? Sondern Verzweiflung, weil man nicht mehr glaubt, daß man seinen Platz hat? Vielleicht steckt das, geheim, hinter diesem Gequatsche von Überbevölkerung?"

Wir hatten darüber gesprochen, daß Neid (und Gier) eine Frage des Platzes ist, den man im Leben hat oder meint haben zu müssen, und mit dem man nicht zufrieden ist.

"Schau, in Leipzig gab es damals (17. Jhd., Anm.) 25.000 Menschen. Da fiel jeder mit je seinen Begabungen noch auf, da reichte die Tuchent der sozialen Kontakte bis zum Ende der Zehen. Bei jedem. Was will ich heute aber in Köln, oder Wien? 1 oder 2 Millionen sind da ... vierzig-, achtzigmal Leipzig! Da geht man unter. Ich habe auch das Gefühl, daß aus solchen Riesenstädten weit unterproportional wenige wirkliche große Leistungen erwachsen. Während man den Eindruck hat, daß es in einer Kleinstadt wie Athen, mit vielleicht 100,000 Einwohnern, ständig zu Trägern alle Zeiten überdauernder Spitzenleistungen gekommen ist. Als wären die großen Städte gigantische Vernichtungsmaschinerien ..."

Warum wir später, im Gespräch, bei Einspänner und Apfelstrudel, auf den Sinn des Dezentralen, des Föderalismus kamen weiß ich nicht mehr. Aber es hatte klar damit zu tun. Ich war ja längst in Gedanken bei etwas anderem.

Denn G hatte gemeint, daß er das Gefühl habe, daß es nicht eine Decke über 1 oder 2 Millionen sei, mit der man es zu tun habe - sondern nur eine gleich große, also kleine, Decke, die aber die anderen zu verdrängen suche. "Als fehlte," meinte er, "etwas, das aus diesen ganzen kleinen Decken wieder eine übergeordnete Decke häkelte. Als wäre es eine Dorfclique, die aber die Herrschaft an sich gerissen hat. Kann es sein, daß es das ist, was so entmutigt?"

Freitag, 19. März 2010

Verruchte Lauer

"Einen verruchten Menschen stellen wir uns überaus auf der Hut und auf der Lauer vor. Allemal bereit zum Sprung. Wir können uns keinen verruchten Menschen vorstellen, der sich ehrlich und aufrichtig Träumereien hingäbe, - denn wir dürfen uns einen verruchten Menschen nicht vorstellen, daß er jemals allein mit sich selber wäre."

Als ich das bei Chesterton, "Der Mann der Donnerstag war", las, dachte ich sofort an eine Meldung, die in der Zeitung dieser Tage gestanden hatte. Daß eine der Früchte der beschleunigten Kommunikation, in Twitter, facebook, sei, daß die Menschen auf nichts mehr konzentriert wären, sondern ständig auf der Hut, und bereit, auf Nachrichten einzugehen, auf die sie in Permanenz warteten. Angeblich seien sie sogar beim Sex, schreibt die Zeitung - beim Sex ... war ich schon je beim Sex? bei etwas das so klingt wie beim Haareschneiden, muß auch mal sein? - in dieser ständigen Warteposition, bereit sofort zu unterbrechen.

Ständig auf der Lauer also liegen. Ständig bereit, alles umzustoßen, um der Nachricht zu folgen. Nie mehr mit sich selbst allein, nie mehr mehr man selbst als je aktuell zum flüchtigen Wortschaum aufkocht. Als Form, ohne Bleibendes, unbestimmbar geworden, nur noch Art, nur noch Vogelschwarm, hierhin, dorthin ... Zum "So wie ..."

Führen nicht heute alle das Leben von Verruchten?

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Ein Volk von Brüdern

"Unter Sippen und Blutsverwandten dauert ja die lebendigste,vollste Kunde, und ihnen stehen von Natur geheime Zugänge offen, die sich den anderen schließen. Nicht allein leibliche Eigenheiten und Züge haben sich einzelnen Gliedern eines Geschlechts eingeprägt und zucken in wunderbarer Mischung nach, sondern dasselbe tut auch die geistige Besonderheit, daß man oft darüber staunt; da hält ein Kind den Kopf oder dreht die Achsel genau wie es der Vater und Großvater getan hatte, und aus seiner Kehle erschallen bestimmte Laute mit derselben Modulation, die jenen geläufig war; die leisesten Anlagen, Fähigkeiten und Eindrücke der Seele, warum sollten nicht auch sie sich wiederholen? [...]

Mir erscheint nun, daß dieser edle, die Menschheit festigende und bestätigende Hintergrund seine größte Kraft hat zwischen Geschwistern, stärkere sogar als zwischen Eltern und Kindern. Geschlechter haben sich zu Stämmen, Stämme zu Völkern erhoben nicht sowohl dadurch, daß auf den Vater Söhne und Enkel in unabsehbarer Reihe folgten, als dadurch, daß Brüder und Bruderskinder auf der Seite fest zu dem Stamm hielten, nicht die Descendenten, erst die Collateralen sind es, die einen Stamm gründen, nicht auf Sohnschaft sowohl als auf Brüderschaft beruht ein Volk in seiner Breite. [...] 

So will ich den einfachen Grund angeben, warum Brüder sich besser verstehen und erkennen als Vater und Sohn. Eltern und Kinder leben nur ein halbes Leben miteinander, Geschwister ein ganzes. Der Sohn hat seines Vaters Kindheit und Jugend nie gesehen, der Vater nicht mehr seinen Sohn als reifen Mann und Greis erlebt. Eltern und Kinder sind sich also nicht volle Zeitgenossen, das Leben der Eltern sinkt vornen in die Vergangenheit, das der Kinder steht hintern in die Zukunft. [...]

Niemand weiß folglich bessern Bescheid zu geben als vom Bruder der Bruder, und diesem natürlichen Verhalt hinzu tritt noch ein sittlicher. Der Vater vom Sohne redend wird sich seiner Gewalt über ihn stets bewußt bleiben, der Sohn Zeugnis vom Vater ablegen der gewohnten Ehrfurcht nie vergessen. Geschwister aber stehen untereinander, ihrer wechselseitigen Liebe zum Trotz, frei und unabhängig, so daß ihr Urteil kein Blatt vor den Mund nimmt.
Und dazu noch die leibliche Geschwisterähnlichkeit, also insgeheim auch die geistige, dem Vater gleicht der Sohn nur mehr oder weniger als halb, weil er auch Mutterzüge in sich aufnimmt, hingegen Brüder teilen sich in des Vaters und der Mutter Gesicht und besitzen von jedem irgendetwas; laßt Brüder sich in der Kindheit noch so unähnlich erscheinen, im Alter, wenn ihre Wangen einfallen, gleichen sie einander durch die Bank."

Jacob Grimm in seiner Gedenkrede an den Bruder Wilhelm, 1860




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Donnerstag, 18. März 2010

Heute aus gestern

Der Mensch - und zwar: jeder für sich - hat sich zu schaffen, sich in jedem Augenblick handelnd in die Zukunft zu werfen. Was er also jetzt ist, ist er aufgrund seiner Vergangenheit. Und somit kann er nur die Zukunft vorauswerfen, wenn er auch weiß, was er jetzt ist - also seine Vergangenheit kennt.

So schreibt Ortega Y Gasset in "Geschichte als System". "Der Mensch hat nicht Natur, sondern er hat Geschichte." Das Individuum ist kein starres (eleatisches) Wesen, sondern es lebt (unwiederholbar und immer neu) in dieser Konstellation der Offenheit der Gegenwart, auf dem Boden der Vergangenheit, die eine nie abreißende Kette der kausalen Zusammenhänge bildet - wo in jeweiliger Gegenwart zur Vergangenheit und den nun präsenten Kräften reagiert (bzw. in diese Gegenwart hinein gestaltet) wird.

Im Gegensatz zum Tier, das immer als "erstes Tier" da ist, immer gleich, wesentlich geschichtslos, ist der Mensch der zweite, dritte, etc. Mensch, mitbestimmt und umgeschaffen aus der Vergangenheit.

"Die Geschichte ist eine systematische Wissenschaft der Grundrealität, die mein Leben ist. Sie ist daher Wissenschaft der Gegenwart in dem strengsten und aktuellste Sinn des Wortes. Wäre sie nicht Gegenwart, wie sollten wir die Vergangenheit finden die ihr gewöhnlich als Thema vorgeschrieben wird?

Die entgegengesetzte und übliche Interpretation läuft darauf hinaus, aus der Vergangenheit eine abstrakte und irreale Sache zu machen, leblos in der Zeit in der sie geschah, während hingegen die Vergangenheit die lebendige und wirksame Kraft ist, die unser Heute trägt. Es gibt keine actio in distans. Die Vergangenheit ist nicht drüben, wo sie geschah, sondern hier, in mir. Die Vergangenheit bin ich, daß heißt mein Leben."

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Wahre Gefängnisse

"Es ist dem Erkennenden naturgegeben, auch die Wesungsform des Mitdings zu besitzen. Denn das Artbild des Erkannten ist im Erkennenden. Damit liegt auf der Hand, daß die Natur des nichterkennenden Dings mehr eingeengt und eingegrenzt ist. Die Natur der erkennenden Dinge aber hat eine größere Weite und Ausdehnung. Deswegen sagt der Philosoph: "Die Seele ist gewissermaßen alles." 

Die Einengung der Wesungsform ist aber durch den Wesungsstoff da. Daher sagten wir auch oben von den Wesungsformen, sie träten, je unstofflicher sie sind, umso näher an eine Art Unendlichkeit heran. Es ergibt sich also, daß die Unstofflichkeit eines Dings es im Grunde auf die Erkenntnis verweist, und daß das Erkenntnismaß sich nach der Unstofflichkeitsweise richtet."             
(Thomas v. Aquin, S. th. 14/1)

Vom seligen Hentwich dem Einsiedler wird erzählt, daß er, als er dies las, die darauffolgende Nacht in zähneknirschender Verzweiflung und in Tränen verbrachte, weil er seinen Leib als Gefängnis begriff, das er nicht abstreifen, sondern nur in Geduld ertragen lernen konnte.




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Immer auch Moralist.

In diesem Sinne, freilich, kann ich mit dem Prädikat, in meiner Arbeit ein "Moralist" zu sein, gut leben: wie es Gilbert K. Chesterton einmal notiert.

Wenn er nämlich festhält, daß jedes Kunstwerk eine Allegorie des Lebens ist - nämlich die Allegorie einer bestimmten Weltsicht. Jedes große Kunstwerk, meint er, sei die Verkörperung einer moralsichen Botschaft. Und wir wollen hinzufügen: gerade, wenn sie das verneinen zu sollen meint. "Die Ilias ist groß, weil das ganze Leben ein kampf ist, die Odyssee, weil das gaze Leben eien Reise ist, das Buch Hioob, weil das gnaze Leben ein Rätsel ist. Es gibt eine Haltung im Leben, da wir die ganze Existez in dem Titel 'Gespenster' beschlossen finden, eine andere - und etwas bessere - in der wir sie in den Worten 'Ein Sommernachtstraum' zusammengefaßt sehen."

Um das Gemeinte zu illustrieren, sollten wir vielleicht weiterlesen, was Chesterton in "Verteidigung des Nonsens" argumentiert: denn im Pendent zum "Nonsense" leben seine Ausführungen auf, weil er diesen auffordert, seine entsprechende und eigene Version des Kosmos anzubieten. Und diese darf unsinnig sein, weil auch dies ein Aspekt des Lebens ist. Man kann die Welt nicht nur tragisch, romantisch und religiös auffassen - sie hat auch ihr Quäntchen Unsinnigkeit. Oder was sonst solle es sein, wenn ein Baum hoch in den Himmel hinein seine Früchte anbietet - und eine Giraffe sie abweidet? Ist dies nicht eine staunenswertes Aufbäumen der lebenden Erdkrume, die sich zur mächtigen Woge tosend zum Himmel erhebt?

Ist nicht das viel überzeugendere Argument für einen Gott, in aller Größe und Allmacht, überzeugender als das, er ordne alles zur Vernunft in seiner Güte - der Hinweis auf dessen verspielte Unvernunft, unter der ein Vogel zur losgerissenen Blüte des Strauches, ein Mensch ein auf seinen Hinterfüßen bettelnder Vierfüßer, ein Haus ein gigantischer Hut, um en Menschen vor der Sonne zu schbützen, ein Stuhl ein Apparat aus vier hölzernen Beinen, konstgruiert für einen Krüppel mit nur zweien, wird?

Und wird somit selbst also die Unvernunft, der Nonsens, zur Predigt, zur moralischen Botschaft, weil alles Allegorie ist?

Dienstag, 16. März 2010

Quelle Mythologie

Die Poesie öffnet auf einen Deutungshorizont hin, und sie öffnet immer am Konkreten, am Gegenständlichen. In "Gespräch über die Poesie" zeigt Friedrich Schlegel richtig, daß die größte Gefahr der Kunst - und ihrer Konstituenden: der Poesie - davon droht, daß sie sich ohne Mythologie wiederfindet.

Das sieht Schlegel - zu dem Zeitpunkt noch Protestant! - als die eigentliche Aufgabe der Romantik. Und er, wie die Romantik selbst, ahnt diesen großen Sündenfall des Abendlandes. Und will den Bruch heilen.

Es nimmt nicht wunder, daß der Pantheismus eines Spinoza, die "Mystik" des 18. Jhds. (als Schwärmerbewegungen, selbst Ersatzhandlungen dieses großen Bruchs zum Ausgang des Mittelalters, unerhört populär), als jene Ideen gesehen werden, die die dem Protestanten fehlende Metaphysik ersetzt.

Poesie aber öffnet das Fenster, und sie tut es aus der Metaphysik heraus, auf ihrem Boden. Denn die wahre Metyphasik IST Poesie, unnennbar im Grunde, nur abgrenzbar - zerstört von den Genannten, die Auswählungen ("Häresien") waren und sind. Und der Boden für Kunst wie Wissenschaft gleichermaßen.

"Die Mitteilung und Darstellung aller Künste und aller Wissenschaften kann nicht ohne einen poetischen Bestandteil sein."

Schlegel sieht diesen Bedarf auch, und nicht unwesentlich, eben aus den Erkenntnissen der Physik heraus, die - in den auftauchenden Beobachtungen über Elektrizität, Magnetismus (s. u. a. J. W. Ritter's Versuche einer nunmehr wissenschaftlich-physikalisch-mythologischen Kosmogonie) - die Not der Deutung offengelegt hat. 200 Jahre später, heute, stehen wir im Grunde in der Quantenphysik vor haargenau denselben Fragestellungen!

"Ich zog die Physik aber auch darum vor, weil hier die Berührung am sichbarsten ist. Die Physik kann kein Experiment machen ohne Hypothese, jede Hypothese, auch die beschänkteste, wenn sie mit Konsequenz gedacht wird, führt zu Hypothesen über der Ganze, ruht eigentlich auf solche, wenn gleich ohne Bewußtsein dessen, der sie gebraucht." Sobald es der Physik, schreibt Schlege, um allgemeine Resultate geht, und nicht nur um technische Zwecke, gerät sie, ohne es zu wissen, in Kosmogonie, in Astrologie, in Theosophie, und was auch immer, "kurz: in eine mystische Wissenschaft vom Ganzen."

Schlegel konvertierte schließlich übrigens zum Katholizismus.

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Abschreckende Wirkung

Heinrich von Talleyrand, Marquis von Chalais, ein zum nämlichen Zeitpunkt 18jähriger, hübscher, angenehmer Mann, war 1626 an einer Verschwörung an Ludwig XIII. überführt worden. Der junge Mann hatte sich von Marie von Rohan, der Herzogin von Chevreuse (Bild), in die Angelegenheit hineinziehen lassen, die ihn in ihrer berüchtigten Koketterie hoffnungslos in sich verliebt gemacht machte, um ihn dann zu benützen.

Im Verhör, das von Richelieu psychologisch geschickt aufgeführt worden war, gab er nicht nur alles zu, sondern beschuldigte noch eine Reihe weiterer Beteiligter, darunter seine Angebetete.

Er wurde trotz verzweifeltster Widerrufs- und dann Entschuldigungs- und Bittschreiben zum Tode durch Enthauptung in Nantes verurteilt. Anschließend sollte sein Kopf auf eine Pieke montiert in der Stadt aufgestellt, sein in vier Teile geteilter Körper in vier Hauptstraßen zur Abschreckung ausgestellt werden.

Der König war nicht bereit, den jungen Mann zu begnadigen, weil man diesmal versucht hatte, sogar seinen Bruder Gaston gegen ihn als Thronprätendenten auszuspielen.

Auf innigstes Flehen der Mutter des Verurteilten wurden ihm aber zumindest die entehren sollenden Teile der Hinrichtung erlassen.

In seinen letzten Wochen war Chalais im Gefängnis dadurch aufgefallen, daß er pausenlos verzweifelt-wütend fluchte, jedes Gespräch mit einem Geistlichen verweigerte, und alle und jeden beschimpfte. Nur die Chevreuse, die er erst schwer belastet hatte, nahm er von seinen Flüchen aus, und entschuldigte sich fortwährend für seine, wie er nun behauptete, falschen Beschuldigungen, und versicherte sie seiner unausgesetzten heißen Liebe.

Sie beantwortete keinen seiner Briefe.

Weil der gewöhnliche Henker zum Tag der Hinrichtung nicht in Nantes war, wurde ein zum Strang verurteilter Häftling mit dessen Vertretung betraut, der aber noch nie eine Hinrichtung vollzogen hatte.

Battifol schreibt: Er mußte sechsunddreißigmal mit einem Böttchermesser dreinhauen, um den Kopf vom Rumpfe zu trennen, und war schließlich noch genötigt, den Kopf auf die andere Seite zu drehen, um sein scheußliches Werk zu vollenden. Beim zwanzigsten Streiche lebte Chalais noch, und rief aus: "Jesus Maria!"

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