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Montag, 31. Mai 2010

Kastrierte Bilder

Wird die Sprache ihrer Bilder beraubt, getrennt in "rational" (weil vermeint wissenschaftlich) und "bildlich-phantasievoll" (als vermeint künstlich-wirklichkeitslos ästhetisierend), so zerreißt die Einheit des Sprechens, die aus Darstellung und rationalem Inhalt bestand, und es bildet sich hier der wurzellose Rationalismus, dort aber sein ebenso taubes Gegenstück - die Melancholie, die Sentimentalität als wirklichkeitslose, manieristische Ausdrucksform eines losgerissenen Vermögens der Phantasie.

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Sonntag, 30. Mai 2010

Nur der Denkende glaubt

Je klarer, schlüssiger Beweise wirken, umso stärker muß der Glaube an die unbeweisbaren, apriorischen, apodiktischen, immer im Mythos entspringenden Prinzipien der Welt des Beweisenden sein.

Denn die rationale Welt ist eingebettet in die Sprache und (erste) Begriffswelt der bildlichen, alles weitere Denken begründenden Anschauung.

Nicht die Bilder entstehen aus Begriffen, sondern die Begriffe aus Bildern und Anschauungen.

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Dichter und Weltenstifter

In den Augen von Horaz stiftet der Dichter die Ordnung der Welt, der Menschen. Indem er das Ursprüngliche kündet, stellt er die unableitbaren Prinzipien menschlicher Gesellschaft als archaisch, prototypisch dar. Der Dichter drückt das aus, was den Menschen als Maßstab dienen muß. In diesem Zurückgreifen erinnert er sich sohin - und er hebt damit ein Geschehen zur Geschichte, die zum Exemplum des auch die Gegenwart beherrschenden Prinzips wird.

Ernesto Grassi dazu: Erst das dichterische Tun stiftet die Möglichkeit, sich von dem unmittelbaren Zwange der Natur zu befreien, eine Möglichkeit, die im FEST ihre große Gültigkeit beweist. In der errungenen Freiheit wird das Menschliche zelebriert.

"Zu ihren süßen Weisen neigte sich
das Ohr der Könige und endlich schloß
des Jahres Arbeit sich mit ihren Spielen." 

Dem Dichter wird damit auch Wissen zugeschrieben: Die von ihm gestifteten Maßstäbe verwirklichen das Wesen des Menschen durch die Entfaltung und Ordnung der Leidenschaften in der Famlie, durch die Regelung der Beziehungen zwioschen den Menschen in der Ordnung des Staates. Insofern besteht die Funktion von Kunst und Dichtung in einem prinzipiellen "Nutzen" beim Aufbau der Welt.

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Samstag, 29. Mai 2010

Wissenschaftlich wertlos

In Anknüpfung an die Begriffsschärfe Schopenhauer's, sei auf ein Wort von Ernesto Grassi (Italiener, und Heidegger-Schüler) hingewiesen, der sich in "Die Macht der Phantasie" mit den fatalen Folgen der Reduktion von Wahrheit und Erkenntnis auf die "Richtigkeit" von Logik und Verstand auseinandersetzt - denn so bleibt der wirkliche Zugang zu Erkenntnis und Wahrheit (s. u. a. Schopenhauer: Wahrheit als das durch die rrteilende, einordnende Vernunft richtig erkannte) damit verbaut.

Grassi schreibt 1979, daß unfaßbarer Weise das intellektuelle, rationalistische, rein "formale" Denken im abendländischen Bereich heute den Vorrang erhalten habe. Dies beduete, daß "das wissenschaftliche Denken meistens auf eine rein formale Stringenz reduziert" werde. Somit habe ein "Wahrheitswert" von Äußerungen nur im Bezuirk der ausgewählten Prämissen Geltung, der sich durch rationale Deduktion ergebe.

Der Aussagewert von Wissenschaft, ihre Kraft zur Lebensrelevanz und Fragenkompetenz aber gehe damit gegen Null. Das sei, so Grassi, die Ursache für den Verlust sämtlicher Wertmaßstäbe, insbesondere in Hinblick auf den Menschen und die Umwelt.

Nur der Mythos, das Sakrale, halte den Menschen in einer geordneten Welt, und nur auf dieser Basis also sei Wertorientierung überhaupt denkbar - weil nur so von Vernunft als Humanum (und sein Denken nicht als logizistische Funktion im wahrsten Sinn fürs Leben wertlos wird) gesprochen werden könne.

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Freitag, 28. Mai 2010

Das nächste Pulverfaß


Am Gelände des ehemaligen Wiener Nordbahnhofs, im 2. Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt, wird nun Zug um Zug ein neues Stadtviertel aus dem Boden gestampft. Die nächste Ausbaustufe wurde nun eröffnet, und dazu ein Gesamtkonzept vorgestellt, das sich, wie die Presse berichtet, folgende Zielsetzungen steckt:

Ein groß angelegtes Integrationsprojekt samt Ganztagsvolksschule, das für eine soziale Durchmischung im Wohnbereich sorgen und sich zu einem Vorzeigeprojekt entwickeln soll. Was darunter zu verstehen ist? Ein Konzept, das die Stadtregierung bei jeder passenden (und auch unpassenden) Gelegenheit propagiert: „Beim Reden kommen die Leut' z'sammen.“
•Weltcafé. Als Plattform für ein Treffen der Kulturen wird ein Weltcafé eingerichtet. Ein Café, das vom Konzept her angelehnt an Dritte-Welt-Läden ist (Fair Trade), und in dem Menschen verschiedenster Herkunft sich in Caféhaus-Atmosphäre treffen, kennenlernen und plaudern können.
•Kulturelle Veranstaltungen. Ein Weg, um Vorbehalte und Differenzen abzubauen, wird über kulturelle Veranstaltungen führen. Sie sollen ein fixer Bestandteil des Integrationsprojekts werden, Einheimische und Neo-Österreicher gleichermaßen ansprechen und damit eine Plattform bilden, um den Kontakt zwischen den Mietern zu erhöhen und Vorurteile abzubauen.
•Nicht nur Türken. Mindestens 20 Prozent der Mieter sollen einen Migrationshintergrund haben, damit das Integrationsprojekt auch ein Integrationsprojekt wird. Zumindest hat sich Vizebürgermeister Ludwig diese Latte gelegt. Nur: Eine Quotenregelung wäre gesetzwidrig, der Migrationshintergrund wird bei der Anmeldung auch nicht erhoben – also wird das Projekt mit mehrsprachigen Broschüren gezielt in den verschiedenen Communitys beworben. Und, was aus dem Konzept hervorgeht: Es soll auch eine Durchmischung der Ethnien geben – der Migrantenanteil von mindestens 20 Prozent soll also nicht nur aus türkischen Wienern bestehen, sondern aus einer möglichst ausgewogenen Mischung jener Migranten, die in Wien vertreten sind.
•Interkulturelle Gemeinschaftsgärten. Ein weiterer Baustein, um Berührungsängste zwischen Einheimischen und Migranten abzubauen und den Kontakt zwischen den verschiedenen Gruppen zu fördern, sind interkulturelle Gemeinschaftsgärten. Der gemeinsame Kampf gegen das Unkraut, die Gespräche über die selbst gezüchteten Paradeiser und das Wuchern der Gänseblümchen – diese Themen sollen Wiener und Neo-Österreicher beim Gärtnern näherbringen

Dazu fällt mir nur ein, was Grassi über die Notwendigkeit des Diskriminierens - als Wahren der Gegensätze, die nur im Wahren des "Ornats" der jeweiligen Gesonderheit besteht - schreibt, wo er Cicero zitiert: "... weil die Athener keine unterschiedlichen Grade der Würde besaßen behielt die Bürgerschaft nicht die ihr eigene Ordnung." Da die Dinge erst in ihrem Verhältnis zueinander - das ausgedrückt, nicht verwischt werden muß! - konkret in Erscheinung treten, bleiben sie ohne ornatus dunkel.




Damit sind Spannungen, gerade bei solchen Gleichmacherprojekten, regelrecht vorprogrammiert, und dem Konto zeitgemäßter Dummheit zuzuschreiben. Nichts kann Gelassenheit entfalten, das sich (und das ist gleichbedeutend mit Identitätz) gefährdet sieht. Während neue Identität lange, Generationen gar, braucht, um sich zu entwickeln, um sich auch umzugestalten, um zu integrieren.




Das Problem mangelnder Integration von Zuzüglingen ist nicht auf diese Weise lösbar. Es ist gar nicht direkt und gleich lösbar, weil der Mensch keine Summe programmierbarer Funktionen ist, sondern zuerst IST und zu sein verlangt. Alle Dinge sind sie selbst erst durch und in ihren Beziehungen. Beziehungen aber kann nur haben, wer sich auf ein "Seinsbild" seiner selbst bezieht, das ihm vorausgeht - und das natürlich in der unerläßlichen Ausfaltung dieser Insonderheit durch konkretes und immer differentes Leben besteht.

Aber was zählt das alles, angesichts eines Klubobmanns der ÖVP, Khol, der vor wenigen Jahren, wie jetzt auf einem Video bekannt wurde, auf einer Versammlung eines maßgebenden muslimischen Jugendverbandes unter lautem Beifall den anwesenden Muslimen verkündet: "Ihr seid die Zukunft Österreichs!"Man hat also seitens der Politik ohnehin längst die Gegenwart, das gegenwärtige Volk, aufgegeben.

Denn auch in dieser Siedlung wäre es realistischer und einem sozialen Frieden zuträglicher, ein Muslimenviertel einzuplanen, das von Christenvierteln Wiener Identitätsträger getrennt ist.

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Schlechte Qualität

Geschichten, wie sie das Leben schreibt: Vor zwei Jahren wurden seinem Atlantis-Hotel in Hamburg die fünf Sterne aberkannt - sein Sparwahn hatte die Qualität der Beherbergung beeinträchtigt. Was Udo Lindenberg, prominentester Dauergast des Hamburger Nobelhotels, in dem sogar ein James Bond gedreht worden war, das immer wieder Domizil von Liciano Pavarotti und Paul McCartney gewesen war, gar nicht amüsiert kommentiert hatte.

Nun hat der an der 153. Stelle der Liste der reichste Deutschen stehende Dieter Bock - laut Presse auch Immobilien- und Kunstspekulant - diesen Abstieg der Qualität noch tragisch besiegelt. Nachdem er vorgestern noch nach Mitternacht Essen aufs Zimmer bestellt hatte, fand man ihn am nächsten Morgen tot auf.

Er war an einem Fleischbissen erstickt.

R. i. p.

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Kaum zu überbieten

"Few man think, yet all will have opinions."


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Spiel ersetzt Realität

Adolf Portmann berichtet in "Das Spiel als gestaltete Zeit" über ein Experiment, das er in den 1930er Jahren auf seinem Institut in Basel gemacht hat, und mit welchem er die utilitaristische Auswirkung des Spielens - im konkreten Fall: aus Ausbildung von Muskeln und des Nervenapparats bzw. der Neuronen/Synapsen im Gehirn - in Frage stellt:

Dort hatte er Stare aufgezogen, denen durch sehr enge Wolljäckchen die Übung der Flugmuskulatur bis zum Tag der normalen Flugfähigkeit völlig verwehrt war. Das, so Portmann, bedeutete keinen schädigenden Zwang für die Jungvögel: sie hatten eine sehr lebendige, bewegte Kindheit. Aber seine Frage war eindeutig beantwortet: die erste Flugbewegung sowohl wie die Reifung der Muskelgewebe erfolgten trotz der Beschränkung völig normal, eine Tatsache, die auch an anderen Nesthockerjungen nachgeprüft werden konnte.

Sinngemäßes läßt sich, so Portmann, für das Singen der Vögel aussagen, auch wenn sie völlig isoliert aufgewachsen sind.

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Begriffsklärungen

Mangel an Verstand also nennt Schopenhauer Dummheit. Mangel an Anwendung der Vernunft auf das Praktische hingegen Thorheit, Mangel an Urteilskraft Einfalt, und den stückweisen oder ganzen Wegfall von Gedächtnis nennt er Wahnsinn.

"Das durch die Vernunft (sic! - nicht "Verstand", oder Logik - Logik kennt nur "Richtigkeit"! - Anm.) richtig Erkannte ist Wahrheit, nämlich ein abstraktes Urtheil mit zureichendem Grunde (neuerlicher Hinweis: der apriorisch feststeht, das sagt Schopenhauer schlußfolgernd und zwangsläufig als Basis allen Erkennens): das durch den Verstand richtig  Erkannte ist Realität, nämlich richtiger Übergang von der Wirkung im unmittelbaren Objekt auf deren Ursache.


Der Wahrheit steht der Irrthum als Trug der Vernunft (!), der Realität der Schein als Trug des Verstandes gegenüber."  Der Schein bleibt (vor dem Verstand) bestehen, die Vernunft aber weiß (immer). Denn der Verstand bleibt immer an sich unvernünftig, streng von der (wissenden) Vernunft geschieden, ihm bleibt das Anschauen.

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Donnerstag, 27. Mai 2010

Kostenwahrheit

Die Webseiten der Deutschen Tageschau wie auch der Presse bringen einen Bericht über den mittlerweile 10. Selbstmord eines Arbeiters auf dem Werksgelände des chinesischen Elektronikherstellers Foxconn.

Foxconn produziert mit seinen 400.000 Arbeitern, die der deutsche Bericht als "junge Leute bezeichnet, die in Maschinen verwandelt werden", kostengünstige Bauteile für nahezu alle weltweiten Elektronikkonzerne, von Dell (Computer) über Nokia (Handys) zu Apple (Computer) und Hewlett-Packard (Elektronik-Mischkonzern). Namen, die auch unseren Alltag nahtlos umgeben, Namen die auftauchen, wenn der nächste Saturn- oder Mediamarkt- oder sonstwas-Werbeschrei verkündet, daß es nun noch biliger, noch günstiger, noch geiler sei, dort sein Geld zu lassen und das Leben mit modernster Technik vollzuramschen. Mit Technik, kraft derer wir uns so vielen Menschen auf der Welt überlegen fühlen. Menschen wie diesen Chinesen, die es ja schienbar zu ungezählten Millionen gibt ... (Der Konzern ist übrigens Taiwanesischer Herkunft.)

Zu einem überwiegenden Teil rekrutieren sich die Arbeiter in Shenzhen aus  Söhnen und Töchtern von Bauern, die noch vor kurzer Zeit unter kaum vorstellbar harten Lebensbedingungen leben mußten und schwerste Arbeit bis zur Erschöpfung und Hunger "gewöhnt" seien - anders als die Jugend moderner Stadtbevölkerkerungen, die mit Handy und Internet aufwächst.

Die auf dem festungsähnlich verbarrikadierten Fabriksgelände verdienten Löhne reichten angeblich kaum zum allerknappesten Überleben in Shenzhou. Und auch das nur dann, wenn ungezählte Überstunden geleistet würden. Gleichzeitig erleben sich die Arbeiter als ausweglos ausgeliefert, entflochten aller sozialen Bindungen und Bezüge, rettungslos isoliert.

Dieser Bericht ist aber wohl nur eines der tatsächlich kaum zu zählenden, aber nur nebenher wahrgenommenen Beispiele, auf welchen Beinen unser Wohlstand - der doch wohl kaum mehr ist als Konstumquantitätsmaximierung - wirklich steht. Und wie die Kostenwahrheit verbogen werden muß, um noch von "freier Marktwirtschaft" zu sprechen.

Denn "die Zukunft" unserer Welt, die seit vielen Jahrzehnten in der ungehemmten Entwicklung von Technik in allen, wirklich allen Lebensbereichen gesehen wird, fordert das Opfer der einzigen Resource, die die Welt hat - den Menschen. Im Namen dieses Fortschritts wird gnadenlos eine neue Opferschichte bestimmt, die auszubaden hat, was eine vorgebliche Mehrheit wünscht und braucht.

Das sind nicht nur immer billiger Elektronikbauteile, das war längst die Lebensmittelproduktion, das war die Umwelt, und das waren auf andere Weise die Väter und damit die Grundstruktur der Gesellschaften und Staaten, die Familien, die längst ebenfalls entsorgt sind. Was dem Wahn der Modernität im Weg steht, wird niedergemetzelt.

DIESE Arbeiter aber sind es, deren niedrige Löhne das liefern, was wir längst überlebensnotwendig brauchen - Produktivitätssteigerungen. Um die Zinslast für unsere Kredite und Schulden zu tragen. Durch noch mehr Arbeit, durch noch höhere Technisierung und Sinnentleerung. Darauf baut jede Erwartung auf, daß wir die Lebenslast, deren wir uns hierzulande zu entledigen suchten, aufs Geld umwälzen können (und konnten), die Menschen weit weit weg - in China, dem Land der anonymen Menschenmassen, oder in 30 Jahren von gleichfalls anonymen Menschenmassen - dann einzulösen, zu tragen haben.

Das ist die Wahrheit über die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung. Schopenhauer nennt es beim Namen: man nennt es Dummheit, wenn nicht Schwachsinnigkeit, Ursachen und Wirkungen nicht in einen Zusammenhang bringen zu können.

Nachtrag von 17.00 Uhr: Mittlerweile berichten die Zeitungen vom elften Selbstmord am Firmengelände, und von weiteren gescheiterten Selbstmordversuchen.

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Mittwoch, 26. Mai 2010

Was dumm ist

Dummheit, präzisiert Schopenhauer einmal, ist im eigentlichen Sinn Mangel an Verstand, und "ist eben Stumpfheit in der Anwendung des [apriorisch der Erkenntnis vorausgehenden, Anm.] Gesetzes der Kausalität", Unfähigkeit zur unmittelbaren Auffassung von Verkettungen von Ursache und Wirkung, Motiv und Handlung. "Ein Dummer sieht nicht den Zusammenhang der Naturerscheinungen ein, weder wo sie sich selbst überlassen hervortreten, noch wo sie absichtlich gelenkt, d. h. zu Maschinen dienstbar gemacht sind: dieserhalb glaubt er gern an Zauberei und Wunder."

Ein Dummer merkt nicht, daß verschiedene Personen scheinbar zeitlich wie räumlich unabhängig voneinander in einem Zusammenhang handeln. Ihm mangelt es an Schärfe, Schnelligkeit, Leichtigkeit der Anwendung des Gesetzes der Kausalität, d. i. Kraft des Verstandes.

Und Schopenhauer führt zur Illustration den blödsinnigen Knaben an, den er in einem Irrenhause angetroffen hatte, und der die Brille des Philosophen, die dieser um den Hals trug, bei jedem Besuch erneut anstarrte, weil sich die Fenster, und durch die hindurch die Baumwipfel von außen darin spiegelten: Er konnte zwischen diesen Bildern und ihrer Entstehung keinen Konnex herstellen.



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Montag, 24. Mai 2010

Mißlungenes Opfer

20.000 Zuschauer sahen beim aus uralter kultischer Opferhandlung - schon auf kretisch-minoischen Bildern, vor rund 4000 Jahren entstanden, ist das Spiel mit dem Stier abgebildet, und der Stier als mythisches Opfer ist im ganzen Mittelmeerraum verbreitet - entwickelten Stierkampf in Madrid/Las Ventas, wie der Stier den Torrero Julio Aparicio auf die Hörner nahm - und ihm das Horn durch den Unterkiefer bohrte, den erst niedergeworfenen 41jährigen dann regelrecht aufspießte. Zwei Zuschauer, schreibt der Kurier, seien daraufhin in Ohnmacht gefallen.

Der Torrero hat übrigens überlebt, es geht ihm nach sechsstündiger Operation im Krankenhaus wieder gut.

Über den Stier schreiben die Zeitungen nichts. Es geht eben im Stierkampf nicht um die "Ermittlung eines Siegers", sondern um die Zelebration äußerster Möglichkeiten menschlicher, männlicher Freiheit und Macht, gerade im Risiko des eigenen Todes, in Verbindung  mit einem kultischen Opfer. Das heißt nämlich: sinnlos, ohne Zweck, nur des Spieles wegen. 

Die Herkunft aus Kreta (und damit aus Ägypten bzw. Phönizien) kann der gesamte Mittelmeerraum, in dem Stierspiele - Beherrschung der Fruchtbarkeit - Jahrtausende alte Tradition sind, eben nicht verbergen.

Dennoch wäre interessant gewesen, wie das 600 kg schwere Tier gestoppt, der Torrero von den Hörnern gelöst worden war. Einfach durch gezielte Schüsse? Zu gefährlich. Oder durch einen tödlichen Stoß mit dem Säbel durch einen weiteren Torrero? 

Wie aber hatte man dann verhindert, daß der Stier, von der Last an seinem Schädel in diese Richtung gezogen, auf den Torrero drauffiel, diesem also noch mehr Schaden zufügte? Oder erzählt sich dies alles im ärztlichen Hinweis, daß - oh Wunder! - keine inneren Verletzungen festgestellt wurden, welche Bemerkung nahelegt anzunehmen, daß der Stier, nach seiner Tötung, auf den Torrero drauffiel?



Nachtrag vom 25. Mai 2010: Wie Die Presse berichtet, hat der Stier das Horn aus eigenem Impuls wieder zurück (und aus der Wunde heraus) gezogen, Aparicio sich noch aus eigener Kraft aus der Gefahrenzone gerettet, ein anderer Torrero dann den Stier getötet. Gerade hier aber hätte die Geschichte interessant zu werden begonnen: Mit einer Kalaschnikow, weshalb  nämlich der Stier auf den Torrero fiel? Oder mit einem brutalen Stoß einer dem nächsten Piccador entrissenen Pica? Oder einer Granate, die ihm ein verwirrter Observator in die Hand gedrückt hatte? Etc. etc. 

Oder ist diese Stoßbewegung des Stieres, als Artmerkmal, ganz anderer Natur, sodaß der Stier mit einem aufgespießten Torrero auf seinem Horn gar nicht wußte, was nun passiert ist, weil das Horn irgendwie gar nicht zu ihm gehört, wie bei einem Fingernagel gewissermaßen, er also gar nicht als "Selbst" gehandelt, die Spitze seines Tuns (wörtlich) mit ihm nichts zu tun hat? Weiß ein Stier, was an der Spitze seines Horns passiert? Fragen über Fragen ...




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Distanz heißt Besitz

"Das menschliche Leben ist nur solange wirklich, als es seine Darstellung in einem begrifflich unverfügbaren Spiel finden kann. Fällt dieses Spiel aus, sei es durch Geringschätzung, sei es dadurch, daß der Mensch die Spielregeln nicht mehr anerkennen will oder kann, verkommt das Leben zur wahnhaften Unwirklichkeit und zum 'bloßen Spiel', das alle Beteiligten zwingt und nichts mehr zeigt."

Dietmar Kamper in "Spiel als Metapher des Lebens"

Samstag, 22. Mai 2010

Der Spielende handelt

"Die andere Ordnung, der Ursprung der menschlichen Welt im Spiel, duldet keinen Spaß. Was in der Welt auf dem Spiel steht, das muß schließlich ausgesprochen werden, ist nicht allein das Schicksal eines einzelnen Dichters, sondern das Schicksal der Menschheit, die sich den Prozeß macht, weil sie nicht mehr geschichtlich zu handeln vermag - die 'spielen' (im Sinne von "so tun als", Anm.) muß, weil sie nicht mehr spielen kann."

Dietmar Kamper in "Der Mensch und das Spiel - Spiel als Metapher des Lebens"

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Freitag, 21. Mai 2010

Kostenwahrheit

In seinem Schreiben zum Weihnachtsfest 1953 weist Papst Pius XII. auf einen Aspekt hin, der so unscheinbar und nebensächlich wirkt - den es aber in Zusammenhang mit den derzeitigen Wirtschafts-, vor allem aber Finanzturbulenzen unserer überschuldeten Staaten zu sehen lohnte.

Pius XII. schreibt da über die Auswirkungen der Technik auf den Menschen, und er kommt zu bemerkenswerten Schlüssen: Wenn nämlich die menschliche Arbeit zum Selbstzweck wird, man sie also lostrennt vom menschlichen Selbstvollzug, wenn die Technisierung der Abläufe den Menschen immer ausschließlicher als Funktion und Element in einem automatisierten Ablauf mißbraucht, vor allem aber wenn dann auch die Freizeit herausgerissen aus einem Lebensrhythmus von Arbeit und Erholung wird, der Sonntag bestenfalls zu einem technisch verstandenen Regenerationsfaktor wird, den auch ein anderer Wochentag genausogut ersetzen könnte, dann verschleißt sich der Mensch auf eine Weise, die die sozialen Folgekosten (!) aus dem Zerreißen menschlicher seelischer Lebensgrundlagen zu einem kaum mehr leistbaren Faktor der Gesamtwirtschaft machen.

Und das ist wohl auch der Pfad, der das Geschehen weltweit auf eine ganz andere Art logisch macht und erhellt, der die Finanzprobleme weltweit losreißt aus den Mythen über einige wenige (sachlich leicht belegbar völlig überschätzten) Spekulanten und sonstige böse Menschen, die mit ihrer privatimen Gewinnsucht die Menschheit ruinieren - solchen Faktoren sind kaum mehr als 10 Prozent der Geldflüsse zuzurechnen.

Tatsache ist vielmehr, daß die durch unsere Lebensführung - und hier darf man durchaus das Wort "Sünde" in den Mund nehmen, denn Sünde meint tatsächlich Widernatürlichkeit, also einen Ablauf gegen eine vom Wesen der Dinge vorgesehene, ihnen also zuwiderlaufende Ordnung - verursachten Kosten nicht mehr zu tragen sind. Tatsache ist, daß es keinen pekuniären Weg gibt, der eine gesellschaftliche Struktur überrundet, quasi links überholt - nur gesunder gesellschaftliche Strukturen, nur Strukturen auf der Grundlage gesunder Familien (ganz traditionellen weil tatsächlich früher noch natürlichen Zuschnitts, um es beim Namen zu nennen) und Ehen, nur Arbeitsverhältnisse, die Arbeit noch als EINEN Faktor eines ganzheitlichen Lebensvollzugs sehen, ergeben auch gesunde Staatsfinanzen und sozial ausgleichende Potenz auch für eine gewisse Bedürftigkeit und "Außergewöhnlichkeit" von Lebensentwürfen.

Deshalb ist der Weg zur Gesundung von Staatsfinanzen ohne eine Rückkehr zu solcher Ordnung, ohne eine Streichung ideologisch motivierter Umverteilungen und Aufwandsverlagerungen, die noch dazu in so vielen Fällen gezielt eine neue Natur schaffen sollen, ohne eine damit mögliche Regeneration der im Lebensritus sich vollziehenden metaphorischen Weltbewältigung, der einzigen die den Menschen nicht verbraucht, völlig undenkbar. Es ist ein Weg zu wirklicher Kostenwahrheit, und hier ist der Begriff auch wieder in seiner Relation zur Gerechtigkeit rehabilitiert.

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Mittwoch, 19. Mai 2010

Verzweckung der Kunst

In der Politisierung der Kunst vollzieht sich ihre Tötung. Denn das Zwecklose alleine, und Kunst ist Metapher, ist jene menschengerechte Spielhandlung, die sich aus dem wiedererkennenden Betrachter herausgestellt hat, ist Wesen und Wahrheit der Dinge, die sie selbst nicht reduziert auf Nützlichkeitseingenungen und -faktoren sind, sondern die Bilder, Ausdrücke sind, die Gestalt haben.

Politische Kunst mißbraucht diesen Freiraum, der kein zuckersträuseliger Effekt ästhetisierender Feinspitze ist, sondern der erst überhaupt Leben und Wirklichkeit ist!

Denn der Mensch ist sich Grund genug - er hat keine Nützlichkeiten vorzulegen, und darf nicht danach bewertet werden.

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Illegale Legitimität

Der Freiburger Extremismusforscher Eckhard Jesse schreibt zu den Ereignissen von Berlin zum 1. Mai 2010, wo offiziell angekündigte Demonstrationen "Rechtsextremer" von linken Gegendemonstranten (die bei weitem in der Mehrzahl waren) verhindert wurden (Zitat und Bild aus: Junge Freiheit):

Wer Legitimität gegen Legalität auszuspielen versuche, öffne seiner Meinung nach „dem Mißbrauch Tür und Tor“. Schließlich unterliegt auch die vielbeschworene „Zivilgesellschaft“ Recht und Gesetz.
Ohnehin, so kritisiert der an der Technischen Universität Chemnitz lehrende Extremismusforscher, werde mit dem Begriff des zivilen Ungehorsams „Schindluder getrieben“; denn diese Form politischen Widerstands werde uminterpretiert, wenn sie sich gegen jemanden richtet, der offenkundig von der Mehrheit der Gesellschaft „verachtet“ wird, schreibt der Professor mit Blick auf die von den Gegendemonstranten blockierten Rechtsextremen.
Nicht immer entspreche das politisch Opportune dem verfassungsrechtlich Gebotenen. Das aber heißt, so Jesse abschließend: „Eine Partei, die nicht verboten ist, muß nicht demokratisch sein. Aber es ist verboten, gegen sie nicht demokratisch zu sein.“
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Dienstag, 18. Mai 2010

Der totale Krieg

Vernunft bezieht sich immer auf einen Gesamthorizont. Nur in einen solche eingebettet läßt sich überhaupt von Vernunft sprechen, von einem solchen her definiert sich, was vernünftig ist oder was nicht.

Im Alarmismus, im Herausstreichen eines (ansonst so zu beurteilenden) Nebenaspekts wird die "normale" Vernünftigkeit außer Kraft gesetzt weil das Gesamtziel, die Gesamtvernunft, als gefährdet dargestellt. Und so wird an sich unvernünftiges Handeln - durch Veränderung der Gewichtungen - "vernünftig". Vorübergehend nämlich. Diese Vorläufigkeit wird diese Unvernunft ja nicht müde zu betonen.

So ist auch dieses "Netzwerk gegen rechts" zu sehen, das als Schlagwort vorgibt, unsere Gesamtbefindlichkeit, unsere freiheitlich-demokratische Gesamtordnung, sei fundamental und akut gefährdet - von "der Rechten". Hier wird versucht, den Gesamthorizont außer Kraft zu setzen, und um eines - vermeintlich - wichtigen Gesamtzieles Unvernunft (z. B. in Form von Freiheitseinschärnkungen, oder der Legitmierung von Lüge als "geringeres Übel") zu rechtfertigen, einen veränderten Handlungshorizont für gut zu heißen. Um dann mit "Notverordnungen" zu regieren. Das Außerkraftsetzen der Freiheit wird mit deren Verteidigung begründet ...

Aus allen Beobachtungen kann ich nur sagen, daß ich noch nie so wenig "Gefahr" einer wirklichen Renaissance nationalsozialistischer Gedanken sah, wie heute. Der vergangene Bundespräsidentenwahl hat das erschreckend sogar gezeigt: die Linke hat die Macht, breite Bevölkerungsschichten so einhzuschüchtern, so mundtot zu machen, daß sogar Minderheiten majorisiert werden. (Denn die Linke in Österreich ist längst in der Minderheit, und das war sogar noch nie anders.)

Noch nie war die gesellschaftliche Akzeptanz "faschistischer" Sicht- und Handlungsweisen so gering wie heute. Nahezu im selben Ausmaß aber steigt die Aggressivität der Linken, die dieses "Ziel" wie noch nie hochschwemmt und hochtreibt als vermeintlich akuter Gefährdung des Ganzen, unserer Freiheit eben. (Was denn sonst.)

Und so versucht die Linke, im "Netzwerk gegen rechts" den "totalen Krieg" auszurufen, um zu erreichen, daß sie gerade in Zeiten ihrer Diffusion - weil die Weltgeschehnisse Notwendigkeiten aufzeigte, die ihre Ideologie pulverisierte, weil die Wirklichkeit doch ganz andere Handlungsmaxime, also einen anderen Vernunfthorizont fordert - noch jene Handlungsrelevanz erhält, die ihr nach wirklichem gesellschaftspolitischem Gewicht nie zukäme.

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Montag, 17. Mai 2010

Königin "Vernunft"

Epikur, schreibt Walter F. Otto, werde völlig mißverstanden, wohl absichtlich mißinterpretiert, wenn er als Verkünder oberflächlicher, plumper oder sinnloser Fleischeslust dargestellt wird. 

Das gerade Gegenteil ist der Fall: Das höchste Gut ist für Epikur die Vernunft, sie steht unvergleichbar und weit über aller Philosophie und Wissenschaft - die beide der Vernunft zu dienen hätten. Aus ihr erwüchse dann die Tugend, und irdisches Glück und Tugend sind praktisch identische Begriffe. Nur ein Herz, ein Geist, der in der Vernunft lebe, sei auch in jener Ruhe, die Epikur zum höchsten Lebensziel - dem "göttlichen weil göttergleichen Dasein" - erklärt, in aller Harmonie und Freude und vor allem Heiterkeit. Einer Heiterkeit und Weisheit, eine Ruhe, die aus dem wissenden, offenen Durchdringen der Welt erfließt, einem Freisein von Angst und Getriebenheit, aus völliger Selbstgenügsamkeit.

Zumal: die höchste Freude liegt dem Menschen im Geistigen, weit über allem Körperlichen, und von diesem her ordnet sich in Rangordnung auch das Ziel des Tuns. Die Verfallenheit an Gier und Lust würde dieses höchste Ziel - die Freiheit - aber unmöglich machen, und ist deshalb verächtlich.

Und wir ergänzen mit Schopenhauer, der sagt, daß menschliches Handeln aus Logik und Verstand heraus niemals ordenbar ist. Sondern nur aus der Vernunft heraus, die im Abwägen - zurück bei Epikur - ihr gelassenes, weil in sich ruhendes Urteil spricht.

So räumt Otto auch mit dem nächste Mißverständnis auf, aus dem Epikur als "Atheist/Materialist"  bedacht wurde. Denn für Epikur ist Gott und Religiosität lediglich nicht dumpfem Glauben ausgeliefert, wie die Masse es "braucht", die Gott mit ihren Eigenschaften behängt, aus kurzsichtigen und durchschaubaren Interessen - sondern Gott erschließt sich dem Denken klar und über die geschöpfliche Welt!

An welcher Stelle der Hinweis auf die Katholische Theologie naheliegt, die dogmatisch festhält, daß die Existenz Gottes mit Sicherheit aus der irdischen Erkenntnis hervorgeht. Ausdrücklich lehnt die Dogmatik "Fideismus" - eben jenes dumpfe, verstandes-  und vernunftlose Glauben - ab.

Wenn auch die Wege sich dann trennen, weil zum einen: Gott indirekt  (nicht wie bei Epikur: direkt, was unweigerlich in Selbstvergötterung überleitet, was bei Epikur in der Tat der Fall ist) erkennbar ist, also rückfolgernd, und zum anderen: Epikur jede Offenbarung ablehnt, wobei sich sein Weg der Unmittelbarkeit der Gotteserkenntnis und -anschauung im Subjektivismus, wie er sich in den christlichen Schwärmerbewegungen, der Reformation (auch der Reformation in der Renaissance), und den heutigen Erneuerungsbewegungen austobt.Hier setzt an, was wir an anderer Stelle bereits auseinandergesetzt haben - daß ein Erkennen ohne apriorische Offenbarung gar nicht möglich ist weil formlos, und damit: nichtig, bleibt.

So ist es auch kein Zufall, und höchst aktuell und heute häufig, Epikur in eine "Erwähltheitsvorstellung" abgleiten zu sehen: wo jene "höher" stehen, die frei genug sind, Gott direkt zu begegnen und zu erkennen. Es gibt kaum Charakteristischeres für sämtiche religiösel Erneuerungs- und Reformbewegungen. Auch heute. (Und so ist es kein Zufall, daß Nietzsche von Epikur zuhöchst begeistert war.)

Epikur's Philosopie mündet folgerichtig in einen Deus absconditus, einen abwesenden Gott, denn die Götterwelt hält sich alles ihr nicht gemäße naturgemäß vom Leibe. Also verbietet sich auch jede Teilnahme an menschlicher Sorge und Leid. Umgekehrt gliedert sich jeder Auserwählte, Bessere, in sie ein, nimmt an ihrem Tische, an ihrer Runde teil,  der ihre gelassene Freude erreicht hat. Anklänge an heute häufig vorzufindende Meinungsfetzen sind unüberhörbar, ja finden sich bis in NLP-Gedankengänge, in denen sich der Proband gedanklich dem zu Erreichenden "gleichformt", um es so zu inkarnieren.

Um dann, wieder: Epikur, in an sich bemerkenswerten Gedankenkreisen zu landen, die Epikur als keineswegs atheistischen Denker erweisen: dessen Gedanken hier sogar  der christlichen Tugendlehre entnommen sein könnten: wo Gottesverehrung völlig frei von Eigennutz zu sein hat, was die Tugend  und Freiheit erfordert, weshalb alle "irdischen" (volkstümlichen) Vorstellungen (Stichwort: anthropomorph) von den Göttern abzulehnen sind. So aber wird der Mensch zum Verkünder des Göttlichen, zu deren Boten.

Gemäß der antiken Göttervorstellung weiter: sie ziehen ihn zu sich hinauf, er inkarniert sie hinwiederum, seine Tat wird zu jener der Götter - weil er vergöttlicht (Homer: "gottähnlich") ward.

Epikur hat die göttliche Vorsehung nur abgelehnt, um das menschliche Handeln völlig von Eigennutz frei zu bekommen - um es so noch der zu verehrenden Götter würdiger zu machen.

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Sonntag, 16. Mai 2010

Die herausgestellte eigene Wirklichkeit

"Verwandlung ist der Sinn des Festes, des Konzertes, des Theaters - Verwandlung der Menschen, die potentiell immer Publikum sind (hungrige Konsumgesellschaft), in Mitspieler, in sich selbst sehende Akteure (Geschöpfe wie Schöpfer aus Einbildungskraft). Es ist gerade nicht die Kunst, sondern die Wirklcihkeit, die im Theater und im Konzert gespielt wird. 

Die Schauspieler bilden, indem sie spielen, die dramatische 'Substanz' einer Epoche; das Orchester, indem es konzertiert, das heißt ein Musikstück spielt, wiederholt in seinen verschiedenen Stimmen und Lagen die Stimmen und Lagen der Gesellschaft. Hier ist das Metaphorische Garant der gesellschaftlichen Realität. Wo es ausbleibt, versinkt die Gesellschaft in die Banalität leerer Rituale."

Dietmar Kamper in "Spiel als Metapher des Lebens"

Wo mein Köpflein lag

Unter den Linden
an der Heide,
wo ich mit meinem Liebsten saß,
da mögt ihr finden
wie wir beide
die Blumen brachen und das Gras;
vor dem Wald in einem Tal
'Tandaradei - Herrlich sang die Nachtigall


Ich kam gegangen
Zu der Aue,
und mein Liebster ware schon dort;
Da ward ich empfangen
heilige Fraue,
daß ich bin selig immerfort.
Ob er mich wohl oft geküßt?
Tandaradei - Seht wie rot der Mund mir ist!


Und Blumen brachen
wir zum Bette
in reicher Zahl. O kommt und seht!
Vom Herzen lachen
muß, ich wette,
o mancher, der vorübergeht.
Bei den Rosen er wohl mag - Tandaradei!
sehen, wo das Haupt mir lag.


Wie ich da ruhte,
wenn es wer wüßte,
du lieber Gott, ich schämte mich!
Wie mich der Gute
nahm und küßte,
ei, das weiß nur er und ich -
und auch du, Waldvögelein, Tandaradei!
Nicht wahr, wirst verschwiegen sein.


(Walther von der Vogelweide)

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Samstag, 15. Mai 2010

Kult der Sündenvergebung

Im Kult, im Ritus, verobjektiviert der Mensch metaphysisch-abstrakte Vorgänge, ja eigentlich die "wirklichen" Vorgänge hinter allem Weltgeschehen. Der verhält sich gegen Abstrakta, und bewegt sich in solchen.

Diese werden im Kult in die persönliche Beziehung hineingenommen, bzw. wird diese Beziehung ausgedrückt. 

Deshalb funktioniert der persönliche Kult alleine auch nicht bei der Sündenvergebung - denn jede Sünde ist nicht nur ein Verstoß gegen eine abstrakte Natur von Vorgängen, und trägt sohin ihren Schaden als Schaden am Sündigenden selbst in sich, oder an einem Abstraktum als Vorgang, sondern sie ist auch ein Vergehen einem Gegenüber gegenüber - als einem von mir unterschiedenen Sein, mit eigener Hoheit.

Weshalb die Art der Sündenvergebung die Höhe einer Kultur zeigt: sie braucht den Priester, als Vertreter des universalen Seins, des höchsten Ursprungs, als objektivierte Vergebungsinstanz.

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Donnerstag, 13. Mai 2010

Vorwort als Sinn

Die Anfänge des Wissenschaftlichen offenbarten zugleich ihr wahres Wesen - und dieses Wesen war ein ganz persönlicher Dienst, die konventionelle Oberfläche alltäglicher Begebenheiten aufzubrechen und zu deren Wesen vorzustoßen. So schreibt Ernesto Grassi im Vorwort zu Walter F. Otto's (Bild) "Die Wirklichkeit der Götter". Er verwahrt sich damit aber auch gegen einen Wissenschaftichkeitsbegriff, der sich im Laufe der letzten Jahrhunderte entwickelt hat, und eine vermeintliche Objektivität fordert, in Wahrheit aber ihre Funktionslosigkeit, ihren Technizismus schafft und sie zur Anwendungsmechanik entwertet.

Alte Abhandlungen der Renaissance etwa, so Grassi, hätten deshalb mit einem Brief begonnen, denn sie waren an jemanden gerichtet, und nur insofern "selektiv" und an bestimmte Menschen gerichtet. Man verwechsele, meint er, heute allzugerne den Wert des Subjektiven mit dem Intimen, das niemanden angehe. In Wahrheit berge das Subjektive alle Aussage, und nur aus dem persönlichen Werden entstehe das Objektive: aus dem ganz Eigenen, das zu einem neuen Sehen gelangt.

Oder, in den Worten Walter F. Otto's: "Die neuzeitliche Forschung läuft aus in die Technik, als ob es von Anfang an darauf abgesehen wäre. Die antike führt zur Klärung und Erhebung des Menschengeistes."


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Mittwoch, 12. Mai 2010

Dionysisches Wien

Es waren die byzantinischen Kaiserstöchter, welche die Babenbergerherzöge Heinrich II. "Jasomirgott", und gleich darauf Leopold VI. im 13. Jahrhundert geheiratet hatten, die bewirkten, daß die österreichische Hauptstadt Wien als Ort der Lebenskultur und -freude entstand. Denn die Töchter einer überlegenen Kultur bewegten ihre Gatten, von ihrer Feste am Kahlenberg herunterzusteigen, und Wien als Lebensort zu wählen.

Sohin verdankt sich Wien griechisch-antiker Kultur! Wie sich überhaupt der Raum des östlichen Mitteleuropa von der Antike her, durch Handel und Lebenskultur, mehr beeinflußt zeigt, als er es direkt durch römische Besiedelung und Herrschaft sein konnte.

Was sich sehr deutlich - an der Entwicklung der Dicht- und Liedkunst (anfänglich ohnehin untrennbar) zeigt. (Und es zeigt sich - im Tanz!) Hier in Wien traf die antik-griechische Liedkunst auf die Inhalte der hier ansässigen Völker, Und bot für die Entwicklung einer Literatur die Gefäße reifer Formen, die sich in diesem Erlebensfeld ständiger Todesnähe - Wien, Ostarrichi, war reine Grenz- und Festungsmark des Reiches gegen die Völker aus dem Osten - mit ihrem Gegenpol, ausgelassener Lebenslust, gefüllt haben.

Entsprechende Charaktere wanderten also auch hieher aus: die "auf verlorenem Posten" wenigstens mit zahlreichen Privilegien begünstigt ein Leben hoher Gefährdung auf sich nahmen.

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Dienstag, 11. Mai 2010

Dichterausweisung als Pflicht

Rolf Hochhuth weist in einem seiner Prosastückchen darauf hin, daß seltsamerweise gerade die berühmtesten Ehebrecherinnen von den Dichtern - Anna Karenina, Effie Briest, Lady Chatterley, Madama Bovary - am leidenschaftlichsten verteidigt werden. Ja, so liebevoll werde sie dargestellt, daß ihr Verhalten regelrecht gerechtfertigt wird.

Plato war es übrigens, der deshalb den Vorschlag macht, daß man Dichter grundsätzlich aufgrund ihres gesellschaftsschädigenden Verhaltens aus der Polis ausweisen muß.

"Welcher Leser hat für die Ehemänner an der Seite dieser Frauen auch nur eine Minute Mitleid verspürt," fragt also Hochhuth?

Eben weil "Dichtertum selbst die lebensmögliche Form der Inkorrektheit ist," wie es Thomas Mann über Theodor Storm aussagt.

Und Hochhuth erleichert resumiert.





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Montag, 10. Mai 2010

Ein Traum - ein Leben

Im Ineinanderfließen von "Traum" und "Leben" zeigt Grillparzer (im gleichnamigen Stück), daß das Leben letztlich eine zeitlose (also: außerhalb aller Zeit stehende) Gestaltnahme (und Zeit erst innerhalb dieses Gestaltenspiels schaffend) von die Welt wirklich bewegenden geistigen Motiven ist.

Dabei reduziert (Gänsefüßchen) sich der Lebensvollzug, das "Geschehen", auf die Leibnahme letztlich einiger archetypischer Grundformen, die zwischen verschiedenen Tiefen und Schichten des Menschseins steigen und fallen, und in diesem Maß jeweiliges Angesicht annehmen.

Diese Grundformen haben die Mythen der Völker geborgen und machen sie über die Darstellung (in der Kunst) zugängig, entdämonisieren sie insofern, als diese Grundformen des Menschseins - im Maß ihrer Universalität und Wahrheit - in den Besitz des Menschen wandern, ihn also nicht mehr unbewußt treiben, sodaß er täte, was er nicht wüßte oder wollte, bloßer Korken auf den Wellen der Lebensmeere wäre.

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Sonntag, 9. Mai 2010

Ehret die Frauen!

Die Blütezeiten der deutschen Literatur charakterisiert Wilhelm Scherer (auf die für die frühen 1900er Jahre typische Weise, wo in Moralgebot umkippt, was reine Beobachtung eines Zustands ist, insofern aber dennoch aussagekräftig bleibt)  in seiner vielbeachteten "Geschichte der deutschen Literatur" eigentlich unter interessantem Schlußaspekt ... dem Wissenden wohl aber keineswegs überraschend:

"In der (zweiten und dritten) Blüteperiode gewahren wir ein freies Umherblicken, das alle Vorurteile überwindet und im Adel der Seele das wahre Glück des Menschen sucht. Unabhängig von politischen Entzweiungen wächst die Achtung (auswärtiger Nationen)."

Man sucht in Hochzeiten den Wettstreit, doch überwiegt in allem der Wille, zu lernen. Und man ist großherzig genug, den anderen anerkennen zu können, ohne einen Schaden für sich zu empfinden. Mit dieser Toleranz geht auch die Lösung von starren Lebensgesetzen Hand in Hand. Milde, Liebenswürdigkeit erregt mehr Lust als eine Situation gewaltsam zu beherrschen.

"Das Individuum ist von starkem Selbstgefühle geschwellt, aber dieses entspringt aus dem Bewußtsein eines reinen Wollens. Den niedrigen Leidenschaften ist in guter Gesellschaft Schweigen auferlegt.

Den Frauen bringt man einen geläuterten Enthusiasmus, ja einen wahren Kult entgegen. "Ehret die Frauen!" mahnt Schiller; und Walther von der Vogelweide singt: "Durchsüßet und geblümet sind die reinen Frauen; nichts gleicht der Wonne, sie zu schauen, nichts in Lüften noch auf Erden noch in allen grünen Auen."

Die Frauen selbst bilden ihr besonderes Wesen mit Sorgfalt aus. Sie suchen nicht ihre Schwäche in einen blendenden Panzer zu stecken, um sie für Kraft auszugeben; aber sie weben das feine, unzerreißbare Netz, worin sich die Kraft wohl fangen läßt. Sie treten nicht an die Öffentlichkeit, um ins Allgemeine zu wirken; aber sie wirken auf den Mann und durch ihn auf die Welt. Ihr Lächeln entlohnt den Tapferen, den Gewandten, dem Schönredenden, dem Dichter. Sie sind der Hort der guten Sitte, sie verlangen maßvolle Haltung und gebildete Form. In ihrem Dienste wendet sich die Poesie vorzugsweise dem Seelenleben zu und leistet in Epos, Roman, Lyrik das Beste."

Immerhin - als Beobachtung die Beschreibung eines Zustandes, der Gelingen und Blüte, zumindest in bestimmter Form, ja in kultureller Höhe ... von der Frau abhängig macht. "Ehret die Frauen!" schrieb Schiller.


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Ehe als Metapher

"Gerade im sexuellen Bereich zeigt sich, daß hier der direkte, metaphernlose Bezug einen totalen Anspruch geltend macht. Es soll kein Hiatus, kein Innehalten des Menschen mehr zwischen Anlaß und Vollzug der 'Befriedigung' geben. Die in illustrierten Zeitschriften publizierte 'große Welt' suggeriert ein Verhalten, das nicht nur restlos eingebunden ist in den Mechanismus von Reiz und Reaktion und insofern tierisch wäre, sondern darüber hinaus keine rituellen Umschweife mehr duldet, auf welche dieTiere durch Instinkt immerhin noch verpflichtet sind.

Es bedarf aber jeder soziale Umgang, erst recht der nächste, verbindlicher Spielregeln. Das erste Gesetz der Liebe lautet, daß der andere Mensch nicht Objekt, Gegenstand sein darf, sondern Gegenüber sein muß. [...] Der Zusammenstoß zwischen einer unvermittelten Besitzgier und der Liebe, die in Sorge ist um die Freiheit des Anderen, ist deshalb immer unvermeidlich. Es ist der dramatische Vorwurf, gleichsam das 'Textbuch' der Liebe. In diesem Konflikt muß der Mensch erwachsen werden.

Kann er ihn nicht austragen, versagt er als Akteur des Dramas, dann bleibt er infantil, ein Leben lang, auf einen Partialtrieb fixiert, oral, anal, oder phallisch besessen, alles zum Objekt seines (sekundären) Narzißmus nehmend und keiner menschlichen, das heißt genitalen Befriedigung fähig. Daß diese Infantilisierung massiv eingesetzt hat und gerade in der scheinbaren Liberalisierung des Sexuellen sich durchsetzt, kann nur leugnen, wer die Notwendigkeit des Liebesspiels für die Erhaltung der (substantiell verstandenen) Menschheit  bestreitet. 

Zwar ist der genannte Konflikt immer schwieriger zu bestehen, weil die Erwachsenenwelt durch Verrat an fast allen traditionellen Formen des Werbens und Wartens, der Verlobung der Ehe usw. dem heranwachsenden die kulturimmanente Erleichterung raubte. Aber nichts kann einen Menschen entschuldigen, der sich der Liebe versagt, um entweder in ängstlicher Verneinung oder in verkrampfter Bejahung der abstrakten, das heißt lieblosen Sexualität sein 'Heil' zu finden."

Dietmar Kamper in "Das Spiel als Metapher des Lebens" - 
Hier: die Ehe als Spielform menschlichen Liebeslebens


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Freitag, 7. Mai 2010

Bonmot zur Krise

Als kleine Nachricht notiert, ist es doch ein bemerkenswerter Vorgang: die Europäische Zentralbank EZB nimmt für Kredite, die es  Griechenland gewährt, dessen Staatsanleihen als Sicherheit ...

Nicht nur also, daß einem maroden Staat Geld geliehen wird, von dem man mit Gewißheit sagen kann, daß es ein Geschenke aller der EZB gegenüber haftenden Staaten, aso der Mitgliedsstaaten der EU, ist, sondern dieselben Schuldscheine (=Anleihen) nimmt die EZB als Besicherung. Das ist so grotesk, daß man es in einfache Bilder übersetzen muß: da leiht die Bank jemandem Geld, und nimmt das Konto, von dem der Betrag behoben wird,  als Sicherstellung, mit dem Argument: wer sich solch einen Kredit leisten kann, der muß ja auch die Bonität haben. Die Presse schreibt dazu (in einem erstaunlichen Artikel der 10 Punkte-Entmythologisierung): das ist klares Anwerfen der Notendruckpresse.

Mit einem kleinen Punkt extra: anhand solcher Beispiele ist offenkundig, daß auch die EU längst an der Geldmengenschraube dreht, über die staatlichen Maßnahmen hinaus, und zusätzlich. Längst müßte ja in die Staatsschuld die jeweilige Haftung für IWF und EZB etc., eingerechnet werden.

Glaubwürdigkeit erzielen zu wollen, ohne diese zu verdienen, ohne glaubwürdig zu sein, ist Betrug.

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Donnerstag, 6. Mai 2010

Diese Verschwörungs- ist keine Theorie

Man mag mit Recht viel Pathologisches hinter den meisten Verschwörungstheorien, und noch mehr hinter ihren Verfechtern, analysieren - in einem tragen sie alle aber einen Kern Wahrheit: es sind immer Menschen, die handeln. Und es ist oft erstaunlich simpel und "normal", welche menschlichen Regungen hinter oft so "großen" und weltweiten Erscheinungen stecken.

Schon oft habe ich an dieser Stelle meine Bemerkungen über facebook (und Konsorten) gemacht, und in diesem Punkt stimmt der Autor des hier verlinkten Artikels aus dem Guardian, Tom Hodgkinson, mit mir überein: in der Ablehnung und in der Verachtung dieser Zeiterscheinung, über die hinlänglich hier geredet wurde.

Aber was nachdenklich macht, was Ahnungen plötzlich so konkret macht, was einem plötzlich nicht einfach Antipathie, sondern sogar Schauder über den Rücken jagt, sind so mache Fakten, die Hodgkinson anführt. Und die sich auf den zweiten Gründer von Facebook, Peter Tiel, ein Deutscher übrigens, beziehen.

Denn hier offenbart sich ein als "neokonservativ" bezeichneter Größenwahn, ein wahrer Machtrausch, der fast schockiert. Wer nach der Lektüre dieses Artikels immer noch glaubt, daß facebook (hier einmal ohne den verallgemeinernden Zusatz: und andere Seiten dieser Art) ein bloßes und harmloses Medium ist, das nur das macht, was man eben daraus macht, dem ist nicht mehr zu helfen.

Hier streben wirklich Menschen nach Macht, hier findet sich ein knallhart und immer härter durchdachtes Marketingkonzept, das mit der Schwäche, mit heutigen bedauerlichen Erscheinungen des Kulturverfalls auf brutalste Weise spielt. Denn die Macher von Facebook müssen tatsächlich kaum etwas machen: sie haben auf menschlcihe Schwächen gesetzt, die ihr Konzept wie von selbst, wie von Geisterhand geführt, aufgehen lassen. Ja, hier findet ein neu aufgewärmtes Konzept des Übermenschen seine Spielwiese.

Nach und nach werden sämtliche Lebensvorgänge, über eine bestimmte Art von Abhängigkeit und Hörigkeit, von dieser Form der Gruppenidentität durchdrungen bzw. damit in Zusammenhang gebracht. Der Mensch, der immer über seine Schwäche rational wirklich durschaubar, vor allem aber manipulierbar wird, wird zum Objekt gigantischer Geschäftsinteressen. Über eine "artificial intelligence", die sich auf eine allen Mesnchen überlegene Weise entwickeln will - und das auch zweifellos wird. Ein überdimensionaler Schachcomputer also, der sich wie dieser sämtliche menschliche Züge nach und nach aneignet, bis er in seiner Fehlerlosigkeit jedem Menschen, der nicht gerade auf höchster Höhe seiner Kreativität und seines Selbstbesitzes ist, überlegen ist.

Hier wird erstmals das bislang noch so ungreifbare Gespenst der totalen Überwachung greifbar. Denn wir oft erlebt man, daß Menschen vor der totalen Datenerfassung keine Angst haben - weil ihnen gar nicht vorstellbar ist, wo sie von solcher Datenfülle gefährdet sein sollten.

Sie sind es. Sie sind es, weil sie eben über die Logizität der Schwäche - und jeder Mensch ist ein Ausbund an Schwäche, gerade heute! - Berechenbarkeit schaffen, die in diesem Fall, wo sie so weit in unsere alltägliche Kommunikation eingreift, ja diese "ersetzt" (!), und damit fast alle Lebensbereiche erfaßt. Sie verkommerzialisieren auf perfide Weise die Zwischenmenschlichkeit, und sie ziehen so die Menschen von den Grundlagen eines erfüllten Lebens weg: indem sie die Dinge nicht mehr sie selbst sein lassen, sondern sie nur noch in Hinblick auf ihre Verwertbarkeit - das läuft dann, als Mittel der Selbstverzweckung, auf jener, in einer der Sucht absolut vergleichbaren, auf jeden Fall tiefe weil existentielle Abhängigkeit (als immer mehr durch sich selbst steigernde Angst unverzichtbarer Identitätsfaktor) schaffenden Facebook-Plattform - "sammeln", und ausstellen, und keine anderen, wirklichen Lebensfaktoren mehr haben, die ihrem Leben Anker und Wirklichkeitsnahrung geben.

Das Ziel dieser Menschen ist Weltherrschaft, man kann es so formulieren ohne einer dubiosen, okkulten Weltverschwörungstheorie nachzulaufen, ohne zu übertreiben. Sie sitzen an jenen Hebeln, die zukünftig die Sprache, die Kommunikation zwischen den Menschen sehr weitgehend beherrschen, weil hier - im Verhalten wie der HIV: der per Zucker Eintritt in die Zelle erlangt, woraufhin er, eingedrungen, diese von innen heraus okkupiert - ein Menschenwerk die tägliche Kommunikation entführt.

Clearly, Facebook is another uber-capitalist experiment: can you make money out of friendship? Can you create communities free of national boundaries - and then sell Coca-Cola to them? Facebook is profoundly uncreative. It makes nothing at all. It simply mediates in relationships that were happening anyway.
Thiel's philosophical mentor is one René Girard of Stanford University, proponent of a theory of human behaviour called mimetic desire. Girard reckons that people are essentially sheep-like and will copy one another without much reflection.
[...] So by his own admission, Thiel is trying to destroy the real world, which he also calls "nature", and install a virtual world in its place, and it is in this context that we must view the rise of Facebook. Facebook is a deliberate experiment in global manipulation, and Thiel is a bright young thing in the neoconservative pantheon, with a penchant for far-out techno-utopian fantasies. Not someone I want to help get any richer.

Auffallend, zumindest das, ist auch die Deckungsgleichheit des Vorgehens von Facebook mit einem Verhalten, das im Artikel als Schema amerikanischen Imperialismus verglichen wird - freilich, auch im Artikel, ohne dem CIA (in alter 1968er Manier) auch das in die Schuhe zu schieben. Aber wenn Zuckerberg (Bild) ganz offen davon spricht, daß er Facebook so lebensalltäglich und -notwendig machen will wie das Telephon, das jeder bei sich trägt, dann kann und muß das auch in anderer Hinsicht gedeutet werden.


Or you might reflect that you don't really want to be part of this heavily-funded programme to create an arid global virtual republic, where your own self and your relationships with your friends are converted into commodites on sale to giant global brands. You may decide that you don't want to be part of this takeover bid for the world.

Natürlich ist alles das kein Grund, in Panik zu verfallen. Denn  wer Facebook (etc.) kennt weiß, wie diese Verkommerzialisierung der Zwischenmenschlichkeit auch die Lüge hervortreibt wie eine Amarillis im Wintergarten ihre Blätter. Und die Lüge wendet sich, irgendwann einmal, gegen ihre Herren, das ist so sicher wie das Amen im Gebet, und so lange das auch manchmal dauern mag. Aber der Schaden bis dorthin, und beim Platzen der Blase, könnte gigantisch sein: weil er Millionen, hunderte Millionen von Menschen direkt betrifft.

Sie sollten diesen Artikel gelesen haben. Und ein Tip: lesen oderbeantworten sie - noch einmal? unter diesem Gesichtspunkt? - auch die ganz realen Fragen, die (angeblich) aus den Nutzungsbedingungen von Facebook stammen.

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Menschlichkeit

(Krawalle in Griechenland - Bild aus KURIER)

Mittwoch, 5. Mai 2010

Legendensammlung statt Wahrheit

Burdach (und nicht nur er) wehrt sich generell gegen so manche "schulmeisterliche Primitivisierung" der Geschichte, u. a. in Epochen, wie sie vor allem im 17. Jahrhundert (und hier v. a. aus protestantischen Schulstuben) entsprang. Dieser unseligen Haltung auch ist es zu verdanken, daß das Mittelalter als quasi "illegitime Unterbrechung menschlicher Kultur", als "dunkles Zeitalter" gesehen wurde, und über Jahrhunderte in dieserm Nachplappern tradiert, gesehen wird. Alles das ist völig unzulässig, weil geistesgeschichtlich nicht wahr, und wie so vieles dem Reich bloßer Legende zuzuordnen.

"Vor kurzem hat Karl Zeumer in einer auch für ungelehre Geschichtsfreunde lesenswerten Schrift den überraschenden Nachweis geführt, daß der allbekannte Ausdruck "Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation" nicht, wie wir in der Schule lernten und seitdem als unumstößlich betrachteten, im Mittelalter geformt und gebraucht wurde, sondern erst im 17. Jahrhundert eingeführt worden ist. Auch unser Begriff und unsere Begrenzung von Renaissance und Mittelalter sind ein Produkt dieses 17. Jahrhunderts, und sie wurden dadurch nicht wahrer, daß große Geister wie Winckelmann und Goethe, Heine (mit seiner unseligen Dualismustheorie, die bis heute fortwirkt, und Geschichte in den Wechsel von Nazarenertum und Hellenismus verlegt, Anm.), Burckhardt und Nietzsche, aus ihrem Eigenbesitz etwas dazu getan haben. 

Dieser Begriff, den jedes Jahr in allen Kultursprachen Hunderte wissenschaftlicher und populärer Bücher, zahllose Zeitungsaufsätze, mannigfache poetische Gestaltung immer wieder verkünden, der uns allen seit der Schulzeit in Fleisch und Blut übergegangen, er ist eine wissenschaftliche Legende, die Erbschaft einer Zeit, die weder die Fähigkeit noch den Willen besaß, eine geistige Bewegung geschichtlich in ihrem Wesen und Ursprüng zu ergründen."

Dazu bleibt nur noch zu bemerken, wie wenige es doch jeweils in einer Generation (und Szenerie) sind, bei denen gebräuchliche Begriff von oft dramatischer Bedeutungsweite wirklich durchdacht und verstanden sind ... ja, auf wieviele weitgehend unreflektierte Gedanken und Schlagworte der Zeitgeist, aber auch gar mancher Wissenschaftszweig, auch heute zurückgreift.

Dienstag, 4. Mai 2010

Rettung der eigenen Kreditwirtschaft

Professor Wilhelm Gerke im ORF: Die Politiker belügen ganz klar die Bevölkerung. Die 110 Milliarden Euro für Griechenland sind klare Subvention, das Geld wird nie mehr zurückkommen, niemand rechnet damit, daß Griechenland je diese zusätzliche Wertschöpfung erbringen wird können.

Es war also keineswegs eine Rettungsaktion für Griechenland, sondern für die französischen, deutschen, auch österreichischen Banken, die Ihr Geld an Griechenland verliehen hatten.

Zum zweiten mal also innerhalb eines Jahres rettet der Steuerzahler die heimischen Banken.

Ein ehrlicher Bankerott - für die Banken wie für Griechenland - hätte eine wirkliche Chance für einen Neuanfang sein können. So wird das Problem neuerlich um fünf Jahre aufgeschoben, und was wir uns heute ersparen wollen, kommt dann noch dicker. Die Sanierungsbedingungen sind für Griechenland (das morgen einen Generalstreik austragen muß) nicht einzuhalten.

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Der geistige Raum einer Nation

"Der Raumbegriff, der aus diesem geistigen Ganzen emaniert, ist identisch mit dem Geisterraum, den die Nation in ihrem eigenen Bewußtsein und in dem der Welt einnimmt. Nichts ist im politischen Leben der Nation Wirklichkeit, das nicht in ihrer Literatur als Geist vorhanden wäre, nichts enthält diese lebensvolle, traumlose Literatur, das sich nicht m leben der Nation verwirklichte, Auf den Literaten in diesem "Paradies der Worte" strahlt eine Würde ohnegleichen. Der Journalist noch, und wäre er der kleinste, darf sich neben Bossuet und La Bruyere stellen, der Schullehrer ist der Gefährte Monatignes; Molière und Lafonatine, Voltaire und Montesquieu sprechen noch heute für alle, alle sprechen aus ihnen. Auch hier ist der Ring geschlossen."

Hugo von Hofmannsthal, in "Das Schrifttum als geistiger Raum einer Nation", über die dem Deutschen Geistesraum gegenüber so beeindruckende Geschlossenheit und Kontinuität des (dem deutschen doch so nahen) französischen Sprach- und Gedankenraumes, in welchem eine Nation auf wesentlich friedvollere Weise mit ihrer Literatur und Sprache, auch über die Zeiten hinweg, lebt, als es die deutsche vermag. Erst in diesem Anhangen an ein und denselben geistigen Stock aber, besteht Gemeinschaft und Einheit - Hofmannsthal versäumt nicht, zuvor auf die Unnatürlichkeit, ja Unmöglichkeit einer "Gemeinschaft" willkürlich zusammengewürfelter Nationen wie Amerika hinzuweisen, die solcherart zu substantieller Gemeinschaft gar nicht kommen können, oder - diese noch lange nicht haben.

"Wenden wir uns der eigenen Nation zu, so tönt uns freilich geradezu das Gegenteil jener Einhelligkeit entgegen. Von einer Zusammenfassung aller produktiven Geisteskräfte der Nation im Gebiete der Literatur kann keine Rede sein; oder wir müßten uns darauf einlassen, unter dem Begriff Literatur hier etwas völlig anders zu verstehen als dort. Jener Kreislauf zwischen dem Geistigen und dem Gesellschaftlichen, auf den dort alles hindrängt, in den schließlich alles einmündet, ihm wirkt hier der tiefste Instinkt entgegen. Statt daß dort noch in der Abweichung vom allgemeinen der Hinweis auf das Allgemeine fühlbar wird, bedarf es hier keiner Abweichung, damit sich das Bezuglose enthülle. 

Kein Zusammenhang in der Ebene der Gleichzeitigkeit, kein Zusammenhang in der Tiefe der Geschlechterfolge. Jenes Fortwirken dort des einmal Geleistete, wodurch eine gleichzeitige geistige Präsenz von zwölf Generationen erreicht wird, hier ist von ihr, strenggenommen, keine Spur."





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Montag, 3. Mai 2010

Über die wahren Ursprünge der Renaissance

Mit höchst einleuchtenden Argumenten legt Konrad Burdach auseinander, wie sehr die Renaissance verkürzt wird, wenn man sie als simple "Restauration" griechischer, antiker Kunst und Weltsicht sieht. Vielmehr ist sie eine Gesamtbewegung geistiger Erneuerung, die zutiefst religiös motiviert war, und ihre markantesten Anfänge, wenn man schon davon sprechen möchte, in Franz von Assisi und Joachim von Fiore hat. (In denen beiden diese Reformation übrigens bis heute weiterwirkt!) 

So kann dann auch Martin Luther nicht isoliert als Paukenschlag der Erneuerung, der Reformation gesehen werden, ebenso wenig wie die Argumente schlagend sind, daß mit dem Fall von Konstantinopel griechische Wissenschaft und Kunst nach Rom floh, und dort "die Renaissance" auslöste. Desgleichen Unsinn ist also, die Ursprünge der Renaissance im Heidentum zu sehen - sie liegen vielmehr in einer religiösen Erneuerung des Christentums. Und sie liegen auch nicht in einer Verwissenschaftlichung des Lebens.

"Nicht aus Reflexion, nicht aus intellektueller Kraft entstehen die großen geschichtlichen Wellen, die das innere Leben der Nationen in neue Bahnen treibt. Humanismus und Renaissance sind nicht Produkte des Wissens. Sie tauchten auf, nicht weil Gelehrtenhirne die untergegangenen Denkmäler antiker Literatur und Kunst hervorziehen und ins Leben zurückrufen wollten. 

Humanismus und Renaissance entsprachen der glühenden, grenzenlosen Erwartung und Sehnsucht einer alternden Zeit, deren Seele im innersten erregt nach neuer Jugend lechzte." 

(K. Burdach in "Über den Ursprung des Humanismus")

Wie aber ist auch diese Vergangenheit so aktuelle, so modern ... Geschichte ist eben das Ausfalten verschiedener Aspekte desselben Menschseins.



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Sonntag, 2. Mai 2010

Expropriation der Expropriateure

"Die allgemeine und vor allem die professionelle Verständnislosigkeit macht es der Kirche leicht, den Verfügungsanspruch über die Kirchen (als Bauwerke, Anm.) festzuhalten. Aber weil diese Kirchen Bestandteile - und zwar zentral bedeutungsvolle Bestandteile [die das gesamte räumlich-identitäre, damit kulturwirklichende Leben früherer Zeiten ordnend bestimmten, Anm.] - des Kulturbesitzes, der allen gehört, sind, hat die Kirche die Verfügung über diesen Kulturbesitz in den Moment verspielt, da sie daranging, ihn zu zerstören. Denn es geht nicht um bloße Residuen einer kirchlichen Tradition, sondern um Symbole der Geschichte aller, die in diesen Bauwerken sinnlich präsent sind.

Die Expropriation der kulturellen Expropriateure [die nun plötzlich privatisieren, was allgemein war], die Rekollektivierung des privatistisch beiseite geschafften Kulturbesitzes, die Wiederherstellung der allgemeinen Verfügung über das kulturelle Gewordene einer Geschichte, die allen gehört, würden der Allgemeinheit freilich so lange große Verlegenheit bereiten, solange damit nichts Beseres geschieht als in Tepotzotlan [wo die Kirchen völlig musealisiert wurden, Anm.] oder in jenen Museen, die mti sinnlichen Smybolen nichts anderes anzufangen wissen, als sie unsinlich-abstrakt zu Informationsbissen zu verarbeiten, aufbereitet zu einer "Lehrschau", die wie in einem zoologischen Garten das "Anschauungsmaterial" in hübschen Informationstäfelchen "zugänglich" macht.

Allerdings, die Kirche taugt ebenfalls nicht mehr länger, Sachwalter eines so wichtgigen Teils der Kultur zu sein.Wäre es nicht konsequent, wenn der Erzbischof von Freiburg eine neue konzilsgerechte Versammlungshalle (die dann gemeindegerecht-klein alle um den Tisch versammeln könnte) in den Garten seines Priesterseminars stellen würde, nachdem er mit seiner gotischen Kathedrale nichs mehr anzufangen weiß? Und fraglos hätten sich mit dem Aufwand, den die marmorne Verwüstung der Kirchen landauf, landab kostete, bequeme, wetterfeste Vortragshallen für eine Liturgie neuen Stils errichten lassen. Aber wenn auch die Kirche nicht mehr bereit ist, die geschichtliche Kontinuität ferstzuhalten, so beharrt sie doch auf der geschichtlich gewonnenen Zentralposition ihrer Kirchenräume in Stadt und Land.

Die Wiederherstellung des Allgemeinbesitzes sollte freilich nicht zu einer Musealisierung aller Kirchen führen. Weshalb nicht das unterbrochene Spiel mi sinnlichen Symbolen,k die allen gehören wiederaufnehmen? Jede Art von Spiel stünde der präsentativen Symbolqualität des alten Rituals näher als die durchrationalisierte Informationsveranstaltung der neuen Liturgie."

Man solle die historischen Räume der Kirche wegnehmen, die sie so unsabhgemäß und zweckentfremdet zerstört, und für kulturelle Selbstorganisation öffnen. Denn Kultur forme sich maßgeblich an der Architektur, wie zahlreiche Erfahrungen und Versuche bei Geisteskranken (sogar) zeigten. So komme es zweifellos zu eine Reform des Kulturlebens der Menschen durch ihre eigenen kulturellen Wurzeln. "Wer die destruktiv-brutalen Formen der Jugendkultur kritisiert, der ignoriert, wo diese sich abspielt: in miesen Behelfsunterkünften."

"Der sinnliche Umgang mit Gegenständen und Menschen muß organisiert werden - im Wechselspiel von kulturell entwickelten Symbolen und menschlichem Erleben. Können wir es uns leisten, einerseits den geschichtlich gewordenen kollektiven Kulturbesitz in den Kirchen unter dem Zugriff der neuen sinnlichkeitsfeindlichen Katecheten verkommen zu lassen, andererseits neuen spontanen Spielentwürfen den Zutritt zum kulturellen Besitzstand zu verweigern?"

Alfred Lorenzer in "Das Konzil der Buchhalter" über Maßnahmen, wie der Kulturentzug, den die Kirche seit dem 2. Vatikanischen Konzil durchführt, beendet werden könnte.

Bild: Kirche "Maria Magdalena" in Freiburg-Rieselfeld

Samstag, 1. Mai 2010

Hölle der Selbstverfehlung

Eine niedrige, nicht Formen (sondern bestenfalls Scheinformen) ausprägende Kultur, schafft das Leid mangelnder Erfüllung der Möglichen, aber noch Formlosen, und wirft die Menschen sohin auf den Grad ihrer Tugend zurück - und weil der in solchem Kulturstand meist sehr niedrig ist, und es auch am Willen zur Selbsterhebung zum Geiste (in seiner engen Verflochtenheit mit "Liebe") mangelt, bleibt nur noch das Laster - der Neid, die Gier, alle Sünden die sich auf den Platz in der Welt beziehen.

Eine kulturlose Welt ist immer auch die Hölle der Mitmenschen.

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An der Agitation erstickt

Es gab (u. a.) einen eindeutigen Tiefpunkt deutscher Literatur und Poesie, und der war im 16. Jahrhundert, schreibt Wilhelm Scherer in seiner Literaturgeschichte. Die dichterische Bildung verschwindet, die Dichtung spielt im Tagesgeschehen keine Rolle mehr, sie ist keine allgemeine Angelegenheit des Volkes, sondern wird zum politischen Agitationsmittel, zu einem Werkzeug praktischer  Tendenzen, zu einem Mittel rohester Unterhaltung.

Dabei ist sie, so Scherer weiter, nicht ohne produktives Vermögen in beszug auf die Erfindung, sie verbraucht sogar massenhaft Stoff, und schafft einzelne moralische Typen, meist Resultat des Hasses oder des Scherzes, oft von großartigem Wurf sogar.

Aber es fehlt ihr der Zauber der Form. Sie ist zu flüchtig, zu gleichgültig gegen äußere Schönheit; sie vermag sich nicht zu vertiefen, um auszubilden und zu verfeinern; sie überliefert das beste was sie hat einem glücklicheren Geschlecht als gestaltlosen Stoff.

In diesen Tälern - Scherer sieht in etwa einen 600-Jahr-Zyklus innerhalb der deutschen Literatur - geht das meiste oder alles verloren, was bereits errungen war, sodaß das 12. Jahrhundert nichts mehr von der Höhe des 9. weiß, die Formvollendung des 13. Jhds. ist im 15. Jhd. wie weggeblasen, und aus der schaurigen Tiefe des 16. Jhds. kämpfen sich "talentlose" (Diktion Scherer) Dichter langsam wieder zu einer anständigen Sprache und einem gebildeten Verse durch.

Andere Völker, so Scherer weiter, machen es klüger. Sie verfügen über Kapitalien, die sorgsam gepflegt werden, sodaß auch in Niedergangszeiten wenigstens nichts von der ästhetischen Bildung verloren geht. Das deutsche Volk aber ist viel radikaler - und barbarischer. "In Deutschland verschwinden auch große Kapitalien sehr rasch; das Resultatist nicht allgemeine Wohlhabenheit, sondern allgemeine Armut. Und aus bitterer Not müssen dann strebende Menschen sich wieder mühsam herausarbeiten."

Auch wenn es dann - Scherer verweist auf die Höhe des 18. Jhds., die wie aus dem Nichts, binnen weniger Jahrzehnte emporschoß - wieder sehr rasch gehen kann. Es sind schnelle, titanische Reiche, wie jenes des Alexander des Großen, die z. B. zur Zeit Goethes errichtet waren - die aber ebenso rasch, wie sie entstanden, und in besonderer Verbindung mit politischen Vorgängen (die Zeit nach Goethe war in höchstem Maß ideologisch-moralistisch- agitatorisch geprägt) wieder erloschen.

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Ästhetische Moral

Die Vollkommenheit einer Sache läßt sich nicht argumentieren oder beweisen, man kann sie nur fühlen. Bestenfalls Aspekte der Passendheit lassen sich finden. Aber eine Sache trägt ihr Maß letztlich gar in sich und tut es kund.

Deshalb ist Moral eine ästhetische Frage - eines geläuterten Empfindens, die Qualität der Ästhetik eine Frage der Tugend.

Daran mußte ich denken, als ich C mit ihrem Lebensgefährten sah, mit dem sie drei Kinder hat. Sie leben in einer Quasi-Ehe, und ich empfand mit jedem Treffen mehr einen Mangel der Ästhetik, der Schönheit - wo die Vorläufigkeit, in der solch eine Beziehung bleibt (in der gewartet wird, ob sich nicht noch Besseres fände), nur eine andere (aber gewiß untrennbare) Seite dieses Mangels ist.

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