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Donnerstag, 31. März 2011

Träger der Zukunft

Die Hoffnungslosen und Ausgestoßenen bilden häufig das Rohmaterial für die Zukunft eines Volkes. Der Stein, den die Bauleute verwerfen, wird zum Eckstein einer neuen Welt. Ein Volk ohne Bodensatz und ohne die Unzufriedenen ist ordentlich, anständig, friedfertig und angenehm, aber möglicherweise auch ohne Samen für die Zukunft. 

Es war keine Ironie der Geschichte, daß gerade jene den Ozean überqueren und auf einem anderen Kontinent eine neue Welt aufbauen sollten, die in den europäischen Ländern unerwünscht waren. Nur sie waren zu diesen ungeheuren Leistungen fähig. 

Eric Hoffer, "Der Fanatiker"

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So nebenher

Willard Van Orman Quine habe festgestellt, findet sich auf Wikipedia recht knapp und klar ausgeführt, daß niemals einzelne Sätze, sondern immer nur Theorien als ganze empirisch gerechtfertigt werden können und zur Identifizierung von Synonymie innerhalb von Sätzen immer auch die empirischen Umstände maßgeblich sind, die die Äußerung solcher Sätze begleiten. 

Gleichwohl zeigte Quine aber auch die Grenzen eines empirischen Verifikationismus auf: demnach können Aussagen niemals restlos veri- oder falsifiziert werden, selbst jene nicht, die nahe an der empirischen Peripherie einer wissenschaftlichen Theorie liegen: "Jede Aussage kann als wahr gelten, wenn nur im System genügend drastische Anpassungen vorgenommen werden." Wesentlich für empirisch äquivalente Theorien ist daher nicht ihre Gültigkeit, sondern ihre Leistungsfähigkeit.

Diese kurze Passage ist höchst bedeutend. Denn sie schlägt dem szientistischen Rationalismus (oder: rationalistischen Szientismus) alle so gerne propagandistisch verwendeten Scheingewißheiten aus der Hand, und bildet im Grunde eine Vorstufe wie Ergänzung zu den (schon früher entstandenen) Thesen von Gödel. Der ja auch - und zwar: mit beeindruckendem mathematischem Beweis, man mache sich die zugegeben große Mühe, das nachzudenken! - gezeigt hat, daß systemimmanenter Beweis immer versagen muß, daß die Rationalität sich nicht selbst beweisen kann. Nicht zufällig bezieht sich Quine auf dieselbe philosophische Schule - den Wiener Kreis. Auch er zeigt, daß es einen empirischen Bezugspunkt der Sprache und des Denkens gibt, der die Rationalität lediglich "wirklichkeitsnäher" machen kann, aber letztlich erster Bezugspunkt bleibt.

Auch heißt es, daß der Sinn eines Satzes, ja eines Wortes, sich nicht wie eine Rechenoperation aus nominal fixierbaren Inhalten ergibt, sondern daß sein Bezugspunkt - im try and error sogar - gesucht werden muß, von dem her er erst verständlich wird. Sprache ist inhin allgemein, wenn und sofern die Bezugspunkt einer Kommunikationsgemeinschaft empirisch "gleich" sind. Unverständnis (z. B. bei Fremdsprachen) ist ja lediglich eine Frage des Zusammenhangs zwischen Zeichen (Wortklang etc.) und Ding UND Situation. Denn ein Ding ist als es selbst nicht "an sich" empirisch erfaßbar, sondern immer als "für" etwas, immer in einem Vollzug. (Fehlt dieser Vollzug, zumindest als Möglichkeit, ist das Ding nicht mehr.) 

INSOFERN kann man Form und "Energie" gleichsetzen, denn jedes Ding strebt nach seiner (!) Form, sonst fällt es ins Nichts. (Was man sich natürlich nicht generell "animistisch", "beseelt", vorstellen darf, sofern das Ding nicht lebt. Aber immerhin zuckt der Querverweis auf die Quantenphysik daraus auf.)

Der Mensch, könnte man mit Hölderlin anfügen, hält sich in diesem Weltenspiel ALS Gespräch, in dem Maß lebendig, als er in der Wahrheit - in die er sich einschmiegen kann - Anschluß an das Prinzip des Lebens selbst findet. Vorstellbar wie ein Kind, das im Wasser strampelt und prustet, bis es seinen Rhythmus gefunden (oder wiedergefunden) hat: und vom Wasser getragen wird, MIT dem es schwimmt.




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Mann und Frau

Und wenn man hier glatthobelt - dort wird es wieder unterschiedlich.


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Wasch mich, aber mach mich nicht naß

Da protestieren sie also, die Durchblicker und Umweltschützer und Nutznießer in der Politik gegen Atomlager in Grenznähe zu Österreich. Und der Kurier zeigt Symbolbilder mit diesen bösen gelben Fässern, pfeudeixel, so ein Giftzeugs! Ist ja auch wirklich unverantwortlich - und typisch. Gerade wir, die wir doch mit Atom nix am Hut haben, sollen es dann ausbaden. Mag doch eh niemand, in ganz Europa, dieses Teufelszeug. Und diese bösartigen Tschechen, eh klar, die sind doch schon in der Monarchie so gewesen ... stellen ihren ganzen Atomkrempel generell so nahe an unsere Grenze!

Photorechte beim KURIER, und dort sollen sie auch bleiben, an so ein Gelumpert will ich nit anstreifen
Daß wir 7 oder 8 und ständig steigend noch mehr Prozent unseres Stroms aus Atomkraftwerken beziehen - woher soll es sonst kommen? - ignorieren wir gefließentlich, und kein Politiker, der nicht japanische Harakiripraktiken studiert hat, hat ernsthaft vor zuzugeben, daß Österreich längst durch Verträge in europaweite Netze eingebunden ist, die uns vorschreiben, unsere Speicherkraft zum Blitzausgleich für die Windräder an der Nordsee, auf Friesland und im Harz zur Verfügung zu stellen - dafür kriegen wir noch mehr Atomstrom, und sogar billiger. Ist ja kein Mascherl dran! Dann müßten sie zugeben, daß die Milliarden, die der österreichische "Verbund" - und es wird nicht an Politikern fehlen, die die Eröffnungsreden halten! - in saubere Wasserkraft investiert, aufgrund internationaler Verpflichtungen investiert werden, daß der dort erzeugte Strom schon längst versprochen ist - eben als Ausgleichspotential für die - auch dort: Politiker mit Wahlreden und Eröffnungsreden, die zu bedienen sind - Windenergie, das geht nur mit Speicherkraft, die ständig in Reserve sein muß. Und die kann nur hier noch ausgebaut werden. Ein paar unberührte Täler haben wir ja noch.

Apropos Japan - sollen doch den Atommüll nach Fukushima bringen, dort ist es eh schon wurscht? 20, 30 oder 40 Kilomter im Umkreis sind schon Ödland auf alle Ewigkeit (wollen mal pathetisch werden, und komischerweise klingt "auf ewig" weniger übel als "100.000" Jahre, drum verwenden wir's so gern) Oder in den Marianengraben verklappen, in 10 km Meerestiefe wird schon nix passieren, und die Viecher dort unten schauen sowieso aus, als wären sie in Hiroshima dabeigewesen. Oder nach Lappland alles karren, dort wohnen ja nur ein paar hunderttausend Bloßfüßige mit ihren stinkenden Rentieren, da tut es nicht so weh wenn was passiert, in ein paar Jahren, in ein paar tausend Jahren. Und außerdem: wenn was passiert, wir spenden eh. Ehrenwort!

Oder sollen gleich übersiedeln, hieher zu uns. Erstens haben wir (bald) zu wenig Leut, um das nötige Wirtschaftswachstum zu erzielen, und zweitens: ist die Umwelt hier noch in Ordnung.

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Phänomen Aberglaube

Nike will es also, will zum Aberglauben werden, will in eine Welt des Kultischen. Und die Welt ist voll von dieser Pseudo-Religiosität, die das Ritual braucht, um die Götter des Guten gewogen zu stimmen. Im Kult werden sie angerufen. (Gut gemacht, der Film.)



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Mittwoch, 30. März 2011

Ein freies Zeitalter? Pah!

Wenn der gesellschaftliche, zwischenmenschlich-formale Rahmen fällt, wächst im selben Maß das Tabu als Verhaltensneurose: ganze Seelenbereiche, Willensbereiche, werden lahmgelegt, und niemand wagt mehr auf das Terrain zu steigen, das wie von Frost überzogener Sumpf daliegen könnte - könnte man meinen, denn Nebel hat alles verdeckt.

Und so ist heute eine Zunahme (!) der Tabus zu beobachten - keinesfalls eine Abnahme, wie die Fahne der Aufklärung verkünden soll, die immer höher auf die Türme gesteckt wird, die angsterfülltes Dunkel als Sittenwache nach oben mauert.

Liest man gesammelte Theaterkritiken - wie jene Alfred Kerrs, also ein ausgewachsener Linker, wenn man so möchte, was aber (damals noch!) völlig belanglos ist: das fischt man heraus wie die Flachsen aus der Gulyassuppe, die man dann erst recht genießt, denn der Mann verstand was vom Theater, das erfrischt in jeder seiner Zeilen - so zieht ein Zeitalter vor eines Auge vorüber. Und da eröffnet sich die Theaterlandschaft Berlins und Deutschlands der 1920er Jahre in einer Themenfreiheit, die heute unmöglich wäre: da schläft der Sohne mit der Mutter, die ihn gerade mit seinem Schulkameraden erwischt hat, da erschlägt der Sohn den Vater, und der Lehrer den Sohn, da wird Line vergewaltigt, ohne daß ihr Gesicht die pathetische Wirrheit aufziehender Gesichtslähmung aufpflanzt die heute offenbar dazugehört (denn wer vergewaltigt wird, der MUSZ ja irr werden), ja spricht noch ganz normal weiter, und eine Hure besorgt es dem Legationsrat, ohne daß die Anführungszeichen überspielter Regisseure dem Zuschauer bestätigten, daß man schon weiß, wie verwerflich das alles sei. Oder sie flüchten überhaupt in Trash, in die Verulkung, um ganz nahe bei der Fluchttür zu parken.

Es sind nicht neue Tabus, es sind nicht neue Zwänge - nichts hat sich im Menschen geändert, was 1925 gefühlt wurde wird auch heute gefühlt. Aber es sind immer weitgefaßtere, immer zwingendere Mauern, die wir um unsere innersten Antriebe errichten, die wir in einem immer häßlicheren Neo-Puritanismus in immer tiefere Kisten und Keller sperren, anstatt sie vor Augen zu stellen, und zu erlösen - wie es das Theater täte. Während mutterneurotisierte Narzisse (sogar laut WHO-Befund! Narzißmus ist DIE Zeiterscheinung) alles tun, um sich und die Umwelt angesichts die wirklichen Antriebe ihrer Gefangenheiten zu paralysieren, und deshalb den Sklavenställen der Welt freudig beitreten, in der Hoffnung, daß die immer mehr anwachsende Macht der Masse auch ihnen eines Tages die Ketten sprengt.

Wir leiden unter zu viel Freizügigkeit? Nein. Wir leiden unter einem längst krankhaften Moralismus, der um sich zu verbergen lediglich mache Praktiken zu Pflichtübungen des Opfers an die Götter der Vermassung vorschreibt.

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Die Vernunft würde es verbieten

Wahrscheinlich gibt es solche Momente des Durchbruchs wirklich nur durch Mißverständnisse. Aber träumen, träumen vom Paradies des Schauens wird man ja noch dürfen.


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Genius loci

Wie selbstverständlich wir in "normalen Fällen" davon ausgehen, daß jeder Ort seinenspeziellen Geist hat. Der noch dazu mit Landschaft und Gegebenheiten zu tun hat, deretwegen wir sogar genau dorthin fahren. In anderem Zusammenhang sind dann dieselben Unterscheidungen - Diskrimierungen und beengende Vorurteile?



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Geliebtes Ding an sich

Jemanden akzeptieren wie er ist, schreibt Robert Spaemann in "Antinomien der Liebe", ist die äußerste Form der Resignation. Die Botschaft der Liebe Jesu ist genau umgekehrt: Im Ruf zur Umkehr wird der geliebten Person die Möglichkeit gegeben, Person zu sein, auf eine einmalige, unverwechselbare Art, indem er sich von sich auch distanzieren, neu anfangen kann. Im Ausspruch "So bist Du eben" liegt das Gegenteil von Verzeihen, liegt das Festlegen auf das, was er gerade war und worin er sein Bestmögliches verfehlt hat - Feigling, Lügner, Verräter.

Die Liebe macht aber sehend. Sie läßt den Geliebten in einem Glanz erscheinen, den niemand sonst wahrnimmt. Und wenn der Glanz in der Alltäglichkeit zu verblassen beginnt, dann heißt das nicht, daß nun langsam die Wirklichkeit so erscheint, wie sie ist, sondern im Gegenteil! Der Liebende wird die Erinnerung an den gesehenen Glanz bewahren, wie die drei Apostel die Erinnerung an die Verklärung Christi, und er wird wissen, daß ihm damals die eigentliche Wirklichkeit gezeigt wurde, das "Ding an sich", das wie Kant sagt, das Ding ist, wie es dem intellectus archetypus erscheint. 


Es ist der Blick der den Grund verstehen lehrt, warum ein Mensch existiert. Es ist ein Blick - und die Treue dazu - zum "imago Dei", das jeder Mensch, jedes Ding an sich darstellt.

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Wer dem anderen wohl will, läßt ihn spüren, daß er, der Liebende, ihn, den anderen, braucht. Wer nur der Gebende sein will, der gibt nicht genug. Der andere aber muß aus einer Liebe hervorgehen als der, der sich gebraucht, wichtig, ja in einer besonderen Beziehung weiß.

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Ein großer Zusammenhang

Auch wenn der Mensch auf sein "letztes", höchstes Ziel im Ganzen hingeordnet ist, ist diese Gesamthinordnung nur die Spitze einer großen Ordnung kleinerer, untergeordneter Teilziele. Die sich nicht des großen Zieles wegen aufheben! Sondern im Gegenteil: nur Mensch und Welt zusammen bilden die Gesamtordnung zu Gott, den Kosmos im letzten, tiefsten Sinn, schreibt Daniel Feuling. Der Mensch verfehlt sein Gesamtziel, wenn er meint, die Teilziele - weder in der Natur- wie in der Gnadenordnung - überspringen, ignorieren zu können.

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Dienstag, 29. März 2011

Kein Erfahrungsgegenstand

"Gott," schreibt Alois Maser in "Mystik als seelische Wirklichkeit", "ist geistige Wirklichkeit. Er kann von uns im Zustand der Leibverbundenheit der Seele nicht erfahrungsgemäß, sondern nur schlußfolgernd erkannt werden

Wenn die Offenbarung neue, über die natürliche Gotteserkenntnis hinausgehende Erkenntnisse vermittelt, so ist zwar zu ihrer Erfassung eine gnadenhafte Erhebung der Seelenkräfte über ihr natürliches Erkennen hinaus durch die eingegossene Tugend des Glaubens notwendig, aber an der Tätigkeitsweise der Seelenkräfte ändert es nichts. 
 
Auch die Glaubenserkenntnis ist wesenhaft keine erfahrungsmäßige Erkenntnis, sondern schlußfolgerndes Denken und hierdurch ausgelöstes Wollen. Besonders nachdrücklich muß betont werden, daß die durch solche Gotteserkenntnis ausgelösten Ergriffenheilten und Gefühle in keiner Weise erfahrungsmäßige Erkenntnis Gottes sind."

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Road-to-heaven-Test

Ein außerordentlicher Härtetest der Armee Taiwans.

Gefunden bei xaxor


Gefunden bei xaxor


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Wenn es nicht so wahr wäre

An sich kein außergewöhnliches Filmchen. Aber es erinnert an etwas Schreckliches: wie unfaßbar banal und lächerlich die Dinge und Anlässe oft sind, deretwegen wir unsere ganzes Figursein, unsere Persönlichkeit über Bord werfen. Für nur einen Augenblick, in dem wir nicht gezwungen sind, aufzustehen.

Wie amüsant dann oft, informationsüberschwemmt wie wir sind zu sehen, in welch komplexe Theorien so mancher sein Leben packt, um banalste Wahrheiten zu verschleiern. In Wahrheit ging es ihm nur um ... ein Bier, ein einziges Bier. Aber in der Öffentlichkeit erzählte er von der komplexen politischen Situation, und der Unmöglichkeit eines Handelns. Daran sollen schon Bischöfe gescheitert sein.


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Montag, 28. März 2011

Sich nicht mehr übersteigen wollend

Slavoj Zizek
Aus einer ersten und oberflächlichen Beschäftigung mit Slavoj Zizek steigt der Gedanke auf, daß sich die zeitgenössische Philosophie innerhalb der Grenzen der Realbefindlichkeit bewegt, und insofern sind sie tatsächlich "posttrukturalistisch". Ihre Grenzen der Welt sind dort, wo ihre faktsiche Befindlichkeit endet. Insofern könnte man sie als hedonistisch klassifizieren, ihre (bösartige) Verweigerung der Transzendenz liegt im Habitus verwöhnter Wohlstandskinder. Ihr Philosophieren ist der Habitus der Selbstentschuldung träger Seelen (Acedia), dabei durchaus mit Scharfblick, der Merkmal einer meines Wissens noch nicht klassifizierten Gemeinsamkeit eines Teiles der Generation der 1950er, 1960er Jahre, die ich "Postkatholizismus" nennen möchte: Sie bedienen sich des katholischen Werkzeugs, aber lediglich als überlegenes Instrumentarium der Entdämonisierung. Aber es fehlt ihnen letzendlich an Tiefe, wohl aus Verzicht auf (oder Verlust der) Metaphysik. Also wirkt ihre Philosophie wie die freche, furchlose Verteidigung existentialistischer Lebensvernaschung, in einer Mischung von Epikuräertum und Stoizismus. Bei Zizek findet sich ja speziell der Gedanke, daß diese faktische Welt bereits die erlöste, und zwar: ins Maximum des Paradieses hinein erlöste Welt ist - was alles, was deren faktische Vergenießung - in jeder Hinsicht, deshalb eigentich "a-moralisch" - hindert, zum unnötigen Störfaktor macht. Damit wird Ethik im Grunde überhaupt zum Störfaktor.

Logischerweise trifft sich Zizek damit mit Hegel, auf den er sich verschiedentlich ja bezieht. Auch für Hegel fällt ja Gott und (faktische) Welt in eins, ja ist Welt konstituierend für Gott (als dessen Selbst-bewußtwerdung, damit Selbstwerdung in der Geschichte, als Geschichte: Welt als "notwendig" für Gott), wird damit die faktische Welt in ihrem dialektischen Fluß zum Göttlichen, wird der Mensch und die Welt zum Gott - und damit Gott abgeschafft.

Robert Pfaller
Interessanterweise scheint das auch aus ihren Gesichtern zu sprechen. Das dachte ich, als ich ein Bild von Robert Pfaller sah, der sich im Fahrwasser Zizeks bewegt. Solche Menschen kenne ich, war mein erster Gedanke. Zizek hat übrigens vor einigen Jahren die Tochter eines argentinischen (Psychoanalytiker-)Kollegen geheiratet - ein 26jähriges vormaliges Unterwäschemodel. Dazu ließ er sich von seiner vormaligen (gleichaltrigen) Ehefrau, einer Philosophin wie er, scheiden.

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Der Unterschied

Richard Avedon "William Casby" (1963); als Sklave geboren
Das gemalte Bild, schreibt Roland Barthes in seinem bemerkenswerten Büchlein "Die helle  Kammer", ist ein eigenes Ding. Die Photographie aber wird bestimmt vom Dargestellten: sie ist ein bloßes Abbild (einer Situation), und sofern sie das ist - kein Kunstwerk. Insofern ist die Abbildung im Photo eine Entwürdigung: sie degradiert das Abgebildete zum Objekt. Jeder Mensch hat aber das Recht, Subjekt zu sein. Deshalb bleibt dem Abgebildeten das Recht auf sein Abbild - die Photorechte. Jeder Photographie haftet - als Eidolon, als eine Art kleines Götzenbild - etwas von einer Wiederkehr der Toten an (wie dem Schauspiel.)

Es gibt kein Photo ohne Gegenstand. Aber es gibt gegenstandslose Bilder. Es ist nie das Photo das man sieht. Was immer man am Abzug sieht, ist nicht sichtbar. Jeder Photograph ist automatisch ein Mythologe, der das Abgebildete mit der Gesellschaft versöhnt. Seine Bilder haben an dem konkreten Gegenstand, der abgelichtet wird, teil. Und nur insofern sind sie.

Der häufig zu beobachtende Versuch, die Photos "lebendig" zu gestalten, rührt, meint Barthes, genau aus dem Unbehagen dem Tod gegenüber, welches man mythisch verleugnet.


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Einfach und gut

Eine einfache, simple Botschaft, beim Wort genommen, und gewohnt sorgfältig umgesetzt - Stella Artois. Schon aus Gewohnheit ein weiteres Filmchen der belgischen Nobelbrauerei, die sich dem Kino verschrieben hat. Welch opulente Bilder, welch schöne Welten!

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5 Thesen

Der amerikanische Psychoanalytiker Kubie verwirft die häufige Ansicht, das das kreative Potential eine Frucht des Unterbewußtseins wäre. Vielmehr meint er,

  1. daß die Neurose die Kreativität auf allen Gebieten verfälscht, verdirbt, verzerrt, ja blockiert
  2. daß deshalb niemand fürchten müsse, daß ein schöpferischer Drang verkümmere, wenn es ihm gut gehe
  3. daß diese grundlose Furcht auf der irrigen Annahme beruhe, daß unsere schöpferischen Fähigkeiten dem Unbewußten entsprängen, während tatsächlich das Unbewußte unsere Zwangsjacke ist, die uns ebenso schablonenhaft, steril, und ewig wiederkäuend werden lasse, wie die Neurose selbst es sei
  4. daß dort, wo unbewußte Einflüsse eine beherrschende Rolle spielten, der schöpferische Prozeß in Wissenschaft und Kunst sich beinahe mit dem neurotischen Prozeß decke; er verwandelt nur die unbewußten Konflikte in eine gesellschaftlich und künstlerisch annehmbare Symbolform
  5. weshalb es das Ziel sein müsse, vorbewußte Vorgänge von den Verzerrungen und Blockierungen durch die unbewußten Vorgänge sowie von den banalen Beschränkungen durch die bewußten Vorgänge zu befreien. Das Unbewußte könne nur anspornen, das Bewußte nur kritisieren, verbessern und werten. Kreativität aber ist ein Ergebnis vorbewußter Aktivität.

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Dekonstruktion

Keineswegs einfach ein harmloses Filmchen. Sondern ein Schnitt quer zum Leben: der Kultur, der Rollen, der Figuren, und der Verantwortung, über die es so viel erzählt. Welt und Flucht. Die interessanteste Darstellung bietet dabei die Frau.


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Sonntag, 27. März 2011

Eins nicht ohne das andere

Es ist nur eines der unzähligen Mißverständnisse, schreibt Irene Behn in "Spanische Mystik", Heiligkeit und Mystik zu trennen. In Wahrheit liegen beide nicht nur auf derselben Ebene, sondern bedingen einander. Es gibt in Wahrheit keinen Heiligen, der durch "Askese" heilig wurde, und keinen, der nicht letztlich in mystisch zu nennende Gottverbindung gelangt ist, ob er nun Ekstasen nachweislich hatte oder nicht.

Dagegen aber ist es ein fataler Irrtum zu meinen, es gäbe eine Mystik unabhängig von Heiligkeit, oder als wäre die Mystik ein "Weg" zur Heiligkeit. Zwar ist es richtig, daß die Mystik auch die "unteren" Stufen der Heiligkeit, den Weg zu dieser, begleiten kann, zwar ist es richtig, daß Gottnähe in dieser Weise auch den Weg zur Heiligkeit säumen kann - aber es gibt keine Mystik ohne Heiligkeitsstreben. Und schon gar nicht als "Technik" der Welt- und Daseinsverschönerung, wie man es im Zeitalter der Esoterik nennen möchte.

Deshalb sind Sprüche wie "Es wird nur ein mystisches Christentum geben, oder es wird keines geben" (Rahner, u. a.) weder so gemeint, noch darf es so verstanden werden, als gäbe es quasi eine "Mystik als Weg". Das erste Anzustrebende ist niemals das, was man als Mystik bezeichnet, ist nicht die erfahrbare Gottesnähe - nichts Unreines kann vor Gott, nichts Unreines ist ihm ähnlich! Hinter solchen Zielen stehen fast ausschließlich defekte Ziele und Antriebe, und sie sind nur typisch für die Verbogenheiten der Gegenwart.

Das erste ist die Heiligkeit, nur sie ist die wirkliche Anähnlichung an Christus, dem eigentlichen Fluidum der Mystik, ja ihr eigentlicher Inhalt. Und dieser Weg ist praktisch immer gleich, und nimmt dieselben Routen, wenn auch bei jedem auf seine Weise. Keine Technik der Welt vermag diesen Weg auch nur einen Schritt abzukürzen, sondern bedeutet eine Form des Nihilismus. In jedem Fall wird das Angestrebte banal.

Dazu ist noch zu unterscheiden zwischen der Erkenntnismystik und der Liebesmystik, die erst im Höchsten und von der Liebe her in eins verschmelzen - erstere erhellt, beseligt mehr oder weniger kurzzeitig, und ist wie ein Teil des Ganzen, kann insofern Anfeuerung und Wegzehrung sein, besonders im nachmystischen Bereich, wo ja oft erst die Entscheidung fällt: in unserer "nüchternen" Verweigerung, oder Zustimmung - letztere wandelt ja dann erst dauerhaft und ganz um. Ja, diese Umwandlung ist nachgerade Echtheitsmerkmal, denn Gott als die reine Form gestaltet kraft seiner Gegenwart - als Haupt den Leib. Theresia hat einmal verweigert, Raimundus Lullus viermal. (Der Hl. Ignatius, zum Beispiel, "staffelt" alle mystischen Erfahrungen nach ihrer Umwandlungskraft zum Liebenden, als Erweis ihrer Gottesunmittelbarkeit.)

Schließlich setzt die Erkenntnismystik große Läuterung voraus - Johannes vom Kreuz weist darauf hin - selbst wenn sie vorerst nur die Erkenntnis berührt, für sich bleibend eine Sackgasse wäre. Aber um in die göttliche Weisheit einzudringen, braucht es das "Dickicht des Kreuzes".

(Womit jede Gnosis oder eine Erkenntnismystik, die als zweite Person den Logos sucht und darüber vernachlässigt oder vergißt, daß der Logos Fleisch wurde, als Erlöser blutete, und zum Nachleben, nicht zum Nachdenken aufruft. Jesus ist das scheidende Schwert: hier Erlösungsbedürfnis, dort Verlangen nach hellenischer Metaphysik nach dem wahren Sein. Dem Erkenntnismystiker bleibt die - von Gott trennende! - Sünde gewichtlos, er kennt nur die Verfehlung des Irrtums. Er will deshalb vor allem den Ring von Zeit und Raum zersprengen, der aber doch sein einziger Weg zur Christusanähnlichung wäre - wie Jesus selbst es tat, als Gott, als Mensch zugleich, der sich den Bedingungen von Zeit und Raum unterwarf.)

In der Liebesmystik liegt das höchste Erreichbare, liegt die höchstmögliche Erfüllung religiösen Lebens. Sie ist noch einen Schritt über alle Ekstatik der Erkenntnis erhoben, in ihr ist alles in Gott, ist er alles in der Seele. Bleibt die Erkenntnismystik ohne dieses höchste Ziel aber, fällt sie wieder zurück, ja wird zu ihrer Karrikatur.

Mystik und Heiligkeit sind Synonyme, Begriffe für ein und dasselbe, unter bestenfalls anderer Gewichtung - hier mehr Verborgenheit in Gott, dort mehr Apostolat und Wirken der Nächstenliebe. Ja, gerade letzteres, das Apostolat, ist im Grunde eine Stufe der höchsten Mystik, weil es nur um ein immer direkteres Wirken Gottes durch den Apostel gehen kann. Und dazu muß er die höchste Stufe der Gottanähnlichung erreicht haben, wo die Seele bereits die paradiesische Unschuld wiedergewonnen hat, in deren Kraft andere Seeleln am unmittelbarsten gewonnen werden, weil Christus es ist, der spricht. Beide Formen (als Gewichtungen in der Welt) der Gottesnähe sind nur zwei Seiten derselben Medaille - der Wirkweise des Heiligen Geistes.

Aber in nichts davon darf der Mensch verweilen. Denn die Heiligkeit besteht, schreibt Theresia von Avila, ausschließlich in der demütigen Liebe zu Gott und dem Nächsten.

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Ein letztes mal

Einmal noch, zum Abschied, etwas Verrücktes tun. Etwas das einem noch einmal beweist, daß man ein Mann ist, sich einmal noch in diese Ebene hinein auflösen, ehe eine nächste Konkretion - Kultur - schöpferisch aufgebaut wird.


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De incarnatione

Jedes geschaffene Ding ist ein Abbild des Schöpfer. Jedes sinnenfällige Objekt regt, so schreibt Bonaventura, die sensitive Erkenntnisfähigkeit an mittels einer abbildlichen Verähnlichung, die vom Erkenntnisgegenstand ausgeht wie das Kind vom Vater. Jenes Abbild ist an sich noch kein vollendeter Akt der sinnlichen Erkenntnis. Zu einem solchen wird es erst dadurch, daß es sich mit dem Sinnesorgan und der Erkenntniskraft vereinigt. Erst auf Grund dieser Vereinigung kommt die Sinneswahrnehmung zustande, und sie besteht eben darin, daß die wahrnehmende Seele durch Vermittlung jenes Abbildes dem Objekt selbst angeglichen, gleichsam zu ihm zurückgeführt wird

Zwar kommt von seiten der Sinne jene Objektwahrnehmung nicht immer zustande, wohl aber strahlt das Erkenntnisobjekt jenes Abbild ständig von sich aus, soweit das Zustandekommen des Abbildes überhaupt von ihm abhängt.  

Dieser Vorgang ist ein Analogon zur Wirklichkeit des dreifaltigen Gottes.

Bonaventura  "De reductione", Kösel 1961

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Finland

Der Filmemacher schreibt dazu: In the end of September I went from Helsinki to the far land of Khumo region near the russian boarder.
It's a beautiful trip,with special moments and feelings that I never had in my life.
Bears and nature are perfectly in armony and lot of wildlife sorrounded my self during my journey and I understood how little we are against nature.
Lot of forests,colors,lakes,flowers and animals and most important for me...all this in the silence that I never heard in my life.




Gefunden auf vimeo | via Glaserei

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Frau


Gefunden bei thisisnthappiness


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Samstag, 26. März 2011

Gültige Lebensform

Die patriarchalische Lebensgestaltung auf seinem Landgute war dem Vicomte de Bonald eine gültige Form des Menschseins, um dessen Bewahrung er politisch vergeblich gekämpft hatte, schreibt Robert Spaemann in einem Portrait des (eigentlichen) Begründers der Soziologie.

"Das ist eine wirkliche Familie, deren Haupt - Besitzer oder Bauer - der Vater ist. Er tut dieselbe Arbeit wie seine Knechte, er ißt dasselbe Brot und oft am selben Tisch.

Dieser Betrieb nährt alle, die er geboren werden läßt. Er hat Arbeit für alle Altersstufen und für beide Geschlechter; und die Greise, die keine schwere Arbeit mehr tun können, beenden ihre Laufbahn, wie sei sei begonnen haben, und behüten ums Haus herum die Kinder und die Herden."

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Schwächlich

Trotz der Löwen? Gerade deshalb. Denn hat Mercedes es notwendig, etwas das sie als immanent behaupten explizit zu machen? Damit taugt das Filmchen weder als Metapher, noch als Darstellung. Es funktioniert nur über die rationale Ebene. Und dafür genügten ein paar Hörfunksätze: wie Mercedes sich gerne sähe, wie der Kunde sie sehen soll. Weil man es nicht wirklich sieht.

Die Kernfrage ist ja genau das: WORAN erkennt man das, was hier nur behauptet wird?


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Da sagte König Schahzaman


Glaube den Frauen nicht;
Trau ihren Schwüren nicht!
Ihr Zorn und ihre Gunst
Hängen an ihrer Brunst.
Lieb zeigen sie zum Schein;
Trug hüllt sie ganz und gar ein.
Joseph nimm dir zur Lehr;
Findst ihrer List immer mehr.
Schon Vater Adam, schau,
Ward verjagt wegen der Frau.

Aus: "Die Erzählungen aus den tausendein Nächten | Von König Sherihjar und seinem Bruder"

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Träume, aber keine Kunst

Es gibt keine Reifung ohne der Wirklichkeitserfahrung immanente Selbsterfahrung und -erkenntnis, sowenig dieser Vorgang je zu Ende ist und das ganze Leben andauert. Dieses Ringen verlangt andauernde Aufmerksamkeit und beständigen Kampf. Dies muß so sein, weil in jedem von uns, von der Geburt bis zum Tode, gewaltige Kräfte am Werk sind, die das Bild, das wir uns von uns selbst machen, immer wieder verwirren und verdunkeln möchten. 

Deshalb betrachtet der berühmte Durchschnittsmensch, dem eine tiefe Selbsterkenntnis fehlt, diese Welt durch eine Brille, die verfärbt ist durch sein unbewußtes Bild von sich selbst. Ohne eine in die Tiefe gehende Selbsterkenntnis können wir wohl Träume haben, aber keine Kunst, neurotischen Rohstoff für Literatur, aber keine reife Literatur.  Vor allem können wir keine Erwachsenen haben, sondern nur alternde Kinder, die mit Worten, Farben, Lehm und Atombomben ausgerüstet sind, ohne etwas davon zu verstehen. 

Der Stand und die Reife einer Kultur läßt sich am Stand ihrer Selbsterkenntnis ablesen.

(Lawrence S. Kubie)

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Die Überraschung

Ein sehr gut inszenierter Kurzfilm (10 min) von Lancelot von Naso, der wunderbar flott und sparsam erzählt, und überraschende Wendungen hat.



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Unterscheidungskriterium

Alois Mager arbeitet klar den Unterschied zwischen der "Erlebnistheologie" (s. u. a. "Pascendi Dominici Gregis") und der Mystik (bzw. der mystischen Psychologie als Kunde seelischer Vorgänge) heraus:

Pius X. definiert Erlebnistheologie als "jene Theologie, die als Quelle der Glaubensinhalte die verborgenen Tiefen des Unberbewußtseins (latebrai subconscientiae) annimmt und aus ihnen auf dem Wege des Erlebens die Dogmen sich entwickeln läßt." Genau das ist aber nicht Mystik.

Denn der (echte) Mystiker weiß, und die Schriften einer Theresia v. Avila oder eines Johannes v. Kreuz sind einzige beredte Zeugnisse dieses Umstandes, daß das Mystische weder dem Inhalt noch dem Erlebnischarakter nach aus sich selber hervorgebracht werden kann, sondern nur aus einem unmittelbaren Einwirken Gottes. Eine mystische Psychologie behandelt ja genau die oft sehr verschlungenen Wege der Seele, im Unterbewußtsein zu verschleiern, auf welche Weise das Gewünschte, Gewollte hervorgerufen werden soll. Frei von diesen Eigenwillen zu werden, im Sinne eines immer vollkommeneren Selbstbesitzes, um überhaupt über sich verfügen zu können - das ist Aufgabe der Seelenkenntnis, die die Mystiker anstreben.

Und es ist im Grunde die Aufgabe jedes Menschen. Die Mystik sucht genau nicht das Erlebnis (um des Erlebnisses willen), dieses "passiert" vielmehr (wenn es denn passiert) - auf dem Weg zu einem "dogmatischen", vernunftmäßig klar bestimmbaren Tatbestand: der höchstmöglichen Einigung mit Gott. Daß diese Einigung auch mit einer Veränderung der Bewußtseinszustände einhergeht, liegt - rein sachlich - in der Natur der Dinge.

Mystik ist somit ("lediglich") das bewußt gewordene, erfahrungsmäßig erkannte Glaubensleben.


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Freitag, 25. März 2011

Banalität der Neurose

Lawrence Kubie wendet sich in "Neurotische Deformationen des schöpferischen Prozesses" vehement gegen die weitverbreitete Meinung, daß Neurosen und psychische Störungen notwendige Begleiterscheinungen, wenn nicht sogar Bedingung des Kreativen sei. Ja viele fürchten sogar, sie könnten mit der Krankheit auch ihre hochbewertete Individualität und ihre zündende schöpferische Begeisterung verlieren.

"In Wirklichkeit ist die Neurose der banalste, am wenigsten kennzeichnende Ausdruck der menschlichen Natur. Dies gilt sogar für die Symbolsprache, in der sich die Neurose ausdrückt, ob nun in Symptom und Traum, ob in hervorragenden künstlerischen oder wissenschaftlichen Leistungen.

Solange aber die Menschen Veränderung scheuen, verteidigen sie ihre Neurosen, ohne es zu wissen. Wir möchten unsere Zahnschmerzen verlieren, aber wir möchten nicht daß das Gesundwerden uns zu etwas anderem macht als wir gewöhnt sind zu sein.

Keine Menschengruppe sei so hartnäckig im Verteidigen des Vorurteils der Notwendigkeit ihrer Neurosen wie die Künstler und Wissenschafter. Aus seinen Erfahrungen als Psychiater, sowie aus theoretischen Erwägungen heraus, ist Kubie aber der Meinung, daß die Neurose als getarnt auftretende Komponenten die schöpferische Produktivität des Menschen fatal hemmt, verglichen mit seinen Möglichkeiten unter Bedingungen der "Normalität".

"Darüber hinaus ist der letzte Rest der schöpferischen Kraft in falsche Bahnen gelenkt und durch die gleichen verschleierten Vorgänge verhärtet und zum Stereotyp verfestigt. Wenn Menschen Schöpferisches leisten so geschieht das trotz und nicht wegen des Ankämpfens gegen ihre Neurosen."

"Was schlimmer ist, die schöpferische Kraft, die nach diesem Kampf nochübrigbleibt, ist kulturell steril, weil ihr Ergebnis ein wirkungsloser Kompromiß zwischen zwei Vorgängen ist. So müssen nicht nur neurotische Künstler und Wissenschaftler einen hohen Preis für den ubiquitären neurotischen Prozeß bezahlen, nicht nur alle, die mit ihm zusammenleben, sondern die ganze menschliche Gesellschaft sowie Kunst und Wissenschaft, die der schöpferische Mensch mehren möchte und in denen er Sinn und Ausdruck seines Lebens sucht. Der Tribut, den die Neurose vonden schöpferischen Fähigkeiten des Menschen fordert, wird von der gesamten menschlichen Kultur bezahlt."


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Ohne Zwang zur Freiheit

Wir wissen, schreibt Lawrence S. Kubie in "Neurotische Deformation des schöpferischen Prozesses", daß die wachsende Dauer der Ausbildung junger Menschen mit dem gleich wichtigen Verlangen nach Erfahrung und Verantwortung kollidiert. Echte menschliche Reife kann nur einer Einsicht entspringen, die aus dem Wechselspiel von Leben, Irrtum und dessen Analyse entsteht. Das Leben kann nicht ohne Selbstprüfung, und diese nicht ohne echtes Leben (sic!) sein.

Wir vergessen manchmal, daß die Gründer unserer Republik (USA, Anm.) jung waren und oft auch jung starben und daß viele von ihnen schon als Dreißig- und Vierzigjährige zu nationaler Größe heranwuchsen. Doch dies ist gerade der wunde Punkt; die stetige Verlängerung der Ausbildung führt dazu, den Studenten zwangsweise für viele Jahre im Zustand der halbreife mit beschränkter Verantwortung zu halten. 

Diese hartnäckige Unreife ewiger Studenten ist eine bekannte Erscheinung auf alle Universitäten. Wenn irgendein Studienprogramm zu lang dauert, oder gar noch unterfordert weil es als sozialpädagogisches Programm gegen Jugendarbeitslosigkeit mißbraucht wird, und deshalb das Anspruchsniveau senkt, werden die selbständig Denkenden nach und nach abspringen und nur noch die Gelehrigen, Unterwürfigen und Unschöpferischen die ganze Zeit der Unterweisung überstehen. Dieses Problem zieht den Verlust gerade der Wertvollsten für die gesellschaftliche Elite nach sich!

Genau dasselbe läßt sich von der immanenten Neurotisierung der Gegenwart sagen, die die pädagogischen Programme oft genug bedeuten. In dem wir zum einen die unterbewußten Prozesse (die den Menschen an das Diktat seiner unterbewußten Regungen binden) weiter abblocken, zum anderen die bewußten Prozesse hypertrophisch zu Verhaltenszwängen ausbauen. Hier werden wir systematisch um die Zukunft unserer Gesellschaften gebracht!

Ohne den Zwang zur freien Verantwortung wird die persönliche Reifung der jungen Menschen regelrecht verhindert. Auf sich geworfen, von jeglicher Verantwortung befreit, lehnt  er sich gegen jede Autorität auf und übersieht, daß er an sein Unterbewußtes gekettet bleibt. Er duldet keine Einmischung von außen und wehrt sich gegen die Selbsteinsicht der inneren Versklavung. Damit fehlt ihm jegliches Selbstverständnis. Er kehrt also beiden Arten von Erfahrungen den Rücken, die dem menschlichen Geist ein Reifwerden ermöglichen. 

Er will nicht demütig auf die Weisheit warten, die nur am "Sektionstisch" gewonnen werden kann, d. h. durch die Erforschung seiner eigenen Fehler, als einzigem bekannten Weg zu vertiefter Selbsterkenntnis. Sein rebellischer Geist wird sich stattdessen auf seinem eigenen Spezialgebiet in Kunst, Musik, Literatur oder Wissenschaft festbeißen, um hier seine Neurose in aggressiver Weise ausdrücken zu können.

Hierin sieht er (zwangsläufig, durch Anbindung an ein Objektivum, das außerhalb von ihm sein muß) so etwas wie seine Berufung, und wie jede Berufung bestärkt ihn diese in seiner fixen Idee, daß er aus einer Offenbarung heraus schaffen könne. In dem einen Bereich sind die Offenbarungen absolute Wahrheiten, von einer Gottheit verkündigt. In einem anderen Bereich dagegen entspringen sie einem geheimen Quell innerer Absolutheiten. Aus dieser unbewußten Arroganz hat sich das unausgesprochene Dogma entwickelt, im schöpferischen Künstler müsse Unwissenheit als ein Positivum kultiviert werden, damit er auf diese Weise der Belastung durch die Wirklichkeit entgehe. Und sonderbarerweise enthält auch diese wie alle derartigen Vorstellungen ein Körnchen Wahrheit.

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Paris 1943

Gefunden bei xaxor.com


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Wikipedisierung

Oder: vom fatalen Irrtum, daß Wissen lediglich der Gebrauch von "Gewußtem" wäre, und Können nicht mehr dem Sein folge.


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Donnerstag, 24. März 2011

Einmal wird es schön

Eigentlich beginnt das Leben ja erst in der Pension. Vorher? Ein unentwegter Horror. Ist nicht immer alles dasselbe? Zeit? Nur die Wiederholung des stets gleichen. Wäre da nicht die Hoffnung, daß es eines Tages schön wird. Wenn anderes beginnt.


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Parallelen

Es bleibt seltsam, es ist aber aussagekräftig, daß die Notwendigkeit ständiger Zufuhr neuer afrikanischer Sklaven nach Amerika über Jahrhunderte daraus entstand, als die dort bereits ansässigen Sklaven sich nicht reproduziert haben.

Dabei wäre es weit billiger und effizienter gewesen. An den Sklavenhaltern also lag es nicht. Und auch gewiß nicht einfach an fehlender sexueller Lust. Es muß etwas anderes gewesen sein.

Agere sequitur esse. Das Handeln folgt dem Sein.

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Baumhaus


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Der gespielte Witz

Wo der beworbene Gegenstand fast zufällig mitspielt. Amüsant.


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Mittwoch, 23. März 2011

Nicht nur innere Werte

Das Interessante an diesem Filmchen war, daß wie in einer kleinen Parade seelische Charakteristiken vorüberziehen, die im Außen - rasch, also deutlich gemacht - vorüberziehen. Also doch nichts mit "nur innere Werte".


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Paris 1943


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Was große Künstler auszeichnet



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Der Schlüssel

Wieviel an menschlichem Verhalten, an menschlicher Angst, an Klammern an die Dinge und Bedeutungen in dieser Welt, an Ersatzhandlungen aus nicht erkanntem oder abgelehntem Ziel im Unendlichen bei gleichzeitigem zutiefst innerstem Antrieb dazu, erklärt, was Johannes v. Kreuz in seiner "Liebesflamme" schreibt:

Die Seelenkräfte sind so tief, wie sie "aufnahmefähig für große Güter sind. Denn durch nichts werden sie ausgefüllt als durch Unendliches. An dem, was sie leiden, wenn sie leer sind, läßt sich in etwa ermessen, wie beseligt sie sind, wenn ihr Gott sie ausfüllt. [...] 

Wenn diese Höhlungen der Sinne nicht leer und geläutert sind und rein von aller Hinneigung zu Geschöpfen, dann empfinden sie nicht die gähnende Leere ihrer tiefen Aufnahmefähigkeit. 

Denn in diesem Leben genügt jedes sich darin einnistende Dingelchen, um sie so behindert und betäubt zu belassen, daß sie nicht ihren Verlust empfinden, noch die ihnen bestimmten grenzenlosen Güter vermissen, noch ihre Aufnahmefähigkeit gewahren."

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Zu irgendetwas gut

"Although the work that tests, refines, and consolidates what is attained in moments of inspiration is not likely to be, in the arts at least, all conscious calculation, it is largely so. Its object both in art and in intellectual invention, is to make sure that the product is really serviceable."

Brewster Ghiselin selbst, und wie erst in seiner Sammlung "The Creative Process", bestätigt, was Lawrence Kubie ausführt, wenn er dazu aufruft, das Mißverständnis zu beseitigen, das "Unterbewußtsein" mit "Vorbewußtsein" gleichsetzt, und das Unterbewußtsein zum Generator der Kreativität machen möchte.

Dahinter, dies als Anmerkung, steckt in hohem Maß unbefriedigte Religiosität, in der Überantwortung ans Chthonische, aus den Tiefen Heraufsteigende.

Nein, vielmehr ist das Unterbewußte eine Kraft, die die Symbole der kreativen Prozesse verhindern, verschleiern möchte. Das die wirkliche Schaffenskraft mit Zwängen belegt, die die Klarheit des gezeichneten Bildes trüben.

Der Kreative muß vielmehr mit allem Verstand durchdringen, was ihn bewegt, muß mit allem Verstand gestalten und ordnen, was an Material vorliegt. Und erst, wenn er die Grenze des ihm möglichen erreicht hat, wirken jene "geheimnisvollen" Kräfte, die offenbar so manchem so verlockend "leuchten".

Amy Lowell schreibt dazu: "I do believe that a poet should know all he can. No subject is alien to him, and the profounder his knowledge in any direction, the more depth will there be to his poetry. I believe he should be thoroughly grounded in both the old and the new poetic forms, but I am firmly convinced that he must never respect tradition above his intuitive self. Let him be sure of his own sincerity above all, let him bow to no public acclaim, however alluring, and then let him write with all courage what his subconsciouss mind suggests to him."

Brewster Ghiselin noch einmal: "Likewise in pure science the end is not novelty, but use. Neither in art nor in science is the use always anticipated. Application of a scientific truth to narrowly practical purposes may even never occur, and it often follows long after the discovery. But it is evident that in both art and science the inventor is to some degree incited and guided by a sense of value in the end sought, something very much like an intimation of usefulness."




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Dienstag, 22. März 2011

Kinder (und Tanz)


Gefunden bei thisisnthappiness


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Es funktioniert nicht

Die Wahrnehmung stellt sich immer auf den ersten Eindruck der Anschauung ab. Und da treffen zwei "Zunahmen" aufeinander. Die gewünschte Lösung der Werbefirma erschließt sich deshalb gar nicht wirklich, sondern muß gesagt werden. Der Zuschauer zieht ganz andere Schlüsse.


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Kleinbürgertum. Pubertät des Menschseins.

Was aber ist Kleinbürgerlichkeit? Es ist die Art, in der eine Gesellschaftsschicht, die die wirklichkeitsharten Stände - Adel und Soldaten, Priester, Bauern - nicht verstehen, weil sie ein Nicht-Stand sind, also auf die Gesellschaft, nicht auf die zeit- und ortlose Ewigkeit bezogen, und sich somit nicht wiederfinden.

Aus dem heraus bleibt ihnen nur der Notgriff, "neue Werte" in dem zu finden, was ihnen, wie Brosamen, vom Tisch der Stände übrigbleibt. Indem sie daraus ein "etwas" formen, das Nichts zu einem Etwas behaupten: ihnen bleibt nicht das Sein, ihnen bleibt nur die Funktion. Weil aber der Widerspruch bleibt, und auch von ihnen natürlicherweise empfunden wird - daher der latente Neid dieser Menschen - erklären sie das Kleine zum Großen, und versuchen, das Große zu zerstören, unter ihr Nievau zu verkleinen.

Sie tun es durch Entmythologisierung. So ist es immer geschehen. Denn durch die "Nähe", die das Ganze aus dem Horizont fallen läßt, fallen diese großen Dinge, schrumpfen auf disparate Teile, schrumpfen vor allem auf Makel und Probleme, in denen sie die Nichtswürdigkeit des anderen erkennen wollen. Was nichts ist als die Verachtung, die sie sich selbst gegenüber empfinden, zu übertragen.

Unfähig, das Große zu übertreffen oder zu erreichen, reißen sie es ein. Und erklären das Kleine zum Götzen. Derselbe Vorgang, wie er Pubertäre am Weg zum Erwachsensein kennzeichnet. Entsprechend ist die Kultur der Kleinbürger, legt man ein Menschenleben auf dieses Schema um, eine pubertäre Kultur. Ihre Charakteristika finden sich im Seelenleben (normaler) Pubertierende, in ihren Phasen der Ablösung und Selbstfindung, in ihrem Bemühen, eine Ordnung ihrer selbst zu definieren, die sie in allen Dimensionen durch ihr Leben trägt. Perpetuiert, zur Dauerhaltung "kultiviert", wächst sie zu Neid und Mißgunst aus, die ihr Leben bis in die Wurzeln durchwirkt.

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Verklärte Kindheit

Sehr richtig und schön zieht Jean Paul einmal Parallelen zwischen der poetischen Landschaft des Dichters, und der erinnerten Landschaft (als Topos, nicht als gegenständliche Festlegung) - und ersteres stammt ja wohl aus letzterem. Denn jedes Schaffen der Phantasie ist ja ein Zusammenstellen von Erinnertem, insofern eine Tätigkeit des Herzens.

Aber dem Schauen als Kind eignet das Ahnen des Unendlichen, in das alle Dinge an ihren Rändern übergehen. Dort liegt eine "magische Dunkelheit", wie Jean Paul es nennt. Damit bleiben die Dinge ganz, bleiben unberührt und eingebunden in den gesamten Kosmos.

Die erwachsene Erinnerung hingeben schneidet und reduziert aus diesem Erinnerten Einzelnes heraus, ja die Dinge werden gar nicht mehr ihrer selbst erinnert, sondern einzelner Bezüge wegen - es bleiben ja allen nur die Bezüge, letztlich. Darin liegt der Unterschied.

Der erwachsene Mensch ist in diesen bereits ausgewählter, zumindest bestimmter, denn ist die Bestimmtheit eingeschränkt (aus Irrtum, aus verkleinerndem Interesse), und das ist sie praktisch immer, wird es auch sein Erinnertes weil sein Erleben.

Wird sie unbestimmt, verliert sie sich überhaupt, weil der Mensch in den Irrsinn fällt. Dem Menschen bleibt nur der Weg durchs Bestimmte. Also muß er zu jenem Bestimmten finden, das alles umfaßt. Die Wahl, gar nicht zu bestimmen, bleibt ihm ja gar nicht.

Vor allem das Häßliche, als Gesicht des Schlechten, des Bösen, das den Menschen im Laufe seines Lebens, vor allem je mehr er in die Welt hinaustritt, sich in ihr behaupten muß, und das muß er eben, das Häßliche ist es, das ihn je seine Offenheit einschränken läßt, aus notwendiger Vernunft. Und damit verliert ihm gerne die Welt ihre Poesie, ihre Offenheit ins Unendliche hinein.

Also bleibt ihm nur die Erinnerung an die Kindheit.

"Das Idealische in der Poesie ist nichts anders als diese vorgespiegelte Unendlichkeit; ohne diese Unendlichkeit gibt die Poesie nur platte abgefärbte Schieferabdrücke, aber keine Blumenstücke der hohen Natur. Folglich muß alle Poesie idealisieren: die Teile müssen wirklich, aber das Ganze idealisch sein. Die richtigste Beschreibung einer Gegend gehöret darum noch in keinen Musenalmanach, sondern mehr in ein Flurbuch - ein Protokoll ist darum noch keine Szene aus einem Lustspiel - die Nachahmung der Natur ist noch keine Dichtkunst, weil die Kopie nicht mehr enthalten kann als das Urbild.

Die Poesie ist eigentlich dramatisch, schreibt Jean Paul weiter, und malt Empfindungen, fremde oder eigene. 

"Das übrige - die Bilder, der Flug, der Wohlklang, die Nachahmung der Natur - diese Dinge sind nur die Reißkohlen, Malerschatullen und Gerüste zu jener Malerei. Diese Werkzeuge verhalten sich zur Poesie wie der Generalbaß oder die Harmonie zur Melodie, wie das Kolorit zur Zeichnung."

Quantitäten sind endlich, wir erhalten von ihnen durch Äußeres Nachricht. Qualitäten aber sind unendlich. Von ihnen erhalten wir nur durch innere Sinne Kenntnis.

Geister und ihr Äußerungen stellen sich in unserm Innern ebenso grenzenlos als dunkel dar. "Mithin muß das in uns geworfene Sonnenbild, das wir uns vom Dichter machen, vergrößert, vervielfältigt und schimmernd in den Wellen zittern, die er selber in uns zusammentrieb."

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Was macht etwas gesund?

Das Wesen von "krank" und "gesund" (normal) ist nicht von der Vernünftigkeit "an sich" einer Handlung her definiert. Es ist auch nicht davon bestimmt, ob etwas richtig oder falsch, wertlos oder wertvoll, aufbauend oder zerstörerisch ist.

Das Wesen einer gesunden Handlung ist bestimmt vom Moment der Freiheit! Kubie schreibt, daß die Eigenart der Neurose eben die Zwanghaftigkeit ist. Nur der Gesunde kann eine Handlung auch sein lassen, er kann jederzeit damit aufhören, oder er muß sie auch nicht wiederholen. (Gerade der Wiederholzwang macht ja das Pathologische aus.) Flexiblität, Freiheit durch Erfahrung zu lernen und sich mit veränderten Bedingungen zu arrangieren und zu wandeln, sich durch Appelle und Argumente im Verhalten beeinflussen zu lassen - dies alles, nicht wörtlich, sondern allegorisch genommen, kennzeichnet die gesunde Tat, die die freie Tat ist. Das Wesen von Krankheit zeigt sich im "Einfrieren" eines Verhaltens in starre, alles beherrschende Muster.

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Starre, nicht Tradition

Die Neurose bedeutet: Starre. Und das Filmchen zeigt eine gute Parabel ihres Wesens: es soll sich aus der Angst vor der Wirklichkeit an der Position des Selbstseins in der Welt - im Lebensgefühl - nichts ändern. Fälschlich bezeichnet man gerne als "Tradition", was nur Leichenstarre und Lebensverweigerung ist.

Die wirkliche Tradition macht den Weltgrund lebendig. Sie konserviert nicht seine Gestalt, sondern sie gibt ihm Raum, diese in der Zeit und ihr gemäß anzunehmen.

Witzig, denn der Humor steigt aus dem Tragischen.



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Seltsame Zusammenfälle

Natürlich bricht ein gesellschaftliches System - wie eine Kultureinheit wie der Staat es ist - zuerst an den Rändern auf. Und man stellt es daran fest, als die unteren gesellschaftlichen Schichten sich mit äußersten (in dem Fall: politischen) Fragen zu beschäftigen beginnt. Aber nicht nur das - die Gedanken sind nur eine erste Warnstufe. Sie beginnen, das zuäußerst Fehlende in ihrem Umfeld nachzustellen. Es wird dort erste positivistische Regelung.

Deshalb sind Figuren wie Bonald, die in der Romantik immer häufiger waren, in diesen Hinsichten Symptom der Zeit. Und sie kommen aus dem "konservativen" Lager, denn das vollkommene Urbild (Bezugspunkt aller Romantik, aller Reformation) ist ihr Leitbild.

Was sie aber nicht bemerken ist, daß ihr Vorgehen - eben das positivistische Setzen des Ideals - dieselbe Handlungswurzel trägt, wie jede Utopie der Linken. Deshalb motiviert sich fast noch mehr als aus der Linken, aus der konservativen Rechten der Hang zum Totalitarismus, wie er sich im 20. Jahrhundert in allen politischen Coleurs endgültig abzeichnet.

Ja, im wesentlichen läßt sich diese Geisteshaltung bereits im Zentralismus der Jahrhunderte zuvor ablesen, die im aufklärerischen Josephinismus - einer Vorform des Totalitarismus - eine erste Spitze fand, die nahtlos - mit der solche Bewegungen ausläuternden Geistesmühle des 19. Jhds. - in die politischen Systeme des 20. Jhds. überging.

In dieser Haltung aber wird Konservativismus zu einem logischen Arm der Aufklärung, die den Grundsatz - daß nichts Richtiges durch Falsches erreicht werden kann - der abendländischen Metaphysik - zuhöchst aus persönlichen Gründen, um nicht das Wort "Defekten" zu verwenden, motiviert - im Satz vom "geringeren Übel" zu umgehen meint. Es ist also keineswegs verwunderlich, daß Bonald aus der Scholastik kam: diese Form des Totalitarismus kommt aus dem "Geist der Restauration", wie Robert Spaemann es formuliert.

Seltsame Koinzidenzen!

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Montag, 21. März 2011

Italia


Gefunden bei everyday_i_show


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Nicht mehr himmlisch

Was soll man zu so einer Aussage sagen? Sogar Engel fallen. Durch unsere Technik. Ja, genau dadurch sind sie gefallen. Durch den Wunsch nach technischer Beherrschung.


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Was die Dinge hervorrufen

Die Art der Dinge, zu sein, zeigt sich in der Entscheidung um das "bessere Abbild" eines Dings. Nicht das Spiegelbild nämlich ist es - was es als bloßer Abklatsch wäre. Hier bewundern wir höchstens die Fertigkeit, mit der wir "realistisch" abbilden.

Die Dinge werden von uns von ihrem innersten Antrieb her gesehen. Deshalb ist auch die treueste Darstellung die Darstellung dieses innersten Antriebes! So kann das Kunstwerk leben, wie die Welt. Und - analog - wirken, wie diese: weil wir dieses Wirkmoment sinnlich in uns aufnehmen und verkosten.

Ein Wirkmoment, das im Künstler ein Bild hervorrief, das er - durch seine Läuterung und Geläutertheit - in seinem nur dem Ding selbst dienenden (kein figurales Interesse erfüllenden, nicht von Begierden getriebenen) Empfinden formte, sah - und wiedergibt.

Dadurch reinigt der Künstler auch die Gegenstände, die er darstellt, von allem Zufälligen. Er reduziert sie auf das ihnen behörige Wesentliche. Weshalb die Kunst wahrer, schöner sein kann, und ist, als die Realität.

Die Dinge werden in unserer Wahrnehmung erst zu sich selbst, wenn sie ihr Innerstes als solches erkennen lassen. Die reine Ähnlichkeit ist es nicht: der Roboter, und sei er noch so menschenähnlich im Aussehen, sei er eine Wachsfigur, wird als Nicht-Mensch nicht aus seinem Äußeren erfaßt,  sondern aus diesem folgern wir nur, was ihn bewegt, das Dahinter, das Zuinnerste, und das läßt uns erkennen, was etwas ist.

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Sonntag, 20. März 2011

Aus dem Naturrecht heraus

Wernz-Vidal schreibt in seinem Kommentar zum "Ius cannonicum", daß kein Gesetz der Welt (und auch keine private Abmachung) die hierarchische Stufung der Ehepartner aufheben oder verändern kann. Hier handelt es sich, sagt der Kirchenrechtler, um reines Naturrecht, dessen unabänderlicher Anspruch als Vorausetzung zum Gelingen (hier: einer Ehe) sich aus dem Wesen der Dinge ergibt. Einem sogar durch Offenbarung bezeugten sogar, wie Reidick schreibt. Dies betrifft übrigens auch die elterliche Gewalt.

Die Hierarchie gehört zum Wesen des Sakraments, und damit auch zum Wesen des Vertrages. Ihm ist auch das im Ehepakt (als Kern) übertragene "ius in corpus" - das Recht auf den Körper des anderen im Sinne der vollen Leibesgemeinschaft - zugeordnet (nicht umgekehrt!) Das zeigt sich auch in der Bedingtheit, die das "Ius in corpus" nämlich hat, es ist nicht unwiderrufbar. Die Unauflöslichkeit der Ehe gründet also nicht dessen Perpetuität. Damit ist auch klar, daß das "essentialum proproietatum" des Ehepakts - jene Bestandteile, die ihn zustandekommen lassen - noch tiefergegründete Bestandteile hat, als die Körperlichkeit, es besteht nicht volle Identität zwischen Ehebund und dem Übereignen körperlicher Rechte, im Sinne der Zeugung von Nachkommenschaft als vornehmste Frucht.

Es ist ja in den Augen mancher Autoren (s. u. a. Gasparri) eigentlich nicht einmal notwendig, daß die beiden Partner wissen, wodurch Nachkommenschaft entsteht. (Was ein "Smiley" fast verdient hätte.) Wenn auch die Mehrheit der Kommentatoren zum Kirchenrecht der Auffassung sind, daß zwar keine physiologische Kenntnisse, wohl aber die Kenntnis des Zusammenhangs Geschlechtsverkehr und Nachkommenschaft notwendig sei. Bleibt, daß es begründet erscheint davon auszugehen, daß zur Gültigkeit der Ehe der Zusammenhang mit der Übertragung des Ius in corpus, über den Rechtspflichtcharakter des dbitum coniugale nämlich, bei Abschluß der Ehe im klaren sein müssen.

Zumal Übereinkunft der Autoren darüber zu herrschen scheint, daß der konkrete Ehewille nicht auf die Übertragung des Ius in corpus zu "zielen" brauche, es genüge vielmehr der Wille, hic et nunc eine Wahre Ehe zu schließen.

Die Kirchenrechtlerin Reidick schreibt zudem, daß auch die Unauflöslichkeit kein direktes Ziel des Ehewillens sein muß. Auch bei Unkenntnis darüber kann ausreichender Ehewille bestehen, ja selbst dann, wenn Unkenntnis darüber den Beweggrund zum Eheabschluß bildet. (Auch in diesem Fall gilt freilich, daß nichts gewollt sein kann, was nicht zuvor gewußt ist - ein alter Rechtsgrundsatz: "nil volitum nisi praecognitum".)

Wobei klar zu scheiden ist - und das ist ein sehr kluger Satz über die menschliche Wirklichkeit - zwischen dem, was positiv gewollt ist bzw. gewollt sein muß, und dem, was ausdrücklich ausgeschlossen werden darf, damit es zu einer gültigen Ehe kommen kann. Positiv gewollt sein muß nur der Abschluß einer Ehe. Mann und Frau müssen den Willen haben, sich als Gatte und Gattin aneinander zu binden, und um das wirksam zu können, müssen sie wenigstens wissen, daß die Ehe eine dauernde Gemeinschaft von Mann und Frau ist zur Erzeugung von Nachkommenschaft.

Dieses Minimum ist nicht mehr reduzierbar, sodaß man auch sagen kann, daß man es hier mit dem irreduziblen eigentlichen Wesenskern der Ehe zu tun hat. Und in der Tat ist ja das jenes Grundverständnis zwischen den Gatten, auf dessen Zustandekommen normalerweise die Absicht der Kontrahenden sich konzentriert. Das Ius in corpus darf nur nicht positiv ausgeschlossen werden. Aber das Grundverhältnis der Ehe liegt diesem voraus, es ist nicht schlicht identisch!

Darum ist nicht das Ius in corpus sondern das matrimonium ipsum das notwendige Ziel der ehelichen Wilenseinigung, der eigentliche Kern des Ehevertrages. Die Gültigkeit der Ehe wird ja durch die nicht vorhandene Gemeinschaft des alltäglichen Lebens (man beachte: die Gewissensehe, also eine Ehe, die vor der Umwelt geheimgehalten wird, was möglich ist, und wo getrenntes tägliches Leben durchaus möglich ist, durchaus in Parallele mit der Josefsehe, die das Ius in corpus bewußt nicht in Anspruch nimmt), aber auch nicht durch den Nichtvollzug des Ius in corpus (hier gibt es eine Annullierung "aus Gnade" bei der Rota, Anm.) Ehe ist also noch umfassender, noch tiefergreifender, als selbst diese Kernpunkte.

Und ihr eigentlicher, ihr eigentlichster Kernpunkt ist die Einheit. Und die Einheit der Ehe - subsummierbar unter "Treue", mit Führungsverpflichtung des Mannes, Gehorsamspflicht der Frau sowie beiderseitige Verpflichtung zur Liebe und Hingabe - ist hierarchisch strukturiert!

Worauf will das alles hinaus? Daß die Ablehnung der hierarchischen Zueinanderordnung von Mann und Frau - eine Ehe nicht zustandekommen läßt. Und das, das ist in der heutigen Zeit, bei der gesetzlich verankerten "Gleichstellung" der Frau, bei der realen öffentlichen Meinung, bei diesem gesellschaftlichen Klima, ein ... Hammer.

Und tatsächlich gibt es Kirchenrechtler, die der Meinung sind, daß ein außerordentlich hoher Prozentsatz der heute geschlossenen "Ehen" NICHT GÜLTIG geschlossen sind, daß also ein hoher Prozentsatz heutiger Paare unverheiratet bleiben.

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Frau, oder: Neulich im Atelier


Gefunden bei thisisnthappiness
Paris 1960

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Meister der Konvention

Meister der Lebenssituationen - Volkswagen. Auch hier in der zentralen Aussage: Wir helfen, das Leben konventionell zu halten, spielen gerne den Sündenbock, lassen uns für Sie verachten; ihre persönlichen Ambitionen halten Sie aber besser diskret.


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Nun ist er Geselle, nicht mehr Taube

Der Punkt ist so entscheidend, und wird meist völlig vergessen, den Johannes vom Kreuz genau so beschreibt, wie Theresia von Avila, beide bis in höchste Höhen der Mystik vorgedrungen, ja dort beheimatet. Beheimatet, eben. Also: von dort stammend.

Irene Behn schreibt, daß die Unterscheidbarkeit mystischer Ekstasen nur solange gegeben war, solange beide sich auf dem Weg befanden. Niemals aber waren diese Gnaden "esoterisch". Denn dann, im höchsten Punkt der Vollkommenheit und Gottesnähe, die Menschen auf Erden möglich ist, kamen beide und übereinstimmend an den Punkt, der das Wesen der Mystik so erhellt, ja im Grunde begreiflich macht:

Beide fanden sich auf einer "Normalität" wieder, die ihre Gottesnähe als Samenkorn in der Taufgnade verankert, wie sie jedem Getauften als Glied des Leibes mit dem Haupt Christus, der Kirche, geschenkt wird. Wird diese Gnade zur Vollendung geführt, wird jede Ekstase völlig unwesentlich (sofern sie all die Klippen, die zuvor mit ihr verbunden sind, glücklich umschifft hat, denn beide haben sich zutiefst, oft genug schamhaft und unangenehm berührt, gegen diese außergewöhnlichen Zustände zu wehren versucht) - der Mensch findet sich in der Vollendung seiner höchsten Berufung, der größtmöglichen Gottesnähe und -ähnlichkeit. Einer Ähnlichkeit, die ihn zu einem Gefäß für Gott selbst macht, bis der aus ihm spricht und handelt, ohne daß auf andere Weise (ontologisch, im Sinne des Pantheismus, des idealistischen Ineinsfallens) eins ins andere fiele.

Beide beschreiben die höchste mystische Stufe als eine Art "Rückkehr" in "normale" Bewußtseinszustände, in denen sie jedoch allezeit mit dem Bräutigam Christus auf tiefste mögliche Weise verbunden blieben. Sodaß Gott sich in der menschlichen Seele selbst am höchsten liebt, eben: in seiner Weise zu lieben.

Gott ist damit nicht mehr der flüchtige Hirsch, der sich wieder und wieder zurückzieht, die Taube, die erschreckt auffliegt. Er ist Geselle. Die Taube hat ihren Friedenszweig gefunden. Die Gnade hebt auch die Natur in die Verklärung mit hinein.

"Er erhebt," schreibt Johannes vom Kreuz, "ihre Erkenntniskraft zur Einsicht in Göttliches; denn schon verharrt sie einsam und entblößt von anderen zuwiderlaufenden und gottfremden Einsichten. Und ihr Wille bewegt sich frei zur Gottesliebe, denn schon verharrt sie einsam und frei von anderen Zuneigungen. Und sie erfüllt ihr Gedächtnis mit göttlichen Wahrnehmungen; denn sie ist auch schon einsam und bar von anderen -Vorstellungen und Gebilden. 

Denn alsbald, wenn die Seele diese Vermögen [von allen Gebundenheiten, Unfreiheiten, Eigenwilligkeiten, und daraus erstehenden Bildern; Anm.] ausräumt und von allem Unteren und von der Aneignung des Höheren losmacht und sie ganz in ihrer Leere beläßt, werden sie von Gott unmittelbar im Unsichtbaren un Göttlichen angewendet. Und es ist Gott, der sie in solcher Einsamkeit führt." 

Wenn also Mystik als unmittelbare Gotteserfahrung verstanden wird, schreibt Behn, so ist nicht die ekstatische Brautzeit, sondern die kaum noch ekstatische Ausgeglichenheit der mystischen Ehe das Kerngebiet der Mystik.

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Samstag, 19. März 2011

Mann (und Frau)


Gefunden bei thisisnthappiness


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Frau


Gefunden bei everyday_i_show


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Kollateralschäden

So entstand unsere heutige Welt: aus Nutzen, deren Nutzen unbedeutend, deren Kollateralschaden aber gewaltig war. Schließlich wurden wir zunehmend von all diesen kleineren Übeln beherrscht. Man braucht doch ein Auto, weil ...?!


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Ästhetisierung des Leids

Eine der erschütterndsten Meldungen, die in diesen Tagen zu lesen war, kam von Rückreisenden aus Japan, die am Flughafen Schwechat eintrafen, und dort von Reportern interviewt wurden, wie es denn in Japan so sei. Schrecklich, meinte da eine Frau. Es gehe dort zu "wie in einem Katastrophenfilm."

Ästhetisierung, Virtualisierung des Leids, das keine Wirklichkeit, kein Mitleiden mehr kennt. Dessen Bekämpfung die Betätigung von Videotasten und Joysticks bedeutet, das Eintippen nichtssagender Zahlen am Konto, die man Spende nennt. Folge einer "Teilhabe" via Medien, die gar keine Teilhabe ist, sondern eine dramatisch - und vor allem: durch den Journalismus dramaturgisch gebrauchte, und erst dadurch, aber auf neue (und: Japan entwürdigende) Art dramatische! - Folge von Bildern, von Hollywood-Katastrophenbildern nicht unterscheidbar.

Es gibt Dinge, über die berichtet man nicht, weil sie für uns keine direkte Relevanz haben, sondern wo jeder "News-Ticker" zur beschämenden Gier voyeuristischer, gelangweilter Medien-Kids wird.

Es gibt Dinge, von denen kann man nur erzählen, um ihnen gerecht zu werden. Was nur nachträglich geht, und wo eine Gewichtung der Details möglich wird, weil der Ausgang die wirkliche Intention der Ereignisse sowie deren wirkliche Dimension kundtut. Nur die Kamera draufhalten, nur den Quasselhahn aufdrehen, nur wie ein Tourist ins Land reisen und koste es was wolle Bilder einzufangen macht keinen Journalismus.

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Manche Fremdenverkehrsprospekte über Österreich bewerben das Waldviertel mit dem Text, es sehe dort aus "wie in Kanada", und über die Ötscher-Urwälder (oder war es das Almtal?) las ich in der Presse, daß es dort aussehe "wie in Skandinavien". Das waren beschreibende Texte, nicht eben auch mögliche Parallelen, von Leuten, die noch nie in Kanada oder Skandinavien gewesen waren, das also gar nicht als Bezug kennen konnten. Sie kannten es ganz sicher nur - aus Filmen. Aus Prospekten. Aus Dokumentationen. Und es war auch nicht in einem Sinn geschrieben, wie man sagt: "Pfeif auf Kanada, aufs Fernweh, hier ist es doch so schön!" Es war in einem Sinn gemeint, als hätte ihr Erlebnis erst jetzt Wert.

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Gesehen bei comicallyvintage


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Wie das ein Schweizer sieht

Und wie sieht ein Schweizer das alles, mit Wirtschaftskrise, Euro, EU und Zuwanderung? Das Interview mit dem Abgeordneten in Bern, Ulrich Schlüer, einem prononcierten EU-Gegner, und schon damit für Österreichs Kirchenlaien und übrige wohlbestallte Staatsfunktionäre ganz gewiß ein Nationalsozialist, führte Politically Incorrect.




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Erkenntnistod durch Internet

Sehr richtig stellt die FAZ in einem Kommentar zur Leipziger Büchermesse 2011 fest, daß die Entwicklung des Buchhandels - zur Internetbestellung, überhaupt zum Bestellwesen, und vor allem zum E-Book, wo ein Buch auf Mausklick bezahlt und heruntergeladen wird - zwangsläufig eine Verengung der Geisteswelt mit sich bringt. Zunehmend findet jeder Buchleser nur noch das, was er ohnehin kennt, wird nur noch mit seinen eigenen Vorlieben konfrontiert, die bedient werden.

Selbst wenn ihn Werbung durch Buchhändler erreicht, dreht sich die aufgrund der Suchsysteme der Buchhändler nur um die bereits bekannten "Interessen". Deren Suchmethode hat noch zu einen entscheidenden Mangel: sie bricht "Interesse" auf "information" herunter. Wir selbst führen uns an solchem Suchband also an der Nase herum, und bestimmen was uns interessiert nach bestimmter Art von "Information": nach Erkenntnis, die sich auf bestimmte bewußte Daten reduzieren läßt. So, wie wir uns bei Facebook und Konsorten auf bestimmte Kategorien einlassen, auf die wir uns herunterbrechen und unsere Ganzheit damit nicht nur aufgeben, sondern hinter den Vorhang drängen.

Oder - auch nicht besser, sogar noch auf Masse und kleinster gemeinsamer Nenner reduzierter - bewirbt aggressiv nach ganz anderen Kriterien, Kriterien des Buchhandels, der Marketingabteilungen, der Verlage, als jene, von denen wir uns sonst ansprechen lassen würden.

Auch Rezensionen, Empfehlungen lösen genau das Problem - und es ist eines, und schon das sagt viel aus, daß es kaum mehr als solches empfunden wird - nicht. Was fehlt ist genau das, was nur uns ausmacht, was nur uns bewegt, was nur wir so sehen und empfinden können. Und das wir deshalb nur finden, wenn wir direkt darauf stoßen. Denn ein Buch ist weit mehr als Information! Es ist ein physisches Ding, im Dienste einer ganz bestimmten geistigen Welt des Autors.

Das Bücherkaufen vor 10, 20 Jahren war dagegen ein fortwährendes Entdeckenm, schon alleine durch das notwendige Suchen. Man ging in die Buchhandlung, suchte, stöberte, ließ sich überraschen, und entdeckte Neues, von dem man nicht wußte - darum gibt es ja Literatur! - daß es das gäbe. Damit hatten auch weniger bekannte Autoren "eine Chance", gehört zu werden, vor allem aber hatten wir die Chance, uns bis in geheime, letzte, gar seltene Winkel ausleuchten zu lassen. So manches hat da der Bücherkäufer auch entdeckt, von dem er gar nicht wußte, daß es ihn danach gelüstete.

Der Verfasser dieser Zeilen selbst ist so ein Fall, er verdankt die wesentlichsten Anstöße solchen Überraschungen. Büchern, Autoren, Geistesrichtungen, Gedankenpfaden und -ansätzen, die er zuvor nicht kannte, und weil Autoren meist Ähnliches zeugen, auch über Literaturhinweise etc. kaum entdeckt hätte. Ja, die wesentlichsten Schübe auch jüngerer Zeit verdankt der Autor dieser Zeilen der physischen Präsenz bei einem Buchhändler, dessen physisches Angebot, in dem man ausgiebigst schmökern konnte, ihn Wege finden ließ, die seit Jahren bestimmende Richtung geworden sind.

Das Internet aber liefert im Wesentlichen nur, was wir bereits bewußt suchen. Freilich hat sich in wenigen Jahren die Ergiebigkeit eines solchen Besuches drastisch reduziert. Denn was an Buchläden findet man noch? Wo findet sich mehr als Massenware und -angebot?

Einzig Antiquariate sind deshalb noch reizvoll, nach wie vor. Sie erfüllen noch ähnlichen Zweck, wenn man sich damit tröstet, daß es nichts gibt, das nicht schon gedacht wurde. Daß man ein Wort in die Zeit hinein findet, das nur ein Zeitgenosse sagen kann und muß, das jede Ähnlichkeit noch einmal übertrifft, als "Kairos", das frelich können auch sie nicht ersetzen: in ihnen hängenzubleiben birgt also Gefahr.


Wofür soll dieser Zugriff schließlich gut sein, wenn wir nichts anderes finden als immer wieder den Rückweg zu uns selbst, wie wir nun einmal sind, unseren alten Interessen, unseren eingefleischten Überzeugungen? Was wollen wir wirklich: bestätigt oder verändert werden? Für eine Bestätigung ist das Internet genau richtig ausgelegt. Aber wenn wir uns verändern wollen, wenn wir die Herausforderung und Infragestellung suchen, brauchen wir eine Möglichkeit, uns auf den Weg des Zufalls zu begeben. Darum kann Fülle den Geist beschränken. Amazon mag die Welt für Sie kuratieren, aber nur indem es Ihre Interessen durchsiebt und Ihnen Variationen Ihrer alterprobten Themen zurückschickt: Ja, ich liebe Handke! Ja, ich wollte doch sowieso gerade dieses obskure Stück von Thomas Bernhard lesen! Ein Buchladen dagegen verlangt, dass Sie auf der Suche nach dem, was Ihnen vorschwebt, die Regale sichten. Sie gehen hinein, um Hemingway zu kaufen, und am Ende kommen Sie stattdessen mit Homer wieder heraus. Das Stöbern im Buchladen regt den Spürsinn an und bringt Überraschungen.
Das Internet wie auch Google Books haben es darauf abgesehen, die bekannte Welt zu versammeln. Die Buchhandlung dagegen will ein Mikrokosmos sein, nicht irgendein beliebiger, sondern einer, der uns – entsprechend den Prinzipien und Vorstellungen eines Türhüters – helfen soll, die Welt als solche aufzunehmen und zu betrachten. Dieser Unterschied ist alles. Wer eine Online-Suche startet, hat die Möglichkeit, entlang einer idiosynkratischen Route, die sich in Bruchteilen von Sekunden aus x Impulsen bildet, über die Oberfläche der Welt zu surfen und anzuhalten, wo er Lust hat, um gelegentliche Stichproben zu nehmen. Das ist nur eine Art beschleunigter Tourismus. Wer dagegen im Buchladen schmökert, macht sich an die Erkundung einer wohlüberlegten Sammlung dessen, was die Welt beinhaltet. Wohlüberlegt, weil Jahrhunderte von Denkern, Schriftstellern, Kritikern, Lehrern und Lesern den Wert dieser Auswahl begründet haben. Insofern scheint ihre kollektive Weisheit dem „neutralen“ Netz, seiner Nichts- und AllesWisserei, haushoch überlegen.

Adam Müller schreibt einmal, daß es die Literatur brauche, damit ein Gedanke zum Gedanken wird. Wir besitzen nur, schreibt er, was in die Sprache übergegangen ist. Nur was der andere versteht, verstehen wir auch. Eine Land, das keine umfassende, breitgefächerte Literatur hat, ist sich mit dem Denken selber weit voraus. Seine Lebenspraxis wird geschoben, kommt dem Notwendigen nicht hinterher, bleibt dumpf und triebhaft. Gerade auf die deutsche Literatur des 19. Jhds. meint Müller es anwenden zu müssen: und er beklagt, daß es in Deutschland zu keiner Ausbildung wirklicher Redekunst, als Kunst eben dieses Selbstergreifens, komme. Damit spielt Müller den Ball sehr wohl auch zu den Schriftstellern. Ähnlich wie die Analyse der FAZ zu den Buchläden:

Es gibt viele Gründe für den Niedergang der Buchläden. Schuld ist das Geschäftsmodell von Megamärkten. Schuld ist Amazon, schuld ist die schwindende Muße. Schuld ist ein digitales Zeitalter, das uns mit derart vielen schillernden Anregungen überflutet, dass dadurch unsere Fähigkeit zu ausdauernder Konzentration verkrüppelt. Man kann sogar sagen, schuld seien die Schriftsteller, weil man findet, dass sie nichts mehr produzieren, was die Kultur belebt und sich zu lesen lohnt. Wie auch immer, der simultane Vorgang ist eine historische Tatsache: hier der Niedergang der Buchläden, dort der Aufstieg des Internets. Ein Modell der Ordnung und Präsentation von Wissen wurde gekippt und durch ein anderes ersetzt. Für Buchhandlungen sind E-Books nur der Nagel im Sarg.

Dafür steigen gewisse Buchhandlungen auf, die das Buch wie Aktien bewerten, und wo Buchempfehlungen und -angebote den Charakter von Charts haben: sich nur nach Verkaufszahlen bemessen, nach ihrem Rang in Bestsellerlisten. Aber: was kümmert uns eine Bestsellerliste? Was kümmert uns, ob Amazon weitere Millionen Gewinn macht, und mehr sagen diese Listen kaum aus?

Ja, die Technologie ist in der Welt, und ja, es wird E-Books geben – aber warum unter Ausschluss von Büchern und Buchläden? Ist Bequemlichkeit für die Amerikaner wirklich das höchste Gut? Wenn man ein E-Book herunterlädt, lohnt es sich, einen Augenblick innezuhalten und sich zu überlegen, wofür man sich da entscheidet und was diese Entscheidung bedeutet. Wenn genügend Leute aufhören, in Buchhandlungen zu gehen, werden die Buchhandlungen schließen – nicht einige, sondern alle. Und das wiederum bedroht eine Reihe von Werten, die uns begleitet haben, seit es Bücher gibt.

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