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Mittwoch, 31. August 2011

Nicht weniger Empfängnisse

Das deutsche statistische Zentralamt hat immerhin registriert, was in Österreich aus politischen Gründen (!) nach wie vor nicht passiert - es ermittelt, wieviele Abtreibungen überhaupt in Deutschland stattfinden. Was ja dadurch, daß diese Abtreibungen in mehr oder weniger offiziellen Kliniken stattfinden, gar nicht so schwer ist, Dunkelziffer gibt es ja da kaum noch.

So berichtet es die Junge Freiheit, die erzählt, daß der deutsche Verein pro femina einen sofortigen Ausstieg aus der Abtreibung fordert - beim Atom ginge es ja auch!? Wenn man, so die Argumentation, nur einen Bruchteil der Gelder, die für Euroschutzschirm, Bankenhilfe und Abwrackprämien (Konjunkturhilfe) für Beratungseinrichtungen ausgäbe, wie sie pro femina betreibt, könnten die Abtreibungszahlen radikal gesenkt werden. pro femina hat bei seinen Beratungen in Heidelberg von abtreibungswilligen Frauen eine "Erfolgsquote" von 70 % Entscheidungen FÜR das Kind.

In Gesamtdeutschland waren es im Jahr 2010 immerhin 110.400 getötete Kleinstkinder. Das heißt, daß es seit 1990 mehr als 2,5 Millionen Kinder waren. Das sind fast genau so viele Kinder, wie die Anzahl der Kinder in den letzten 10 Jahren, die jetzt bei 13,1 Millionen liegt, abgenommen hat.

Was das heißt? Es gibt nicht unbedingt weniger Empfängnisse, es gibt einfach mehr Abtreibungen als früher. Sie wissen schon, als die Mädels gar nicht wußten, woher die Kinder überhaupt kamen, da waren sie schon schwanger. (Ein Argument, das dem Verfasser dieser Zeilen gegenüber allen Ernstes ein Lehrer seiner Kinder gebrauchte.)

Und Österreich? Nach wie vor gibt es keine offiziellen Zahlen, nur Hochrechnungen. Als die Salzburger Landeshauptfrau Burgstaller in ihrem ersten Amtsjahr die Abtreibungen in den Salzburger Kliniken tatsächlich und brav dienstbeflissen erheben ließ, wurde sie blaß, und wagte einen Aufschrei, und nicht nur, weil ein so hoher Anteil der Abtreibungen in Salzburg bei minderjährigen Mädchen durchgeführt wurde: Hochgerechnet kann man von bis zu 30.000 Abtreibungen in Österreich PRO JAHR ausgehen!



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Diesmal nicht mehr

Ein ausgezeichnet gespielter Sketch in perfektem Tempo - auch das soll mal sein.



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Only one time - see the moment!

Ein Motivationsvideo für Manchester United (vor dem Champions League Finale 2011 - das dann so überlegen vom FC Barcelona gewonnen wurde) das an einen entscheidenden Punkt erinnert: es geht darum, gegen das "morgen", das "vielleicht", gegen das "gestern", gegen die "Statistik", gegen alle Ausreden zu kämpfen. Das Leben im Kairos kennt nur eine Chance, und braucht deshalb wachen Geist und Mut, Überwindung aller Trägheit. Jeder Augenblick ist eine Prüfung, die nie mehr wiederkommt. Ab da setzt das Leben auf einer neuen Basis fort. "The only moment between being history and making history is - You!"



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Dienstag, 30. August 2011

Unausrottbarer Aberglaube

Der Glaube an die rettende Allmacht staatlicher Konjunkturpakete ist ungebrochen, schreibt die FAZ, und das erstaunt denn doch: denn mit ein Grund für die nicht und nicht anspringenden (= zu alten Wachstumszahlen und neuen Wachstumserfordernissen zurückkehrende) Volkswirtschaften sind Volkswirtschaften, die genau durch diesen Aberglauben in den Ruin gestrauchelt sind. Staaten, die so hohe Schulden dadurch aufgetürmt hatten - UM ihre Volkswirtschaften aufzublasen, zu "beleben" - daß nun niemand mehr daran glaubt, daß sie ihre Schulden jemals zurückzahlen werden. Und die deshalb keine weiteren Kredite mehr bekämen (gäbe es nicht die "Solidarität" anderer Staaten.)

Aber der Ruf nach Politik ist längst wieder zu hören. Dabei übersieht man, daß die letzten Konjunkturspritzen noch kaum die Kontoauszüge verlassen haben, aber die Krise nur hinausgeschoben haben - die Krankheit steckt, und sie steckt noch tiefer, und sie muß irgendwann ausgelitten werden! Neue Konjunkturprogramme, als Steigerung der Nachfrage über weiteres Geld verstehbar, aber werden diesen Ausbruch nur noch weiter, und noch weiter, und noch weiter hinausschieben, bis es - wie in Griechenland, Portugal, Irland, Spanien ... - nicht mehr geht.

Aber nicht ein Problem von jenen, die vor drei Jahren die Weltwirtschaft bis ins Mark erschütterten, ist gelöst. Alle sind nur aufgeschoben. Und die Märkte kommen nicht zur Beruhigung, weil eben nichts gelöst ist: die Immobilienkrise in den USA genauso, wie die Staatsdefizite in Europa. Nur, schreibt deshalb die FAZ, ein einziges Gegenmittel aber gibt es gegen eine Krise, die ja schier nicht mehr aufhören will: SPAREN. Nur, wenn die alten Wege der Schulden verlassen werden, wird es zu einer mittel- oder langfristigen Gesundung kommen, auch wenn so manches Pfund Speck und Körpermasse am Krankenbett verloren werden wird. Aber mit staatlichen Schuldenbergen läßt sich keine Konjunktur machen, das je zu glauben war DIE Illusion.

Man bräuchte richtig eine neue Nachfragesituation, etwas wie ... einen Krieg ... ein Bedrohungsbild, was auch immer. Wie wäre es mit einer drohenden Invasion vom Mars? Schon im 2. Weltkrieg hat diese Form der Konjunkturbelebung - Rüstungsprogramme - doch geholfen?

Übrigens: Solche Vorschläge aus Kreisen von Ökonomen gibt es tatsächlich.


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Blick in eine irrationale Zukunft

Es war eher ein kollektiver Ladendiebstahl, schreibt die FAZ zu den Krawallen in England. Da wurden nicht die Reichen ausgeplündert, sondern die Jugendlichen randalierten in ihren eigenen Vierteln, raubten die dortigen Supermärkte und Läden aus, und bestahlen ihre eigenen Kumpels und Mitbewohner. Beliebt waren vor allem Flachbildschirme, Süßigkeiten und Turnschuhe. Von den Sparmaßnahmen der Regierung war niemand von den Protestierenden betroffen - von der Erhöhung der Studiengebühren als letztes, denn das waren keine Studenten.

Her mit den Flachbildschirmen! Plünderer, letzte Woche in Birmingham
© dpa
Her mit den Flachbildschirmen! Plünderer, letzte Woche in Birmingham
Die Empörung mag an Hysterie grenzen, aber sie ist verständlich. Dies war kein nobler Aufstand von Unterdrückten gegen eine Regierung, die die massivsten Haushaltskürzungen seit den 1920er Jahren beschlossen hatte. Hier fiel keine Armee von Habenichtsen in die feinen Londoner Stadtviertel Knightsbridge und Chelsea ein, um gewaltsam für eine Umverteilung des Reichtums zu sorgen. Die Randalierer zogen vielmehr durch ihre eigenen Viertel, plünderten Supermärkte und kleine Geschäfte. Passanten wurden attackiert, Fahrradfahrer von ihren Rädern gezerrt, Wohnhäuser in Brand gesteckt.
Die terrorisierten Anwohner waren nicht reich oder mächtig, sie lebten vielmehr in Vierteln, die zu den ärmsten Kommunen des Landes zählen. „Von den Krawallen sind vor allem arme Leute wie wir betroffen“, sagte mir eine junge Frau im Londoner Stadtteil Hackney, wo es am Montag zu besonders schweren Ausschreitungen gekommen war. Anders als bei herkömmlichen Unruhen, vermied man die Konfrontation mit der Polizei. Plünderer versuchten, möglichst viele Konsumartikel mitgehen zu lassen, besonders gern Flachbildfernseher, Turnschuhe und Süßigkeiten. Auf den ersten Blick war das eher ein massenhafter Ladendiebstahl als ein gewaltsamer Ausbruch von Unzufriedenheit, der sich gegen den Staat richtete.

Es war wie ein Aufleuchten des kollektiven Werteverlusts, das sich hier zeigte. Daß sich immer wieder politische Parteiungen und Interessen angehängt haben, für ihre Kampagnen zu nutzen versuchten, oder irgendwann einstiegen, hat die Sache nur verschleiert, nicht weniger entsetzlich gemacht. Die Menschen sehen sich einfach ein Recht darauf, an jenem Wohlstand teilzunehmen, den andere haben - ohne zu fragen, wo er herstammt.

Auch die haarsträubende soziale Ungleichheit spielt eine Rolle. London ist eine der Metropolen mit der größten Ungleichheit in der westlichen Welt. London ist nicht Paris, wo die Wohlhabenden im Zentrum wohnen und die Armen in die Banlieue abgedrängt werden. In London wohnen Arm und Reich oft in demselben Viertel, wenn nicht in derselben Straße. Hackney ist eine der ärmsten Kommunen des Landes, aber es gibt dort auch Wohlstand. Tür an Tür neben Wettbüros und Leihhäusern sind teure Bioläden und schicke Cafés. Täglich wird den Armen jener Lebensstil vor Augen geführt, den sie vermutlich nie erreichen werden.
Die Plünderer wollen gegen die Ungleichheit protestieren und – konsumieren. Großbritannien ist eine extrem konsumorientierte Gesellschaft, in der Status vor allem an Besitz gemessen wird. Junge Leute aus armen Vierteln wollen – genau wie ihre bessergestellten Altersgenossen – Teil einer Konsumgesellschaft sein, die zunehmend unerreichbar ist. Diese „Konsumkrawalle“ könnte man als perverses Symptom dieser Entwicklung sehen.



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Was ist erzählbar?

Ist das, was ein Bier (bzw. jedes Lebensmittel, und alles nur metaphorisch zu verstehen) wirklich ausmacht, darstellbar? Oder hat es nicht seinen Grund, daß die Stimme am Schluß des Filmchens verbalisiert was eigentlich erlebt werden sollte - aber eben nur über Konvention (Perlen am Glas etc.) wirklich etwas (im Nachvollzug) erfahrbar und zuordenbar wird, weil ein spezifischer Geschmack, weil ein wirklicher Produktgenuß gar nicht indirekt erfahrbar, mitteilbar sein kann?! Bleiben nicht nur Wirkungen? Was kann also Film überhaupt - spezifisch - erzählen? Was kann er erfahrbar machen? (Was kann man überhaupt erfahrbar machen?) Knüpft nicht deshalb jede (z. b.) Bierwerbung unfreiwillig-freiwillig an jede x-beliebige andere Bierwerbung an?


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Montag, 29. August 2011

Wo wirklich gelogen wird

Natürlich soll hier kein feministischer Agitationsbewerb stattfinden, wieweit Photoshop die Unterdrückung der Frau gefördert hat. Aber ausnahmsweisig soll einmal ein wahrer Kern in dieser Argumentation aufgegriffen werden: Denn es ist eine Tatsache, daß es üblich geworden ist, durch die digitalisierte Photobearbeitung kaum noch Bilder ins Internet zu entlassen, die wenigstens taxativ "wahrhaftig" sind. So gut wie kein Bild - aus Hollywood angeblich GAR KEIN Bild - das wir serviert bekommen, ist NICHT bereits eine Interpretation.

Bei Frauen und Models auf gar keinen Fall. Und das hat so seine Auswirkungen. Denn wir bekommen unter Umständen Menschen serviert, die es so gar nicht gibt. Nun wäre darin an sich noch keinesfalls LÜGE zu erblicken, meint man "Fakten" oder "Tatsachen". Und auch die Kunst sucht in einem faktischen Gegenstand ja das Ideale, das Zeitlose, sodaß ein Idealbild das über die Zeit herausgeschälte Bleibende, das Ewige im Gegenwärtigen ist, weil in der Zeit, in der jeweiligen Gegenwart nur jeweils historische Interpretationen erkannt werden, Geschichte nur ein Kampf dieses Idealen im Anlaßfall ist. Das Faktische der Gegenwart ist also immer eine mehr oder weniger geschwächte Momentaufnahme eines Idealen, die gleichfalls nicht wahr ist, weil für die Wahrheit eines Gegenstands seine Entfaltung in der Zeit maßgeblich ist. Nur so wird etwas wirklich erkannt.

Tragisch wird es, wenn diese Ausschnitte verabsolutiert werden. Das macht die Photographie und der Film (wenn dieser auch nicht zwangsläufig). Und so begegnet uns dieses Phänomen im Internet - ein Medium der Abbildung als Bildsimulation - gesetzmäßig!

So fügen sich die Aufstände in Tunesien und Ägypten mit den Krawallen in London und Paris nahtlos in eine Reihe mit Eßstörungen wie Bulimie oder Vegetarismus oder Bioneurose: Sie beziehen sich auf Lebenslügen, auf Wünsche wie man konkret sein (als leben und denken) möchte, so wie jedes einzelne Fernsehbild, jede Photographie eine solche istf Die eine Idealvorstellung vorgaukeln, die durch das Medium erst (!) nicht einfach abstrahiertes Symbol ist, sondern den Anspruch stellt, REAL erreichbar sein zu müssen. Denn jedes Photo ist ja der "Beweis".

Daran zeigt sich die ganze Problematik des Internet, die Botschaft des Mediums selbst: Es zeigt über seinen Photorealismus (selbst die dargestellten Gemälde im Internet sind ja Photos!) nicht nur vermeintlichen Realismus, sondern stellt den Betrachter über sämtliche Bedien- und Konsummechanismen auf eine Stufe damit. Im Klartext: Was im Internet dargestellt wird, ist auch als erreichbar - weil auf einer sogar unter dem Betrachter stehenden Stufe: er VERFÜGT über das Gezeigte - erfahren!

Denn die Kraft, ja gar erst das Wissen, daß das Internet an sich nur Abstraktionen, nur sprachliche Inhalte transportieren kann, ist weder vorhanden, noch "erzeugbar", noch menschengerecht. Ein im Internet gezeigtes Bild ist deshalb immer GAUKELEI: es ist kein BILD, sondern die (verbale) Abstraktion eines Bildes. Wir sehen also kein Bild im Internet, sondern wir wissen gedanklich, daß wir ein Bild sehen sollten, also "sehen" (imaginieren) wir eines (quasi wie nach verbalisierter Bauanleitung) ... ein fundamentaler Unterschied zum Sehen in der Realität oder in der Kunst, wo uns das Ding wirklich begegnet.

Und das ist das eigentliche Kriterium, weshalb sich Photoshop zum Instrument wirklicher Lüge entwickelt hat, das auch tatsächlich von jenen benutzt wird, die lügen wollen: es täuscht eine Realität vor, wie ein Beweismittel, und gibt keine Chance, über die offenbare Symbolhaftigkeit (eines Gemäldes z. B.) in selbst zu wählender Distanz geistigen Inhalt abzulösen. Das Photo suggeriert "Tatsache", weil ein Photo an sich Bezug zur Realität hat und verlangt.  Ein Photo IST also BEWEIS.

Vor diesem Überlegenshintergrund ist es keine verschwendete Zeit, das Filmchen (9 min) anzuschauen, denn das Ausmaß dieser Lüge vergißt man im Alltag - aus Evidenzdruck aus der Photographie, die uns als "1 : 1 Dokument" (perspektivisch! eindimensional! mathematisch!) in der Erfahrung steht - zu rasch. "Bewußtes" bietet eben keinen Evidenzdruck, sondern bezieht sich auf unweigerlich eingehende Gewißheiten aus sinnlichen Eindrücken.




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Jetzt aber - absolut gewiß

Archäopterix. Auch das Bild: Wissenschaftlich bewiesen
(Nach einer Überarbeitung bzw. Erweiterung um Details erlaube ich mir, den Beitrag vom 09. VIII. erneut, aber argumentativ deutlich erweitert, zu bringen.)

Oh ja, wir wissen seit Jahrzehnten, daß der Archäopterix der Urahn aller Vögel ist, daß er das missing link zwischen Saurier und Vogel ist, weil er so herrlich in den vermeintlichen (also: gesollten) Stammbaum aller Lebewesen paßt, der untrüglich beweist, wie eins aus dem anderen entstand. Wissenschaftlich bewiesen, wurde einem um die Ohren gedroschen, wann immer man es hören wollte, ein Musterbeispiel für eine Übergangsform. Hieß es. Und jeder Halbgebildete, dessen Fernsehkonsum reichte, um Universum* buchstabieren konnte, fand sich ermutigt, weiterhin erkenntnisresistent zu bleiben, was ihm durch offizielle Diploma und Magisteria ja gerne bestätigt wurde.

Es war aber nicht nur nie bewiesen - es war Unfug. Und das ist nun tatsächlich wissenschaftlich durch eine Studie bewiesen, die Nature veröffentlicht hat. Unter dem momentanen Druck der Evidenzen wird dieses Dogma der Ressentimentbildung auch tatsächlich schon da und dort losgelassen. Schon lange nämlich, erfährt man auch erst jetzt, ist ja diese These höchst fraglich gewesen. Nun geben Funde in China aber dazu endgültig Anlaß. Denn die jüngst aufgetauchten Fossilien weisen auf ein ähnliches Wesen hin, das sogar möglicherweise wirklich fliegen konnte, aber kein Vogel ist. So finden manche Paläarchäologen schon den Mut zuzugeben, daß der Archäopterix nie fliegen habe können. Er war lediglich ein gefiederter Saurier (in Hühnergröße), der am Boden herumlief und Fleisch fraß. (Eindeutige Vogelfossilien weisen eindeutig auf Pflanzenfresser hin.) Und von diesen  Deinonychosauria dürfte es etliche gegeben haben.

(Nachtrag vom 14. VIII. 2011:) Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man meinen, dass ein evolutionäres Bindeglied gefallen ist, doch die Situation ist komplizierter. Denn Archaeopteryx stand schon lange nicht mehr alleine im Übergangsbereich von Reptilien und Vögeln. In den letzten etwa 30 Jahren wurden vor allem in China zahlreiche neue Fossilien von Vögeln und vogelähnlichen Dinosauriern entdeckt, so dass die Vielfalt der fossilen Formen an der Basis des evolutionären Stammbaums sich mittlerweile als schwer zu entwirrendes Gestrüpp darstellt. Modelle für evolutionäre Übergangsformen sind also vorhanden. Die Indizien- und Deutungslage bezüglich der Frage nach Übergangsformen hat sich seit einiger Zeit bereits deutlich verschoben. Wo die evolutionstheoretischen Probleme heute liegen, sei nachfolgend erörtert.

Sie sind, schreibt dazu Genesisnet, damit Mosaikformen mit widersprüchlichen Eigenschaften, und solche Konvergenzen - wo gleiche Baumerkmale aus unterschiedlichen Gründen und Voraussetzungen entstanden sind - sind nicht so einfach zu erklären.

Wissenschaftlich (anders als evolutionsideologisch) gesehen ist das freilich keine große Katastrophe - Verschiebungen im fiktiven Stammbaum der Geschöpfe hat es immer schon gegeben. Diesmal vergrößert sich einfach wieder die Lücke im Bereich der frühen Vögel. Dafür lösen sich Widersprüche, die ohnehin bereits manchem Evolutionsbiologen im Magen gelegen sind.

Witmer (2011) schreibt in seinem Kommentar, die Grenzen zwischen den verschiedenen Gruppen, die an die Basis der Vogelevolution gestellt werden, seien zunehmend verwischt worden. Auf seinem Blog (http://witmerlab.wordpress.com) behauptet er darüber hinaus: „Eine Vorhersage von Evolution ist, dass die Arten sich zunehmend ähnlich und die Unterschiede unbedeutender werden, wenn wir in der Zeit zurück gehen und uns einem gemeinsamen Vorfahren annähern.“ Doch das stimmt so nicht mit der fossilen Befundsituation überein. Witmer selber setzt fort: „Es gab in einem massiven Umfang unabhängige Evolution (Homoplasie) verschiedener ausgetüftelter Eigenschaften, was es schwierig macht, den Knoten dieses evolutionären Beginns aufzutrennen …“ Unter Homoplasien werden Konvergenzen (=Entstehung ähnlicher Strukturen von unähnlichen Vorstadien), Parallelentwicklungen und Rückentwicklungen zusammengefasst, also solche Ähnlichkeiten, die nicht auf gemeinsame Vorfahren zurückgeführt werden.
Der fossile Befund zeigt also nicht zunehmende Ähnlichkeit an der Basis des mutmaßlichen evolutionären Stammbaums, es gibt vielmehr verschiedene Mosaikformen und das erzwingt die Annahme zahlreicher Konvergenzen – diese machen ihrerseits die Taxonomie und die Zuordnung zu einzelnen Gruppen schwierig


All dies zeigt, dass Merkmale an sich keine verlässlichen Verwandtschaftsanzeiger sein können. Je nach Gesamtbefund werden bestimmte Ähnlichkeiten als Homologien (d. h. als Belege für gemeinsame Abstammung) oder als Homoplasien gewertet; das Pendel kann hin und her schlagen. Witmer schließt seinen Kommentar damit, dass evolutionäre Ursprünge nun mal chaotische Angelegenheiten („messy affairs“) seien.


Also keine Angst, liebe Freunde der materieimmanenten Selbstinduktion, die Wissenschaft hat das Dogma nicht gekippt, sie hat nur zugegeben, daß es nicht immer so ganz streng mit dem "wissenschaftlich bewiesen" abläuft, weil der Evolutionismus ein materialistisches Postulat ist, das zu verifizieren man lediglich hofft. Als Postulat aber ist er garantiert wissenschaftlich bewiesen! Na immerhin.

Kierkegaard schreibt einmal, daß wenn Jesus heute wiederkäme, er sehr sicher die Journalisten und Besitzer der Presseerzeugnisse zu seinen größten Feinden erklärt hätte. Ihr Spiel der Menschenverwirrung und Irreführung schreit zum Himmel. Er hätte den Mut haben sollen, diese Aussage auch auf "Wissenschafter" auszudehnen. Weit genug war seine Wissenschaftsskepsis ja gediehen.

*Sie wissen schon, die Fernsehredaktion mit der phantastischen Universalerklärung (daher der Name): "Hier hat die Evolution in Millionen von Jahren ..."

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Zerfallen der Wirklichkeit

Die Verlagerung auf die Visualität brachte und bringt die zunehmende Fragmentierung der Wirklichkeit (so wie die Arbeitsteiligkeit erst mit der Schrift, ja mehr noch: mit deren Vervielfältigung, einsetzt, bis hin zur "Jobmentalität" der Gegenwart: nur noch Fragment, ohne Ganzes, ohne Sinn), denn so ist das Wesen der Schrift, die zu einem sinnvollen Ganzen zu ordnen und zu gestalten die persönliche Vorstellungskraft nicht mehr ausreicht.

Damit fällt auch das Tun und der schöpferische Überblick nicht mehr zusammen - das Tun wird fahrig, zufällig, unüberlegt, materialistisch-logisch (technizistisch: die Gestaltungen mit Programmen - man denke nur an die Art, Photos mit Programmen zu überarbeiten - sind Produkte technischer Folgen, nicht mehr gewählter Mittel im Dienste eines vorausgehenden Bildes)

Von dieser Visualität ausgehend, in der sich der Mensch zunehmend (social media) erfährt, erfährt er auch sich selbst als "zerfallenes Objekt" - er verliert das, was man "Persönlichkeit" nennt, die Kontinuität seines Menschseins, die eine Frage des Zentralpunktes ist. (Zum Hinweis: die Perspektive, zum gleichen Zeitpunkt entstanden wie die Arbeitsteilung, der Buchdruck etc., ersetzt imaginativ den Zentralpunkt des Betrachters!)


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Der Tod des Lebens

Es ist alles dazu gesagt. Es gibt kein Leben mehr. Nur noch die Illusion davon, die auf bereits Gehabtes zurückgreift, dabei aber Angst hat, etwas zu verpassen, und somit gar nichts mehr erlebt, um nichts auszuschließen. Leben aufhebt, für später. Aber wer keinen Standpunkt vertritt, hat keinen Platz im Raum, und damit kein Leben.


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Sonntag, 28. August 2011

Jeder ist die Welt

Die Idee ist so nett umgesetzt, auch wenn nicht zum ersten mal, die Metapher so reich, daß ich dem geneigten Leser auch eine weitere Umsetzung nicht vorenthalten möchte: Jeder Mensch wird gebraucht, jeder Mensch ist eine Antwort auf eine Frage der Welt. Und jeder hat seine Muskeln, seine anatomisch bemerkbaren Besonderheiten, die aus seiner Aufgabe entstanden sind, die Normalität des Weltenlaufes aufrechtzuhalten. Die Welt muß (in gewisser Hinsicht) immer erst einen Moment innehalten, um ihren Fortgang zu überlegen, fehlt plötzlich einer ihrer Beweger. Es gibt keine Welt "ohne" den Einzelnen - das Weltganze ist ein Ganzes aus allen Einzelnen. Fällt einer aus, ist die Welt eine andere.



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Vaterlos - Ordnungslos

Also wird überlegt, in London und anderswo, was zu diesen Ausschreitungen - einem kleinen Bürgerkrieg! - in England geführt haben könnte. Aus dem Presse-Artikel bringe ich hier nur zwei Absätze, die zu ganz anderen Aussagen kommen, als nach wie vor öffentlicher Rundfunk und Medienzirkus zu verkünden suchen, weil sie so schön in ihr Weltbild passen:

Der 39-jährige Lammy ist ein typisches Kind Tottenhams: Seine Mutter, Immigrantin aus Guyana, zog ihn und die drei Geschwister allein groß. In über der Hälfte der schwarzen Familien in Tottenham fehlt der Vater. Nicht so typisch ist, dass Lammy es trotzdem geschafft hat, die Schule zu beenden, Jura zu studieren und Karriere in der Politik zu machen. 
In Tottenham liegt die Jugendarbeitslosigkeit über dem Landesschnitt von 20 Prozent. Vierzig Prozent der Kinder im Bezirk Haringey, zu dem Tottenham zählt, lebt in Haushalten, die als offiziell arm gelten, also mit weniger als 60 Prozent des britischen Durchschnittseinkommens klarkommen müssen. „Es hat mich nicht besonders überrascht, dass sich die Ausschreitungen ausgebreitet haben“, sagt Lammy. „Es gibt Ähnlichkeiten zwischen der Jugend hier und in Südlondon beispielsweise. Und es ist eben auch eine Frage, wie die Polizei mit so einer Situation umgeht.“

Die Gerichte haben Nachtschichten eingelegt, um den Ansturm bewältigen zu können. Die Gerichtsprotokolle belegen, dass die Randalierer und Plünderer längst nicht nur unterprivilegierte Jugendliche aus Einwandererfamilien sind. Zu den mutmaßlichen Tätern gehören Menschen jedes Alters und jeder Ethnie: Köche, Grafikdesigner, Hilfsschullehrer, Studenten, Schüler. Der Abgeordnete Lammy scheut sich, eine Erklärung für das Versagen moralischer Bremsen bei so vielen Menschen zu finden. „Das ist zu komplex für einen Soundbite.“
Dev Singh dagegen meint: „Das war einfach Gier. Ich fühle mich durch meine Landsleute blamiert.“ Der 28-Jährige arbeitet in einem „Money Shop“ auf der Tottenham High Road – hier werden die Anwohner mit Schnellkrediten geködert, können Gold zu Geld machen, Wertsachen verpfänden. „Wir haben gerade erst wieder aufgemacht“, erklärt Singh und deutet auf die Spanholzplatten vor dem Fenster. „Sie haben uns die Scheiben eingeschlagen. Gott sei Dank haben sie unseren Safe nicht geknackt.“ Dass sein Geschäft mit Schnellkrediten die Kultur der Gier noch beflügelt, glaubt er nicht: „Die Plünderer haben geglaubt, sie könnten sich einfach nehmen, was sie wollten. Sie verstehen nicht, dass man Besitz respektieren muss.“

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Aus dem Leben, so richtig aus dem Leben

Das Leben ist viel unglaubwürdiger, als es ein Kunstwerk je sein kann: 10 Arbeiter waren von ihrem Arbeitgeber in Kanada, einem Elektronikunternehmen, gekündigt worden, weil ein Teil der Produktion ins billigere Mexiko verlegt werden würde, in Ottawa 200 Stellen deshalb abgebaut wurden.

Am Morgen erhielten sie ihr Kündigungsschreiben in die Hand gedrückt, gingen schnurstracks in eine Kneipe, um nach einigen Schreckbieren ihr Leben neu zu planen.

Am Abend desselben Tages (!) ... waren sie Lottomillionäre. Als jahrelange Mitglieder einer 18köpfigen Lottogemeinschaft hatte ausgerechnet an diesem Tag ausgerechnet ihr Los an die 5 Mio Euro gewonnen, sodaß jeder 270.000 Euro als Anteil erhält.

Als Drehbuchentwurf würde das glatt zurückgeworfen. "Zu pathetisch, zu unrealistisch - wir brauchen Geschichten aus dem Leben, so richtig: aus dem Leben! Glaubwürdig, Herr Autor, glaubwürdig muß das sein! Sowas? Das kommt nicht vor." In Österreich hieße das: Umschreiben. Etwa auf diesen Plot: "Die zehn Männer rutschen völlig ins Asozialenmilhieu ab, vier werden typische Opfer des Turbokapitalismus und landen als Obdachlose auf der Straße, wo sie in der Schlußklappe, die immer wieder zuvor angedeutet wird, ihren Ex-Chef um Geld anbetteln, der mit dickem Mercedes vor der Bank vorfährt und in ihre Kappe die Asche seiner Havanna ablegt. Einer vergewaltigt währenddessen die Chefin und landet im Häfen, zwei verkommen in Spelunken im Prater, wo sie mit Strizzis eine Messerstecherei anfangen, und drei landen in Kiew am Straßenstrich, wo sie mit Krokodil ihrem Leben ein Ende setzen. Aber das alles mit irrsinnig viel schrägem, makabrem Humor, bitte!"

Wie es halt ist, im Leben.


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Stasispitzel - I

In den Archiven der Stasi in Berlin stieß man auf einen kleinen Schatz: der Staatssicherheitsdienst der DDR hatte seinerzeit prototypische unauffällige Verkleidungen für seine Spitzel und Mitarbeiter entworfen. Sie waren für Schulungszwecke natürlich photographiert worden. Hier eine Auswahl.





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Samstag, 27. August 2011

Filmische Momente

Stella Artois macht eigentlich alles falsch, was man in den Augen der Spießbürger falsch machen kann: es prunkt, es verschwendet, es feiert sich. Das belgische Bier wird sogar damit beworben, daß es sich der einfache Mann gar nicht leisten kann. Normalerweise. Das ergibt die schon traditionell filmisch anspruchsvolle (in jedem Fall: aufwendige) Umsetzung der Produktphilosophie in richtig bewegenden, künstlerischen Momenten. Mit bauernschlauer Distanz durch die Historisierung.



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Angst vor der Wahrheit

"Nein, anstatt [...] den Schleier von der Gottheit reißen zu wollen, will ich den Schleier reißen von all dem menschlichen Gewäsch und der menschlichen Einbildung und Selbstgefälligkeit, die sich und andere einbilden wollen, daß der Mensch so gerne die Wahrheit erkennen wolle. 

Nein, jedem Menschen ist mehr oder weniger bange vor der Wahrheit; und dies ist das Menschliche, denn die Wahrheit verhält sich zu "Geist-"Werden - und das ist schwer für Fleisch und Blut und sinnliche Wissenslust. 

Zwischen dem Menschen und der Wahrheit liegt das Absterben - siehe, darum ist uns allen mehr oder weniger bange."

Sören Kierkegaard, "Tagebücher 1850"


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Frauenpatriarchat

MIchelle Bachmann (c) Reuters
Wie wird Politik in den USA diskutiert? Hier einige Aussagen, die eine wie es heißt vielversprechende Kandidatin der US-Republikaner, Michelle Bachmann, getätigt hat. Die Mutter von fünf Kindern, die nebenbei noch 23 Pflegekinder großzog (und zwar WÄHREND sie als Anwältin im Finanzministerium arbeitete), gilt als Proponentin der "Tea Party" und hat die ersten Vorwahlen bereits gewonnen, mit denen die Reps letztendlich den Kandidaten auswählen, der gegen Obama antritt. Die nächste "Ultra-Konservative" (lt. Diktion europ. Medien), der mehr noch als Sarah Palin - der manche zuviel Prätentiosität vorwerfen - gute Chancen eingeräumt werden, die vielleicht erste Frau im Präsidentenstuhl zu werden. Auffällig ist, daß beide Frauen verdammt gut aussehen, und als Mutter ihren Mann gestanden haben - mehr Mut zu haben scheinen, als sämtliche Männer zusammengenommen, aus deren Mund Aussagen wie die unteren manchmal seltsam und aggressiv klingen. Ein seltsamer Zusammenfall und Widerspruch: Frauen, die aus erkannter Notwendigkeit ein Patriarchat aufrichten ...

Wie das geht? Ganz einfach: das sind die Frauen, die die alten Werte und Ordnungen verlangen, mit Mann - Haupt, Frau - Mutter und Gefährtin. Und wenn da der Mann nicht so mitspielt, schwächer ist als er sein soll, soll er sich vertrollen. Der Kultur- und Religionsphilosoph Jean Gebser meinte übrigens schon vor fünfzig Jahren, daß zahlreiche Indizien dafür sprächen, daß die USA auf dem besten Weg sei, ein wirkliches Matriarchat aufzurichten.

Mutter, Ehefrau, Anwältin, Präsidentschaftsanwärterin
"(Gay marriage) is probably the biggest issue that will impact our state and our nation in the last, at least, thirty years. I am not understating that.''

''Carbon dioxide is portrayed as harmful. But there isn't even one study that can be produced that shows that carbon dioxide is a harmful gas.''

“But we also know that the very founders that wrote those documents worked tirelessly until slavery was no more in the United States.”

''If we took away the minimum wage — if conceivably it was gone — we could potentially virtually wipe out unemployment completely because we would be able to offer jobs at whatever level.''

''I find it interesting that it was back in the 1970s that the swine flu broke out under another, then under another Democrat president, Jimmy Carter. I'm not blaming this on President Obama, I just think it's an interesting coincidence.''

Wetten werden angenommen, wer diesen Frau(en) die schärfste Gegnerschaft entgegensetzen wird. Es genügt, aufs Geschlecht zu setzen.



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Freitag, 26. August 2011

Der soziale Mensch ist ein anderer

Die Rolle, die der Wald als Ganzes, als Organismus für die einzelnen Gewächse spielt, geht so weit, daß sämtliche Umwelteinflüsse erst zweitrangig werden. Sie werden durch das Waldsein selbst verändert, geschaffen, gestaltet. Dafür wirkt sich das hochkomplexe Zueinander der Pflanzen bis in den innersten Bau der einzelnen Bäume aus. Die Form ist engstens mit der Funktion verbunden, alleinstehende Bäume unterscheiden sich bis in den veränderten anatomischen Bau des Holzes selbst. Mit jeder Form und Funktion ist aber auch eine andere Umwelt verbunden.

Das Soziale verändert also seine Teile, sie sind nicht mehr dieselben. Eine Gesellschaft ist also nicht die Summe von Individuen, die auch einzeln dieselben wären, nein: Eine Gesellschaft ist ein Organismus, in dem seine Teile auf diesen Organismus hin bezogen geworden, gestaltet und lebendig sind.

Dabei bilden die jeweiligen Pflanzenarten in sich geschlossene Funktionskreise, die jeweils wieder eine Rolle im Insgesamt des Waldes spielen. Je mehr solcher Kreise es gibt, desto stabiler ist ein Wald insgesamt, und desto sorgfältiger werden die Ressourcen des gesamten Systems ausgenützt, von der Bodennahrung bis zum Licht und dem Humus. Jeweils in engster Zusammenstimmung mit der Fauna. Alle diese Kreise stehen in einem ständig lebendigen Wechselspiel aus Konkurrenz und gegenseitigem Nutzen.

Ein Wald ist, schreibt Morosow gar, gleichsam ein soziales Individuum, eine Gesamtheit veränderter Holzgewäche. Und Florenski kritisiert ihn sogar einmal, weil er noch viel zu wenig weit in dieser These geht - für Florenski stellt sich nämlich schon die Frage, ob solch ein Individuum nicht bereits etwas wie eine Seele hat, ein Eigenleben. Aus diesen Hypothesen bildet sich ja dann die Annahme einer "Noosphäre", wie bei Wernadskij oder Teilhard de Chardin, wenn auch auf je andere Weise: eine Art "denkender Sphäre". Eine Sphäre, die sich wie die thermischen Schichten rund um die Erde gelegt hat, und in der sich im Laufe der Jahre und Jahrtausende aus den zahllosen Wechselwirkungen in der Materie so etwas wie aktive, lebendige Denkstrukturen gebildet haben, die ein gewisses Eigenleben, in jedem Fall aber eine ungemein komplexe Harmonie darstellen, wo jede Veränderung (auch durch den Menschen) sofort ausgeglichen wird. (Teilhard sieht aus der evolutiven Natur heraus, die diese Sphäre haben sollte, in der sich also die Prinzipien des Weltwerdens überhaupt abbilden - ich vereinfache - sogar den treibenden Motor für die Enticklung des Menschen hin auf den Geist, damit auf die Selbstvergottung als Gesamtziel der Natur hin.)

Ähnliche Forschungen trieb Thienemann, der die Natur als extrem komplexes, fast geheimnishaft zu nennendes Ökosystem bezeichnet, in dem zahllose Ökonischen - z. B. Seen, Täler, Wälder, Sümpfe ... - Organen in einem riesigen Kommunikationsraum bzw. einer Biosphäre gleichen. Oder blättern Sie zurück,  - ich habe hier ausführlich die Forschungen von Woltereck dargelegt.

Aber noch etwas Wichtiges formuliert Morosow: Der Wald (und wir ziehen hier ja bewußt Parallelen zur menschlichen Gesellschaft, zu naheliegend ist diese Metapher) als Gefüge des Daseinskampfes und schier nicht eingrenzbarer Wechselwirkungen der einzelnen Holzarten, zeigt natürlich auch alle Elemente von Schutz, Hilfe und gegenseitige Beschirmung und Anpassung! Doch keine dieser Erscheinungen ist ISOLIERT möglich! Keine kann isoliert, kann für sich betrachtet und gefördert oder unterdrückt werden. Sie sind alle nur jeweils Facetten und Aspekte eines insgesamt ungemein vielseitigen Lebens. So manche Vorgänge im Wald scheinen sogar auf den ersten (und auf den zweiten) Blick Gegnerschaften zu sein - um sich dann doch letzten Endes als notwendige Anpassungsprozesse darzustellen, die zur "merkwürdigen Harmonie" des Waldes notwendig gehören.

Wer meint, er könne auch die Konkurrenz verändern, oder verhindern, irrt - jeder Eingriff wird zu einem Eingriff in eine Gesamtharmonie, die er zerstört. Ein kleiner Beweis sind Bäume, die (durch Kahlschlag) von dieser Konkurrenz plötzlich befreit sind. Sie gehen so gut wie immer ein. Der Wald ist eine Biozönose, eine reale Gesamtheit, endlich sogar eine Landschaft, in der jedes Lebewesen eingefügt ist, seine Rolle spielt, und Berücksichtigung findet. Und dies alles - in geographischer Bedingtheit. (Keine solcher Organismenlandschaften ist wiederholbar, gleich.) Das Leben ist (und da darf man sogar mal Darwin zitieren) eine Erscheinung sozialer Natur.


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Keine Erwachsenheiten mehr

Es ist absurd, schreibt Marshall McLuhan in "The Medium is the Message" - einmalig in der Geschichte, hat der heutige Mensch eine "Kindheit", wächst als "Kind" auf. Das gab es nie, und das gibt es nirgendwo. Überall und immer wuchsen die Menschen als mehr oder weniger noch nicht Erwachsene auf, ehe sie - per Initiation - definitiv erwachsen waren.

Heute ist die Welt zweigeteilt, in eine Welt  der Kinder, und eine der Erwachsenen. KEINE dieser Welten aber zwingt den Menschen, überhaupt erwachsen zu werden! Das Kind ist es nicht, und der Erwachsene mußte nie zu einem werden, um als solcher zu gelten.

Deshalb kann die Aufgabe der Zukunft nur lauten: Erwachsen werden! Mehr Lebensaufgabe gibt es nicht!


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Prioritätenverwirrung

Ich liebe alles, was der modernen Ersatzethik der Umweltbetulichkeiten die Hosen herunterläßt. Schon gar, wenn es witzig ist.



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Donnerstag, 25. August 2011

Mitarbeiter als Leistungsmaschinen

Die NZZ bringt nun einen langen Bericht mit Ergebnissen aus Studien einer Wirtschaftswissenschafterin, die nunmehr akademisch evaluiert die Frage stelt, ob "variable Leistungsentlohnung" nicht ein Irrweg ist. Damit stellt sie das wie ein Dogma gehandelte System von Leistungsanreizen in Frage - von Provisionen angefangen, über Prämien für bestimmte Kriterienerreichung, usw. usf. Wissenschaftlich erwiesen ist nunmehr aber, daß diese Teilmotivationssysteme nicht funktionieren. Sie richten sogar mehr Schaden an, als sie nutzen.

Ich gestehe - ich habe mich nach solch einem Durchbruch gesehnt, denn das bestätigt, was weitsichtige Unternehmer ohnehin immer wußten und bemerkten. Und schon vor 15 Jahren habe ich aus langjähriger Erfahrung mit solchen Entlohnungssystemen - quasi als eine der Abschlußarbeiten zu meiner Tätigkeit in der Wirtschaft, aus der so manche These erflossen ist, die sich praktisch alle bewahrheitet haben (verstehen Sie deshalb meinen Stolz?) - solche Auffassung vertreten,die freilich kaum wo auf offene Ohren stießen, denn zu sehr waren und sind die meisten Unternehmer in die Zahlenmechanik verkrallt.

Anreize über Entgelt - flexible Entlohnungssysteme (Provisionen, Prämien etc.) - richten aber vielfältigen Schaden an. Was die NZZ anführt, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs: Mitarbeiter würden sich immer ausschließlicher der direkten Erreichung, ja Manipulation der Kriterienziele zuwenden, während das wirkliche Ausmaß menschlicher Leistung gar nicht apriori festzulegen und zu evaluieren ist! Damit fallen oft die wesentlichsten Leistungen eines Mitarbeiters durch den Rost, die Folgen sind Demotivation und Mitarbeiterfluktuation, weil Mitarbeiter - aus generellem Unzufriedenheitsgefühl und Leistungsdruck heraus - noch dazu ständig nach noch besserer Entlohnung (sprich: anderen Arbeitgebern) umsähen. Und das sogar in der Arbeitszeit. Gleichzeitig ist indirekt sogar sanktioniert, wenn der MItarbeiter in viel umfassenderem Sinn mitdenkt und -arbeitet, weil er Resourcen in Aufgaben verschwendet, die seiner Wertschätzung sogar entgegenarbeiten. Zugleich ist dem Unternehmen selten gedient, wenn z. B. nur bestimmte Eckdaten zu erreichen getrachtet werden, denn Unternehmensziele sind in bestimmten Eckdaten immer nur relativ zu weit höheren Gesamtzielen zu erfassen - nicht immer ist z. B. eine Steigerung der Verkaufszahlen wirklich wünschenswertes Ziel! Eine Entlohnung der Mitarbeiter mit hohen Provisionsanteilen bringt aber so etwas wie einen Wachstumsautomatismus, macht Wachstum zur heiligen Kuh, während Verkaufszahlen nur indirekte Parameter erfolgreichen Wirtschaftens sind.

Lohn als Leistungsanreiz ist damit eindeutig überbewertet, wenn auch mit individuellen Schwankungsbreiten, die wiederum von den jeweiligen (und damit auch veränderlichen) Lebenslagen der Mitarbeiter abhängen. Es wird unterschätzt, daß die eigentliche Motivation eines Mitarbeiters Sinnhaftigkeit heißt. Vielmehr ist damit anzudenken, ein Lohnsystem zu finden, das die prinzipielle Dienstbereitschaft einer individuellen Existenz so entlohnt, daß auch Wechselfälle des Lebens mit etwa gleichbleibendem Lebensstandard - ohne große Ängst und Nöte - abzufedern ermöglicht.

Daß sich auch bestimmte berufsbilddestimmte Parameter auf den Lohn auswirken, kann oder soll zwar noch im Spiel sein, aber nur eine Nebenrolle spielen. Viel wichtiger ist, daß der Mitarbeiter sich in einen Gesamtsinn eingebettet weiß, dem er dient, und wo sich das Gesamtwohl des Unternehmens - Gewinnbeteiligung ist deshalb durchaus sinnvoll, wenn sie nicht aposteriori winkt, sondern quasi Ernte aus Gesamtwohl wird - aus dem umsichtigen Handeln aller Mitarbeiter ergibt.Im Klartext: der Mitarbeiter sollte einen so abgestimmten Grundlohn erhalten, daß kein Existenzdruck dahingehend entsteht, bestimmte Parameter unbedingt erreichen zu müssen, weil sonst seine Lebensführung sofort betroffen ist. (Stichwort: Geringes Fixum, hohe Provision)

Mit anderen Worten: es ist dem Mitarbeiter nur ein bestimmtes Maß an Unternehmensrisiko übertragbar, weil er auch nur ein beschränktes Maß an Verantwortung (und Gestaltbarkeit, als Möglichkeit seines Standes, das ist also gar nicht auf ihn übertragbar, wie oft gemeint wird: durch Mitbestimmung, etc.) trägt. (Stichwort: Kein Umsatz - kein Lohn.)

Übergewichtete Lohnmotivation - besonders im Verkauf immer noch üblich - ist ja meist nur die Kompensation fehlenden Gesamtzieles und mangelhafter Integration eines Mitarbeiters in das Gesamtwirken eines Unternehmens. Sie wird damit zum "Schmerzensgeld" - und verändert wie bestimmt entsprechend die Haltung des Mitarbeiters zu seinem Unternehmen, der sich nur noch auf seinen Anspruch konzentriert, nicht auf das Gesamtwohl der Firma.

Natürlich verlangt das auch eine entsprechende Unternehmensführung! Vielleicht liegt es eben genau daran, daß viele Firmen lieber zu den "einfachen" Mitteln greifen - kurzsichtigen "Techniken der Leistungsförderung" - weil ihnen gar nicht an langfristigem Unternehmensbestand gelegen ist?! Denn erst dann wird ja das Unternehmertum menschliches und wirklich wertvolles Tun, wenn es schöpferische Kunst wird - und dazu verlangt es auch entsprechende unternehmerische Tugend. So, wie jede Tätigkeit des Menschen.



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Was wir sehen, wenn wir sehen

Samuel J. Seymor bei einem Fernsehauftritt 1956, wo er im Alter von 96 Jahren als letzter lebende Zeuge des Attentats auf Abraham Lincoln 1865 auftrat. Was aber sah Herr Seymor? Er sah aber keine "Ermordung Lincolns" - er hatte damals einen Mann aus der Loge "fallen" sehen, und sich um diesen Sorgen gemacht. Daran konnte er sich erinnern. Erst später war ihm erklärt geworden, was er überhaupt gesehen hatte.

Soviel zur Einschätzung dessen, was wir mit "eigenen Augen" sehen. Wir "sehen" nämlich nur geistige Bilder!



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Abgespeckt zum Scheinchristentum

Der Grundtenor Kierkegaards - die Suche nach der wirklichen Wirklichkeit Gottes, die Forderung, nein, die Sehnsucht nach Existentialität der Gottesbegegnung, weil alles andere billiger Schein ist - führt ihn zu einer klaren Aussage: daß das, was die (evangelische) Kirche (im 19. Jhd.) predigt, nur ein Scheinchristentum ist.

Deshalb ist den Bischöfen und Pfarrern der Vorwurf zu machen, daß sie die Leute mit etwas abspeisen, das so abgemildert ist, daß die wirklichen Versprechen, die das Christentum ausmachen, gar nie wirksam werden KÖNNEN. Weil auf diesem abgespeckten Niveau gar keine echte Gotteserfahrung möglich ist. Die bleibt auf der Ebene reinen bürgerlichen Lebensspektakels, und vor allem auf der Ebene menschlicher Selbsttäuschung. Bei der überwiegenden Masse, die es sich in ihrem Leben so gut eingerichtet hat, geht es um die allerersten Schritte überhaupt, von Fortschritt gar nicht zu reden.

Nicht, daß alle auszustoßen wären, die zu dieser Radikalität nicht bereit wären. Aber von den Priestern und Bischöfen wenigstens müßte man verlangen können, daß sie diese Radikalität selber leben, und zumindest in ihrer Predigt nicht bis zur Unkenntlichkeit abmildern.


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Verzicht auf Lebensfülle

Die Weihe und Würde, den Zauber und die Magie des Lebens ist eine Frage des Opfers, in dessen Geist gelebt wird - einmalig, und in reicher verschwenderischer Fülle. Auf Grabhügeln ausgegossene Amphoren kostbarsten Weines. Zweckfrei.

Nicht als protzige Publikationsangelegenheit, widerlichen Zwecken untergeordnet, gar nicht mehr erlebt, sondern nur noch Hinweise darauf, was erlebt werden könnte, sortiert nach Katalogen der Konvention, umso mehr, als ihnen neue Seiten hinzugefügt werden sollen.


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Mittwoch, 24. August 2011

Antikunst

Es ist das technizistische Denken der Perspektive - die die Wirklichkeit auf einer geometrischen, willkürlich gewählten Raumbemessung fixiert - auf eine nächste Spitze getrieben, ähnlich dem Illusionismus der Renaissance: was der Film längst treibt. Aber er regt nicht die Phantasie zu Eigenschöpfung an, sodaß der Betrachter in ein höheres Leben, ein besseres Ich angeregt wird, sondern ihre Wirkung ist perfekte Verblüffung. Sodaß man eigentlich von Dämonie sprechen muß: eine Vorstellung, eine abstrahierte Oberfläche erlangt eigenes Wesen, eigene Wirkmächtigkeit, indem Wirklichkeit simuliert, vorgetäuscht wird.

Die Vergleichbarkeit wird auch durch die Tatsache deutlich, daß die Perspektive gleichfalls aus der Illusionsmalerei - im Theater, als Dekor - stammt. Auch hier wird Welt vorgetäuscht, die sich für den Film des Umstands benutzt, daß der Mensch immer gleich ist: Mode und Design sind historisch-zufällig (wenn auch ihrem Wesen nach nicht zufällig, sondern stets Darstellung des Dahinter.) Geschichte wird so als Drehbühne der immer gleichen Menschseins begreifbar. Nur: all das hat mit Kunst nichts zu tun. Gerade diese Art der ästhetischen Schöpfung beweist durch ihre Tauglichkeit für die Philosophie, daß sie der Philosophie, der Rationalität entstammt - nicht der Kunst. Und damit ist auch ihre Nähe zur Dämonie schlüssiges Argument, wo der Verstand aus dem Willen des Menschen heraus zur Gestalt wird - nicht weil er hoher Geist ist, Atem des Hohen Geistes, sondern als Spuk, meist nachsichtiger als "Romantik" bezeichnet. Aber in solcher Kunst ist kein Gefühl mehr echt, ist kein Empfinden, kein Nachfühlen mehr wirkliches Erleben - sondern Verführung zur Selbstaufgabe, zur Auslieferung an den Effekt, dem aber wirkliche Regung fehlt. Die Musik ist entsprechend - sei es aus ihrer Technik heraus (die elektronische Musik täuscht ja gleichfalls das zu Hörende durch Imitation vor, sie produziert gar keine Töne mehr - sie imitiert Sounderfahrungen, ihr fehlen die Instrumente, ihr fehlt jeder wirkliche Ton! Es gibt aber keinen Ton, wie ihn die Elektronik vortäuscht.)

Die Kunst täuscht nie Wirklichkeit vor. Das ist ein Griff in den Wahrnehmungsaparat des Betrachters, das ist Unfreiheit um eines Effekts willen. Kunst IST Wirklichkeit. Der Illusionismus des Films, wie er im Rausch des technisch Machbaren längst üblich und Folge reiner Funktionsverlängerung ist, ist deshalb Antikunst: er verkleinert den Zuschauer. Nicht zuletzt deshalb muß diese Art von Film mit enormen Toneffekten arbeiten, denn der Ton, das Hören, ist das erste: es bereitet das Interpretationsbett, in dem diese Scheinwirklichkeit erst Welt - gleich der des Zuschauers! - werden kann.




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Kunst und Nichtkunst

Es ist nicht immer leicht, zwischen Imagination und der Wirklichkeit, die ein Kunstwerk IST, zu unterscheiden. Zu sehr sind wir bereits die Illusion gewöhnt, und unterscheiden nicht mehr. Eine Angewohnheit, die seit hunderten Jahren vorherrscht, und diese Unschärfe des Wahrnehmens produziert.

Deshalb ist es von Nutzen, genau darauf zu achten, was z. B. bei einem Bild wie diesem in eines Inneren abläuft. Ob und wo Sentimentalität - als hermetisches Selbstproduzieren der Wirkungen eines vorgeblichen Sinneseindrucks, den das Bild nur wie durch einen Abzug auslöst - überhaupt noch von Wirklichkeit ausgehebelt wird. Oder nicht. Achte man, wieviel an diesem Bild auf Illusion abzielt, nicht darauf, das zu sein, was es darstellt - im Schaffen eben. Wer also der eigentliche Adressat des Bildes ist.



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Massenmenschen bekommen keine Kinder

Man könnte zum Schluß kommen, daß die Fertilitätsraten in direktem Zusammenhang mit der Individualisierung der Menschen - und zwar im wirklichen Sinn - stehen. Je "einzelner" sich ein Mensch stellt und sieht, desto HÖHER ist seine Fertilität.

Dieser Gedanke taucht immer wieder auf, wenn man den Wald und die Pflanzenwelt betrachtet: Dort übernehmen einerseits die Randzonen (in Zyklen, deren Bedingungen aber nicht bekannt sind) über deutlich höhere Samenproduktion als die zentralen Teile (die teilweise die Samenproduktion überhaupt einstellen) die Vermehrung, aber genauso ist bei Einzelexemplaren diese deutlich höhere Samenproduktion zu bemerken.*

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, würde sich sogar die höhere Fertilität bei Zuwanderern erklären, die ja bei "Ingegration" abnimmt, sich anpaßt. Ebenfalls würde sich erklären, warum seit über 100 Jahren die Fertilitätszahlen im gesamten Westen abnehmen: es bestehen Zusammenhänge mit dem im selben Maß aufkommenden "Zeitalter der Vermassung".** Mit entsprechenden Rückschlüssen auf unsere Gesellschaften!

Je individueller, durchaus in manchen Hinsichten: je schöpferischer also Menschen ihr Leben begreifen, aber auch: je gefährdeter, je mehr es also auch auf den Einzelnen ankommt, desto höher ist die Fertilität. In diesem Schluß wird es fast schon "banal", weil so einsichtig: Löst sich die Persönlichkeit auf, indem die kulturellen Formen und Institutionen verdunsten oder abgeschafft oder nicht mehr ergriffen (verwirklicht) werden, stirbt ein Volk, weil der Nachwuchs ausbleibt. Damit werden auch die Zusammenhänge Ehe (als höchste Form der Persönlichkeitswerdung) - Kinder angedeutet.


*Der Zusammenhang "Elite" und "Nachwuchs" findet sich ja in der Natur fast gesetzmäßig, und wird von Evolutionisten sogar als Bedingung des "survival of the fittest" dargestellt - das Weibchen wähle den Stärksten, Schönsten, etc. Speziell in Tierarten, die in regelrechten Organismen - Staaten, wie Ameisen, Bienen usw. - leben, findet sich dieser Gedanke der Verquickung von Elitärem, ja zur bestversorgten "Urmutter" (Bienen-, Ameisenkönigin) Stilisiertem, und Fortpflanzung.

**Man lasse sich vom linken Gewäsch - speziell in den Bestandsaufnahmen reines Wunschdenken - nicht täuschen: die "Massen" als Moment der Vermassung sind ein Bürgerlichkeitsproblem, kein Problem des Arbeiters! Der Arbeiter war nie marxistisch - etwas, das Marx auch wußte und betonte. Der "Massenmensch" entstammt dem Kleinbürgertum! Der Arbeiter wurde erst in dem Moment "marxistisch", als er verbürgerlicht wurde, über Gewerkschaft und Mindestlöhne etc., wo man ihm das Gegenüber "Wirklichkeit" in seiner Dialoghaftigkeit nahm. Ab da erst war das Begegnende auch für ihn "Störfaktor" ohne Aussagerelevanz.


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Standard-Humor

Die Idee des Spiels, die Pointe, ist nicht neu, aber sie ist nett und amüsant, und funktioniert immer wieder, wenn man bei den Komponenten genau genug und tief genug bleibt. Das sieht man umso besser, wenn das nicht exakt befolgt wird, sondern der Filmemacher zu sehr darauf vertraut, daß die Pointe ohnehin funktioniert. Plötzlich kommt sogar Outrage ins Spiel, die retten soll.



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Dienstag, 23. August 2011

Zu gutes Gedeihen

Nun zeigt der Wald interessante Eigenheiten, was das Gedeihen seiner Bäume anbelangt, die sich in ein einfaches Axiom bringen lassen: Je günstiger die Bedingungen für die Bäume, desto schneller und desto härter (gnadenloser) wird der Existenzkampf geführt. Nicht also umgekehrt, wie man vermuten könnte!

Im Wald gilt ja: Wer hat, dem wird gegeben. Das heißt, daß individuelle Vorteile durch Förderung (guter Boden) ALLER dahingehend wirken, daß die per Vererbung Begünstigten noch rascher wachsen als ihre Mitgewächse. Damit eilen sie rascher davon, und bilden die (in Waldterminologie:) Herrscher, die als geschlossene Krone bestimmen, ob es überhaupt ein Wald ist (was erst bei Geschlossenheit eintritt), und zu welchen Bedingungen der Rest - immer unterdrückt - nachkommen kann.

Bäume - mit jeweiligen Eigenheiten, ihrer Art entsprechend, d. h. Lichtbedarf, Nährstoffverbrauch, genetische Veranlagung zu Wuchs und Größe (mit individuell großen Unterschieden) - im Wald stehen in einem natürlichen Konkurrenzverhältnis zueinander, und zu anderen Arten. Sind die Wachstumsbedingungen besonders günstig (das können auch Umweltbedingungen sein - Wasser, Meereshöhe, Bodenbeschaffenheit, Veränderungen der Vegetation in ihrem Umfeld etc.) wachsen die betreffenden rascher. Umso rascher aber auch werden Hierarchien gebildet, in den bekannten Einstufungen von Herrschern - Unterdrückten (mehr oder weniger) - Nachwuchs (Unterdrücktenklasse) Umso rascher auch erfolgt aber nun die Selektion: in deutlich kürzeren Zeiträumen reduziert sich die Anzahl der Bäume in diesem Wald, was deshalb von Bedeutung ist, weil im Normalfall immer wieder Herrschende ausfallen, und so Raum für zweitklassige Bäume, bislang unterdrückt, bieten, die nun nachwachsen können. (Bäume können enorm lange Zeiträume Wachstumsstau "speichern", um dann das Versäumte ihrer vollen Entfaltung nachzuholen.) Bei zu günstigen Bedingungen kann dieser Ausleseprozeß also zu rasch gehen, der Wald kann sich theoretisch zu Tode entwickeln - er schafft sich selbst Wachstumslücken.* In diese stoßen dann minderwertige Hölzer, die Waldbildner, denn deren Samen (Birke, Kiefer) sind kleiner und unempfindlicher, gehen leichter auf.

Zugleich verschiebt sich die Samenreife der Bäume: sie werden umso früher geschlechtsreif, je günstiger (für den Einzelbaum bzw. in hier vertretenem Sinn) seine Wachstumsbedingungen sind.** Zugleich fällt die Fortpflanzung (Samenproduktion) generell zunehmend auf diese "Eliteklasse" der Bäume, denn für Bäume gilt fast immer, daß sie umso mehr Samen produzieren, je "leichter" ihre Lebensbedingungen sind.

Auf den Menschen umgelegt hieße das, daß es ein "durchschnittliches" Schul- und Nachwuchssystem braucht. Ist ein Erziehungssystem zu "fördernd", zu "leicht", erfolgt eine rasche und harte Auslese, die nur einer kleinen Schichte zugute kommt, aber enorme Kollateralschäden - Ausfälle gar! - zurückläßt. Aber selbst das wäre kurzsichtig, zu sagen: gut, man will ja eine Elite! Es führt nämlich zu absehbaren Ausfällen im Wachstum einer Gesellschaft generell - und damit auch (nach nur einer einzigen Generation!) zum Entwicklungsende.

Der Wald - und wir wollen ihn ja als Metapher für eine Gesellschaft betrachten, weil wir meinen, das könne man in vielerlei Hinsicht - braucht zwar Hierarchie, sonst kann er gar nicht entstehen! Aber er braucht eine gewisse Abgestuftheit und Harmonie  - als Zugeordnetheit, sonst stirbt er ebenfalls - der Schichten. Ein regelrechtes Förderprogramm für Nachwachsende bringt dabei keine generell qualifiziertere Elite heran, sondern vergrößert den Abstand zu den Nachrückenden (zwischen den Schichten also) einerseits, und bringt sie über das verträgliche Maß unterdrückt zum Absterben. Die Qualität der Elite nimmt aber gleichfalls AB. Mit der Langzeitfolge, daß die Elite sogar (nach Ablauf der Lebensdauer) stirbt, ohne regeneriert zu werden! Der Wald kommt zu Tode.


*Noch ein Faktor: Die Holzqualität nimmt bei zu rascher Differenzierung in diese Klassen AB, weil die Entastung in den unteren Bereichen eine Frage der Zeit des "Wettbewerbs" ist. Wachsen einzelne Bäume zu rasch, entasten sie (im zunehmend freistehenden Teil) nicht in dem Maß, wie eine allmählich sich ausdifferenzierende Baumgruppe es tut, unterdrücken aber über Licht-, Wasser- und Nährstoffvorteil noch deutlicher.

** Dazu noch der Hinweis, daß seit Jahrzehnten in Westeuropa eine immer dramatischere Frühentwicklung der Sexualität bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten ist! Hier deutet sich eine Erklärung dafür an.

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Mensch und Wirtschaften

Bedeutet gut zu wirtschaften auch automatisch unmenschlich zu sein? Oder, umgekehrt, bedeutet menschlich zu sein, Prinzipien guten Wirtschaftens bewußt nicht zu berücksichtigen? Denn der Ansatz der Kibbuz-Bewegung ist anthropologisch einfach falsch.

Ich fürchte, daß auch im Wirtschaften gilt weil gelten muß, daß Freiheit bedeutet, daß der Mensch in Gefahr bleibt, nicht Mensch zu werden. Und es gibt kein Gegenmittel dagegen.  Denn Wirtschaften als humane Tätigkeit bleibt gebunden an Eigentum - nur dort gibt es Verantwortung - und individuellen Lebensvollzug.



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Keine Armenaufstände

Was verbindet diese Aufstände, die die halbe Welt seit einem, zwei Jahren "erschüttern"? auf einen vereinfachenden Nenner gebracht: sinnloses Aufbegehren; der Impuls "gegen", ohne ein "dafür" zu haben. Jeweils mit regionalen Varianten, ist es sogar schwierig, von "legitimen" Gründen zu sprechen, denn auch diese sind zum einen relativ ("autoritäre Staatssysteme" sind kein Grund, tut mir leid, so einfach ist die Welt nicht gestrickt), und zum anderen bereits von einem verdrehten, sentimentalistischen oder ideologisch verfärbten Weltbild begrifflich verbogen.

Denn die Linke läuft ja von Aufstand zu Aufstand - wie jetzt in London bzw. England - um nachzuweisen, daß die Marx'sche These stimmt, daß auf das Zeitalter des Kapitalismus die Revolution des Proletariats, der Aufstand der unterdrückten Massen folgt. Aber diese stehen nicht auf, was sich historisch gut belegen läßt, Aufstände und Revolutionen haben immer ganz andere Gründe und Auslöser, so gut wie nie "unterdrückte Massen".

Chthonisch, könnte man es nenne, woher sich derzeit die unterschiedlichsten Motive nähren, aus dem Untergrund stammend, irrational und (von mir aus) dämonisch. Sie liegen auf einer Linie mit der Auflösung des Patriarchalen (als kulturschaffendem Element an sich), dem Rückgriff auf die "Urhöhle", die Auflösung des Ich ins Diffuse der Masse, der personalen Ungefaßtheit, dem Hineinschmelzen ins Alleine ... Sie sehen schon aus dieser kurzen Begriffskompilation, wieviele der heutigen Bewegungen sich seit vielen Jahren teilweise vorbereitet haben. Nun haben wir Zeit der Ernte, und das behaupte ich wohl: es ist erst der Anfang.

Und schon brechen so manche Welthaltungen wie Papierhüllen zusammen. Christian Ortner bringt ein amüsantes Beispiel - Jamie Oliver. Als die Jugendlichen bei den Krawallen auch sein Restaurant beschädigten, war es aus mit seinem Gutwillen, mit dem er Projekte förderte, die genau solchen Jugendlichen zu einem normalen Leben verhelfen sollten. Vielleicht weil er nicht begreifen wollte, daß all diese sozialistischen Theorien nicht stimmen? Daß sich als Folge der Auflösungen unserer Gesellschaften in Multi-Kulti und "Toleranz"-Geschwafel und was auch immer nun primitivste Kräfte äußern, die nur noch von Internet- und Medienbildern genährt sind, dem einzigen, was ihnen noch Form gibt? Und dann kann man durchaus von der Absicht der Jugendlichen sprechen, das Recht auf Designer-Jeans und Modejacken zum Menschenrecht zu deklarieren.*

Recht viel anders lief es auch in Tunesien, Libyen oder Ägypten, oder Wien (mit seinen grotesken Studentenprotesten 2009/10) nicht ... In solch einer kulturellen Lage (und nur aus dieser heraus ist alles das verständlich, erkennbar daran, daß es prognostizierbar war!) wird jede "Begründung" zur posthoc-Rechtfertigung, zur bloßen Makulatur. Wer so wie wir die Vernunft so nachhaltig beschädigt und zerstört hat, muß damit leben, daß künftige "Leitideen" und Handlungsmotive irrational sind.**


*Keineswegs auch sind die Aufstände auf Spannungen zwischen Einheimischen und Zuwanderern zurückzuführen! Vielmehr haben Untersuchungen ergeben, daß die größten Spannungen zwischen den Migrationsgruppen untereinander bestehen! In London z. B. sind die Einheimischen teilweise den zugewanderten Türken sogar nun dankbar, weil diese - pardautz! - eine Art Miliz aufgestellt haben, die Supermärkte etc. vor Plünderungen durch randalierende Gruppen bewahren sollen.

**Was man durchaus als Treppenwitz der Geschichte auffassen könnte: die Linke hat durch ihre Destruktion der Vernunftgrundlagen erreicht, daß ihre "Logik" und "Rationalität", auf die sie sich ja als metaphysische Legitimation beruft, nicht mehr relevant ist.




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Montag, 22. August 2011

Schwebende Yogis

Es gibt 8 spezielle Kräfte im Yoga. Eine davon heißt: Levitation.



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Verrechnet

Das Filmchen habe ich gewähl, weil es (ansonsten nett-konventionell) eine hervorragend gespielte Verzweiflung bringt.


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Welcher Natur

Es ist bedrückend, was man auf dem Video sieht: Im Zuge der Zusammenstöße mit der Polizei in London hatte sich ein Jugendlicher eine blutige Nase geholt. Als er sich in eine Ecke setzte, sprach ihn ein anderer Jugendlicher an udn gab vor, ihm zu helfen. Er richtete ihn wieder auf. Aber dann begann er mit einem Komplizen, seinen Rucksack zu öffnen und zu durchsuchen. Sein Komplize fand auch etwas Brauchbares, und so ließen sie den jungen Mann stehen, und machten sich davon.

Der Kurier schreibt, daß die Londoner Einwohner auf die Straßenschlachten zu reagieren beginnen: Sie organisieren sich, haben eine Art Miliz aufgestellt, die sie bewacht, andere organisieren sich und räumen nach Krawallen ungefragt auf, oder helfen einander einfach. Und es geht verschiedentlich die Devise um, dieser Kälte, diesem Haß, der sich da Luft schuf und schafft, durch besonders viel Liebe und Hilfsbereitschaft zu begegnen.




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Sonntag, 21. August 2011

Gebäude und Korrektiv

Wenn der Katholizismus entartet, schreibt Kierkegaard, schlägt er in Scheinheiligkeit und Weltlichkeit um. Entartet der Protestantismus, wird er zur geistlosen Weltlichkeit. Beide Richtungen brauchen einander, der Protestantismus aber ist vom Katholizismus regelrecht bedingt.

Was soll, schreibt er in seinen Tagebüchern, die "Angstfreiheit der Gewissen" bewirken als Gleichgültigkeit, wenn die Voraussetzung, die diese Haltung schuf, nämlich die Angst, gar nicht mehr existiert? Dann wird der Protestantismus sinnlos, ja noch schlimmer, er wird zum Raffinement der Weltlichkeit und des Heidentums, das seine Existenzberechtigung auf die Entartung des Katholizismus bezieht. Der Protestantismus hat das Katholische also als Voraussetzung, und übersieht man das, zerfällt er: er kann nicht alleine stehen! Denn noch einmal: er ist lediglich das Korrektiv.

Die Lutherische bloße Innerlichkeit ist höchst gefährlich, sie kann nämlich zum Aller-allerniedersten des Heidentums absinken, wo sinnliche Ausschweifung als Gottesdienst gefeiert wurde. Denn er kann dahin abgleiten, daß Weltlichkeit als Frommheit gefeiert wird. Das kann im Katholizismus - schreibt der Protestant Kierkegaard - nicht passieren. Denn der geht davon aus, daß wir Menschen sowieso Schlingel sind. Während der Protestantismus Menschen braucht, die in Todesfurcht und Zittern und viel Anfechtung dasitzen. Aber davon hat es nie viele gegeben, und wo wären sie heute?



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Consuetidine statuit altera natura

Die Gewohnheit formt sich eine zweite Natur - und es kann durchaus sein, daß uns die Ebenen des Handelns durcheinandergeraten. Vermutlich ist es viel öfter, als uns bewußt wird. Vieles, was wir an uns, am anderen nicht verstehen, kommt genau aus dieser Gespaltenheit. Es liegt an uns unser wahres Ich als Träger der Persönlichkeit zu definieren. Ein Spiel mit Ersatz-Ichen ist durchaus gefährlich.


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Wenn nur noch Böse Waffen tragen

Auf ortner online fand ich einen interessanten Aspekt in Zusammenhang mit der Forderung, ein Waffenverbot würde die Untaten mit Schußwaffen minimieren. Er zieht das Fazit, daß in einer entwaffneten Gesellschaft der Einzelne wehrlos gemacht, der Untäter aber nicht an seiner Tat gehindert wird:

  • Gewalttaten können mit jeder Form von Waffe begangen werden, und gerade Gewalttäter sind nicht wählerisch, wenn es um die Form des Tötens geht. Untaten mit Schußwaffen sind (in Österreich, Deutschland) statistisch betrachtet außerdem sehr selten (0,2 % aller Verbrechen). Es ist definitiv unmöglich zu unterbinden, daß Gewalttäter sich auf irgendeinem (illegalen) Weg in den Besitz einer Waffe bringen. Tatsächlich werden auch (von erwähnten 0,2 %) deutlich mehr Untaten mit illegalen Schußwaffen begangen, als mit legalen.
  • Gewalttaten nehmen speziell in einem Umfeld zu (weil Täter besonders dreist vorgehen) wo mit keiner Form von Gegenwehr zu rechnen ist. Der Zusammenhang ist belegbar, daß besonders restriktive Waffengesetze einen hohen Anteil an "heißen Einbrüche" aufweisen - wo also die Täter von den Opfern bemerkt werden, ja anwesend sind.
  • Gewalttaten in definitiv bewaffnetem Umfeld sind selten, weil jeder Täter mit handfester Gegenwehr rechnen muß. Bewaffnete Kinderbetreuer in Norwegen hätten möglicherweise den Attentäter erledigt, ehe er so viele Morde begehen konnte. Privater Waffenbesitz besitzt also Abschreckungswirkung!

Fazit: Sicherheit ist ein zu hohes Gut, um deren Gewährleistung dem Staat zu überlassen. Im Falle eines gewaltsamen Übergriffs ist man in 100 von 100 Fällen auf sich allein gestellt – Polizei ist garantiert nicht zur Stelle. Das Beispiel Israels, mit seiner unerhört großen Zahl ziviler Waffenträger zeigt: Massaker wie jenes in Norwegen kommen dort nicht vor. Dort aber, wo privater Waffenbesitz verboten ist oder von paternalistischen Bürokraten behindert wird, verfügen eben nur noch Verbrecher über Waffen.





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Merkwürdiger Auseinanderfall

Während also in Madrid, wie zuvor in Köln oder sonstwo, die Millionen im Hochgefühl jubeln, ein neues Pfingsten wäre für die Massen angebrochen, jeder in ein riesiges Insgesamt eingebettet, macht einen denn doch wundern, daß die wirklichen Heiligenviten mit einem einzigen Satz beginnen:

Die Geschichte mit Gott begann im Begreifen, daß man ganz alleine vor ihm steht. Nur, schreibt Ferdinand Ebner sogar, wer diese Einsamkeit erfaßt, der beginnt seine Geschichte mit dem göttlichen Du.


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Samstag, 20. August 2011

Kanonisierung der Spießbürgerlichkeit

"Wir wollen mit dem Dichter beginnen. Dem, was der Dichter gebraucht und unsterblich macht mit seinen Dichtungen. Z. B. [Julia], das Leben sich zu nehmen aus Leid usw. Dieses kommt im wirklichen Leben bereits selten vor.

Nun kommt das Ethisch-Religiöse und erklärt jenes Ästhetische für Verzweiflung und preist so genau das Gegenteil an, z. B. an [Julias] Stelle leben zu wollen.

Aber nun kommen die Pfarrer und mit ihnen immer das Gewäsch. Sie nehmen sich nicht in acht davor, daß das rein Spießbürgerliche bloß äußerlich betrachtet eine Ähnlichkeit hat mit jenem ethisch-religiös Höchsten; Karen, Maren, Mette usw. entleiben sich keineswegs selbst, wiewohl ihrer respektiven Geliebten beraubt - ergo avancieren diese Geehrten, durch des hochgeehrten Pfarrers Beistand, um weit über Julia zu stehen.

Die Pfarrer merken gar nicht das Geheimnis: wenn eine Existenz, wie der Dichter sie gebrauchen kann, so selten ist, wie der der Dichter es behauptet: wie selten muß da nicht eine wahre ethisch-religiöse Existenz sein!  

Nein, die Pfarrer kanonisieren die Spießbürgerlichkeit. Nun, und wir Protestanten haben ja die katholische Kanonisation von Asketen, Märtyrern usw. abgeschafft - zum Ersatz werden so die Interesssenten es Spießbürgerabsuds kanonisiert, und ganz richtig, sie werden kanonisiert von jenem letzten geistlichen Orden, der im Protestantismus aufkam: den Versorgungsbrüdern."

Kierkegaard in "Tagebücher 1850"

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Das Böse

Es ist etwas völlig anderes, "Horror" und "Böses". Hier ahnt man - und der Film eignet sich erstaunlich und nicht zufällig bestens, um das Böse darzustellen, denn das Böse hat ein geistiges, voluntaristisches Wesen (der Unbedarfte, "Unschuldige" kann nicht böse sein), und das ist das vielleicht wesentlichste Element des modernen Films - was es mit dem Bösen auf sich hat.



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Mangelerscheinungen

Die Zeit berichtet über einen Schweizer Notstand, der uns bekannt sein dürfte: Mittlerweile ist der Fachkräftemangeln in der Schweiz so dramatisch, daß "wirklich jeder genommen wird", der noch bereit ist, mit seinen Händen zu arbeiten, und nicht seine Zukunft hinter Schreibtischen und Bildschirmen und in Ärztekitteln sieht. Aber es reicht nicht, hunderte freie Stellen - Lehrstellen - können nicht mehr besetzt werden, obwohl man Neueintretende schon obligatorisch mit Rechen-, Rechtschreib- und Sprachkursen auf jenen Stand zu bringen sucht, den sie nach ihrer Schulkarriere eigentlich haben sollten.

Mit dramatischen Auswirkungen, und hier weiß der Verfasser dieser Zeilen - als früherer Bauunternehmer - sehr gut, wovon die Rede ist: Speziell am Bau ist eine ungebrochene Zunahme von Mängeln zu beobachten. Weil nur noch der zur Handarbeit bereit ist, der wirklich "zu allem zu blöd" ist, oder einfach nichts besseres findet, ist es für Unternehmer immer schwieriger, Arbeiten so auszuführen, daß sie sach- und fachgerecht sind - und nicht voller Mängel. Und das in einer Zeit, wo der Zeitdruck immer größer, der Kundenanspruch auf Perfektion immer höher, und die segensbringende Arbeit des Konsumentenschutzes und die Regulierungsfreude der Gesetzgeber immer schlagender wird!


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Freitag, 19. August 2011

Zeitalter der Märtyrer

Die erste Formation von Herrschern, schreibt Kierkegaard 1850, waren die Tyrannen, die letzte werden die Märtyrer werden, dies ist in der Entwicklung der Welt die Bewegung zunehmender Weltlichkeit; denn die Weltlichkeit ist am größten, muß am  fruchtbarsten die Oberhand gewonnen haben, wenn nur Märtyrer Herrscher sein können. Wenn nämlich einer der Tyrann ist, ist die Masse nicht ganz weltlich bestimmt; aber wenn die Masse der Tyrann sein will, so ist die Weltlichkeit ganz allgemein geworden, und so kann nur der Märtyrer der Herrscher sein. 

Freilich ist zwischen den beiden ein ungeheurer Unterschied, doch eines haben sie gemeinsam: Das Zwingende. Aber der Tyrann herrscht, bis er stirbt. Der Märtyrer, sobald er stirbt. Der Tyrann ist der Einzelne, der unmenschlich die Menschen zur Masse macht - der Märtyrer destilliert sich aus der Masse als Einzelner, ja er setzt die Masse in lauter Einzelne um. Und im Himmelreich ist Freude über jeden Einzelnen.


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Wie man handelt

Wissen Sie, was mir an dem Filmchen gefallen hat? Er wirft den Ring weg. Nur so tritt er aus der Niedrigkeit der Funktion heraus - er rechnet nicht. Er handelt gemäß der Dinggrenzen.



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Donnerstag, 18. August 2011

Anonymität als Weg zur Macht

Vollkommene Öffentlichkeit macht das Regieren absolut zu einer Unmöglichkeit. Denn alle Regierung ruht in dem Gedanken, daß da einige Einzelne sind, die die Einsichtsvolleren sind und die just dadurch um so viel qeiter sehen, daß sie steuern können; aber vollkommene Öffentlichkeit ruht in dem Gedanken, daß alle regieren können.

Daß dieses so ist, hat auch niemand besser verstanden als die Tagespresse; denn keine Macht hat in dem Grad auf Geheimhaltung, betreffend ihre ganze innere Organisation, gehalten, wer ihre Mitarbeiter seien, welche ihre eigentlichen Absichten usw., wie just die Tagespresse, die dann in einem fort geschrien hat, daß die Regierung öffentlich sein sollte. 

Ganz richtig; die Meinung der Presse war nämlich, daß sie die Regierung weg haben wollte. - und so wollte sie selber regieren, weshalb sie auch die Geheimhaltung sich sicherte, die notwendig ist, um zu - regieren.


Sören Kierkegaard, "Tagebücher 1850"

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Respektabstand

Eine gar nicht so seltene Methode: Der Mensch stinkt sehr gerne präventiv, um Respekt und Raum zu schaffen. Ein amüsantes Filmchen von VW!



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Mittwoch, 17. August 2011

Nur noch Narreteien

Für die (im Verhältnis) "paar" Tausend Euro - dieses Bemühen ... aber der BAWAG-Bedienstete läßt nicht locker, und unterbreitet seine Vorschläge, wie "mehr" (!) Rendite aus den in sicheren, braven Papieren angelegten Sparstrumpf zu holen wäre. Und zwar mit Investitionen in Schwellenländer! Hier, Brasilien, Afrika, China - Renditen jenseits der 8 Prozent!

Nein danke, winkt Z ab. Sie bleibe bei den sicheren Papieren, auch wenn die die reale Inflation (die ja deutlich höher ist als die "ausgewiesene", eine an sich nichtssagende Zahl, ein rein rhetorischer, zutiefst relativer Parameter, aber keine Aussage über die wirklichen Preissteigerungen) gerade damit abgefangen wird. Man muß bescheiden bleiben, meint sie später, ich habe gespürt, wie da schon wieder die Gier durchbricht, auf allen Seiten. Und selbst wenn ich ein wenig Geld verlieren sollte, so ist es eben auch einmal, es ging mir ja lange gut genug. Aber ich heize nicht die Konkunktur in diesen Ländern an, die an Inflation ersticken, nur damit ich - als gäbe mir das noch dazu Ruhe! - ein paar Prozentpunkte mehr Rendite habe.

Man sieht außerdem, wo die Spekulanten sitzen, so gerne sie sozialistische Kanzler aus populistischen Gründen in den sprichwörtlichen "Reichen" sähe, und mit glänzenden Augen mit Neidkomplexen arbeitet, den verläßlichsten Motiven der Menschen. Es sind diese vielen vielen kleinen Bankangestellten und Anleger, die ihre paar oder mehreren paar Tausender von Anlage zu Anlage hetzen, in Summe Milliarden, Billionen, um ein paar Prozentpunkte zu kassieren, ohngeachtet aller Folgen. Da sind sogar genau all die vielen "Kleinen", die auf hier gar nicht erst hinterfragte Weise zu diesen Kleinkapitalien gekommen sind, besonders gefährliche "Spekulanten". Denn sie sind ahnungslos, willige Opfer von Massenhysterien und -psychosen, die jeden Trend so verstärken, daß aus einfachen Schwankungen jeweils existenzgefährdende Krisen oder bedrohlich substanzlose Blasen werden. Derzeit zeigt sich das ganz besonders!

Und daß die Schwellenländer "lohnende" Märkte sind, ist ja schon länger bekannt. Auch, was nun auf diese Länder für Probleme zukommen. Es sind ja die einzigen Länder, wo noch halbwegs produziert wird, auf diesen Nenner könnte man es bringen. Dabei: sieht man die Eckdaten an, sind die meisten dieser Länder schwer "fußmarod", und werden über kurz oder lang selber in der Krisenecke landen, wo sich die überkapitalisierten Märkte wieder ihr reales Wertgefüge holen. China, Indien, Brasilien ... Hände weg!

Nicht viel anderes passiert seit geraumer Zeit mit der Schweiz und dem Schweizer Franken: aus allen Himmelsrichtungen fließen die Gelder nach Bern, um Franken zu kaufen, einer der wenigen Währungen, der man noch vertraut. Franken, als Anrecht auf Schweizer Produkte, denn das ist Geld. Und das zeigt die Verrücktheit dieser Nachfrage (aus so vielen kleinen Anlageecken): denn eine Währung ist kein Selbstzweck, und wäre das nicht einmal, wenn sie völlig in Gold aufgewogen wäre. Sie hat nur Wert in Bezug auf die Wirtschaftsleistung eines Landes.

Und die Schweiz steht damit selbst vor dem Kollaps: denn der hohe Wechselkurs des Franken übersteigt die Kaufkraft der dortigen Währung um rund 70 Prozent! Das heißt, daß Produkte, die 1,90 Franken kosten, in Wahrheit nur einem Wert von 1 Franken entsprechen. Seit einem halben jahr fallen die Aktienkurse schweizer Unternehmen, ihr Wert hat sich (analog zur verfälschenden Währungsrallye) um etwa ein Drittel verringert. Die Gewinne sinken (wegen der sinkenden Margen, weil Schweizer Produkte am Weltmarkt allmählich unerschwinglich werden, auch die Inlandspreise viel zu hoch liegen)*

Kursverlauf der Nestlé-Aktie 1. Hj. 2011
Das nennt man schlicht: eine gewaltige Blase, die sich da aufbaut, und die nur solange funktioniert, als die übrige Weltwirtschaft derartig unter Vertrauensverlust leidet.  Dennoch hört man sie aus allen Ecken: Schweizer Franken! Womöglich mit irgendwelchen Verschwörungstheorien gekoppelt - die Bundesbank habe eine neue Mark in Vorbereitung, nächste Woche, über Nacht, sei es soweit. Etc. etc. So entwickelt sich ein Währungspreis, der sich von der Realwirtschaft weit entfernt hat.

Eine Lehre kann man ganz gewiß aus dem Fall Griechenlands (etc.) ziehen - es gibt offensichtlich regionale Faktoren, die mit der realen Wirtschaft einer Region zu tun haben, nicht mit der rechnerischen Oberfläche einer Pauschalwährung ie dem Euro. Es gibt so etwas wie eine Regionalwirtschaft Griechenland, und hat es immer gegeben, deren Bewertung eigene Wege geht - reale Wege sucht. Und das hat mit ganz simplen Preisfindungsmechaniusmen zu tun, mit subjektiven Bewertungen, die die Wirklichkeit hinter Worten (Geld) suchen und sich keine Nominalideologie aufschwatzen lassen. Auch in der Schweiz ist das icht anders, und wenn der Kurs wirklich noch auf 1:1 zum Euro steigen würde - er WIRD fallen, das ist so sicher wie das Amen im Gebet. Währung, Geld hat mit realem Wert zu tun, immer und ausschließlich. Der Rest ist lächerliches Kiki ahnungsloser Laienspekulanten und mediokrer Bankangestellter und Zeitungskommentatoren.

Nur: worein investieren, meint Z etwas ratlos?
Ja, sage ich darauf, wo hinein möchtest Du denn investieren? An welches Produkt, an welches Unternehmen glaubst Du denn? DAS ist die ursprüngliche Investitionsidee: sich aktiv am Wirtschaftsleben zu beteiligen, in Freud und Leid, mit Geld mitzuarbeiten am Erfolg eines Unternehmens, einer Idee. Nicht "abzocken", das ist immer unethisch! Denn die Welt ist doch nur noch verrückt: während die Blasen (Schweizer Franken, Schwellenländer, Rohstoffe) boomen, brechen die Börsenkurse ein.** Dabei gibt es kein sichereres Engagement als in ein solides Unternehmen zu investieren, durch stinknormalen Aktienkauf, dessen Produkte auch in schwersten Krisen benötigt werden.

Aber es gibt keine wirkliche Sicherheit auf dieser Welt, nicht in Geld, nicht in Wertpapieren, nicht in Gold. Und Geld ist wie das Leben - es geht mal besser, mal schlechter, und vielleicht verliert man auch einmal alles. Was will man? So ist eben das Leben, da geht es um etwas anderes: um den Dialog mit der Wirklichkeit, nicht um synthetische Wohlstandskonservierung.

(Verfaßt: 04. August 2011)


*Der Lebensmittelkonzern Nestlé z. B. hatte im ersten Halbjahr 2011 einen Umsatzrückgang von 12,9 %, (die allerdings zum Teil auf Verkäufe von Unternehmensteilen zurückgehen) bei annähernd gleichem (absolutem) Gewinn. 

**Nachtrag: Wie irrational der jüngste Börsencrash war, zeigt ein Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden des österreichischen Maschinenbaukonzerns Andritz: Das Unternehmen steht blendend da, die Auftragsbücher sind voll - aber die Kurse fielen! So kann eine künstliche Hysterie tatsächlich real dramatische Auswirkungen haben: "Wenn alle glauben, daß alle glauben, daß alles schlechter wird, dann wird es schlechter!"

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