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Freitag, 31. August 2012

Begegnung im Stiegenhaus - II

Forts. von gestern) Mit dieser Ankündigung aber hat der Konzern, der seit Jahren große Renditeprobleme hat, etwas wie einen Schock ausgelöst. Er hat vielen bewußt gemacht, daß es in Europa "nach unten" geht. Und hier, im Stiegenhaus, treffen wir uns plötzlich mit den Ärmsten der Welt, die bisher weit weit weg, nie mehr als eine Nachricht in den Medien waren, Objekt des Beweises sozialen Denkens.

Aber die Folgerichtigkeit dahinter ist in mehrfacher Hinsicht gegeben, und ist nicht einfach mit Wirtschaftskrise und Eurowahnsinn und Regierungsversagen abzutun, und noch weniger mit reflexartigen Antikapitalismusgesten, die häufigste Art der beobachteten Reaktion. Wenn von unverschämten Gewinnspannen die Rede ist, von Ausbeuterei und Nutznießerei an den Ärmsten der Armen, nun also auch bei uns. Oder, wie einer es durchaus mit einem gehörigen Portiönchen Wahrheit darin ausdrückte, als Abschöpfen des Sozialleistungen der Staaten durch Konzerne.

Denn für Unilever (und andere) ist das ein logischer Schritt auf einem Markt, der schon lange maßgeblich ein Verdrängungsmarkt ist, wo die Konkurrenz auf gesättigten Märkten die Verdienstspannen so gedrückt hat, daß die Existenz aller am Spiel steht. Bei dieser Strategie sind zwar die Gesamtmengen geringer, aber die Margen bei den nunmehr kleineren Gebinden prozentuell deutlich höher. Weniger aber mehr, das ist also nun die Devise, und sie bedeutet einen Paradigmenwandel.

Aus Nachfragemärkten nach dem Krieg 1945, wurden in den 1970ern erstmals gesättigte Märkte. Darauf haben die Staaten reagiert, und durch Umschichtungen, Umverteilungen, und direkte Markteingriffe, vor allem aber durch direkte Staatsausgaben, nicht zuletzt über den immer weiter ausgebauten Sozialstaat, die "Kaufkraft" über die Geldmenge erhöht. Plötzlich drehte sich auch in den Haushalten das Klima, auch dort begann man in den 1970er-Jahren, Schulden zu machen. Bis dorthin war es soziales Stigma wenn es hieß, einer "hat Schulden". Das kümmerte bald niemanden mehr, weil jeder Schulden machte.

So wuchs und wuchs unser "Wohlstand", wie man an allen Zahlen ablesen zu können meinte: das BIP pro Kopf stieg, die verfügbaren Haushaltseinkommen, die Nachfrage, das Angebot, die Versorgtheit mit Gütern. Die Euphorie, die um sich griff, und den Schwung noch aus dem Wirtschaftswunder nach 1945 bezog - wo alles kaputt, der Bedarf nach allem gegeben war, und wo (man vergißt das meist völlig) der Zustrom von Bewohnern aus ehemaligen, nun verlorenen Ostgebieten die relativen Bevölkerungszahlen (und das heißt: als Arbeitskräfte, als Menschen, die ihr Leben gestalten, bedürfen wie produzieren) in die Höhe schnellen ließ - verdankte sich vor allem auch der Umschichtung innerhalb der Einkommensverwendung.

Staatliche Subventionen und europaweite Preis- und Mengenregelungen, dazu die Schaffung von Weltmärkten (wie im GATT) vor allem für Lebensmittel, schufen unnatürlich verzerrte lokale Märkte. Klartext: nur so konnte man vermeiden, daß der gestiegene Umlauf von Geld sich - wie es zu erwarten wäre - in Preiserhöhungen abschöpfte. Und nur so schuf man "Nachfrage" nach neuen Produkten. Und die gab es vor allem in den 1980ern, als die Computertechnik - vielfach und fälschlich als "letzte große Marktrevolution" bezeichnet, sie war nämlich nur eine Verlagerung, nicht einmal eine Innovation - Einzug hielt und die gesamte Konsumlandschaft verändert, eben durch Verlagerung. Das alles auf der Grundlage von ... Staatsausgaben, nämlich auch durch Infrastruktur (Autobahnen etc.), wodurch man die Geschwindigkeit der Durchsätze erhöhte. Immer mehr und immer schneller wurde die Devise. Nicht einfach als lockerer Wahlspruch, sondern als das gesamte Wirtschaftsverhalten durchwirkendes Prinzip. Bei Verbrauchern wie bei Unternehmen.


Forts. Teil 3 morgen





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Schön wie ein Krieger

Wie sehr schon die Schriftlichkeit (schon gar, wo sie so analytisch, laut-buchstäblich war die Buchstabenschrift der Griechen) die Sprache, die Begriffswelt selbst verarmt hat, zeigt ein Beispiel, das Walter Ong in Orality and Literacy anführt. Lange Zeit wurde das bei Homer auftauchende Wort "amymon" - analytisch gedacht - mit makellos, tadellos ("blameless") übersetzt.

Anne Amory Perry betont, daß das eine armselige Abstraktion ist.

Die ursprüngliche Wortbedeutung, die Art, wie es verwendet wurde, der Inhalt, der in jeder mündlichen Weitergabe der Ilias damit dargestellt wurde, war: "Schön, wie ein zum Kampf bereiter Krieger schön ist." Dieser Inhalt aber kann freilich nur noch in der persönlichen, mündlichen Überlieferung dargestellt werden, durch Betonung, Gestik, etc. Wenn das fehlt, verweht - mit dem Vergessen - auch der eigentliche Begriffsinhalt.


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Donnerstag, 30. August 2012

Treffen im Stiegenhaus - I

Es gab großes Rauschen im Blätterwald, als Unilever ankündigte, seine Strategie in Europa zu ändern: war bisher beim Konsumenten vor allem der niedrige Preis über höhere Menge gefragt, so hat sich das Verbraucherverhalten geändert. Es gelte eine zunehmend größer werdende Schichte der unteren Einkommensklassen anzusprechen, deren Problem vor allem die geringere Liquidität ist. Produkte werden dort nicht gekauft, weil der Kilopreis niedrig ist, sondern weil man gerade das Geld aufbringen kann, um sie sich überhaupt zu leisten. Unilever würde also dazu übergehen, kleinere Verpackungseinheiten zu produzieren, die auch einen (absolut gesehen) niedrigeren Verkaufspreis brächten. Shampoo-Päckchen mit gerade einer Portion seien z. B. in Indonesien DER Renner im Verkaufssortiment.

Aus so manchen Reaktionen hierzulande läßt sich vor allem eines ablesen: Angst und Gegenwehr vor dem Geruch von "Armut", der um diese Ankündigung weht.

Die alles andere als "Neues" verkündet. Schon seit Jahren haben weltweit Konzerne nämlich die untersten Einkommensschichten als Käuferschichte entdeckt. Weltweit leben etwa 1 Milliarde Menschen in Slums. Bislang galten sie als völlig uninteressanter Markt. Aber eine Studie hat vor Jahren herausgefunden, daß das nicht stimmt, sondern ein voreiliges Urteil ist.

Denn selbstverständlich brauchen auch diese Menschen Produkte, und selbstverständlich VERbrauchen diese Menschen auch diese Produkte. Durch das Vorurteil, das Slums anhaftet, litten sie aber unter Unterversorgung einerseits, und würden anderseits oft horrende Preise zahlen (müssen), und tun das auch.

Dies ist im Rahmen eines generellen Umdenkens Slums gegenüber zu sehen. Schon seit zehn, fünfzehn Jahren hat sich die Haltung der jeweiligen Behörden Slums gegenüber nämlich geändert. Städtebaulich und soziologisch sind sie nämlich eher wie "Städte im Werden" zu sehen, als "unangenehme Erscheinung" nur vorübergehend. So begann man weltweit, Slums nicht zu "beseitigen", sondern von innen heraus zu sanieren. Indem man die wilden Ansiedlungen - noch ungeformten, chaotischen Gesellschaften vergleichbar - mit Infrastruktur auszustatten begann, und legalisierte. Denn als Erscheinung der Stadtflucht zu unterdrücken waren sie ohnehin nicht. Das Element, das man bisher aber vernachlässigt hatte war vor allem die Eigenkraft dieser Menschen. Weshalb auch das Abreißen von wilden Siedlungen, mit dem Ersatz durch Sozialwohnbauten, kaum wirklich Abhilfe schaffen konnte und kann, so sehr das nach wie vor häufige Praxis ist.

Vielfach aber baut man seither Straßen und Brunnen, richtet Krankenhäuser und Schulen ein, und stellt günstig oder gratis Baumaterial zur Verfügung. So war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Versorgung mit Gütern nachzog.

Forts. Teil 2 morgen)


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Vom nicht mehr Gewußten - 2. Teil

Schon seit Jahrzehnten gewinnt das Buch eine zunehmende Bedeutung. Aber während in den 1970ern die Buchclub-Buchwände in den Wohnwänden wuchsen, gab auch noch das Fernsehen täglich seinen Sermon an Bildungsgut ab. So hörten die Menschen auf sich darum zu besorgen, daß sie selbst die Speicher des Wissens der Menschen sein sollten, nein, müssen. Während gleichzeitig der Wert des Gewußten fiel und fiel, denn mit jedem Jahr kamen  neue "wissenschaftliche" (="absolut wahre") Informationen. Die Halbwärtszeit wie Verfügbarkeit des Wissens machte Wissen gar nicht mehr wert, behalten zu werden, morgen konnte es anderes sein. Wozu das heute Gewußte lebendig halten? Der Wohlstand lieferte außerdem die Illusion - mit den Bücherwänden, mit den Mediengeräten - das Wissen zu besitzen weil abrufbar zu haben.

Gleichzeitig veränderte sich an den Schulen die Pädagogik. Das Auswendiglernen hörte auf, es wurde als stupid verleumdet. Die Lerninhalte wurden zu bloßen rationalen Problemlösungen, der Lehrer wurde als Person bedeutungslos, er wurde zum Vermittlungstechniker.  Während es zuvor nur Übergang des Wissens von Mensch zu Mensch gab, bezieht sich heute Lernen auf "objektive" Inhalte, die mittels gewisser Techniken angenommen werden, oder nicht. Ja, im Gegenteil, wird unter grotesken Vorstellungen von "Chancengleichheit" Lernen überhaupt von Identität getrennt, Fähigkeit wird zum "Skill".

Damit geht sprunghaft eine gewaltige Menge an Gewußtem verloren, denn niemand ist in der Lage, nur sprachlich oder in bloßer Technik alles aufzufangen, was jener im direkten "Zeigen" zu vermitteln, was der Schüler im Nachahmen, im Anziehen einer Identität zu erfassen vermag.

Sprache zur reinen aktualistischen Kommunikation, ihr Inhalt zur formalen Logik, die sich aus den Worten selbst ergibt. (Während Sprache doch ein möglichst präzises und umfassendes, ganzheitliches Darstellen wirklich präsenter Inhalte der Grundstimmungen der Seele ist.) 

Mit dem letzten Schub, der in seiner Totalität nicht mehr überbietbar scheint: dem "google-"Zeitalter. Überhaupt nichts mehr scheint wert und not, gemerkt zu werden. Überall und jederzeit ist alles Wissen der Welt nachschlagbar, und damit präsent. Der Wissende der Gegenwart ist nicht mehr der weise Alte, der in langen Jahren seine Erkenntnisse der Welt sammelte, vorsichtig weil des großen Schatzes der Vergangenheit gewahr weiterspann und heranbildete, und weitergab, sondern der clevere Medienbenützer.

Damit aber ... gibt es gar kein Wissen mehr.  

Der Jesuit Marcel Jousse löste vor fünfzig Jahren Unruhe im Vatikan aus. Als er die begründete Theorie aufstellte, daß jeder Mensch in seiner Sprache gar nicht abgrenzbar ist auf "bloße Sprache", sondern daß sein gesamter Ausdruck, sein gesamter Körper an der Kommunikation beteiligt ist. Am gesamten Körper sind Spannungen und Bewegungsimpulse meßbar, wenn ein Mensch spricht. Und sie stehen mit einer Inhaltsfülle in Verbindung, die die Schrift zum Abklatsch des Mitgeteilten macht. Also zeigte er auch in der Heiligen Schrift, daß sie sich auf historischen, in Rudimenten im Vorderen Orient aber noch vorzufindenden Arten der Vermittlung bezog, die der Rabbi Jesus ganz sicher auch benützte. Und Jousse schloß so viele Wendungen der Schrift auf, die ohne diesen Bezug nicht verständlich waren. Nur vor diesem Hintergrund ist ihre Art und Ausdrucksweise plausibel. Und übersteigt somit alle "rationalen" Informationsgehalte.

Kommunikation, Mitteilung ist ein ganzkörperlicher Vorgang. Und somit ist auch Wissen nur Wissen, wenn es sich im ganzen Körper vorfindet. Wirklicher Wissensübergang ist damit direkt an die Weitergabe von Mensch zu Mensch gebunden, an die Imitation und die schöpferische Verarbeitung im Empfänger. Sie ist situationsbezogen als Akt des Handelns, und eine Frage der fleischlichen Präsenz im Vermittler, wie der fleischlichen Gegenwärtigkeit im Hörenden.


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Mittwoch, 29. August 2012

Vom nicht mehr Gewußten - 1. Teil

Walter Ong schreibt in seinem als Klassiker des Genres angesehenen Orality and Literacy, daß mit der Einführung von Schriftsprache auch die Art des Denkens fundamental anders wurde: Eine mündliche Kultur muß ihren geistigen Besitzstand nicht nur durch Erzählen präsent halten, sondern nur in älteren Menschen sammelt sich auf diese Weise ein entsprechender Wissensschatz.  Sie werden zu leibhaften Präsentanzen der Weisheit.

Mit der Schriftlichkeit wird das Wissen aber zum "Wissen wo es steht". Die Kraft eines Gedanken (=Sprache) verändert sich fundamental, Denken wird zunehmend auf einen vordergründigen Nominalgehalt heruntergebrochen. Schon gar mit dem nächsten Schritt, der im späten Mittelalter eintritt: dem leisen Lesen, dem Schreiben in geteilten Worten als dessen Grundlage.

Und mit einem mal werden auch die Erzähler, die "Wissenden" ... jünger! Und mit einem mal wird auch deren Drang, Neues, Unerprobtes zu implementieren, ausschlaggebend für die Texte, die eine Kultur prägen.

Das führt zu dem Gedanken, daß das heute beobachtbare Vergessen des Vorhandenen, aber Früheren, das so nebenbei zur Illusion führt, der Mensch der Gegenwart würde ständig "innovativ" sein (während er nur wiederholt, was längst gegeben war,  nur weiß er das nicht einmal mehr). Während genau also das Gegenteil der Fall ist: Neues entsteht nur auf der Grundlage des Verstehens des Bestehenden. Und man versteht nur, was man wurde, was man also ist. Und dazu muß man es fleischlich präsent haben, in einem drin, als Vorspannung gewissermaßen besitzen. Nicht zufällig werden Inhalte "verdaut", Lügen "gefressen", Geschichten "aufgesogen" etc. Es geht um die Fleischlichkeit, auch in diesem Punkt.

Daß also dieses Vergessen auf die Veränderung der Lebensgewohnheiten zurückzuführen ist.

Teil 2 morgen)

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Erinnerungslosigkeit ist Auslöschung

Ja, aber - sagt mir da K - ist nicht die digitale Speicherung viel lückenloser? Versichert sie uns nicht, daß nichts vergessen wird? Sichert sie nicht jeder Generation zu, sich aus der Vergangenheit, von ihr, eine neue, eigene Sicht bilden zu können, weil die Datenspeicherung objektiv ist, nicht subjektiv?

Nichts davon ist richtig. Es gibt keine objektive Datenerfassung, und schon gar nicht läßt sich in der Gegenwart sagen, was einmal als wichtig oder wesentlich angesehen werden wird. Mit Gewißheit läßt sich sagen, daß es uns in der Zukunft nicht anders gehen wird, wie mit der Vergangenheit: unsere Sichtweisen werden so verschieden sein, wie es nur sein kann. Nur werden den Datensammlungen die entscheidenden Ordnungen fehlen, sie werden nutzlos sein.

Denn Erinnerung ist immer ein subjektiver Hervorholungsprozeß, an der Hand von Sichtweisen und Lebensweisheit, ein Dialog mit dem Geschehenen, der eigentlich nie abreißt: was aktuell passiert, wird damit konfrontiert, und hält stand, oder wird verändert, oder verworfen. Sichtweisen sind damit Verarbeitungsprozessen unterworfen, und eine davon ist auch das Vergessen: Unwichtiges wird vergessen! Mit Recht. Es belastet nur. Deshalb wächst auch eine Sichtweise mit der Persönlichkeit, das heißt mit dem Maß einer gerechten, in der Selbsttranszendenz gewachsenen Selbststärke, in der Gestalt einer Identität. Erinnerung ist ein lebendiger Prozeß! Und ihre Wahrheit wird mir durch den Übergebenden garantiert, durch den, den ich kenne, und den ich einzuschätzen weiß. Mit jeder Weitergabe ist nämlich auch Stellungnahme eingeschlossen.

Persönliche Weitergabe führt so zur kollektiven Erinnerung, schafft jene Bereiche der Identität, die dem Menschen angemessen sind - jeder Mensch ist immer auch einer Gruppe zugehörig, einem Land, einer Schichte, etc. Das sind alles Merkmale der identität, ja das ist Identität selbst. Sie schließt auch die kollektive Stellung zu Ereignissen mit ein, und läßt erst damit die Freiheit, sich dazu zu stellen. Die Demenz, das Alzheimer-Syndrom zeigen es überdeutlich: Erinnerungslosigkeit, Mangel an geschichtlicher Kontinuität, löscht die Persönlichkeit aus.

Erst auf der Basis dieser persönlichen Gewichtung können Hilfsmittel beigezogen werden, wie "Heilige Schriften", die sich auf eine Fülle beziehen, die in der persönlichen Weitergabe untergehen kann, die die Erinnerung auch vor der Willkür mancher Zeit bewahren. Die gleichzeitig aber auch weitergeschrieben werden (können). Deren Inhalte aber leben nur durch die Fähigkeit, sie auf die lebendige Erinnerung und Tradition zu beziehen. Sonst werden auch Schriften stumm, unverständlich. Und tatsächlich ist das nicht selten der Fall. Weil mit dem Ende einer lebendigen Kultur auch die Präsenz des Erinnerten verging, TROTZ zahlreicher Aufzeichnungen, die uns aber nichts mehr sagen. Noch dazu, wo gerade das uns Selbstverständliche nicht nur das Grundlegende ist - sondern auch das, was uns am wenigsten bewußt ist, oder uns zu gewöhnlich erscheint, es aufzuzeichnen.

Aber auch das Hervorholen von Erinnerungen ist in einen nicht abzugrenzenden personalen Akt, eine Situation eingebunden.

Alle "Daten" zu speichern heißt nicht, mehr oder mehr relevante Informationen einmal zur Verfügung zu haben! Zu diesem Urteil braucht es immer den Blick nach rückwärts, den gibt es nur aus der Geschichte heraus. Es heißt vielmehr aber, GAR KEINE Informationen mehr zu besitzen, weil die lebendige Erinnerung starb. Heißt lediglich abgezirkelte, den technischen Gesetzen des Mediums gemäß aufbewahrte, blinde, zufällige Daten zu sammeln, die zu deuten gar niemand mehr in der Lage sein wird bzw. schon gar nicht "objektiv". Heißt daß wir uns den Eingrenzungen simpler ja/nein-Technik, uns einem uns fremden Deutungsstandard (F. Kittler meint sogar: dem der Programmtechniker!) unterwerfen, der die Gewichtungsvorgänge ein für allemal festlegt.

Wirkliche Erinnerung, Gedächtnis, ist eine Frage der Identität. Sie gibt die Marksteine vor, nach denen zu Bewahrendes aufbewahrt wird, nach denen Unwesentliches der Vergessenheit überantwortet wird. Wer sich nicht erinnert, in dem Geschichte nicht präsent ist, ist ein nie Gewordener. Wer sich aber erinnert, persönlich erinnert, in aller Komplexität dieses Vorgangs, kennt, was ihn geformt hat. Und das in aller Ambivalenz und oft unaussprechlichen Vielschichtigkeit! Aber auch in der Auswahl durch den lebendigen Bezug, der ins Vergessen sinken läßt, was sich über die Zeit als irrelevant herausstellt.

Wer will aber den wirklichen Inhalt des simpelsten Märchens "digitalisieren"? Lesen wir in dreißig Jahren "Hänsel und Gretel" als Information über "Brotkrümel"? Gibt es überhaupt einen Text ohne Bezug zum Lebendigen, auf dessen Unerschöpflichkeit er nur hinweisen kann? (Was die Problematik noch schärfer zeigt, denn: welches Kind kennt heute noch überhaupt einen Wald? Von Bildern aus dem Internet? Was ein Wald ist, muß erlebt sein.)

Ganz gewiß haben auch Sie, geschätzter Leser, schon erlebt, wie Texte nach zwanzig, dreißig Jahren wieder gelesen, völlig andere Aussage entbergen. Man hätte sich völlig verschätzt, hätte man sie damals kategorisiert! Und ihr Gehalt lag nicht am nominellen "Inhalt", der wies nur auf ein Dahinter, das das Leben allmählich uns zugetragen hat.

Kindern, Jugendlichen, überhaupt: anderen etwas zu erzählen, das Gedächtnis aufrechtzuhalten, das kollektive Gedächtnis lebendig zu gestalten, ist eine zentrale, ja DIE zentrale Überlebensfrage einer Kultur. In der Erinnerung werden die Prinzipien der Welt in die Gegenwart geholt, selbst wenn man sie momentan nicht versteht. Denn das Erzählte ist auch ein Auftrag: seine Inhalte zu erfahren, real, im Leben. Im Vertrauen, daß die Erzählung nicht ohne tiefmenschlichen Grund überlebt hat, weitergegeben wurde. Dann aber sollten wir die Alten, die Weisen fragen können. Sie können uns uns selbst geben.

Aber es gibt kein System der Etiketten, an denen Erinnerungen herauszuziehen wären, ohne lebendige Erinnerung. Wer sich aber nicht mehr erinnert, löscht sich aus.


Noch ein kleiner Nachschlag: die NZZ berichtet, daß Demenz bereits die dritthäufigste Todesursache in der Schweiz ist.



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Dienstag, 28. August 2012

Mundraub

DIE WELT berichtet von einem Phänomen, das in Griechenland immer mehr wird: Lebensmitteldiebstahl, und zwar direkt von den Bauern und den Feldern. Zwar hätten, so die deutsche Zeitung, viele Bauern gewisses Verständnis dafür, würden sich aber nun zunehmend wehren. Fallweise hätten sich bereits bewaffnete Notwehrgemeinschaften gebildet, die ihre Höfe und Felder bewachen.

Griechische Bauern bei der Kartoffelernte (Photo: DIE WELT)
Besonders häufig sei auch der Raub von Geräten - von Wasserpumpen über Schläuche, Reifen, bis zu Öl aus den Traktoren. Zum einen durch andere Bauern, die kein Geld hätten, um das Benötigte zu kaufen, aber auch von organisierten Banden. Viele Bauern beschuldigen vor allem Zigeuner ("Roma").

An anderer Stelle berichtet die Zeitung von einem zunehmenden Versorgungsnotstand in griechischen Krankenhäusern. Medikamente seien aus Geldmangel nicht mehr überall ausreichend vorhanden, und auch wichtige Operation müßten oft aufgeschoben werden.

Ähnliches ist schon geraume Zeit auch aus Ungarn bekannt. Vor kurzem wurde deshalb dort das Recht auf Selbstschutz mit Waffen wieder erweitert. Auch hier werden in der Volksmeinung häufig die Roma* beschuldigt, die vor allem im Südwesten und Nordosten leben.

Mundraub - Diebstahl aus großer Not - ist übrigens, gemäß katholisch-naturrechtlicher Moralauffassung, keine Sünde, fällt in eine prinzipielle Kategorie mit der Notwehr, aus der heraus auch ein Krieg oder der "Tyrannenmord", also der Regierungsumsturz mit gewaltsamen Mitteln, moralisch gerechtfertigt sein kann. Und unter diesen Titel läßt sich übrigens alles zusammenfassen, was in der Demokratie permanent abläuft. Wo die Diskussion über die Legitimierung der jeweiligen Regierung nie zu einem Ende kommt und ständig neu erbracht werden muß.



* Für ganz Ungarn sollen die Zigeuner je nach Quelle geschätzte 8 (Regierung) bis 15 (Romavertreter) Prozent der Bevölkerung ausmachen. Zum Vergleich: Die Ungarn, die der Abstammung nach noch auf die Ursprungsbevölkerung des Landes, die Magyaren zurückgeführt werden, werden auf 10 Prozent geschätzt. In Griechenland leben etwa 22.000 (0,20 % der Gesamtbevölkerung) Roma.Wobei dem Verfasser dieser Zeilen ein Vertreter der Zigeuner selbst einmal erzählt hat, daß sie selbst sich als "Zigeuner" bezeichnen würden. Denn keineswegs wären sie mit der "politically correct" gewillkürten Zuordnung zu diesem Stamm - Rooma - einverstanden, es gäbe zahlreiche andere Stämme mit klaren Unterscheidungen zueinander.


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Montag, 27. August 2012

Wenn einem erst recht das Kotzen kommt

Im Kurier fand sich dieser Tage ein Artikel des Chefredakteurs. Mit dem Grundtenor, daß die Jugend doch viel besser sei, als ihr Ruf. Sie sei auch keineswegs so mutlos, wie es immer dargestellt werde. Immerhin hätten sie erst jüngst bei den Gesprächen in Alpbach, wo sich "Macht und Intelligenz" zusammenfänden, das Podium erobert. Wenn das kein Zeichen sei? Denn immerhin sei das Eine klar geworden:

Die jungen Leute von Alpbach sehen die Vorteile unseres politischen Systems, einschließlich der Sozialpartnerschaft. Sie haben ja auch davon profitiert, vom Gratis-Schulbuch bis zum Auslandsstudium. Sie erkennen auch die relativ guten Wirtschaftsdaten, die niedrigen Arbeitslosenzahlen an. Aber das reicht nicht. Den Politikern stehen sie im besten Fall ratlos gegenüber, ihre Sprache ist ihnen fremd.

Möge also doch der Geist von Alpbach über die Jungen kommen, schreibt Brandstätter, und schließt seine Wortmeldung endgültig mit dem Schrei, der durch alle Stillen dringt: 

Junge, wir brauchen euch, ihr könnt es besser!

Hätte der Verfasser dieser Zeilen in seiner längst vergangenen Jugend solch einen Artikel gelesen, ihm wäre erst recht das Kotzen gekommen, hätte er nicht bereits ausgiebig mit diesem Problem zu tun gehabt. Zumal in einem Blatt, das sich schon traditionell durch besondere Konstruktivität hervorhebt, bei allem den Blick fürs Ganze nicht verliert ... das heißt: nach dem, was dem Land dient. So ungefähr, und nicht anders, als es die anderen Blätter in diesem Land machen, die sich dieser staatstragenden Verantwortung immer bewußt blieben. Eines der Blätter, die diese neue geordneten Medienlandschaft als spezifisch amerikanisches Blatt auszeichneten, die die Besatzer nach 1945 einrenkten bzw. schufen.

Hier, in Österreich, und gewiß auch anderswo, ist ja das Denken für den großen Rahmen von besonderer und gar nicht so erstaunlich: ungebrochener Tradition. Hier, in Österreich, vielleicht aber mehr als anderswo, weiß man, daß man Wichtiges zum Gelingen der großen ideen und Konzepte beizutragen hat. Jeder. Hier, in Österreich, ganz gewiß mehr als anderswo, weiß man was man den großen übernationalen Aufgaben, den Völkerzielen und -instutionen schuldet, denen man deshalb mit besonderem Eifer beweist, zu welcher Verantwortungshöhe ein Österreicher zu steigen vermag. Und sei er schlumpiger Kurier-Redakteur. Jeder Österreicher vertritt das Ganze, dem er dient, mit Leib und Seele!

Österreich war jahrhundertelang Lehrmeister der Welt, und es wurde von seinem Gipfel heruntergewatscht. Beides hat geprägt. Hier gibt es schon aus Vererbung aber immer noch mehr Lehrer und vor allem: mehr Stellvertreter! Mehr Verantwortung. Wir sind geborene Platzhalter! Mehr und vor allem bessere Kaiser(stellvertreter), mehr Präsidenten, mehr Führer, mehr Minister als Bürger. Hier, in Österreich, gilt deshalb nach wie vor der Grundsatz ganz besonders, daß man an sich selbst vorzuzeigen habe, wie alles sein sollte. Hier weht um jedes titelbeschmückte Haupt der hehre Hauch höchster und demütigster Weltweihe und -sendung. Denn eigentlich, eigentlich sind wir ja die Besseren, wo auch immer. Und mit dieser Brille suchen wir die Weltkarte ab. Täglich. Stündlich. Auf und ab, hin und her. Damit es sich beweise.*

Und ehe wir auf den Artikel überhaupt inhaltlich eingehen, erlaube man uns auf seinen eigentlichen Bedeutungshinterhalt hinzuweisen: Wir, hier in Österreich, wir Österreicher also, haben in Alpbach den geheimen und unübertrefflichen Nabel der Welt - sieht man von den Bilderbergen ab, aber slebst deren Sekretär ist ... na? ... richtig: Österreicher, und wir wissen ja alle, daß die wahre Macht IMMER die Sekretäre haben, immer - behalten. In Alpbach, wo sich der Welt Macht und Weisheit trifft. Hier, bei uns. Wo sonst. Wo schon Wittgenstein mit Popper stritt. Wo ein vermeint entrumpftes Haupt im virtuellen Phantomschmerz zu spüren vermeinte, was Leib überhaupt sei, und dabei ... den eigenen Leib nicht sah. Es möge sich der werte Leser selber Gedanken machen, warum sich dieser Bezug hier findet. Weil ein Österreicher nämlich eben - ein Österreicher ist. Und sei er Kurier-Chefredakteur.

Vieles, vieles ließe sich sagen, die Tastatur möchte fliegen. Wir wollen uns aber zuchtvoll beschränken, es wird ohnehin noch genug werden, daran hegt der Autor dieser Seiten keinen Zweifel. Wenn er in einer Rückkehr zum zum eigentlichen Thema dieser Festhaltungen - dem nämlichen Kurier-Artikel, dem nämlichen Ausschnitt daraus - mit dem dezenten Hinweis fortsetzt, daß der Zustand des politischen Systems, die "Ratlosigkeit", mit der man seinem Funktionieren gegenüberstehe, vielleicht mit seinen "Vorteilen" ganz direkt (!) in Zusammenhang steht?

In einem Land der Rundumversorgtheit, die die Jugend so "zu schätzen weiß", der aber vielleicht genau aus demselben Geist herrührt, in dem sich das politische System so unerträglich verfilzt hat? Das es nie gewagt hat, den jungen Menschen reinen Wein über die Wirklichkeit einzuschenken, und damit nie mit der eigenen Tradition brach? Das alle Hände voll zu tun hat der Bevölkerung zu verbergen, wie jene Wirklichkeiten aussehen, die alle die Scheinwirklichkeiten, an die die Menschen glauben, um jeden Preis aufrechthalten möchten? Virtuell, wie die Reichsidee, die dann zusammenbrach, als der Glaube daran erlosch? Die die Jugend - und schwenken wir endgültig zum Konkreten - auf Wege geschickt haben und schicken, die ins Nirgendwo führen? Sodaß sie nun glaubt, es läge nicht an den Wegen, die sie gegangen sind, sondern an den anderen, die die positiven Effekte verhinderten?

Denn die Wahrheit, die es zu sagen gäbe, die ist tatsächlich vielleicht zu hart, um sie erst überhaupt einmal einzusehen, und sie dann auch noch zu sagen, denn wer könnte sie tragen? Sie würde nämlich in einem Aufgreifen des aufrufenden Tones des Kurier lauten:

Junge Menschen, wir haben Euch um Euer Menschsein betrogen!? Die Wege, die Schulen, die Pädagogik, die Vollversorgtheit - alles das war ein einziger Irrtum!? Die Werte, an die wir Euch zu glauben manipuliert haben, sie sind falsch!?

Aber noch viel viel mehr - wir haben Euch korrumpiert, bis in die letzte Haarwurzel, mit Gratis-Schulbüchern und Studienjahren in Barcelona und dem Recht auf Rundumversorgung, die Euch schlaff und selbstbezogen und vor allem: blind, nein: HÖRIG gemacht hat. Euer Leben war bisher ein einziges Durchschleusen von einer Blendkammer in die nächste.

Bis in die Wurzel? Das trifft es. Ihr seid nämlich nun entwurzelt, rumpflos Euch selbst entfremdet, auf eine Logik konditioniert, die die Welt gar nicht mehr trifft, nur noch das System - und DAMIT hängt Lebensmut vor allem zusammen, nicht mit Respektlosigkeit und Egozentrik. Ihr steht also mit leeren Händen da, wenn ihr denn noch welche hättet. Und werdet Euch alles nun selbst (und mühsamst!) aneignen müssen, was zu einem gelungenen Leben erst befähigt, werdet Euch diese Hände erst noch wachsen lassen müssen. Wenn ihr den Mangel überhaupt noch entdeckt. Freiwild, das seine Häscher selbst noch ins Recht setzt. (Übrigens: wißt Ihr, daß genau das die Problematik des Mißbrauchs ist?)

Denn wozu wir Euch ermuntert und (nicht) erzogen haben, der ganze Begriff von Staat und Gemeinschaft den wir in Euch hineingelegt haben - alles das, genau das hat Euch kaputtgemacht! Ihr seid rundweg eine belogene und betrogene und kastrierte Generation! Die nun "ermutigt" werden soll, den ganzen Wahnsinn noch zu perpetuieren und um Gottes Willen das System, das doch so "viel Gutes" gebracht hat, aufrechtzuhalten. Auch Brandstätter will ja eines Tages seine "wohlverdiente" Pension?!

Ach so, klar, er hat ja außerdem seine "dritte Säule" eingerichtet. Also den (natürlich absolut seriösen) Hedgefonds, in den er sein Erspartes (sind da Gänsefüßchen frech?) investiert hat, der muß schon bleiben, wo kommen wir denn da hin. Aber kontrolliert, klar, moralisch einwandfrei, und wie, da gibt es keine Kompromisse. Und staatlich garantiert.

Wobei, halt, wir haben da ja eine ganz anderes Terminologie, pardon:  Denn Leistung, bitte, das vergeßt nur mal nicht! Oh, der Verfasser dieser Zeilen kannte sie gut, überall und in allen Institutionen und Unternehmen, denen der Herr Bischof oder der Herr Kommerzialrat die Wangen tätschelte, weil sie scon vor dreißig Jahren so hungrig danach waren, die interne Logik mit Haut und Haar zu verkörpern. Und dann traf man sie und trifft man sie, heute, in allen Ebenen und Positionen, genau die, die man doch früher mal ... verachtet, oder eher noch: gar nicht ernst genommen hat. Wo sich die Nieten auf berührend seltsame Weise die Hand mit den "Strebern" schütteln, die es ohnehin immer gewußt haben.

Vielleicht liegt die Ratlosigkeit genau darin begründet - daß das Unbehagen mit der Art zu denken, in die sie hineingepreßt wurden, in die hinein sie verführt, von der sie existentiell abhängig gemacht wurden, zusammenhängt? Sodaß sie nie erfahren haben, daß es eine Antwort des Lebens selbst gibt, vorausgesetzt, man sucht sie, man WAGT sie, wozu es aber etwas brauchen würde, was man Euch ganz gezielt ausgeredet hat? Selbst diese Mühe braucht es nicht mehr - landauf, landab wird das Land durchgekämmt nach Talenten, nach geborenen aber übersehenen Superstars, nach Jungen, die diesen Kriterien eben entsprechen; nach Hochbegabten und Förderungswürdigen, und wer, bitte, ist nicht zumindst "hochbegabt"? Und immer noch kommt sie nicht, die Generation von Mutigen? Ja, wie Tantalus sogar, am Kaukasus festgeschmiedet, weicht das Wasser zurück, je mehr er sich zur Durstlöschung neigt?

Weil das Denken mit seinen Imperativen und Dogmen, die zum Systemerhalt notwendig sind, gar nicht mehr erreicht, was im Innersten gefühlt wird? Daß es ein riesiger Bluff ist so zu tun, als gienge ja alles ruhig so weiter - wir müssen nur die Energieversorgung nachhaltiger gestalten, den Müll trennen, besser verhüten (oder: um das eine oder andere Kind mehr in die Welt setzen, Kinderaufbewahrungsstätten selbstredend flächendeckend und allzeit da), mehr Internet integrieren und mehr Bahn fahren und mehr Rad, und mehr mitreden, egal wo, und mehr aufdecken und mehr kontrollieren, egal was, und mehr Energiesparlampen einsetzen und mehr Ausbildungszertifikate ansammeln und sich mehr für Technik interessieren (weil das "die Wirtschaft", "die Wissenschaft", erstere noch mehr die letztere, so sagt man, braucht), und vor allem! vor allem mehr Gleichberechtigung und mehr Emanzipation und mehr Impfungen zum Schutz vor HPV für die jungen Mädels, und alles ohne Gewalt (also: ohne die, die uns gerade stört) und mehr Piraten ("Besser, egal wovon, egal wie, nur: Schneller!" Längst gibt es ganze Ministerien, Mehrzahl, die sich nur noch damit befassen, was sie als nächstes abschaffen können.)

Ja was hat denn heute überhaupt noch einen Sinn, in einem Zeitalter, in dem alles längst aufgehört hat, an einen Sinn zu glauben. Das wäre ja unvernünftig.** Bis hin zur Architektur des Dekonstruktivismus, die eigentlich ja ganz genau zeigt, wo wir stehen und in welcher Atmosphäre - des vom Fliehenden zurückgelassenen Nichts - wir leben? Leben. Was ist heute nicht schon ein Herumfuchteln nach fetten Fliegen, während die Moskitoschwärme kaum noch Blut im Körper gelassen haben?

Na da stelle man sich einmal vor, es kämen die Jungen drauf, daß die Probleme, mit denen wir zu tun haben, mit dem derzeitigen System, mit den derzeitigen Denkansätzen, deshalb mit so manchen der derzeitigen "Werte", gar nicht zu lösen, bestenfalls hinauszuschieben, noch komplexer, noch kritischer und noch "alternativloser" zu machen sind?*** Daß die Ratlosigkeit damit zu tun haben könnte, daß dieses Denken nur Steigerungen des Unbehagens am Jetzt, aber keine Auswege mehr bietet? Was sonst tut man denn schon seit Jahren (nein, seit Jahrzehnten), seit sich das Ende der Fahnenstange abzeichnet? Wer, was bitte, kann diese Spannung noch lösen? Wohin soll sie sich ergießen, ohne daß sie Ernst, so richtig Ernst macht? Oder sollten wir sie nicht doch ermutigen, indem wir sie glauben machen, daß es innerhalb des Systems doch noch Spielräume gibt, wir müssen sie nur finden, daß nichts, nichts Fundamentales, sich ändern  muß, wir müssen nur den Klimawandel aufhalten?

Wer fährt denn nach Alpbach, wo sich "weise" und "mächtig" treffen? DIE Jungen? Oder sind es nicht genau die, die auch an den Wangen getätschelt werden möchten bzw. es längst wurden, weil in ihnen die Kräfte stecken, die die EDV so richtig auf Schwung bringen werden? Deren Mut vielleicht gar nur die Frechheit ist, mit der sie verlangen, endlich auch an die ultimativen Futtertröge zu kommen, immerhin beherrschen sie die Systemlogik prächtigst, wie ihre Ausbildungszertifikate "objektiv" beweisen? Der Autor dieser Zeilen kennt welche, die dorthin fuhren oder fahren - er erspart sich jeden Kommentar. Meint, er habe sie hier ausreichend in den Andeutungen kommentiert.

Junge aber, die so radikal weil original zu denken versuchen, daß sie der Systemlogik nicht entsprechen, deshalb von ihr gar nicht erkannt werden, die das System eben wirklich in Frage stellen, die wirklichen Mut haben (und den werden die Jungen sowieso brauchen), die meint Brandstätter sicher nicht. Die fahren nicht nach Alpbach. Die kann man nämlich noch weniger brauchen denn je. Denn längst rührt so gut wie jede politische Frage am Grundbestand des Systems selbst, wird schöpferische politische Gestaltung zur tödlichen Gefahr, die man zumindest mit "keine Zeit dafür" abwürgt. Und diese Systemerhaltung wird sich sogar noch deutlich radikalisieren, weil das System insgesamt immer "kritischer" wird.

Und das in einem Land - und am Schließen dieses Krieses merkt der geneigte Leser, der dem Verfasser bis hieher folgen wollte, daß der Schluß der Ausführungen naht - das keinen Leib hat, und das heißt: keinen Ort. Und das heißt: wo keiner seiner Bewohner einen solchen hat. Wo deshalb jeder jedem Todfeind wird, weil er durch das was er ist genau jenen Platz einnehmen könnte, der einem selber auf jeden Fall mehr gebührt - als Neidgenossenschaft hat einer der wenigen originellen Denker dieses Landes es deshalb einmal bezeichnet. Das deshalb mit besonderer Brutalität der Reduktion aller Lebensvorgänge auf technische Prozeduren verfallen ist. Die nur eines verlangen: Systemdenken, Denken im Rahmen der zum Betrieb erforderlichen Logik. Ethisch-moralisch geworden, sich über alle Lebensgestalten gebieterisch ausbreitend. In der Ökonomie genauso, wie im Bildungsbereich, in der Landesverteidigung wie in der Außenpolitik, in der Familienpolitik nicht weniger wie in der gesamten Rechtssprechung. Überall fehlt der eine schöpferische Kern, aus dem aber Leben erst entsteht. Dafür haben wir Sozialpartnerschaft? Gibt es ein Land, wo der wirklich Andersdenkende mehr bekämpft wird? Ich glaube nicht!****

In derselben (!) Ausgabe des Online-Kurier vom letzten Samstag zeigt sich somit völlig folgerichtig, mit welchen Zielsetzungen operiert wird, was zu erreichen die "Ermutigung" ermuntern soll (und wir nehmen die Lebenserscheinungen eben ernst, also auch den Kurier, als Gesamtgestalt) - um den 10. Platz unter jenen Ländern zu erreichen bzw. zu behalten, die der Kurier als "die reichsten im Jahr 2050" bezeichnet. Was anhand des jährlich zu steigernden und damit auch zukünftig zu erwartenden Bruttosozialprodukts gemessen wurde. (Braucht es noch die Erwähnung, daß diese Rangliste von einem anglo-amerikanischen (!) Institut erstellt wurde? Ranglisten dieser oder ähnlicher, häufig sogar fragwürdigster, grotesker Art, werden in Österreichs Medien praktisch pausenlos groß präsentiert. Vermutlich, um die Bürger zu ermutigen ...)

Ohne das aber, das sollten die Jungen ja bitte einsehen, wird es auch keine Gratisschulbücher und keine Studienjahre in Barcelona geben. Und keine Pensionen. Die angeblich größte Sorge der Jungen, wie jüngst erhoben wurde. Also, Junge, es liegt doch in Eurer Hand?! Seht, wir ersparen Euch sogar die Mühe des Älter- und Klügerwerdens, wir ersparen Euch jeden Zusammenhang von Erkenntnis und Lebenserfahrung, von Verantwortung und Weisheit - Ihr dürft in Zukunft mitentscheiden, ja wir wollen daß Ihr mitentscheidet, traut Euch, meldet Euch, BRINGT EUCH EIN! Nicht wir Älteren und Alten müßten noch wissen, wie die Welt ist. Das ist doch ohnehin so mühsam, seht nur, wo wir hingeraten sind: UNSERE Pensionen sind in Gefahr! UNSERE Welt stottert und würgt.

Man stelle sich vor - die Jungen kämen auf die Idee, daß diese heutige Welt derartig viel Verlust an Lebendigem mit sich gebracht hat, daß sie es nicht wert ist, weitergeführt zu werden. Daß es richtig und wichtig wäre, auf vieles wieder zu verzichten, vieles wieder aufzugeben, das gar nie ein "Voran" war, sondern nur ein komplexes Spiel an "noch mehr"? Erst jüngst hat auch ein Michael Haneke in einem Interview in der Presse gesagt: Man lebt mit den neuen Medien, na gut, und ist manchmal sogar gezwungen, weil sich Lebensbereiche da hinein verlagert haben und andere beleidigt wären, wenn man das nicht wahrnimmt, nicht mehr übers Handy ständig erreichbar ist. Aber ... früher ging auch alles, es ging nur anders. Der Verlust an Lebensqualität ist nämlich beträchtlich. ja es gibt sogar Stimmen (ich erwähne hier nur Rolf Kühn oder Michel Henry), die behaupten doch glatt (und der Verfasser dieser Zeilen ist derselben unmaßgeblichen Meinung) daß es keinen Weg IN diesem System mehr gibt - denn es produziert unweigerlich nur Tod.

Das ist aber nicht einmal der Anfang solcher Gedankenkreise gedacht! Da ist dann Essig, mit "Wirtschaftswachstum" und "Finanzwelt" und "BIP-Steigerung pro Kopf"! Was dann? Was mit den Schuldengebirgen? Was mit den Pensionen bei fallendem BIP und demographischer Enge - mehr Alte, weniger Junge? Was, wenn auch niemand damit mehr die Zinsen erarbeitet, auf der die Privatrente des Kurier-Chefredakteurs aufgebaut ist? Oder haben wir leicht gar diese Alternative gar nicht mehr? Und: warum?

So klingt es plötzlich ganz anders, wenn Brandstätter sagt: Junge, wir brauchen Euch! Und mit einem charmant-gönnerischen Augenblinzler hinzufügt: Ihr könnt es besser! Ja, das brauchen sie, die Jungen - Ermunterung, das Rad mitzutreten, auf daß es sich drehe und drehe und drehe. Weil es die Alten brauchen. Wörtlich. Und da haben wir sie auch schon, in Form von ein paar vorbildlichen Exemplaren. Da, in Alpbach, wo sich die Intelligenten und Mächtigen der Welt treffen, und sich nun die Jungen die Wangen tätscheln lassen. Sie werden mithelfen, daß auch ein Chefredakteur des Kurier seine wohlverdiente Pension erhält. Vielleicht sind wir ja sogar dann einmal das Land mit dem VIERThöchsten Bruttosozialprodukt pro Kopf? Ich meine - der Mars ist ja schon zum Greifen nahegerückt?

Dann, ja dann gibt es sogar noch den Gratis-iPod (oder was immer es dann geben wird) zum Schulanfang, samt Schaltstelle zum Kleinhirn, vom "Staat" per Gutschein und im Verfassungsrang garantiert, ab vollendetem 7. Lebensjahr allerdings erst, wir wollen ja pädagogisch wertvoll bleiben. Funktionäre braucht das Land! Aber bitte: kreativ! Und frei! Und leistungsbereit! Und mutig.

Man könnte sich vollends in Begeisterung reden. Da fühlt man sich mit einem mal selber wieder so richtig jung ... Was die Jugend nämlich vom Alter unterscheidet? Erstere hat noch den Willen, eine Welt zu bauen. Letzteres hat vor allem die Verlustangst zu besiegen, seine Zukunft liegt nicht mehr auf Erden.

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*(Kann sich ein Bürger des heutigen Landes Deutschland überhaupt vorstellen wie es ist, wenn das Washington Unimportant Magazin das Wort "Österreich" nur einmal versehentlich druckt? Selbst Titelseiten hiesiger Massengazetten können die Anerkennung nicht fassen, die es hierzulande bedeutet. Wenn die FAZ oder die NZZ etwas zu diesem Land zu sagen hat? Wenn ein deutscher Minister zuläßt, daß ein österreichischer Kanzler sich am selben Bild wie er abgelichtet findet? Genau, der Minister hat sogar mit ihm geredet, also: kurz vorher. Welche Rolle es hierzulande spielt, wenn sich herausstellt, daß der Urgroßvater von David Häßlichdoof, oder wie er heißt, aus dem Burgenland stammt?)

** (wobei: nützlich bleibt es, klar; fehlt nur noch, daß die Kirche Plakate aufhängt, in denen sie darauf hinweist, daß es wissenschaftlich nachweislich das BIP steigert, wenn man an einen Sinn glaubt; mit solcher Selbstbegründung begonnen hat sie ja ohnehin längst)

*** (Übrigens: hat diesen Jungen schon einmal jemand gesagt, daß sie sich im Endeffekt ihre Gratisschulbücher und Gratisschulfahrten und Barcelona-Studienjahre selber bezahlen werden müssen, weil wir das Geld dazu überhaupt nie HATTEN, nur geliehen - von IHNEN geliehen hatten? Und sie werden es bezahlen, das steht schon heute fest. Nicht "die EU", nicht "der Staat". Mit ihrem Geld und Erbe, oder gar mit dem überhaupt höchsten Gut der Zwischenmenschlichkeit, IHRER Glaubwürdigkeit. Denn unsere haben wir gar nicht mehr, ob verspielt oder ihrer beraubt tut da nichts mehr zur Sache. Und das Studium ihrer supertollen "friends" in Barcelona werden sie auch noch mit bezahlen, wir haben uns ja alle lieb, global wie wir geworden sind. Ich meine, das ist ja heute alles nicht mehr so wie früher ... Wobei es sich der Verfasser dieser Zeilen nicht verkneifen kann, zu einem Seitenhieb auf eine sehr zeitgeistige Anschauung und Pädagogikauffassung auszuholen, indem er aus konkreter, tatsächlicher Erfahrung vorhersagt, was diese Elterngeneration den Jungen dann sagen wird, nämlich: "Ihr hat es ja selber so gewollt? Ihr hattet doch die Freiheit? Ihr habt es Euch doch selber ausgesucht? Also?!" Und dide Jungen, verdattert und verdutzt, weil gefangen in den Netzen der Schizoidität, bedanken sich dann noch. Wie in Alpbach, wie im Kurier berichtet, ja geschehen. Hoch "ausgebildet", aber völlig ratlos, weil irgendwas in ihrem Leben einfach nicht auf die Reihe kommt. Die "mittleren Jungen", die, die schon erwachsen sein sollten, zeigen es längst vor. Da war doch noch was, das mit dem Glück und so, wie ging das? Gibt's da nicht einen Kurs? DEN sollte man anbieten! Palem palem, das ist doch glatt eine Geschäftsidee!? Decke Deinen Bedarf an Glück!? Schnupperkurse gratis. Entrittsschwelle niedrig halten. Marketing MBA, post graduate in Krems, mit Schwerpunkt Kommunikation.)

**** (Der Autor dieser Seiten hat vor wenigen Wochen eine Diskussionssendung im Schweizerischen Fernsehen verfolgt. Wo sich zum Thema "Zuwanderung" ein als "Philosoph" titulierter Mittdreißiger mit einer mitteljährigen Lokalpolitikerin gegenübersaßen. Die völlig konträrer Auffassung waren! Dennoch war mit jedem Satz bemerkbar, daß ein Konsens gesucht wurde, daß versucht wurde, über alle Unterschiedlichkeit ein Gemeinsames zu finden. Und diese Erfahrung hat der Autor schon mehrfach in der Schweiz gemacht. Ja, sogar der "Philosoph", der an sich völliges Auflösen staatlicher Grenzen verlangte, verstand auf versöhnlich wirkende Weise die Denkweise der Politikern.
DAS gibt es in Österreich nicht. Weil, wie ausgeführt, hier jeder des anderen Todfeind ist, weil ein Zugeben in der Sache sofort in das Spiel um Selbstbehauptung, ja ums Selbstsein mündet. Wer nicht verankert ist, wer seinen Platz auf der Welt nicht gefunden hat, der kann nie gesichert ruhen, dem ist jedes Zugeben eine existentielle Niederlage, eine Totalvernichtung. Weil alles in der Anschauung liegt - nichts im realen "Sein". Kein Schweizer, der nicht zumindest etwas Lokalpatriot ist, so links kann der gar nicht sein! Und auch bei unserem großen Bruder, Deutschland, läßt sich immer wieder staunen, mit welchem Freimut dort Debatten geführt werden. In der FAZ finden sich regelmäßig Meinungen und Artikel, für die man in Österreich geächtet und in konzertiert wirkender Aktion (!) von jedem öffentlichen Wirken ferngehalten, als "rechts/rechtsradikal" keiner Meinungsäußerung wert befunden würde. "Linkssein" geht immer ein her mit "Boden-/Leiblosigkeit". Dem Bodenlosen wird jeder, der Bodenhaftung hat, zum Feind, zum "Rechten".
Kein Österreicher deshalb, der Patriotismus in den Mund zu nehmen wagt (außer in wenigen Landstrichen, wie Tirol, wo eine ausreichend große soziologische Gruppe existiert, um den Einzelnen nicht ganz dem Solitärdasein zu überlassen), der nicht sofort in die schlimmste Kategorie des Nichtmenschseins verdammt wird; der zugleich nicht darauf angewiesen ist, daß ihm der andere doch auch ein Existenzrecht zuspricht. Wobei sich kaum jemand zu wundern braucht, denn keine Gelegenheit, bei der die österreichische Vergangenheit NICHT verleumdet wird. Wer sich aber selbst nicht respektiert, der kann das auch nicht beim anderen.
Weil eben alles Gegenwärtige auf dem Vergangenen aufruht, nur durch es überhaupt ist wie es ist, damit auch im "Guten", bewirkt eine ausgelöschte Vergangenheit eine nicht vorhandene Gegenwart - und das ist gleichbedeutend dem Tod. 
Entsprechend gibt es seit Jahrzehnten keine österreichische Außenpolitik, die auf einem "schöpferischen Ziel" der Zukunftsgestaltung gegründet war - die "Neutralität" war Vorwand, um das zu vermeiden. Aber ein Auftrag im geopolitischen Raum, wie er jedem Land zukäme, udn zwar als Pflicht? Um Gottes willen ... Welche Erlösung war es deshalb für die heimische Politik, als im Beitritt zur EU diese Last endgültig von den Schultern geworfen werden konnte. Nun mußten wir nur noch das bessere EU-Mitglied sein. Und waren auch innenpolitisch gesehen aus dem Schneider: wir vollzogen ja nur, was umzusetzen wir verpflichtet waren. Wenn das Unmut in der Bevölkerung auslöste, konnte sich jede Regierung freisprechen. Entsprechend hieß es ja 1994: Beitritt zur EU, aber ohne Wenn und Aber ... Dies hieß früher: Landesverrat.)



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Arrogante Propaganda

Immer wieder von Neuem kann man bewundernd oder gar neiderfüllt nach dem Nachbarn Tschechei blicken, deren Elite immer wieder politische Kräfte von einer freien Denkungsart hervorbringt, die einem den Eindruck vermittelt, damit verglichen in einem Umfeld psychotischer, zumindest psychisch schwer angeschlagener Narren zu leben, die die Atmosphäre des öffentlichen Lebens umso verkrampfter zu kontrollieren versuchen. Darunter deren Präsident, Vaclav Klaus, der hier schon öfter zitiert wurde. Eine der Stimmen, die einen zumindest darin bestärken, daß man vielleicht doch nicht verrückt ist, weil die eigene Meinung von der einer Staatsdoktrin gleichenden "zu habenden" so grundsätzlich abweicht. Inmitten einer Meinungslandschaft, die (selbst schon bis in die persönlichsten Beziehungen hinein, weil auch social media in vielem diesen Charakter aus sicher heraus haben) utilitaristisch nur noch aus Propaganda besteht, ob von dieser oder jener Seite.

In diesem Punkt kann dem Liberalismus - so problematisch (und im übrigen alles andere als einheitlich) manche in seinem Geist vertretene Position ist - dem Klaus gewiß zuzurechnen ist, sogar vielfach zugestimmt werden, weil er zumindest Gegenposition gegen die ideologisierte Dunstglocke bedeutet, die einem oft die Luft zum Atmen zu nehmen droht. So, wie man im Verkehr mit Amerikanern manchmal aufatmet, weil deren Selbstironie für gewisse Zeit befreiend wirkt (bis man merkt, daß er ausweglos ist, weil sich dahinter gar keine Substanz verbirgt.) 

Denn auf der Grundlage einer Menschensicht, die Leben und Wirtschaften als Vollzug lebendiger Individuen (als Darstellung) begreift, ist er noch eher akzeptabel und vernunftkompatibel, wie der kranke Utopismus, der uns hierzulande beherrscht. So sehr das ein "Bruderkrieg" ist, so deckungsgleich nämlich liberale Grundpositionen mit dem metaphysiklosen Materialismus der Gegenwart sind.

Erice (das antike Eryx) auf der Insel Sizilien
Die International Business Times bringt eine von Vaclav Klaus gehaltene Rede auf einem Kongress der World Federation of Scientists in Erice auf Sizilien gehaltene Rede. Dessen Thema das Phänomen der "Klimaerwärmung" und ihrer Behaupter war. Welche Klaus ohne Umschweife Vertreter einer Ersatzreligion nennt, die von einer Haltung erschreckender Arroganz getragen werden.


“… Als jemand, der persönlich die zentrale Planung mit dem Versuch die ganze Gesellschaft von einem einzigen Ort aus zu steuern, erlebt hatte, fühle ich mich verpflichtet, gegen die Argumente und Ziele der Gläubigen der Lehre der “Globalen Erwärmung” zu warnen.

Ihre Argumente und Ziele sind sehr ähnlich zu denen, die vor Jahrzehnten vom Kommunismus verwendet wurden. Die Arroganz, mit der die Panikmacher der globalen Erwärmung und ihre Mitläufer in der Politik und in den Medien ihre Ansichten präsentieren, ist erschreckend. Sie wollen den Markt unterdrücken, sie wollen die gesamte Gesellschaft kontrollieren, die Preise (direkt oder indirekt durch verschiedene Maßnahmen, einschließlich Steuern) diktieren, kurz sie wollen den Markt für sich „nutzen”.

Ich stimme mit Ray Evans über die Orwellsche Verwendung der Worte ‚Markt’ und ‚Preis’ überein: Damit sollen Menschen davon überzeugt werden, eine Kontrolle über ihr Leben zu akzeptieren. Alle allgemeinen wirtschaftlichen Argumente gegen solche Versuche müssen wiederholt werden. Es ist unsere Pflicht, dies zu tun.

Zum Schluss stimme ich vielen ernsthaften Klimatologen zu, die sagen, dass die Erwärmung, die wir erwarten können, sehr gering sein wird. Ich stimme Bob Carter und anderen Wissenschaftlern zu, die sagen, dass es schwierig ist “zu beweisen, dass der menschliche Einfluss auf das Klima gemessen werden kann”, weil “dieser Effekt in der Variabilität der natürlichen Klimaveränderungen verloren” geht.

Vorausgesetzt, dass es keine irrationalen Versuche gibt, die menschlichen Einwirkungen auf die globalen Temperaturen zu mindern, werden die wirtschaftlichen Verluste, die wir verbunden mit einer Erwärmung erwarten können sehr klein sein. Der Verlust in Folge eines völlig nutzlosen Kampfes gegen die globale Erwärmung würde weit größer sein…”

Mehr gibt es dazu kaum zu sagen.

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Sonntag, 26. August 2012

Vom Glauben und vom Aberglauben

Gestern Abend stand am First des Kirchendachs, auf das ich von meinem Schreibtisch aus blicke, ein junger Storch. Vermutlich schon am Weg in den Süden, hat er hier Rast gemacht. Ganz ruhig überblickte er die Stadt, machte noch bei Einbruch der Dunkelheit keinerlei Anstalten, seinen Ausguck zu verlassen. Und er dürfte auch die ganze Nacht geblieben sein. Denn heute findet sich auf den roten Ziegeln eine lange Spur seines weißen Kots.

Ich sah es als Glückszeichen, als Raunen des Lebens selbst, als Zwiegespräch mit dem Lebensquell, an dessen Tür es Besuch hielt. Denn die Wirklichkeit spricht mit uns, ja wir sind nur dort und insoweit lebendig, als wir mit ihr sprechen - und sie so SIND.

Das macht verständlich wenn es heißt, daß der Aberglaube derselben Quelle entspringt, wie der Glaube. Er ist in diesem Bezug wahr und beweist eine fundamentale religiöse Haltung. Denn Religion ist nur Religion, wenn sie diesen prinzipiellen und existentiellen Schöpfungsbezug im jeweiligen Menschen hat, weil sich in den Dingen eine Wirklichkeit "dahinter" äußert, auf die sich der Religiöse bezieht.  Jede "Konfession", jedes "Bekenntnis" ist sohin prinzipiell zu hinterfragen, wieweit es überhaupt Religion IST. Deshalb unterliegt so gut wie allen Bekenntnissen, und seien sie "Weltreligion", eine ganz anders geartete Religion in den Gläubigen.*

Die Wahrheit einer Religion entscheidet sich erst in der Gestalt dieser Wirklichkeitsdeutung. Dort liegt dann das Kriterium der Kraft und Weltumfassung, in dem Religion zur Wahrheit selbst wird, oder nicht.



*Was sich im Buddhismus vielleicht am deutlichsten zeigt. Denn als Massenphänomen "gibt" es ihn gar nicht. Die Religiosität der "buddhistischen" Völker ist bemerkenswert unbuddhistisch, zeigt sich in allen möglichen religiösen Formen. Der Buddhismus selbst versteht sich ja als Überwindung genau dieser Religiosität, und ist nur in manchen Strömungen Religion geblieben. Deren Metaphysik im übrigen aus historisch aufzeigbaren starken christlichen Einflüssen beeinflußt ist.


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Samstag, 25. August 2012

Von der Wahrscheinlichkeit eines Weltkrieges

Aus jahrzehnte, ja jahrhundertelanger Erfahrung und Beobachtung von Waldbränden im Yellowstone-Park in den USA, schreibt Mark Buchanan in "Das Sandkorn, das die Erde zum Beben bringt", zogen die Verantwortlichen erstaunliche Schlüsse: Jeden Waldbrand, den man entdeckt, sofort zu unterdrücken und zu löschen steigert nämlich die Gefahr, daß selbst kleine Entzündungsherde in einer Gesamtkatastrophe enden. Erstere sind niemals ganz zu unterdrücken, das Gesamtsystem ist zu komplex. Schon rein räumlich ist eine Totalüberwachung mit sofortiger Reaktion nicht zu gewährleisten. Und mit jedem Jahr steigt die Gefahr, daß eine solche Gesamtkatastrophe sich auch wirklich ereignet.

Also ging man dazu über, kleine Waldbrände als notwendig zu erachten, und geschehen zu lassen. Durch sie wird die sonst - durch das immer dichtere Unterholz, durch das natürliche Bewachsen von Freiflächen etc., sodaß das Gesamtsystem mehr und mehr wächst - immer dichtere Vernetzung der Waldareale unterbunden, und die Gefahr einer großen oder gar Gesamtkatastrophe SINKT.

Historische Reihenuntersuchungen für Kriege (bemessen an den Toten) haben erstaunliche Parallelen zwischen Waldbränden und Kriegen ergeben. Beide verhalten sich  nach "Potenzgesetzen". Diese besagen, daß kritische Systeme sich in Sprüngen entladen. Das Verhältnis von kleinen Auseinandersetzungen zu jeweils größeren verhält sich in jeweils gleichbleibendem Häufigkeitsfaktor. Bei Waldbränden (wie bei Kriegen): 2,5-2,8. 

Je länger dabei kein Gesamtkollaps passiert, je mehr kleine Anlässe ein System in Spannungsladung also aufnimmt bzw. abpuffert, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, daß er sich ereignet.

Kriterium ist in diesen Untersuchungen nicht die Gesamtzahl der betroffenen Bevölkerungen, wie geläufig oft gemeint wird. Sondern: Je vernetzter die Staaten und ihre Bürger untereinander sind, je größer an Wirkfaktoren das Gesamtsystem ist, desto größer wird es als "kritisches System". Die Zahlen der Opfer behalten nämlich ihre Relation zu diesem Gesamtsystem, und stehen in einem immer gleichbleibenden Verhältnis zu den Spannungsfaktoren. 

Solche kritischen Systeme bleiben aber aus ihrer Natur heraus unbeherrschbar, unvorhersehbar, weil Staaten und Bünde immer in sich Spannungen bergen, (auch: staateninterner) Friede nur relatives Gleichgewicht sein kann. Rein statistisch gesehen, steigt die Gefahr einer Gesamtkatastrophe, ja wird unausbleiblich, je komplexer solche Systeme sind.

In jedem Fall ist deshalb die Ursachenforschung für Kriege unzulänglich (weshalb Historiker ungebrochen streiten, was an jeweiligen Kriegen wirklich "Schuld" gewesen sei). Weil in solchen Systemen die Anlässe den Wirkungen so gut wie nie entsprechen.

A erzählte mir, daß vor kurzem ein New Yorker Schlauchbootfahrer, der sich verirrt hatte, direkt am JFK-Flughafen anlandete, und dort plötzlich vor den Flughafenverantwortlichen stand. Niemand hatte ihn entdeckt, und schon gar nicht am Betreten des Flughafengeländes gehindert. Der JFK gilt im Zuge der Terrorbekämpfung als "total sicher" weil "total überwacht" ...



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Realisation der Enttäuschung

Wie bestellt, weil passend zum gestrigen Beitrag über social media und Internet, veröffentlicht die Presse neueste Zahlen zur Nutzung in Österreich. Mit dem erstaunlichen Tenor, daß die Nutzung des Internet stagniert (von 72 auf 71 % der Haushalte, vergl. mit dem Vorjahr), die von social media-Plattformen (Facebook etc.) in der Nutzungsdichte aber sogar deutlich zurückgegangen ist.

Die Zahl der Nutzer sozialer Netzwerke stagniert [...]: 34 Prozent der Österreicher bewegen sich auf derartigen Plattformen. 2011 war der Anteil noch von 25 auf 33 Prozent gestiegen. Mit deutlichem Abstand am populärsten ist immer noch Facebook, auch wenn es heuer keinen Zuwachs verbuchen konnte. Die Anzahl der User ging sogar leicht zurück - von 32 auf 31 Prozent. Netlog und Xing kamen wie im vergangenen Jahr auf ein Prozent, MeinVZ erneut auf null Prozent. Der Wert von Myspace, StudiVZ und Szene1.at sank jeweils von einem auf null Prozent.

Ins Auge sticht der Rückgang der täglichen Nutzer sozialer Netzwerke. Ihre Zahl sank von 17 Prozent auf 15 Prozent, bei den 15- bis 29-Jährigen sogar von 49 auf 36 Prozent. Auch bei jenen Österreichern, die Facebook täglich verwenden, ist das Minus auffallend: Der Wert ging von 17 auf 13 Prozent zurück, bei der jungen Bevölkerung von 48 auf 35 Prozent.

Ob das auch die Nutzung der social media an sich betrifft, darf freilich bezweifelt werden. Vielmehr könnte es einfach eine Synchronbewegung zum Kursverfall der "Jahrhundertidee" Facebook sein - der social media-Nutzer ist nämlich aus seiner Isoliertheit auch nicht durch Plattformen zu retten. Und DAS wird realisiert.


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Freitag, 24. August 2012

Zeit der Scheiterhaufen

Über allem Nachdenken über Internet und Gegenwart wird mir immer gewisser, daß auch diese gesamte Internetblase bloß virtueller Natur ist. Man muß sie deshalb prinzipiell nicht fürchten, höchstens bedauern. Wir werden mehr vom Glauben an sie bewegt, als von ihr selbst! Und wir fürchten uns vor einem Phantom. Das auch als Warnung an jene gerichtet, die sich mit diesem Phänomen intensiv befassen - meist sind "Anti-"Haltungen lediglich Teil des zu bekämpfenden Phänomens selbst, in eine größere Wirklichkeit eingebettet.

Aber in diesem Enttäuschungspotential liegt auch genau die Gefahr. So wie immer, wenn sich über einen zur gesellschaftlichen Konvention ausgewachsenen Irrtum und Irrweg, eine Massenpsychose wie (nicht nur) in diesem Fall, Enttäuschung breitmacht. Dessen Anspruch aber weiterhin bzw nachwirkend dogmatisiert ist.

Und darauf arbeiten derzeit enorm viele Kräfte hin, nicht zuletzt aus wirtschaftlichem interesse, aber auch meinungsbildende Kräfte. Denn die treibenden Kräfte hinter dem Internet SIND Gruppierungen mit wirtschaftlichem Interesse, und sie sind im Maß ihres Investments, ihres Engagements an der Aufrechterhaltung bereits ans Internet existentiell gebunden. 

Dann nämlich sucht sich diese Enttäuschung andere Wege der Entladung. Sie sucht Sündenböcke, die die Entfaltung des Objekts der Enttäuschung behindert haben (könnten). 

Das ist die Zeit der Dolchstoßlegenden, die Zeit der Beschuldigungen sogar ganzer Bevölkerungsgruppen und Haltungen. Das ist die Zeit der Scheiterhaufen.



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Wirklichkeit und Zahlen

Diese Graphik der UBS überraschte vermutlich niemanden, ärgerte aber umso mehr. Wie Industrielle mit internationalen Ambitionen, und vor allem: Politiker. Sie zeigt die Entwicklung der verfügbaren Haushaltseinkommen in der Euro-Zone in den Jahren 2000 - 2010. Österreich hat demnach am deutlichsten VERLOREN, und zwar quer durch alle Einkommensschichten, am deutlichsten aber in den unteren Einkommenslagen - mit beachtlichen minus 35 % Kaufkraftverlust!

Denn UBS hat etwas sehr Vernünftiges gemacht: Das Institut hat richtigerweise angenommen, daß jeweilige Bevölkerungsteile jeweils ANDERE Produkte brauchen, und deshalb von Inflation jeweils anders betroffen sind. Denn durch die Veränderung der Produktverbrauchsstrukturen ändern sich ja auch die Produkte für den sogenannten "Warenkorb".

Wer gerade mal über die Runden kommt profitiert herzlich wenig vom Verfall der Preise für Fernreisen und Hochleistungs-Elekronik, die Gutverdiener aber umso stärker in ihren Alltag eingebaut haben. Die damit aber deutlich auf die Produktzusammensetzung des "Warenkorbs" Einfluß nehmen, wo die tägliche Milch (trotz weit höherer Preissteigerung) hingegen kaum ins Gewicht fällt. Diese solcherart nach tatsächlichen Einkäufen gewichtete Einkommen wurde mit der entsprechenden sektionellen Inflationsrate abgeglichen.

Seit kurzer Zeit gibt es ja in Österreich sogar tatsächlich auch eine dieser Tatsache besser angeglichene "zweite Inflationsrate". Sie bezieht sich auf den üblichen Wocheneinkauf, und schon hier zeigt sich regelmäßig die auch durch andere Tatsachen höchst fragwürdige Aussagekraft der "offiziellen Inflationsrate". Denn aus der Preisentwicklung der Produkte des täglichen Grundbedarfs ersieht man, warum der Bürger von der Straße seit der Euro-Einführung über exorbitante Preissteigerungen - was als "nur gefühlte Inflation" verleumdet wird - klagt, während ihm berufene und gewiß gut bezahlte und noch gewisser hochgebildete Münder erklären, daß er sich irre - die Inflationsrate sei ja viel niedriger!

"Während der vergangenen zehn Jahre hat die Inflationsungleichheit zugenommen. Güter und Dienstleistungen, die von ärmeren Haushalten angeschafft werden, haben sich tendenziell stärker verteuert als die Güter und Dienstleistungen, die von einkommensstarken Haushalten nachgefragt werden."

Tja, sieht verdammt danach aus, daß auch die Prosperität der letzten Jahre sich auf Produkte bezog, die nur noch für die oberen Einkommen von Wert sind, während der Grundaufwand, um überhaupt existieren zu können - durch Notwendigkeit von Indidivudalverkehr, Kommunikationsmitteln, etc. etc. - stieg, was die unteren Einkommensschichten geauso heftig betrifft, wie die Verteuerung der Lebensmittel, die derzeit ins Haus steht, und die zumindest zum Teil der Behebung virtueller Probleme wie Verringerung von "Klimaschädigung" durch Verheizen von hochwertigen eßbaren Pflanzen zuzuschreiben ist.

Wenn man dem noch hinzufügt, daß das Wirtschaftswachstum seit langem auf Schulden basiert - die "reicheren" Länder haben den ärmeren Geld geborgt, damit diese deren Produkte kaufen können, mit Kaufkraft aus durch "mehr Geld im Land" gestiegenen Einkommen, womit Politiker auf internationalen Konferenzen beweisen könne, welche gute, solidarische Menschen sie (mit dem Geld der Bürger) sind - könnten bemerkenswerte weitere Rückschlüsse zulässig sein.

Selbst wenn man berücksichtigt, daß UBS möglicherweise überzogen bewertet hat - von Reallohnverlusten ist schon jahrelang die Rede, nur hat es noch niemand an die große Glocke gehängt. Jetzt hat es umso mehr Brisanz, weil durch das immer stärkere Aufkommen politischer Strömungen, die Ausstieg aus dem Euro, zumindest Umbrüche im Eurosystem verlangen, die Medien gerade ansetzten, um die Bevölkerungen (ihren Eigentümern und Geldgebern zuliebe, man gönnt sich ja sonst nichts) vorzurechnen, wie jeder vom Euro profitiert habe.  Und dieselben Zeitungen, die vorgestern noch Jubelberichte brachten (ich nenne sie mal nicht beim Namen), bringen nun (wenn auch mit gewisser Verzögerung) DIESE Zahlen. Da lobe mir einer doch die Kompetenz so mancher Redaktionen ...

Um heute natürlich wieder Gegenberichte zu bringen: alles überzogen, alles nicht wahr, ja das Gegenteil sei wahr. Wobei aus der Stellungnahme der Österr. Nationalbank ein interessantes Detail auffällt: sie widerspricht nicht einfach nur der UBS, sondern versucht den Glauben an die Parameter widerherzustellen. Durch Fortführung der alten Argumentation: Der "Verbraucherpreisindex" beweise es, er habe sich nachweislich sehr moderat entwickelt. Ja mehr noch: Das Sinken der Kaufkraft (sic!) im Inland habe im übrigen Österreich im globalen Wettbewerb gestärkt! Na wer da nicht in Jubel ausbricht, und frisch gestärkt wieder zur Tagesordnung der Aufbringung der 60 %igen Abgabenquote in Österreich übergeht?

Sei's drum. In Reaktionen auf den provokanten UBS-Bericht wird nun wenigstens hier und dort über den Realitätsbezug solcher Zahlen mehr nachgedacht. Denn anders als die Politik den Menschen einreden will, sind Inflationszahlen wie "Verbraucherpreisindices" höchst fragile Wesen, mit außerordentlich geringer direkter Aussagekraft! Warum? Eben, weil sie mithilfe der Warenkorbzusammensetzung so gut wie keine Aussage über die Wirklichkeit beinhalten, sondern die vorgestellte, durchschnittliche Wirklichkeit der Ökonomen widerspiegeln, die eine rein rechnerische Größe, in der Praxis oft völlig anders zu rezipieren wäre.

Ein kleines Beispiel gefällig? Wenn man einen heutigen Herrenanzug mit einem solchen vor dreißig Jahren vergleicht, vergleicht man Äpfel mit Birnen. Noch in der Kindheit des Autors dieser Zeilen war ein solches Kleidungsensemble von einer Qualität, die für zehn oder zwanzig Jahre veranschlagt wurde. Heute wird auch "ein Anzug, schwarz", berücksichtigt. Aber vergleichen Sie mal das Produkt! Oder: Ja, bei Sonderangeboten in den unterschiedlichsten Märkten kann ein Kilo Schweinskarree tatsächlich sehr günstig erstanden werden. Aber dafür muß der Käufer 20 Kilometer Autofahrt und so manche Stunde Zeit investieren, die nicht nur niemand rechnet, nein! Die nun sogar - im Warenkorb - die Produktzusammensetzung und den Lebensstandard ändert, und das BIP kräftig steigen läßt! Denn nun gibt es: Billiges Fleisch, ein Auto, und ein Handy zusätzlich, weil die Abholung der Kinder auch noch umorganisiert werden muß. Und schon ... ergibt sich ein völlig anderes Bild. 

Das wirkliche Bild aber wäre: Das Fleisch ist in den Gestehungskosten so unverhältnismäßig teuer geworden, daß es jeder Beschreibung spottet. (Aber nicht, weil der Bauer mehr bekommt!) Und ... die Ärmsten, die, die diese Flexibilität nicht haben, die spüren das auch. Beispiele über solche komplexen Verflechtungen, aber genauso über die Möglichkeiten diese "Inflationsrate" zu manipulieren, gäbe es praktisch ohne Zahl. Die offiziellen Inflationsraten sind also bestenfalls Parameter für jene, die die Voraussetzungen bestens kennen, und nur diese beschreiben die "Inflationsraten". Und besser geht so etwas auch einfach nicht. Weite Teile der Wirtschaftsmathematik spazieren am Rande der Sinnlosigkeit.

Von Problemen einer Durchschnittsrechnung, auf die Realität angewandt, an sich soll hier gar nicht erst die Rede sein! Gerade Bezieher kleiner Einkommen haben ja z. B. das Problem, daß ihre Kaufkraft oft gar nicht dem geringeren Preis, sondern der momentan verfügbaren Liquidität zu gehorchen hat. Was, wenn das 5-Kilo-Pack Schweinefleisch etc. gar nicht ... finanzierbar ist? Oder gar nicht eingefroren, also nicht angeschafft werden kann? Dann HÄTTE man billig einkaufen können, gewiß, aber im 37-Prozent-Anteil einer pro Haushalt gerechneten Gefriertruhe kann man das nur selten einfrieren, selbst wenn diese im Preis gefallen ist und eines statistischen Wohlstand vermehrt.

Für den Normalbürger, als Aussage über das wirkliche Leben, sind solche Zahlen ohnehin leere Schlagwörter ohne jede Relevanz. Und mit einem realistischen Denkansatz ließen sich sämtliche Zahlen auseinandernehmen, die aus berufenen Mündern entfleuchend dem Bürger täglich um die Ohren fliegen.

Die meisten Kommentare der Medien sprechen bei Österreich aber immer noch von etwa 10 % Reallohnverlust in den unteren Einkommensschichten. Die Industriellenvereinigung natürlich meint, es sei überhaupt alles nicht wahr. (Ja, genau, die die nun billige Anzüge in China produzieren lassen, die uns nun vieeel billigere "Anzüge, schwarz" in den Warenkorb legen.) Die Kaufkraft habe sich sogar erhöht. Und wenn, dann seien Kaufkraftverluste auf die "ausweglose" Globalisierung zurückzuführen, nicht auf den Euro.

UBS jedenfalls noch im Fazit:

"Für die meisten, wenn nicht alle Euro-Länder war die Entscheidung, an einer dysfunktionalen Währungsunion teilzunehmen eine in wirtschaftlicher Hinsicht schlechte", schreibt Donovan. "Der Umstand, dass in einigen teilnehmenden Volkswirtschaften der Lebensstandard gefallen ist, wird dort wahrscheinlich Ressentiments und Bitterkeit gegen jene Volkswirtschaften schüren, deren Lebensstandard gestiegen ist."




Entwicklung der verfügbaren Haushaltseinkommen 2000-2010 in der Euro-Zone, nach Ländern und jeweiligen Einkommensklassen (Quelle: UBS)




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Donnerstag, 23. August 2012

Ursachen mit unvorhersehbarer Wirkung

Paul Kennedy zeigt in seinem (an sich gar nicht so empfehlenswerten) Buch "Aufstieg und Fall der großen Mächte", daß historisch gesehen technische Neuerungen keineswegs allen Beteiligten in gleichem Ausmaß zugute kommen, ja im Gegenteil: Während manche Gesellschaften, Staaten davon profitieren, geraten sie anderen - durch dieselbe Neuerung - im komplexen Wechselspiel mit Mentalitäten, Ethik, Traditionen, Absichten etc., zum Nachteil.

Die im 15. Jhd. praktizierte Einführung von Kanonen auf Hochseeseglern zum Beispiel führte zu einer dramatischen Veränderung der Macht- und zu völlig neuen Spannungsverhältnissen innerhalb und zwischen den europäischen Staaten. Obwohl alle dieselbe Technik besaßen, und sie - rein technisch gesehen - gleich anwandten! Es läßt sich auch nicht sagen, daß sie die einen oder anderen vorhersehbar stärkten, daß also die neue Technik die vorhandenen Mächte zum Beispiel bevorzugten, weil die mehr Schiffe, mehr Kapital, was auch immer hatten. Es läßt sich ... gar nichts sagen, die Wirkungen waren unvorhersehbar, so logisch nachvollziehbar sie im Nachhinein im Detail auch sind: Aber ganz Europa (und damit die ganze Welt) brach um.

Der Zustand eines Gesamtsystems mit Rückkoppelungen und Wechselwirkungen ist nicht aus Einzelwirkungen aufgebaut, sondern entwickelt sich "chaotisch".

Die Situation relativen Gleichgewichts wurde in den Auswirkungen also damals entscheidend in Richtung eines "kritischen Systems" (s.u.a. M. Buchanan) verändert. Und kritische Systeme haben die Eigenschaft, daß nicht nur der Anlaß der Wirkung gar nicht mehr direkt entspricht, daß sie unausbleiblich in Richtung "Gesamtkatastrophe" steuern, sondern daß sie unbeherrschbar werden. Schon ein für sich betrachtet kleiner Anlaß, der auch schon oft vorgekommen sein mag, kann den Kollaps des Gesamten auslösen.


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Mittwoch, 22. August 2012

Was wir sehen

Das 19min. kurzweilige Filmchen ist in einem Punkt impressive, wie R meinte, der es mir empfahl: Es zeigt, was wir wirklich sehen. Sehen wir (schlicht) mit den Augen? Oder versichern wir uns über die Augen (Sinne) nicht nur jener Daten, die wir rezipieren? Oder, um es mit Kant zu sagen: wir bekommen sinnlich nur leere Daten. Welt (und Denken) entsteht auf der Grundlage unserer Anschauungen. Ohne diese Apriori - Grundaussagen über die Welt - könnten wir nicht einen einzigen Gedanken fassen, gäbe es keine Welt. Nicht das "mehr Sehen" führt uns zu mehr Welterkenntnis, sondern das "mehr Denken", als Rückführung auf die Übereinstimmung mit diesen Grundkategorien (dem Logos), die jedem Menschen gegeben sind.

Denn noch etwas zeigt sich: Wir setzen unsere Bewegungen nicht mechanistisch, als bloßen linearen Bewegungsablauf, wo eines dem anderen folgt. Sondern wir handeln nach dem Ziel, einem Endzustand, der eine andere Wirklichkeit - DIE Wirklichkeit, das Wirkende - ausdrückt. Jede Bewegung ist ein ganzheitliches "Hinwesen" auf einen Endzustand, den man ergreift, darstellt.

Unsere Welt ist eine Welt der Wirklichkeiten, repräsentiert von den Dingen. Auf diese Wirklichkeit bezieht sich unsere Wahrnehmung.

Die Magie des Trickzauberers spielt folgerichtig nicht mit den Dingen, sondern mit unseren gewohnheitsmäßigen Interpretationen.*

Keith Barry - Brain magic




* Wie ist die Synchronizität der Bewegungen zweier "unabhängiger" Menschen zu denken? Ein österreichischer Magier hat einmal das Prinzip erklärt: Er ließ im Vorraum des Saales, durch den jeder Besucher gehen mußte, jede Menge Bilder anbringen, die auf irgendeine Weise mit Zahnbürsten zu tun hatten. Als einer der Höhepunkte seiner Show ließ er dann das Publikum "irgendeinen freigewählten Gegenstand" aufzeichnen. Die sinnliche Präsenz des Gegenstands hatte auch die gedanklich-bildliche bei den Rezipienten zur Folge. Zur Verblüffung der Leute hatten nämlich mehr als die Hälfte ... Zahnbürsten aufgezeichnet - die der Magier prompt aus seiner Tasche zog. Das zeigt das Prinzip solcher Beeinflussung, die auch während der Show - durch geschickte Wortwahl, etc. etc. - passieren kann.


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Dienstag, 21. August 2012

Postbote ohne Zustelladresse

Der 80jährige George Steiner im Gespräch im Schweizer Fernsehen: Ihm, dem notorischen Optimisten, werde Angst über die Verluste, die wir derzeit erleiden. Viele Buchhandlungen schließen, kleine Theater, die so wichtige Lebensimpulse gaben, schließen, Griechisch/Latein wird als Fach geschlossen, Philosophie wird geschlossen, selbst an großen Universitäten durch "social studies" oder "Kommunikationswissenschaften" ersetzt. So vieles werde einfach über Bord geschmissen, es sei wie eine Bücherverbrennung, die derzeit stattfinde. Nur amerikanische Universitäten seien, wegen besserer finanzieller Ausstattung, noch dabei, nach wie vor "zu sammeln".

Man werde abwarten müssen, was sich mit den neuen Leseformen verändere, die er zwar nicht benütze, denen er aber prinzipiell offen gegenüberstehe. Aber es bleibe ihm fraglich, daß iPod oder digitale Leseformen eine ähnliche Vertrautheit mit den Texten bewirke, wie es ein Buch könne. Der Umgang mit Sprache werde durch die social media so oberflächlich. Ein Text aber beginnt erst zu leben, wenn man ihn wieder und wieder her nimmt, ja ihn auswendig kann, sodaß man ihn mehr und mehr in seinen Tiefen erfassen kann, weil er zum Teil eines selbst geworden ist.

Das Argument (siehe u. a. M. McLuhan; Anm.), daß sich eine neue orale Kultur heranbilde, läßt Steiner wohl nicht ganz gelten. Diesen Schluß spricht er zwar nicht aus, man hat ihn aber als Summe seiner Aussagen vor Augen. Denn das sei ja auch ein Rückschritt - wo bleibe das geistige Erbe, an das so eine Oralität anschließe, die ja nur tradiere? WAS also wird erzählt werden? Beginnen wir von vorn? Haben wir nicht vergessen, an wie seidenem Faden unsere eigene Kultur oft hing? So, als die Langobarden nach Süden zogen, und durch einen Zufall um nur 10, 15 Kilometer an St. Gallen vorbeizogen, es also nicht zerstörten und plünderten, wie sonst alles, was sie vorfanden. Dort aber gab es von manchen antiken Schriften, auf denen wir später aufgebaut haben, nur noch das letzte, weil einzige Exemplar! Solche Güter aber haben nicht in ihr Beuteschema gepaßt, waren ihnen wertlos.

Zum Abschluß erzählt Steiner, der Wurzeln in Wien hat, einen jüdischen Witz, und er ist gewiß klug genug, um zu wissen, was er damit über sich aussagt: Gott hat endgültig genug von der Welt. All die Grausamkeiten, die Lügen, das menschliche Versagen. Also beschließt er die Welt zu ersäufen. Um aber einigen einen guten Abschluß zu ermöglichen, warnt er sie. Auch Rabbi Eisenstein. Er solle noch alle Schulden begleichen, alle Konten schließen, allen verzeihen, und um Verzeihung zu bitten. Zehn Tage gebe er ihm dafür, dann sei Schluß.

Zehn Tage, meint darauf Rabbi Eistenstein? Das ist ja noch genug Zeit um zu lernen, unter Wasser zu leben.

Sein Überlebenskonzept, so Steiner, sei immer gewesen daß er gelernt habe, unter Wasser zu atmen. Er sei nur Vermittler, Postbote der hohen Geister, nie etwas anderes gewesen. Wirken müßten die anderen.


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Sonntag, 19. August 2012

Das Gemeine der Zeit

Letztlich ist man nur im Guten man selbst. Das Schlechte, die Schwäche, gehört der Zeit. Wer die Schwächen eines Menschen kennt, kennt also nicht "ihn" besser. Er versucht nur, ihn gemein zu machen, und löscht ihn damit als Individuum aus.

Wenn ich den Adrian in "Der Odysseus" sagen lasse: "Warte nie, bis sie merken, daß auch ein Gott beim Scheißen stinkt," ist das die Reaktion auf das Bestreben der Schwachen, das Starke schwach zu machen, um den eigenen Mangel an Stärke zu verwischen.

Weil sich nur ein Gut lieben läßt, bezieht sich Liebe immer auf den eigentlichen Menschen.