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Mittwoch, 24. Oktober 2012

Auffälliges Gegenteil

90 % der Jugendlichen (14-19 Jahre) "leben online" - nahezu ihr gesamtes Leben spielt sich rund um social media ab, die soziale Stellung hängt von ihrer Medienpräsenz ab. So schreibt die Presse. Wer man sei definiere sich daraus, wieviele "friends" man auf Facebook habe. Daraus entstehe ungeheurer sozialer Druck.

Tja, vielleicht ist es genau umgekehrt. Denn mehr als der Inhalt einer Aussage ist daraus zu erfassen, was sie "an sich" ist. Vielleicht läßt sich aus Facebook (etc.) gar nicht ermessen, was jemand ist oder bedeutet, sondern nur die Beruhigung beziehen, daß er NICHT MEHR ist als ich?

Der Gedanke steigt aus einer der Leserantworten auf diesen Artikel. Wo jemand etwas Simples beschreibt, das eigenes Erleben wachruft: 

Vor 30 Jahren, schreibt der Leser, galt jemand der ständig telephonisch erreichbar war, als Stubenhocker, war unangesehen. 

Der Verfasser dieser Zeilen will das sogar noch ausbauen: Am angesehensten waren die, die NIE erreichbar waren. Denn sie haben damit ausgesagt, daß sie ständig etwas tun, aktiv sind, wirklich Freunde HABEN (und nicht nur behaupten). Und sogar die, die am wenigsten über sich aussagten, waren die Beneidetsten. Um sie blieb alles ein Geheimnis, schon gar, wenn man diese beiden Fakten kombiniert. Auf DIE war man neidisch, die sah man als Vorbild, denen maß man Stärke zu: Ihr Leben war echt, und darauf kam es an. Das hätte man auch gewollt.

Wer also im Netz "hängt", beweist allen anderen, daß er keine "Gefahr" darstellt. Er ist genauso uninteressant wie sie selber, auf Behauptungen angewiesen. Und DESHALB entsteht der Druck, sich zu beteiligen. Es ist derselbe Druck, der auch im Alltag längst erfahrbar ist: Alles, was ETWAS IST, ist fremd, ist etwas anderes, ist etwas das Widerstand leistet, das "Schmerz" verursacht, und muß deshalb beseitigt werden - und sei es durch Verleumdung, sei es durch die Veröffentlichung von "Wahrheiten", die seine Integrität aufbrechen sollen, ihn zu einem "nur so sein" fragmentieren. Ein Anderssein, das wie der Schmerz (der ein Aufruf zur Wirklichkeit ist) aber nicht überwunden, sondern ALS Schmerz verhindert werden soll. Am besten, indem man der ganzen Welt (durch "Transparenz" als Verzicht auf Integrität) ihr Eigensein generell nimmt. Denn dann müßte man sich der sehr realen Mühe der Selbstwerdung - nicht der Mühelosigkeit der "Selbst-Redung" - unterziehen.



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