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Donnerstag, 28. Februar 2013

Linien der Kontinuität (1)

Der polnische Kardinal Dziwisz, ehemaliger Privatsekretär von Johannes Paul II., hat den Rücktritt von Benedict XVI. kritisiert. Man steige nicht vom Kreuz, meinte er. So, wie es Karol Woityla so vorbildlich gemacht habe.

Es verwundert nicht, daß Dziwisz so reagiert. Denn er spürt ganz sicher, daß genau das der wunde Punkt ist, der das ganze Pontifikat des unter großem Druck von außen subito seliggesprochenen Vorgängers von Joseph Ratzinger zu einem tönernen Koloß macht. Und es steht selbst für eine ganze theologische Richtung. Die die Kirche seit Jahrzehnten, ja wohl von einem überinterpretierten 1. Vatikanischen Konzil an, gefährlich entstellt und unsichtbar macht. Das in seiner abstrakt gesehen richtigen, in seiner (v. a. durch die zunehmende Rolle der Medien) praktischen Auswirkung aber überbetonten Haltung der jeweiligen Person des Papstes gegenüber Wurzelgrund einer Theologie wurde, mit deren negativen Auswirkungen wir im Grunde heute einen Kampf auf Leben und Tod führen.

Das reicht von der popstarähnlichen Verehrung, die Johannes Paul II. durch seine Weltjugendtage sogar institutionalisierte, bis hinein in die alltägliche Wirklichkeit in den Pfarren. Und wer so wie der Verfasser dieser Zeilen der Auffassung ist, daß der Mensch in der Religion ansetzt, könnte sogar zur Meinung kommen, daß die katastrophale Gesamtentwicklung unserer Kultur zumindest auch darin ihre Wurzeln hat.

Es geht um genau das, was man Dziwisz streng genommen als häretisch, zumindest der Tendenz nach, zuschreiben muß: Um den In-eins-Fall von Amt und Person, um den (gewissermaßen: aristotelischen) Materialismus, wo die physische Wirklichkeit "alles" ist, und sich deshalb auch das Amt darin erschöpft.* Es geht um genau das, was Luther dazu bewog, am persönlichen Vertreter des Papstamtes zu verzweifeln, und weil das Denken dem Sein folgt das Amt einfach zu virtualisieren (um es in zeitgemäßen Termini auszdrücken). Es geht sogar um genau das, was das Problem von Gemeinschaften wie der Priestergemeinschaft Pius X. wurde, die aus Treue zum Papst (welchem?) dem (konkreten) Papst ungehorsam wurde. Es geht um das Verhältnis von Amt und Person. Und damit geht es um eine metaphysische Frage, die um des Verhältnisses von Form und Inhalt. Aber es geht in Folge sogar um mehr: es geht um das Verhältnis von Gnade und Natur. Und es sprechen viele Indizien dafür, daß die Sichtweise genau dieses Verhältnisses mittlerweile schwere Schlagseite erhalten hat. Die Zusammenhänge sind evident.

Versteht man die Kirche wie sie sich selbst versteht, als societas perfectas, als jenes Gesamtbild, das der Idealität der Gedanken Gottes und damit dem Schöpfungsplan (innerhalb seiner Vorsehung) entspricht, so bedeutet jeder Stand, jede Position, jedes Amt, das dem Menschen zugesprochen wird, ein Idealbild, dem er sich zu öffnen, das er in aller Historizität möglichst (also: gehorsam) darzustellen hat. Jeder Amtsträger wird also in einen bestimmten Wirklichkeitskreis hineingestellt, der ihm als Anspruch vorangeht, dem er nachzufolgen hat. Vereinfacht: als Kreuz, das jeder zu tragen hat.

Nur in einem Punkt gibt es eine Ausnahme, dem der Sakramentalität. Nur hier, und nur im Rahmen der engsten Darstellung (als: Seiendes), findet sich göttliche Idealwelt und menschlich faktische Welt untrennbar in eins gestellt. Durch die Liturgie in der Hl. Eucharistie, der Krankensalbung, oder in den Standessakramenten, der Priesterweihe, der Ehe, der Taufe und Firmung als Grundsakrament des Menschlichen selbst. Jeweils nur so, insofern die materialen Voraussetzungen gegeben sind. Das heißt auch für den Priester bei der Wandlung, daß er als Mensch "irgendwie" wollen muß, was die Kirche will, wie bei der Ehe, die die Willensentscheidung und -freiheit verlangt, anders sind vollbewußte Handlungen "als" Sakrament nicht möglich - eben, weil sie auch das Irdische mit hineinnehmen, den Himmel auf Erden verkörpern.

Kein Sakrament ist die Papstwürde. Der Papst ist im Grunde Priester, Bischof, als solcher Träger der voll ausgebildeten priesterlichen Gewalt. Die Binde- und Lösegewalt selbst, die mit dem Papstamt einhergeht und an der sämtliche Weiheträger teilhaben, ist aber kein Sakrament. Sie ist der Kirche übertragen, und sie spricht sie jemandem zu - dem gewählten Papst eben. Insofern ist diese Gewalt, das eigentliche Merkmal des Papstamtes, mit der die Verheißung der Unfehlbarkeit (bei Lehrentscheidungen im strengsten Sinn) einhergeht, von der Kirche verwaltbar, und verwaltet. Der Papst wird eben gewählt. Und selbst während der Zeit der Sedisvakanz, wie zwischen dem Tod des einen, der Wahl des nächsten Papstes, ist es ein zu erfüllender Anspruch, ist in seinem geistigen Wesen nicht "tot" oder verschwunden, sondern (sehr bildlich dargestellt) schwebt als Anspruch über der Kirche, bis sie einen Träger findet, von Menschen bezeichnet, auf dem sie sich niederläßt, der sie im Gehorsam ergreift.

Deshalb kann ein Papst sie auch wieder zurücklegen. Wie und warum auch immer, freiwillig oder unfreiwillig. Und die Kirchengeschichte hat zahlreiche Beispiele dafür, man blicke nur auf die Wirren der Spätantike oder des Mittelalters, als sich so vieles - auch und gerade in Fragen des Verhältnisses Amt und Person - noch abklären mußte.

Der jeweils gewählte Papst als Mensch hat also einen Anspruch zu erfüllen, der nicht sakramental an SEINE Person, aber abstrakt an EINE Person gebunden ist. Jene Person, die der Heilige Geist sich erwählt hat, der die Kardinäle inspiriert. Und: Gott schreibt bekanntlich auch auf krummen Zeilen gerade. Mit seinem ganzen Menschsein hat er also dafür zu sorgen, daß er diese hohe Würde darstellt, und erfüllt, was er in dieser Aufgabe, in diesem Amt zu tun hat. Entspricht er - persönlich! - dieser Würde nicht oder schlecht, und die Kirchengeschichte hat leider einige solcher Beispiele, dann erfüllt er dieses Amt nicht oder schlecht. Ist er krank, siech, körperlich bresthaft und unfähig, die aus dieser Gewalt erwachsenden Pflichten zu erfüllen, ist auch die Entfaltung dieser ihm übertragenen Gewalt beeinträchtigt.

Insofern ist die Heiligkeit eines Menschen daran zu bemessen, wieweit er für dieses jeweilige Amt (wie verflochten und komplex diese Ämter auch sind, sodaß oft enorme menschliche Klugheit gefragt ist) durchsichtig war. Wieweit er sein persönlich-faktisches Leben in den Dienst dieses Anspruchs gestellt hat. Als Papst heißt das: die Kirche zu leiten, die Brüder im Amt zu ermahnen oder zu ermutigen, zu binden und zu lösen. Deshalb können Päpste sehr real in diesem Punkt auch fehlen. Nicht in ihren letzthinnigen Lehrentscheidungen, aber in ihrer praktischen Arbeit. Auch hier ist die Kirchengeschichte trauriges Beispiel dafür, wie weit das gehen kann.

Genauso aber hat sich ein Papst sehr wohl zu fragen, ob er (oder: ob er noch) in der Lage ist, diesen sehr reale Ansprüchen zu genügen. Sei es, weil er krank, sei es, weil er aus einem anderen Grund sehr real und sehr praktisch untauglich ist. Darauf zu hoffen - machen wir ein konkretes Beispiel daraus - mangelndes Verhandlungsgeschick, fehlende Kraft um Widerständen in den Weg zu treten, würde durch das Wirken des heiligen Geistes schon ausgeglichen, ist Vermessenheit, ist, schlicht und einfach, spekulieren mit einem Wunder. Denn die Gnade setzt die Natur voraus, die Schöpfung selbst zeichnet, wenn auch in gebrochenem Licht, den Wirkwillen Gottes vor.
Karol Woityla wurde in Rekordtempo seliggesprochen. Es steht dem Verfasser dieser Zeilen nicht zu, darüber letztlich zu urteilen. Aber er kann sehr wohl eine Position dazu vertreten, und in dieser weiß er sich beileibe nicht allein. er sieht es als evident an, daß hier klare kirchen-, ja nationalkirchenpolitische Interessen im Vordergrund standen, und hält vor allem die Schnelligkeit in der das geschah für nicht klug. Denn mit dieser Seligsprechung ist natürlich eine gewisse Sanktifizierung eines gewissen kirchenpolitischen Geschehens verbunden. Nicht so sehr theologisch, als rein praktisch, faktisch. Aber wenn Papst Benedikt XVI. in "Salz der Erde" sagt, daß er bei physischer Unfähigkeit, das Amt auszuüben, zurücktreten würde, so kann der Verfasser dieser Zeilen nicht anders als dies in Zusammenhang mit ... seinen Vorgängern, oder gar nur: seinem direkten Vorgänger zu sehen.

Denn Johannes Paul II. war in Wahrheit zehn Jahre und mehr gar nicht mehr in der Lage, sein Amt auszuüben. Er war ein todkranker Mann. Der Verfasser dieser Zeilen war schon 1993 schockierter Zeuge, wie ein kaum noch des Gehens fähiger Mann von Sicherheitsbeamten durch den Petersdom regelrecht geschleift wurde. Und das in einer Zeit, in der sich, wie sich erst in den letzten Jahren herausstellte, sehr sehr reale udn brandgefährliche Probleme in der Kirche aufgestaut hatten, die in einem wahren Knall - Stichwort: Mißbrauchsaffairen - sein nachfolger auszubaden hatte. Man stelle sich nur vor, wie ein agiler, tatkräftiger Mann voll des guten Willens und voller Mut hier schon frühzeitig viel hätte verhindern können!

Machen wir es kurz: Karol Woityla hat vielleicht mehr an sich selbst als am Amt gelitten. Sein ganz subjektives, faktisches  Menschsein wurde nämlich in eins gesetzt mit dem Papstsein. Aber dieses liegt als Gnade, als Einbruch des Himmels, wie ein zweiter Körper auf dem bloßen Menschen. Und seine Aufgabe ist, diesen zweiten Körper sichtbar zu machen. Sein persönliches Leiden, seine Krankheit, tut da nichts zur Sache.

Das alles ist auch keineswegs überraschend. Karol Wojtyla hat wie in allen seinen Schriften nachzuvollziehen und in seinen Taten zu sehen war, eine kirchenpolitsche bzw. "pastorale" Linie vertreten, die für höchst bedenklich zu halten der Verfasser dieser Zeilen nicht verschweigt. Seine Amtszeit, sein Handeln stand genau in dieser Linie, die einleitend erwähnt wurde.

Und es ist eine Linie, die der Kirche heute regelrecht das Genick bricht. Weil es längst auch im Volk angekommen ist. Das landauf landab zwischen Amt und Träger, zwischen Kirche und faktischem Zustand, nicht mehr zu trennen vermag. Da wird das Grinsen des Priesters zur "erfahrbaren Liebe Gottes", und das Händeschütteln vor der Kommunion zum allseitigen Liebesakt erklärt. Die Liturgie ist nahezu verschwunden, beschränkt sich auf pausenloses Gerede, das oft den Eindruck einer Suggestion annimmt, sich das, was nicht passiert, doch wenigstens als geschehen - und wirkend - vorzustellen, und seine Wirkungen zu simulieren. Oder per Gruppentherapie "erfahrbar" (was?) zu machen.

Aber genauso, wie heute jeder Priester glaubt, er müsse Alleinunterhalter spielen, und wie ein Entertainer die Sonntagsmesse "gestalten", genauso größenwahnsinnig wurden deshalb so viele Katholiken. (Denn der Einzelne formt sich nach dem Urbild.) Denen eben diese Lehre in Fleisch und Blut überging: daß ihr faktisches Menschsein in jedem Fall Gottähnlichkeit sei. Die sich in innerlichem Krampf im Grunde selbst seligsprechen, zum Vorbild der Christenheit erheben. Und genauso hatte auch Karol Woityla das Problem mit Gratia supponit naturam**, das wird hier unumwunden ausgesprochen.

Wenn man so will: Hegelianismus. Damit wird alles, was der Fall ist, auch "heilig". Der Staat. Die Kirche wie sie ist. Der Papst, wie er an Parkinson leidet. Und diese Selbst-Heiligsprechung zieht sich wie ein grüner Faden durch die ganze Gegenwart.

Weshalb es auch überhaupt nicht wunder nimmt, wenn heute so viele "Fromme" meinen, daß alles, was ihnen zustößt, in den Glanz des Besonderen, des Außergewöhnlichen genommen ist. Die Liturgie der Gegenwart hat es sie gelehrt. Und ... ein Papst, der hinter seinem Menschsein ("de labore sole" - so hat es der Verfasser dieser Zeilen stets gedeutet) das hohepriesterliche Amt verschwinden läßt.

Die sofort davon sprechen, daß alles was sie erleben, im historischen Maßstab groß und außergewöhnlich sein muß. Weil sie selbst es ja sind. Also wurde auch Ratzinger sofort zum Superstar erhöht, wird auch sein Pontifikat - noch mehr fast als das seines Vorgängers - sofort zum "großen Pontifikat" überhöht. Denn wenn es das nicht wäre - dann wäre ihre eigene Heiligkeit beschattet. Deshalb muß auch Benedikt XVI. sofort heiliggesprochen werden, wie man mancherorts hört - und warum?

Ganz offen: weil es für die erwähnte Form der Frömmigkeit gar nicht anders geht als daß alles, womit sie zu tun haben, dem sie das Papsttum (oder die Rechtgläubigkeit etc.) zusprechen (und DAS tun sie nämlich) auch heilig ist. Die Heiligkeit des Papstes Ratzinger ist also nur Ausdruck IHRER Heiligkeit.

Ihr Hängen am Papsttum ist nicht Treue. Es ist die Forderung, die sich aus ihrer Selbsteinschätzung ergibt. Und da kann es nur verklärte Gestalten geben, mit denen sie es zu tun haben. Derselbe Grund, warum kaum noch jemand in der Kirche sein Amt ausübt, sein Amt, sondern das Konkrete, das was seine Aufgabe als Mensch wäre, der Gnade überläßt. Das ist eitle Vermessenheit, der wahre Krebsschaden der Kirche. Der sie überall niederreißt, weil das Heilige nicht mehr sichtbar wird. Nur noch die Menschen stehen da, und behaupten, sie wären die Kirche, ganz persönlich. Und ist es nicht seltsam? Dieses "Wir sind Kirche" eint alle Richtungen, die man als einander widersprechend in der Kirche bezeichnet. Es ist ein Scheinwiderspruch. Die "Konservativen" und die "Progressiven" sind nicht unterschieden. Es ist ein Streit unter denselben narzißtischen Charakteren. 

Die nirgendwo mehr ihre konkrete Aufgabe erfüllen, dem Wesen ihrer Sendung als Mensch treu bleiben, in allen Formen, Gestalten und Hierarchien. Sondern die sich über die Welt "hinwegbeten". Deshalb überall, wo man hinblickt, so katastrophales Versagen. Deshalb überall die Infragestellung fundamentalster Wahrheiten, die nur noch per ständig zu erneuernder Verordnungen halbwegs zurückgedrängt werden können, und müssen. Und Bischöfe, die das nicht tun, was sie zu tun hätten. Lieber Parallelstrukturen aufbauen, in denen sie ihre Phantasien von Frömmigkeit und Neuevangelisierung ausleben können, ohne die wirkliche Bürde ihres Amtes tragen zu müssen. Während sie das Schiff der Kirche allen überlassen, die ans Ruder drängen. Und das sind viele: Eine Kirche, in der der faktische Mensch in den Vordergrund geschoben wurde, muß zwangsläufig zum Karrieristenstadel verkommen. Und in einer solchen Kirche wird auch Gehorsam zur Hörigkeit. Oder zum frechen Ungehorsam. Denn genau dem Gehorsam, der Grundlage alles Erkennens, fehlt das Maß. Er wird in Wahrheit zur Okkupation dessen, dem man angeblich gehorcht, das aber nur dem eigenen Machtrausch dient, wird zum schizoid genutzten, infamen Feigenblatt. Vernunft verkommt zur Logorrhoe einer subjektiven Frömmlerei.





2. Teil morgen) Eine Kehrtwendung - und eine Korrektur der beiden Vatikanischen Konzile




*Die Artikelreihe über Kaiser Friedrich II. findet sich ja nicht zufällig in diesen Tagen - er hat diese Problematik in historischem Ausmaß und mit enormer Tragweite (bis in den Hegelianismus hinein) ans Tageslicht gebracht, sodaß man Thomas v. Aquins Mühen um gedankliche Klärung des Wesens der weltichen Dinge - als analogia entis, und das heißt daß jedes Ding der Welt in seiner Grundverfaßtheit eine Analogie zur Dreifaltigkeit ist, im Zueinander von Vater (Idee) und Sohn (Fleisch) im Heiligen Geist, in dem sich beide liebend umarmen - in klarem historischem Zusammenhang sehen muß.

**Die Gnade folgt der Natur, ja sie setzt sie voraus. Denn in der Schöpfung findet sich die Vernunft Gottes, ihres Hervorbringers, eingeschrieben. Deshalb ist der Heilsweg der Kirche nicht von der konkreten Gestalt zu trennen, muß der Mensch durchlässig für diese "Ideenwelt" Gottes werden. Die konkrete Gestalt der Kirche wird so zum Abbild der himmlischen Ordnung, nein, nimmt sie vorweg, macht das Himmlische als inneres Wesensgesetz der Kirche irdisch, vorzüglich in den Sakramenten, in der Liturgie. Wo Himmel und Erde einander bräutlich umarmen. Wo das Haupt die Glieder formiert.






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Ein Moment

Am Abend jenes Tages, an dem Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt erklärte, machte ein Photograph dieses Bild: Ein Blitz schlug in die Kuppel des Petersdoms. 

Ferdinand Ebner schreibt, daß sich das Wesen des Wunders nicht daraus erklärt, daß etwas passiert, das sonst nie passieren könnte. Das Wesen des Wunders liegt vielmehr in der Wirklichkeit selbst. Ein Mensch, der in der wirklichen Wirklichkeit lebt, erfährt daß sie ein einziges Wunder ist.






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Maßgebender Gott (2)

 Teil 2) Sich ein Volk heranbilden




Friedrich II. hatte es wie immer mit Staatsnotwendigkeiten begründet. Die Kassen waren auch damals leer, Friedrich verschuldet, der Krieg mit dem Papst in vollem Gang - der Deal war alternativlos. Und "imminens necessitas" war immer vorhanden, auch für alle möglichen Steuern, die immer "Ausnahmen" waren. Auch wenn Friedrich als der reichste Fürst Europas seit Karl dem Großen galt - Kapital hatte er nie angehäuft. Wurde die Lage entspannter, erließ er auch mal wieder Steuern. Immerhin waren auch seine Gegner die finanzkräftigsten Mächte der damaligen Welt: die Kirche, und die oberitalienischen Städte. Bis, ja bis ... das Land erschöpft war. Friedrich hatte mit der Welt Raubbau betrieben. Aber er hatte erstmals eine "Nation" geschaffen: Und das aus einem derartigen Völkergemisch, wie Sizilien eines war - denn nur dort war möglich, was er durchzog. Nur hier traf er auf keine stärkeren verwurzelten Gegenkräfte.

Gleichzeitig verbot er sizilischen Frauen, ohne seine Zustimmung Zugereiste zu heiraten. Denn sizilische Frauen sollten die Ehe eingehen, um ... Nachwuchs zu ziehen, so den Staat zu erhalten. Das verlangte bereits normgeprägte Männer, aber er wollte auch ein sizilisches Blut züchten, um aus diesem Blutsgemisch irgendwann ein einheitliches Volk zu erhalten.

Und das gelang: Als dreißig Jahre nach Friedrich die Franzosen - das Haus Anjou hatte sich das Land angeeignet -  vertrieben wurden, erhob sich das sizilische Volk in einem wahren Nationalrausch unter dem staufischen Adlerzeichen mit unvergleichlicher Brutalität und schlachtete in einem Blutrausch die Gallier ab. Sizilischen Frauen, die von Franzosen schwanger waren, wurden sogar die Leiber aufgeschnitten, um die fremde Frucht herauszuholen und zu zertreten.

Wer sich den Gesetzen fügte, erlangte "das ewige Heil". Wer nicht, wer auch nur kritisierte, war verdammt, und wurde schwer bestraft. Denn das Volk war der Organismus, den der Kopf zu ordnen hatte, der vom Kopf selbst lebte. Der Kaiser war die Fortführung der Inkarnation Jesu, sein Staat war Gottes Reich auf Erden. Des (gebildeten) Kaisers Vernunft war die Vernunft Gottes, er war gottunmittelbar, brauchte keinen Mittler (in Wirklichkeit auch keine Kirche), sondern er selbst war der inkarnierte, fleischliche Mittler.

Den Querverweis auf den  maßgeblichen Heiligen dieser Zeit, den Heiligen Franz von Assisi, hier einzufügen geschieht nicht ohne Hintergrund. Denn auch das Problem des Hl. Franz liegt in dieser Gottunmittelbarkeit, die die franziskanische Spiritualität kennzeichnet, und die, wenn sie nicht ihr natürliches Maß findet (Franz' "Rettung" war, daß er nie die konkrete Hierarchie anzweifelte; nur darin her er sich von so vielen Ketzerbewegungen der damaligen Zeit - aber damit fundamental - abgegrenzt, wurde seine Bewegung keine Sekte), direkt in Reformation und Renaissance mündet, und damit in der Neuzeit anlangt.






Teil 3 morgen) Das Reich Gottes auf Erden wird säkular




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Mittwoch, 27. Februar 2013

Maßgebender Gott (1)

Das Gerücht ist nicht zu besiegen - Kaiser Friedrich II. wäre ein Ausbund an Toleranz und Milde gewesen. Genau das Gegenteil ist wahr, schreibt Ernst Kantorowicz in der Biographie über den Staufer, die er verfaßt hat. Das Abendland hat weder vorher noch nachher einen derartig gewaltbereit-intoleranten Herrscher hervorgebracht. Denn kein Kaiser, so Kantorowicz, war dem Anspruch wie dem Wesen nach so schlechthin der RICHTER, wie Friedrich der II., der als Richter jahrhundertelang hindurch in der Vorstellung der Welt weitergelegt hat und dessen Wiederkehr man als Richter erwartete, als Rächer menschlicher Entartung. Ein toleranter Richter aber gleicht lauem Feuer.

Für Friedrich war er selbst Stellvertreter Gottes auf Erden. Die Widersprüchlichkeit, die sich in seinem formalen Anerkenntnis des Papstes ausdrückte, ließ er aus politischen, nie direkt ausgesprochenen Gründen bestehen.  Denn er ließ zwar die Kirche weiter wirken, offiziell, auch weil er keinen Konflikt mit der Religiosität der Bevölkerung heraufbeschwören wollte, aber er ersetzte sie. Sein Staat WAR die Ecclesia, die verwirklichte, reale Ecclesia.

Deshalb war das Gesetz, auf dem er das Staatsleben - in seinem Land vorerst, im Königreich Sizilien (mit Unteritalien bis Neapel) - aufbaute, und das von Rechtsgelehrten ausgearbeitet wurde, gleichzeitig Gesetz Gottes, denn menschliche Vernunft war auch die Vernunft die die Schöpfung regierte. Und sie war fleischlich repräsentiert im Kaiser, in seiner Person. Sein Wille war also dem Willen Gottes gleich, was er an Gesetzen erließ war auch Gottes Gesetz, dem er unmittelbar gegenüberstand. Wer ein Gesetz übertrat, beleidigte somit Gott selbst. 

Wer den Herrscher oder einen von ihm eingesetzten Beamten beleidigte oder auch nur in Frage stellte, beging einen Religionsfrevel in der Majestätsbeleidigung. Auch hier veränderte er folgerichtig grundlegend das System: die Lehensfreiheit wurde ersetzt durch von ihm bestellte, im Grunde omnipotente Beamte, die für Verstöße und Vergehen schwerst bestraft wurden. Kein Beamter durfte aus jener Gegend stammen, über die er eingesetzt wurde. Damit war sein Vermögen konfiskabel. Aber wenn sie auch 
einem gnadenlosen Kontrollsystem unterlagen - genau deshalb waren sie korrupt, wie eben typisch für eine Tyrannis.

Staat war damit gleichzeitig Ort der Religion. Folgerichtig wertete er die (zuvor nur kirchliche) Inquisition auf, ja führte sie als Staatsanliegen ein. Und verfolgte alle Ketzer in seinem Königreich Sizilien (und dann über ganz Italien, Sizilien war eine Art Normvorlage) mit brutaler Gewalt. Seine Toleranz anderen Religionen gegenüber beschränkte sich auf jene Fälle (er siedelte die sizilischen Sarazenen sogar außerhalb Siziliens an) in denen er sie für seine Machtzwecke benützen konnte.

Alles in seinem totalen Staat war Majestätsangelegenheit, alles war vom Staat zu regeln, bis in letzte Details hinein direkte staatliche Verwaltungsangelegenheit.* Von der Fischerei, bis zur Schädlingsbekämpfung. Er machte genau das, wie man sich heute oft eine "Verwaltungsreform" vorstellt: Er schaffte alle Mittlereben zwischen Bürger und Staat ab. Und damit das oft sehr komplexe Rechtsgefüge aus Rechten und Pflichten und Standesbelangen, das natürlich "lästig" war. Städte durften sich keine Stadtoberhäupter mehr setzen, die wurden vom Kaiser bestellt,  bald Klöster nicht mehr ihre Äbte, Diözesen ihre Bischöfe. Das ganze von ihm regierte Land wurde der "uniformitas" unterworfen, gleichgehobelt. Und gleichzeitig nach außen durch zahlreiche Festungen gesichert. Was sich ihm sperrte, wurde brutal überwunden.

Sein zentralistischer Staat verwandelte sich je nach Bedarf in einen total abschließbaren, "geschlossenen Handelsstaat", als mittelalterliche Stadtwirtschaft, ausgedehnt auf ein ganzes Königreich: Staatswirtschaft ging über Privatwirtschaft, was lohnend schien, wurde zum Staatsmonopol, Import/Export nach Staatsbedarf geregelt, streng überwacht, und besteuert. Vergab er Rechte, so wie den Seidenhandel an die Juden, dann gegen hohe Abgaben. Er führte eine Einheitsmünze ein, vereinheitlichte Maße und Gewichte. Bald war der Staat größter Landeigentümer, und damit Lebensmittelproduzent. Bauern, die zuwenig arbeiteten, wurde ihr Land weggenommen und jenen gegeben, die es bearbeiteten. Bald konnte niemand mehr mit den Staatsbetrieben konkurrieren, die nicht einmal Zölle zahlten, die herausholten, was herauszuholen war.

Als einmal - Kantorowicz erzählt einen konkreten Fall - in Tunesien Hungersnot ausgebrochen war, und tunesische Händler in Sizilien anlandeten, um mit genuesischem Geld Getreide von privaten Bauern zu kaufen, schickte Friedrich sofort einen arabisch sprechenden Unterhändler nach Tunis, ließ alle Häfen sperren, mit Staatsgeld sämtliches Getreibe aufkaufen, das zu kriegen war, die kaiserliche Flotte beladen und auslaufen, und gestattete dann wieder, die Häfen zu öffnen. Da war aber wohl seine Flotte bereits in Tunis angelangt. Der Staat, hatte nur mit diesem einen Handel eineinhalb Millionen Mark verdient.

Teil 2 morgen)  Sich ein Volk heranbilden





*Außer Zivilangelegenheiten, die keine staatlichen Agenden betrafen. Die waren Friedrich völlig gleichgültig. Bürger konnten oder mußten sich die Rechtsnormen für Privatstreitigkeiten selbst suchen.




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Auf den Punkt (8)

"Der Sinn des ganzen menschlichen Seelenlebens läßt sich kurz in folgender Weise bestimmen: 

Er besteht darin, durch zweckmäßige Verwendung und Verbesserung der eigenen leiblich-seelischen Ausstattung und der gegebenen Lebenslage, in angemessener Auseinandersetzung mit der jeweiligen, vermeintlich realen, Umgebung und mit dem vermeintlich realen Geschehen und Tun in der umgebenden Natur, in den umgebenden Menschen, den sozialen und kulturellen Verhältnissen trotz aller ungünstigen Schicksale und subjektiven Zustände eine bestimmte persönliche menschliche Seele stufenweise und mit zunehmender Beihilfe der eigenen Freitätigkeit so auszuzeugen und zu erweisen, daß diese Seele zugleich in eine bestimmte Lebensgemeinschaft mit anderen Wesen auf der Erde und mit den letzten Wesens- und Seinsgrund aller Wesen eingegliedert ist. 

Damit hat auch die angemessene Zuwendung zum Äußeren, die Erwerbung einer bestimmten äußeren Macht, die Ausübung bestimmter äußerer Tätigkeiten und Wirkungen, die Ausführung bestimmter äußerer Leistungen, die Erwerbung bestimmter äußerer Güter und die Vermeidung bestimmter äußerer Übel ihren verständlichen Sinn.

Als gegebene Faktoren [...] sind daher hinzunehmen die Tatsache, daß die einzelne Seele gerade diese leiblich-seelische Ausstattung mitbringt; daß sie gerade in diese besondere Umgebung auf der Erde eintritt, in der während ihres Lebens grade dieses Geschehen stattfindet; daß ihr Leib und sie selbst grade diese Schicksale erleiden und schließlich daß ihr Ich nacheinander grade diese Reihe von freitätigen Akten ausführt."


Alexander Pfänder, "Die Seele"









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Wenn das Meer kocht

Der Amerikaner Garrett McNamara bereitet mit seinem Surfbrett eine dreißig Meter hohe Welle vor der Küste Portugals, bei Nazare.




Gesehen auf thisisnthappiness



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Dienstag, 26. Februar 2013

Aussagekräftig

Man muß nicht mehr auf die Dinge reagieren. Man kann bestimmte Aspekte nachschlagen.









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Kultur stammt nicht aus Sublimation (7)

7. Teil) Der selbstverständliche Urtrieb der menschlichen Seele - 
Der Trieb zur Selbstauszeugung




Entgegen häufiger Behauptungen, daß der Mensch, so wie alles Lebendige (das ja alles auch eine Seele, wenn auch unterschiedicher Art hat), sich im bloßem "Überlebenstrieb" erklären ließe, zeigt Alexander Pfänder in "die Seele", daß dies keineswegs ausreicht, um das tatsächlich beobachtbare Verhalten der Seele aus einer Wurzel heraus zu erklären. Ja im Gegenteil. Das bloße Überleben selbst ist lediglich eines der Mittel, deren sich die Seele in ihrem Bestreben, sich zur Fülle auszuzeugen, bedient. Und es ist keineswegs das einzige oder hauptsächlichste Ziel des Menschen.

In ihm finden alle anderen Triebe ihr Maß und ihren Sinn, hier schließen sich erst und endlich die Kreise. Er befeuert das Seelenleben zu seiner Vielfältigkeit und Komplexität. Sämtliche übrigen Triebe lassen sich aus ihm heraus als Partialtriebe verstehen, die einem einzigen Gesamtziel dienen. Dem Ziel der Seele, sich ihrem Wesen gemäß in die Welt hinein zu entfalten, ins Fleisch hinein genauso, wie im Weg zu sich selbst, in der Reflexivität. Umgekehrt verlieren alle Partialtriebe - die dann als Mittel zu sehen sind - ihr Maß und ihr Ziel, wenn sie aus diesem aus sich heraus alles einenden Urtrieb heraustreten.

Geht man noch einen Schritt weiter, so läßt sich alles Lebendige in einem Stufenaufbau erfassen, wo das Physische im Psychischen integriert ist, und dieses wiederum im Geistigen, wie beim Menschen konkret, sodaß das je Höhere (als Übergeordnetes Prinzip) das je untere in sich einschließt und nach ihren Prinzipien prägt. Was heißt: Zur Vollauszeugung in gewisser Hinsicht prägen sollte, weil unausbleiblich ohnehin prägt. (S. u. a. der Entelechiegedanke bei Hans André, "Die Einheit der Natur") Es gibt den Menschen also nicht, der keine geistige Weltanschauung hätte. Es gibt aber den, der sie nicht kennt oder kennen will.

Und hier, aber auch genau hier, schließen sich somit die Kreise des Konkreten, Dinghaften, zur Metaphysik des Seins überhaupt. Denn selbstverständich fällt das menschliche Dasein, die menschliche Seele, in ihrem Wesen und in ihrem Sinn nicht aus dem Wesen und Sinn des Daseins der Welt überhaupt heraus.  Erst wenn - und in dem Maß und in der Art, wie man es tut - man das Wesen des Seins überhaupt, das Wesen aller Dinge begreift, erschließt sich auch das Wesen des menschlichen Seelenlebens, wird es verstehbar. Denn das Wesen der Welt IST Selbstauszeugung. Dieser Grundzug läßt sich allem Seienden, allen Dingen, allen Sachen letzterklärend, aber letzterhellend, beimessen. Erst wenn man weiß, versteht, was die Welt überhaupt ist und soll, versteht man auch den Menschen.

Alle, und gerade die heute geläufigsten, Erklärungsversuche und Sinnmodelle des Menschen gründen deshalb in einer Art und Weise, die Welt - das Seiende als Sein - überhaupt zu sehen. Ob sie das explizit wissen und ausdrücken, oder nicht (was am häufigsten der Fall ist). Wird hier schlampig, fehlerhaft gedacht, zerfällt alle übrige Erklärungsmöglichkeit, wird bruchstückhaft und ungenügend. Gustav Siewerth schreibt deshalb völlig zurecht, daß wenn die Ontologie der Philosophie versagt, einerseits die tiefsten Rätsel des Seins unverständlich werden (ausgehend ganz konkret vom Wesen der Dreifaltigkeit, das ohne Chance auf Verstehen bleibt), so wie sich in diesem unauflöslichem Zusammenhang aller Stufen des Denkens - wo die Erstprinzipien alle übrigen Gedanken formieren und bedingen, ja in einer gewissen Zwangsläufigkeit, Logik zueinander stehen - auch die konkreten Dinge der Welt verschließen.*

Darein reihen sich dann auch weitere Beobachtungstatsachen - wie die, daß alles was ist, auch und vor allem ein Sein für die anderen ist. Und erst in diesem "Sein für" ein "Sein für sich". Womit auch jene Grenzen berührt werden, wo der Mensch, seine Seele, selbst zum Geheimnis wird. Ohne in Irrationalität oder "Unverständlichkeit" zu versinken. 

Und damit schließt sich diese kleine Artikelserie, die natürlich nicht beansprucht, in jeder Hin- und Rücksicht ausgeführt zu sein. Sie konnte und wollte nur anreißen, zu einem kleinen Überblick zusammenfassen. Zeigen, daß hier, und genau hier, Sinn und Wesen von Kultur beginnt. Als Ausfluß wie Kontur menschlicher Gestalt, der Frucht der Selbstauszeugung der Ideen Gottes, der diese Ideen auch ist. Und in deren ohnendlicher Realität unser Personsein als Geschöpf gründet. Das im Zueinander von für-sich-Stehenden Entelechien das immer je aktuelle und darin geschichtliche Gesicht einer Kultur darstellt. Entfernt sich also eine Kultur vom Sein selbst, so fällt sie in sich zusammen. Umgekehrt lebt sie erst und nur aus der Selbstauszeugung der Menschen. Denn es gibt keine inhumane oder "andere" Kultur, so viele Scheinformen von Kultur es geben mag. Es gibt nur eine Kultur, die sich in dieser Grundwesenheit des Lebendigen verfehlt, und damit zum Tode zerfällt.

Völlig zum Gegenteil also von Freud ist Kultur kein Produkt eines Staus von Trieben "niedrigerer" Qualität zugunsten höherer Tätigkeit, sondern überhaupt nicht aus Triebstau erklärbar. Vielmehr kommt es auf das vom Ich, der zentralen Mitte her definierte Zueinander und auf die richtige, dem jeweiligen Individuum gemäße, also von Mensch zu Mensch verschieden gewichtete Entfaltung und Bewahrung vor Entartung (Maßverlust durch Loslösung vom zentralen Ich) aller Strebungen im Dienste einer zentralen Aufgabe: Der Selbstauszeugung, der Entelechie.

Kultur ist also kein Ersatzprodukt beengter quasi untermenschlicher Natur. Sie ist die Vollendung der Zielung aller Natur, auf all ihren Ebenen. Die in ihrer Entfaltung sohin graduell mehr oder weniger, je  nach Seinsstufe ausdifferenzierte, vollkommenere Abbildhaftigkeit Gottes wird. In dessen Einem, dem Sein, das alles umfängt und als Akt erhält, sie ihre Einheit findet, Ecclesia wird.






*Es gibt deshalb keine, und zwar wirklich keine Psychologie, die nicht eine Weltanschauung und eine religiöse Haltung wie Entscheidung zu ihrer Grundlage haben. Es gibt deshalb auch keine psychologische oder psychoanalytische Methode, die NICHT metaphysische Modelle und Vorentscheidungen zur ihrer Grundlage hat, und in ihrem Sinne auf eine "Lösung" hinarbeitet und ausgerichtet ist. Das zeigt das ganze Elend der heutigen praktischen Psychologie auf. Die diese Tatsache noch dazu häufig verweigert, und damit ihre eigenen Grundlagen - aus den unterschiedlichsten, selbst psychologisch untersuch- und verstehbaren Gründen - unbewußt und ununtersucht läßt. Sodaß die Psychologie in den allermeisten Fällen der Gegenwart (es gibt nur ganz wenige in dieser Hinsicht verdachtsfreie "Methoden", sofern das überhaupt Methoden sind) subjektives Mittel zu subjektiven Zwecken der Psychologen selber wird.






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Und sie hielten den Wind, das Feuer, für Götter

Töricht waren von Natur alle Menschen, denen die Gotteserkenntnis fehlte. Sie hatten die Welt in ihrer Vollkommenheit vor Augen, ohne den wahrhaft Seienden erkennen zu können. Beim Anblick der Werke erkannten sie den Meister nicht, sondern hielten das Feuer, den Wind, die flüchtige Luft, den Kreis der Gestirne, die gewaltige Flut oder die Himmelsleuchten für weltbeherrschende Götter.

Wenn sie diese, entzückt über ihre Schönheit, als Götter ansahen, dann hätten sie auch erkennen sollen, wieviel besser ihr Gebieter ist; denn der Urheber der Schönheit hat sie geschaffen. Und wenn sie über ihre Macht und ihre Kraft in Staunen gerieten, dann hätten sie auch erkennen sollen, wieviel mächtiger jener ist, der sie geschaffen hat; denn von der Größe und Schönheit der Geschöpfe läßt sich auf ihren Schöpfer schließen. Dennoch verdienen jene nur geringen Tadel. 

Vielleicht suchen sie Gott und wollen ihn finden, gehen aber dabei in die Irre. Sie verweilen bei der Erforschung seiner Werke und lassen sich durch den Augenschein täuschen; denn schön ist, was sie schauen. Doch auch sie sind unentschuldbar: Wenn sie durch ihren Verstand schon fähig waren, die Welt zu erforschen, warum fanden sie dann nicht eher den Herrn der Welt? 

(Buch der Weisheit 13,1-9)




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Montag, 25. Februar 2013

Wann ist man Terrorist?

An dieser Stelle hat der Verfasser dieser Zeilen ja bereits einmal seine Phantasie spielen lassen, und ausgesponnen, was aufgrund der technischen Einrichtung der Sicherheitsapparate, aufgrund der real vorhandenen Möglichkeiten, passieren könnte. Und, als Gesetz der Technik, auch passieren wird. Es fehlt nur daran, diese Dinge zu bestimmten Anwendungszielen zusammenzufassen.

Aber daran fehlt es eben gar nicht mehr. Nun meldet die Presse, daß die USA rechtlich intern wie völkerrechtlich abgeklärt haben, daß sie sich dazu befugt sehen, mögliche Terroristen - ohne Prozeß - durch unbemannte bewaffnete Drohnen präventiv "auszuschalten". Solche Akte seien Akte staatlicher Notwehr, und damit ethisch korrekt. Und dem Wortlaut nach wäre daran sogar etwas Wahres. Wenn man sich im Krieg befindet.

Aber wann, geneigter Leser, wurde in den letzten Jahrzehnten ein Krieg überhaupt noch erklärt? Heutzutage erklärt doch niemand mehr Krieg. Da führt man nur noch "humane Missionen" durch, oder welch edle friedensrettende Maßnahmen auch immer. Selbst wenn man in ein Land einmarschiert, oder es in Klump und Asche bombardiert. Ob das Land nun Irak heißt, Serbien, Libyen, oder Mali.

Warum nur spürt man auch hier so deutlich, daß die Einschränkungen, die man auch für diese Drohneneinsätze angibt - amerikanischer Staatsbürger, vormalige Beteiligung an terroristischen Akten etc. - praktisch belanglos, und das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben sind?

Weil wir uns doch längst in einer Situation befinden, in der schon das Anstecken einer Zigarette, ja das Haben von Meinungen die nationale Sicherheit - das Überleben des Gesamtorganismus - betrifft. So reagieren nur Organismen, die sich in höchster Gefährdung glauben, Angst haben, sie könnten auf gar keiner Substanz mehr beruhen, ließen sie die stützende, formende Hand weg. Das ist ja auch das Interessanteste dabei. Wir fühlen uns bedroht, als befänden wir uns mitten im Dauerkrieg. Nur: gegen wen? Wer oder was vermag uns so substantiell zu verunsichern? Sind wir das am Ende ... selbst?

Denn sich bedroht zu fühlen sagt noch lange nichts über die Realität einer Gefahr, sagt auch nichts über die Größe einer Bedrohung. Unsichere Menschen fühlen sich von Dingen bedroht, die anderen nicht einmal ein Aufmerken wert sind. Warum fühlt sich die westliche Welt also zunehmend so bedroht?

Vielleicht sollten wir zuerst einfach einmal den Mut aufbringen zuzugeben, daß unsere schöne moralische demokratistische, pluralistische Welt eine Welt der Scheinkonzepte und Lügen ist. Denn Lügen und Scheinwelten machen vor allem deren Vertreter unsicher. Er befindet sich in einer ständigen Bedrohungssituation, ihm wird schließlich die Wirklichkeit selbst zur Bedrohung. Und darin liegt viel Parallele zu unserem Westen. Als einem bis in verästeltste Lebensbereiche hinein schizoiden Schein- und Phantasiegerüst, das nur wirkliche politische Absichten verbergen soll, egal von welcher Seite. Die unter Umständen den Akteuren selbst gar nicht bewußt sind.

Dann erst könnte man ernsthaft über die Drohnen der USA - und deren Abwehr - zu diskutieren beginnen. Denn das sollte man.





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Goldrausch

Das Handelsblatt spricht in einem Beitrag bereits vom "Goldrausch". Und Wirtschaftsmanager, so schreibt es, bezeichnen es als "neues Gold", das herkömmliches Agieren in der Wirtschaft völlig verändern wird. Worum geht es?

Um Daten. Beinahe täglich tauchen mittlerweile Nachrichten auf, in welcher Form Daten und ihre Auswertung noch verwendbar sind. Noch sind diese Nachrichten mit einem Nebel des Staunens über das Neue umgeben. Wobei wir gewiß nur die Spitze des Eisbergs wahrnehmen. Wie immer sind die "Gefährlicheren" die, die nicht reden, sondern einfach tun.

Ein weiteres Beispiel soll illustrieren, was auf uns zukommt, wo wir bereits mitten drin sind:

Ein Nutzer mit Facebook-Account sieht sich auf einer Webseite ein Produkt an. Seine Spuren kann er natürlich nicht mehr verwischen, ab sofort ist dieses Produkt und er mit gewisser Aussage verbunden. Mann XY interessiert sich für Z. Beim nächsten Facebook-Besuch informiert das Unternehmen, für dessen Produkte sich XY interessiert hat, über das Cookie am Gerät des Benützers indirekt Facebook. Dieses wiederum schreibt ein Angebot an potentielle Lieferanten aus: Wer mehr bietet, darf auf der Seite von XY eine Anzeige schalten.

Natürlich muß man sich diese Entscheidungsroutinen, die solchen Prozessen zugrundeliegen, noch von viel komplexeren Informationen gesteuert vorstellen. Mit Stimmungs- und mathematisch enorm flexibel hochgerechneten Wahrscheinlichkeitsparametern, Verknüpfungen von Daten und Auswertungen unterschiedlichster Provenienz, die mit einer Sicherheit menschliches Verhalten (als Geneigtheit) vorhersagen können, die staunen machen könnte.** Was aber nur funktioniert, wenn der Benützer identifizierbar bleibt. So erklärt sich auch der immer aggressivere Kampf der unterschiedlichen Plattformen für social-media, ihre Teilnehmer ganz in ihren Anwendungskreisen zu behalten.




*Alles das läuft natürlich in Bruchteilen von Sekunden und rein computer-prozeßgesteuert ab, wo im Moment der Anwendung die wesentlichen Vorentscheidungen längst getroffen, die Ergebnisse nur noch die Konsequenz aus vorgefaßten Entscheidungsreaktionen sind.

**Dem Verfasser dieser Zeilen, der auf amazon häufig Bücher sucht (wieweit dies oder jenes noch erhältlich ist, etc.), wenn auch mehr sucht als kauft, fällt auf, daß die Suchresultate nicht nur die Inhalte der Bücher mit berücksichtigen, sondern mit offenbar immer exakter ausgewerteten bisherigen Suchen verknüpft werden, sodaß die ausgewiesenen Angebote immer präziser den Themenumkreis einer Suche mit erfassen - und anbieten. Erst unlängst hat er gestaunt, welche Autoren mit welchen Büchern mit angeboten wurden. Nach denen er nämlich noch nie dort gesucht hatte, die aber tatsächlich zu genau dem durch eine Suche berührten Themenkreis in genau der Richtung, die den Verfasser dieser Zeilen bewegt hatte, publiziert haben. Amazon hat offenbar mit dem Benützer-Account des Verfassers dieser Zeilen längst auch geistige Geneigtheiten zugeordnet, die sie mit den Buchinhalten (auf die amazon ja zugreift) mit mathematischer Auswertung immer raffinierter verknüpft. Denn Autoren wie Adorno mit Thomas von Aquin zu verknüpfen würde nicht auf der ersten Hand liegen. Und doch schaffen es diese Auswertungen bereits, so komplexe Gemeinsamkeiten zielgenau für den Benützer herauszufiltern. Aber wenn amazon das immer besser schafft, ist der Interessentenkreis für solche Informationen - man denke nur an Wahlprogramme, Wahlkämpfe - absehbar. Zumal wir uns längst mitten in einem hochkomplexen, aber immer erbitterter geführten Krieg befinden: Im Krieg um Meinungsbildung und -beeinflussung. Der sich schon längst nicht mehr damit begnügt, unterschiedliche Standpunkte gegeneinander abzuwägen. Sondern der nach jenen Schwachstellen im Rezipienten sucht, die diesen am zielsichersten ausheben und entwaffnen. Der Tag, an dem auch Zeitungsmeldungen nach Leser gewichtet und orientiert am Bildschirm erscheinen, dämmert längst.






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Utopie

Aus 2009) Ortega Y Gasset meint einmal sinngemäß: Entscheidend sind nun nicht mehr die großen Geschehnisse und Handlungen. Es gibt nichts mehr aufzuhalten. Entscheidend sind jene Einsamen (denn: eine Einbindung in gesellschaftliche Verantwortungen ist nicht wirklich möglich, weil andere Gesetzmäßigkeiten und Prioritäten zu wirken beginnen, wobei Y Gasset gewiß nicht meinte: Museen oder Ghettos zu bilden, denn Rezepte "gegen" Krankheiten entwickeln sich nicht ohne Kontakt zu jenen ... Y Gasset war ja fast "Aktualist"), die es noch schaffen, regenerative Brunnen zu bleiben - den Geist durchzutragen.

Nur so kann ein Verbleiben (!) in jener Barbarei, zu der alles absinkt, verhindert werden.

Y Gasset schrieb das wohl 1939 (und Solches und Ähnliches wurde in allen deutschen Auflagen seiner Werke zensiert), aber das relativiert nur für jene, die nicht so wie ich der Auffassung sind, daß wir, 2009, in der Flut des (nach 1918 nur noch logischen, weil aus der Beseitigung der kulturellen Tragestrukturen - was am Versagen der Faschismen sich zeigt - wahrscheinlich unausweichlichen) DAMALIGEN Dammbruchs der Dämonie dieser Moderne (von 1933-1945) ersaufen.




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Sonntag, 24. Februar 2013

Versuch

Wasser (Eis) hat einen umso geringeren Schmelzwiderstand, je kälter es ist.

Je mehr ein Ding es selbst ist, umso mächtiger ist sein Eros, zeugend, wie im Verlangen des Begegnenden, von ihm begattet zu werden. Je mehr ein Ding es selbst ist, umso klarer unterschieden - als anderes - steht es seiner Mitwelt gegenüber, umso größer ist sein Streben nach Einung. Deshalb streben auch die lebendigen Wesen in ihren Stufen ineinander, einander als Nahrung zu dienen, strebt die unbelebte Natur, in den Lebenskreislauf einzutreten. Und dasselbe gilt für die Stufungen innerhalb einer Dingebene, der horiziontalen Hierarchien. Jede Art ist also ihre eigene Monarchie. Um als Art vertikal wiederum Teil einer Monarchie zu sein.

Stärke, die natürlich nur eines Art gemäß sein kann, eines Wesen nach. Denn die Dinge haben an Gott nicht Anteil DURCH ihr Sein, sondern IN ihrem Sein.

Als jene Anwegung, die das andere zu sich selbst (und damit seiend, und damit ins Sein) kommen läßt, in seiner spezifischen Art zu reagieren, und es erkennend aufzunehmen, um am anderen teilzuhaben, im Bestreben, alles zu vereinen, zum Einen zu gelangen.

Und deshalb dient in der Natur das Untere dem Oberen. Denn das Untere ist dem Einen auf eine Weise näher. Wie der einfache Kohlenstoff. 

Alles Seiende gleicht sich also in gewisser Weise insofern aneinander an, als es das je andere integriert, um an seinen Eigenschaften zu partizipieren, sie aber durch sein eigenes Wesen zu verändern, zu durchdringen, sich anzueignen. Um in den Eigenschaften - sich deren Ursache zu einen, bis zur einen - dem Einen selbst, Gott, dem Sein.  Alle Dinge stehen also mit ihrem Kopf ebenso, wie mit ihren Füßen in Gott, doch auf andere Weise.

Sodaß der Eros als Geist der Liebe Gottes, des Seins, zu sich selbst verstehbar wird.

Eine Analogie zum menschlichen Erkenntnisprozeß, der sich als Wesen alles Geschöpflichen natürlich auch im Anorganischen findet.

Dazu muß das Erkennende aber wiederum es selbst sein, entwickelt, reif sein, weil nur seine Reaktionsanlagen auf allen Ebenen agieren können, um so im Seiendsein Anteil am Sein zu haben. Weil der Eigenschaftszuwachs im Erkenntnisprozeß kein summarischer Prozeß ist, sondern ein Verwandelnder. Verwandeln aber kann nur etwas, das es selbst ist.

Weshalb der Entwicklungsweg jedes Lebewesens vom Vertrauten zum je Fremderen verläuft.

So, wie in der gesamten Natur ein Stufenaufbau von den einfachsten Elementen zu den höchsten Lebewesen sich findet. Wo das einfachste Kohlenstoffatom der anorganischen Natur sich in je gewandelter Form in allem Aufbau des Lebendigen wiederfindet, seine ursprünglichsten Eigenschaften (z. B. die essentielle Bindefreudigkeit) aber nur in Analogie ihre Rolle spielen bzw. das Wesen Gottes abbildhaft darstellen.

Erst wenn der Organismus stirbt, zerfällt er, von Stufe zu Stufe, die ihr Selbstsein aufgibt, bis anorganischer Kohlenstoff am Ende übrigbleibt.






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Mysterium Religion



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Grundlage

Der Mensch ist seinem Wesen nach 2. Die Ehe ist sein Grundmodus des Seins in der Welt, schreibt Eugen Rosenstock-Huessy einmal, sein Grundverhältnis zu allen Dingen. Wo der Mensch sich nicht mehr verheiratet, kann keine Kultur mehr entstehen. Bräutlichkeit ist die einzige Gewißheit, die es gibt.


Gesehen auf everyday_i_show






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Samstag, 23. Februar 2013

Wucherungen (2)

Teil 2) Warum sie sich beeilen
ihre Schäfchen aufs Trockene zu bringen




Daß solche Menschen auch keine Beziehung zu "Steuern" haben, deshalb problemlos zu besteuern sind (womit man ihnen ja lustigerweise einen Gutteil ihres Zuviel ohnehin wieder abnimmt, allerdings mit den entscheidenden  Nebeneffekten) oder - wie bei EU-Beamten - keine Skrupel haben, Maßnahmen zu verhängen, die von Subsidiarität so weit entfernt sind wie Stanzösen von schöpferischer Arbeit, liegt somit in der Natur der Sache. Sehen sich solche Menschen doch zwangsläufig (weil im eigenen Erleben verankert, das ihnen die Struktur des "Wirklichen" vermittelt) gesellschaftliches Geschehen als Geschehen von für sich bestehenden und lenkbaren Mechanismen. Womit sie den heute gerade über "höhere" Bildung vermittelten Inhalten bestens entsprechen. Es ist im gegenständlichen Fall also conditio sine qua non, daß EU-Beamte vor allem formal höchste Qualifikationen vorweisen können.

Wie weit auch entfernt vom ursprünglichen Gedanken des Beamten, der sein Amt als Ehrenamt ansah, als Pflicht zum Dienst an der Gemeinschaft übernahm, als Priester der Reichsidee. Sodaß sich mit seiner Amtsführung ganz andere Qualitäten verbanden, als sich Menschen, die nach allen Richtungen abgesichert und von der Lebenswirklichkeit wie in Kokons eingehüllt abgepuffert sind, auch nur vorstellen können.

Man stelle sich nur vor, wie sich ein Beamter einem Staatsminister gegenüber verhält und positioniert sieht, dessen Einkommen noch deutlich unter seinem liegt. Hier drücken sich sehr reale Machtverhältnisse und konkretes Machterleben aus. Hier drückt sich sehr konkret das innere Selbstverständnis der EU aus, als Machtzentrum, das sich nicht auf Bereiche beschränkt, die im Einzelstaat nicht gelöst werden können aber - sagen wir es so - im Rahmen des Weltgefüges notwendig geworden sind, sondern das sich überhaupt als übergeordnete Instanz der Staaten überhaupt begreift.

Der Kaiser - und die EU ist und war exakt diese Instanz als Nachbildung, ein Otto von Habsburg (und einige Gründerväter der EU gleichfalls) war davon beseelt - hat sich nie als Regulator für alles und jedes verstanden. Sondern seine Aufgaben als die Aufgaben des Reiches waren klar auf jene Agenden beschränkt, die dieses Reich auch direkt betrafen: auf Verteidigung staatsübergeordneter Strukturen (wie Kirche, Religion, aber auch kontinentale Fragen, wie in der Auseinandersetzung mit Großmächten, wie großen Feinden aus anderen Kulturgefügen), und auf die Garantie der inneren Rechtssicherheit, dabei aber nicht einmal auf einzelne Rechtsinhalte, sehr wohl aber auf die allen gleichen Rechtsprinzipien (die ja wiederum in der Religion des Einzelnen gründen).

Das Reich war nie als Super-Staat zu verstehen (und wenn wurde es mißverstanden), sondern war auf eine Kultur kulturbezogen. Während die EU zielgenau dorthin strebt: zu einem josefinischen System der Zentralmacht, unter dem jeder Bürger direkt der EU gegenüber steht, Staaten nur noch Verwaltungs- und Umsetzungsorgane der Zentrale sind.

Alles das ist und war in der EU politisch gewollt und durchgesetzt, dabei in der Regel bloße Folge mangelnder geistiger Durchdringung.  Weil längst zuvor in den meisten Staaten selbst Prinzip der Politik. Wer aber die wahren Ursachen des Umstands sucht, daß unsere Wirtschafts- und Staatssysteme außer Rand und Band geraten und nicht mehr sanierbar scheinen, wer die wirklichen Ursachen selbst für die Finanzkrise sucht, die nur ausdrücken, was in den Wurzeln nicht stimmt, sollte dort ansetzen, diesen Zusammenhängen nachgehen. Er wird überrascht sein.
Aus den persönlichen Beziehungen und Formen von Arbeit und Lohn entfremdet, hinausgeschleudert in abstrakte Systeme und neue, abstrakte Werte, deren Definitionsnotwendigkeit zwangsläufig in den Händen der Systemschöpfer liegt, wurden die Arbeitenden zu manipulierbaren, technisch organisierten Massen, in denen der Einzelnen nur noch technischen, abstrakten Gebilden gegenübersteht.

Von denen eine neue und beachtliche Schichte von Funktionärseliten blendend lebt, die eifrig versucht, sich für alle Zukunft abzusichern. Und währenddessen die entindividualisierten Massen mit Scheinwohlstand und Scheinmacht am Gängelband hält, und dabei elegant mundtot macht. Wenn sie aufwachen, was nur heißen kann: wenn die Menschen zu ihrer eigenen Wahrnehmung wieder aufwachen, soll es zu spät sein. Weil das aber nur eine Frage der Zeit ist, ist Zeit wesentlichstes Material der Eliten. Denn sie stehen tatsächlich unter Zeitdruck.**







**Wenn sich aus zahlreichen Berichten und Beobachtungen über Hitler EINES mit Sicherheit sagen läßt, so ist es sein manchmal eigentümlich wirkendes Getriebensein. Carl J. Burckhart berichtet z. B. eindrücklich, wie seltsam es ihn anmutete, Hitler als jemanden zu erleben, der sich ständig unter Zeitdruck fühlte. Er ahnte, ja wußte aber, daß ihm nicht viel Zeit bleibt, daß er vor allem durch ständige Aktivität das Zusichkommen der Menschen verhindern und hinauszögern mußte. Es war sein größter, sein wirklicher Feind.

Warum "Hitler", und überhaupt an dieser Stelle: so oft Hitler? Als Faschismuskeule? Nein. Sondern weil Hitler prototypisch und erstmals in Vollgestalt das Wesen heutiger Politik und Gesellschaftspolitik verwirklichte. Wer daraus weitere Lehren ziehen möchte, sei dazu durchaus ermuntert. 





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Stellvertretung als Natur

Dieser Hinweis kommt vom Leser J. Denn  auf n-tv wird von einer nächsten Application für social media, die auf der Hand liegt. Denn es liegt nicht nur nahe, daß auf social media berichtet wird. Es liegt noch näher, daß damit gelogen wird. Eine Welt, in der niemand mehr seinen Ort hat, ist zwangsläufig eine Welt des Neids und der Behauptung.

Verquickt mit Facebook, wo sich die Meldungen wiederfinden, gaukelt nun eine Application vor, daß man sich in angesagten Lokalen der Gegend aufhält. Über die Informationsschienen, die im Netz automatisch darüber informiere, was jemand tut und wie er es bewertet (und damit empfiehlt), werden friends verständigt, daß man dort und dort sei. Ohne wirklich dort zu sein.

Damit wird es noch leichter, Aktivität, Identität und Persönlichkeit vorzutäuschen, die nicht der Realität entspricht. Das war immer aber noch mit etwas Mühe verbunden.  "CouchCachet" ist deshalb gewiß nicht die erste, und ganz sicher nicht die letzte App, die darauf abzielt, den "sozialen Status" zu erhöhen. Der Markt für Mühebeseitigung ist unerschöpflich, und ausbaubar, solange ein Mensch noch atmet. Wie wäre ein Internetdienst, der Urlaubsphotos von Strandaufenthalten in Mexico produziert, auf die man eingepfriemelt wird, ohne je einen Fuß dorthin gesetzt zu haben? Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Für social media, wo Nützer einander Dinge vortäuschen, die sie in Neid versetzen, woraufhin sie gleichfalls Dinge vortäuschen, woraufhin der erste in Neid verfällt. Am Ende eines sogenannten Kommunikationsprozesses, der in Wahrheit Krieg um Land (!) ist, bleibt nur noch Mißgunst und Haß. Und Informationsmedia, eine Technik, deren Inhalte niemand mehr ernst nimmt, weil sie beliebig manipulierbar sind.

Wen stört da noch, daß mehr als 5-7 % der Profile auf Facebook tatsächlich falsch, ein reines Täuschungsmanöver sind? Sind die anderen echter, und worin? In den Absichten unterscheiden sie sich nicht. Lediglich für Facebook selbst, als Werbeanbieter, ist das von Relevanz.

Wobei in diesem Fall etwas auffällt: Denn die Menschen "sind" ohnehin nirgendwo mehr. Also wozu noch überhaupt körperliche Präsenz, wenn diese doch nur dem Zweck dient, sie aus anderen Gründen zu melden, diese Meldung zu verwenden? Das kann doch wirklich eine Application für einen erledigen. Wer also in Zukunft per Facebook meldet, daß er an diesem oder jenem Ort war, ist insofern wahrhaftig, als er (indirekt) meldet, daß er nicht dort war, aber es gut verwenden hätte können, wenn er dort gewesen wäre. Aber weil es ihm nichts wert war, dort zu sein, war er gar nicht dort. Was die Statusmeldung durch die App beweist.

Sodaß der Zeitpunkt naht, wo Status- und Aktualitätsmeldungen auf social media Meldungen über Dinge sind, die nie stattgefunden haben. Insofern ist diese App also ein bemerkenswerter Schritt zur Wahrhaftigkeit.

Es wird allmählich kompliziert ... läuft aber mehr und mehr in die schon vor Jahren vorhergesagte Richtung: Es wird bald ein verzweifeltes Wettrennen einsetzen, den nachhaltigen Imageverlust, der mit dem Nützen von social media verbunden ist, abzuwenden. "Mit dem kann nicht viel los sein - er braucht Facebook!"

Jede Technik ist ursprünglich eine Verlängerung und Verbesserung, Erleichterung menschlicher Geste und Handlung, oder gar ihr Ersatz (wie bei Beinprothesen). Ein bestimmtes Verhalten wird abstrahiert, und verbessert dieses. Vorerst, und vor allem: nur auf einen bestimmten, eben erkannten Zweck hin orientiert.

Wird so ein technisches Hilfsmittel gewohnheitsmäßig gebraucht, beginnt sie diesen Teil im Menschen sogar zu ersetzen. Denn die wesentlichste menschliche Kraft, die der Selbstausfaltung, erschlafft, findet sich ja - besser - in die Technik gelegt. Und ab diesem Moment beginnt sie,

Aus diesem Grund hat Goethe stets das Tragen einer Brille verweigert. Er hatte recht. Jeder Brillenträger weiß, daß die Brille eine Dauerlösung ist, zu der er sich verdammt hat, sobald er sie gewohnheitsmäßig trägt. (Der Ursprung der Sehhilfe war ja überhaupt anlaßbezogene, kurzzeitige Verwendung, wie das Monokel noch zeigt.) Die Technik beginn das eigene Vermögen zu ersetzen, ja dieses erschlafft mangels Wirklichkeitsverklammerung, nur aus der kann ein Vermögen ja lebendig bleiben.

Jeder, der einen Stock trägt, weil ihn eine kurzfristige Geh- oder vielleicht krankheitsbezogene Gleichgewichtsschwäche befallen hat, erfährt, wie rasch er diesen Stock tatsächlich "braucht". Wie wenig er mit der Zeit der Benützung noch sagen kann, was überhaupt Krankheit, und was bereits dauerhafte Integration der technischen Hilfestellung ist, die sein Eigenvermögen verflüchtigt, weil ersetzt hat.* Das läßt sich überhaupt von jedem Werk sagen, das ein Mensch schafft: es ersetzt etwas an ihm, er gibt real etwas von sich weg, und zwar im Maß der Vergegenständlichung.**

Die es aber vor allem eingeschränkt hat, weil nur eingeschränkt vertritt. Aber dafür die Symbolik des technischen Apparates selbst, dessen Wirklichkeit weit über alle Zweckbestimmung hinausgeht, zur Aussage erhebt. Der technische Apparat wird zum Teil des Leibes, und verändert deshalb dessen Sein als Erkenntnisobjekt für den anderen. Die Kommunikation selbst also ändert sich sehr wohl inhaltlich. Das nicht zu meinen wäre purer Rationalismus.

Diese Gewöhnung passiert natürlich automatisch auch dort, wo Kommunikation auf Technik aufzubauen beginnt, und sei es: in bestimmten Teilbereichen. Sie ist zum einen in ihrem Ziel definiert, also der Wirklichkeit von Kommunikation heillos unterlegen, und beginnt diese Kommunikation selbst zu werden, sobald man Mitteilungs-, Auszeugungsbereiche darauf verlegt.

Was also mit jenen passiert, die ihre Identität, ihr Selbst, ihr geistiges Menschsein durch Technik stützen oder mit der Zeit aus der Natur der Sache heraus ersetzen, vermag sich der geneigte Leser selbst fortzudenken. Manche Bereiche des Lebens KÖNNEN also gar nicht technisiert werden. Weil sie sonst wegfallen. Zwischenmenschlichkeit, Kommunikation gehört dazu.







*Es ist ja von Künstlern - Schöpfern von Welten, von Werken - bekannt, daß ihr Schaffen einer Welt, in ihren Werken, sie von der "realen" umgebenden Welt entfremdet. Gleiches ist von Menschen mit ausgeprägt abstrakten Vermögen zu sagen, wie Philosophen. Sie werden oft regelrecht unfähig, mit Dingen des Alltags umzugehen. Das kann auch gar nicht anders sein. Vom Dichter sagt man überhaupt, daß er nie real erleben, verwirklichen kann, was er im Gedicht wirklich macht. Er steht vor der Wahl: Gedicht, oder reales, flüchtiges Leben. Im "privaten" Leben sind Künstler oft die unglücklichsten Menschen.

**Künstler haben nur beschränktes Schaffensvermögen. Sie "brennen aus", werden leer, wenn sie vollkommen ausgeschöpft haben, was in ihnen vorhanden war. Sie leben tatsächlich im Werk, nicht mehr als menschliche Figuren. Das ist nur noch ihre leere Hülle. Für den Menschen des Alltäglichen (bitte, man verstehe das keineswegs abwertend, sondern als lediglich in einem anderen, innerhalb der Zweckverhältnisse des Lebens befindlichen Aufgabenbezug stehend!) gibt es den schönen Begriff des "Lebenssatten". Auch hier gibt es ein Ende des Lebens, das in seinem Wesen begründet ist: weil es für diese Welt ausgeschöpft ist, die Endlichkeit als ihr Wesen hat, und im Werk Ohnendlichkeit zurückgibt - hier eine Analogie zum Schöpfungsswerk Gottes zu sehen ist sehr legitim! Im selben Zusammenhang ist zu verstehen, wenn man sagt, daß jeder Künstler nur an EINEM Werk schafft. Das alles an ihm enthält.





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Eine Geschichte




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Freitag, 22. Februar 2013

Wucherungen (1)

Die Welt veröffentlichte jüngst eine Gehaltsstatistik, aus der hervorgeht, daß es weit über 4.000 EU-Beamten in Brüssel gibt, die mehr als die deutsche Bundeskanzlerin, weitere 1.760, die mehr als der deutsche Bundespräsident, und weitere 37.400, die mehr als Bundestagsabgeordnete verdienen. Denn die Steuersätze dieses Eigengebildes EU mit seinen 45.000 Beamten liegen auch noch deutlich unter nationalen Einkommenssteuern.





Nicht eingerechnet sind dabei jede Menge "Zusatzgeräusche", Spesen und Zulagen, die für einen guten Teil der Brüsseler Beamten höhere Netto- als Bruttogehälter bedeuten, wie die Bild-Zeitung berichtet. Daß solche Entlohnung natürlich besonders niedrige Sozialabgaben und großzügige -regelungen nach sich ziehen, liegt auf der Hand.

Wie die EU selbst das sieht? Sie brauche doch die Besten. Also müsse man auch entsprechend zahlen. So kann man es auch sehen - daß die EU vor lalem jene holt, die ihren Zwecken am besten dienen. Trösten wir uns somit: über uns wachen in Brüssel tausende Staatssekretäre und Ministrable.* Und alle Mär über Politiker, die weil sie im jeweiligen Inland scheitern, nach Brüssel auf Versorgungsposten weggelobt werden - umoveatur ut amoveatur - ist pure Verleumdung. 

Was mit Menschen charakterlich passiert, die zu viel verdienen, deren Selbstwertgefühl über nicht ihrem wahren Grad des Selbstbesitzes als Mensch entsprechende Gehälter aufgetrieben wird, kann man im Alltag hinlänglich beobachten. Man braucht sich nur umzublicken. Politisch-ideologische Zielsetzungen haben die notwendige Entsprechung von Weite der Persönlichkeit und Weite der Mächtigkeit (die sich auch in Geld ausdrückt) der konkreten Lebenskreise völlig ausgehebelt. Aber hinter diesen Charakterlandschaften steht die Bewegungsmacht von 1 Billion Euro (EU-Budget), schreibt die FAZ. Das liegt der Größenwahn auf der Fensterbank. Was sollte solche Menschen hindern sich berufen zu fühlen, ganz Europa zu verändern?

Diese Erscheinungen sind natürlich keineswegs auf Brüssel beschränkt. Sie stellen sich hier nur markanter dar. Sie sind ein Krankheitsbild ganz Europas. Mit der fatalen Folge, daß der weit überwiegende Teil der Bevölkerungen Österreichs und Deutschlands zu viel verdient, während ein kleinerer Teil zu wenig oder gar viel zu wenig verdient. Denn der heutige Mensch verdankt sein Einkommen abstrahierten Rechenmodellen, nicht dem Zueinander von individueller menschlicher Gesamtwirklichkeit (auf welchem Grundsatz erst das entsteht, was "freier Markt" genannt wird).

Unser gesamtes Wirtschaftsgefüge wird bzw. wurde dadurch bis in die Branchenverteilung hinein in eine abstrakte technizistische, nicht mehr in sich stimmige Richtung verschoben. (Jüngstes Großbeispiel: Die "Energiewende".) Getrieben noch dazu von einem Verhalten, das dem von Dieben analog ist (ohne hier natürlich Menschen auf diese Weise direkt zu inkriminieren, sie sind meist nicht einmal "schuld" an ihren hohen Einkommen, nützen lediglich die Gelegenheit). 

Der Umgang mit Geld hat so mit einem Geschehen, in dem Menschen mit Bedarf in den Produkten wie in ihrer Hervorbringung schöpferischen Wirklichkeiten begegnen, nichts mehr zu tun. Sehr viel Geld wurde damit nie Eigentum in seinem eigentlichen Sinn, als gewissermaßen ausgelagerter, entsprechender Teil der Persönlichkeit, die das Außen mehr oder weniger weit ergriffen hat. Es ist Eigentum nur dem Namen nach, und muß gesetzestechnisch entsprechend abgesichert werden. Als technisches Mittel von Menschen, die lediglich die Bedienungsanleitung "Geld" gelesen und mehr oder weniger gelernt haben. Das ihnen bloß über die Anwendungsklugheit mehr Macht zur Bewegung des Außen einräumt, als ihrer Reife entspricht. Das sie deshalb als Charaktere verdirbt.

Ein Merkmal überhaupt dieser Zeit, das systematisch durch die Technik dem kleinen Geist große Hebel überantwortet. Ja, meist steckt hinter der Hauptlosung vieler - Demokratisierung - gar nicht mehr als die Unbotmäßigkeit kleiner Kinder, die nach der Fernbedienung der Welthebel schreien. Und das in ganz konkreter Weise durch die Einkommenssituation der Menschen diese in Möglichkeiten versetzt, die sich dahingehend auswirken, daß das Kleingeistige die großen Wirkungsebenen bestimmt. So, wie man einem Fünfjährigen einen Herkulesarm überläßt, mit dem dieser dann seinen Willen durchsetzen kann. Was sich darin deutlich zeigt, daß diejenigen, die die Folgen wirklich zu tragen haben, sehr wohl sehr substantiell in der Pflicht bleiben.*

Als Gegenreaktion beginnt die Politik Lüge und  Manipulation als Notwendigkeit zu sehen. Medien, die (durch die Technik umgewandelte, abstrahierte, nur noch daran schwach erinnernde) Agora der Antike, das Althing der Germanen, Nachfolge und Ersatz der Marktplätze und Bäder, werden politisch essentielle Instrumente.



Teil 2 morgen) Warum sie sich beeilen,
ihre Schäfchen aufs Trockene zu bringen




*Vielleicht interessiert den geneigten Leser in diesem Zusammenhang das im Netz kaum noch aufzutreibende weil wegen "Urheberrechtsverstößen" sorgsamst (aber doch noch nicht lückenlos) entfernte Video (bzw. über dieses Link) über die Arbeits- und Entlohnungsmoral in Brüssel.

**Das eigentliche Thema von "Atlas shrugged" von Ayn Rand, übrigens. Bei allen Fehl- und Schieflagen, die Rand's Philosophie sonst hat, drückt sich in ihren Werken genau diese (berechtigte) Wut aus. Daß in einer Zeit allgemeiner Unanständigkeit selbstverständlich und in gesetzlich bemerkenswert klar artikulierten Ausnützungs- und Enteignungsverhältnissen die immer weniger werdenden Substanzträger die Last dessen zu tragen haben, was andere in ihrem Rausch anrichten. Dabei sind sie es - auch und gerade heute - denen die Gesellschaften es verdanken, daß sie nicht abstürzen. Der Schwanz wedelt auch bei uns längst mit dem Hund. Und wenn es eine hervorstechendes Merkmal des heraufziehenden Neuzeit gibt, so ist es das, daß Fortschritt und Machtgewinn durch jene kam, die auf Anstand pfiffen, es nur verstanden, die Substanz anderer auszunützen. Napoleon ist ein illustratives Beispiel dafür. Sie sind es auch, die bedenkenlos Technik implementieren. Von der die Menschheit in ihrer Geschichte immer wußte, daß sie zum Mittel der Unanständigkeit wird, die Welt letztlich destruiert, und deshalb nur höchst vorsichtig und begrenzt einzusetzen ist. Nicht Mangel an Wissen hat den Menschen der Antike gehindert, technizistische Gesellschaften aufzubauen, sondern Mangel an Niedertracht, die Welt derartig ihres Wesens und ihrer Würde zu berauben. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Prometheus-Mythos zu lesen: nicht als Held, wie es heute meist getan wird, sondern als wahrer Übeltäter.

Diese Tendenz aber, diese in Tat umgewandelte Wut (über eine tatsächliche Ungerechtigkeit, keine Frage) bedeutet das Aufkündigen des Staatsganzen, sein wirklicher Zerfall, der ein Zerfall der Solidarität ist, des pars pro toto. Und solche Tendenzen zeigen sich heute in vielfacher Hinsicht, und an Enden, wo man es nicht vermuten würde. So im Kommentar von Robert Menasse zum Ausgang der Abstimmung über das Bundesheer in Österreich, wo sich die Bevölkerung gegen ein vorgeschlagenes Berufsheer, für die allgemeine Wehrpflicht entschied. Menasse fordert aus dem Umstand, daß sich Ältere für die Wehrpflicht, Jüngere eher für das Berufsheer entschieden, daß nunmehr auch die Älteren durch Pensionskürzungen bezahlen sollten, was die Jungen ohnehin ablehnten. Menasse hätte damit aber gewaltigen Erklärungsbedarf, was er unter Demokratie - die sonst in seinem Munde in goldenen Lettern glänzt - überhaupt versteht.

Wobei uns das aus seinem Munde eben gerade nicht überrascht. Denn Fazit seiner monatelangen (übrigens von ausreichenden Subventionen getragene) Befassung mit der EU in Brüssel selbst war eine nachlesbare Stellungnahme, in der er die EU begeistert akklammierte, ja ein bedingungsloses Ja zur Zentralisierung Europas aussprach, WEIL sie als josefinischer, aufklärerischer Überstaat auftritt. 






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Aufklärung tut not

Aufklärung kann heute nicht mehr heißen,Befreiung der Vernunft aus ihren Täuschungen, sondern Befreiung von der Täuschung, welche die Vernunft selbst ist. 

Und Vernunft als solche wäre dann Täuschung, wenn sie nur vorgeben könnte, aus sich auf ein Ganzes von Einsicht orientiert zu sein und dann auch durch sich aus dem Inbegriff von Täuschung befreit sein zu können."

(Dieter Henrich)


Es gibt sie nicht, die weltimmanente "objektive" Vernunft. Sie ist aus dem Ganzen eines Menschen, aus seiner Subjektivität, aus dem Antwortsein auf die Begegnung mit der Welt, nicht herauszulösen. Und sie ist damit nicht von der Grundhaltung eines Menschen zu trennen. Es gibt also keine Vernunft außerhalb der Wahrheit, die personal ist. Entscheidung zur Vernunft kann als nur eine personale Entscheidung sein. Nicht das ist gefährlich, sondern gefährlich ist zu meinen, es gäbe eine nicht-personale Wahrheit einer technischen, maschinellen Objektivität, die vom Personalen zu trennen sein könnte, die keine personale Qualität hat. Es gäbe Information, die nicht eingeordnet wäre in eine Gesamtsicht und -haltung zu Welt und Wirklichkeit. Die nicht auf philosophischen und noch zuvor religiösen Vorentscheidungen beruhte. Solche Informationsverarbeitung wäre leeres, sinnloses Formalspiel, wäre es überhaupt möglich. Denn schon die Entscheidung, was überhaupt Information IST, ist nur von einer Gesamtsicht her möglich.

Vernunft ist nur Werkzeug, sie bedarf eines vorgängigen „Ganzen“, auf das sie sich richtet, mehr noch: von dem und an dem sie selbst ausgerichtet wird. Der biblische Gott wird so zum befruchtenden Wider-Stand der Vernunft.

Christentum wird als Unruhe in der diesseitigen, immer gleichförmiger, immer antwortloser werdenden Kultur verstanden. Denn die Vertröstung auf das Diesseits wirkt nicht mehr; seine Schalheit ist zu offenkundig. Die allenthalben wuchernde Religiosität, [...] und die neuerdings dagegen auftretende, sich „naturwissenschaftlich“ gebende Religionskritik greifen ineinander wie Räder eines leerlaufenden Zahnrads. Dass es eine 3 500 Jahre erprobte Überlieferung gibt (Altes und Neues Testament zusammen gesehen), die gegen die Götzen (der Selbstanbetung, der Dämonie im Menschlichen, der „Naturmächte“) einen wirklichen und wirksamen Gott stellt, scheint heute eine neue Botschaft zu werden.

(Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz)





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Bildungsphilister

Aus 2009) Hugo von Hofmannsthal spricht es einmal aus: im Zuge der Mechanisierung der Arbeit hat im Gleichschritt der Bildungsprozeß das Geistige mechanisiert und unschöpferisch (in gewissem Sinn also: "unromantisch") gemacht. Der Weg dazu wurde über den Liberalismus des 19. Jhds. gebahnt. Der Gebildete ist zum Philister geworden - der Philister ist der Träger der Mechanisierung.

Damit ist der Blick der Zeit vom Ästhetischen der Romantik zum Ethischen der Moral geworden. So mußte Österreich, das an diesen Prozessen nie so ungeteilt teilgenommen hatte, in Europa, zumal neben Deutschland, in der Kette 1805 (Frankreich) - 1866 (Deutschland) - 1918 (Europa), unter die Räder kommen.



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Donnerstag, 21. Februar 2013

Ein lehrreiches Beispiel (2)

 Teil 2) Der Kollektivirrtum der Wirtschaft der 1990er Jahre




Und so konnte passieren, was in den letzten Jahren passiert ist. Neue Produkte, neue Anwendungen, neue Gewohnheiten - geprägt von anderen Anbietern, wie Apple oder Samsung - haben Dell, wie er selbst zugibt, völlig überrascht. Das ist schon deshalb ein seltsamer Widerspruch, weil es in Widerspruch zur offiziellen Firmenphilosophie stand: Auf den Markt hören, und genau das produzieren, was die Kunden wollen.

Aber das ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Denn Dell's Philosophie war keine Philosophie, sie war bestenfalls eine Strategie. Kein Markt aber wird von "Kundenwünschen" geprägt. Wer das glaubt läßt sich täuschen. Bedarf ist auch weit mehr als die Suche nach Zweckdienlichkeit. Er entwickelt sich nicht "von unten nach oben", sondern menschliches Handeln und Entscheiden ist auch heute und in allen Menschen ein schöpferischer Prozeß, der etwas Neues vor sich hinstellt. Und identitär diese Ehe des Neuen mit einem Produkt eingeht, das diese Identität darstellt.

Es ist deshalb auch ein Irrtum zu meinen, der IT-Markt wäre von Herstellern schlichtweg "gemacht". Das ist nicht so. Der IT-Markt, die social media, und alle Entwicklungen, die sich da abzeichnen, liegen in einem einzigen Strom des Gegenwartsbewußtseins. Als Zueinander mannigfaltigster Einflüsse, Haltungen und Sichtweisen und Decken von Bedürfnissen als ein Ausstrecken nach Expansion in die Mitwelt. Wer hier nicht schöpferisch mitbestimmt, und zwar egal in welche Richtung, wird sich eines Tages neben dem Flußbett finden. Dell ist in einer Zeit großgeworden, wo fast die gesamte Wirtschaft von diesem Irrtum befallen war, in einer Zeit, wo das Motto überall lautete: Sie wollen kein Produkt X. Und wir haben auch kein Produkt X. Sie wollen doch genau das, was sie wollen, und das stellen wir Ihnen her.  Er entstand in den 1980er Jahren, und beherrschte 10, 15 Jahre das Wirtschaften weltweit.

Und war natürlich nur möglich, weil die schöpferischen Momente erlahmten, Ratlosigkeit und Unsicherheit sich breit machte. Wie konkret und produktbezogen das zu sehen ist zeigt sich darin, daß es jeweils Branchen erfaßte, die sich daraufhin "umstrukturierten". Sich dabei aber in den meisten Fällen von ihrer eigenen Basis entfernten, selbstschwach wurden (sich dabei sehr konkret depersonalisierten, solche Entwicklungen haben also mit Personen zu tun, sind nicht einfach "Mechanismen", auch wenn solche mitmischen, und allmählich sogar, wie hier, das Ruder übernahmen), und damit bloßen Kapitalfunktionen zum Opfer fielen. (Ähnliche Entwicklungen gibt es auch heute, die Film- und Fernsehbranche zeigt es im Moment vor.*)

Und hat enormen Schaden angerichtet, weil sich viele von dieser angeglichen Wahrheit, der nur ein Mythos war, einschüchtern ließen. Ganz gewiß in Zusammenhang mit gewisser Ratlosigkeit und Selbstunsicherheit, an der die Politik in ihrem unermeßlichen Geldhunger maßgeblichen Anteil hatte. Vor allem hat er eine Art von Geschäftsleuten auf den Plan gerufen, die sich keine Wirtschaft wünscht. Geschäftsleute, die keine Substanz haben.

Denn damit fiel das Wesentliche am Kaufakt weg - daß auch er ein (selbst)schöpferischer Akt ist, der sich in der Zustimmung manifestiert. Wird er zu einer profanen Zweckentsprechung, bleibt bestenfalls die Ratio, die diese Entsprechung feststellt. Aber es bleibt ein seltsam schaler Geschmack, der durch viele Unternehmen lediglich durch noch weitere rationale Kaufanreize (oft ist es lediglich der Preis) zu übertölpeln, vergessen zu machen versucht wird. 

Das, was den Menschen überhaupt treibt, über sein Wirtschaften (als Käufer wie Verkäufer) Einung mit der Welt des Seins herzustellen und zu schaffen ist eben: schöpferisch. Aber anders als heute oft vermeint bedeutet das nicht, gezielt "anders" zu sein, und das wäre dann auch Eigenauszeugung. Es bedeutet Vorhandenes zu integrieren, das durch diesen Integrationsakt zu einem Neuen wird. Erst damit, durch die Erweiterung, die Bereicherung DURCH ein Ding selbst, wird das menschliche Selbst weiter ausgefaltet. Es entfaltet sich nicht "aus sich", indem es seine Welt völlig neu entwirft. Nicht auf diese Weise, und nur dort, wo spezifisches Entwerfen tatsächlich in einem bestimmten Menschen in bestimmter Situation ausfließt - dann wird er Computerhersteller, um es einfach zu sagen. 

Ohne Vorhandenes, ohne klare Produktidentität, ist dieser schöpferische Akt, das Wesen des Verkaufsakts, aber gar nicht möglich. Wenn damit in bestimmten Phasen dennoch Erfolge erzielt werden - wie es bei Dell einige Jahre der Fall war - so nur, weil eine bestimmte rationale Täuschung herrschte, man wirklich glaubte, daß das das Wesen menschlichen Selbstseins wäre. Aber die Stimme des Erlebens hat sich mit der Zeit durchgesetzt. Nicht die Käufer entwickelten ein iPad, und Dell hätte es ihnen ja sogar produziert. Sondern Apple. Das zeigt am deutlichsten, was hier darzustellen versucht wird.

Niemand kauft ein Produkt, weil es einen Zweck erfüllt. Niemand kauft ein Produkt, weil er zuvor seinen Bedarf in Funktionen umbricht, und genau diese erfüllt sehen will. Das sind lediglich Zusatzbedingungen. 

Das läßt auch mit Gelassenheit die Datenwut verfolgen, die seit Jahrzehnten ausgebrochen ist und meint, damit "Bedarf" erfassen zu können, um ihn zu befriedigen, es läge nur an der Geschwindigkeit. Nein. Geschwindigkeit ist bestenfalls die Notlösung, um jeweils Selbsttäuschungen der Käufer zu nützen. Aber sie ist keine tragfähige Geschäftsphilosophie. Genausowenig wird diese Form der Bedarfserhebung neue Produkte auf den Plan rufen, diese Vorhersage wagt der Verfasser dieser Zeilen. Vielmehr wird man in zehn oder zwanzig Jahren neuerlich erstaunt feststellen, daß der Markt sich auf eine unvorhersehbare Weise verändert hat. Weil irgendjemand doch tatsächlich dieses oder jenes Produkt anbot, das neu war, und mit dem niemand gerechnet hat.



*Es wird oft argumentiert, daß sich eben die Menschen änderten, ihre Gewohnheiten etc., und daß damit neue Konzepte gesucht werden müßten, um dieser neuen Zeit zu entsprechen. Es würde einfach an Flexibilität mangeln. Das ist zum Teil und im Einzelfall zwar richtig. Aber es kann für ein Unternehmen, eine Branche immer nur eine Entwicklung "aus der Sache selbst heraus", und von dort in die Zeit hinein sein. Etablierte Branchen und Unternehmen gehen vor allem daran zugrunde, weil sie aufhören, aus sich selbst heraus zu gestalten, ihr Fundament in sich selbst zu finden und zu neuem Glanz zu bringen. Selbst wenn sie damit für gewisse Zeit Durststrecken zu durchmessen haben. Das kann freilich auch in manchen Fällen den Grund darin haben, daß sie ihre Formenmöglichkeiten ausgeschöpft haben, ausgebrannt sind. Es gibt Unternehmen, die nur auf gewisse Frist zu gründen sind (was aber dann nicht auf Schulden, auf Zukunft passieren darf, die nicht mehr einzuholen ist und damit einer Volkswirtschaft schwer schadet.) Anpassungen sind nur dann möglich, wenn die ursprünglichen Formen lebendig geblieben sind.

Es gab früher eine interessante Volksweisheit: Ein Unternehmer ist erst dann gesund, wenn es zwei- oder dreimal im Ausgleich gewesen ist. Das hat ein fundamentum in re. Warum? Weil er jedesmal genug betrügen kann? Unsinn. Weil es in so gut wie allen Fällen bei Unternehmensgründungen Unsicherheiten über das Selbstsein. Substanzschwächen gibt. Damit werden so gut wie alle Unternehmen von Anfang an auf gewundene Schienen gestellt. Erst mit der Zeit können sie sich zu sich selbst befreien, und zwar ... durch Niederlagen. In denen sie nämlich sehen, daß es keinen Sinn hat, von sich selbst abzuweichen. Es bringt selbst bei scheinbarem äußerem Erfolg keine Freude, etwas zu tun, das nicht in eines Sinn liegt. Man wird aber Unternehmer aus nicht zu unterdrückendem weltschöpferischem Impuls, nur deshalb, und nur auf solchen Unternehmern kann eine Volkswirtschaft aufbauen. Vor Unternehmern, die Motive wie "Reichtum" oder "Geltung" in erster Linie sehen, kann nur gewarnt werden. Sie höhlen jede Volkswirtschaft aus, und zehren von fremder Substanz.


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