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Sonntag, 31. März 2013

Mensch und Geist

Wir sind nicht in der Lage, sagt Melchior Pálagyi in "Naturphilosophische Vorlesungen", geistig den über die Sinn einströmenden Impulsfluß mit ebenso kontinuierlicher Wahrnehmung zu begleiten, wie z. B. der psychophysische Parallelismus behauptet. Dann würde sich Zeit aufheben, und nur eine Allwissendheit, in der alles Wissen immer präsent ist, die zugleich eine Allschöpferischheit ist, würde dem gewachsen sein. 

Es gibt keine den physischen Wahrnehmungsprozessen (automatisch) parallel laufenden geistigen Prozesse. Menschliches Bewußtsein kann nur intermittierend wirken, es muß (als Impuls, als Wille) Einheiten setzen. Ohne diese würde uns die Welt - das Beispiel eines drehenden Kreisels, in dem die Farbsektoren zu einer Mischfarbe verschmelzen, illustriert es - ins Gestaltlose zerfließen, es gäbe sie nicht, wie wir sie tatsächlich kennen, und wie sie Gegenstand unseres wissenschaftlich-rationalen Forschens ist.

Es ist ein folgenreicher Irrtum gewesen, den Begriff des Psychischen als zugleich Anschaulichen aus der englischen Philosophie (Locke etc.) zu übernehmen. Dort wurde Physisches mit Geistigem gleichgesetzt, und in dieser (fehlerhaften) Hybridität sind sämtliche Schulen der Philosophie wie Psychologie enthalten, die uns bis heute geprägt haben. Auch wenn dieser Irrtum verständlich ist, weil er so naheliegt: Wahrnehmungsakt und Bewußtseinsakt fallen scheinbar in eins, sodaß im Moment der Bewußtwerdung scheinbar auch die Wahrnehmung stattfindet.

So gewiß unsere animalischen Lebensvorgänge - Gefühle, Empfindungen, Phantasmen etwas unmittelbar Wahrnehmbares, Anschauliches haben (für den der sie erlebt), so gewiß sind geistige Akte, mit denen diese vorigen Akte nicht verwechselt werden dürfen, unanschaulich. Denn wir können diese geistigen Akte NICHT beschauen, die sich an die Wahrnehmungen binden.

Wir können uns eben nicht beim Hören oder Sehen zusehen oder zuhören. Es ist absurd zu meinen, daß man auf dieser Beobachtung unserer inneren Vorgänge eine Rückführung des Geistigen auf psychophysische Prozesse (und letztlich auf physikalisch-chemische Vorgänge) und damit eine Theorie des Geistigen aufbauen könne.

Des Geistigen, wie es sich uns im Willensimpuls eindeutig vorstellt. Auch hier können wir nur einen Akt nach dem anderen setzen, als Antwort, so wie wir es beim Wahrnehmen tun (müssen). Und der erfolgt nicht automatisch, sondern er ist dem logischen Denken unterworfen.

Die Mathematik zeigt es deutlich - auch sie kann nur intermittierte Vorgänge erfassen, kann nur zerlegungsweise, intermittierend arbeiten. Ein Kontinuum ist ihr unerfaßbar.

Es ist ein Irrtum der Psychologie zu meinen, daß Sie, Anstoß nehmend an der Unanschaulichkeit der Dinge an sich, sowie der Substanzen, Materien und Kräfte, die Erscheinungen bzw. die Empfindungen als etwas völlig Bekanntes, durchaus Offenbares betrachtet. Zwar ist uns nichts vertrauter als unsere Empfindungen, aber diese Vertrautheit ändert nichts an dem höchst eigentümlichen Sachverhalt, schreibt Pálagyi, daß eine jede Empfindung zeitlich aus grenzenlos vielen Abschnitten zusammenfließt, und daß wir diese grenzenlos kleinen Abschnitte in ihrer Gesondertheit nicht zu erfassen vermögen. Nur durch ihre Summe oder ihr Integral sind uns diese ohnendlichen Teilelemente oder Differentialen erfaßbar.

Durch den Sinnenschein sieht es zwar so aus, als würde sich vor uns ein unergründliches Geheimnis ausbreiten, das sich unseren Sinnen enthüllte. Aber es wäre Täuschung, daraus schon Erkenntnis ableiten zu wollen. So flink auch ein regsamer Geist sein mag, er wird immer den Erscheinungen einer flüchtig-fließenden Welt nachhinken. 

Sodaß also ein "Ding an sich" immer ein Geheimnis bleiben wird, so sehr es sich doch unseren Sinnen ausbreitet, ohne von uns aber erfaßt werden zu können. Physikalische Messung vermag zwar mechanische Vorgänge zu erfassen, aber es gibt keine Messung ohne vitale Elemente, die der Beobachter selbst setzt. Und diese sind selbst wiederum nicht meßbar, und zwar weder indirekt noch direkt. Noch weniger sind geistige Akte meßbar, denn sie sind unanschaulich, eben intermittierend, höchstens zählbar. Ohne wirkliche bzw. imaginierte Bewegungen können aber Wahrnehmungsakte überhaupt nicht stattfinden.

Aus bloßen Empfindungselementen also können Wahrnehmungsakte niemals erklärt werden, weil Bewegung nicht auf Empfindung reduziert werden kann.






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Sinnlose Opfer

Das Entsetzliche des 1. und 2. Weltkrieges, das bis heute ungebrochen nachwirkt, ist der kaum faßliche Umstand, daß die unermeßlichen Opfer - in ihrem Gesamtrahmen umsonst waren. Sie waren keine Opfer, die Neues gestiftet haben (oder hätten), das sollte nur wortreich verhüllt werden, das sollten nur alle glauben. Weshalb die Luft voll mit Worten war. Im besonderen im 2. Weltkrieg, der mit Gewalt der Sinnlosigkeit des ersten doch noch Sinn abpressen, aufdrücken, durch Erfindung hinzufügen wollte.  Durch noch mehr Blut diese stiftende Wirkung des Blutes umso vehementer erzwingen wollte.

Diese beiden Kriege, die insofern also einer waren, engstens zusammenhängen, haben nur zerstört, und Chaos hinterlassen. Die alte Ordnung wurde sinnlos, ja im kindischen Rausch der Langeweile, der die Technikbegeisterung entspringt (als Berauschen an Abläufen denen gar kein Sinn vorausgeht, bestenfalls hinterdrein zugeschoben wird), vertan.

Es ist nicht das Blut, das stiftet. Das Blut ist nur nicht zu scheuende Konsequenz der Ernsthaftigkeit des Sinns der Selbsthingabe, nur insofern ist es notwendig. Und nur insofern ist es fruchtbar. Es ist aber immer schweren Herzens gegeben, weil ein Kostbares hingegeben wird. Selbstisch gegeben, wird Blut lediglich zur Selbstvernichtung.

Genau zu dieser Selbsthingabe aber fehlte ... die Opferbereitschaft. Kein Mensch glaubte 1914 (übrigens: auch später Hitler*), daß man etwas verlieren könnte, daß das eigene Handeln ernsthafte Konsequenzen haben könnte. Als man merkte, daß das sinnlos losgetretene Unterfangen alles Bestehende in die Vernichtung mitriß, gab es zu wenige Märtyrer, die um der Ordnung willen das Ruder packten, und herumzureißen versuchten, die DAFÜR ihr Leben opferten. So sehr die Endphase des 1. Krieges für Österreich** diesen Charakter - in einer schicksalshaften Wendung - annahm, mehr noch als anderswo begriffen wurde.***

Auf dem Boden der Sinnlosigkeit des 1. Weltkriegs, der doch so gravierende Folgen hatte, war der 2. Krieg ein Verführung zum (nachträglichen) Sinn, zur Täuschung über einen Sinn. Deutlich erkennbar am Tempo, dessen sich dieser Krieg befleißigte, in dem genau (auf technischer Basis) diese Frage übersprungen werden sollte. In der seither die Ereignisse sich überschlagen - wir leben seither nicht mehr, wir werden gelebt. Weil dieses Opferblut, dieses Blut der Stifter fehlt. Und da, wo es als Opferblut geflossen ist, in bösartiger Verweigerung der Nachwelt, die in Wahrheit die tote Vorwelt ist, nicht auf den Schild gehoben wird, von wo es fruchtbar werden könnte.

Denn es gab und gibt auch in dieser Zeit das Opferblut. Aber es wird verborgen, neidvoll verleumdet. Das zeigt am deutlichsten, daß wir nicht im Geist des Lebens stehen. Daß uns wie in der Zeit vor 1914 ein blinder, irrationaler Wunsch nach Revolution beherrscht, als sichtbarstes Zeichen der Verweigerung des wirklichen Opferblutes, das uns auferlegt wäre, um Zeit zu schaffen, die Zukunft trägt.





*Aus mehrfachen Erzählungen ist überliefert, auch J. C. Fest schreibt darüber, daß Hitler sich wie ein Kind in der Sandkiste, am Bildschirm seiner Spielkonsole, verhielt. Er war tief schockiert, konnte das Ereignis gar nicht einordnen, irrte sich auch in der Gewichtung, als England auf den Einmarsch in Polen mit Krieg reagierte.

**Wenn man nach dem Geheimnis der Seligkeit Kaiser Karls, des letzten österreichischen Kaisers und Königs von Ungarn, sucht, dann läßt es sich am gewissesten dort finden.

***Woraus sich die enorme geistige Produktivität der Zwischenkriegszeit erklärt, wie sie über Film und Philosophie (Wiener Schule) die ganze Welt durchwirkte. Nur Österreich, das im Blut wirkliches Opferblut vergoss, hatte deshalb wenigstens ansatzweise Hitler widerstanden. Übrigens - vielfach unterschätzt, gilt Ähnliches von Ungarn. Nur wer sich opfert, der stiftet auch.






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Wirksammachung zum Geschichtlichen

Die Feier erzwingt das Fortleben eines schöpferischen Impulses, einer Wirklichkeit, in die Zukunft hinein, als Wirkkraft in der Gegenwart. Damit allen jene Stunde schlägt, die den Ersten zuteil wurde. Sie sind deshalb ein Kampf gegen den Zeitvertreib, so wie die Kulte den Mythos bekämpft haben. Sie brechen Bahn in den Urwald der seelenlosen Zufallsmenschen, schreibt Rosenstock-Huessy in "Die Vollzahl der Zeiten".

In der Feier wird die Vergangenheit, die sonst tote Zahl wäre, zur Wegzehrung für die Zukunft. Zugleich ist sie die Erneuerung des gegenwärtig Wirksamen. Das allgemeine Priestertum zeigt hier eine seiner Funktionen: Jedem ist geboten, die Bahn des Denkwürdigen und Preiswürdigen und Rühmlichen zu bahnen.

Gibt deshalb ein Volk seine gemeinsamen, allgemeinen Feiertage auf, gibt es auf, was es in Wahrheit eint, und zu dem sich alle zur Feier treffen. Um sich von den wirklichen Wirklichkeiten in den Alltag hinein begießen, fruchtbar machen zu lassen.





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Samstag, 30. März 2013

Im Namen des Vaters

Die Mutter steht nur vor zwei Alternativen: Der Kindesauslieferung an den Vater, oder der Kindesaussetzung in die Wildnis, schreibt Eugen Rosenstock-Huessy in "Vollzahl der Zeiten". Kinder werden zu Menschen, indem sie regiert und belehrt werden, ihnen wird verheißen und vermacht. 

Den Anfang jedes Menschen macht sein erblicher Name, sein Vatersname; und dieser Anfang zieht ihn an sich und unter sich. Dem Vater und seinem Namen liefert die leibliche Mutter ihr Kind aus. Tut sie das nicht, stößt sie das Kind in das Chaos.

Von des Vaters Namen her* wird der neuankommende Mensch in ein Geflecht der Beziehungen gestellt, aus der Vergangenheit herüber, in die Zukunft. So verbindet der Name die Generationen, und schafft Gegenwart.

Erst wenn er dieses Kleid trägt, vermag er es sich allmählich, im Älterwerden, anzupassen, um so als Erwachsener, in der Spannung der Zeiten und Räume, in der Selbstergreifung, erneut und selber zum Stifter, zum Weitergeber zu werden.






*Warum nicht auch von der Mutter? Zumal heute? Was mit Alleinerziehenden? Eine ewige Wunde. Weil das Verhältnis zur Mutter, von der er genommen ist, der er zugehört, von Anfang an ein völlig anderes ist. Nicht jenes, das Anderes, das herantritt und herangetragen wird, integriert, bewältigt, sich dazu verhält. Nur in diesem Verhältnis aber, das ein Hinausschreiten aus dieser Eingebettetheit in die Mutter verlangt, wird er zur Persönlichkeit, und damit zum Vollmensch. Gerade diese Polarität aber ist mehr als informatives Faktum, sie ist eine notwendige Polarität, in der er sich sein ganzes Leben, ja jedes Lebendige bewegt und bewegen muß. Fehlt diese Form der Mutter, fehlt auch die Kraft, die Basis, sich auszustrecken. Die Mutter, die Mütterlichkeit (die von der Frau nicht trennbar ist), ist also das Bindeglied des Ungeformten zur Form, zur Gestalt in der Welt. in ihrer Hand liegt deshalb das Wohl und Wehe der Welt.




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Zukünftiges Wissen

In einem Buch "Der große Bluff", das im Standard vorgestellt wird, räumen Theodor Musch und seine Co-Autoren Krista Federspiel, Ulrich Berger und Edmund Berndt, mit der Alternativmedizin auf, wie die Autoren ihre Analyse diese boomende Sparte nennen. Nicht ein einziges Heilverfahren - Homöopathie, Bachblüten, Bioresonanz, Kinesiologie, Akupunktur und TCM, Ayurveda, Biochemie nach Dr. Schüßler, Orthomolekulare Medizin, Frischzellen- und Sauerstoff-Ozon-Therapie und Osteopathie - ist nach wissenschaftlichen Kriterien nachweisbar wirksam. 

Viele esoterische Diagnose- und Therapieverfahren würden sogar "widerlegte anatomische oder physiologische Vorstellungen als Grundlage ihrer 'Therapie'" anpreisen. Lediglich einige Anwendungen von Heilpflanzen halten ernsten Nachweisen stand. Pseudomedizin, nennt er die Alternativmedizin, bestenfalls durch Placebo-Effekte wirksam.

Bemerkenswert vielsagend manche Leserreaktionen dazu. Wie diese: 

"Er zieht die wissenschaftlichen Grundlagen der Medizin, Physik, Chemie und Biologie heran, um die Alternativmedizin auf den Prüfstand zu stellen."  Sollte doch besser lauten, "er zieht die DERZEIT GÜLTIGEN wissenschaftlichen Grundlangen...usw. heran" Und das ist genau der Haken an der Sache....geht ja alles nur um derzeitiges Wissen.

Darauf antwortet ein Leser:

Ich denke auch solange er nicht zukünftiges Wissen in seine Beurteilung mit einfliessen lässt, ist das Ganze doch nichts wert.






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Geheimnis Frau


Gesehen bei everyday_i_show







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Freitag, 29. März 2013

Widerspruch und Gegensatz

Viele Irrtümer und Mißverständnisse, schreibt Pálagyi, beruhen auf der Tatsache, daß "Widerspruch" und "Gegensatz" nicht sauber unterschieden werden.

Die Bejahung und Verneinung eines Satzinhaltes können nicht gleichzeitig wahr sein. Das wäre ein Widerspruch, und auf dieser Grundlage wäre jedes Denken unmöglich.

Jeder Druck erzeugt gleichzeitig einen Gegendruck. Hier fällt ein Sachverhalt mit seinen Gegensatz zusammen, und das ist eine Tatsache der Welt und Wirklichkeit.* Die bei jeder Berührung eines Gegenstandes zu beobachten ist, und erst sie macht eine Bewegung vollständig.





*Aus gegebenem Anlaß sei etwas Wichtiges hinzugefügt: Es taucht nämlich gar nicht selten die Behauptung auf, daß Gott und Satan in eines zu denken seien. Aus genau dem obgenannten Grund. Wer so denkt, übersieht, daß er dabei Gott als Geschöpf, als weltliches und damit gedankliches Ding denkt, und zudem die Freiheit der lebendigen Geschöpfe völlig außer acht läßt. Die Mutualität vieler Dinge bezieht sich aber nur auf die Geschöpflichkeiten. Nicht auf das Sein an sich also. Die geschöpflichen Dinge sind nur vor dem Hintergrund eines Nichts denkbar, das sie von Gott abtrennt, der Möglichkeit des Nichtseins also, die das Sein an sich ja nicht haben kann. Wobei das Nichts gar kein Ding der Vorstellung ist, sondern eben die Abwesenheit von Dingen, damit gar nicht vorstellbar IST. Das hat seine Bedeutung im Sprechen darüber, in der Metaphysik. Aber das Wesen Gottes ist eine andere Kategorie, die des Absoluten

Während Satan in die Kategorie des Geschöpflichen fällt, seine Nichtungsabsicht sich also auf die Schöpfung und damit auf die Bedingtheit bezieht. Weshalb für Gott auch die Begrifflichkeit, die ja auf eine Metapher und damit auf Geschöpfliches zurückgeht, weshalb im Judentum überhaupt teilweise ein Name für Gott vermieden wurde, weil er nie Gott gemäß wäre, versagen muß. Gott ist dem Menschen niemals faßbar, im strengen Sinn kann man von ihm nur ableitungsweise, bildhaft, und vor allem ausschließungsweise sprechen, als das, was er nicht sein kann. Gott ist uns unzugänglich. Nicht aber Satan, der (als gefallener Engel) immer noch an Gott in der Weise des Geschöpflichen teilhaben muß, sonst gäbe es ihn gar nicht. Satan, das Böse, bezieht sich also in seinem Haß zwar auf das Sein, dem er sich immer verdankt, in seiner Möglichkeit aber auf das Geschöpfliche. Die Hypostase Jesu bezieht sich deshalb nicht auf dessen Geschöpflichkeit, er ist kein Geschöpf, sondern als Gott SELBST Wahrheit, in der Gestalt Mensch. Deshalb den Menschen nicht in der Sündhaftigkeit, der Möglichkeit des Nichts gleich. Jesus ist deshalb nur als persönliche Begegnung (soweit überhaupt) begreifbar, nicht als "Lehrer" oder "Religionsstifter" etc., von denen er sich s.o. grundlegend unterscheidet. Von ihm geht die Geschöpflichkeit aus, er ist selber aber nicht Geschöpf, wie jeder andere Religionsstifter oder Lehrer. Synkretisten gehen also von einer völlig inadäquaten, weltimmanenten Kategorie aus, sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Die Schlüsselfrage nach Jesus ist: "Wofür halten mich die Menschen?". Es ist die Frage, ob man glaubt, daß er Gott selbst ist.

In einer Diskussion ist einmal der Einwand aufgetaucht, daß doch Jesus selbst der Versuchung unterlegen wäre. Er müsse also offenbar doch versuchbar gewesen sein. Nun, der Gang Jesu in die Wüste vor dem Beginn seines öffentlichen Wirkens zeigt nur eines: Daß Gott als Mensch auch die Historizität des Menschseins auf sich nahm, weil es Menschsein als Geschöpf ohne Geschichte nicht gibt. Er mußte auch selbst - als Mensch - begreifen lernen, daß er Gott ist, dieses Gottsein in sein Menschsein auf allen Ebenen, also auch als reifer, herangewachsener Erwachsener mit realer irdischer Geschichte, hineintragen. Nur auf diese Ebene bezieht sich die Versuchung Satans, der die wirkliche Kategorie Gottes ja selbst gar nicht erkennt - das zeigt sich ja in der Versuchung im Paradies: "Sein wie Gott" ist sein Losungswort. Der Mensch soll über dieselbe Schwelle stolpern, über die er gestolpert ist, die er nicht erkannt hat. Hätte Satan Gott erkannt, so hätte er, an dem - Lucifer, Lichtbringer - die gesamte Schöpfung (aber auch er selbst: als Geschöpf, als Engel) hing, gegen ihn entschieden. In der Versuchung in der Wüste hätte er, wenn man so will, das öffentliche Wirken, das Erlösungswerk selbst gefährden können bzw. war das seine Absicht: als Eingriff in die Selbstbewußtwerdung Jesu als Mensch. Niemals aber hätte er Gott stürzen können, der als Sein das Gute ist

Aber er hat Gott eben verkannt. Jesu klare Zurückweisungen zeigen damit die Vollannahme seiner Sendung als Mensch, aber in unserem Sinn als Gefallene versuchbar war er nicht. Gott KANN gar nicht das Böse wollen, es wäre ein Widerspruch in sich. Genau das hat seine Reaktion ja gezeigt. Ein Moment, das später sogar noch in der Ölbergnacht und am Kreuz kurz aufblitzt, und für die Erlösungstat selbst wesentlich ist, weil sie erst das Menschsein ganz, bis ín den letzten Winkel hinein, in diese Wirklichkeit Gottes - in der möglichen Teilhabe als Geschöpf, die aber menschliche Antwort braucht - hineinnimmt. Weil Jesus so die (bildlich gesprochen) letzte Reserve des Menschseins (als Sein zu sich, ein Akt, kein passives Faktum) noch aktiviert.

Mit einem wesentlichen Detail: Auch Jesus hat den messianischen Auftrag erhalten - sich ihn nicht einfach aus dem Finger gesogen, weil er sich selbst für gut hielt. Das tat er nämlich gar nicht: Der Anfang der Erkenntnis Gottes liegt in einem zerknirschten Herzen, der entscheidend Grund, warum Satan Gott NICHT erkennt. Abgesehen von den Einflüssen, die man sich in seinen ersten 30 Jahren nur vorstellen kann, steht am Anfang seines Auftretens als Messias - und von da an auch erklärt er den Tempel der Juden, den bisherigen Gottesdienst, für ungenügend, er wird ihn übersteigen - die demütige Taufe durch Johannes, und von ihm bereits, aber dann von der Stimme, der herabkommenden Taube, erhält er die definitive Sendung: Als Sohn Gottes. 

Nur der Frevler ernennt sich selbst. Jesus erhielt seine Ernennung von außen, und als Sohn Gottes kann nur Gott Vater für ihn zeugen, kein Mensch, beginnend bei der Verkündigung an seine Mutter.





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Vier Aufrufe

Am Beginn wie am Ende Jesu' Wirkens stand ... der Zweifel. In der Versuchung in der Wüste - und dem Zweifel am Kreuz.

Dem zweifelsstarken Mann hat Gott diese Erde anvertraut. Erst dort beginnt seine Persönlichkeit in die letzten Winkel hinein ausgetragen und das Menschsein durchwirkt zu werden, und erst durch diese schmale Tür senkt sich der Geist.

Hin und her gewendet muß die Tat sein, ehe sie mehr ist als durch einen durch strömender Zufall, als ein Juckreiz. Bis sie Entscheidung ist.

Und darin beantwortet der Mensch das frühere Geheiß, aus Kindheit und Jugend, indem er die vier Geheiße umwendet, zur mündigen Tat wandelt. Kinder müssen erst lernen, einen Namen zu tragen - Erwachsene machen ihn. Ohne je zu wissen, im voraus zu wissen, wann die Tat zur Geschichte wird. Aber nur in diesem Ernst, dem Spiel entwachsen, das immer den Weg des gerinsten Widerstands sucht, wird überhaupt Zeit geschaffen.

Nicht als Schein-Arzt, Schein-Künstler, Schein-Richter, Schein-Liebhaber, der jederzeit den Ausweg des Spiels hat. Nicht als "examinierte Menschheit", deren Examen die Verweigerung der Reife verdeckt - sondern als ernste Kämpfer, die mit Wort und Tat Berge errichten, den Bogen der Zeit spannen, nicht wie Kinder entspannen.

  1. Zweifle. Denke nach. Brich mit den Namenszauber. Werde ungläubig.
  2. Kritisiere. D. h. urteile selber. Reinige Dich von anderer Zeiten und Leute Vorurteilen. Sei dabei redlich bis aufs Blut, auch Dir selbst gegenüber, fürchte keinen Schmerz,
  3. Protestiere. Nämlich bestimme den dringlichsten Punkt, an dem Deine Kritik laut zu werden habe. Lege Dich öffentlich auf diesen Punkt fest, binde Deine Tat an Deinen Namen, und binde Dich an die Namen, die Du verwendest - damit schaffst Du Zeit, greifst in sie ein: Diese Namen werden Dein Schicksal, nur so, in diesem Leiden, wird der Gottesgast der Gesellschaft mitteilbar, und nur so kann die Wahrheit zu einer währenden Währung werden. Indem unser Name zum Prägestempel auf dem Gold der Wahrheit wird.
  4. Harre. Harre auch, wenn das dulden und leiden einschließt, und sei bereit, unter den Folgen Deiner Tat zu leiden, wie lange auch immer es dauert. Harre, bis Dein Protest (als Synonym für das eigenbestimmte Handeln verwendet) sich durchsetzt. Verlange an dem Punkte dieses Deines Protestes Deinen Eintritt in die Welt. Denn nur dank dieses Protestes werden sie gezwungen, Dich als den aufzunehmen, der Du wirklich bist.




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Blindheit der Zeit

Wird uns Transparenz davor schützen, unliebsamem Zukünftigem zu entgehen?

Nein, genau das nicht. Denn das kann das Sehen gar nicht. Denn das, WAS gesehen wird, ist immer nur das Vergangene. Das Neue ... sehen wir gar nicht. Im Beobachten, im Kontrollieren, kontrollieren wir also nur, ob alles nach vergangenen Gesetzen, nach schon zu Begriffen gewordenen, in Kalender gebannten, also Zeit gewordenen Geschehnissen abläuft. Das Neue aber, für das nie Begriffe apriori bestehen, entgeht uns.

Deshalb nützt uns keine Life-Kamera, keine Echtzeitübertragung, kein Direktverdrahtung, wir sehen nur Bekanntes, Vergangenes. Die wirklichen Ereignisse des Lebens sind immer überraschend, und erhalten in ihren Wirkungen, die wir irgendwann zu Begriffen zusammenfassen, zu einem Ding also machen, nur nachträglich ihren Raum.

Deshalb ist eine Zeit, die glaubt, alles sehen zu können, in Wahrheit eine Zeit der Blindheit. Weil ihr die Offenheit für das Ereignis fehlt, in seinem Bezug zum Schöpferischen der Weltgestaltung, das das Tote zu neuem Leben erweckt.

Wenn jene, die in solcher Zeit leben, deshalb später einmal gefragt werden, so nach dem einen: IST DENN DAMALS, ZU EURER ZEIT, NICHTS PASSIERT? Und vor allem aber: WARUM PASSIERT HEUTE NICHTS MEHR?

Denn nur die schöpferischen Taten des Heute, das Nichtsichtbare der Gegenwart, macht die Dingwelt des Morgen aus.




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Donnerstag, 28. März 2013

Beobachtung

Rom-Madrid (KAP) Wenige Tage vor seiner Wahl zum Papst hat Kardinal Jorge Mario Bergoglio vor dem Kardinalskollegium in Rom zu einer radikalen Neuorientierung der Kirche aufgerufen. Dies geht aus einem Redemanuskript Bergoglios hervor, das der Kardinal von Havanna, Jaime Lucas Ortega y Alamino, am Dienstag (Ortszeit) mit Genehmigung des Papstes veröffentlichte. Die Rede hatte dem Vernehmen nach für höchstes Aufsehen unter den etwa 150 Kardinälen des Vorkonklaves gesorgt. Beobachter meinen, dass die Rede den Ausschlag dafür gab, dass schon im ersten Wahlgang viele Stimmen auf Bergoglio entfielen.

Die Madrider Zeitung "ABC" brachte in ihrer Mittwochausgabe ein Faksimile des handschriftlichen Manuskripts. Es stellt eine Zusammenfassung dar, um die Kardinal Ortega seinen lateinamerikanischen Hirtenkollegen gebeten hatte. Er lieferte ihm handschriftlich zwei Seiten.

Der Text beginnt mit der These, dass die Verkündigung des Evangeliums der eigentliche Daseinszweck der Kirche sei. Daher sei sie aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen und sich an die Grenzen der menschlichen Existenz vorzuwagen.

Hart urteilt Bergoglio in seiner Rede über Formen der klerikalen Eitelkeit und über die Beschäftigung der Kirche mit sich selbst. Er erklärte, wenn die Kirche nicht zu den Menschen hinausgehe, um ihnen das Evangelium zu verkünden, verfalle sie in eine Nabelbeschau ("Autoreferencialidad"), einem "theologischen Narzissmus". Sie täusche dann nur noch vor, dass Jesus Christus in ihr sei. In Wahrheit aber entferne sie sich von ihm.

Vielmehr müsse die Kirche aus ihren geschützen Räumen hinausgehen. Sie müsse "an die Peripherie" gehen, um dort durch Taten und Worte zu evangelisieren, so der Papst.

Letztlich gebe es nur zwei Kirchenbilder, betonte Bergoglio am Ende seiner Rede: die Kirche, die Gottes Wort hört und es treu verkündet, und eine "verweltlichte Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt". In diesem Licht müsse man "mögliche Veränderungen und Reformen sehen, die notwendig sind für die Rettung der Seelen".


Bericht von kathpress.at




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Niedergang eines Standes - Adel (2)

2. Teil) Nur noch ein Zerrbild kam auf uns




Aus einer Gesellschaftsschichte, einem Stand der Edelen, der sittlichen Vorbilder, die die gesamte Gesellschaft durchformten, die unverzichtbare Zwischenglieder in der Gesamthierarchie waren, in Rechtsprechung oder Verwaltung, engstens existentiell selbst verbunden mit dem Schicksal des Landes, dem sie vorstanden, sodaß das Wohl ihrer Untertanen auch ihr eigenes war,
wurde eine Klasse, ein Rang der einfach Bevorrechteten, die ihre Rechte höchstherrlicher Willkür und Fügsamkeit, dem Zufall, der Cleverness verdankten. Mehr und mehr wurde so ihre Stellung zum Objekt des Neides, im besonderen der Bürgerschichte, wobei in Wahrheit niemand mehr wußte, wozu sie gut sein sollte.  Für sie selbst aber zum angsterfüllt zu hütenden Schatz, auf den es gar nie ein Recht gab - außer obrigkeitliche Willkür. Denn das wahre "Recht" des Adels lag stets nur in seiner Familie.

Das Ansehen schwand außerordentlich, und es schwand mit vollem Recht! Insbesonders am französischen Vorbild verdorben, wurde auch in Deutschland, etwas weniger in Österreich, der Adel zum gelangweilten funktionslosen Selbstzweck. Der nicht mehr "vom" Land lebte, das er selbst bebaute und bewohnte, sondern der es als Pfründe, als Geldquelle, als bloßes Vermögensteil aussaugte, in den meisten Fällen ohne jede persönliche Bindung - außer: Interessen - zu ihm. 

Der Adel spaltete sich längst, in den ursprünglichen und verwurzelten Landadel, der um seine Stellung betrogen wurde oder in ständiger Gefahr dazu stand, über den die Politik hinwegrauschte, oft genug mit brachialer Gewalt (im Brechen seiner Burgen), und in den bloßen Hofadel der höchstfürstlichen bzw. kaiserlichen Lakaien und Schranzen, ohne entsprechende charakterliche, sittliche Formung. Schon im Frankreich Richelieus läßt sich gut studieren, wie der defunktionalisierte Adel in militärische Aufgaben als Offiziere flüchtete, um wenigstens noch einen Rest des ursprünglichen Sinnes zu wahren, um überhaupt noch "für etwas gut" zu sein. Wo noch ein letzter Rest des mythischen Herkommens der Patriarchen (Adeligen) aus den Helden der Vorzeit "lebte", zumindest in der Phantasie.

Als Europa ins 19. und 20. Jhd. schritt, war diese Entwicklung bereits zu einem Endpunkt gelangt. Mit einer Aristokratie, die nur noch ein Schatten ihrer selbst war, leer und sinnlos, unwürdig und ohne jede Aufgabe, in der sich ursprünglicher und bester Landadel, wie er in Spurenelementen noch vorhanden war, mit dem aufgeblähten Hof- und Kaiseradel, der sich seit dem Mittelalter breitgemacht hatte, zu einer dekadenten Brühe vermischt hatte.

Gerade in Österreich ist aber damit vielfach in einer irrationalen Kaisernostalgie, in nebuloser Sehnsucht nach Monarchie, die viel lebendiger ist, als zugegeben wird, ein grotesk verzerrtes, oft genug regelrecht falsches und abzulehnendes Bild zum Zielpunkt der Sehnsüchte geworden. Gerade das, was oft als "Hochzeit" Österreichs gepriesen wird - in der Regentschaft Maria Theresias und Josefs II., deren Aufklärertum konsequent wie nie zuvor das Zerstörungswerk vollendete - zeigt sich bereits der pervertierte Gedanke einer ständischen, zur bloßen Rangordnung umgebogenen, vollends zentralisierten Gesellschaft, die dem Adel die letzte Funktion raubte.*

Geprägt, in den Köpfen der Menschen verankert in Jahrhunderten des Verfalls, wo schon der Gedanke des Adels durch Verleumdung und höchstherrliches Interesse verloren gegangen ist, weil seine Realität nur noch vereinzelt und in Resten rein erfahren werden konnte. Opfer des Kampfes der Zentralmacht gegen ihren gesellschaftlichen Mittelbau, der ihr im Wege war. Übrig blieb ein Adel, der in seinem Selbstgefühl, aus dieser gewußten Leere heraus, die Selbstbehauptung und Überheblichkeit der Angst (!) nach außen kehrte, das ihn vom Volk trennte, anstatt ihn zu verbinden. Gerade in den Kanzleibeamten und Hofschranzen lebt eindrucksvoll ein "Standes-"bewußtsein, das nur als bedauernswerte Neurose einzuschätzen ist, weil er sich in Wahrheit nie aus anderen Ständen wegbewegt, sich deshalb von ihnen in einem stets nur künstlichen Selbsterheben bloßen Ranges gefährdet weiß.

Hier wäre große Ernüchterung, vor allem aber klare Differenzierung am Platz. Wer über eine Erneuerung der Gesellschaft, unserer Kultur nachdenken will, muß vor allem darüber nachdenken, woher jene Eliten kommen sollen, die über den proletarisierten Massen, die nahezu sämtliche Schichten und Klassierungen heute darstellen, eine funktionierende gesellschaftliche Hierarchie aufbauen könnten. Aus dem, was sich - heimlich oder offen tradiert - als Adel darstellt, kommen sie jedenfalls nicht so einfach. Denn was sich als Adel darstellt bzw. darstellte, ist bzw. war nur noch ein Zerrbild des wahren Adels**. 

In dem seine ursprüngliche Aufgabe nur noch als schwacher Faden, als Erinnerung gar durchscheint. Die ältesten, der Ursprungskraft des Adels am nächsten stehenden Adelsgeschlechter und -familien sind mit dem Mittelalter fast restlos ausgestorben, und wurden durch den Adel, der bereits seiner ersten Umdefinition entsprang, ersetzt. Und selbst von diesen Nachfolgegeschlechtern, die noch mit den Besitztümern und Ländern der ältesten, ursprünglichsten Adelsfamilien her die uralten Pflichten und Rechten übernommen hatten, sind mit dem 18. Jhd. auffallend viele zumindest in ihren Hauptstämmen erloschen. Eine persönliche Erneuerung im tiefsten Sinne - weil eben Familien und -verbände nach dem Vollbringen ihres Wirkens erlöschen - gab es seit dem Mittelalter nicht mehr. Der seither hinzukommende Adel folgt bereits einer sinnwidrigen, verzerrten Idee.

Wenn, dann kann Adel aber nur aus Quellen kommen, in denen die wahre Geschichte des Volkes, dem sie als Gesellschaft eingefügt sind, gegenwärtig, und tragfähig, also sittlich lebendig und im Volk, im Boden verwurzelt ist. Dazu genügt Kaisernostalgie also sicher nicht. Und ganz sicher nicht das Wollen, zentralistische Deformation, ja Perversion der Reichsidee durchzusetzen.





*Man beachte alleine die maria-theresianische "Rechtsreform", die als staatsmännische Großtat zu sehen bereits anzeigt, welche Stunde für das Abendland, dessen Grundgedanke der organismische Föderalismus ist, geschlagen hat. In ihr hat die Kaiserin (sic! aus dynastischen Interessen wurde sogar diese Unmöglichkeit eines grundpatriarchalen Gedankens installiert, damit der monarchische Gedanke an sich sinnentleert!) die letzten Reste von Partikularismus mit eisernem Besen im Dienste des Zentralismus entsorgt. Gerade in Österreich wird vielfach mit nostalgischer Verklärung umgeben, was längst pure Dekadenz war, das Ende einleitete, anstatt im besten Sinn zu "reformieren". Selbst wenn man Maria Theresia zugute halten muß, daß sie vieles in Notwehr angesichts erdrückender - mit Preußen und Frankreich, aber selbst Rußland über Iwan den Schrecklichen und Peter den Großen in der Zentralisierung weit fortgeschrittener - Feinde tat, also "nachzog", indem sie Österreich ähnlich schlagfertig machte, was ihr bis zum 3. Schlesischen Krieg definitiv gelungen war. Aber der Preis war enorm.

**All das ist an der Epoche Friedrich II. des Staufers wunderbar erkennbar, wurde dort direkt eingeleitet, im Zentralstaat Friedrichs. Als einer Schlüsselepoche, die direkt in die Renaissance und in den endgültigen geistig-sittlichen Niedergang des Abendlandes führte. Es ist kein Wunder, daß Verehrer Friedrich II., der auf seine Weise ganz gewiß imponierend war, Verehrer eines abstrakt-objektivierten Beamtenstaates sind, die sich an Gedanken hoher nationaler Macht berauschen - wie von einem zentralen, großen Deutschland träumten, das sie ja auch durchsetzten - in dem zudem Adel nur Dekor ist.




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Tempo überspringt den Raum


Gesehen bei everyday_i_show





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Mittwoch, 27. März 2013

Niedergang eines Standes - Adel (1)

Die Geschichte des Adels in Europa zu studieren heißt, die Geschichte des Zentralismus, der Zentralstaaten zu studieren. Heißt die Auflösung der europäischen Gesellschaften seit dem Mittelalter in ihrem Umbau zu zentralfürstlichen, im Grunde flachen Gesellschaften studieren. Als Geschichte der Auflösung der eine Gesellschaft tragenden, darstellenden Organismen, die in sich selbständig und überlebensfähig waren und sein sollten, denen aber die "großen" geschichtlichen Entwicklungen ihre Daseinsgrundlage entzog.

So wurde der Adel von einer unverzichtbaren gesellschaftlichen Position und Funktion zu einem bloßen Rang degradiert, als Opfer des Kampfes der Zentralmacht, der Kaiser und größeren Landesfürsten, um Zentralisierung ihrer Macht. Die selbst wiederum (siehe Preußen, Frankreich) den noch zentraleren Machtballungen zum Opfer fielen. Nur in Spurenelementen hat sich der eigentliche Adel noch erhalten, namentlich in England, in Österreich, in Preußen, und dort stand er spätestens seit dem 16., 17. Jhd. immer wieder in elementarem Konflikt mit den großen Herrscherhäusern.

An sich ist der Adel rückführbar auf die uralte Organisation der Gesellschaften aus den Familien heraus, die sich zusammenschlossen, einen Anführer wählten, dem jene Aufgaben oblagen, die die größeren Kreise dieser Zusammenschlüsse stellten: Krieg, Außenbeziehungen, Rechtsprechung. Damit war er auf klar patriarchaler Gliederung aufgebaut, und vor allem nicht denkbar ohne Verwurzelung in das ihm zugehörige Land und seine Menschen, denen er sich bis aufs Blut zugehörig fühlte, die ihm anbefohlen waren. So muß man sich die Gliederung der Gesellschaften bis ins späte Mittelalter denken.

Deshalb ist die bürgerliche, bäuerliche Freiheit - anders als in heutigen Vor- und Fehlurteilen -  direkt mit einer starken Adelsschichte verbunden, das ist in allen europäischen Gesellschaften nachzuweisen. Einen politischen Gegensatz zwischen Liberalismus und Aristokratie zu konstruieren wäre also an sich widersinnig, auch hier liefert England* den Beweis. Mit dem Gegenbeispiel Rußland, dessen gesamter Adel nach Iwan dem Schrecklichen nur noch in der Rückbindung an den kaiserlichen Dienst bestand.**

Den ersten fundamentalen Todesstoß gab ausgerechnet das Kaisertum, nachweislich in Friedrich II., dem Staufer, dem stupor mundi, dem Staunen der Welt. Was er auslöste, brach in ganz Europa die Gesellschaften und Länder um. Fürderhin wurde der Adel zum bloßen Rang, und er war rein abhängig von der Willkür, den Interessen des Kaisers, des Landesfürsten. Oft genug unter direkter Mitwirkung von Städten, die nicht selten exakt zu diesem Zweck gegründet oder ausgestattet wurden - kaiserliche bzw. zentrale Macht gegen die Freiheit der kleinen Organismen durchzusetzen. Oft genug durch fehlende Weitsicht oder Gier nach Macht auch kleiner Fürsten, die sich so ihr eigenes Grab schaufelten.

Denn in der Zerschlagung dieses essentiellen gesellschaftlichen Mittelbaus wurde direkt in die Freiheit der Bürger und Bauern (als breitem Boden der Gesellschaft, bis ins 19. Jhd. hinein) in ihrer Hingeordnetheit auf selbstregulierende Kleineinheiten eingegriffen.

Besonders unter Karl V. wurde diese - neue! - Art der Adelserhebung, der Briefadel (anstelle des Adels der Geburt, des Herkommens aus einer historisch in einem bestimmten Landstrich verwurzelten Familie), zur Alltäglichkeit, und feierte ihre Urstände, am deutlichsten in der zentralistischen Entwicklung Frankreichs erkennbar, am zögerlichsten in England, wo sich bis heute der ursprüngliche Adelsbegriff als Vater eines bestimmten Ländchens zumindest im Ansatz erhalten hat.

Damit schlug auch die Stunde eines neuen, städtischen Bürgertums, des Geld- und Hofadels. Denn Zentralisierung bedeutet: Geld, das persönliche Bindung und Selbstgenerierung lebendfähiger Kleinorganismen ersetzen, künstlich beleben muß. Bis hinein in die Kriegsführung, die sich genau deshalb entscheidend ändert, zur Geldsache wird. Karl V. wurde bereits durch Bürger, die Fugger, zum Kaiser, die ihm das nötige Geld gaben, und später einerseits wichtigste Geldgeber der Kaiser wurden, anderseits die Industrialisierung der Wirtschaft (weltweit!) per kaiserlicher Privilegien entscheidend betrieben.

Mehr und mehr höhlte sich damit die Stellung des (alten) Adels aus, der sein Ansehen, seine Verankerung in der Bevölkerung verlor. Wenn ein Kammerdiener per kaiserlicher Willkür geadelt werden konnte, war nicht einzusehen, welche Funktion - außer willkürliche Rangspiele, wie sie im Barock so grotesk aufblühten - der Adel überhaupt noch bezeichnen sollte, über bloße Kaisernähe hinaus. Mit einer weiteren Besonderheit: War noch im Mittelalter die Erhebung in den Adelsstand mit klaren Verdiensten und Aufgaben innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie verbunden - als Grundherren in der Lehn (Leite), als Ritter im Krieg etc., als die sie größtmögliche Freiheit genossen - und deshalb nicht leicht zu erringen, war der Verlust der Adelswürde sehr leicht. Nun wendete sich das: mit einem mal war man leicht Adeliger, aber so gut wie gar nicht mehr aus dieser Würde wieder entfernbar.




2. Teil morgen) Nur noch ein Zerrbild kam auf uns




*Auch hier spielt die Epoche Friedrich II. des Stauferkaisers bereits ihre Schlüsselrolle: Als Folge der Niederlage gegen die für Friedrich (in der Auseinandersetzung um die Kaiserkrone mit dem Welfen Otto) angetretenen Franzosen bei Bouviens 1214, mußte König John 1215 in der Magna Charta die Rechte der Bürger und des Adels für alle Zeiten festschreiben. In einer noch fatal werdenden Übergewichtung, die England ab dem 17. Jhd. in dieser, aber pointierteren Gegenbewegung zum Ausgangspunkt der Zersetzung Europas aus anderer Richtung machen sollten. Als Gegenbewegung gegen diesen Zentralismus, die ihren Weg über die Niederlande fand, wesentlich eingeleitet von ... Frankreich. Das damit seinen Gegner, die Habsburger bzw. die Deutschen Fürsten, schwächen wollte. In dem derselbe Sieg bei Bouviens ja exakt die gegenteiligen Folgen, die ihren Höhepunkt in Ludwig XIV. 350 Jahre später fanden.

**Der Widerspruch Liberalismus : Aristokratie ist sozialer Natur, schreibt Wilhelm Riehl in seiner "Naturgeschichte des Deutschen Volkes", nicht politisch.



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Man sieht nur Konkretes

Lambertikirche in Münster (D)
Es scheint eine so kleine Überlegung, und doch knüpft sich daran so viel - die Ausformung eines von Flechtwerk geformten Turmhelmes in der Gotik anstatt eines zweckbetonten Flächendachs.

Dahinter aber läßt sich die Weltsicht des Mittelalters erfassen. Die die Gestalten der Schöpfung nicht außerhalb des Konkreten sah, die keine realen Grenzen aus geometrischer, abstrakter Form akzeptieren konnte. Solche kamen im mittelalterlichen Menschen gar nicht vor.

Die Welt war nur konkret. Und so war das Dach Nachbildung des natürlichen Flechtwerks: man sah das Konkrete, die Efeuranke (aus Stein), die Rosette, und sah durch es durch auf eine ewige Form, die Idee - die Gesamtgestalt, als Gesamtordnung, in die alles Irdische eingefügt war, als dessen Entelechie sie sich herausstellte.* Man sah die Gesamtform als Transzendenz der Einzelteile. Ein die Gotik treibender Gedanke, der sie in ihrer Figürlichkeit im Ganzen verstehbar macht.

Man darf sich diese Sichtweise dabei wohl nicht als vorausliegender bewußter Plan einer Aussage vorstellen. Sondern sie ist das, was wir Späteren dem Tun der Vorderen als immanentem Geist entnehmen können.



*Es ist zulässig darüber nachzudenken, welche Konsequenzen es hat, den Gottesdienst in Räumen zu feiern, als Nachbildung des Kosmos, um am vollkommenen Urbild geformt in die Welt neu hinauszugehen, in denen das Dach durch flächige Abschließung (mit der Illusion einer Himmelsbemalung) letztlich doch dem Zweck (Witterung) untergeordnet, durch menschliches Artefakt (Dachziegel etc.) ersetzt wurde.




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Regen


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Dienstag, 26. März 2013

Wahrheit und Persönlichkeit

Das Richtige ist nicht anders zu erfahren als in dem Erkennen, daß es direkt an mich gerichtet ist. Nur in diesem Anruf - unter Namen! - wird es zu jener Bedeutung gehoben, die es den Hörenden hören und ergreifen und als Teil seiner selbst annehmen läßt. Die ganze Erziehung, die ganze Schule, muß also ein Heranreifen in diese Bedeutung der Namentlichkeit sein, muß in allen Stufen den Namen des Kindes betreffen. Als bloß an eine Menge gerichtet, versinkt es dem Kind in der Bedeutungslosigkeit. Der Schallring des genannten, gerufenen Namens aber nimmt es hinein in das Gehörte.

In dieser Bedeutung seines Namens erkennt es, daß es diesem seinem Namen - im Wahren wie Schaffen seiner Ehre - gehorsam sein muß. Heißen, Hören und Gehorsam hat dieselbe Sprachwurzel. Denn die Form des "Ich" in der Welt ist das "Ich bin", eine andere hat es nicht - als Tätigkeit, ja als eigentliche Sittlichkeit.

Das bedeutet natürlich noch lange nicht, daß nur "Einzelunterricht" möglich und sinnvoll sei. Fast zum Gegenteil, weil Ehre sich wesentlich auf die anderen bezieht. Es bedeutet aber, daß das Vorgetragene in seiner Relevanz für den Einzelnen nur dann übernommen wird, wenn der Einzelne auch persönlich, namentlich aufgerufen wird, es zu übernehmen. Das verlangt eine Kunst des Vortrags, einerseits, und hängt untrennbar mit der Persönlichkeit des Lehrers zusammen. Es verlangt nämlich auch Gehorsam, als Preis der Selbstwerdung.

In jedem Fall ist auch Empfänglichkeit eine Eigenschaft, die herangebildet werden muß, will sie nicht im formlosen Chaos ersticken, blind bleiben.  Denn jedes Licht kann nur empfangen werden, um es zu bewahren, um selbst dann auch zu beleuchten.

Wenn die Ehre als Pathos allmählich der Einsicht weicht. Das Gehörte besitzt persönlichen Aufrufcharakter, Gerichtetheit, auf eine ganz andere Weise, als (später) Gelesenes, zu dem es als Leser Stellung bezieht, zu dem es - als Ding, das vor ihm liegt - Distanz hat, das es nie persönlich so aufruft, wie die Stimme des Unterrichtenden. Zu dieser Mündigkeit muß sich jeder Mensch erst entwickeln, und er kann dies erst nach Durchlaufen der unteren Kindheitsstufen, aus denen er die Basis seiner Mündigkeit erhält. Weil er allmählich lernt, auch seinen Gehorsam frei zu handhaben, in dem er lernen kann - oder nicht. (Was das Wesen z. B. der Lehre in einem Handwerksberuf ausmacht).

Weil das Kind Zuversicht wie Glauben hat (und so allmählich zu unterscheiden lernt, weil es ja erst erfahren haben muß, was es später beurteilen können soll), dem Vortragenden darin vertraut, daß das Gesagte für es relevant ist, daß es lohnt, es aufzunehmen, Sätze an sich zu binden. Es muß sich angesprochen fühlen, wissen, daß das liebend Gesagte für es ganz speziell bestimmt ist, und daß es diesem Gesagten gegenüber eine Pflicht zu erfüllen hat, daß es Bedeutung hatte, für es selbst.

Uniformierung in der Schule hat nur dort und dann einen Sinn, wenn es den Namensdruck, den Ernst erleichtert, der das Kind außerhalb der Schule umgibt. Zugleich muß aber diese Uniform (in vielen Ländern buchstäblich gemacht) ein Erhöhendes verheißen, in dem das Kind sich verpflichtet weiß, sich selbst in einem Ethos, in einem bestimmten Geist zu erheben. Wo es sich über den Alltag, aus dem es kommt, hebt, bzw. in diesen erhöht zurückgeht. In einem Ethos, den es mit der Zeit verinnerlicht, angenommen hat, sodaß es allmählich seine Namenspflicht (in der Pubertät) auch leichter zu tragen vermag, bis es diesen Namen in der Welt behaupten muß, bis es auch die Freiheit besitzt, sich seinem eigenen Namen gegenüber frei zu verhalten, seine Inhalte neu zu gestalten.*

Umgekehrt wirkt die Banalisierung, die Gleichgültigkeit dem Kleid (als Name, in dieser Aufgabe, in diesem Anruf, Geheiß, im Gegenpol zum Verniedlichen durch Kosenamen etc.) gegenüber, ein Absinken des Rufes sich zum Vorgetragenen zu erheben. Es braucht deshalb eine Stufigkeit der Klassen, einen Klassenethos ebenso, wie einen Schulethos. Ebnet man diese Unterschiedlichkeiten, die erst Identität und Selbstethos geben, ein, sinkt die Leistung ohne jeden Zweifel. Schule ohne Differenzierung kann deshalb nie Bildung vermitteln, die Kraft zum Selbstsein als Wirklichen des Möglichen bedeutet. Bestenfalls Rationalismus.



*Für Hölderlin ist dieser Punkt - der Jugendlichkeit - übrigens nicht nur der Erneuerungspunkt der Welt, sondern er kennzeichnet sich wesentlich durch das Überschäumen im Gesang. Was immer wieder zu dem seltsamen, erschreckenden, weil so vielsagenden Punkt führt, daß heute von jungen Menschen nicht mehr gesungen wird ... Im Westen. Zumindest immer wieder anders erfährt es der Verfasser dieser Zeilen noch in Ungarn, wo er nach Jahrzehnten (im Westen) erstmals wieder jugendliches, frohes Singen hört.




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In sich sinnlos

Man übersieht leicht die eigentliche Aussage, die getroffen wird, wenn die Physik zeigt, daß es im Quantenbereich der Atomistik keinerlei Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge mehr gibt. Denn nimmt man der Naturwissenschaft die Sinndimension, reduziert man sie zu einem toten Mechanismus, dem genau das fehlt, was jedes Ding, jedes Lebewesen auszeichnet - die Entelechie. Das heißt, den allem Werden vorausgehenden Gesamtsinn, der jedes Teil aus dem Höheren heraus organisiert und mit Zweck erfüllt, am richtigen Ort.

Innerhalb einer mechanistischen Weltauffassung, innerhalb einer weltimmanentistisch erschöpfenden Auffassung von Sprache und Denken aber ergibt sich (siehe u. a. J. Monod, "Zufall und Notwendigkeit") zwangsläufig die Aussage völliger Sinn- und Ziellosigkeit der Natur. Materie läßt sich nicht aus sich selbst erklären - das ist die eigentliche Aussage, die die Quantenphysik tätigt. Im Experiment in tote Teile zerlegt, untersucht die Naturwissenschaft etwas ANDERES, als sie am ganzen Organismus oder in den in ihn integrierten Teilen beobachtet. Ihr fehlt das "Informierende", das nicht materiell sondern nur als weltwirklichen(den) Geist (bzw. Geist in der Bewegung des Lebens) verstehbar und anzunehmen ist.






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Eine Geschichte


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Montag, 25. März 2013

Der nächste Schritt

Das Filmchen (3 min) gibt einen ersten Einblick in die Möglichkeiten, die "google Glass" mit sich bringt. Die ersten Brillen, die über Kamera-/Bildschirmfunktion jede alltägliche Situation permanent mit dem Internet verbinden, werden demnächst - wie man hört: um 400 Euro - im Handel auftauchen. Erste Gegenwehr taucht bereits auf: Ein US-Café hat das Tragen solcher Brillen verboten. Denn es geht nicht nur um die Intimsphäre ihres Trägers - vielmehr bricht dieser in die Intimsphäre seiner gesamten Umgebung ein.








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Der eigenen Logik zum Opfer gefallen

Es ist die Crux von Despoten, daß sie letztlich ihrem eigenen System zum Opfer fallen. Es ist von Stalin bekannt, und auch Chavez, der ein heruntergewirtschaftetes Venezuela hinterläßt, ist ähnlich einzustufen: Die Bewertung von Kritik mit Gefährdung des nationalen Gesamtwohls führt zu einer allmählichen Ausschaltung von Realität aus den Entscheidungskriterien. Auch ein Chavez hat mit dieser Begründung die Pressefreiheit ausgeschaltet. Was groteskerweise eine sehr nachvollziehbare Logik hat.

Ein hervorragendes Studienobjekt des fehlenden Wirklichkeitsbezugs moderner Herrscherfiguren liefert auch Hitler. Gerhardt Boldt, Ordonnanzoffizier, schildert präzise die Stimmung und Realität in der obersten Führungsetage in den letzten Monaten des Dritten Reiches. 

Vor allem die Ferne zur Wirklichkeit, so Boldt, sei dabei eine der auffälligsten Erscheinungen bei und um Hitler gewesen. Für Hitler selbst war Krieg nie mehr als ein Spiel von Fähnchen und Marken auf Landkarten. Hartnäckig verweigerte er selbst das Ansehen von Filmen, die ihm einen Eindruck von der Lage an den Fronten geben könnten. Das einzige mal, wo Hitler überhaupt registriert hatte, wie zerstört Deutschland bereits war, war, als er notgedrungen seinen Befehlsstand von Ostpreußen nach Berlin verlegte. Als der Zug in Berlin ankam, mußte Hitler in ein Auto umsteigen. Dabei sah er die Ruinen, und war geschockt. So schlimm hatte er es sich nicht vorgestellt, dort in Ostpreußen, in seinem Befehlsstand, umgeben von gepflegten Wiesen und Vogelgezwitscher. Hitler hat nicht ein einziges mal die Front besucht, oder in Berlin seinen Bunker auch nur für eine halbe Stunde verlassen, um sich ein eigenes Bild zu machen.

Seine gesamte Umgebung war ja schon über Jahre nur noch darauf eingestellt, und darin eingespielt, ihn in seinem Wahn zu belassen. Blender und charakterlose Gierhälse, wie Bormann, Fegelein, Sauer (den Hitler in seinem Testament zum Nachfolger Speers ernannte) oder Koch, umgaben ihn immer ausschließlicher, und hatten bis zuletzt Zugang zu ihm. Wer immer ihn mit Realismus konfrontierte mußte damit rechnen, degradiert oder gar als Verräter inhaftiert zu werden. Was dazu führte, daß man ihn kaum noch realistisch informierte. Für einen Teil seiner Umgebung, und gerade um seine nächste, ging es ohnehin nur um Intrigen, um Einfluß und Macht zu gewinnen. Ihr Interesse an der Realität war recht eingeschränkt. Die 8 Meter dicke Betondecke seines Bunkers war also sehr symbolisch zu sehen - Hitler wollte mit der Wirklichkeit endgültig nichts mehr zu tun haben. 

Wenn man ihm von der Front berichtete, so verpackte man es zunehmend und geschickt in Einzelgeschichten - hier habe eine Kompanie aufopferungsvoll einen ganzen Frontabschnitt verteidigt, dort zwei Soldaten in den Ardennen drei Amerikaner gefangengenommen, etc. Um dann so nebenbei zu berichten, daß zwei oder fünf Divisionen hier oder dort aufgerieben, oder zurückgenommen wurden. So häuften sich auch die Fehler immer systematischer, und in die chaotische Lage hinein folgten immer dramatischere Fehlentscheidungen. 

So in der Ardennenoffensive im Spätherbst 44, so im haarsträubenden Plan von Ungarn her die Ostfront zu stabilisieren und ebenfalls ganze Armeen zu verheizen, und so in der allen Militärs mit Sachverstand unverständlichen Weigerung, die Kurland-Armeen - 500.000 Soldaten mit intakter Ausrüstung, die bis Kriegsende im Baltikum isoliert aber intakt blieben* - über die See abzustransportieren und gegen die sowjetischen, weit überlegenen Kräfte wieder zum Einsatz zu bringen. Weil sich die Wirklichkeit nicht seinen Phantasien fügte, in denen sich Hitler noch mehr denn je als das große Feldherrengenie inmitten lauter Kleingeistiger Stümper begriff, die ihre Kraft in lächerlichen Details vergeudeten, mußte jedesmal, wenn sich die Dinge denn doch nicht so entwickelten, wie er es gedacht hatte, also: immer, jemand anderer Schuld sein. Während er selbst sich in jedes Detail einmischte, und mehr denn je Verwirrung schuf.

Das Kompetenzwirrwarr in Deutschland stand ja stets in bemerkenswertem Widerspruch zur landläufigen Meinung über die Organisationskraft "der Deutschen". Die "Straffheit" und der Gehorsam waren aber nur deshalb so ausgeprägte Forderungen, weil anders das Chaos von Anfang an offensichtlich gewesen wäre.**

Selbst Himmler war (aus welchen weiteren Motiven auch immer) spätestens seit Jänner 1945 in Gespräche mit Generälen, die bei ihm Unterstützung gesucht hatten, involviert, Hitler und sein Umfeld lahmzulegen, um zu retten, was noch zu retten war, vor allem aber gegen den Osten zu konzentrieren, denn daß der Krieg militärstrategisch bereits 1942 verloren war, war den klügeren, realitätsnäheren Köpfen klar.

Viel lieber entwarf Hitler mit Bleistift und Papier neue Orden und Auszeichnungen, eine seiner Lieblingsbeschäftigungen (von Beginn seiner Laufbahn in der NSDAP an), und hielt mit deren Herstellern Konferenzen ab. Oder "plante" viele Stunden lang sein neues Berlin, nach dem Endsieg. Oder träumte sich in seine "Werwolf-"Idee, die die Wende bringen sollte. Sein Leben und Denken war völlig virtuell geworden, selbst sein Lebensrhythmus hatte sich von jedem Tagesablauf und Rhythmus der Welt abgekoppelt. Sodaß er willkürlich Lagebesprechungen - von denen jeder Außenstehende wußte, daß sie verschwendete Zeit waren - mitten in der Nacht ansetzte, zu denen nicht anzutanzen lebensgefährlich werden konnte. Seine Zerrüttung wurde immer offensichtlicher, seine Entschlußkraft, mit der er früher verblüfft hatte, war in den letzten Tagen endgültig entschwunden, Befehle wurden pausenlos korrigiert, bis sie in völliger Verwirrung endeten.*** Hitler weigerte sich, Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, wie die Tatsache, daß die zur Legende aufgebauschte Wenk-Armee nur noch einige wenige einsatzfähige Divisionen zur Verfügung hatte, also nie in der Lage gewesen wäre, Berlin zu entsetzen. Als gegen seinen Befehl doch das einstige Liebkind SS-General Steiner im Entsatzversuch die Reste der 9. Armee von der Oder weg gegen Berlin führte (und scheiterte), murmelte er: "Ich habe es ja gesagt, daß das mit Steiner nichts wird."





*Die Sowjetunion hatte eine ähnliche Taktik dabei betrieben, wie Hitler zu Anfang des Angriffs im Juni 1941: In raschen Vorstößen wurden einzelne Feindarmeen lediglich isoliert, aber nicht direkt bekämpft. Dies sollte zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Im Falle der gesamten Nordfront hatte sich das ab 1944 fatal ausgewirkt. Denn mit dem sowjetischen Zentralvorstoß in der Ukraine bedeutete das, daß die Kräfte im Norden weiterhin gebunden blieben, der Mitte aber damit entscheidend fehlten.

**Denken heißt: ordnen.

***Boltz berichtet von einem Fall, in dem im März 45 endlich 22 moderne Jagdpanzer ins Rheinland geschickt werden sollten. Weil aber die Luftüberlegenheit der Alliierten so drückend war, war das ein Vorhaben für Tage. Während dieser Hitler ständig seine Anweisungen änderte, bis niemand mehr wußte,  wo sich diese 22 fabriksneuen Panzer befanden. Sie fielen den Alliierten schließlich kampflos in die Hände. 






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Got a lot of livin' to do

Got a lot of music to hear, places to go, people to see ...




Thanks to Glaserei

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Sonntag, 24. März 2013

Was hat er uns zu sagen? (3)

  Teil 3) Vielleicht liegt unsere Aufgabe ganz woanders

Der Schauspieler Egon Marknagel in "Heute bei Laura" (TV66)





L: Das heißt?

Daß offenbar die Mehrheit der Kardinäle davon gar keine Ahnung mehr hat, was es heißt, von einer niedrigeren Kulturstufe in eine höhere zu kommen. Das klingt so romantisch - Dritte Welt ... Dort aber mangelt es an Verständnis und Aktualität - nicht umgekehrt. Das ist kein falscher Eurozentrismus, sondern das hat mit anthropologischem, nein, eigentlich mit Weisheit zu tun. Die können uns nicht verstehen, nicht umgekehrt. Man hat hier also sehr gefährlich mit dem Universalismus der Kirche gespielt, und ihn vielleicht sogar verspielt.

Aber ich will das hier gar nicht alles jetzt ausdiskutieren, das würde jeden Rahmen sprengen, was ich da sage ist sicher nur ungefähr und lückenhaft, nageln Sie mich nicht auf Details fest. Ich will nur andeuten, daß das Problem sehr sehr komplex, mit Schlagworten nicht zu lösen ist. Und von einem Papst würde ich mir wenn er schon was sagt eben Ansätze erwarten, die im Einen anfangen, das alles enthält, in der umfassenden, tiefen Wahrheit. Nicht in zeitgebundenen Schlagworten. Seid zärtlich zueinander ... was soll denn das jetzt heißen? Wir haben doch das gegenteilige Problem zu geringer Sachlichkeit, des Subjektivismus, des autonomistischen Individualismus, des Formverlusts, das ist ja unser Genickbruch. Liebe, Sachlichkeit, Form - das kann man nicht durch Kuschelpädagogik quasi unwichtig machen, im Gegenteil! 

Für mich heißt das einfach, daß ich noch klarer unterscheiden lernen muß, was an unserer Wahrnehmung überhaupt echt ist, daß ich noch widerständiger gegen Schlagworte werden muß. Da stehen Leut am Petersplatz, und ich war dort, die tatsächlich glauben, weil sie dem Papst zugejubelt haben und jetzt in der allgemeinen Gruppendynamik gehobener Stimmung sind, wären sie voll der Liebe. Da stehen Leut die der festen Überzeugung sind, daß weil sie für ihn gebetet haben, muß ja alles richtig sein was er macht. Wenn ich das mit Ratzinger vergleiche, dann kam es mir diesmal vor wie beim Kaffeklatsch beim lieben Onkel Bergoglio. Ich habe den offenen Himmel vermißt, den wollte ich nämlich sehen. Ich habe mich erwischt, wie ich immer wieder nach vorn geguckt habe, ganz unbewußt, weil mir an dieser Figur, die da wenige Meter neben mir vorbeigezogen ist, offenbar noch etwas gefehlt hat. Er wäre zu übersehen gewesen. Dabei ging es doch um ihn, also nicht, sondern um den Papst, der er jetzt ist?

Ich habe die schlimme Befürchtung, daß wir uns warm anziehen müssen in den nächsten Jahren. Daß wir lernen müssen, daß der Papst in unserem konkreten Leben nur ein ganz ganz nebensächliche Rolle spielt, sieht man von der Wahrheit der katholischen Lehre ab. Den kann ich gar nicht lieben, oder auf eine andere Weise. Lieben muß ich meine Frau, wenn ich mich bemühe, sie zu ertragen - und natürlich umgekehrt. Lieben muß ich meine Kinder, die ich zurechtweisen muß, weil das was sie tun ihnen Schaden zufügt, auch wenn sie es gerne täten. Lieben muß ich meinen Regisseur, wenn er etwas sagt, was ein Unsinn ist, und ich obwohl ich es nicht gerne tue, mit ihm streite, damit eine gute Produktion herauskommt. Das ist die Liebe, die von mir verlangt ist.

L: Könnte es sein, daß man aus Ihrer Haltung eine gewisse Widersprüchlichkeit herausspürt? Denn einerseits haben Sie immer betont, daß das Papstamt zu zentralistisch ausgelegt worden wäre. Anderseits messen sie der Papstwahl doch so zentrale und weitreichende Bedeutung zu?

Vielleicht haben Sie Recht, vielleicht ist da was dran. Immerhin hat Bergoglio ja von Anfang an klar gemacht, daß er Bischof von Rom ist, und nicht mehr, sieht man von der Sonderstellung ab, die dieser Bischof hat. Man wird ja sehen, wie sich das auswirkt. Die Medienstrukturen, die sich rund um das Papstamt seit Jahrzehnten nahtlos geschlossen haben, und die sicher wesentlich dazu beigetragen haben, daß Bild vom Papstamt zu verfälschen, wo hin zu schieben, wo es nicht hingehört, machen natürlich jedes seiner Worte zu einem Wort "für alle" Katholiken, mit allem gehörigen direkten Einfluß.  Dazupassend hat sich ein völlig verkehrte Metahaltung entwickelt, die jetzt im Internet völlig ausufert und das Wesentliche des Glaubens, die Fleischlichkeit, sagen wir mal, aus den Angeln hebt. Das Papstamt hat sich eben logischerweise im Dialog mit der Entwicklung der Weltstruktur entwickelt. Auch Staatspolitik ist ja seit dem 19. Jahrhundert immer mehr diesen Weg der Metapositionen gegangen.

Wenn er das auch wirklich umsetzt, wird sich das zumindest auch daran zeigen müssen, ob er nach wie vor die Seelsorge, ich sage das mal so, vor Ort übernimmt, oder sich auf Rom konzentriert. Und das muß sich auch in einem klaren Rückgang der medialen Präsenz auswirken. Es kann nicht sein, daß Papstmeldungen jeden Alltag in den Ortskirchen erdrücken. Im strengen Sinn führt das zur Häresie. Von dogmatischen Entscheidungen will ich da mal nicht reden, sofern die nötig sind. Da paßt momentan diese, sage ich mal, intime Frömmigkeit die er zeigt noch nicht ins Bild, die einer Weltpräsenz in den Medien und damit abstrakten Fragestellungen um Kirche und Glaube und Probleme in zivilisatorischen Gesamtentwicklungen nicht angemessen ist. 

Ganz real aber fürchte ich aus Erfahrung, daß sein Vorbild der Startschuß für eine Reihe von Positionen ist, die wie auf Lauerstellung gelegen sind, und sich bisher immer wieder doch nur beschränkt entfalten konnten. Vor allem irritiert mich die Verwendung einer uneindeutigen Sprache. Die eben bestenfalls nichts Falsches sagen will. Aber das reicht nicht nur nicht, sondern ist eine subtile Form von Lüge. Wenn schon, kann man nämlich genau das einigen Dokumenten des 2. Vatikanischen Konzils vorwerfen. Sie haben ermöglicht, daß sie auch aus falschem Geist heraus interpretiert werden. Dieser Geist aber, von dem ich da spreche, ist hoch aggressiv und bösartig. Er verwendet nur die Rhetorik der Liebe, und führt damit in die Irre.

Ich kann mir gut vorstellen, daß und warum dieser Papst die richtig Antwort ist, aber ganz anders, als viele glauben. Es könnte sein, daß sich diese gewissermaßen Verweigerung des Papstamtes, wie es sich erst in den letzten 150 Jahren in der Praxis, nicht in der strengen theologischen Definition, herausgebildet hat, und die man ganz sicher historisch bedingt sehen muß, wie eine paradoxe Intention wirkt: Daß uns klar wird, das DAS, was doch in Wahrheit so viele seit Jahrzehnten verlangen und fordern, eben nicht weit führt. Die Frage ist zwar auch, was vom Papstamt noch übrig sein wird, wenn er mal den Löffel abgibt. Aber noch mehr sehe ich uns aufgefordert, als einfache Katholiken, daß wir uns bewußt werden, daß tatsächlich WIR die Kirche sind, und daß sie in dem Maß gegenwärtig ist, wie wir stark wir selbst sind. Mir fällt da nur das Gleichnis mit den Jungfrauen ein. Wer jetzt kein Öl in der Lampe hat, könnte ein Problem bekommen.

Denn wenn ich ehrlich bin: ich könnte mir gut vorstellen, daß sich jetzt an der Kirche etwas anderes zeigt. Ich möchte das nicht weiter präzisieren, aber der Apostel Johannes hat darüber geschrieben. Holzauge, sei wachsam, kann ich da nur sagen. Aber es ist immer schwer, mitten aus der Gegenwart heraus zu sagen, wo sie hinführt. Wenn ich Armut als Zukunft Europas sage, so ist das durchaus auch so gemeint, daß wir uns am besten Weg dorthin befinden. Diese Papstwahl hat das auf eigentümliche Weise vorweggenommen. Deshalb bin ich sehr wohl der Ansicht, daß sie vom Heiligen Geist inspiriert war. Aber anders, als wir uns das dachten. Unsere Kultur ist nur noch eine leere Hülle, ein loser Fetzen, den wir nach wie vor überhängen haben, ein Rest, und nur um diese Hülle gehen derzeit alle politischen Streits. Darunter ist bereits die niedrigere Kulturstufe der Dritten Welt. Und das ist nicht etwas Nebensächliches, auch nicht wenn man von Heiligkeit spricht. Kultur ist Lebensdarstellung, und damit ist sie zu entwickeln Auftrag, weil Gotteslob, vollkommene Darstellung Gottes, der Sinn der Schöpfung überhaupt ist.

Es kann auch vom Geist inspiriert sein, daß am rechten Ort zur rechten Zeit der Unfähige, der Falsche sozusagen, der Richtige ist. Gerade für einen Organismus wie die Kirche einer ist, kann das gelten. Als Lehre, die es zu ziehen gilt. Weil der Organismus darauf reagieren muß. In der Impfung wird gezielt damit gearbeitet - Infektion, damit der Gesamtorganismus daran erstarke, sich selbst wiederfindet. Nur in Jesus Christus selbst fällt Wahrheit und Fleisch zusammen. Im Papst sicher nicht. Das Heilszeichen, das die Kirche hat, sind ihre Sakramente. Papsttum ist keines. Das bleibt vom Träger getrennt, obwohl es nie von einem Träger getrennt werden kann. Es ist ein Werkzeug, nicht mehr. Da wurde in den letzten Jahrzehnten ganz sicher nicht immer richtig unterschieden, sodaß sich ein regelrechter Papstkult entwickelt hat. Das ist gefährlich. 

Also muß man zuwarten, was wird, und ich werde alles sehr gespannt verfolgen. Aber ich bin auch hellhörig geworden, sage ich ehrlich. Denn was kommt als nächstes? Dogmatisierung des Klimawahns? Ist auch schön kuschelig. Vor allem banal genug für den Geschmack der Massen. Für mich heißt das: Genau schauen, ob das wirklich so ist, wie ich meine zu sehen, daß es ist. für mich wird das also heißen die Augen zu reiben und zu fragen: Kann das wahr sein? Was wieder heißt: genau nachdenken, abwägen, prüfen, denn was man sieht kommt ja aus dem Herzen, das die Gedanken bildet, nicht einfach aus den Sinnen. Das macht es nicht immer leichter, die Wahrheit zu finden. Aber die ersten Signale haben mich entsetzt, dabei war ich besten Willens, alles vorerst einmal positiv zu sehen. Da hat sich aber sehr rasch Zweifel angemeldet.

Wissen Sie, ich habe die Erfahrung gemacht, daß im Leben alles, was man wirklich wollte, sich auch realisiert. Nur erkennt man es oft nicht einmal, weil man gar nicht richtig erkannt hat, was man gewollt hat. Es könnte sein, daß sich jetzt etwas verwirklicht, genau damit wir es erkennen, das ich ja seit den 70ern ständig in meiner Pfarre erlebt und wogegen ich mich immer gewehrt habe - um uns erst damit davon befreien. Also, wenn wir es erkennen. Das klingt schauerlich, aber es ist wie das Einholen einer Ernte, so könnte es mir vorkommen. Die Spreu vom Weizen wird aber auf der Tenne getrennt. Es kann sein, daß wir wirklich vor einer Zeit der Laien stehen. Aber auf ganz andere Weise, als es oft gemeint war. Als Fleischwerden des Leibes der Kirche, der sich ja schon gefährlich virtualisiert hat. Sodaß der Kirche auf ganz neue Art eine Schwäche zu eigen wird, in einem schwachen Papst, der nicht einmal auf zwei Lungenflügeln atmen kann. 

Hält man da dazu, daß das Wort Geist mit Atem zu tun hat, soll man sich seinen eigenen Reim darauf machen. Gerade in der Aufeinanderfolge der Päpste steckt ja auch ein Sinn, Geschichte ist ja nicht zufällig. Und dieser Papst ist sogar auf eine gewisse Weise das Werk seines Vorgängers, das darf man nicht vergessen. Den Benedikt gut kannte! Immerhin war er der stärkste Gegenkandidat bei seiner Wahl. 

Wie sagt Paulus? Jesus Christus muß wachsen, ich aber abnehmen. Wir sind eben nicht mehr Papst. Wir sind nur kleine Würstchen vor Ort. In die Richtung denke ich." 



Der Schauspieler Egon Marknagel, in "Heute bei Laura" (TV66)





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Wirklichkeitsverlust einer Kultur

"[...] Ausgehend von der philosophischen Analyse der organischen Systeme fanden wir ihre innere Einheit, ihren Mittelpunkt, ihren Logos in der Entelechie. Der Logos ist ihre ideale vom Keim umschlossene Keimkraft.

Er ist es auch bei dem Weltkeime, der in der Fülle der Zeiten in die Erde eingesenkt wurde. Man kann, wie Spengler, keine Morphologie der Geschichte schreiben, wenn man diese Morphologie nur von außen - vergleichend-physiognomisch -und nicht von innen, von ihrer inneren zeugenden Entelechie aus betrachtet. In der Selbstoffenbarung Gottes durch Christus hat diese Entelechie ihren tiefsten Reflex in das Bewußtsein der Menschheit geworfen, das göttliche Urbild in ihr aufleuchten lassen.

Die ungeheure Schicksalswende Europas ist durch den Punkt bezeichnet, wo es als faustische Kultur (im Sinne Spenglers) sich verselbständigt hat und dem lebendigen Leibe, dessen Mittelpunkt und Entelechie der Weltlogos Jesus Christus ist, entwachsen ist. Dadurch ist das Leben in einen Zustand geraten, der im tiefsten Grunde nicht  mehr menschheitlich-organisch war, weil die innere Entelechie nicht mehr umfassend und restlos wirklichkeitseingesellt war."

Hans André in "Die Kirche als Keimzelle der Weltvergöttlichung" - Ein Ordnungsbauriß im Lichte biologischer Betrachtung


Das Dramatische am Rationalismus der Gegenwart ist nicht einfach seine Irrtumshaftigkeit, so als würde simplifiziert 3 + 3 nicht mehr 6 sein. Es ist die Irrelevanz, die er als Denkbewegung zwangsläufig erhält. Sodaß diese schlicht und ergreifend die sehr konkrete Welt sehr konkret nicht mehr zu erfassen vermag. Er verengt sich zwangsläufig in immanente Systeme, die aber zu einer fragmentierten Welt werden, in der nichts mehr Sinn hat. Damit produziert auch die Wissenschaft einer solchen Kultur jedwede Relevanz, sie fördert nur noch sinnlose Einzelaussagen, die sie zu Tatsachen stilisiert.





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Der nächste Moment



Gesehen bei everyday_i_show






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Samstag, 23. März 2013

Was hat er uns zu sagen? (2)

 Teil 2) Man lügt am besten, indem man nix Falsches sagt

Der Schauspieler Egon Marknagel, in "Heute bei Laura" (TV66)





L: Aber offensichtlich genießt der Papst ungeheure Popularität und Beliebtheit?

"Tschuldigung, aber das könnte auch ganz andere Gründe haben. Denn wenn eines heute modern ist dann das, sich selbst in den Vordergrund zu schieben, nicht das Amt oder den Beruf, in dem ich stehe, und die mir ja immer verliehen werden. DAS muß ich tragen lernen, das Prinzip, das durch mich der Welt sichtbar wird, und in ihr wirkt und lebt. Aber genau dem läuft heute jeder davon, indem er alles zu Liebe und Grießschmarrn aufweicht und möglichst zerredet.

Außerdem sollte man nicht vergessen, daß dem Papstamt - eben dem Amt gegenüber - sowieso viele Menschen Beißhemmung haben, auch die Journalisten. Warten wir also mal ab, wie sich das noch entwickeln wird.

Was soll Sympathie außerdem heute schon heißen, im Medienzeitalter? Wird David Bowie geliebt, weil zu seinem Konzert 100.000 begeisterte Leute kommen? Wird seine Botschaft deshalb wahrer? Wissen Sie was? Ich wette, daß 90 % der Leute, die Bowie zuhören, gar nicht wissen, was für eine Botschaft er wirklich verkündet. Da genügen Schlagworte, die nur eine Entscheidung absichern, die ganz andere Gründe hat.  Und der jetzige Papst hat sich gleich mal tüchtig in der Schlagwortkiste bedient. Das ist immer verdächtig, übrigens, weil man sich fragen muß: was will er wirklich TUN. Schlagworte sind eigentlich immer Mittel, um zu verdecken, was man wirklich vorhat.

Dasselbe ist zu sagen, wenn man seine bisherigen Aussagen damit behängt daß man sagt: na, falsch ist es ja schon mal nicht, wie die FAZ unlängst mal gemacht hat. Die subtilste Art zu lügen ist aber genau, nix Falsches zu sagen. Wahrheit zu verkünden ist etwas ganz anderes als keine falschen Wörter zu benützen. Und Lügen heißt auch nicht, falsche Wörter zu benützen. In dieses Gefängnis haben wir uns nur durch den Rationalismus selbst gesperrt. 

L: Aber werden nicht immer wieder Zeugen laut, die erzählen, wie authentisch der frühere Kardinal Bergoglio war, wie ehrlich er meint was er sagt?

Ich weiß nicht, was mir das sagen soll. Wenn jemand ehrlich zu etwas steht, und sie haben schon recht, das spürt man, gibt mir das keine Auskunft darüber, ob das was er sagt und macht, auch richtig ist. Das ist außerdem eine Frage des Horizonts. Der Tischler kann völlig ehrlich dazu stehen, die Lehne wegzulassen. Aber als Besitzer des Theaters muß er aus anderen Gründen wissen, daß es eine Lehne braucht.

Wissen Sie, ich bin nicht der Meinung, daß Armut das brennende Problem Nummer eins auf der Welt ist. Auch wenn ich der Meinung bin, daß der Wohlstand in Europa Unrecht an sich ist. Aber nicht an den Armen in Südamerika, sondern weil wir die Welt seit spätestens 150 Jahren vergewaltigen.

L: Aber hat der Papst dann nicht doch recht?

In gewisser Weise - ja. Unser Unrecht, unsere Weltvergewaltigung hat auch die Vergewaltigung vieler Menschen nach sich gezogen. Auf der ganzen Welt. Aber zuerst auch in Europa. Wir vergewaltigen uns auch selbst. Erst also, wenn wir selbst wieder arm sein wollen, werden wir das begradigen können, und dazu gehört auch Sühne, alles keine Frage. Da haben wir Schuld aufzuarbeiten, und gar nicht wenig. Und nach wie vor funktioniert unser Wohlstandssystem nur, weil wir immer noch Erdteile haben, die die Schwächen Europas und der USA durch rücksichtslose Ausbeutung ausgleichen. 

Aber wenn heute von Armut in der Dritten Welt geredet wird, dann wird ja immer vom Wohlstandsgefälle geredet. Also wird das eigentliche Problem unserer Kultur gar nicht erkannt. Es kann nicht darum gehen, allen Wohlstand zu spenden. Es muß darum gehen, Armut als Grundhaltung zu lernen, nur so können wir unsere eigene Kultru noch retten. Armut ist gewissermaßen unsere Zukunft, oder wir werden gar keine mehr haben. DAS halte ich für zynisch, wenn wie in der Nachbarpfarre ein Priester ständig von der Ausbeutung der Dritten Welt spricht, und dabei sein Beamtengehalt kassiert, also von Armut als Schule der totalen Auslieferung, das ist sie nämlich, überhaupt keine Ahnung hat. Und nebenher am liebsten alles ausreißen würde, was Kultur überhaupt bedeutet, bei uns.

Übersehen wir außerdem nicht, daß wir gerade jetzt in einer historischen Epochenwende stehen, wo uns die Volkswirtschaften der Dritten Welt am Wohlstand nach unserem Maß gemessen zu überflügeln beginnen. Brasilien ist eine der stärksten Kräfte der ganzen Weltwirschaft geworden, und zieht mittlerweile über die Investitionen, das Geld, sogar die europäische Wirtschaft weit mehr, als wir es ahnen. Von China, Indien oder Südostasien gar nicht zu reden. Wenn man sich die eigenartigen Vorgänge in Südamerika ansieht, dann hat man es ja dort nicht von ungefähr mit einem regelrechten Desaster der Kirche durch die Freikirchen zu tun, die vor allem auf eines abzielen: auf den weitverbreiteten Wahn, auch bald reich zu werden, mit der euphorisierenden Wirkung des Glaubens als Powermittel zum Zweck. Da ist man offenbar mit der Theologie der Solidarität mit den Armen nicht sehr weit gekommen. Die Leute wollen daß es ihnen besser geht, und sie nehmen es selbst in die Hand, das ist das Gute dabei.

L: Und das Schlechte?

Wie? Ach so ... Sie meinen, weil man sie ja sonst ja den Freikirchen überlassen könnte, quasi als effizienteste Form der Seelsorgearbeit, was? Ja, das Schlechte ist, daß technisch gemessener Wohlstand zur Religion wird, an dem man abliest, ob es mit Gott auch stimmt. Wer eine Fernsehantenne hat, der hat es geschafft, und jetzt geht er zur Gebetsversammlung, weil er noch einen Wagen braucht, und ein Pool wäre auch nicht schlecht. Dahinter steht ein völlig verdrehtes Verhältnis zu Gott und der Schöpfung. Da wird die Welt zum bloßen Mittel, das eigentlich wertlos ist, höchstens einen Freizeitwert hat. Und Religion sorgt halt fürs Seelenhigh. Das ist nicht Glaube, das ist nicht Gottesdienst, das ist derselbe sinnlose Weg, der Europa um Kopf und Kragen gebracht und unsere Flüsse versaut hat. Der Wert und Sinn der Schöpfung liegt in ihr selbst, nicht in dem, was ich damit anstellen kann. Umweltschutz ist nicht etwas, das ich AUCH tun sollte, sondern er ist die Folge der Liebe zu allem Geschaffenen. Kultur heißt damit, daß ich alles zu sich selber führen muß, damit es besser es selbst ist. Deshalb kann ich nicht einmal einfach sagen, daß jede Urwaldabholzung schlecht ist. Genau so wenig wie es gut ist, Wald durch Holzplantagen zu ersetzen. 

Verzeihung, aber was soll das bringen, wenn ich unter der Armut leide, und jemand erklärt mir, daß er auf meiner Seite, daß er solidarisch ist? Womit? Ich möchte doch nicht auch noch meinen Zustand, für den ich mich schäme, zur Identität hochgespielt haben! Ich war obdachlos. Das Schlimmste war, als eines Tages ein Priester kam, mit Wollkäppi und schmuddeligem Pulli, der so tat, als sei eh alles in Ordnung mit mir, ich bräuchte mich nicht zu schämen. Fragt er mich, wie es mir geht. Sag ich: Wie soll es mir gehen? Schauen Sie, wo ich bin! War der auch noch beleidigt. 

Aber gar nichts war in Ordnung, und die Scham war das einzige, was wenigstens einige Leute aus dem Heim wachgehalten hat, wieder rauskommen zu wollen. Als der Priester mir noch den Teller weggetragen hat, um sich zu den Dauerbewohnern des Heimes, das von der Kirche geführt wird, zu setzen, habe ich mich nur noch verarscht, zum Objekt seiner grotesken Phantasie entwürdigt gefühlt. Ich war doch nicht gehbehindert, oder ein unkultivierter Idiot, der sein Geschirr nicht wegräumt, wie es dort üblich war. Als ich Arbeit hatte, und bat, mir das Essen, das es dort billig gab, eine halbe Stunde aufzuheben, weil ich nicht früher zurückkommen könnte, war schon Sense. Das mache man nicht.

L: Und wie sind Sie dann wieder rausgekommen?

Ich habe mir auf Teufel komm raus eine Wohnung genommen, und enorm viel riskiert. Insofern lernt man etwas daraus. Gott wirkt oft auf recht eigenartige Weise. Manchmal, indem er genau das nicht erfüllt, was man meint, daß einem fehlte. Manchmal, weil er einfach fordert etwas zu tun, zu wagen, manchmal ist das wie eine Probe, auf die man gestellt wird, eine Herausforderung, und daran wird der Glaube stark. Gott verlangt oft einfach, daß wir selber was tun, dann segnet er's. Wie in dem Witz mit dem Rabbi und dem Los. So einfach ist das alles also nicht, daß man nur 1+1 zusammenzählen müßte.

L: Aber war nicht auch Jesus solidarisch mit den Sündern? Den Armen?

Auch so ein Unsinn. Wo steht das? Woher haben Sie das? Er war solidarisch mit den Menschen, so wie sie sein könnten und gedacht waren, weil er selber Mensch war. Das kann man höchstens im übertragenen Sinn als solidarisch sehen. Aber er hat sich nie als Sünder qualifiziert. Immer hat er gesagt: Geh hin, und sündige nicht mehr. Er war barmherzig. Aber er hat verlangt, daß man aufhört zu sündigen. Ab sofort. Und er war arm, in dem Sinn, als ich es Ihnen ja zu erklären versuche. Abstand zu allem. Aber er hat es auch genossen, also das Geschöpfliche nicht verachtet, sondern seinen Sinn erfüllt. Man hat ja deshalb sogar gesagt: Seht den Fresser und Säufer! Johannes hat gefastet, der aber nicht? Weil es eben um eine Haltung geht, nicht ums Geld selber. Schon damals hat es aber auch das Mißverständnis mit der Armut gegeben. Sie kennen ja die Erzählung um die Frau, die teures Öl über seine Füße gegossen hat. Da murrten einige, heißt es, wieviel Arme hätte man da beschenken können. Jesus hat aber die Verschwendung verteidigt!

L: Sie spielen auf die Bescheidenheit des Papstes an, der liturgischen Prunk verweigert hat?

War nicht beabsichtigt, aber ja, es gehört hierher. Es geht doch nicht um ihn, wenn er ein edles Pallium trägt! Wo ist denn da Bescheidenheit? Das ist doch eher Eitelkeit zu meinen, das hätte überhaupt etwas mit ihm, dem Herrn Bergoglio, zu tun. Je höher das Amt, das wurde zu allen Zeiten so verstanden, auch im Königtum, desto weniger gibt es da überhaupt noch einen Menschen, der verschwindet ganz hinter seinem Amt, bis nur noch sein Maske sichtbar wird. Die königliche Noblesse und Zurückhaltung rührt daher. Der Mensch davor kann das Amt nur verunstalten, nicht verbessern. Je mehr Könige geglaubt haben, ihr Amt hätte mit ihnen persönlich zu tun, desto mehr wurden sie zu Tyrannen, das können sie in der Geschichte Europas nachlesen.

Armut ist eben etwas ganz anderes als eine Maßzahl von Geld und Wohlstand. Dann muß man sich dafür auch überhaupt nicht schämen, im Gegenteil. Aber Elend hat nichts mit Geldknappheit zu tun, und das weiß man dann auch, fühlt sich zurecht schuldig. Im Elend hängt man sich innerlich ab von der Welt, hofft nur an äußere Mechanismen, baut die Kraft ab, das Leben als etwas zu begreifen, das man als Antwort verantwortlich gestalten muß, egal, wie reich man wird, wozu man etwas wagen muß. Da fängt der Glaube an, denn wenn man sich in Gottes Vorsehung, in seinem riesigen und jeden Moment neu erstellten Gesamtplan geborgen weiß, kann einem nicht mehr passieren, als den vorbestimmten Platz in seinem Plan einzunehmen. Und wenn der Armut heißt, Kreuz, dann eben Armut und Kreuz. Aber keinen Tag darf ich mich zurücklehnen und aufhören, zu tun, was sich eben aufgibt. Das Problem der Schuld sehe ich in der sogenannten Armutsbekämpfung überhaupt nicht einkalkuliert. Nichts rechtfertigt, sich selbst der Welt schuldig zu bleiben.

Das Elend der Favelas ist zumindest auch ein Problem des Kulturaufbaus, das man mit der Aussicht auf Geld von außen eher verschlimmert, als verbessert. Kultur hat immer mit Schuldbewältigung und Religion angefangen, nicht mit Geld. Das hat ja schon vor Jahren zu einem Umdenken im Städtebau geführt, soweit ich da richtig informiert bin: wo man auf die Leute selbst setzt, nicht einfach Geld hinschiebt, und ihre Armut ausknipsen will, wie man einen Schalter umlegt. Das bringt keine Verbesserung. In Indien sind oft die schönsten Neubauten binnen kürzester Zeit Elendsquartiere geworden. 

Ich meine damit nur: Dieses Gerede von Armut auf der Welt ist eben oft nicht mehr als ein Gerede gelangweilter Intellektueller. Dazu zähle ich auch Priester, die sich in Wahrheit nie Sorgen machen mußten, was morgen auf den Tisch kommt. Soziale Verantwortung heißt mehr, als einfach Geld rüberzuschieben.

L: Haben Sie also eine Ahnung von der Armut?

Das behaupte ich, und ich behaupte sogar, daß das eine der Grunderfahrungen jedes Schauspielers ist, zumindest in der Regel. Denn wir leben ohne jedes soziale Netz, von der Hand in den Mund, völlig ausgeliefert, und müssen dabei lernen, trotzdem wahrhaftig zu bleiben, sonst gehen wir an unserem Beruf erst recht vorbei, werden auch nicht gut, so einfach ist das. Für den Künstler ist das, was er tut, nicht Mittel zum Zweck, sondern sein Zweck ist das Material selbst. Das ihm die Gesetze vorschreibt. Er muß also seinem Bild, das ihm vorschwebt, gehorsam sein, arm sein. Das wird erst später metaphorisch, heute muß es meine ich immer am Anfang zumindest sehr konkret sein. Weil es die Umgebungen nicht  mehr gibt, in die hinein er sich einfach aufgeben kann. Er muß sich seine Umgebung erst freikämpfen, sich aus den Beziehungen lösen, um aus seinem übergeordneten, alles umfassenden Bild heraus das Einzelne in seinen Bezügen darstellen zu können.  Er darf nicht dem Einzelnen zum Sieg verhelfen wollen, sozusagen. Er muß in der Welt arm werden, um alles Einzelne in sich ganz und wahrhaftig leben zu lassen. Das ist eine sehr direkte Analogie zu Gott, und ist ein analoger Schaffensprozeß.

Kunst ist wie jeder freie Beruf deshalb eine perfekte Schule der Armut, das wird oft übersehen. Deshalb ist es ja auch eine Gnade, kein Verdienst, kein einfaches Berufsziel, wie es heute oft gesehen wird. Gerade wenn ich höre, daß eine soziale Absicherung für Künstler verlangt wird. Das ist völlig kontraproduktiv. Armut ist heute regelrecht notwendiger Ausgangspunkt, und sie hat immer mit einem zu tun. Man kann also nicht einfach sagen: beseitigt die Armut, dann wird alles gut. Wird es nicht.

Ohne daß ich übersehen haben möchte, daß Reichtum und Vermögen eine soziale Pflicht einschließt. Aber gerade bei uns frage ich mich: wenn wir da nun etwas verschenken, dann verhökern wir doch ohnehin Diebesgut!? Geld, Wohlstand, den wir sozusagen der Welt gestohlen haben. Über den wir gar nicht verfügen können und dürfen, also: dürften. 

Wie ich schon sage: Man kann dieselben Worte gebrauchen, aber etwas ganz anderes meinen. Und wenn ich höre, daß wir "Solidarität mit den Armen" zeigen müssen, dann steht ein ganzer Komplex an Unsinn und Haß auf, den ich halt Jahrzehnte ständig gehört habe. Denn um ehrlich zu sein: Haß scheint mir bei erwähntem Pfarrer eine nicht kleine Rolle zu spielen. Der ist übrigens ein Überbleibsel von diesem wieder abgebrochenen Experiment der Arbeiterpriester in den 50er, 60er Jahren, wenn ich mich recht erinnere. Das hat nämlich dasselbe gezeigt. Man kann existentielle Gefährdung, Prekariat, wie man das heute nennt, nicht simulieren, so tun als wäre man auch arm, sozusagen. Dann kommt etwas ganz anderes raus als Noterkenntnis - dann kommt Marxismus oder Liberalismus raus. 

Auch das Problem der Dritten Welt ist viel komplexer, als meist getan wird. Schauen Sie nur Afrika an. Die haben schon lange vor dem Kolonialismus das Problem der Sklaverei gehabt, ja Afrika zeigt überhaupt eine Geschichte eines langen langen Abstiegs, eines totalen Kulturverfalls. Als die Europäer kamen, war Afrika schon weitgehend am Boden. Nicht viel anders war es in Südamerika. Oder wollen Sie mit Ernst behaupten, daß die Inkas oder die Azteken eine humanere, sinnvollere, lebensvollere Kultur waren als die europäische? Die Spanier und das Christentum hätten sich nie so leicht durchsetzen können, wenn sie nicht auch als Befreier zum Besseren empfunden worden wären. Gewaltherrschaft reicht nicht, das zu erklären. Nur die ortsansässige Adelsschichte, die Schichte der Besitzenden, hatte etwas dagegen. Es gibt historische Situationen, wo Fremdherrschaft noch das bessere Los ist - wenn der eigene Staat nicht mehr Gerechtigkeit garantieren kann. Lesen Sie Erfahrungsberichte von Missionaren aus der Zeit. Und fragen Sie sich mal, wie die Europäer auf die Idee kamen, daß die Eingeborenen keine Menschen wären. Ohne jetzt zu sagen, es wäre nicht viel Gier im Spiel gewesen.

Nur behaupte ich auch, daß wir diese Aufarbeitung gar nicht mehr leisten können. Uns fehlt dazu schon das 1x1, wir wissen gar nicht mehr, wovon wir sprechen. Das zeigt mir auch diese Wahl - Dritte Welt gut und schön. Aber es ist ein Unterschied, aus welcher Kulturstufe in welche Kulturstufe hinein gehandelt wird.



 Teil 3 morgen) Vielleicht liegt unsere Aufgabe ganz woanders





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