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Dienstag, 30. Juli 2013

Kollateralschäden (1)





"Es gibt eine große Zahl von Indizien die dafür sprechen, daß die politisch Verantwortlichen davon wußten."

Über allem Schrecken, der sich hier offenbart, und bis zu 100.000 Kinder in den 1950er bis 1980er Jahren (!) in Österreich betrifft, steht zu befürchten, daß dem öffentlichen Diskurs jede pädagogische Begrifflichkeit fehlt. Die über bloße Betroffenheitsrhetorik hinausgehen könnte, um die Geschehnisse in österreichischen und speziell Wiener Kinderheimen richtig einzuordnen.

Was besonders bedauerlich ist, weil die österreichische Pädagogik vor den dramatischen Eingriffen in die Gesellschaft in den 1930er Jahren hervorragende Grundlagen erarbeitet hatte. Diese Tradition wurde, wie so viele, abgebrochen, ja diskriminiert und verleumdet. Sodaß wir heute einer grundlagenlosen, ideologisierten Pädagogik gegenüberstehen, die die "Überregulierung" durch völlige Formlosigkeit und neue, nur als solche nicht erkannte Formen systemischer Gewalt ersetzt. Die nächsten Schäden sind längst sichtbar, aber nicht in ihren Zusammenhängen erkannt, denn erneut würden sie die Lebensweise der Gegenwart massiv in Frage stellen. 

Kollateralschäden. Kollateralschäden eines Lebensgefühls, das der Gesamtheit des überkomplex und überwältigend wirkenden, deshalb in vielerlei mechanistische Abstrakta verdrängten Lebens, zu denen niemand mehr eine Grundhaltung entwickelt hat, hilflos gegenübersteht. Und selektiv Teilfragen zu lösen vorgibt, die vor allem einem dienen: Der Unsichtbarkeit der wirklichen Folgen unserer Art zu leben. Der eine neue Art der technizistischen Überregulierung auf der einen Seite genauso gegenübersteht, wie systematische Verwahrlosung und veränderte Formen von Mißbrauch ganzer heutiger Generationen auf der anderen.

Dabei ist in dieser Aufarbeitung nur ein Teil der Mißstände in Jugend- und Kinderheimen angesprochen. Gewalt und furchtbare Gruppendynamiken innerhalb der haltlosen Kinderscharen, von denen auch der Verfasser dieser Zeilen immer wieder Kenntnis erhielt, sind noch nicht einmal angekratzt.

Erziehung kann niemals vom persönlichen Gegenüber und persönlicher Liebe und sittlicher Kraft getrennt werden. Kein System, keine Methodik, keine Technik kann von der Dimension her ersetzen, was dem Wesen menschlicher Erziehung - einer Notwendigkeit - angemessen ist. Eine Leistung, die genuin nur das Elternhaus erbringen kann, nur in Ausnahmefällen öffentliche Institutionen als Notgriff. Und dies ist eine der Kernaussagen der nunmehrigen Enthüllungen. Dennoch wird über die Gesamt- und Tagesschule die Erziehung mit öffentlichem Konsens weiter vergesellschaftet, und damit in noch nie gewesenem Ausmaß weiter technisiert ... in einer Pädagogik, die so wie damals dem jungen Menschen in seinen Ambivalenzen hilflos gegenübersteht.




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