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Donnerstag, 31. Oktober 2013

Nein, nicht die Gegenwart. Oder?

Wenn wir auf die Geschichte vergangener Kulturen zurückblicken, so fällt uns auf: lange vor dem äußeren Zusammenbruch setzte ein innerer Verfall ein. Von einem gewissen Punkt an gab es fast nur noch Mißerfolge. 

Die Wirtschaft geriet ins Stocken und die Finanzen des Staates, der Städte und Gemeinden gerieten immer stärker in Unordnung; die Zahl der Unterstützungsempfänger stieg von Jahr zu Jahr, obwohl jede neue Regierung mit dem erklärten Ziel antrat, diese Zahl und die Staatsverschuldung zu senken. Die Sicherheit der Bürger war gefährdet, das Auftreten von Mann und Frau hatte sich ebenso verändert wie das Verhältnis von Jung und Alt. 

Die gesamte Gesellschaft schien wie von einer Krankheit befallen zu sein und unfähig geworden, richtige Entscheidungen zu treffen und auszuführen. Obwohl keiner den Niedergang wollte, steuerten die Staaten und ihre Menschen mit innerer Folgerichtigkeit auf einen Abgrund zu, so als wäre es ihr eigentliches Ziel, in den Abgrund zu stürzen.


Pitirim Sorokin




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Wie alles begann

"Und nur so, um es interessant zu machen ... ein paar Idioten."
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Mittwoch, 30. Oktober 2013

Alles gelogen

Sie wissen es nicht. Weil es niemand je wissen wollte. Weil niemand je etwas wissen wollte. Sie werfen sich in den Abfluß der Kloake des Zeitgeists, der sich selbst abtreibt, und werden nur eines noch versuchen müssen - nicht gleich unterzugehen. In diesem Video über "Zukunft" der Telekom Austria ist nichts richtig. Wo noch gut gemeint - Irrtum. Und deshalb alles Lüge und substanzloser Schein. Vielleicht gab es überhaupt noch nie eine Zeit wie diese - die nur noch Leere in Luftblasen von sich gibt. Die so vollständig die Wirklichkeit verloren hat, daß sich menschliches Leben und Tun in eine Parallelwelt entwickelt hat - und am Ende der einzigen Wirklichkeit, die es gibt, hilflos gegenübersteht, weil als übermächtiges fremdes, unvorhergesehenes Geschehen erfährt.

Das Wahrste an dem Film ist zugleich so wahr, daß es wiederum verwundert: Das Video ist ein Comic-Strip. Das Nichts hat eben keine Substanz, es braucht sie vorgängig, um zu existieren.







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Ein neues Reich

Der Übergang von den Merowingern zu den Karolingern ist keineswegs die einfache Fortsetzung einer Staatsgeschichte, schreibt Henri Pirenne, auch wenn beide Staatsgebilde sich "Fränkisches Reich" nannten.

Die Merowinger waren aber, wie Rom, ein Laienstaat, ihr König ein "rex francorum". Die Karolinger aber verdanken ihr Mandat der Kirche, sie waren deshalb "Dei gratia rex Francorum" - Könige von Gottes Gnade. Auch ihr Reichsgebiet hat sich dramatisch geändert. Nun sind gleich viele Germanen wie Romanen "Franken", während die merowingische Herrschaft ein quasi romanisches Volk hatte, und die Antike weiterführte. Erst hier ihnen endet die Antike, beginnt das Mittelalter.

Die Hausmeier, die Verwalter der Merowinger, sind nur scheinbar die Erben eines im 7.-8. Jhd. unter dem Ansturm wie Anlaß der Araber zu Dekadenz und Chaos heruntergekommenen Reichs. Sie gründen es in Wahrheit neu, verdrängen die Merowinger. Der Königs- und dann Kaiserbegriff, unter den Karl der Große fällt, unterscheidet sich grundlegend von dem eines römischen Kaisers - jener war Imperator. Karl und die von ihm begründete Kaisertradition ist hingegen auf ihrer Eigenschaft als Oberhaupt der Ecclesia, der Kirche, als Haupt der Christenheit als Vollbild der menschlichen Gesellschaft auf Erden, begründet. Eine Entwicklung, die ihre Entstehung - dem Einbruch des Islam in die Welt des Mittelmeeres verdankt, der das römische Reich, die antike Welt zerstört.

Nun bekommt auch die Salbung eine völlig neue Qualität, und schließt an die alttestamentliche Königssalbung an. Wo sich im König Priester- und Herrschergewalt ("Zwei Schwerter") vereinen. Die Königssalbung ist von der Priesterweihe nur wenig zu unterscheiden.* Ein Verständnis also als "Amt", nicht mythischer Abstammung eines fleischlichen Menschen. Freilich mit neuen Spannungsfeldern, die sich dann im Investiturstreit definitiv entladen, aber bis in die Gegenwart virulent bleiben in der Frage: Was ist der König? Was ist die Kirche? Welche Stellung hat die Kirche zur weltlichen Macht?

Denn mit den Karolingern sind die Könige/Kaiser der Kirche unterstellt. Ihr verdanken sie ihre Legitimität. Mit der Renaissance freilich lebt der alte Herrscherbegriff wieder auf, und spitzt sich im Absolutismus zu. Noch Ludwig II. (der Bayernkönig) wird sich im 19. Jhd. auf dieses alte Herrscherverständnis berufen.



*Man betrachte nur den Fall der anglikanischen Kirche - deren Oberhaupt der König ist. Auch der Protestantismus in Deutschland wird später aus vielen Quellen dieser Richtung gespeist. Denn eigentlich lebt in Luther diese Einheit des Amtes - im Landesherren, in der staatlichen Obrigkeit - wieder auf, die der Papst Gregor VII. auseinandergerissen hat. Während bei Luther die Kirche als Institution überhaupt verschwindet.



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Dienstag, 29. Oktober 2013

Religion und Vernunft

Vielleicht erschließt sich der Zusammenhang der "sittlichen Haltung" und der Wahrheit als religiöser Wahrheit, also der personale Charakter der Wahrheitserkenntnis und des Denkens, aus der Überlegung heraus besser, daß es Vernunft nur geben kann, wenn der Mensch bereit ist, wirklich in das Wesen der Welt, der Dinge einzusteigen. Er muß die Welt "nachfühlen", um sie zu erkennen. Und DANN erst kann er eine Vernünftigkeit von Religion erfahren - wenn er daraus ein Streben der Welt über sich hinaus, nach Sinn erfährt und sieht. Sieht.

Deshalb hat Religiosität direkt mit entwickelter, gesunder Empfindungsfähigkeit zu tun. Denn natürlich kann sich die Existenz Gottes nur aus dem Erfahren der Welt "aufdrängen". Als Gewißheit, die sich aus dem Sehen der Welt ergibt. Glaube braucht also zuerst: sehen, was ist. Blinder Fideismus kann kein Glaube sein, er ist Ideologie, und das heißt genau ein Halten über der sinnlichen Wahrnehmung, ein Nicht-Zulassen jener.

Religiosität ist gleichzeitig und damit eben genau auch nicht dumpfes "Empfinden", das keine Vernunft verträgt. Das Angst hat vor dem Verstand. Damit würde sie irreal sein, damit würde Gott kein "Element" der Wirklichkeit, der Geschichtlichkeit sein. Was hätte so ein Gott für einen Sinn? Was wäre das für ein Gott?

Glaube, Religion hätte keinen Sinn, wenn sie nicht diesen Anspruch auf "Wahrheit über die Welt" besäße, auf Aussage über Wirklichkeit. Sie wäre bloßes Konstrukt, Ideologie, Weltanschauung, was auch immer man dafür an Bezeichnungen haben kann. Religion muß wirklichkeitstauglich sein, sonst ist sie lächerlich. Das ist ihr Mindestanspruch.

Wer also gestörte Empfindungsfähigkeit hat, hat auch gestörte Gewissensbildung - als Gewißheit über die Welt. Damit über das, worüber Verstand, Vernunft, Sprache überhaupt erst spricht. Und sei es: als Frage, die aufsteht, indem man den Dingen und Lebewesen zusieht. Genau zusieht. Sieht, daß sie auf etwas abzielen. Daß es der Sinn ist, der die Dinge konstituiert, nicht irgendein mechanisches Geschehen. Hier hinkt die Philosophie der Öffentlichkeit noch gewaltig hinter den Erkenntnissen der Quantenphysik hinterher, übrigens.

Nur die gesunde Wahrnehmungskraft kann auch den Hinweis auf einen Gott, auf einen Schöpfer, überhaupt konstatieren. Als Hinweis, erst, und dann als mögliche, ja notwendige Annahme. 

Deshalb ist der Gott näher, der sich um Wahrhaftigkeit seiner Vernunft müht, als der, der sich auf ein vorgebliches "Empfinden" beruft. Wenn wir heute einen weitverbreiteten Atheismus feststellen dann hat das direkt damit zu tun, daß die Menschen nicht mehr bereit sind, die Mühe der Vernunft - Vernunft bedeutet eben: Mühe, die Treue zum Wahrgenommenen, gegen alle allgemeinen Aussagen und zeitgeistig-bergenden Paradigmen - auf sich zu nehmen.

Somit ist auch klar, daß die Rolle, die Computer im täglichen Leben spielen, fatale Auswirkungen haben kann - und wird. Denn der Mythos, daß es ein rein mechanisches Denken gäbe, nimmt den Menschen diese Mühe ab, und wird deshalb gerne ergriffen. Aber Denken ohne sittliche, menschliche Haltung gibt es nicht. Und nur in dieser Bereitschaft zur Wirklichkeit, zur Wahrhaftigkeit, kann auch Religiosität entstehen. Dann erst wird sie als Grundeigenschaft des Menschseins ergriffen und ergreifbar. Von der auch der autistische religiöse Eiferer weit entfernt ist, der einer "Religion" ohne Religiosität zugehört.

Religiosität besteht erst dann, wenn diese Probe auf Wirklichkeit gewagt wird. Und das heißt: mit offenen Sinnen, mit bereitem Herz dem Begegnenden gegenüber.

Und Glaube besteht erst dann, wenn mutig ein solches Prinzip der Weltwirklichkeit als TREUE ZUR ERFAHRUNG angenommen wird.* Der Weg zur Gotteserkenntnis kann nur über den Weg der Welterkenntnis gehen. Das Sein zeigt sich im Seienden, auf der Ebene der Idealität.

Wir leiden heute nicht zuerst unter "Mangel an Religiosität". Wir leiden unter Mangel an Wahrnehmungswillen und -kraft, und deshalb an Mangel an Religiosität.** Wir leiden an der propagandistischen Identität, die unsere Sinne überbrückt. Wir leiden unter der Dichte der Wortkaskaden, die uns treffen - weil treffen WOLLEN - noch EHE wir selbst wahrgenommen haben.



*Deshalb sind jene Leute verabscheuenswürdiger Abschaum, die da darauf warten, daß jeden Moment eine "Erfahrung" eintreten könnte, die eine Wirklichkeit der Welt offenbare, die mit ihrer gesamten Lebenserfahrung nichts zu tun habe, elementarsten Vernunftgrundsätzen, die sich aus eben dieser Erfahrung ergeben, widersprechen könnte. Die, etwa, esoterische Buchhandlungen durchkämmen, ob sie nicht noch irgendwelche Obskuritätencocktails finden. Jene, die auf "Wunder" gierig warten, ohne sich dabei je von einem Wunder zu jener Überzeugung bringen lassen zu können, die sie erhoffen, weil sie zu faul zu feige zu niedrig sind, zu einer Weltwirklichkeit aus Erfahrung zu stehen. Solchem Dreck, solchen Charaktermüll, der heute logischerweise zuhauf auftritt, mit Argumenten zu begegnen ist "Perlen vor die Säue" zu werfen. Diese Generation ist böse. (Lk 11,29)

**Deshalb der hier so oft vorgetragene Haß auf den "Sozialstaat" als "Amme für alles und jeden". Er entfremdet von der Wirklichkeit, er entwöhnt von der Wahrnehmung, er entwöhnt von der Wirklichkeitsrezeption! Als Sozialtechnik. So wie der Computer vom Denken entwöhnt. Oder die meisten Filme vom Sehen.





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Kunst der Gebildeten

Daß sich die Renaissance vielfach nicht als Kunst des Volkes durchsetzte, hat einen sehr bestimmten Grund. Und dieser liegt ... in England und Irland. Warum? Auch dafür hat Henri Pirenne eine interessante Tatsachenlogik aufgebaut.

In den Wirren der spätantiken Zeit, der in den Völkerwanderungen eine bereits norme innere Schwäche - ihre Antike wurde mehr und mehr zum bloßen (leeren, formalistischen) Epigonentum - entsprach, sank das einst im gesamten Mittelmeerraum lebendige gesprochene Latein in den Wirren des 6.-8. Jhds. zu einer simplifiziert verschliffenen Banalsprache herab. Und nahm mehr und mehr lokale Eigenheiten an. Die uns heute bekannten Sprachen - Spanisch, Italienisch, Französisch - wurden in zahlreichen Lokaldialekten grundgelegt. Der Gebildetenstand der Patrizier verschwand, der das antike Latein noch gepflegt hatte, die Gründe und Zusammenhänge haben wir hier bereits dargelegt. Niemand konnte mehr lesen und schreiben, später nicht einmal Karl der Große. Man sprach ein arg verschliffenes Latein, das nur noch an die Grammatik der Wurzelsprache erinnerte, sie schon sehr versimpelt hatte. Das alte Latein verstand bald niemand mehr.

Aber bereits im 6. Jhd. hatte Papst Gregor d. Große Missionare direkt von Rom aus nach Britannien geschickt, um dort zu missionieren. Die Insel war nie so romanisiert wie der Rest Europas, und somit hatte sich dort die germanische (bzw. gälische) Sprache als Volkssprache erhalten. Das Latein, das reine, korrekte Latein, war von Anfang an eine Kultsprache, eine Sprache des Heiligen, und der Gelehrten. Und das waren die Kleriker, nur sie konnten lesen und schreiben. Und von dorther also war es auch die Sprache der Wissenschaft. Die Renaissance ist eine Kunst (und Kultur) der antiken Bildung. Wie hätte das gemeine ungebildete Volk daran teilnehmen können, außer durch simple Nachahmung?

Karl der Große holte im 9. Jhd. britische Missionare aufs Festland zurück. Sie sollten die Germanen christianisieren, was sie auch erfolgreich taten. Weil aber auch keine Verwaltungsstrukturen mehr vorhanden waren, keine Gebildeten mehr (aber auch aus politischen Gründen, die hier zusammenspielten), bediente er sich gleichermaßen dieser Briten, um seine Verwaltung zu organisieren. Und die war in - Latein. In reinem Latein. (Wobei man nicht vergessen sollte, daß Karl das Germanische als Volkssprache schätzte, bewahren wollte, Volkslieder aufschreiben ließ, etc.) Die Missionare aber verwendeten nach wie vor das klassische Latein.

Aber mit diesem klassischen Latein kam auch die Antike wieder zurück, in der Sprache und im Wissen der literarisch Gebildeten, als Amtssprache, als Kirchensprache, und später und bis ins 19. Jhd. hinein als (abstakt-rationale und in einer seit der Antike ungebrochenen Denktradition gebliebene) Grundlage für die abendländischen Wissenschaften.

Was sich in der kleinen, der karolingischen Renaissance im 9. Jhd. zeigte stammt also aus England. Und es hat entscheidende Weichen für Europa gestellt. In ihr spaltete sich das Geistesleben des Volkes von dem der Elite, das Volk konnte die Antikenliebe der Elite, ihren Geist nicht nachvollziehen. Besonders im Alpenraum zeigt sich das sehr deutlich, wo nur der Adel eine Renaissance kannte, das Volk lehnte sie ab.

Gleichzeitig erklärt sich, daß in Italien, dem klassischen Latein sicher noch am nächsten geblieben, die Renaissance auch in die bürgerliche Sphäre weit vorgedrungen ist. (Im griechischen Süden ohnehin wieder nicht.) Desgleichen etwa in Ländern wie Ungarn, wo sich Ungarisch aus historischen Gründen (durch Tataren und Türken immer wieder starke Dezimierung der einheimischen Bevölkerung; das heutige Ungarisch begann sich erst im 19. Jhd. zu entfalten, bis 1850 (!) das Latein als Amtssprache, als einzige landesweit gesprochene Sprache abgeschafft wurde; dazu die jahrhundertelange Fremdherrschaft) lange nicht als Landessprache tauglich zeigte. In Ungarn haben auch die vielen nicht-ungarischen Bürger (in der charakterlichen Spezifik der Bodenlosigkeit, der virtuellen Heimatlichkeit) den Geist der Renaissance aufgesogen und zum Ausdruck gebracht. Vermutlich liegt der Fall in der Tschechei ähnlich, auch dort spielte das Slawische lange Zeit eine Nebenrolle, und gar keine in der Bildung. Daß sich dort der Protestantismus so markant und in Hus etwa aus sich heraus entfaltet hat, könnte in solchen (natürlich komplexen) Wirkverhältnissen begründet liegen.


Warum sich im arabischen Eroberungsraum ab dem 7. Jhd. die Naturwissenschaften aber so kräftig und deutlich früher als in Europa entwickelt haben? Die Araber hatten keine Scheu, die antiken Traditionen zu benützen, die sie reichlich vorfanden, wo sie ihnen nützlich schienen, und was ihnen gefiel. Auch in der Architektur. Noch heute wirkt jede Moschee wie eine Nachahmung der (einst katholischen) Hagia Sophia in Istambul. 

Selbst Aristoteles wurde ins Arabische übersetzt (von wo er nach Europa zurückkam - über arabische und jüdische Übersetzungen.) Gleichzeitig spielte dort die Bildungselite eine wesentlich kräftigere Rolle als gesellschaftlicher Faktor, als in Europa. Denn die arabischen Gesellschaften waren "hydraulisch-managerial", also zentralistisch organisiert. Der Individualismus, der Dezentralismus Europas, der sich nach der Antike (und unter maßgeblichem Einwirken des Zusammenbruchs des Mittelmeerraumes als einheitlicher, antiker Kulturraum) entwickelt hat, machte dort ein Wirken der Bildungseliten wesentlich schwieriger. Was der Kalif in Bagdad befahl, geschah unmittelbar und überall, die Entwicklung des einfachen Volkes blieb überhaupt stehen. Die arabische Hochkultur war also sowieso eine reine Elitenkultur. Die europäischen Kaiser konnten sich vergleichsweise ja wenig durchsetzen.

Wieweit auch arabische Lebenskultur - über Spanien, welches Kalifat sich zu einer Art "Ketzerei" des Islam entwickelte - Europa prägte, darüber kann man streiten. Immerhin zeigt die maurische Kultur in Spanien deutlich mehr Eigenleben und auch Volksdurchdringung. Wieweit die Gotik nicht nur philosophisch (arabisch-jüdische Aristotelesausgaben kamen über Spanien) von dorther (oder von den Briten/Iren) inspiriert war ist Diskussionsstoff.




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Montag, 28. Oktober 2013

Wie wir leben


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Zum Wesen des Geldes (2)

Teil 2) Nur die Juden haben Geld




Nur Juden bleiben noch internationale Händler von Waren (und Sklaven), sie können sich auch in der islamischen Welt problemlos bewegen. (Sie  haben deshalb auch noch eher Gold.) Und fast alle der wenigen Kaufleute, "Berufsspezialisten", die noch geblieben sind, die vom Handel leben, sind tatsächlich Juden. In enorm vielen Aufzeichnungen und Urkunden ist "Jude" mit "mercator" (Kaufmann) verbunden. Sie genießen im Frankenreich bald zahlreiche Vorrechte, weil die Könige sie als notwendig erkennen. Wer sie erschlägt, muß eine hohe Bußabgabe leisten. Nicht selten leisten sie sogar diplomatische Dienste, sind Verbindungsglied zur islamischen Welt, zumalen über Spanien. Schon um 830 tauchen erste Niederschriften auf, in denen man ihren Reichtum und ihre Privilegien beklagt.

Aber der Spruch erhält seine Begründung: daß jene Städte aufblühen, die zwei Dinge in ihren Mauern haben - Klöster und Juden. Es ist auch eine Tatsache, daß sie die Kirchenschätze ausbeuten (Geld!), und neben dem Gewürz- auch den äußerst lukrativen Sklavenhandel mit dem Orient betreiben. So manche Legende führt sich darauf zurück - etwa "Kinderraub". Aber nur dort gibt es noch Großhändler. "Jude" und "Kaufmann" wird sinngleich verwendet.

Doch verglichen mit der Zeit VOR den Sarazenenangriffen ist das Handelsvolumen bescheiden. Auch das für landwirtschaftliche Produkte. Vorher hatten auch Großgrundbesitzer Geld, zahlten ihre Steuern damit - nun nicht mehr. Weihrauch und Öl verschwinden aus den Kirchen, werden durch Wachskerzen ersetzt. Gegenden, wo Wein wächst, sind heiß begehrt - kaufen kann man ihn nicht. Klöster werden zu autarken Selbstversorgern.

Etwas Gold kommt auch noch über die Nadelöhre, die geblieben sind: Venedig und Süditalien mit ihrer Anbindung an Byzanz (wo es nach wie vor Gold und Geld gibt), und die Niederlande, als Knotenpunkt zwischen Skandinavien und Britannien. Über die Flüsse gibt es auch noch geringen Warenstrom ins deutsch-gallische Binnenland, wenn auch zunehmend schwer bedrängt von den Normannen, die alles plündern und verwüsten. Zunehmend werden die Städte deshalb zu Festungen, das Umland ist ja ständig verwüstet und "Niemandsland". Bis Otto dem Großen (bis 955) fallen auch ständig die Magyaren vom Osten her ein und rauben und brandschatzen, was ihnen in die Finger fällt.

Wie kamen die Skandinavier zu ihrem Gold? Über den Handel mit Byzanz und den Arabern - über die Wolga und das Schwarze Meer. So kommen auch noch geringe Mengen Gewürze, oder Seide, oder kunstgewerbliche Gegenstände nach Europa. Und ägyptischer Papyrus. Der bis ins 7. Jhd. allgemein Schreibmaterial war. Das viel teurere, aufwendiger herzustellende Pergament, fein geplättetes Leder, kommt deshalb auf.

Es gelang Karl allerdings nicht, die Geldprägung zu zentralisieren, obwohl er sie wieder als Königsrecht reklamierte. Nach ihm fiel es überhaupt wieder an Grafen (als Landesherren) und auch an die Kirche. Die Zeit der reichen Könige in Europa ist vorerst zu Ende. Wobei - bei so geringem Warenaustausch, war auch ein überregionales Zahlungsmittel kaum notwendig. Jede Stadt prägte also ihr eigenes Zahlungsmittel, es wurde ja nur regional umgesetzt. Das ging so weit, daß die Alpenpässe, die in die Provence führten (eines der von den Sarazenen am meisten heimgesuchten Gebiete) verödeteten, weil nicht mehr gebraucht wurden.

Auch mit dieser Silberwährung spaltete sich Orient vom Okzident, wo es nach wie vor Gold als Zahlungsmittel gab.




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Sonntag, 27. Oktober 2013

In einen dunklen Sack hinein

Bemerkenswerte Ergebnisse zeitigen derzeitige Umfragen in Österreich. Da haben nun 65 % der Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht Gebraucht gemacht, "mitbestimmt", und nun stellt sich heraus, daß 69 % der Wähler mit dem Ergebnis unzufrieden sind. Einem Ergebnis, demnach sich nichts geändert hat, die alten Zustände prolongiert werden, andere Konstellationen sind kaum möglich. Wobei die Befindlichkeiten durchaus widersprüchlich sind.

Was man durchaus als amüsante Konnotation zum Schlagwort sehen könnte, demgemäß in einer Demokratie das Volk bestimme, wer es regiere. Denn offensichtlich eignet sich das Mehrheits-Stimmverfahren keineswegs dazu, einen gezielten Willen zum Ausdruck zu bringen. Seine Ergebnisse sind im Ausgang zufällig. Kein einziger Wähler kann "gestalten", wie es so verlogen heißt. Dazu müßte man ein Etwas gestalten. Aber dieses Etwas gibt es gar nicht. Weder im Willen der Wähler, noch in den zufälligen Ergebnissen, die nicht einmal "Taktik" im Abstimmverhalten zulassen. Man stimmt ab wie in einen dunklen Sack hinein. 

Man gibt seine Stimme ab und hofft, daß irgendetwas "Gutes" dabei herauskommt. Weder weiß man, was das Gute sein solle, noch, wie es zustandekommen könnte. Halt, ja, persönlich wissen es wohl noch viele (siehe: Unzufriedenheit), aber nicht, wie es erreicht werden könnte.

Als würde unsere Demokratie nach (vielleicht sogar: virtuellen, auf jeden Fall aber: "anderen") Gesetzen ablaufen, die genau mit dem nichts mehr zu tun haben, das abzubilden sie behauptet - dem Willen des Volkes.




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Zum Wesen des Geldes (1)

Interessante Einblicke in das Wesen des Geldes erhält man, wenn man die Geldreform unter Karl dem Großen an der Wende vom 8. zum 9. Jhd. betrachtet, wie sie Henri Pirenne - unter diesem Blickwinkel - überzeugend darstellt. Durch das Wegbrechen des Mittelmeeres als Wirtschaftsraum war kaum noch Gold (in Münzenform) im Umlauf. Nur über die Ostsee und Skandinavien kam noch etwas Geld ins Land.

Der internationale(re) Handel brach weg, der Stand der Kaufleute, und speziell der der Großhändler verschwand. Von ihm ist nirgendwo mehr die Rede. Die Wirtschaft ging auf einen Naturalientausch zurück, der überall auf eigene Art geregelt wurde. Damit aber brach auch das Steuerwesen weg - es gab sie nicht mehr, nur noch in Form von Fronarbeit, oder als Naturalienabgabe. Vor allem die Zölle waren es ja gewesen, die die Königshäuser finanziell ausgestattet hatten. Unter Karl gab es erstmals keinen Königsschatz mehr.

Wie waren diese Goldmünzen zuvor entstanden? Fast jede größere Stadt hat sie geprägt. Woraus? Aus Dingen, die die Leute zum Einschmelzen brachten - Klöster, Kirchen etwa zahlten oft mit umgeschmolzenen Kultgeräten, die oft bewußt als Geldreserve aufbewahrt worden waren. Goldfunde und -abbau natürlich nicht zu vergessen.

Warum war Geld (Münze) notwendig geworden? Wegen der Eintauschfähigkeit im Mittelmeeraum bzw. international. Damit konnte auch in Bagdad gekauft werden, was zu erwerben wiederum in Europa gleichfalls Geld brauchte. Ware wurde also gegen Gold getauscht - und so kam Gold als Zahlungsmittel auch in Europa in Umlauf und Gebrauch. Bis Karl.

Karl hat das Goldgeld abgeschafft. Es war ja ohnehin kaum welches noch in Umlauf. Und hat die Währung auf das viel leichter zu beschaffende Silber umgestellt. Ausgehend vom Silber, wurde es in Gewichtseinheiten unterteilt zu Münzen umgeprägt. (Das englische "Pound Sterling" - Pfund - hat diese Erinnerung bis zum heutigen Tag bewahrt.) 

Man brauchte ja keine so großen Werte mehr, es gab ja seit den arabischen Eroberungsfeldzügen keinen Großhandel mehr. Zuvor war es auch üblich gewesen, daß sich mehrere Kaufleute zusammentaten, um größere Warenmengen zu kaufen und zu handeln - mit geliehenem Geld. Oder ... Sklaven. Heidnische Friesen oder Sachsen waren besonders beliebt, denn wenigstens den Handel mit Getauften hatte die Kirche erfolgreich bekämpft. Die Städte hatten ihre patrizische Bürgerschaft verloren, also gab es auch keine Absatzmärkte mehr.

Wie kam die Kirche zu dem Geld, zu Gütern? Vor allem durch Schenkungen, auch seitens der Kaufleute. Das fiel nun gleichfalls weg. Auch die Kirche also hatte (in Westeuropa zumindest) kein Geld mehr. Es gab keine Kapitalisten mehr, die Steuererträge pachteten (und damit dem König Geld ablieferten), keine Bürger die den Armen stifteten, keine Geldverleiher, die Geld verliehen. Das sogenannte "Zinsverbot", das die Kirche für ihre Diener ausgesprochen hatte, wird vom Staat übernommen. Aber das ist nicht primär Zeichen hoher Moral, sondern bezeugt nur den völligen Niedergang des Großhandels. Wen sollte es berühren? Als es sich bei Wiedererstarken der Wirtschaft hemmend ausgewirkt hatte, wurde es ohnehin wieder fallengelassen.

Das Explodieren der Zahl kleiner Marktflecken und Märkte, die, wenn sie nicht auch Münzen prägen, ohne königliche Erlaubnis abgehalten werden können, ist kein Zeichen florierenden Handels, sondern eher Notbehelf einer auf Naturalientausch und Handel in kleinstem Umfang ausgerichteten Wirtschaft, wo Nähe für Produzenten wie Verbraucher noch bedeutender wurde. Es gibt an Fertigwaren fast nur solche der bäuerlichen Wirtschaft, wie Töpfe, Schmiedearbeiten, Bauernleinen, was eben der örtliche Bedarf war. Die Zunahme von Märkten besagt also hier Verfall, nicht Prosperität.  Schon gar bei den vielen Normanneneinfällen in Gallien, die auch das Wirtschaftsleben schwer treffen. Und viele haben kleine Münzschlagestätten, so viel eben der örtliche Bedarf war.

Denn königliches Geld, ja allgemeines Geld überhaupt war kaum im Umlauf. Die oft unausweichliche Notwendigkeit zum kaum aber möglichen Handel wird zur beklagten Last.

Nur wenige überregionale, vielfach fahrende Händler kommen gleichfalls dorthin, und weil darunter viele Juden sind, verlegt man sie ... auf den Sonntag, um ihnen den Besuch zu erleichtern. Auch. Nicht nur deshalb. Die Verbindung von Kirchenfesten mit Märkten, beides Anlaß zur gesellschaftlichen Versammlung, zum Austausch, ist damals generell und häufig. Von dort stammt die Bezeichnung "Messe" für "Markt". Richtige internationale Märkte, richtige Messen, gibt es nur noch eine einzige im 9. Jhd. - in St. Denis. Einzig der Königs- bzw. Kaiserhof unterhält ein überregionales Versorgungsnetz, zum Teil durch privilegierte Kaufleute unterhalten.



Morgen Teil 2) Nur die Juden haben Geld






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Samstag, 26. Oktober 2013

Wie wir leben



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Nationalgefühl als Persönlichkeitsbestandteil

Polen hat nun beschlossen, künftighin gegen jedes Medium Prozeß zu führen, das da behauptet, daß es sich bei den Konzentrationslagern der Hitler-Zeit um "polnische KZ" u.ä. handele. Selbst Barack Obama hat dies schon gemacht, und von "polnischen Todeslagern" gesprochen, und alleine 2012 hat Polen 120 mal bei Medien den irreführenden Begriff reklamiert.

Interessant aber ist die Erklärung des Vize-Außenministers Artut Nowak-Far, die die Presse abdruckt: „Nationale Identität, nationale Würde, die mit dramatischen Ereignissen des Krieges verbunden sind, können Persönlichkeitsrechte sein."

Nation KANN nicht nur Bestandteil der Persönlichkeit sein - sie IST es, als äußerer (bzw. im Zueinander von Menschen: erster, oder einer der ersten) Kreis der Identität. An diesem Beispiel wird es nur deutlich.




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Freitag, 25. Oktober 2013

Menetekel

Ein höchst depressives Bild zeichnet der Bericht in der FAZ über Japan. Zwar ist der nominelle Wohlstand so hoch wie noch nie, aber das Land überaltert rapide. Und mit dem Fehlen der Jungen fehlt ... der Optimismus. Man hat keine Zukunft, so der Tenor. Eine depressive Stimmung hat sich überall breitgemacht.

Zu wenige Junge, zu wenige Geburten, und noch weniger Geburten, Zerfall der Familie, extrem hoher Stand an Singles ohne Kinder, ohne Ehepartner, die ihr Leben lang alleine leben. Ausbildungen werden nicht mehr weitergeführt, wozu, es wird niemanden geben der sie braucht und die spezialisierte Tätigkeit bezahlt. Prekäre Anstellungsverhältnisse nehmen überhand, auch weil sich die Psyche der jungen Menschen verändert hat, die sichere Anstellungsverhältnisse und Firmenloyalität nicht mehr kennen, wie sie für Japan einst so typisch waren.

Ebenso Frauen die mit 40 von nichts anderem reden als von Mann und Kindern - die sie gerne hätten, aber nicht (mehr) erreichen. Noch dazu wo sie Probleme haben einen Mann zu finden, der "ihre Fähigkeiten akzeptiert", die sie sich beruflich erworben haben.

Geld, Erspartes (bei den Älteren) gibt es genug, und die Preise fallen, aber freuen kann sich niemand daran, denn es ist ein Krisensymptom, ein Symptom fallender Nachfrage. Derzeit versucht die japanische Regierung erneut, durch Gelddrucken Nachfrage auszulösen. Aber in Japan funktioniert kein Mechanismus mehr, zu viel wurde bereits versucht. Die Fundamentalkrise, die den Westen seit 2008 erfaßt hat, hat Japan bereits vor 20 Jahren durchlebt. Sie hat nicht mehr geendet.




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Ursachenkette

Eine interessante Verschiebung war der Grund für das allmähliche Ausdünnen der Macht der Merowinger, bis sie 751 im Übergang der Krone auf die Karolinger endete, schreibt Henri Pirenne.

Der große Reichtum der Merowinger beruhte - auf Zöllen und Wegegeldern. Die durch den blühenden Handel mit dem gesamten Mittelmeerraum über das gesamte 5.-7. Jhd. den königlichen Schatz füllten. Der Einfall der Sarazenen, in dessen Folge der Wirtschaftsraum des westlichen Mittelmeeres zum Erliegen kam, brachte aber den völligen Zusammenbruch dieser Einnahmenquelle. Die Küsten waren damit verloren. Marseille etwa, das noch im 6. Jhd. über 300.000 Einwohner hatte, verödete, die Häfen waren überall leer. (Seine Rolle als Brücke Europas mit der Levante und Asien sollte ab dem 9. Jhd. Venedig einnehmen.) Der zuvor noch selbständige, zahlreiche Stand der Kaufleute verschwand fast völlig.

Damit versiegten die Einahmen, damit konnte das Königshaus seine Macht immer schwerer aufrecht halten.

Erst kam das Buhlen um die Kirche, die mit mehr und mehr Privilegien ausgestattet wurde, was ihr eine enorme Stellung im Staat einbrachte. Aber man mußte sie an der Seite haben, die Macht zu stärken. Damit aber fielen weitere Grundlagen für Einnahmen weg - etwa die Grundsteuern. Wobei die Klöster ohnehin nie die großen Handelsknotenpunkte gewesen waren. Geld überhaupt wurde bald zur seltenen Erscheinung, es wurden kaum noch Münzen geprägt. Die Zahlungen aus Byzanz, das sich damit zuvor einen starken Verbündeten gegen die Langobarden hielt, fallen aus.

In Folge des Zusammenbruchs des Wirtschaftsraums Mittelmeer (er erholte sich erst ab dem 9. Jhd., aber nur im östlichen Teil, eben durch Venedig bzw. Byzanz und Süditalien, die je starke Flotte unterhielten, etwas das den Franken nie gelungen ist) verlagerte sich in ganz Gallien und Germanien der Wirtschaftsschwerpunkt nach Norden, ins Binnen- und Festland - namentlich auf den Boden, auf die bäuerliche Wirtschaft, den (geldlosen) Naturalhandel. Das hieß nun eine Stärkung der Grundbesitzer, und damit der Bauern und vor allem des Adels. Um diesen bei der Stange zu halten, wurden auch ihm nach und nach mehr Konzessionen gemacht, damit aber die Macht des Königshauses, die natürlich auf Geld beruhte, immer weiter geschwächt, bis der König ganz in der Hand des Adels war.

Nachdem das Meer versperrt ist, zerfällt aber die Ordnung in den Städten, an sich Säulen königlicher Macht. Damit fehlen die Patrizier, die Bildungsschicht, aus der die Bischöfe, Geistlichen und Verwaltungsbeamten rekrutiert werden. Und so gerät mit ihnen die Kirche im Süden Galliens in heillose Unordnung. Für Jahrzehnte, ja Jahrhunderte verschwinden Bischofssitze, werden nicht mehr besetzt. Damit fällt die letzte Stütze des Königs.

Ende des 7. Jhds. versucht das Königshaus noch einmal, die Verwaltung durch Beamte (aus niedrigerem Stand) zu zentralisieren - Macht zurückzuholen. Aber ohne Erfolg, es kommt zum Widerstand, bereits unter dem Argument mangelnder Legitimität, dem Widerstandsrecht gegen die "Tyrannei", den das Königshaus 680/83 verlor und teuer bezahle. Sie werden zu bald lächerlichen Schattenkönigen, und die Frage um ihre Herrschaft zur Frage um ihre Fähigkeit dazu. Anarchie bricht aus, das Land wird zerstückelt, das Königshaus kann sich nicht mehr wehren. Die Vormacht des Nordens - Austrasiens - in Gallien beginnt, unterstützt von den dortigen Bischöfen. Mit den schwachen Königen, die dennoch ein bis zuletzt mächtiger mythischer Volksglaube an die göttliche Sendung der Merowinger trägt, brechen erstmals Spannungen zwischen dem antik-romanischen Süden und dem germanischen - anti-antiken, aber immer mächtigeren - Norden auf. 683 übernimmt bereits ein nordgallischer (austrasischer) Hausmeier, der den König regelrecht ignoriert, die faktische Macht über das ganze Frankenreich.

Und auf dieser faktischen Macht wird dann die Entscheidung des Papstes Zacharias Bezug nehmen, als man ihn 751 fragt, wer die Königskrone tragen solle - der "legale" Merowinger, oder der, der die Macht eines Königs habe. Der Papst entscheidet sich für den Karolinger Pipin. Und weil er in Folge der Eroberung des Mittelmeerraumes durch die Araber und einem damit geschwächten Byzanz von den Langobarden bedroht wird, also die Franken als Schutzmacht braucht, bricht der nächste Papst Stefan II. 754 erstmals mit dem Kaiser in Byzanz, unterstellt sich dem Schutz Pipins - dem abendländischen Kaisertum unter Pipins Sohn Karl wird in der Folge der Weg geebnet.

Ohne Mohamed, ohne die Zerstörung der Einheit des Mittelmeerraumes durch die Araber, wäre es nie zu einem abendländischen Kaiser gekommen, und hätte sich keine römisch-germanische Kultur entwickelt.





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Donnerstag, 24. Oktober 2013

Wie wir leben

Paris

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Ich bin nicht der andere

Eine der allergrößten Verwirrungen herrscht bei jenen, die da gerne vom Ineinsfall von Sein und Nichts sprechen. Und dabei sich oft nur an den nackten Worten festmachen. Aber das Nichts kann kein Reales sein, sonst wäre es nämlich kein Nichts, sondern hätte am Sein teil. Wäre es also doch etwas, so wäre es nicht das Nichts. Also kann es auch nicht im Sein selbst sein.

Gustav Siewerth führt die Gedanken in "Der Thomismus als Identätätssystem" großartig aus, wenn er aufzeigt, daß dieses "Nichts" (auch bei Hegel) ein Begriff der Idealität ist, der (wenn man so will) Gedankenwelt, der Vernunft. Es hat aber keine Realität. Dort, freilich, hat es seine große Bedeutung, weil sich das Wesen der Dinge nur dann ideell als Sein erkennen läßt, wenn es zugleich mit dem identifiziert wird, was es NICHT ist. Insofern fällt also im Denken Sein und Nichts tatsächlich zusammen - aber nicht in der Realität, wie an dieser Stelle vor kurzem ausgeführt wurde. 

Denn wir erkennen die Dinge nur durch ihre Begrenzung, und diese Begrenzung ist das, was etwas nicht ist, das Nichts. Vor diesem Hintergrund erst wird ein Ding ideell erkennbar, weil begrenzbar.* Unsere Vernunft muß also in einem schöpferischen Akt die Identität der Dinge vor dem Hintergrund der Nichtidentität bilden, sie muß dieses "Nichts" bilden - ein menschlicher Akt. Das Nichts gehört in die modale Verfassung der Idealität selbst.

Das Nichtsein kann nur dem vereinzelt Seienden (ideell) zugesprochen werden, nicht dem Sein selbst. Dadurch wird das Sein erkennbar. Und es hat keine Möglichkeit zu positiver Erkenntnisbildung, weil ihm positive Bestimmung fehlt. Das Sein selbst bleibt positiv. Das bedeutet, daß die "positive Identität" eines Dings nicht ideell bestimmbar ist, dieses nur ausschließungsweise, sondern als personaler Akt der Zuwendung zur Realität und als Akt der Vernunft. (Der Verstand, die Idee kann "sich selbst" nicht sehen - so wie kein Mensch sein "ich" ideell sehen oder begreifen kann.)**

Denn ein Erkenntnisobjekt kann nicht von sich aus das vermitteln, was es nicht ist (also "ich"), sondern nur, was es ist. Reale (realistische) Identitätsbildung ist also ein zu leistender Akt des Ich, dem ein "wirkliches Ich" akthaft und real zugrundeliegt, dem das gebildete Selbst entsprechen muß, soll es zu keiner Spaltung des Selbst kommen.***

Vernunft und Vernünftigkeit definiert sich also auch (in ihrem akthaften zweiten Schritt) daraus, definieren zu können, was etwas - ein "Ich" - NICHT ist.****



*Darin liegt begründet, warum das Kind erst allmählich, ja relativ spät beginnt, einen Begriff von "ich" zu bilden. Denn es erfährt sich erst aus der realen Erfahrung, daß es das Andere NICHT ist, und muß dazu seine Vernunft (vorausgehend) ausbilden. Ein Vollbegriff von "Ich" bildet sich überhaupt erst mit der Vollgestalt der Vernunft - an der Schwelle zwischen Pubertät und Adoleszenz. Gleichzeitig weist diese reale Beobachtung darauf hin, daß die heute so häufig zu machende Beobachtung, daß auf die "Abgrenzung" zum anderen hin ("Diskriminierung" = Unterscheidung, Abgrenzung) als der, der ich NICHT bin, VERZICHTET wird, als pädagogischer Schritt, ein katastrophaler Fehlschluß ist, mit dem die gleichfalls heute zu beobachtenden Identitätsprobleme direkt zu tun haben. Es ist geradezu lächerlich und auf jeden Fall dumm zu meinen, es würde sich eine "positive Identität" bilden, OHNE den Heranwachsenden ZUERST als das definieren zu lassen bzw. zu definieren ("übernommene Familienidentität" als erste Grundlage), was er NICHT ist - der andere, der Fremde. Die Zunahme von Auto-Immunkrankheiten hat, übrigens, direkt damit zu tun. 

Das sogenannte positive "ich", also das, "was ich bin" (und nicht das was ich nicht bin), bleibt damit aus seinem Wesen heraus ein Geheimnis (und damit nicht ein "nur noch nicht Gedachtes.") Es ist überhaupt nie ideell/ideal ausdefinierbar, weil jede Idealität von der Negativität (dem Nicht-sein) ausgeht. Ihm kann sich der Mensch nur in der Haltung ... der Liebe zuwenden. Denn es geht allem als nicht-ideelle Realität voraus, die alles zusammehält. Aus der heraus erst das "was ich nicht bin" - als "das was ich bin ist nicht das, was ich nicht bin" - ideell zu diesem wird.

**Natürlich - das Problem des Narzißmus, in dem sich ein "Selbst" in Wirklichkeit auflöst, je mehr sich der Narziß selbst betrachtet, und sich (bzw. das, was er sieht) dabei nur selbst verobjektivieren, sich selbst entfremden kann.

Übrigens - das Problem der "Rückführung" (Rebirthing etc.) in vermeint "frühere Inkarnationen" ("Ich habe schon einmal gelebt" etc.) ist sehr sicher aus dieser Unmöglichkeit der Selbstergreifung heraus verstehbar: Denn die tieferen Seins-Strukturen des Selbst können sich auf Verstandes-/Sprachebene nur in Bildern (des Nicht-Ich) äußern, die aus einem wahren Gemengelage an Faktischem und Motiviken (und Anlagen, Geneigtheiten, die ja von jemandem geerbt sind - Vergangenheitsaspekt!) heraus gebildet werden. Unter der natürlich gegebenen Prämisse, sonst würde es ja niemand machen, und da gehört schon dazu, es für möglich zu halten, daß nur jemand "Rückführungen" vornimmt, der davon ausgeht, DASZ es solche weitere Selbste/Identitäten gibt. 

***Selbstverständlich berührt auch das die wahre Katastrophe des Gendering, der Verwischung weil Nicht-Konkretisierung von Geschlechtsidentitäten. Das soll aber hier nur angedeutet werden.

****Es ist eine ganz konkrete Beobachtung, daß Menschen, die sich nicht zum Nicht-Sein abgrenzen können - man denke an ein häufig zu beobachtendes Selbsteinschätzen, wonach Menschen sich "für alles fähig" halten, sich von allem angesprochen fühlen, nichts in seiner Relevanz scheiden und differenzieren und "diskriminieren" können -, zur Vernunft nicht fähig sind. Was mit einer bloßen Verstandestätigkeit nur am Rande zu tun hat.




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Mittwoch, 23. Oktober 2013

Vom Schlußstein her lebendig gemacht

Zu einer wunderbaren Interpretation des Spitzbogens, der in der Gotik aufkam, stiftet Paul Claudel in "Ars Poetica Mundi" an. Noch in der Romanik, schreibt er, trägt der Rundbogen die gesamte Last - eine Last! - der Bedachung, die nur eine hochgehobene Grabplatte ist.

In der Gotik aber faßt sich alles im Schlußstein zusammen. Von einem Punkt her wird - von oben her! Symbol des Sohnes Gottes, Jesus Christus - die Kraft, die das gesamte Universum mit Leben (und das ist: Spannung der Teile zueinander, aus der heraus alles selbst ist - wenn es dagegenhält, weil es selbst ist) von einem Zentralpunkt her auf die Teile übertragen. Nicht: "in die Erde abgetragen", wie mathematisch versimpelter Sinn sagen könnte. Sondern mit Spannung erfüllt. Die gotische Säule IST durch diese Spannung mehr als eine bloße Aufeinanderschichtung von Steinen, wie sie die Romanik noch zeigte. Sie ist voller Spannung, die sie von oben erhält, gemessen nach Geist, konstruiert nach mathematischen Gesichtspunkten, die das geistige Wesen der göttlichen Idee aufzufangen trachtet. Nicht Last ist es, die die Welt belastet, sondern diese ist dazu begabt, aus sich heraus, und damit zu sich selbst gebracht, weil in seine höchste Möglichkeit gebracht, gespannt durch Christus den Pantokrator und Schöpfer, der damit (die tote Materie) zum Leben erweckt.*

Der Fortschritt in der Erkenntnis der geschöpflichen Welt hat ja damals zunehmend ihre Eigengesetzlichkeit als Analogie zu Gott erfaßt.* Die Kunst wird deshalb auch mutig gegenständlich-naturalistisch. Es sind aber nicht "die Gesetze der Natur", die die Welt beherrschen, sondern diese sind Wirkungen der inneren Wesenheit des Seins in seiner Ideengemäßheit und damit wesenhaften Ordnung, die hierarchisch aufgebaut ist.

Ähnlichkeiten zum Ursprung, aus dem alles hervorgeht, der Idealität Gottes. Und darin Hinweise auf die Wirklichkeit Gottes, der mit menschlichem Geist nie erfaßbar ist, der jedoch daran teilhaben kann (menschliche rationale Erkenntnis ist niemals abgeschlossen, denn sie nähert sich nur, als kleiner Schritt im Unendlichen). Denn menschlicher Geist muß diese Wesenhaftigkeit des Geschöpflichen in sich nachformen. (Niemand kann eine Statik "erfinden", die nicht auf dem Wesen der Dinge beruht.) Und er tut es im Maß der Sinnerfassung.

In dieser Erfülltheit mit Spannung aber ist das gesamte Gebäude - die Kirche, das Universum - hierarchisch gegliedert. Aber alles hat seine Aufgabe in diesem Zueinander, kein Stein ist sinnlos.

So wird der Kirchenbau zum Symbol des gesamten Universums, das in seiner Reingestalt die Kirche selbst ist, das neue Jerusalem. Ein entscheidender weiterer Schritt von der heidnischen Funktion des Tempels - hin zur realen Anwesenheit und (anteilhaften) Erkennbarkeit Gottes, als Analogie in der Schöpfung uns gegeben, um an ihm in der Geistigkeit (die aus dem Willen zu uns selbst erwächst, der in der Selbstübersteigung auf das Andere (Nicht-Ich), Erkennbare hin mit unserem Sein in eins fällt, sodaß wir sind, was wir wollen) teilzuhaben.**



*Das zeigt die Verfehltheit und Lächerlichkeit der Neugotik, die mit Beton diese Spitzbögigkeit nachzuäffen vorgegangen ist. Und macht die Neugotik (schon gar mit ihrer Verwendung von Baumaterialien) zu einer eminenten Aussage über das Wesen der Gegenwart, die damals zur Vollgestalt aufzustehen begann. Die Architektur des 19. Jhds. wird zum Schein, vor Vortäuschung falscher Tatsachen, und meint damit das Auslangen zu finden. Aber ihr Ausgangspunkt ist nicht mehr das Wesen der Welt selbst, ihr Zentrum, sondern die zum Bild erstarrte subjektive Erlebniswelt des Menschen, der Mensch selbst, im Nachäffen des Effekts, den wirkliche Gotik erzielte. Das brachte wahre Scheuslichkeiten wie die Votivkirche in Wien hervor. Das Urteil des "Schönen" wurde mehr und mehr zu einem Bewerten seiner Ähnlichkeit mit Ursprünglichem, aus dem sich das Maß des Schönen noch originär ergab, die aber bereits verloren ist. Selbst die Tatsache, daß solche Steinmetzarbeit wie sie im Mittelalter geleistet wurde heute eben nicht mehr leistbar ist ist bereits eine weitere und entscheidende Aussage - unsere Kultur kann solche Dinge aus sich heraus gar nicht mehr hervorbringen, sie wurde epigonal.

**Entsprechend allumfassend wird der Kirchenbau in der Renaissance, die die Kuppel der Antike deutlich wieder aufgreift: als Symbol des das gesamte Universum umfassenden - der Ausdruck der Kuppel, in der sich alles birgt, Kreis und Kugel als Symbol der Unendlichkeit - Vermögens des Menschen, das All zu verstehen. Darin drückt sich das Selbstbewußtsein aus, in dem nun gebaut wurde. Bis sich dieses "Weltverständnis" überhaupt in die Weltimmanenz abschloß.




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Der Islam unterwirft (2)

Teil 2) Was die Germanen anders machten




Und diese Katastrophe war zuallererst ... der Angriff der Sarazenen, die Eroberungskriege des Islam. Die Byzanz, das römische Reich völlig unvorbereitet trafen. Niemand hätte damit gerechnet, Byzanz erwartete stets die große Gefahr im Norden und Westen. Sie kam aus dem Südosten. Und versetzte binnen weniger Jahrzehnte der zur Gänze die römische Antike weiterführende Kultur in Europa den Todesstoß. Aus Arabien, das Erschöpfungsphasen der Nachbarn - vorübergehend in Byzanz, definitiv in Persien - nutzt, um sich blitzartig und wie in einem Wunder kriegerisch auszubreiten. Verglichen mit diesem Angriff des Islam sind die Germaneneinbrüche Randereignisse gewesen.

Dazu kamen, aber nur in dieser Gemeinsamkeit und Gleichzeitigkeit so schwerwiegend, die Eroberungs- und Zerstörungsfeldzüge der Magyaren und Awaren, die Europa in Angst und Schrecken versetzten, und Handel und Wirtschaft, das gesamte Kulturleben nachhaltig auf niedrigstes Niveau zurückgehen ließen.

Was aber macht die Araber so erfolgreich? Warum assimilieren sie sich nicht auch, wie die Germanen, denn sie sind zahlenmäßig in etwas der Größenordnung wie die Germanen. Der Grund ist geistig. Die Germanen nahmen allesamt das Christentum an. Die Araber aber waren von einem neuen Glauben durchglüht. Und das, das allein hat sie unassimilierbar gemacht. Sie übernehmen genauso schnell die die Germanen die Zivilisationstechniken des römischen Reiches. Und sie sind erst auch keineswegs fanatisch darauf bedacht, daß die Unterworfenen ihre Religion annehmen. 

Aber ihre Religion ist ein nationaler Glaube. Alle müssen sich Allah unterwerfen. Die Araber verstehen sich als Diener Gottes. Sie wollen nicht Bekehrung, sie wollen Unterwerfung. Sie herrschen, wo sie einbrechen, und es gibt keine Verschmelzung mit den Unterworfenen, die sie als würdelose, niedrige Geschöpfe betrachten, die sie allerdings dulden. Wer in ihre Kategorie aufsteigen will, muß sich zu Allah bekehren, ihre Sprache annehmen, mit seinem Vaterland und Volk brechen, das Recht Allahs annehmen. Die Germanen romanisieren sich, assimilieren sich - der von den Arabern eroberte Römer aber muß zum Araber werden.

Als das römische Reich christlich wurde, hat es seine Seele verändert. Als es islamisch wurde, mußte es Seele und Leib verändern.

Mit einem male zerreißt die Einheit des Mittelmeeres, und zwei unvereinbare Kulturen stehen sich (feindlich) gegenüber. Das Meer, das die Mitte der Christenheit gebildet hat, einen Kulturraum, wird nun zur Grenze. Eine tausendjährige ganz reale und kriegerische Bedrohung bricht an, zu Land (Spanien, Südfrankreich, Italien/Sizilien hier, Byzanz, später Balkan dort) wie zur See. Die erst im 16. Jhd. zur See, im frühen 18. Jhd. durch die Siege der Österreicher gegen die Türken zu Land endgültig entschärft wird. Aber der Islam bringt einen seit urdenklichen Zeiten bis ins 7. Jhd. florierenden Kulturraum zum Erliegen.

Mit dem Einbruch der Araber also erst endet die Antike, die Germanen fast unverändert weiter bestehen haben lassen, ja übernommen haben. Das ist der große Kultureinschnitt, nicht die Völkerwanderung. In Europa beginnt erst jetzt eine neue Epoche, das Mittelalter. Und es muß ohne das gesamte westliche und südliche Mittelmeer beginnen, das für viele Jahrhunderte eine mohammedanische See bleibt. Aber fast könnte man sagen, daß es erst in dem Maß aufzublühen beginnt, in dem das Mittelmeer - und damit die Antike - wieder lebendiger Teil dieser Kultur wird.




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Dienstag, 22. Oktober 2013

Demokratische Nazis

Wenn Marc Bloch schreibt, daß die Niederlage Frankreichs gegen Deutschland 1940 auf das Versagen der französischen Führung zurückzuführen ist, die nicht in der Lage war, "den Krieg zu denken", daß er - als Augenzeuge, Offizier, Mitglied der Resistance, der 1944 nach schwerer Folterung, als Widerstandskämpfer, nicht als Jude, von der SS erschossen wurde - beobachtet hat, daß die deutschen Soldaten "demokratischer" dachten und fühlten als die Franzosen; daß dort jeder Einzelne weit mehr "den Krieg dachte" als es die Franzosen taten, weshalb sie so siegreich waren; dann also zeigt sich ein enormes Gemengelage, dessen Fäden zum guten Teil sehr offen liegen. Wir werden darüber noch berichten.

Übrigens haben auch amerikanische Analysten dasselbe behauptet. Die Befehlsstrukturen der Deutschen waren weit dezentralisierter, jeder einzelne Offizier hatte weit mehr Handlungsspielraum, als die Amerikaner. Das machte einen Gutteil der Überlegenheit am Anfang aus. Dies vorerst nur zur Stützung der Beobachtungen Blochs von der demokratischen Reife der Deutschen.

Was für ein fatales Zauberwort. Vielseitig verwendbar, unabgrenzbar und uferlos, einfach aber "gut", wirkt es wie der Schlüssel zur Behauptung von allem und jedem, und damit zur Verwirrung und Auflösung von allem und jedem, leuchtet das Wort Demokratie aus dem Schrein der Unberührbarkeiten. Man muß es nur zuerst besitzen. Und so zieht es weiter seine Blutspur durch den Kordon der verordneten Blindheiten.

Anrisse, die einen Gedanken nur weiter zuspitzen sollen. Nämlich den, der an dieser Stelle bereits mehrmals dargelegt und angerissen wurde: Daß unsere heutige Verfaßtheit als Gesellschaft im Nationalsozialismus ihren Wegbereiter hatte. Daß dieser erste vollauf moderne Staat nur Vorläufer unserer Gegenwart war, in nahezu allen Bereichen. 

Wenn wir also mit der Abgrenzungs- und Erinnerungskultur scheinbar zu keinem Ende kommen wollen, dann hat das mit genau dieser Unbeholfenheit zu tun, in der dieser Umstand verschwiegen werden soll. Es wird versucht, sich von etwas abzugrenzen - meistenteils passiert dies mit einer Phänomenologisierung des Nationalsozialismus zu einer geschlossenen ideologischen Bewegung - von dem gar keine Abgrenzung möglich ist. Deshalb auch die Konzentration auf einzelne Phänomene aus jener Zeit, wo die Armbinde oder das Hakenkreuz Jugendlicher, schnell wo auf eine Wand geschmiert, zum Ausweis der Wiederbetätigung an sich, der Gesinnung hochgeschaukelt wird.

Die Sache liegt aber ganz anders. Sie liegt in etwa in jener Richtung, in der (ohne noch das Buch gelesen zu haben) Horst Ullrich's Hitlerbiographie liegen dürfte. In der Hitler als jemand gezeigt wird, der "aus der Mitte der Gesellschaft" kam.*

Wo sich die historischen Ereignisse aus einer seltsamen Verquickung unterschiedlichster Faktoren so entwickelten, wie sie es taten - zutiefst folgerichtig, logisch, und in einem weltweiten Strom der Haltungen, in dem der Grund zu suchen ist, warum der Nationalsozialismus bis in die späten 30er-Jahre von niemandem als "Gefahr" betrachtet wurde. Er war dem geistigen Strom der Zeit entnommen, besonders in den USA. Und man hat im Krieg gegen Nazi-Deutschland einen Stellvertreterkrieg geführt, in dem man sich vom eigenen Selbst distanzieren wollte. Kein geistige Strömung in Deutschland (die sich wie zufällig zum "Nationalsozialismus" gebündelt haben, einer in sich widersprüchlichen Anhäufung von Einzelthesen) war den anderen Ländern und Völkern unbekannt, sie waren allesamt höchst präsent, und keineswegs abgelehnt, sondern Teil der Gesellschaften.

Und als solcher hat alles überlebt, was - als Phänomen - nicht explizit und genau eingegrenzt ausgeschieden wurde. Als Sündenbock in die Wüste getrieben. Und als solche moderne Gesellschaften haben sie alle überlebt, und sich weiterentwickelt. Wir wollen es vorerst belassen, nur Blochs Aussage noch einmal bringen: 

Die deutschen Soldaten waren 1940 weit demokratischer in ihrem Denken und Handeln als die französischen.



*Und diese Feststellung hat mit "Kollektivschuldthesen" rein gar nichts zu tun, ist in ganz anderer Weise zu verstehen.





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Wie wir leben

Paris

Gesehen auf thisisnthappiness






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Der Islam unterwirft (1)

Der Bruch mit der Antike geschah NICHT mit der Völkerwanderung. Diese Sicht ist zwar weit verbreitet, schreibt Henri Pirenne in "Karl der Große und Mohammed", aber sie ist schlicht falsch. Und er belegt seine These durch unzählige Beispiele.

Ja, es stimmt, daß Westrom irgendwann im 5. Jhd. aufhörte, gegen die Eindringlinge aus dem Norden weiter zu kämpfen. Es stimmt, daß viel zerstört wurde. Aber der große Tenor war, daß die Germanen zahlenmäßig viel zu wenige waren, aber vor allem: sich mehr oder weniger sofort, aber immer restlos assimilierten. Selbst von den Vandalen, die sich noch einige Zeit in Nordafrika als germanischer Stamm hielten, ging schon mit Geyserich keinerlei germanischer Einfluß mehr aus. 

Es sind keine 40.000, die als Westgoten in Gallien "einfallen", erst allmählich werden es durch Nachzüglinge und Abenteurer mehr. Es sind kaum 50.000, die als Ostgoten in Norditalien "einfallen" - Italien hat damals geschätzte 5 Millionen Einwohner. Als die Vandalen bei Gibraltar übersetzen, sind das den Berichten über die Schiffe nach höchstens 90.000 Menschen. Die römische Provinz Nordafrika ist nicht nur 5-7 Millionen Einwohner groß, sondern diese sind auch sehr vermögend, das Land schwelgt im Luxus. Die Vandalen assimilieren sich mit Wonne, und bald gehen sie auch dort in der einheimischen Bevölkerung unter. 

Wie überall anders. Spanien. Gallien. Thrakien und Schwarzmeer.

Das römische Reich baute sich nur um, glich bald einem Staatenbund unter römischem Kaiser. Alle, wirklich alle anerkannten ihn als Oberhaupt, er war die Schlichtungsinstanz, den auch die germanischen Könige anriefen, und alle, ausnahmslos, übernahmen die römische Lebensart, die Verwaltung, die Sprache (!), die Gesetze ... Selbst die Merowinger in Gallien. Sämtliche germanischen Staaten und Gebilde, die sich formten, bezogen sich auf diesen Kaiser, anerkannten ihn als Mittel- und Zentralpunkt, und machten ihre eigene Souveränität sogar an der Verleihung durch Ostrom fest, die Könige schickten ihre Söhne zur Erziehung nach Konstantinopel. Selbst die Beamten und Schreiber und Rechtsgelehrten blieben die seit je ansässigen, aus antikem Strom gebildeten Römer, deren Dienste sich alle Germanen bedienten. Es veränderte sich im Grunde gar nichts - sieht man davon ab, daß sich die römisch-hellenistische Kultur überlebt hatte, kraftlos und zu einem Formalschatten geworden war. Der aber nach wie vor funktionierte.

Mit einer großen Ausnahme - den Angelsachsen in Britannien. Die Insel war nie so stark romanisiert wie Gallien bzw. Mittel- und Westeuropa. Sodaß sich dort, über die Angeln und Sachsen, nordgermanische Eigenart ausfalten konnte.

Und mit einer späteren Ausnahme, den erst nur einsickernden Langobarden im Norden Italiens, dem ersten Germanenstamm, der sich Ostrom NICHT unterstellte. Aber das geschah erst spät, damit etwa gleichzeitig mit ...

Das Mittelmeer blieb bis zur Mitte des 7. Jhds. Lebensquelle Europas, das durch einen überaus schwunghaften Handel, den die eigentlichen Völkerwanderungswirren nur wenige Jahre oder Jahrzehnte unterbrechen konnten, um dieses Meer herum verbunden war. Mit enormem Einfluß aus dem Orient. Wäre es so weitergegangen, hätte sich Europa zur Gänze byzantinisiert. Syrische und byzantinische Handelsflotten sorgten - zu großem Teil mit dem Gold der byzantinischen Kaiser bezahlt, mit dem diese die Germanenkönige ruhigstellten, Allianzen schmiedeten, Westeuropa schwamm förmlich in Geld - dafür, daß die Waren und Kunstgegenstände des Orients Europas Geschmäcker befriedigten, und daß selbst ein simpler Gastwirt in Nizza mit Pfeffer und Gewürzen aus Indien und China um sich werfen konnte.

Die "germanische Kunst" dieser Zeit war (auch über die Sklaven, die handwerkliche Arbeiten ausführten) zutiefst orientalisch geprägt, hat mehr Verwandtschaft etwa mit Armenien, Syrien, das "Gotische" atmet aus iranischem Einfluß. Die Goten in Italien haben niemanden verdrängt, im Gegenteil, sie haben alle vorhandenen Strukturen übernommen, alles Eigene fast restlos aufgegeben, und sich nur zusätzlich eingenistet. Sie wollten dort in Ruhe und Wohlstand leben und arbeiten, wie die bewunderten Römer.

Die "neue Welt" des frühen 7. Jhds. war immer noch die eine antike Welt des Mittelmeeres, noch immer der lateinische Sprachraum, mehr oder weniger sogar ein Währungsraum (die Münzen tragen fast ausnahmslos römische Kaiserbildnisse, auch die von Germanen geschlagenen), und auf sie richtet sich auch der politische Wille, der Bildungsbegriff, alles Abzielen der germanischen Könige und Völker. Die Wirtschaft blüht allerorten, man baut zahllose Kirchen und Klöster (auch das: orientalischer Einfluß) und neue Monumentalbauten. Nichts hätte das antike Rom als Kultur wirklich abgebrochen. Es wird mehr als geschätzt, es ist das Ideal, wird in den Klöstern gesammelt, an privaten und öffentlichen Schulen unterrichtet.

Hätte. Wäre. Wenn. Denn dann kam wirklich eine Katastrophe, und sie durchtrennte diese Schlagader Europas tatsächlich. Damit erst wurde wirklich Europa zivilisatorisch weit weit zurückgeworfen, ins "finsterste Mittelalter" gestoßen.



Morgen Teil 2) Was die Germanen anders machten




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Montag, 21. Oktober 2013

Apropos

War da nicht erst unlängst eine Glosse, die über Vaclav Klaus? Über die Alten, die nun so weise geworden sind, und das, was sie selbst uns eingebrockt haben, natürlich ablehnen, weil es falsch sei? (Wobei das dann natürlich alles erst so geworden ist, das hätte man doch alles vermeiden können ... Wichtig, dieser Satz gehört immer dazu!) 

Die noch vor fünfzehn Jahren alle niedergemacht haben, die genau das gesagt oder vorhergesagt oder getan haben, das sie nun "weise geworden" von sich geben, und diesen ganzen Schmock in ach so poetische Traumbilder verpacken, was sind wir nicht poetische Existenzen und zerbrechen am Weltschmerz?! wir Künstler, wir wollen doch nur lachen und tanzen und weinen und uns freuen, und ganz einfach, ganz einfach Kind sein, darf man das denn heute nicht mehr? Ach, wie sind wir nicht weit gekommen, oder so.

Klaus Peymann, 13 Jahr lang Direktor des Wiener Burgtheater, seit zehn, fünfzehn Jahren Besitzer des Berliner Ensemble, ist einer von diesen. Lesen Sie sein Interview in der Presse. Jetzt, wo es bald mal ans Ehrengrab geht, wo man sich ganz bescheiden neben Hegel, Fichte und Brecht liegen wollen, denn "ganz Kleiner bin ich ja auch nicht." Quälen Sie sich, lesen Sie den eitlen Schmock der Lebens- und Kunstsimulanten, damit Sie immunisiert werden.

Wobei man dieses Thema, diese Beiträge auch mit den Einträgen kurzschließen könnte, in denen die zunehmende Dummheit beklagt wird.




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An der Brust der Mächtigen

Fritz Kern führt in "Gottesgnadentum und Widerstandsrecht" anhand zahlreicher historischer Belege aus, daß die Kirche das Geblütsrecht bei der Thronnachfolge und -besetzung aus prinzipiellen Gründen nie vertreten hat, sondern im Zweifelsfall immer für den Mächtigeren einstand bzw. diesen stärkte. Dem Grundsatz "gratia supponit naturam" folgend, war Tüchtigkeit, die für einen Regierenden auch Mächtigkeit hieß, der eheste Hinweis auf die Erfüllung des Willens Gottes.

Die fast mythische Überhöhung des Geschlechts eines Herrscherhauses war nicht prinzipiell Linie der Kirche, eher im Gegenteil - denn es war ein heidnisches Motiv, das in der vermeint göttlichen Abstammung der Herrscher gründete. Sie gehört aber der Neuzeit an*, entstand in der Renaissance, und führte direkt in den Absolutismus. Erst im 18. Jhd., zunehmend, wurde die Geschlechtsnachfolge auch in den jeweiligen Verfassungen europäischer Länder festgeschrieben.

Deshalb hat die Kirche auch vielfach Usurpatoren unterstützt, die Gottesgewolltheit betont. Weil Fähigkeit prinzipiell immer vor Geblütsfolge bzw. damit zusammenhängenden Legitimitätsfragen ging.

Eine praktische Linie darüber hinaus aber ist eher schwer herauszufinden, weil sich aus dem Mittelalter heraus durch verquickte Motivik in jeweils sehr spezifischen historischen Entwicklungen fast jeder Fall zu einem Einzelfall entwickelt hat. Wo die Kirche scheinbar doch die Geschlechtsnachfolge vertrat, geschah dies fast immer aus der Doppelnatur vieler Kirchenfürsten, die eben auch politische Gründe in ihrer Wahl berücksichtigten.

Zwar läßt sich natürlich der "Vorwurf" schmieden, daß sich die Kirche immer an die "Mächtigen" verkaufte. Aber nachdem die natürliche Ordnung nicht nur der Boden für die Gnade, sondern auch Ausdrück göttlicher Ordnung war und ist, hat die Kirche immer dazu tendiert, faktische Machtverhältnisse anzuerkennen.

Das sich im selben Zug herausbildende "Gottesgnadentum" hat sich so erst allmählich an ein Geschlecht geknüpft, und es war in dieser Form NICHT kirchlich motiviert, sondern in persönlichen Interessen der Herrscher. Kirchlich begründet ist nur die Anerkennung weltlicher Herrschaft ALS Gottes Wille, aber immer in Verbindung mit dem Leitsatz, daß ein Herrscher Gottes Willen auch zu erfüllen gewillt sein müsse.



*Wir haben an dieser Stelle in den Ausführungen zum Stauferkaiser Friedrich II. bereits diese Entwicklung aufzuzeigen versucht, wo (natürlich, aus der unseligen Entwicklung im 11. Jhd. unter Papst Gregor VII., den "zwei Reichen") das Kaisertum (bzw. das Königtum prinzipiell) im luftleeren Raum stand, und sich das obligate Ringen um Legitimation, Grundlage der Herrschaft, asiatischen Modellen annäherte. Von Friedrich II. ist es auf jeden Fall bekannt, er hatte u. a. eine enge Freundschaft zum ägyptischen Herrscher, und träumte zu Zeiten sogar von einem asiatischen Reich, träumte davon, Europa zu verlassen. Er hat nachweislich viele Gedanken aus der dort vorzufindenden Auffassung von Herrschertum geschöpft (in seiner unauflöslichen Verquickung mit der Göttlichkeit)




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Sonntag, 20. Oktober 2013

Selbsterlösende Scheinliebe

Das Gutsein als sittlich-persönlicher Akt ist nur dann überhaupt "da", wenn es sich auf ein Wahrsein bezieht, und zwar als Akt. Nur das Wahre gibt dem Guten seinen INhalt, sein "Dasein", und das heißt: sein Sein, seine Wirklichkeit.

Gutsein ohne Akt, ohne Bezug auf ein konkretes Wahres (Ding) ist nicht, hat kein Sein.*

Deshalb ist die Suche des Wahren der erste Schritt zum realen Gutsein, das in der ersten Phase bestenfalls ein Gutseinwollen ist. Der Wahrheitsakt, schreibt Thomas von Aquin, geht dem Liebesakt voraus, er ist ihm vorgereiht. Das Gutsein wächst also im Maß der Teilhabe an der Wahrheit, in jenem Schritt, in dem sich das Objekt dem Geist annähert. Das Gutsein verstanden als die Annäherung des Geistes an das Objekt.

Gutsein ohne Wahrheit, ohne Willen zur Wahrheit, oder unter vermeint möglicher Vernachlässigung der Wahrheit, drängt also aus der Natur des Gutseins heraus zu einem Inhalt. Und das ist es, was wir im Moralismus erfahren, der nämlich diese Konkretion (in einem Akt der Selbstvergewisserung) zu simulieren versucht. Der einen abstrakten "guten Akt" nachzubilden versucht. Und er tut es, indem er "nachahmt"**. Nicht, wie beim "guten Akt" eigentlich, der schöpferisch aus der Wahrheit heraus aktiv ist, indem er das Ding zur Vollkommenheit bringen will, um das Sein (im Seienden, im Objekt gewissermaßen) noch mehr wirklich zu machen. (Sie strebt also nach dem Ewigen.)

Nur insoweit also kann der Satz des Augustinus - "Liebe, und dann tue alles, was Du willst" - richtig interpretiert werden. Nicht, indem man abstrakt liebt, und dann egal was macht, ob richtig ob falsch interessiert niemanden mehr. Nein! Die Liebe, der Wille, der sich nicht auf die "sachliche" Vervollkommung des geliebten Objekts bezieht, die sich nur "als Liebe" spüren will, ist leer, ist keine Liebe, sondern Selbstsucht, und damit auch in seinem vermeintlichen Heiligungsaspekt Selbstheiligung, Selbsterlösung durch Auflösung.

Vervollkommnung aber ist nicht einfach "Unversehrtheit", sondern sie ist die maximale Wirklichkeit (als Gesicht des Seins, gewissermaßen) eines Seienden, und das heißt: seiner Art nach, seinem Wesen nach. Und das heißt beim Menschen: in seinem Hineinsterben, in seinem Selbstopfern, im Schritt in die Insecuritas. Nur von dort her, im Akt der Selbsthinhabe, kann er Sein und Wirklichkeit empfangen. Wer den Menschen vorgaukelt, daß Seinsfülle auch Schmerzlosigkeit bedeutet, führt sie genau von der Vervollkommnung weg, hin zu einer sinnlosen Utopie und Virtualität. Deshalb heißt Liebe nicht, den Menschen ihre Schmerzen wegzunehmen, sondern den Sinn ihrer Schmerzen aufzeigen, auf daß sie ihn ergreifen und erleiden, und damit wirklich vollkommen werden.

Heil werden zu wollen ist nur möglich, wenn ERST der Schritt aus der objektiven Unordnung, die ein Verweigern der Wirklichkeit (bzw. des Seins ist) herausgemacht wird bzw. das gewollt wird.



*Insofern paßt es hervorragend in die heutige Zeit, die eine wirklichkeitslose, virtuelle Zeit der narzißtischen Simulanten ist, wie er in der derzeitigen Papstgestalt Realität geworden ist. Mittlerweile paßt sich offenbar auch die Kirche exakt diesem Irrsinn an, gibt den letzten Widerstand auf, und löst den Liebesbegriff in sentimentale, selbstische Leere hinein auf. Was so viele Menschen heute diesen Papst so "sympathisch" empfinden läßt ist nicht Liebe, sondern die Erleichterung, die (für kurze Zeit) erfahrbar ist, wenn das Gewissen scheinbar (verbal) aufgelöst wird. Die Last kommt später, und sie kommt ohne Zweifel, und sie kommt noch härter - als Reaktion des Seins, das noch ferner ist.

**Indem er das historisch immer relative Konkrete verabsolutiert. Damit läßt sich sehr gut "Gutheit" vorschützen.




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Ungewußte Wahrheit

Aber für Gebrauchsmusik reicht technische Perfektion nicht, und schon gar keine Notenschrift. Da reicht auch nicht das abstrakte Erspüren eines Transzendenten. Das ist liturgische Kirchenmusik. Da braucht es den Glauben, das Licht der Wahrheit, um die Immanenz der Rationalität zu durchbrechen.

Karl Böhm, Wiener Symphoniker, Mozart, Requiem. Inniger, klarer geformt, als es Mozart (mit den Vollendern des Werks, Mozart starb vor seiner Vollendung) selbst gewußt haben mag.

Was aber braucht es an Wissen, an Reife, um den herannahenden, schrecklichen Richter der Welt im "Rex", so darzustellen. Was, um das "Tuba mirum" so zu kennen?









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Samstag, 19. Oktober 2013

Wie wir leben



Gesehen auf everyday_i_show






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Folgenreicher logischer Fehlschluß

Das Sein und das Nichtsein sind identisch, schreibt Hegel, den wir hier natürlich nur gewaltig gerafft wiedergeben. Denn in dem Moment, wo etwas "ist", ist es "etwas" (als eigentlicher Seinsakt), und damit "alles andere nicht". Damit fallen Sein und Nichtsein zusammen, sie sind nicht trennbar. Der Stuhl ist auch Stuhl, WEIL er zugleich NICHT-Stuhl ist, nicht Tisch oder Bett oder Kasten - unendlich.² Also Ist Identität zugleich Nicht-Identität, und als solche tritt sie ins Sein bzw. kennzeichnet das Sein, das damit immer dynamisch ist.*

Denn soweit wäre das zwar richtig, schreibt Heinrich Beck in "Der Akt-Charakter des Seins", aber Hegel übersieht einen wesentlichen Punkt, verkürzt seine Logik in einen radikalen Idealismus**. Das Sein wird ihm zur reinen Idee. Es geht gewissermaßen aus der Dingwelt hervor.***

Aber WENN sich ein Etwas auch als Nicht-dieses-Etwas identifizieren will, so muß ihm logisch das Etwas-Sein VORAUSGEHEN. Nicht zeitlich, sondern in seiner Wesensstruktur. Das heißt, der Akt des "Etwas-sein" ist das erste, Hegel's Identitätssatz betrifft erst die "zweite" Ebene, die der Reflexion, des auf-sich-selbst-Beziehens der Dinge.

Idealität setzt Realität voraus. Idee läßt sich nicht aus sich selbst heraus begründen. Das sieht auch Kant, der in seiner "Kritik der reinen Vernunft" schreibt, daß wenn dem begrifflichen Denken nicht eine Realität (des Seins) des mit dem Begriff bezeichneten Gegenstandes vorausgeht, und diese das Denken bestimmt, das Denken beliebig und realitätslos wird.

Hierbei handelt es sich keineswegs um eine "akademischen Streit um des Kaisers Bart," vergleichbar dem Fahrrad, das in China umfällt. Schon daß wir meinen, daß diese geistigen Klarheiten ohne Belang wären, bestätigt in seinem Materialismus (als Urheber der Wirklichkeit gesehen) die Tragweite. Daß dieser Akthaftigkeit der Realität eine andere Realität vorausgehen muß, ist eine Feststellung von größter praktischer Relevanz. Die sich im historischen Materialismus des Marxismus (als Wirkarm auch Hegels) direkt ausgewirkt hat, und heute implizit praktisch das gesamte Alltagsdenken (und die Wissenschaft) bestimmt. Das Sein selbst wird nämlich damit relativ, historisch relativ, es hat keinen absoluten Anker mehr, sondern das Faktische wird sein Absolutes.

Wenn etwa durch die Pädagogik (und die Politik, teilweise auch die Theologie, die über das historische der Gegenwart nicht mehr hinausblickt, die faktische Gegenwart für "Wirklichkeit" hält und entsprechend die Pastoral danach ausrichtet, sodaß Gott oft sogar schon zu einem bloßen "surplus" wird, und die Entwicklung der Liturgie ab 1970 ist genau so verstehbar, genau das zeigt sich als Folge: die Verabsolutierung des faktischen Menschseins) von einem Menschen ausgegangen wird, der sich durch Veränderung der historischen Umstände beliebig verändern läßt, er also kein Wesen (das aus dem Sein kommt) hat, das seinem Dasein vorausgeht, es begründet wie bestimmt (charakterisiert), und damit seine wirkliche Wirklichkeit ist, so führt sich das auf diese Sicht der Welt und Wirklichkeit zurück. Oder wenn ein Daniel Kehlmann sagt, es gebe kein "ich", dann spricht er exakt dieselbe Überzeugung - die aus einem logischen Fehlschluß erfolgt - aus. Und damit aber erwischt er den neuralgischen Punkt der Gegenwart.

Denn ohne absolutes Sein, das erstlich alle Realität gründet, das einzig wirklich ist, sodaß alle faktische Geschichtlichkeit der Gegenwart (wie Zukunft und Vergangenheit) aus dem hervorgeht, was einfach "da-seiend ist", kann man diesem Sein, dieser Wirklichkeit nicht mehr vertrauen.

Damit sieht sich der Mensch ständig in Gefahr, sich zu verlieren, sobald er sich der begegnenden Wirklichkeit "fügt" - er steht unter dem Dauerdruck, in die Welt eingreifen zu müssen, sonst kommt kein "Gutes Ich" heraus. Denn nichts gewährleistet dann noch die Gutheit des Begegnenden, das Begegnende läßt alles "im Fluß".

Und damit schließt sich auch aus dieser Richtung der Kreis zu Internet, facebook und Dauer-ipod-Anschluß, zu einer Gegenwart, in der alles nur noch prekär ist, und niemand niemandem mehr vertrauen kann. Denn nur "im Fluß" kann ja niemand leben, mit Grund, wie wir gesehen haben, es fehlt eben der Halt in einem Sein, das dem Seienden vorangeht, es begründet - das Seiende begründet sich heute aus sich selbst heraus sein Sein. Wenn das Faktische, das Netz der Oberflächlichkeiten und Weltgespinste damit aber ausläßt - bleibt nur noch absolutes Nichts. Weil die Welt keinen Halt mehr hat, Identität (weil unzuverlässig) verweigert, sodaß man sie sich selbst schaffen zu müssen meint.





²Ein Stuhl der "nicht Tisch" ist, ist deshalb kein "Nicht-Tisch". Diese Urteilsebene der Reflexion (die zeite, idelle also) findet keinen Kontakt zur Realität. Sie stellt nicht Realität dar, sondern Idealität. Hegel kenn kein eigentliches Urteil über die Realität, er bleibt auf der Ebene des Reflexionsurteils, versucht von dorther Realität zu verstehen. Erste Realität also (das reale Ding "der Stuhl") ist für Hegel nur eine unreflektierte Form des zweiten Urteils. "Da jedoch das zweite Urteil erst durch nachfolgende Reflexion vom ersten her gewonnen ist, wurzelt es ganz im ersten und setzt das erste voraus. Das bedeutet wiederum: die Idealität als die Ebene der 'Identität des Positiven und des Negativen' wurzelt ganz in der Realität als der Ebene der einfachen positiven Identität." (Beck) Es gibt gar keine Idee von einem Ding, wenn dieser nicht eine Realität, also eine "einfache positive Identität" (ALS dieses (Stuhl-)Ding, das zuerst einmal nur es selbst ist) VORAUSGEHT. Über diese erst werden Ideen erkennbar bzw. gewonnen. Das ist nicht zeitlich vorstellbar (das würde eine nicht-abstrakte Ebene bedeuten), sondern als Wesenseigenschaft der Dinge/Objekte. Hegels Idealität beschreibt eigentlich nur den abstrahierten Akt der Erkenntnis selbst. Aber dieser ist nicht das Reale selbst. Weil Hegel also den Dingen kein allem Erkennen (aller Idealität) vorgängiges´in sich selbst sein' zuerkennt, kennt Hegel auch keine "Person", das In-sich-Stehen des Menschen, das ihn erst zum Menschen macht. Auch das findet sich direkt im Marxismus, im historischen Materialismus wieder, wo der Mensch aktualistisches Konstrukt historischer Gegenwartsbedingungen wird. Das hat zwar für die Gestalt des Ich ALS Selbst seine Bedeutung, ist aber nur auf einem vorgängigen "ich" denkbar, einer dem Faktischen vorgängigen "natura" (Wesen als Form des - ersten - Seinsaktes). Der Hegelianismus/Marxismus kennt kein (absolutes) "Wesen" des Menschen, von dem aus Historie als Interagieren und aus diesem heraus erst verstanden werden könnte.

*Womit absolut nachvollziehbar wird, warum Marx diesen Idealismus später als unnotwendigen Schritt an Hegel ablehnt, die materialistische Konsequenz aus Hegel zieht, das Sein (und den Menschen) konsequent historisiert - er hängt nämlich tatsächlich in der Luft.

**In weiterer Folge wird daraus verständlich, warum Hegel im Pantheismus landen muß: Das Daseiende, die Existenz wird erschöpfend zum Sein selbst, damit die Welt zur aus sich selbst bzw. dem in ihr "eingesperrten" oder "daseienden", identischen Geist (Sein) heraustreibenden Ursache. Das heißt aber auch, daß eine Zeit selbst, die "so" denkt, im Pantheismus landen muß. Von den Banalisierungen dieser Sichtweisen (etwa in diversen esoterischen Schulen) gar nicht zu sprechen, die sehr häufig schon den schlichten Mangel haben, Abstraktion und bildhaftes Vorstellen nicht trennen zu können, Abstraktes (Geistiges) bildhaft-konkret nehmen. Etwa wenn Menschen darauf hoffen, durch Techniken "Geister/Geistwesen" zu "sehen".

***Woraus sich sogar der "Evolutionsgedanke" ziehen läßt, in dem die Welt sich aus sich selbst heraus automatisch zum Fortschritt bringt. Selbst im Technizismus, in dem alles zur "Ablaufoptimierung" für selbst gesetzte Parameter (warum sollten die noch falsch sein?) wird, finden sich da Analogien.





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Wettkampf der Liebesgrinser

Jetzt ist sie angebrochen, die Zeit der Liebenden. Die Liebe messen können, am Maß der Grinsgrimassen und Streicheleinheiten festmachen. Die Liebe trennen von Wahrheit und Gerechtigkeit - dem einzigen Maßstab der Liebe, weil er nicht subjektiven Täuschungsmöglichkeiten unterliegt, das Maß nicht vom "Liebenden" selbst bewertet wird. 

Jetzt ist sie angebrochen die Zeit der um ihre Liebe Wissenden - die vor allem bei anderen zu sehen meinen, daß diese nicht liebten. Jetzt ist sie da die Zeit, wo subjektive Gefühle, die man als Liebe klassifiziert, selber, durchaus einmal die Wahrheit und Gerechtigkeit vergessen können, aus dem "Gefühl" konstruieren, und so endlich endlich alles, was ihre pure egeomanische Subjektivität noch beschränkt und geformt hätte, wegräumen können. 

Jetzt ist sie da die Zeit der Willkür, des Verzichts auf Vernunft. Die durch die Stellung der Lippen ersetzt wird. Die es der Lüge so leicht macht. Die die Liebe mit der Errungenschaft - in Wahrheit: dem Leichengift - der Gegenwart gleichsetzt, der Schmerzvermeidung. Die die Tugend endlich endlich mit dem Laster gleichsetzt, ja jenes zu dieser erklärt. 

Die Änderung des Schöpfungsplanes, der in der Welt nicht mehr die Ordnung Gottes darzustellen beabsichtigt, die ist gleichgültig - Hauptsache, man ... liebt. Und weiß es. Und kennt ihr Maß. Und hat sie.





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Freitag, 18. Oktober 2013

Wie wir leben



Gesehen auf thisisnthappiness




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Ende der Herrschaftsusurpation

Diese Rückbindung legitimen Herrschertums (Königtums) auf göttliche Abstammung, auf die sich die Ineinssetzung von Geschlecht und Herrscherwürde als Legitimitätsausweis bezieht, wirkte und wirkt bis heute.

Auf ihr im übrigen beruhen die Legenden von der Wiederauferstehung der nur schlafenden Könige - Karl dem Großen, Friedrich Barbarossa, Friedrich II.. Denn in deren Geschlecht ruht die uralte Herrscherberufung. An das Wiederkommen dieser Herrscher knüpft sich also die in der Volksseele ungemein tief verankerte Hoffnung auf legitime und NUR damit für das Volk gedeihliche Regentschaft. Denn nach ihnen war Herrschaft nur noch eine Angelegenheit von Usurpatoren.

Die wo und wann immer sie an die Macht kamen und kommen alles tun, um Legenden ihrer Gottesabsendung zu konstruieren. Denn nur daraus läßt sich Legitimität - und damit Gehorsam, Akzeptanz als erste Bedingung, regieren zu können - ableiten. Und sei es durch den Versuch, sich in eine geistige Abstammungslinie zu stellen, um wenigstens als "Purpurgeborene" (porphyrogennetos - im Herrscherhaus geboren) zu erscheinen.

Niemals nämlich hat sich ein Volk von "seinesgleichen" regieren lassen. 

Das ist heute nicht anders.

Etwas, das viele Diskussionen über Macht, Staat und Legitimität schlichtweg übersehen. Denn kein Staat ist schlichtweg Funktionsmechanismus. Diese Argumentation ist selbst bereits Argument von Usurpatoren. Je banaler, alltäglicher auch in einer Demokratie eine Regierung ist, desto mehr wird sie von seinen Bewohnern aufgegeben, wenden sie sich der Suche nach legitimen Herrschern zu.

Werden sie fortlaufend enttäuscht, weitet sich diese Suche auf eine Suche nach einem "besseren" Staat aus, und sei es durch Wahl eines Hinzukömmlings, eines Fremden, oder gar einer Fremdherrschaft. Ein historisch zu beobachtendes Geschehen.* Denn banale Herrschaft löst den Staat auf. Weshalb banale Herrscher dazu tendieren, auf den Totalitarismus, auf die Gewaltherrschaft auszuweichen.**



*Selbst die Sucht mancher, sich einer "starken" EU in die Arme zu werfen, hat darin ihre Wurzeln. Wird sogar oft direkt damit begründet.

**Und hinter dem Gedanken, daß die Hysterie, mit der sich viele heute aufs Internet, die social media, stürzen, genau darin begründet ist - in der Sehnsucht nach legitimer, machtvoller Herrschaft und Wiederherstellung von Ordnung - dürfte viel Wahrheit stecken. Dieselbe tiefenseelische Grundsstruktur (als ontisches Zueinander der Dinge) dürfte im Spiel sein. Denn die Haltung, mit der die Menschen dem Internet (etc.) begegnen, ist eine Haltung der "Erwartung", daß etwas Hinzukommendes, Mächtiges ihr Leben ändere.




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