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Samstag, 30. November 2013

Wie man alles und jeden bedient

In der in dem kleinen Dörflein, ja früher nannte man das Weiler,  Laichboden am Wörthersee herausgegebenen Wochenblättchen "Früher katholisch - heute systolisch" (zurecht wahrscheinlich kaum bekannt; die Auflage liegt angeblich bei 20, "beziehungsweise nach Bedarf auch höher" ist dem Impressum hinzugfügt, was kann das schon sein!? dem Verfasser liegen einige anonym per Post nach Ungarn nachgesandte Exemplare vor - naja ... was kann Anonymes schon wert sein? Woher aber haben die seine ungarische Anschrift? Hinweise bitte per Mail, das ist immer nachverfolgbar) fand der Verfasser dieser Zeilen einen furchtbar polemischen Artikel. Von dem er sich als treuer Katholik, der er so irgendwie wenigstens zu sein versucht, trotz so mancher Stimmen die ihm das glatt absprechen, natürlich in aller Form distanziert.* Aber der sichtlich emotionale Erguß (ob das nun qualifizierend oder disqualifizierend zu verstehen ist, wagt der Verfasser nicht mehr zu sagen, er gibt zu: dieser Papst hat auch ihn ein wenig verunsichert) soll dem geschätzten Leser dieses Blog nicht vorenthalten bleiben. Der eigenen Angaben nach hochbetagte Verfasser Karl Keimbach schreibt also da Folgendes:

(cit/)Wie man alles und jeden erschlägt

Wie regiert man heute die Kirche? Richtig: Man fertigt ein Dokument an, das extrem wortreich (die deutsche Übersetzung auf den Seiten des Vatikan umfaßt 280 Seiten!) so gut wie alles und jede, in einem wahren verbalen Rundumschlag, enthält. Und sagt am Schluß, daß man im Grunde selber nicht weiß, wo es langgeht, man möge also mit Ratschlägen nicht zurückhalten.

Nicht einmal das stimmt, denn „bestimmte“ Ratschläge schließt er ja bereits aus, der Papst Franziskus der Erste. Dafür erschlägt er den Leser mit einem wahren Feuerwerk an allem und jedem. Sodaß es alles andere als verwundert, wenn sich alle Seiten mit wahrer Lust daraus bedienen, zusammengeschustert und unter dem Motto „Medizin“ verhökert, nein, gierig aufgegriffen. Wer dachte, schon Johannes Paul II. Habe viel geschrieben und gesagt, wird nun eines besseren belehrt: Denn dieser Papst ertränkt die Welt regelrecht in seinen Wortspenden, entpuppt sich als wahrer Strom von Worten, die auf allen Kanälen ausgesandt werden.

Viel - aber wovon? (Kennen wir das nicht?)

Sofort suchen die Frommen die Stellen, die ihre orthodoxe Haltung bekräftigen, überbieten sich auch hier die Rosinenpicker um zu beweisen, welch „Tiefe“ das Dokument nicht habe.

Und im selben Ausmaß finden die Linken, was sie ja immer wußten, und lesen daraus wahre Zeichen der Ermutigung. Kritisiert der Papst nicht auch den Kapitalismus? Na bitte, haben wir doch immer gesagt: die Welt IST einfach! Alles Übel kommt von den Geldsäcken!

Daß das Papier voller sachlicher Widersprüche steckt, die freilich mit extremem Geschick verborgen wurden, wie es eben einem höchst biegsamen Charakter entspricht, daß gar hier nur das nächste Dokument - in dieser Hinsicht tatsächlich in bester Tradition des 2. Vatikanischen Konzils - voller Vieldeutigkeit produziert wurde, fällt gar nicht mehr auf. Denn mit jeder Menge Worten und Sätzen wird diese Widersprüchlichkeit zugleich widerlegt. Wer alles sagt, kann nicht widerlegt werden. Dieses Motto ist ja eines der meistverwendeten der Gegenwart.

Garniert wird das alles dann mit unwiderlegbaren Erweisen des allerbesten Willens. Bitte, da will einer alles in Zärtlichkeit ertränken, kann das denn schlecht sein? Und zitiert auch noch die Gottesmutter! Ach ja, Frauen müssen natürlich ran an die Bouletten. Aber bitte nur eines nicht: Weihe. Das geht dann doch nicht. Und zufrieden wälzen sich die Frommen in orgiastischen Gefühlen. Ein Mann der alles kann kündigt sich da an!

Mit diesem Schlagwortgewitter, was heißt ... Schlagwortorkan, wird sie endlich entriert - die Zeit der eierlegenden Wollmilchsau ist angebrochen. Wo die linke Hand ausschüttet, was die rechte Hand sammelt. Je nach Blickweise aber wird einmal diese, dann die andere vorgezeigt. Sehr her - alles vorhanden! Man muß nur genügend Milch der frommen Denkungsart darübergießen, dann ist in diesem Brei wirklich alles zu finden.

Hier, hier steht es ja - er hat es ja auch gesagt! So, so liest man diese Art von Dokumenten. Deren Zeitgemäßheit vor allem darin erkennbar wird, daß sie alle Fäden verknäueln, die im Weltwortgewirr egal von welcher Seite herumschwirren, Ausdruck damit einer Zeit der Medienwolke, in der alles lebt. Und schon gar Südamerika lebt. Denn wenn sich alle Dinge auflösen, bleiben nur Worte.

Nur eines freilich fehlt - der gemeinsame Nenner, der klare Faden durch unsere Zeit. Das also, was man einmal von Päpsten erwartete, und das so viele so vorbildlich erfüllten. Das wird nun durch Ungefährheiten aller Art ersetzt, durch "richtiges Meinen", was immer das ist. Und wer wollte dem Papst - bitte, dem PAPST! - schon diese absprechen?! Was wetten: daß die Streitorgien losbrechen, wie er was GEMEINT haben wird?

Aber wen kümmert‘s, solange alle überhaupt nur möglichen Gefühligkeiten bedient werden. Und trifft den Nerv der Zeit natürlich völlig. Es ist der der Verwirrung. Der eines fehlt: der ordnende Blick von der Mitte her. Der Geist der Wahrheit, nannten manche das einmal. Früher. Als es noch darum ging, die Wahrheit möglichst so zu sagen, daß sie frei von Irrtümern bleibt, ein kaum zu bewältigendes Vorhaben, aber sie wirklich zu SAGEN. Heute? Heute geht es darum, den Irrtum so zu verkünden, daß er möglichst nach Wahrheit klingt. 

Gab es da nicht einmal ein paar Aussagen, daß Wesen der Wahrheit sei, Fleisch anzunehmen? Daß es also auf das POSITIVE der Wahrheit ankäme, die Welt schüfe? Hat sich nicht die Kirche ohnehin längst auf darauf zurückgezogen, nur noch zu sagen, wogegen niemand etwas sagen kann, weil es so nebulös bleibt, daß niemand etwas sagen kann- auf daß nur ja niemand Anstoß nehme? Wird das nicht sogar speziell als "pastoral klug" bezeichnet? Bitte bitte, tut uns nicht weh? Wird damit nicht die Stimme der Kirche genau zu ... KEINER Stimme? Ist das aber nicht genau die Art, wie auch kirchenintern schon lange vorgegangen wird? Also sachlich hat der und der eh recht, aber ... DIE ART ... also das geht nicht?! (Wobei es "zur Art" dann wird, sobald sich jemand "gestört" fühlt? FÜHLT. Noch dazu. (Wie oft kommt das Wort auf den 280 Seiten Alles-und-Jedes-Geschwurbele vor?)

Was soll's. War ja nur ein großer Spaß - auf kärntnerisch: "a große gaudi" - das Ganze.

Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat, hat einmal jemand geschrieben.(/cit.)


Naja, da greift der Herr Keimbach aber ein bisserl tief in die Kiste, oder? Und wer "schüfe" sagt, hat sowieso verspielt. Und immerhin, es ist doch der Papst! Ach so, man soll ihn ja ... oder doch nicht? Wer kennt sich da noch aus. Man sollte ihm schreiben, Herr Keimbach, das sollten Sie auch tun. Dann wird man ja angeblich häufiger mal gleich zurückgerufen. So unter Freunden redet es sich leichter.

"Fraaanz? Telephon für Dich!" "Wer isss?" "Wer bitte spricht denn da? Was ...? Ach so ... Fraaaanz? Beeil Dich - der Babscht." "Pflanz wen anderen. Ich muß das da erst noch festschrauben, ich kann jetzt nicht, sag, ich ruf zurück." "Er ruft zurück ... ach so, ja, klar ... 56649 Klappe 01. Ich sag es ihm. Wie war der Name? ... Danke, wiederschauen, Herr ... wie war der Name?"

Schluß mit lustig, werter Herr Keimbach. Was soll das überhaupt, mit diesem handbeschriebenen Zettelchen, in das Ihre billigst gedruckten Ergüsse eingehüllt morgens schon sich vor meiner Tür vorfanden, fast noch handwarm - weil Sie wohl nicht damit rechneten, daß der Verfasser schon um halb sieben seine ebensolchen Brötchen holt? Hätte er Sie gar überrascht, HERR KEIMBACH, der der Bote persönlich gewesen zu sein der Verfasser stark vermutet, wenn er dies an jenem vergangenen Donnerstage fünf Minuten früher getan hätte? Was soll der Hinweis, daß alles dies - dieses Rundumschlagen, dieses "alles hineinnehmen" dieses Papstes - so exakt zum Persönlichkeitsprofil eines schwer narzißtisch gestörten Menschen gehöre, er gestatte mir die Details hier auszusparen, der sowieso alles an sich reiße, was ihm begegne, um es in sein Irrbild zur immer perfekteren Täuschung und Unangreifbarkeit einzubauen, womit davon auszugehen sei, daß dieser argentinische Herr von seiner Mutter umhätschelt worden wäre wie das Küchelchen vom Brutlämpchen, mit demontiertem, vermutlich aber handschmiegsamem Vater? Auf welche Schule feiner Seelenkunde beruft er sich gar?

Und was soll der süffisant hinzugeschmierte Hinweis, daß das alles, solches Verhalten, typisch für Unterschichtenkomplexe sei. Bassena-Zank, gewissermaßen, weil diese Nichtse neiderfüllt auf die Dienstbotenschichte reagiere, wie sie der Verfasser dieser Zeilen von seiner Mutter her gut kennen müßte, die ja in einem hochedlen Haushalte als Mädchen gedient hatte, denn diese, und nur noch diese seien es ja gewesen, die den Adel schon 1919 so hochgehalten hätten und dies bis heute täten, während der Adel selbst längst gewußt hatte, daß er in dieser Situation faktisch notwendig wie die Krätze am Allerwertesten war?  Was hat das alles mit der Sache - der Sache, Herr K! wir reden hier von einem Apostolischen Höchstselbstschreiben! - zu tun?

Und überhaupt: WAS BILDET ER SICH EIN!?  JA ... WOHER WEISZ ER DAS ÜBERHAUPT?

Ihr Blättchen, werter Herr K, wird auf jeden Fall NICHT abonniert. So sehr Sie das wünschen würden, Ihre Auflage bleibt bei <21 .="" ansage="" auch="" blog="" br="" damit="" diese="" dieses="" es="" leser="" nicht="" sie="" stimmt.="" tun="" und="" werter="">




*Eine ausführliche und höchstselbstige Würdigung der diese Woche erschienenen Apostolischen Sendschrift "Evangelii gaudium" hat sich der Verfasser dieser Zeilen vorgenommen. Wenn er die vermutlich viele Zeit erübrigt, die das benötigt. Derzeit quälen ihn ja arg die Alltägllichkeiten der Existenz.




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Wie er lebt

Thomas Mann


Gesehen auf everyday_i_show





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Freitag, 29. November 2013

Mal was Gutes

Herrschaften, das nötigt mal Respekt ab. Das nötigt Respekt vor dem gesunden Menschenverstand ab, was der Bobschd da mal von sich gibt. Und er sollte sich gleicdh auch selber bei der Nase nehmen, und möglicherweise tut er das sogar, vielleicht indem er den saudummen Twitter-Account einfriert und endlich den widerlich banalen Saukitsch mit Medjugorje abbläst.

Die Presse schreibt nämlich: Der Pontifex erklärte, es sei überflüssig, ständig wundersamen Dingen und Neuigkeiten nachzuspüren. Christen sollten sich stattdessen von der Weisheit des Heiligen Geistes führen lassen. Der Papst verwies auf die Gottesmutter Maria. Sie liebe alle Menschen, sei aber "nicht die Leiterin einer Postfiliale, die jeden Tag Botschaften schickt".


Eine übertriebene Neugier entfernt die Menschen nach den Worten von Franziskus von Gott. Wer alle künftigen Dinge immer ganz genau wissen wolle, maße sich "Gottes Projekte" an. Der "Geist der Neugier" sei "kein guter Geist", so Franziskus laut Kathpress. "Es ist der Geist der Vergeudung, des Sich-von-Gott-Entfernens und der Geschwätzigkeit". Er verstelle den Blick für die Gegenwart Gottes.

Jawohl, Herrschaften, und noch mehr (denn die "Erklärungen" sind kiki; aber die betrefflichen Tatsachen, wahrscheinlich eh nur das Gefühl des Pontifex, aber wen interessiert's, stimmen). Wer erwartet, daß täglich die Weltfundamente (soll in gewissem Diktus heißen: mediengetunkte Zweitwirklichkeit) revolutionierende Änderungen vom Himmel perlen, der hat sie nicht alle. Mit Katholizität hat das nix zu tun, aber alles mit Hysterie. Die Antwort auf das Du Gottes fängt mit der Vernunft auf dem Quadratmeter Wirklichkeit an, auf dem jemand gerade steht. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Auf die Einkehr der Vernunft in der Kirche wird man ja wenigstens noch hoffen dürfen. Daß es gerade nun wäre? Warum nicht. Man hat ja schon Pferde kotzen sehen.





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Donnerstag, 28. November 2013

Neulich im Stiegenhaus

"Es ist," meinte Frau G, "weil unsere Generation keinen Krieg mehr erlebt hat. Unsere Eltern, Großeltern, Urgroßeltern - sie alle haben erlebt was es heißt, nichts zu haben. Nur so können sie schätzen, was Dinge wert sind, über alles Geld hinaus."

Sie trifft einen Kern der Sache. An dem jüngste Zeitungsberichte vorbeigehen, in denen zu lesen war, daß die Jugend der Gegenwart sich wenig aus Dingen mache. Ganz so, so stünden wir vor einem neuen Zeitalter der Askese. Gleichgültigkeit den Dingen gegenüber, die im verwaschenen Horizont der Selbstverständlichkeit untergehen, ist nicht Askese. Es ist Weltverlust, sehr real im Verschwinden des Raumes festzustellen. Es ist Weltverlust, weil die Dinge in ihrem Entstehen keine Beziehung mehr aufbauen, zu bloßen abstrakten Faktoren in einem abstrakten Funktionsmodell werden. Schon von Kindesbeinen an wird ein Wirklichkeitsumfeld geschaffen, in dem immer jemand oder etwas verantwortlich dafür ist, daß die Dinge, mit denen wir umgehen, vorhanden sind. Steht etwas nicht zum bloßen Gebrauch bereit, springen zahllose Mechanismen ein, die seine Verursachung erzwingen wollen.* Und nur in diesen Beziehungen sind sie überhaupt erst geschichtlich und wirksam, denn nur Beziehung bedeutet Wirkung, Wirkung ist Beziehung - Wirklichkeit.

Was ist, jedes "Ding", ist es selbst durch und in seinen Beziehungen zur Mitwelt. In der alles miteinander verhangen ist. So wird Raum geschaffen, aus dem abstrakten, allem vorgängigen "Raum an sich" (den man sich genau nicht konkret vorstellen kann), der jeder konkreten Räumlichkeit vorhergehen muß, heraus. Raum ist die Bedingung wie das Ergebnis alles Seienden. Und damit Beziehung. Die nur besteht, wenn die Entstehensvorgänge der Dinge sinnlich erfahren werden. Die Abstrahierung dieser Vorgänge ist Folge (als geistiger Akt) aus der Sinnlichkeit (die der Geistigkeit zwar als Bedingung, nicht aber ursächlich abhängt!), und insofern eine Frage der Persönlichkeitsreife, die nur auf dem Boden einer wirklichkeitsgesättigten weil sinnlichen Raum- und Dingerfahrung gedeihen kann.**

"Es geht uns zu gut," meinte G dann. "Alles steht einfach zur Verfügung. Das ist nicht gut." Sie hatte Schweres durchzustehen, und hat es noch. Das merkt man. Die Mühe der Entstehung, die so vielen schon fehlt und damit ein Grundklima geschaffen hat, in dem niemand mehr eine Ahnung hat, wie etwas überhaupt wird, das Leid das sie erfahren hat, das erst macht den Wert der Dinge (und Menschen) erfahrbar. Man kann staunen, wieviel Weisheit und Weltkenntnis einfachste Menschen sammeln, wenn sie die Chance dazu haben.




*Das bedeutet auch ganz klar, daß der Förderwahn der Gegenwart das Wesentliche am Erreichen der Dinge in der Selbstwirklichung genau verfehlt. Es geht nämlich nicht um die "Dinge an sich", es geht um die Beziehung, in denen sie stehen. Und diesem Werterfahren fehlt damit die Historizität. Geförderte Erfolge sind gar keine Erfolge. Sie sind Schimären. Allem aus solchen Bedingungen Entstandene fehlt ihr Wesentliches: die Beziehung zu seinem Sein, die eine Beziehung zu seinem Entstehen ist. Jede "Idee", die solchen Charakterformungen und Haltungen entspringt, hat deshalb vor allem eines: fehlenden Sinn für die Möglichkeit. Sie schreit nach jenen künstlichen Laborbedingungen, die es in diesem begrenzten Rahmen hervorbringen. Aber damit eine ganz andere Wirklichkeit schaffen, auch und gerade mit diesen solcherart hervorgebrachten Dingen.

**Der Mensch ist von Raum und Zeit abhängig. Vom Raum wegen der Inhaltsfolge, aus der heraus alleine Eigenschaftlichkeit abstrahierbar ist, und von der Zeit wegen der Zustandsfolge. Selbst, wenn der Geist selbst nicht raumzeitlich ist, ist er an Raum und Zeit gebunden. (Siehe u. a. die sehr klare Darstellung des Problems bei Hans-Eduard Hengstenberg, "Der Leib und die letzten Dinge") Abstraktivem Denken ohne diese Raum-Zeit-Erfahrung fehlt die Wirklichkeitsdimension, die kein abstraktiver Faktor ist, sondern Bedingung des Denkens überhaupt.




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Wie er lebt

J. R. R. Tolkien


Gesehen auf everyday_i_show





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Mittwoch, 27. November 2013

Freiheit, Masse und Gemeinschaft

In der Masse ist der Einzelne seinsmäßig nicht unersetzlich, sondern lediglich unentbehrlich. Er ist nur in seiner Zuverlässigkeit aufgerufen, auf diese einesteils reduziert, und andernteils durch deren Inhalte definiert. Er gewinnt in der Masse neue Eigenschaften dazu, die er als Einzelner nicht hätte. Die "Massengesellschaft" verleiht also dem Einzelnen ihre Eigenschaften. Sie hat einen eigenen Ausdruck, den sie dem Teilen aufprägt. diese besitzen Ausdruck und Verhalten nur in der Masse und als Teil der Masse, gewinnen gleichsam ein zweites, ein Massen-Ich, wie Hans-Eduard Hengstenberg schreibt. Im Namen der Masse kann man etwas tun, was man selbst nie verantworten würde.

Masse hat keine Konstitution wie die Gemeinschaft, sondern nur eine Komposition. Auch im Organischen unterscheiden wir eine bloße Zell-Assoziation (z. B. bei manchen Algen-Arten) von einem eigentlichen Zellorganismus (z. B. der höher entwickelten Pflanze). Masse verleiht auch nicht eigenlich die Masseneigenschaft, sondern "zwingt sie auf", ohne Ansehen der Person

Der Einzelne ist nicht in seiner Individualität und Unersetzlichkeit für das Gesamt aufgerufen, sondern nur in den übereinstimmenden und Masseneigenschaft, deshalb ist hier anderseits der Dienst am Übergeordneten ein unvollkommenerer als bei den Gliedern einer Gemeinschaft. Der Einzelne ist nicht in der Spannung seiner Verschiedenheit zusammengeordnet, sondern nur in der Gemeinsamkeit. So werden die Teile lediglich SUMMIERT. Der Geltungsbereich der Masse ist nur das Gemeinsame, nur daraus lebt Masse, die auch nichts Anderes zulassen kann. Sie ist EINPOLIG, ein Gegenkollektiv ist ihre Bedingung, sie braucht diesen anderen Pol. 

Während die Gemeinschaft ein fruchtbares Gegeneinander in sich selber trägt, also in sich zweipolig ist, muß Masse notwendig einpolar sein. Sie ist daher in sich unvollkommen, abhängig und setzt ein Außersich, einen Gegenpol voraus. Masse MUSZ KÄMPFEN. 

Es ist eine Zweckgebundenheit wirksam, die nach außen drängt. Masse ist, was sie ist, nur durch eine bestimmte Verbindung der Teile. Diese Verbindung ist die "Und-Verbindung".

Wie bei einem Felsen, der eine Summe seiner Teile ist. Kein Körper, sondern nur Masse.

Gemeinschaft hingegen hat eine Konstitution. Der Einzelne schwingt sich in seinem Einzelwesen voll aus. Wesentlich ist, daß gerade DIESER Einzelne mit SEINER Tätigkeit zum ebenso individuell geprägten Anderen (und nicht einem x-beliebigen Anderen) mit seiner Tätigkeit gegenübersteht. Die Gemeinschaft hat zwar einen Gesamtcharakter, aber sie wirkt nach außen unter Weitergeltung jedes Einzelnen (der gleichsam sein "Urheberrecht" behält) nach seiner Eigenart und Individualität.

Der Einzelne dient nach seiner Individualität und Einzigartigkeit und damit Unersetzlichkeit. Und das ist entscheidend für die Struktur der Gemeinschaft: daß jeder aufgerufen ist, von sich aus, nach Individualität und Unersetzlichkeit zu dienen. Gerade dadurch wird er "hörig" (im Sinne von "hörend"), nimmt so das Lebensprinzip der Gemeinschaft auf und verwirklicht es, auf seine Art. Der Freie leistet somit einen höheren weil hörenderen Gehorsamsdienst als der Sklave. Er wird in der Gemeinschaft zum Körper. Nicht zur Masse.

Körperliche Masse kommt ohne Gleichgewichtszustand nicht aus. Kollektivwirkung erzeugt immer Kollektivwirkung, und braucht Gegenmasse, die sie anzieht. Körper der Masse wird somit nur zum "Umfang des Wirkungsbereichs" von Teilen auf ein anderes Konglomerat an (gleichen) Teilen. Und was immer Masse ist, braucht die strenge Symmetrie - weshalb alles streng symmetrische auch ästhetisch tot, unlebendig, geistlos wirkt: es wirkt zu "körperlich".

Was sich aber wirklich Körper(schaft) nennt, ist letztlich damit aus unkörperlichen Ursprüngen entstanden. Nicht aus einem einzelnen Quant (durch Spaltung etwa) kann Raum und Zeit entstehen, sondern aus der Beziehung von mehreren/vielen Quanten zueinander. Die Beziehungen gehen also voraus, Raum und Zeit gehen dem Einzelnen voraus.* Von einem "Uratom" auszugehen, das durch extreme Komprimierung etc. etc. den gesamten Kosmos aus sich selbst heraustrieb, ist theoretisch undenkbar! Einen materialistisch-mechanistischen "Urknall" in vorzufindend vielfach kolportierter Form kann es verstandesmäßig durchdacht, kann es auch quantenphysikalisch belegbar gar nicht geben.



*Jawohl, hier ist der Ort, um darauf hinzuweisen, daß die Einstein'sche Relativität von Raum und Zeit eine der Meßbarkeitsdimension ist, keine absolute Dimension hat, diese aber voraussetzt. Wird diese Dimension übersehen und überschritten, wird die Physik seinsloses Gedankenspiel. Wir werden an dieser Stelle gewiß noch darauf eingehen, daß die bereits anfänglich bestehende massive Kritik an den Einstein'schen Thesen keineswegs im Laufe der Jahrzehnte "widerlegt" wurde, sondern einer eigenen Massen- und Mediendynamik zum Opfer fiel. Sie war vielfach berechtigt, und von größten Köpfen sehr fundiert begründet. Masseinbindung liegt nicht im Wesen der Materie an sich, das Masse-Körperliche ist Folge der Raum-Zeitlichkeit. Die absolute Einheit, schreibt Lemaitre, KANN keine Räumlichkeit haben, kann NOCH keine Größe haben. Erst die Vielheit schafft "Größe". Das vielzitierte "Uratom" kann es also gar nicht geben, weil es keine Raum-Zeit-Dimension hat. Mit unseren Begriffen können wir das, was im "Urzustand" geschah, also gar nicht beschreiben, weil Messung immer Relation voraussetzt. Und wenn wir die "Blackbox" noch so sehr zurückschieben und mit Begriffen wie "unendlich" vernebeln. Im Konkreten gibt es diese Unendlichkeit nicht, sie bleibt immer konkret-endlich. Wenn wir aber zurückgehen, so Lemaitre, auf ein "masseloses" Uratom, befinden wir uns außerhalb jeder Sphäre der Physik. Wir kommen zurück auf eine bloße "Fähigkeit, Quanten zu erzeugen". Masse ist etwas aus "Unmassigem" Abgeleitetes, Quantität ist erst aus der Zusammenfügung von Nichtquantitativem abzuleiten.

Noch einmal: Ein einzelnes Atom (wie immer konstituiert man es sich denkt) kann es nicht geben und nicht gegeben haben. Alles Seiende ist auf ein Hier und Jetzt in Raum und Zeit, daher auf Mitseiendes angewiesen. Teilbarkeit selbst setzt bereits Raum und Zeit voraus, weil es Kompositivität voraussetzt. Aus EINEM Atom kann kein Universum werden, weil Masse GEGENMASSE voraussetzt. Massenhaftigkeit ist also etwas Abgeleitetes, nicht mit dem Wesen der Materie an sich verbunden. Wobei man die seinsmäßige Ableitung nicht mit einer geschichtlich-zeitlichen verwechselt werden darf. Masse setzt Raum und Zeit voraus, schafft sie nicht, macht sie nicht aus sich quantifizierbar.

Wer Zeit und Raum NACH - als Folge, gewissermaßen - von Masse ansetzt, ENTWIRKLICHT die Welt. Die unerhörte Tragweite zeigt sich heute, gerade heute. So komplex diese Argumentation uns Heutigen also scheinen mag, so klar und rational ist sie. Also keine Frage von "Glaubenssystemen" oder "interessanter esoterischer Phantasie", als die eine (im Literaturbetrieb Österreichs "hochrangige") Literatin einmal in Werken dargestellte entsprechende Thesen des Verfassers dieser Zeilen bezeichnete, die sie einfach nicht verstand. 

Aber die These von der Entstehung der Welt aus "Masse" heraus, wie sie in den Urknallthesen fast schon alltäglich geglaubter Mythos ist, bringt eine völlige Entwirklichung der Welt mit sich, hat also dramatische Auswirkungen. Und aus ihr folgt zwangsläufig ein mechanistisch-deistisches Weltbild, das Gott bestenfalls auf einen Moment der Schöpfung reduziert, Raum und Zeit der Schöpfung überhaupt entzieht, und die Welt vor allem von "unmassig zu massig" - Materialismus als Ziel der Schöpfung - entwickeln läßt. Das weist auch auf den massiven Denkfehler eines Teilhard de Chardin, der bis heute eine "Scheinversöhnung" zwischen Evolutionismus und Christentum verkündet, die einfach "falsch gedacht" ist.
 




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Die Mitte verloren

Nur noch 25 % des Handels mit Wertpapieren spielen sich über die (ad exemplum: New Yorker) Börse ab, berichtet pressetext.at, und zitiert darin Michael Grote. 2005 waren es immerhin noch 80 %. Der Schauplatz hat sich weltweit zu sogenannten "Dark Pools" verlagert, Handelsknoten gewissermaßen, die im wesentlichen Internet-Schnittstellen sind. 

Dabei hat sich das Volumen der gehandelten Papiere kaum verändert, allerdings die Anzahl der Transaktionen vervielfacht - gegenüber 2000 sogar verzwanzigfacht. Bei dieser Frequenz kommen Crashes natürlich öfters vor, von 18.500 solcher "extreme events" bei einzelnen Aktien im Zeitraum zwischen 2006 bis 2011 berichtete Grote. Der überwiegende Teil des Handels wird mittlerweile von Computerprogrammen abgewickelt, die binnen Millisekunden mit Käufen und Verkäufen reagieren. Wer die schnellere Verbindung hat, hat unter Umständen den entscheidenden Vorteil im Getriebe der Geldlukrierung. Die alten Börsen sind nur noch "Folklore".

Dabei gewinnen zunehmend rein computerbasierte und -automatisierte Auswertungen von Stimmungen an Bedeutung, steigt die Wirkung von Nachrichten, selbst auf Twitter. Ein Sager eines Politikers löst unter Umständen enorme Wertbewegungen aus, nach oben wie nach unten. Schafft wie vernichtet binnen Sekunden Milliardenwerte, deren Lebensdauer aber oft nur kurz ist. Wer aber sagt noch, ob Meldungen überhaupt wahr sind? Längst sind Manipulationsversuche über Nachrichten zu beobachten.

Von einem geplanten, besonnenen, realitätsbezogenen Umgang mit Wertpapieren ist also längst nicht mehr die Rede. Der Wert von Papieren bezieht sich immer weniger auf die reale wirtschaftliche Situation eines Unternehmens. Der Handel mit fiktiven Werten hat sich verselbständigt und ist zu einem Faktor geworden, der die Realwirtschaft nach mathematischen Gesetzen diktiert.* Alle Versuche, das Gesetz der Programme und Geschwindigkeit zu brechen, etwa Momente der Besonnenheit durch Verlangsamung, das Einschalten von (von physischen Menschen zu tätigenden) Zwischenschritten oder  nur der Einführung eines allgemeinen Termins für Transaktionen - wie "täglich um 15.00 Uhr" - einzubauen, sind bislang gescheitert.



*Wertpapierhändler bedienen sich schon lange der Dienste von Physikern. Die von Wirtschaft keinen blassen Schimmer haben, aber Mathematik, Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Algorhythmen beherrschen, für die Wirtschaft ein mechanisches Modell ist.





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Dienstag, 26. November 2013

Sinn geht Erfahrung voraus

Das zellulare Geschehen in einem Menschen, im Gehirn, ist kein einfacher physikalisch-chemischer Prozeß, sondern diese Prozesse selbst sind das Ergebnis persönlicher, personaler Vorgänge. Was immer sich in den Zellen, in den körperlichen Vorgängen, im Immunsystem, wo auch immer abspielt, wird komponiert von persönlichen Haltungen, von seelisch-geistigen Akten die sich zu Haltungen verfestigen (oder solche auflösen). Mit diesem Tenor beginnt dieses Video, dessen Link Leser R sandte. Wir sind ein Universum, das sich im Leib darstellt.

Selbst wenn man berücksichtigt, daß wir als Menschen pausenlos mit der Umwelt interagieren, so hängt es wesentlich davon ab, wie wir Informationen klassifizieren. Das bestimmt auch den physischen Niederschlag (etwa bei Synapsen im Gehirn). Diese Haltungen den sinnlichen Wahrnehmungen und Erlebnissen gegenüber werden zuallererst ... vermittelt: "was" ein Geschehen ist wird damit in immer komplexeren Vorgängen beurteilt. Es gibt keinen physischen Wertmechanismus, der aus sich heraus Haltungen generieren könnte. Es sind die Beziehungskoordinaten, die wir in geistigen Vorgängen den Dingen zuordnen. Diese Grundstrukturen, auf denen unser ganzes weiteres Rezipieren, im Älterwerden, aufbaut werden in der frühesten Kindheit gefestigt.

Mit zahlreichen Einschränkungen, die aus der physizistisch-mechanistischen Grundhaltung zahlreicher Wortmeldungen stammen, deren Ansatzebene nur weiter hinausgeschoben wird, ohne aber wirklich zum "Geist" zu gelangen, ist das Video in seiner hinweisenden Qualität aber durchaus anregend. Wenn auch die Tendenz abzulehnen ist, aus der Erkenntnis, daß es darum geht, Vertrauen in die Wirklichkeit zu gewinnen, abzuleiten, daß es darauf ankäme, eine quasi "innere Gestimmtheit der Seligkeit" aufzubauen, und das sei auch methodisch zu erreichen. Die "harmonische" Hintergrundmusik des Filmchens selbst (1:20 Stunden) wird damit zur Abscheulichkeit. Als käme es darauf an, nur die richtigen Manipulationsmethoden, auch in der Erziehung, zu finden. Das reduziert den Menschen erst recht zur Maschine. 

Den Menschen (oder: das Kind) also in einen "Modus" des Vertrauens" durch Verhaltenstraining zu bringen, geht genau an seiner wirklichen Verfaßtheit vorbei, und macht ihn zu einer bloßen "surviving-machine", die vor allem vermeiden muß, die tiefsten Fragen seiner Existenz zu stellen. Selbst Religion wird damit nur noch zum Tranquilizer, einer Art Überlebensstrategie.

Entscheidend wäre zu sehen, daß es die Geistigkeit des Menschen ist, die eine "Prädestination" überwindet, die Freiheit erst möglich und denkbar macht. Klammert man diesen Geist aus, bleibt freilich nur noch unfreier Mechanismus. Der Mensch geht auf Sinn, nicht (wie die Tierwelt) auf simples "surviving", und auch nicht auf "wellbeing", Wohlgefühl. Der Mensch konstituiert sich aus dem Wort.

Insofern muß Freiheit vom Heranwachsenden "gelernt" werden*. Muß auch gelernt werden, den Leib zu gebrauchen. Andernfalls sind wir den unbewußten, automatisierten, mechanisierten leiblichen Vorgängen (über Gewohnheiten) ausgeliefert, sonst bleibt dieses Verhalten irrational und Quelle von Angst. Die Haltung der Welt gegenüber bleibt so in einem in sich verklammerten "Schutzmodus", mit weitreichenden Auswirkungen, etwa auf das Immunsystem, das nicht mehr mit der Welt fertig wird.  Wird das Immunsystem auf zu niedrigem Aktivitätsniveau gehalten, etwa durch "Fernhalten", wird seine Fähigkeit, der Welt überhaupt zu begegnen, nicht überwältigt zu werden, immer geringer, der mögliche Aktionsradius in der Welt verengt sich. Über falsche Gewohnheiten, die eigentlich immer auf Teilmechanismen und -effekte abzielen (das Wesen der Neurose), kann der Leib sehr wohl zum kontraproduktiven Feind des eigenen Wollens aufgebaut werden.

Heilungsprozesse sind also mit Erkenntnisprozessen vergleichbar: Der Mensch abstrahiert das Fremdelement - der Höhepunkt des Heilungsprozesses ist die möglichste, ja man könnte sagen abstrahierte Reinform des Begegnenden - um es ihm gemäß, in der Erkenntnis, zu integrieren, und das heißt, diese (ursprünglich neue) Form zu aktivieren. Weil grundsätzlich gesehen uns die Welt nicht "Feind" ist, sondern alles was es gibt sich als "Form" in uns findet. Immunsystem und Erkenntniskraft als Kraft zurückzuführen sind also zwei Seiten derselben Medaille.

Durchaus brauchbar sind also einige Aussagen über den Menschen als harmonisches Gesamtsystem, als Metapher verstanden. Fehlt diese innere Gefestigtheit, wird er partiell von begegnender Welt überwältigt. Diese Überwältigung zu bewältigen, sie auf humane Ebene (!) zu heben und zu integrieren, ist Wesen und Aufgabe der Erkenntnis.

Der entscheidende Faktor ist also Wahrheit. Von diesem nur in ihr möglichen einen Punkt aus läßt sich die enorme Fülle an Information und Welt, mit der wir zu tun haben, ordnen und bewältigen, den Stress gewissermaßen aufzulösen. Wobei Dystress dort entsteht, wo das Begegnende nicht erkannt wird (auf simples Niveau gebrochen: man vom Unbekannten geängstigt wird), Stress selbst aber lediglich das höhere Aktivitätsniveau eines Bewältigungsprozesses selbst anzeigt. Nur von diesem Punkt aus also läßt sich Freiheit überhaupt leben. Aus der Einzelerfahrung selbst heraus, aus der Vielfalt der Welt heraus läßt sich Sinn aber nicht konstruieren. Es braucht die (abstraktive) Zusammenführung des Vielen ins Eine. Erst auf dieser Ebene kann man überhaupt von "vernünftiger Lebensweise" sprechen. 

Zu meinen, der Leib wäre einfach durch "bio" oder '"spirituelle Methoden" zu harmonisieren ist gefährlicher und erst recht uns verfehlender Quatsch. Wahrheit und Lebenskraft ist kein "skill". Und da, ab Minute 28 etwa, wird der Film teilweise zum lächerlichen Dreck, wo er relevant bleibt zum "alten Hut" und banal. 

Trotz pointierter Aussagen, wie: Haupttodesursache in den USA ist die medizinische, medikamentöse Behandlung selbst. Oder gewiß richtigen Feststellungen: daß die Medizin als "Verschreibungsmedizin" viel zu kurz greift, mehr Schaden anrichtet als positiv bewirkt. Ja noch weiter: alles medikamentöse Wirken ist ein einziger Placebo-Effekt. Weil es die Nebenwirkungen der Medikamente sind, die uns "einen physisch-sinnlich merkbaren Effekt spüren" lassen, sodaß wir umso fester an seine Wirksamkeit glauben. Damit wird schlicht unser Rezeptionsvermögen verändert. Und Medikamente überwältigen einfach oft interne, umfassende, ganzheitliche Harmonisierungsbewegungen, um kontrollierte Teilbedingungen zu erzielen. Was natürlich besonders für Psychopharmaka zutrifft, die langfristig das Rezeptionsvermögen dramatisch destabilisieren können.

Oder, daß wir ein "Glaubenssystem" aufgebaut haben, in dem wir meinen, "die Medizin wüßte" die Dinge generell besser (als wir selbst). Ohne Weisheit, die von einem allgemeinen Sinnstandpunkt ausgeht, ist auch der Arztberuf eine einzige Hybris und Verfehlung. Jeder Heilungsprozeß ist primär immer ein Prozeß der Öffnung des Herzens, drückt es einer aus. Heilung hat deshalb immer mit Vertrauen in die Welt zu tun. Versteht man diverse Aussage, die "Mitgefühl" (compassion) als essentiell beschreiben, unter diesem Aspekt der "Harmonisierung mit Vernunft", die der Welt geistig zugrundeliegt, ja vorausliegt, kann man sie akzeptieren. Das heißt aber gleichzeitig, daß der Mensch nicht durch "Konzentration auf sich selbst" geheilt oder heil wird, sondern durch das Gegenteil: Durch Selbsttranszendierung AUF DIE VERNUNFT HIN. Durch Wahrheit also. 

Es ist ein Irrtum zu meinen, Gene (DNA) würden selbst aktivierende Kraft besitzen. Das haben sie nicht, denkt man sich den Leib als puren Mechanismus, darin haben einige der Ausagen im Film recht. Sie sind nur Analogien zu geistigen Verfaßtheiten, Ausdruck, nicht Mechanik. Ja. Dennoch sind sie als Fleischwerdung des "ich" (im Selbst) auch Auslöser, haben auch Wirklichkeit und damit Wirkung. Wer sich also verändern will, kann das nicht durch Umlegen eines Schalters machen. Er muß sich in seinen Gewohnheiten ändern, und über seine vom Geist untrennbare leib-(geist)seelische Verfaßtheit als Ganzes. Das eine hat keinen Sinn ohne das andere.

In der Radikalität aber wird in dem Film nicht mehr verkündet als viel strapazierte und häufig genug manichäische (leibfeindliche) Paradiesesversprechen. Wir "hätten ein Paradies, wenn" ... Und das geht nicht nur an der Realität der Welt und des Lebens ganz einfach vorbei, provoziert lediglich nächste Totalitarismen. Die Welt wird nicht schlagartig besser, wenn nun alle "richtig denken" - wie es jemand in dem Film so schauderlich ausdrückt: "We have to learn to adjust cognitial programming".  Einer meint gar, es würde tatsächlich helfen, alle Menschen der Welt zum Psychologen zu schicken. Und natürlich mit den Kernworten, die uns so gut bekannt sind, den Fundamenten allen Totalitarismus: "Man muß nur ..."

Es führt zur Auflösung der Welt als reales und nur real mögliches GESCHICHTLICHES Kulturgefüge (mit real präsenter Vergangenheit), in aller Ambivalenz, und nur in einem solchen kann der Mensch zu sich selbst werden. Kultur aber geht dem Einzelnen VORAUS. Der Mensch wird in solchen mythologischen Gedankengebäuden in eine leiblose (weil kulturlose) "neutrale" Idealität überhöht, die seiner tatsächlichen Verfaßtheit - in der Geneigtheit zum Fehler, vor allem aber in seiner Hingewiesenheit auf das Konkrete, und das ist die umgebende Kultur - gar nicht entspricht.  Den "idealen Menschen" gibt es gar nicht, er ist buchstäblich "nichts".**

Der nächste Mythos also, der die reale Verfaßtheit des Menschen durch verantwortungslose Simplifizierung leugnet, indem er Geist auf "Gefühl", auf Physik drückt: "Physical healing grows up from emotional healing".*** Eine Reaktion auf das Unbehagen und Leiden an der Zeit, ein Gefühl also, gewiß, aber eben nicht mehr als eine nächste "Aussteigebewegung". Heiligkeit bedeutet eben nicht "irdische Perfektion". Im Gegenteil. Die einzige Grundhaltung, die dem Zueinander der Welt wirklich entspricht, ihr inneres Wesen, ist eben das Opfer, die Selbstüberschreitung auf den Sinn hin, nicht die Perfektion irdischen Weltgefüges. Gefühl hat nur dort Sinn, wo es auf Wahrheit aufbaut, aus ihr fließt. Gefühle "verändern" zu wollen ist ein Verbrechen am Selbst des Menschen, das auf Sinn zielt. Auf Geist.

Der Sinn des individuellen Lebens aber erschließt sich nicht aus dem Einzelnen selbst heraus. Man empfängt Sinn als Antwort und Aufruf, man trägt ihn nicht per se in sich. Ohne Sinnfrage also, ohne Meta-Physik also, hängt jede der Aussagen in diesem Film in der Luft. Sinn umgreift die Welt als Ganzes. Und dieses Ganze wiederum bedeutet auch nicht, "global" zu denken, also den Maßstab des Vereinzelten in größeren Umfang zu bringen****, sondern dieser Gesamtsinn steht zu allem Einzelnen "vertikal", er druchdringt alles Einzelne gewissermaßen von innen heraus. Aber auch Heilige sterben an Krebs.








*Man könnte diesen Reifungsprozeß in gewisser Weise so beschreiben, daß der Mensch lernen muß, sich von den bloßen reaktiven Prozessen zu lösen, um die Dinge der Welt auf ihre strenge (erste) Logik zurückzuführen. Diese Logik ist aber kein simples "wissenschaftliches Ergebnis", sondern baut auf der Grunderfahrung des "ich" mit der Welt auf - was als "Satz der Identität" der Dinge bezeichnet wird, als Satz des "Widerspruchs" (daß ein Ding nicht ein anderes sein kann", sowie auf dem Satz vom "hinreichenden Grund". Sie baut damit auf einer realen Grunderfahrung auf, nicht auf mathematischer "ratio". Reife in der Erkenntnis heißt also, diese Grunderfahrung je neu aufstehen zu lassen.

**Jesus Christus, der menschgewordene Gott, ist deshalb ohne Historizität, ohne konkrete geschichtliche Situation, in die hinein er Mensch wurde, undenkbar und sinnlos. Das ist der Grund, warum er heute meist auf die Ebene eines "Lehrers" herabgedrückt wird. Hier fehlt es an Grundverständnis der Welt, nicht am "Glauben".

***Übrigens ist der Verfasser dieser Zeilen der klaren Auffassung, daß diese Hysterie (die es nämlich ist), zu meinen, über "spirituelle Veränderung" wäre auch direkt die Welt zu verändern, Ausfluß einer tiefsitzenden geistigen Trägheit (Acedia) ist. Meist sogar noch durch besondere Aktivität kaschiert. Die meint, sich die Mühe des realen, einem zur Aufgabe gestellten historischen Lebens ersparen zu können. Sie ist damit selbst bereits Persönlichkeitsdefekt und -schwäche.

****Das ist der fundamentale Fehler der Katastrophentheorien der Gegenwart, wie etwa des "Klimawandels". Der keinesfalls "ganzheitlich" denkt, sondern extrem "vereinzelt", aber meint, durch Vergrößerung des quantitativen Umfangs das Ganze zu erreichen. Der Verfasser dieser Zeilen dachte sich das erst jüngst, als er im Flugzeug saß und die Erde unter ihm so "überschaubar" und "klein" erschien. Die Auswirkungen dieses verführerischen Kurzschlusses sind vermutlich weit dramatischer und an den meisten Irrtümern mitbeteiligt, als man meinen könnte, denn viele Menschen haben diese sinnliche Erfahrung bereits gemacht. Goethe wußte, warum er den Blick in ein Mikroskop oder ein Teleskop immer verweigerte: man verliert den Blick für das Ganze, das eben NICHT sinnlich als "Ganzes" erfaßbar weil geistig ist. Wahrscheinlich hätte er auch nie ein Flugzeug bestiegen. Im Größten wie im Kleinsten (Quantenphysik), das sich ja in seinen Grenzlagen wieder ineinander schiebt, wird Physis (und Physik) zur Frage der Erkenntnis, zur puren Metaphysik.




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Zum Beruf des Schauspielers

Die Tuchent ist nur an einem Ende gelüftet, aber irgendwo muß man ja anfangen ... Aus der Lehrerfahrung des Verfassers dieser Zeilen scheint ja die Mythologisierung, die Phantastisierung des Berufs des Schauspielers unausrottbar und unendlich, zur Hysterie gesteigert. 

Aber das Sehen, Hören, Reflektieren der Meldungen von sechs aktuell gefragten Regisseuren im Film kann einiges beitragen, die verfehlten Vorstellungen, von denen vor allem eines lebt: die Industrie der Träume, die Industrie jener, die von den aberwitzigen, lächerlichen und schauderlichen, noch  mehr aber tragischen, so furchtbar zeitsymptomatischen (und damit sehr wohl allgemeinen - denn im Wunsch nach dem Schauspielerberuf drückt sich heute zumeist nur die Narretei der Zeit aus) Fehlvorstellungen über den Beruf selbst leben und zu leben versuchen, indem sie neue, nächste Mythen (schon gar über die angebliche Rolle der neuen Medien dabei) in die Welt setzen und stärken.

Herrschaften - Hirn einschalten, Hausverstand benutzen, und vor allem das gewinnen, was Max Reinhardt dazu bewog, einen Ausbildungslehrgang zu überlegen, in dem einem halben Jahr ERFAHRUNG auf der Bühne jeweils ein halbes Jahr LEBENSERFAHRUNG unter existentiellen Bedingungen (d. h. abhängig von der Hände Arbeit, ohne reiche Mutti oder warme staatliche Geldduschen): Ahnung, wie das Leben selbst funktioniert, sofern man das Wort hier anwenden kann. Weil Leben nie funktioniert. Immer nur gelebt werden kann. Weil aber Film nicht weniger Leben und Wirklichkeit (und Realität; das Deutsche kennt hier eine Unterscheidung) ist, als das Leben des Franz Furzelmeier in Stösselbrück.

Für angehende Schauspieler also auf jeden Fall ein empfehlenswertes Programm: 5 Interviews mit 5 Regisseuren, vom Deutschen Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) beim Filmfest Hamburg 2013 geführt bzw. aufgenommen. Ein Appell an den Realismus in Film und Schauspiel generell, damit möglicherweise für alle heilsam, die mit dem Metier zu tun haben. Es gibt keine Methode "es zu schaffen".

Ein Rezept? Die Widerlegung von Rezepten? Nein. Der Aufruf, auf den eigenen Verstand, das eigene Gefühl, das eigene Herz mutig zu bauen, das das Tun will, nicht den Effekt. Denn es gibt keine Rezepte. Schon gar nicht welche, die Geld kosten. Nur Dinge, die am eigenen Weg liegen, den nur der findet, der ihn bereits geht. Und den kein Fördersystem der Welt - und keine Schule - je vermitteln oder gar machen kann. Die nur ein Kriterium kennt: radikale Existentialität, die vom Tun alles erwartet.




Nicht weniger sehenswert: die Interviews aus 2012. Heute werden (in Deutschland) jährlich kaum noch 170 Filme gedreht. Die Hälfte von 1990. Wo sollen da all die tausenden (!) Schauspieler unterkommen, die heute "ausgebildet" werden, Schulen und Institutionen absolvieren? Wo all jene, die glauben, ein Youtube-Video würde ihre Genialität beweisen, die ihnen einen Rang á la "Brad Pitt" zuweisen würde? Ja, gerade die Präsenz in Filmen kann kontraproduktiv sein. Weil etwa eine überzeugende Darstellungen gleichermaßen die Gefahr birgt, auf diesen Typus reduziert zu werden. Es gibt kein System, kein Rezept, keine Methode. Es gibt nur persönliche Wege. Nicht einmal Produzenten können im derzeitigen Wind überleben. Aber gerade in solchen Zeiten, wo die Tagesdrehzeit auf 7-10 Minuten Filmprodukt steigt (statt früher 1-2) wird die Seele, die Persönlichkeit der Schauspieler immer bedeutender. Und gerade die kann man nicht machen und nicht lernen. Gerade das, was oft zu "lehren" versucht wird, was als am ehesten noch lernbarer betrachtet werden kann, wird also immer unbedeutender. Hier ohnehin selbstverständlicher, dort ohnehin nur in der Praxis zu gewinnen. Es gibt es nicht, das "Neue", auf das die perversen und vertrottelten Fördersysteme abzielen. Die Geschichten sind immer die selben Topoi, die erzählt werden, solange es Menschen gibt. Menschen.

Auch heute ist im selben Maß wahr, was vor 3000 Jahren wahr war. Es haben nur die Kostüme gewechselt, die Verflechtungen, unter denen die ewigen Geschichten der Weltwerdung verborgen sind, aus dem sich begreifen läßt. Und das Interessante dabei ist: Die Menschen wollen sie hören, diese selben Geschichten, immer noch, ja, wollen sie finden unter der Wirrniss des faktischen Lebens. 






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Montag, 25. November 2013

Was dann nicht katholisch wäre

Es erstaunt einigermaßen, von "Verteidigern des Papstes" zu hören, daß es doch nicht auf Äußerlichkeiten ankäme, sondern auf das Innere - das sei das Wesentliche. Vielmehr sei den Papstkritikern zu unterstellen, sie würden nicht lieben, und das sei nicht katholisch.

Herrschaften, nicht zu lieben ist das eine. Aber nicht katholisch zu sein das andere. Und Form von Inhalt zu trennen ist NICHT katholisch, und verhöhnt die Erlösungstat Gottes, den Sinn der gesamten Schöpfung, die genau das ist: Gestalt als Form des Inhalts. Es gibt also auch kein Lieben ohne Wahrheit, und es gibt keine Antworten, wie es jemand so präzise ausdrückte (und auf den Papst münzte), ohne die richtigen Fragen. Mit "irgendwie subjektiv gut meinen" richtet man nur Verwüstung an, und zwar aus nachvollziehbarem Grund.*

Es gibt keine Liebe ohne das Gute, beides ist untrennbar. Und das Gute verweist direkt auf die Wahrheit und Präsenz der Form. Das Gute will die vollkommene Form! Sicherstes Anzeichen, daß mit dem Glauben eines Menschen etwas (substantiell) nicht stimmt ist damit genau die Frage, ob sich sein Glaube, der Geist Gottes, aus dem er atmet, auch real zeigt. In der Haltung, in der Liebe und Treue zur Form, als Tor zum Geist Gottes. Das ist das Wesen der Liturgie, das Durchbrechen der Zeit in die Zeitlosigkeit Gottes hinein, das Reformieren des im Alltag immer wieder abgeschliffenen Gestalt zur Vollkommenheit hin.

Das Katholische war deshalb immer kulturaufbauend. Es hat es in Europa bewiesen, denn ohne die Kirche wäre der Kontinent schon im 7. Jhd. in finsterste Barbarei zurückgefallen, die nur aus dieser Spannung zur Form heraus überwunden werden konnte.

Deshalb ist sogar noch eine allfällige Heuchelei jener Formlosigkeit vorzuziehen, die exakt den Geist der 1970er aufgreift, in dem alles und jedes niedergerissen wurde, indem dem Konkreten seine Bedeutung genommen wurde. Mit exakt denselben Sätzen: Es käme nur auf das Innere an, das Äußere wäre bedeutungslos. Nein, und nie! Anders könnten wir nicht erkennen, und anders nicht Gott nachahmen, näherkommen, in der Analogie, der Gleichnishaftigkeit, die die Schöpfung darstellt.

Dies abzuheben, ins "Geistige" zu verlegen, ist pietistisch, spiritualistisch, in seiner Kulmination protestantisch - aber nicht katholisch. Nicht zu lieben hingegen ist das Schicksal des Menschen, mehr zu lieben und mehr lieben zu wollen das Wesen seiner Heiligung, das Feuer, das Welt, in der Teilhabe an der Liebe die der Geist ist, heraustreibt. Aber Liebe ohne Wahrheit ist icht möglich. Während zu glauben, man liebe, genau diese Treue zur Wahrheit verhindert.** Zu wissen, daß man nicht liebt, in der Spannung zur Wahrheit und zum Gebotenen, das befeuert es.

Diesen Geist der Nichtung wiederzubeleben und zu repräsentieren, darauf zielt die meiste und berechtigtste Kritik an Papst Franziskus ab. Und aus den Wirkungen, selbst aus den Lobhudeleien, die ihm entgegenströmen (von wem!), läßt sich immer deutlicher folgern, daß er damit das Zerstörungswerk der 68iger Linksbewegung fortsetzt, dem noch dazu große Scharen der (Noch-) Katholiken folgen, zu dem sie verführt werden. Was an solcher Sichtweise nicht katholisch sein soll müßte einmal aufgezeigt werden. 

Was an der anderen nicht katholisch ist, kann aufgezeigt werden. Die noch dazu einem groben Mißverständnis aufsitzt, was denn Papsttum und Kirche überhaupt sei. Das Verbot zu denken, um so die Spannung der Gestalten zum Absoluten Einen zu überwinden, ganz sicher nicht. Genau das wäre vermutlich aber die eigentliche Aufgabe, die uns mit diesem Papst (wie mit jedem, übrigens) gestellt ist, hinter dem in höchstmöglichem Maß sogar das subjektiv Menschliche verschwinden muß, weil er nicht sich selbst darstellt. Die Kritik an diesem Papst bezieht sich ja eben auf das Konkrete, das sich in seiner faktischen Amtsführung zeigt, und NUR DORT ist sie sogar berechtigt, wenn sich darin etwas zeigt, das dem sensus fidei (bzw. der Vernunft) widerspricht. die Vernunftwidrigkeiten, die sich hier zeigen, können niemals - direkt - zum Guten führen. Papsttreue heißt damit lediglich zu vertrauen, daß auch das Schlechte dem Guten dient, denn darin liegt das Wesen des Verneiners: den es nicht nachzuahmen gilt, sondern der dennoch im Ganzen des Seins letztlich dem Guten dienen muß, und sei es dialektisch. Unabhängig von den Schäden, die das Schlechte natürlich anrichtet - ein Weg Gottes, direkt, ist es also sicher nicht, höchstens eine Zulassung, und darin bzw. im Gnadenentzug möglicherweise sogar Strafe.

Es wäre eine Aufgabe der Reinigung von so manchen Irrtümern, gerade in Bezug auf das Papsttum, deren sich kein einziger Gläubiger entschlagen kann, auch dieses Pontifikat genau zu betrachten. Denn wir sind nicht zur stummen Masse von Hörigen bestimmt, sondern zur Freiheit der Kinder Gottes, in jener Haltung des Gehorsams, die sich genau auf das im Gestalthaften untrennbar Präsente Ewige - aber nicht in jeder faktischen Ausprägung! - bezieht. DARIN werden wir heilig, weil Gott ähnlich. Wenn sich die Sonne verfinstert, ist sie dennoch da. Aber sie regt etwas anders in uns an, auf das wir zu antworten haben. Es gilt vor allem, in der Nacht treu zu bleiben.




*Wobei wir dem Grad der Liebe gar nicht nachgehen wollen der darin Sinn sieht, dem anderen innere Fehlhaltungen zu unterstellen, um so ein sachliches Argument zu entkräften, ihm auszuweichen durch Verleumdung als Schaden an der wirkenden Kraft der Wahrheit. Die Viten der Heiligen sind ein einziges Ringen um dieses Mehr an Liebe angesichts der erkannten eigenen Lieblosigkeit.

**Wenn man aber nicht liebt, weiß daß man zu wenig liebt, erhebt sich die Frage, warum man das dem anderen vorwirft.




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Wie er lebt

Jack London


Gesehen auf everyday_i_show





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Sonntag, 24. November 2013

Annäherung durch Abstand (2)

Teil 2) Auch ein Problem wird erst ein solches unter der Sinnfrage





Die Zielsetzung der europäischen Politik ist also verfehlt. Die nämlich versucht, das alltägliche Leben und Werteempfinden zu gestalten - statt von diesem je suvjektiven, regionalen, religionsgeprägten Weltverhältnis auszugehen, und sich auf gemeinsame (mögliche) Vollzüge zu beschränken. Nicht mehr weit, und selbst rechte Politik verlangt von der Türkei Gendersprache, um es an einem drastischen Beispiel zu zeigen.

DAS, diesen Grad des Pragmatismus, den müßte die Türkei anerkennen, und das müßte Europa sich neu vor Augen halten, wenn über das Mögliche zwischen zwei Ländern gesprochen wird. Das bei verschiedenen Religionsbekenntnisse einfach seine Grenzen hat. Es sei denn, Europa würde sich zu einem rein christlichen Europa - neu - entschließen, und damit die Idee des weltumspannenden Ecclesia-Gedanken aufgeben. Aber davon ist ja spätestens seit dem Aufkommen des realen Faktors Protestantismus keine Rede mehr.

Dann könnte man tatsächlich über einen Beitritt der Türkei zur EU diskutieren, vielleicht sogar über eine durchaus sinnvolle Ausweitung auf den historischen Mittelmeerraum als EINEM Kulturraum, der er nämlich ist. Sodaß die EU nur jenen natürlichen Raum wiederherstellen würde, der vor 1300 Jahren zerstört wurde. Was allen Ländern bedeutende Probleme brachte.

Aber zu verlangen, daß ein Land seine geistige Basis aufgibt führt nicht zu einem Europa des Friedens, soviel ist mit Gewißheit zu sagen. Sondern in der Anerkennung des Abstands, der ein Gestaltung eines pragmatischen Miteinander erst möglich macht. Das in seinen Detailentscheidungen nicht pausenlos die Fundamente der betroffenen Menschen mit Füßen tritt. Und die - die sind religiöser Natur. Nur so läßt sich das Wesentliche eines friedlichen Zusammenlebens pflegen und aufbauen: Respekt.

In dem nachvollzogen wird, was sich im praktischen Leben und alltäglichen Lebensvollzug auf vielfache Weise ohnehin bereits irreversibel vollzogen hat. Und deshalb hat auch Europa einen Auftrag zur Selbstkorrektur, den es wahrzunehmen hätte. Die Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei verdrängt gefährlich diese Tatsache. Gedeihliche Zusammenarbeit kann darüber hinaus niemals auf der Ebene gegründet werden, auf der sich Verlierer und Gewinner gegenüberstehen. Derzeit aber hat man nur noch den Eindruck einer babylonischen Sprachverwirrung, in der jedem Argument jene geistige Substanz fehlt, die erst überhaupt so komplexe Fragen in der Hinorientierung auf einen ordnenden Punkt weil Sinn hin durchzudenken erlauben würde. Der aber auch klären hülfe, was Europa überhaupt will. Denn dieser "Wille" ist meist nur noch hilfloses Herumgerudere in utilitaristisch und kurzsichtig weil widersprüchlich aufgedrängten "Existenzfragen". Die selbst erst zu solchen werden, weil der übergreifende Sinn, der ihre Relevanz erst erkennen ließe, verloren ging.











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So sieht das Ende nicht aus

Aber da Gott im Seinszustrom alles Böse auf das Gute hinordnet, so kann eine eventuelle kosmische Menschheitskatastrophe nicht das absolut Letzte sein, sondern alle Auflehnung des Menschen gegen Gott und den Dienst an dem von ihm hervorströmenden Sein (und Eins-Sein mit den anderen) 

kann lediglich zu einem letzten Scheitern des gegen Gott verschlossenen, sich allein auf sich selber stellenden Menschen führen, zu einer radikalen Enthüllung seiner Ohnmacht,

wodurch der Mensch wieder geöffnet würde und Gott als der allein wahrhaft Absolute in der Geschichte erneut hervorträte und seine vorsehende Weisheit und helfende Liebe und Macht offenbaren würde.


Heinrich Beck, in "Der Gott der Weisen und Denker"




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Samstag, 23. November 2013

Annäherung durch Abstand (1)

Die Frage um den EU-Beitritt der Türkei wird wohl verkehrtherum geführt, und die Ablehnung, auf die sie trifft, auf eine Argumentationsbasis gehoben, die lediglich zum Ventil einer "gefühlten" Unvereinbarkeit wird, die die wahren Konflikte verbirgt. Denn dazu wäre ein Mut nötig, der Europa's Bevölkerung bereits abhanden gekommen ist.

In dem unten gebrachten Video, einer Diskussion aus dem deutschen Fernsehen, scheint ein seltsamer Konsens zu bestehen - als ginge es um die Loslösung der Wertelandschaft der Menschen genegerell von Religion. DANN wäre die Türkei integrierbar, wenn sie die europäischen Werte und Menschenrechte" akzeptiere und verwirkliche. Und dazu, so der Tenor aus den Meinungen, muß die Religion ausgeklammert werden.

Wer so aber argumentiert, sitzt einem tiefen Irrtum auf. Nämlich dem, daß es "absolute Werte" gäbe - ohne Religion. Diesem Mythos mögen viele heute aufsitzen, und kein Tag vergeht, ohne daß er öffentlich verkündet wird. Aber das macht ihn nicht wahrer weil wirklichkeitsgerechter.

Was zu der mehr als seltsamen Tatsache führt, daß plötzlich vorgeblich "konservative" oder gar "rechte" Parteien und Parteiungen von der Türkei "Wertebekenntnisse" verlangen, die aus ihrer Natur heraus ... linke Destruktion sind. Denn gerade in so manchen fundamentalen Werten klafft zwischen der Türkei und Europa ... gar kein Loch! Hier wird mit Ablehnung reagiert, obwohl gerade in diesen Punkten gar keine Ablehnung angebracht wäre. Selbst "Rechte" machen sich damit also zum Hebel einer binneneuropäischen Destruktion des Wertefundaments der Menschen, und blasen ins Horn der Linken!

Wenn es zu einer Annäherung zwischen Europa und der Türkei kommen soll, dann wird das nie auf der Basis "säkularer, demokratistischer Werte" im Erbe der französischen Revolution möglich sein, auf welchem Ruinenfeld wir heute stehen, auf welchem schwanken Boden wir selbst ersaufen. Davor wäre also strikt zu warnen! Damit nämlich würden diese Werte noch mehr in die Beliebigkeit und Relativität der Historizität absinken, so wie das bereits passiert ist und noch mehr passieren wird, das zeichnet sich längst ab. Damit würden sie in die Irrationalität einer irrationalen, mit Zwecksetzungen rechtfertigend und widersprüchlich argumentierten Neo-Religiosität absinken, wie wir es ja längst auch erleben. In dem sich gerade die vermeintlichen Retter des Abendlandes als Leitfiguren eines ideologischen Voluntarismus herausstreichen, der mit der einen Hand zerstört, was die andere umso heftiger aufzurichten sucht. 

Solchen "Werten" fehlt die absolute (geistige) Verankerung, die uns ganz einfach nur nicht bewußt ist, von der unsere europäisches Denken und Werteempfinden aber zutiefst geprägt ist, auf dem wir durch die Jahrhunderte und Jahrtausende in die Gegenwart geweht werden. Deshalb NOCH geprägt ist, und - immer sein wird. Denn nur aus dem Religiösen läßt sich überhaupt so etwas wie ein persönliches Wertverhältnis zur Welt definieren (und nur darauf kann überhaupt Gesetz, Recht, Staat gründen), das über kurzsichtige subjektive und momentane Interessen und Zwecksetzungen hinausgeht. Im sturen Rationalismus versinkt der Wert des Menschen (und damit das, was wir Menschenrechte nennen) unweigerlich, wir erleben auch das längst als Motor einer Bewegung auf einen Totalitarismus zu, bei dem uns Hören und Sehen vergeht. Ein nur rationalistischer Staat ist nicht ein Staat der Vernunft, er ist ein Staat der unter den Teilzwecken versinkt, unbeherrschbar wird, und damit Staat nur noch als immer uferlosere Gewaltinszenierung möglich macht.

Europa - die EU - selbst IST eine christlich-abendländische Idee. Nicht mehr und nicht weniger. In ihrer Nachfolgerin auf die Reichsidee ist ihre Konzeption die Nachbldung des Reiches Gottes ... der Kirche. Und auf dieser Basis hat sich entwickelt, was heute als Europa um eine politisch-pragmatische Form ringt. Die Frage kann also nicht sein, die Religion in die Irrelevanz abzudrängen, sowohl in Europa wie in der muslimischen Türkei. Sondern sie muß sein, was sich mit der Reichsidee problemlos verträgt: die überspannende Form auch unterschiedlicher Religionsbekenntnisse, vor dem Hintergrund einer Reichsidee, die geistige Basis jeden Zusammenlebens ist.


Morgen Teil 2) Auch ein Problem wird erst ein 
solches unter der Sinnfrage





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Das Amt macht den Minister

Es sind nicht die "Fähigkeiten", die einen Menschen begabt machen oder nicht. Sondern seine Gabe ist - der Platz, an den er hingestellt ist. Darin irren so gut wie alle Annahmen über Kinder, Schule und Förderung, die heute herumgeistern. Es sind simple Reduktionen in Form eines Neo-Rousseanismus, nicht mehr. Und hier irren auch die meisten Ansichten, die heute über Erziehung bestehen. Sie irren in der auf den Kopf gestellten Anthropologie. Wer also Rousseau liest, liest was heute Grundlage der Pädagogik ist, die einen ungeformten, neutralen Menschen annimmt. Den es aber nicht gibt. Und zwar überhaupt nicht gibt.

Wozu immer ein Mensch befähigt ist ergibt sich aus seiner Position, aus seiner Identität, und damit seiner Herkunft, der gesellschaftlichen Stellung in die er hineingeboren wurde. Im kleinsten Umfeld beginnend, wie ins größte hineinwachsend, mit der Reifung. Sie erst macht eine Fähigkeit überhaupt erst zu einer solchen. Eine Gesellschaft ergibt sich nicht "von unten nach oben", sondern umgekehrt: sie teilt Identität zu - sie BENENNT. Sie erst macht konkret. Denn es gibt keine neutralen "Fähigkeiten", diese sind blind, diffus, unklar. Sie werden nur als Konkretion aber Gestalt, und das heißt, sie werden nur in einem konkreten Umfeld überhaupt benennbar.

Es ist der Name, der einen zu dem macht, der man ist, und es ist diese Name, diese Bezeichnung, aus der ein Vermögen, ein Mögliches, zu einem Wirklichen wird. Als Antwort auf ein herangetragenes Problem.  Wenn es vielfach nicht mehr so erkennbar wird, dann nur aus dem einzigen Grund, daß es an ursprünglichen Geschlossenheiten von sozialen Umfeldern fehlt. Was immer aber als "Fähigkeit" (heute) an jemandem erkannt wird, ist es nur deshalb, weil ein gesellschaftliches Umfeld dazugedacht wird.

Egal, wie "niedrig" oder wie "hoch" also ein Position ist, in die man hineingerufen wurde (niemand verdankt sich ja sich selbst, jeder wurde gerufen, "in die Welt geworfen"), so ist nicht darin Schicksal und Glück beschlossen, sondern in seiner Konkretion IN DIESEM Umfeld, von ihm her, und auf es zu. 

Der Fehler lag genau bei jenen, die meinten, es abschaffen zu müssen: Zu behaupten, daß diese gesellschaftliche Stellung Kriterium für Wert und Würde eines Menschen wäre. Sie ist aber nur für seine konkrete Gestalt verantwortlich, und zwar genau in ihr, und in keiner anderen. Nur in dieser Hinsicht sind alle Menschen gleich. Nicht aber in ihrer Gestalt.

Heute wird das Umgekehrte versucht. Und scheitert, selbst im Insgesamt von Dingen wie "Wirtschaft". Denn wenn man liest, daß in Spanien 50 % der Jugendlichen bis 25 ohne Arbeit sind, so sind das bereits Auswüchse eines aberwitzig gewordenen Bildungssystems, das Gleichheit in der Konkretion versucht und verhängt. Und damit genau das nimmt, was einem Menschen Aufgabe und Arbeit GIBT. Die nur in solchem Identitätsbezug zu einer ungeheuren Vielfalt erwächst, zu jener  Vielfalt, in der viele Berufe und Nuancierungen selbstverständlich sind, und in der Dinge gefragt sind, die eine Gesellschaft der "Gleichen" gar nicht mehr kennt.*

Selbst nach Berufswünschen gefragt (auf welche Frage - auch das ist ja symptomatisch - junge Menschen heute immer seltener noch eine Antwort geben, sodaß sich schon daraus die Frage ergibt: Je weniger die jungen Menschen wissen, was sie werden wollen, desto mehr wird von Förderung gequasselt ... wie bei allem heute: immer mehr, immer schneller, aber das Wozu fehlt immer vollständiger) ergibt sich deshalb heute eine seltsame Monotonie. Die sich sehr zum Ärger der Linken (und wer ist im Europa des Heute nicht schon links) immer noch stark am Elternhaus orientiert. Das auszutreiben sich ja die Schule heute vorgenommen hat.  Und damit einen Kampf gegen Windmühlen führt, an dem sie umso mehr scheitern muß, je mehr sie versucht, ihn zu gewinnen. 

Genau das, was diese Gleichmacherei aller zu bewirken vorgibt, flexible, vielfältige weil vorgeblich "freie" Berufewahl, genau das erreicht sie nicht. 35 % aller Studienabsolventen träumen ... von einem Job bei Google. Und der Rest ist arbeitslos, wie in Spanien, Griechenland etc. Also genau das nicht, was er sein soll - flexibel, vielfältig.

Aber diese neue Schule, wie sie längst auf Schiene stand und nun noch mehr Realität wird, wird damit noch mehr Verwirrung anrichten. Selbst, ja gerade dort, wo sie sich besonders individuell und flexibel geben will.** Etwa mit einem in Leistungs- und Neigungsgruppen aufgelösten Schulsystem. Das Identitätsbildung noch schwieriger macht, ja verunmöglicht, weil das soziale Umfeld jede Stunde und jedes Jahr wechselt, amorph bleibt, was die Ausbildung einer Persönlichkeit - und DAMIT Lernen und Lernbereitschaft, motiviert aus konkretem Aufruf, ALS dieser oder jener an der Welt zu handeln, weil man dazu berufen ist - erst ermöglichen würde.***

Weil eben davon ausgegangen wird, daß es so etwas wie "neutrale Fähigkeiten" gebe, die auszubilden möglich wäre.

Das sind sie nicht. Und noch einmal: Das sind sie nicht. Weil es solche neutralen Fähigkeiten nicht gibt. Es ist das Amt, die Stellung, die den Minister macht. Nicht irgendeine (technisch bestimmbare) Fähigkeit.




*Ein kleines Beispiel soll das illustrieren: Es ist fast unmöglich, in Ungarn einen guten Herrenschneider aufzutreiben. Es gibt jede Menge Näher und Näherinnen, und seit zwanzig Jahren auch Schneider, die sich als Herrenschneider versuchen. Aber dieser Beruf ist ausgestorben, der Schneider wurde durch den Industrienäher ersetzt. Es gab in dieser Gesellschaft der Gleich-sein-müssenden einfach keine Käufer für solche Dinge. Weil aber dieses Voll- und Idealbild des Schneiders fehlte, sank die Qualität auch dieser vielen Näher. Speziell also die Handwerksqualität in solchen Gesellschaften ist äußerst bescheiden zu nennen.

**Es ist schon deshalb alles andere als Zufall, daß ausgerechnet jene Schulen den besten Ruf haben, die das genaue Gegenteil bieten: nämlich feste Identität und Charakterprofil weil -anforderungen. NICHT in erster Linie "Fähigkeitenprofile". Wie etwa die Fachhochschulen zeigen, schaffen solche Fähigkeitenspezialisierungen lediglich eine nächste Generation von angepaßten Funktionalisten, aber keiner Persönlichkeiten.

***Deshalb ist es auch ein Irrtum die Schule generell "abschaffen" zu wollen. Das hieße das Kind mit dem Bade auszuschütten. Und es heißt auch, daß Schule von Autorität nicht zu trennen ist, denn nur was Autorität hat kann lehren - und nur das heißt: weiter werden, weil den Hörenden formen, der sich dem Gehörten anschmiegen muß, um es zu erkennen, um weiter zu werden. Deshalb ist der Frontalunterricht die vermutlich zielführendste Variante des Unterrichtens: weil sie das Gehörte nicht der Freiheit der Zustimmung entzieht, sondern als etwas darstellt, nach dem es gilt sich auszustrecken. Auch im allmählichen Hineinwachsen in die Überwindung des Schmerzes, den Weiterwerden immer begleitend bedeutet, aber ohne den es Erkenntnis als freie Leistung (und genau eben nicht als quasi "eingeschleuste Sichtweise") überhaupt nicht gibt.

Unabhängig von der Frage, ob Schulpflicht sinnvoll ist, und nicht eher ein Schulrecht sein sollte. Wenn heute besondes plakative "Gegenbeispiele" herumgeistern, wo buchschreibende Sonderfälle sich als Muster für eine neue Schulgesellschaft vorstellen, so kann man darüber nur den Kopf schütteln. Denn die identitätsbildenden Faktoren GERADE dieser Sonderfälle hat niemand berücksichtigt, und auch nicht die autoritätsbestimmenden Elemente, die gerade hier dabei waren. Richtig an dem Ansatz bliebe nur, daß die Ausbildung der Kinder - als Hineinwachsen in den Zustand der Kultur (!) - von der Identität und dem Stand der Eltern nicht einfach getrennt werden darf. Und daß es durchaus möglich sein muß, OHNE Lesen und Schreiben in eine Lebensaufgabe zu wachsen, die das gar nicht braucht.




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Freitag, 22. November 2013

Weg zur Entmenschung (2)

Teil 2) Der Wert aller Dinge liegt in ihrem Dasein, 
nicht in ihrer zweckhaften Arbeit




Es zeigt sich ein (materialistischer) Trugschluß, mit dem wir Zeit betrachten, die wir von ihrem Wesen abgetrennt haben: Zeit ist uns das historisch Gewordene, was gemessen (und das heißt mit bestimmten Abläufen verglichen, an denen gemessen) wird und vergeht. Nicht das, was bleibt weil ist - geschaffen, je neu, und in seiner Kraft zur Entfaltung in der Welt der Dinge abhängig von der objektiven Qualität und vor allem: von der objektiven Wirklichkeit des Schöpferischen. Wer an der Spitze eines Unternehmens (bzw. eines Organismus) steht, der ist es nämlich, der 50, 100 oder 500 Menschenleben und Tonnen an Material bewegt, selbst wenn er nur fünf Worte sagt: Baut diesem Kunden dieses Haus! Nicht der, der etwas "macht" (oder: machen kann) oder physisch-real ausführt ist nämlich primär der, der (in dieser Hinsicht) die (Gesamt-)Leistung schafft. Der König ist überhaupt nur noch Prinzip eines gesamten Volkes oder Staates, und zwar einfach, INDEM ER IST.* Nicht, indem er täglich 450 Akten über den Tisch wälzt.

Keinesfalls zufällig also wird einerseits intellektuelle, schöpferische Leistung zunehmend gering bewertet (die nur noch an solcher technischer Zweckhaftigkeit orientierte Gagenentwicklung selbst in künstlerischen Bereichen ist eines der Symptome), was sich in der Bereitschaft zum Ausgeben ausdrückt, während anderseits das Bedürfnis der Menschen, gerade für ihre Besonderheit, ihre geistige Leistung anerkannt zu werden (die Zeugniswut der Gegenwart ist eines der beredtesten Zeichen dafür) indem man sie in ihrer Stellung respektiert, was sich in einer immer größeren Erstarrung der elitebildenden Mechanismen, übrigens, ausdrückt.

Denn wenn der Wertmaßstab im Subjektiven liegt, mit dem den Dingen begegnet wird, nicht mehr im Außen, im Objektiven, in der Form (die Geist ist), in der in einer Gestalt Gegebenen, dreht sich eine Gesellschaft spiralförmig nach unten, diffundiert in das ungeformte, nur keimhafte Ich ungestalteter, spukhafter Monaden, die zufällig nebeneinander sind, zurück. 

Auch von dieser Seite her also Zeichen, daß wir uns in einem gewaltigen Entstaltungsprozeß befinden. Und das heißt: Dekulturalisierung. Denn eine solche Entwicklung des Wertempfindens, die ja vor allem etwas anzeigt, bedeutet (schon rein persönlichkeitstechnisch) die  Unfähigkeit zu höherer Organisation. Und das heißt, nein, IST noch mehr (und da wird es nämlich wirklich bedrohlich): Entmenschung. Aber ohne Menschen gibt es keine Welt.





*Das läßt sich als Grundstruktur aller menschlichen Sozietät auf alles übertragen, namentlich die Väter. Und weil man das nicht sieht, ist jeder Flickversuch etwa im Familienrecht von vorneherein zum Scheitern verurteilt, schafft nur neue Probleme, anstatt je eines zu beheben.





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Wie er lebt

Ezra Pound

Gesehen auf everyday_i_show





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Donnerstag, 21. November 2013

Spiegel der Zustände

Und wie sieht es mit der Bevölkerung aus? Zahlen zeigen viel, wenn man sie richtig interpretiert. Eine aktuelle Erhebung (Bericht: Die Presse) zeigt es. Während noch immer und unverändert 90 % der Jugendlichen von einem Leben in Ehe und Familie träumen (50 % auf jeden Fall, 40 % wahrscheinlich), leben mittlerweile bis zu 45 % (Wien) der 8,4 Millionen Österreicher in Singlehaushalten, verfehlen also damit ihr (in allen übrigen Erhebungen so bezeichnetes) vorrangigstes Lebensziel. 

Vor allem die Zahl der kinderlosen Haushalte hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Wobei ein gutes Drittel bis die Hälfte (Männer) der unter 25jährigen sogar noch bei den Eltern lebt, also eine Aussage hinsichtlich Haushaltsgröße verschiebt* und verfälscht**. 

Die nämlich lauten müßte: Der Mut, das Zutrauen, die Fähigkeit zu einer gestalteten Lebensführung bricht rapide zusammen. Man läßt stattdessen alles so kommen, wie es gerade kommt.  Denn wer eine Ehe schließt, im Vollsinn, gestaltet damit Gesellschaft, so wie er Teil der Gesellschaftsgestalt wird.

Das Teilhandeln (alleinerziehende Frauen!) ist nicht mehr in ein Ganzes sowohl der individuellen Lebensführung, wie auch einer (ja, wir nennen es so:) gewünschten, weil notwendigen gesellschaftlichen Struktur integriert***.

Noch eine Aussagerichtung läßt sich (vorsichtig) extrapolieren: 1971 lebten nur 12 % der Frauen unter 25 bei ihren Eltern, 30 % der Männer. Das hat gewiß mit dem Heiratsalter zu tun. Heute sind das 29/44 %. Und das hat bereits weit weniger mit dem Heiraten zu tun, denn die Singlehaushalte saugen einen Gutteil auf. Wer also mit dem Heiraten wartet, heiratet mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit gar nicht, und bekommt auch keine Kinder. Was aus mehreren Gründen logisch ist, denn Ehe (und man muß sogar sagen: NUR Ehe)**** ist ein Element der Erwachsenheit der Persönlichkeit. Von der im selben Zeitraum dramatisch gestiegenen Scheidungsrate und häufigerem Partnerwechsel gar nicht zu reden.



Quelle Graphik: Die Presse



*Denn anders als früher sind Mehrgenerationenhaushalte, in denen sich je Familien fanden, heute fast verschwunden.

**Die statistischen Ausreißer - siehe Wien - hinsichtlich Haushaltsgröße sind wohl nicht zufällig aus jenen Bezirken gespeist, in denen der Ausländeranteil besonders hoch ist.

***Denn hier zeigt sich nicht eine "andere", sich verändernde Gesellschaft, zu der so vieles in der Gegenwart verklärt wird, sondern ihr Auseinanderfallen durch Entstaltung. Denn Gesellschaft gibt es nur in einer konkreten Gestalt. Der Rest sind einfache "Zustände".

****Denn die Ehe muß man als Grundverhältnis des Menschen zur Welt, ja als Grundstruktur der Welt, im Verhältnis der Dinge zueinander überhaupt sehen, ohne die nichts würde. In ihrer Ernsthaftigkeit und Relevanz ist sie also das Verheiraten mit einem Partner, oder in gleicher Ernsthaftigkeit in einen Organismus hinein. Sie betrifft also gleichermaßen Unternehmensgründungen, oder Berufe mit Berufung wie etwa gewisse Geistes- oder geistliche Berufe. 
Die heute weithin zu beobachtende Scheu vor der Ehe als gesellschaftliche Institution, ihre Ablehnung gar, beruht zum einem guten Teil auf einem völligen Mißverständnis die Selbstverwirklichung betreffend. Und das wiederum führt sich zumeist auf einen Irrtum hinsichtlich dessen zurück, was überhaupt "Werk" (als Inhalt der Verwirklichung) ist. In dem Scheitern weit weniger dramatisch und substantiell auf die Persönlichkeit wirkt, sondern lediglich in ihrer Inhaltlichkeit, als Verweigern.





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Weg zur Entmenschung (1)

Eine interessante Wahrnehmungsveränderung beschreibt der European in einem (sonst aber nur recht mäßigen) Artikel. Ein Schlosser berichtet, daß er, als er sein Gewerbe als Schließdienst begann, jung und unerfahren war. Viele Schlössser kannte er nicht, und mußte um sie zu öffnen viel Mühe aufwenden, und dabei das Schloß oft zerstören. Der Schaden war groß. Aber die Kunden bezahlten gerne, und sie gaben ihm reichlich Trinkgeld. Als er älter wurde, seine Erfahrung zunahm, er die Schlösser allesamt kannte, und sie in wenigen Minuten öffnen konnte, begannen die Kunden plötzlich unzufrieden zu sein, sich über seine Rechnungen zu beschweren, und gaben auch kein Trinkgeld mehr. Seine Leistung wuchs - aber sie wurde nicht mehr anerkannt.

Frägt man Menschen, wieviel ihnen die Wiederherstellung einer beschädigten Festplatte wert ist, und stellt ihnen Aufstellungen vor, in denen viel Zeitaufwand hier, Datenmenge dort gegenübergestellt wird, so entscheiden sie sich für den Zeitaufwand, nicht für die gerettete Datenmenge. Wo doch das Verhältnis in Geld gerechnet ganz anders läge.

Auf die Spitze getrieben, werden heute Versager höher und lieber entlohnt, als Könner, denen Normalleistung keine Mühe bereitet. Die Wertschätzung bezieht sich nicht mehr auf die Stellung in einem Organismus, aus der heraus nämlich ihre Wichtigkeit hervorgeht, sondern aus der subjektiven (sinnlich nachvollziehbaren) Mühe. Sodaß wir in einer widersprüchlichen Situation stehen: Während sich unser alltäglichstes Leben in höchstem Maß abstrakt gestaltet und Abstraktionsvermögen verlangt, wird unser Wertempfinden immer subjektivistischer, physischer, und an erfahrenen Schmerz (Mühe), nicht an die objektive Leistung gekoppelt. Diese Schlüsse könnte man ziehen, meint der Verfasser dieser Zeilen.

Extrapoliert man weiter so heißt das, daß Intelligenz, Verantwortungsbereitschaft, Führungsqualität (die immer Abstraktionsvermögen bedeutet) zum Makel, zum Nachteil in der Wertschätzung wurde. Sodaß sich das Leben zweiteilt - im Vollzug wird es immer virtueller, unkonkreter, unkörperlicher (man denke nur an einen Kaufvorgang über Internet), in der Wahrnehmung von Leistung aber immer physisch-zentrierter. Aus einer Notlösung, die die Bemessung von Arbeit in gemessenen Stunden immer war und ist (was sogar Marx noch bewußt war), hat sich die Absolutheit des Maßstabes entwickelt. 

Damit haben wir uns aber selbst gefangen, denn im selben Maß unterstellen wir uns der technischen Meßbarkeit, und das kann immer nur heißen: der weltimmanenten Physik. Sofern  man davon nämlich überhaupt sprechen kann, denn eigentlich gibt es diese Weltimmanenz (der sogenannten physikalischen Gesetze) nur bei einer extremen Reduktion des Wirklichkeitsbegriffs, es handelt sich also bei unserem Zeit-Wert-Begriff um einen irrationalen Mythos. Weshalb er gänzlich ungeeignet ist, eine Gesellschaft zu organisieren. Was wir auch heute überall feststellen. Das heißt: feststellen würden, würden wir es sehen wollen und können, und sehen heißt, Sinn und Ursprung kennen (und in diesem Kennen liegt dann die Wurzel der Wertschätzung).




 Morgen Teil 2) Der Wert aller Dinge liegt in ihrem Dasein,
nicht in ihrer zweckhaften Arbeit




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Mittwoch, 20. November 2013

Wer alles machen will, ist an allem schuld

Was haben Meldungen wie jene aus China, wo nun das "notwendige" Wachstum des BIP mit jährlich 7,5 % angegeben wurde, und Spanien, wo eine "ganze Generation in der Warteschleife" sitzt, gemeinsam? Alles. Hier wie dort sitzen Menschen die warten, daß sie von der "Maschine Wirtschaft" belebt werden, egal wie, Hauptsache sie sind in den abstrakten Kreislauf eingeschleust. In einen Kreislauf, der sich verselbständigt hat, zur Maschine, zur Technik wurde. Sodaß das Leben des Einzelnen, seine ureigenste Aufgabe der Sinnerfüllung in der Welt, den sich als Wirtschaft äußernden Lebenserscheinungen, wie als Außenstehender und hilflos gegenübersteht.

Angesichts dieser Tatsache noch von "Elite" zu sprechen, die in Spanien mit Unmengen an Zeugnissen und Universitätsdiplomen und Ausbildungszertifikaten angeblich herangezogen wurde, ist Gipfel an Narrentum. Denn offenbar sieht niemand dieser 50 % einer ganzen Generation (schon mengenmäßig kann ein solcher Bevölkerungsanteil niemals "Elite" sein, ein Widerspruch in sich) das Leben als ureigenste persönliche Aufgabe, das es mit Mut und schöpferischem Wurf und Angstüberwindung zu gestalten gäbe. Was daran wäre also Elite, die vorangeht, die immer neuen Wege durch die Zeit zeigt und beschreitet? Sie warten, zur technischen Manövriermasse entmenscht, mit Sozialleistungen am Leben gehalten, stattdessen auf Teilhabe an der Maschine Wohlstand und Geld. Und das, bitte schön, ist doch die Aufgabe des Staates?

Ein Staat, schreibt Jaime Balmes - ein Spanier, übrigens - im 19. Jhd., der sich so derart mit Aufgaben überlastet, wie es damals schon sich abzeichnete, der sich totalitär und omnipräsent anmaßt, in alle Lebensbereiche eingreifen zu können, wird bald mit der Tatsache größter Unzufriedenheit konfrontiert, die in dieser Hinsicht zurecht auf ihn als Verursacher abzielt. Denn er kann diese Verantwortung niemals tragen, er kann nämlich gar nichts "machen". Aber er verringert die schöpferische Kraft seines Volkes, das er seiner selbst entwöhnt, im selben Maß als er ihre Kräfte zu nützen trachtet. Und baut sich so zwangsläufig irrationale Revolutionskräfte auf.




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