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Freitag, 28. Februar 2014

Vom Wesen des Instinkts

Mit zu den spannendsten Kapiteln in Jean-Henri Fabre's Forschungen zu Insekten gehören jene, die sich mit der Natur des Instinkts auseinandersetzen. Ist man in der Forschung auch nur ein wenig zu ungenau, kommt es nämlich sehr schnell (und die Vergangenheit belegt es) zu Schlüssen, die den Tieren falsche, meist zu anthropomorphe Verhaltensweisen beimessen. Ihnen etwa Vernunft beilegen, die sie aber gar nicht haben.

An den Maurerbienen demonstriert Fabre, wo Instinkt liegt. Die Maurerbiene baut aus Sand und Steinen mit Hilfe eines Mörtels aus ihrem Speichel kleine, hülsenartige Zellen, die nach oben offen sind, und nach Ende ihrer Tätigkeit mit einem kleinen Stein verschließt. Denn dorthinein legt sie ja ein Ei, und die Made, die schlüpft, nährt sich vom ebenfalls von der Mutterbiene eingebrachten Honig, bis sie den Kokon durchbricht, den Verschlußdeckel aufbeißt, und als Biene ihr Leben fortsetzt. Diese Bauten, für die die Biene gerne Dächer annimmt, können so massiv und zahlreich werden, daß sie ein Dach gar zum Einsturz bringen können, das nur nebenbei. Oder abrutschen und Menschen in Gefahr bringen, denn die kleinen Häuschen sind steinhart und fest.

Fabre hat nun Folgendes gemacht: Die Biene hat eine Zeit lang nur das Bauen im Sinn.  Pausenlos, im Abstand von 3 bis 4 Minuten, fliegt sie fort um Material zu holen, das sie dann kaut, und zu diesem Zylinder hinzufügt, der mit der Zeit entsteht. Hat das Bauerk eine bestimmte Größe erreicht, beginnt die Honigeinbringung. Sie kommt also fortan mit Pollen, die sie gleichfalls zerkaut und als Honig in die Zelle hinein auswürgt.

Es ist nunmehr zu beobachten, daß die Biene auch repariert. Fabre brachte kleine Schäden an, und jedesmal reparierte die Biene die Löcher, sobald sie zurück war. Dreißigmal, vierzigmal ... unermüdlich reparierte sie das jedesmal neu von Fabre aufgerissene Loch. Aber sie tat es nur, so lange sie "am Bauen" war, bis der Bau fertig wat, und das hieß: ohne Loch (außer dem Eingang oben).

Sobald sie aber daraufhin begann, Honig einzubringen, "sah" sie neu gerissene Löcher nicht mehr. Das führte sogar so weit, daß der Honig jedesmal restlos wieder auslief. Aber die Biene reagierte nicht, schien zwar etwas irritiert, weil sie den Schaden mit ihren Fühlern zur Kenntnis nahm, konnte aber nicht adäquat reagieren. Hatte sie stattdessen eine bestimmte Anzahl von Honigflügen absolviert, folgte der abschließende Akt: Die Biene kam mit einem kleine Steinchen, dem Abschlußsteinchen zurück, legte ihr Ei, und schloß stets augenblicklich den oberen Deckel. 

Fabre versuchte zahlreiche Kombinationen, um seine Erkenntnisse zu präzisieren, einzugrenzen. Bis sich eine Kontur des Instinkts der Bienen abzeichnet. Denn die Biene reagiert nach wie vor nicht, wenn ihre Zelle ein Loch hat, aus dem aller Honig ausfließt, den sie einbringt, ehe sie nun das Ei legt. Dabei entfernt sie während des Einbringens selbst sogar sorgsam jedes Fremdpartikel, der zufällig das Zelleninnere verschmutzt, und sei es das Ei einer anderen Biene, das Fabre eingelegt hat. Jedes Steinchen, jeder Schmutz wird sorgsam und gründlich (die Biene fliegt dazu weit weg, und steigt 15 Meter hoch, um den Fremdkörper dann fallen zu lassen) entfernt, hält das Innere rein, solange sie Honig eben einbringt.

Sie bemißt die Honigmenge dabei auch nicht nach Augenmaß oder Füllhöhe der Zelle, die kennt offenbar kein Mengenmaß. Selbst wenn der Bau leer ist, weil unten ein von Fabre angebrachtes Loch alles auslaufen läßt, oder er mit einem Wattebausch und Pinzette den Honig jedesmal entfernt, wenn sie zu neuem Flug aufgebrochen ist, hat sie das Maß der Menge an Honig nicht aus dem Füllstand, einer Menge, sondern - nur aus ihrem eigenen Instinkt heraus. Dieses Maß wird nicht an anderen Faktoren kontrolliert, es ist ein Maß für sich. Die Biene hat offenbar nur jeweils einen Tätigkeitskreis, selbst wenn der einen gewissen Umfang an Einzeltätigkeiten einschließt.

Ja, selbst als Fabre, nach Verschluß, seitlich ein großes Loch anbringt, das die Biene deutlich sehen muß, sodaß das gelegte Ei höchst gefährdet wäre, die Larve beim Schlüpfen gewiß vertrocknen oder dann verhungern würde - die Biene reagiert nicht. Nun ist Mauern am Programm, also mauert sie. Dann kommt die Honigeinbringung, also bringt sie Honig ein. Und unterbricht auch nicht um zurückzugehen im Programm um zu mauern, zu reparieren, etwas das sie beim "Mauern" ja sehr wohl tut, also kann. Und sie mißt auch nicht, ob genug Honig da wäre, sie folgt nur ihrem inneren Maß, das sie erfüllt, selbst wenn der Honig ausgelaufen, nichts in der Steinwabe mehr zurückgeblieben ist. Und sie legt ihr Ei, und verschließt den Deckel, selbst wenn darunter ein klaffendes Loch oder fehlender Honig alle Mühe zunichtemachen wird. 

Selbst, als Fabre nach Eiablage einen kleinen Strohhalm in die noch offene Zelle steckte, der nun deutlich herausragte. Die Biene nimmt ihn zur Kenntnis, und - ummauert ihn, wenn sie den Deckel anfertigt. Der vormalige Säuberungsinstikt ist mit einem mal erloschen, denn nun ist die Tätigkeit des Zumauerns des Deckels dran, und in diesen gehört nicht, die Zelle zu säubern, oder ein Leck zu reparieren. Sie "kennt" nicht einmal ein "Ei".

Auch an Erdwespen zeigt Fabre, das die Tiere sogar nicht einmal ihren eigenen Nachwuchs erkennen. Als er, um den phänomenalen Orientierungssinn der Wespen zu erforschen, die ihren mit menschlichem Auge nicht sichtbaren Bauplatz in der Erde immer wieder erkennen, selbst wenn man ihn überschüttet oder halb zerstört, gar aushebt und eine der inneren Kammern des Erdbaus, in der bereits eine Larve geschlüpft ist, offenlegt. Die Wespe ignoriert den sich krümmenden, nun freigelegten Wurm, der aus einem ihrer gelegten Eier geschlüpft ist, und der nun bald vertrocknen wird - ihren eigenen Nachwuchs kennt wie nicht, so selbstlos und unter Lebensgefahr sie ihn zuvor scheinbar versorgt und zur Welt bringt. Sie hat ein bestimmtes Procedere, ihn (bzw. die Nebenkammern) mit Nahrung vor der Eiabblage zu versorgen, und wenn ihr dieses Procedere nicht möglich ist, "erkennt" sie die objektive Lage nicht.

Die Instinkte der Insekten, schließt der Franzose, sind weitgehend auf ein perfektes Ineinander der Abläufe ausgerichtet, die in ihrer eigenen Natur liegen, und alle Merkmale einer in sich geschlossenen Welt trägt. Sie schließen höchstens ein, was an zu erwartenden, üblichen Störungen auftreten kann. Aber sie schreiten von Tätigkeitsbild zu Tätigkeitsbild. Keinen Moment kann die Biene Abläufe rekonstruieren, außerhalb dieser Abläufe einzeln herausgreifen und zeitlich versetzen. Wechselt die Aufgabe, die selbst wiederum einem festen Ablaufprogramm im Leben des Tierchens folgt, so wechselt auch die Wahrnehmung und die Reaktion. Das Insekt arbeitet so Punkt für Punkt in ihrem Leben ab, bis es stirbt. Aber es kann zeitlich nicht springen, zurücktreten wie der Mensch, um durch gedankliche Abstraktion Abläufe zu zerlege, das Insgesamt, das man sich durch Abstraktion als Bild formt, im Blickfeld halten, kann es nicht.




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Vom Vernichten von Werten (1)

Der Wende folgte die Deindustrialisierung der DDR, die geplante Versenkung einer ganzen Volkswirtschaft mit 15 Mio. Bürgern. Hunderte Milliarden an Kapital wurden vernichtet. Hauptursache: Der populistische Währungswechsel, der die inneren Wertverhältnisse für Konsumenten ausglich, für die Wirtschaft aber zur Katastrophe machte, weil sie einer unmöglich zu tragende Erhöhung der Kosten (man denke nur an die Löhne, an Kredite) um 400 % bedeutete. Denn die Ostwirtschaft stand vor dem Konkurs. Aber anstatt zu sanieren, wurde demontiert, das positive Wirtschaftskapital geplündert, Konkurrenz beseitigt - es blieben den Westunternehmern bloße Konsumenten, bloße Nachfrage. Niemand schien ernsthaft überlegt zu haben, was eine Währungsparität für die Nachfrageseite von 1:1, hinter der wirkliche Produktivverhältnisse von 4:1 standen, auslösen würde. Der Ertragswert der Unternehmen fiel gegen Null, und auf diesen Wert fällt die nun unbewirtschaftete Substanz.

Eine der schlimmsten Auswirkungen: Man brach das letzte Selbstbewußtsein eines Volkes, und fast notwendig drängte man das (berechtigte) Empfinden erlittenen Unrechts, die notwendige Selbstrettung im Stolz, zur brisanten, schwelenden, und irgendwann auflodernden Dolchstoßlegende ab. Jeder vierte Bürger der ehemaligen DDR sieht sich heute als Verlierer der Wiedervereinigung. 85 % der ehemaligen DDR-Betriebe sind heute in der Hand westdeutscher oder ausländischer 'Eigentümer. Ob man aber wirklich von "Plünderland" sprechen muß (wie dieser Film) wagt der Verfasser dieser Zeilen zu bezweifeln, so sehr Plünderung im Einzelfall vorgekommen sein mag. Dazu hat er einfach zu viel gesehen und erlebt, wie die wirklichen Vorgänge in ihrer Komplexität aufgrund einer gerade im Krisenfall direkt aufbrechenden Ambivalnz der Dinge, über die schon alleine oft zu sprechen schwierig oder unmöglich ist, ganz anders liegen, als es für viele aussieht.

Verschwörungstheorien haben den eklatanten Mangel, daß sie so gut wie immer eine schwierig zu durchdringende, weil einfach nicht so einfach eindeutig zu erklärende Sachlage, über ein erklärungsleisten scheren, der scheinbar viel erklärt, und doch völlig falsch liegt. Meist, weil schon im Grundansatz fundamentale Denkfehler begangen werden. Vor allem aber, wie der Verfasser dieser Zeilen immer wieder beobachtet hat, werden sie so gut wie immer von Menschen vertreten, die genau von dem Gebiet, über das sie auf diese Weise denken, Wirklichkeiten mangels existentieller Erfahrung nicht kennen. Man nehme nur die Situation, in der Liquiditätserhalt zur leitenden Maxime werden muß, eine Situation, die vorübergehend passieren kann und vorübergehend bleiben muß - wehe aber, wenn sie zur Dauer wird.

Nicht zuletzt drückt sich darin die tatsächlich bedenkliche Situation aus, in der unsere Länder furchtbar bereits leiden: Mangel an wirklicher Führungserfahrung. Denn erst dabei wird die erwähnte Ambivalenz oft in aller Wucht und "Unlösbarkeit" erfahren. Es gibt etwa Lagen, in denen nicht mehr zu entscheiden ist, was das "Bessere" innerhalb von "Gutem" ist, sondern nur noch das "weniger Falsche" gesucht werden kann. Eine Lage, in der die wirkende Kraft von Information zum existentiellen Problem aufsteigen kann.

Man nehme ein Beispiel: Goldfanatiker, die im Grunde dieser Klientel der Verschwörungstheoretiker angehören, nur "gesundvernünftelt" werden, auch von Journalisten, haben dasselbe Wirklichkeitsproblem wie die Macher obvernetzten Hör-Videos (das durchaus interessant ist), sie begreifen deshalb nicht die Relativität von "Wert", sondern fliehen ins Irrationale, die einfach behauptete Ursache.

Aber es ist unter Umständen bis zum Gegenteil falsch, was Untersuchungen im Detail erbringen zur Beurteilung eines umfassenden Geschehens heranzuziehen. Die Motivlage ist oft recht komplex, und wo im Einzelfall - man nehme die Bankenübernahmen, die für sich betrachtet wie riesige Geschenke an Westbanken aussehen - Seltsames geschehen scheint, muß man auch annehmen, daß die Gesamtlage in den Verhandlungen zwischen Treuhand und Banken zahlreiche andere Faktoren ins Kalkül zu ziehen hatte. Wie Theo Waigel es sagt: "Wir haben doch nichts verschenkt! Aber wir brauchten auch die Banken."

Denn so seltsam es auch für manche klingen mag - selbst, wenn man einräumt, daß findige Köpfe Vermögen ergaunert haben, selbst wenn man (was sogar hohe Wahrscheinlichkeit hat), daß ehemalige Führungsgrößen der DDR ihr Schäflein aufs Trockene gebracht haben, hat die Logik, die in der "Abwicklung der DDR" ablief und sich so katastrophal auswirkte, nichts von prinzipiellem Betrug - wenn auch möglicherweise von grundsätzlich falschem Denkansatz - an sich, das glaubt der Verfasser dieser Zeilen nicht.

Sondern ist seiner Erfahrung nach die Auswirkung realistischen Geschehens und Bewertungsverfahrens, die so wesentlich von Perspektiven abhängt. Man erlebt es auch im Westen etwa im Falle von Unternehmenskonkursen. Damit ist auch verbunden, daß schon ein Wechsel des Eigentümers den Wert einer Anlage, eines Organismus, eines Betriebes maßgeblich verändern kann, obwohl sich - haptisch, sichtbar - nichts verändert zu haben scheint.

Wobei ein Dilemma gleichfalls unlösbar bleibt, und auch bleiben muß, das ist ein Gesetz des realen Lebens: Die oft so persönlichen Schwächen von Führungskräften. Aber wo wäre die Alternative? In der lächerlichen Forderunge nach "Transparenz", als wäre dann die Reinheit von politischen Entscheidungen erzielbar? Oder mit einer Beteiligung aller an allen Entscheidungen? Wer so denkt, hat ... keine Ahnung vom Tuten und Blasen, mit Verlaub. Wir müssen einfach mit der Fehlerhaftigkeit von Menschen und auch mit deren Fähigkeit zum moralischen Versagen leben, und neu leben lernen. Mit Sorge muß man den Aberglauben beobachten, der wächst und wächst, es gäbe so etwas wie eine perfekte Gesellschaft und eine perfekte politische Führung, was alles auf einer völligen Selbstüberschätzung beruht, auf einer unendlichen Überschätzung dessen, wozu menschlicher Geist fähig ist. Im Guten, wie auch dabei, eine "Verschwörung" durchzuziehen. Was im Einzelfall immer höchstes Ziel bleiben muß, ist im Ganzen einfach als Spannung zu ertragen, um eines höheren Gutes willen.

Das führt auch zur Fehleinschätzung, es bräuche für eine Gesellschaftsreform "große Maßnahmen". Die Erfahrung lehrt vielmehr, daß das Versagen - oder auch das Gute - im Kleinen und Kleinsten liegt. Dort liegt das Kriterium von Kraft, im Widerstehen, im Initiieren, im Durchsetzen. Nicht in den großen utopischen Entwürfen. Deshalb ist es für eine Reform nie zu spät. Aber sie sieht im Einzelfall anders - und ach, wie bescheiden oft - aus, als meist vermeint wird.

Wenn sich die DDR-Bürger um die Früchte ihrer Arbeit gebracht fühlen, wenn so viele Bürger der ehemaligen Oststaaten  meinen, ihnen sei etwas vorenthalten worden, auf das sie nun zugreifen dürften - das wäre dann der Westen - dann haben sie in gewisser Hinsicht Recht! Aber vorenthalten wurden ihnen die Wirklichkeit, vorenthalten wurde ihnen, wie es wirklich um ihr Land und damit um sie selbst steht. Erst als dieser Schein nicht mehr aufrechtzuhalten war, weil die DDR pleite war, wie es Egon Krenz dann öffentlich zugab, trat die Führung die Flucht nach vorne an.

Die entscheidende Tatsache ist, daß die westdeutsche Politik kein durchdachtes Konzept hatte, wie im Fall einer Wiedervereinigung zu handeln sei. Tempo, "Pastoral", ja, Schein wurde substantiellen Lösungen vorgezogen, baute wohl auf auf persönlichem Ehrgeiz mancher Politiker auf, sich in den Geschichtsbüchern zu verewigen. Man probierte also wie getrieben den großen Wurf. Dadurch entstanden aber zahlreiche Graubereiche, die in der Geschwindigkeit der großen Änderungen nicht gerecht gelöst werden konnten, weil vordergründige Motive der Oberflächenbehauptung, in der man substantielle Ursache-Wirkungs- und damit Schuldverhältnisse nicht lösen wollte, um manche Gestalt nicht zu zerschlagen, die Herrschaft übernahmen.

Im Nachhinein wäre so manches besser gewesen, was im Endeffekt ohnehin auf dasselbe hinauskam, denn auch so blieb ein riesiger Schuldenberg: realtistische Konvertierung der Währungen, Schuldenschnitte ... hätte man nur darüber ernsthaft  nachgedacht. (Ist nicht bei Griechenland, ja wo sonst noch ... dasselbe passiert?) Dadurch entstehen auch viele Ängste, die gar nicht begründet sind, sondern einfach dem fehlenden  Mut zur Wirklichkeit entsprechen. Und das hat nicht zuletzt mit dem Zentralismus der Politik zu tun, die mit einem mal vor Entscheidungen steht, die eben dann auch "alles" betreffen, weil das organische Hinterland fehlt, das aus eigener Kraft Stöße aushält und ausgleicht. Erinnern wir uns aber an Erkenntnisse der Kybernetik: Wo Systeme ab einer bestimmten Komplexität in ihrem Gesamtverhalten bei Teilentscheidungen nicht mehr vorhersagbar reagieren. Daran erstickt der Zentralismus an sich selbst, reißt aber viel mit sich. Es gibt auch in der Natur ein Gesetz von Größenordnungen, die kein Organismus überschreiten kann und je überschreiten wird - es sei denn, er rottet sich selbst aus. Das nicht zur Kenntnis zu nehmen ist der furchtbare Fehler einer mechanistischen Weltsicht.



Morgen Teil 2) Lug und Betrug bei der Zerschlagung der DDR? - Ein Bericht des ZDF




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Donnerstag, 27. Februar 2014

Leistung sucht sich Währung

Was aber macht nun eine Bevölkerung, wenn die Landeswährung gecrasht ist, oder kurz davor steht, sodaß was man abends eingenommen hat, am nächsten Morgen nur noch einen Beruchteil wert sein könnte? Sie sucht sich andere Leistungsparitäten - sie sucht sich eine andere Währung als Tauschmedium.

Argentinien, das mitten im nächsten Zusammenbruch nach 2000 steht, zeigt es vor. Die Welt berichtet in einem Sittenbild. Wenn aber eine Regierung meint, sie könne die Bildung von Parallelwährungen in den Griff bekommen, so hat sie sich geschnitten. Das schaffte nicht einmal die DDR. Die Leistungs- und Wertparitäten suchen sich Wege. Da nützt keine staatliche Preisregulierung und kein offizieller Mindestlohn. Regelt der Staat die Wechselkurse, sucht sich die Flucht in Parallelwährungen- im Falle Argentinien: in den Dollar*, leicht zugängig durch den Außenhandel - andere Wege. 

Wittfogel zeigt in "Die orientalische Despotie", daß es für einen Staat nur bis zu einer gewissen quantitativen Grenze sinnvoll ist, seine Bevölkerung zu überwachen und zu steuern. Alles darüber hinaus verursacht nicht nur mehr Kosten als es Nutzen stiftet, sondern entzieht dem Staatsapparat progressiv steigend Kräfte, die invertiert werden, sodaß er zunehmend anderen Aufgaben, Kernaufgaben, nicht mehr nachgehen kann, der Apparat sich selbst aufzufressen beginnt.

Also muß man auch in Argentinien mehr oder weniger dulden, daß sich das Wirtschaftsleben mehr und mehr in den schwarz, aber realistisch gehandelten "blue Dollar" verlegt. Bis auch die offizielle Währungspolitik dem Druck der Wirklichkeit nachgeben muß, und es nur noch einen Dollarkurs gibt. Aber ein Land braucht Geld, das in seiner Menge dem entspricht, was an Leistungen entstanden ist, und damit Tauschware wird. Und vor allem: Das Leistungsverhältnisse stabil auszudrücken vermag, und leicht handhabbar ist.



*Nach wie vor "Weltreservewährung Nummer 1",  und darin für die USA freilich ein Schuldenvolumen, das gigantisch ist.




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Mann und Frau


Gesehen auf everyday_i_show




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Mittwoch, 26. Februar 2014

Kraft der Destruktion

In einem Punkt muß man dem Artikel in der Presse rechtgeben - Facebook ist eine politische Waffe. Aber das Fatale daran ist: Sie ist es durch seine destruktive Kraft. Das ist der entscheidende Unterschied zu früheren Formen politischen Wirkens. Denn niemand bestreitet zwar die faktische Präsenz von Facebook. Aber sehr wohl ist seine konstruktive Kraft zu bestreiten. Die "Macht" von Facebook (hier als Synonym verwendet, auch für die sogenannten social media) wird somit nur aus seiner quantitativen Verbgreitung abgeleitet, sie ist sogar ausschließlich der Erfolg einer Marketingstrategie, die es geschafft hat, einen irrationalen Mythos zu implementieren. Er beruht auf der Überzeugung, daß der quantitativen Vertreigung auch reale Macht zugeordnet wäre. Aber was sich hier "Macht" holte, war nicht die Macht des Wirklichen, sondern die, an diese bestimmte Form von Kommunikation ALS KOMMUNIKATION zu glauben. Die wirkliche Wirkebene von Facebook (...) liegt aber ganz woanders, seine Absicht sowieso: Denn sie war bereits aus dem Habitus heraus konstruiert, realer Kommunikation auszuweichen. Und diese Schwäche zu argumentieren - mit "Vorteilen", mit der Behauptung seiner Betätigung ALS - bestimmte - Kommunikation. (Gleicherweise könnte man sagen, daß JEDES Tun eines Menschen Kommunikation wäre; das ist es nämlich. Aber was sagt das aus?)

Und genau diese Absicht verwirklicht Facebook (...) Denn es zerlegt die Kommunikation, das menschliche Miteinander, und hebt es auf eine rein ideelle Ebene, auf die Ebene bloßer Gedanken (und das betrifft AUCH die Bilder u.ä., die man auflädt, denn auch Photographien, zu der jedes hochgeladene Bild wird, funktionieren nur durch vorangehende Übereinkunft, sie beziehen sich immer auf andere Ebenen der Wirklichkeit) - die der Zweitwirklichkeit. Jedes Element der Zwischenmenschlichkeit wird darüber gespiegelt, und darauf reduziert. Denn das ist das Wesen jedes Werkzeugs: daß es aus seiner eigenen Logik heraus zurückwirkt. Und die Mitmenschlichkeit tatsächlich auf diese Ebene der Meinungen herabdrückt, die weil in der Form des Worts zum rationalen Kampf um Wahrheit wird. Der jede Öffnung zur Wirklichkeit hin, die eine Selbstauflösung (und sei es nur für einen Moment) der "Meinung" als verfestigtes Instrument des Wirkens verlangt, zur existentiellen Gefahr wird.

Alles aber auf diesen Plattformen ist eine ideelle Konstruktion. Darauf bildet sich eine zweite Welt, die die erste, die der wirklichen Wirklichkeit, unweigerlich zu überlagern beginnt. Deshalb "funktioniert" Facebook nur deshalb so, wie es funktioniert, weil es auf einer allgemeinen Übereinkunft beruht, diese idealen Bilder für wirklich zu erklären, und der Konstruktion des anderen zu folgen. DAS ist der eigentliche Erfolg von Facebook: diese Überzeugung, diese Meinung verbreitet zu haben. Sodaß sich tatsächlich alle so verhalten, als würde über Facebook (social media) wirkliche Beziehung herstellbar (weil ideell konstruierbar), aufbaubar oder erhaltbar sein. Wenn dies gelingt, so bleibt es aber Zufall, und nur dort möglich, wo der Hunger nach Wirklichkeit denn doch durchbricht.

Deshalb wird auch alles, was "über Facebook (...) gespielt" wird, auf diese Ebene des Ideellen gedrückt. Dann wird Religion zur "Überzeugung", weltanschauliche Haltung zur "Meinung", Gedankenaustausch zum rationalen, logizistischen Kampf. Dem eine eigentümliche sinnliche Erfahrung zugrundeliegt: Die der Manipulierbarkeit alles Begegnenden (!), und die der substantiellen Flüchtigkeit der Welt überhaupt. Sinnlich ist alles, was kommt, ein bloßes Flackern, es hat keine haptische Qualität, ist kein "Ding", sondern eben nur flüchtige Behauptung. Gedankenaustausch über Bildschirm bringt deshalb zwangsläufig auch den Abbau des Respekts vor dem Gegenüber, dieser wird nur noch behauptbar, ideell. Es verliert sich jedes Gefühl für Eigentum (Urheberrechtsstreits wie -verletzungen haben ihre Inhalte und Ursachen in der Art des Mediums selbst), weil die Zubehörigkeit von Äußerung und Mensch sich nahezu auflöst, einerseits, anderseits ein Charakter unterstützt wird, der alles was "in ihm" abläuft auch für "eigen generiert" hält. Auch dies also löst das Zu- und Miteinander der Menschen auf, weil ich die Wichtigkeit des Gegenüber - ja, das Geschenkhafte der Sprache, des Denkens, der Wahrheit - gar nicht mehr erfasse und zuordne.

Nun stellt der Verfasser dieser Zeilen immer wieder etwas Erstaunliches fest: Wie gut sich oft mit Menschen auskommen läßt, solange sie nicht über Meinungen zu streiten beginnen, sich nicht in Ideen verhaken und darüber (gar noch: alleine) identifizieren. (Genau das aber passiert bei diesen Medien.) Denn darüber zerreißen plötzlich die angenehmsten realen Verbindungen. 

Was daran wäre nun das Bessere, das Wahrere? Die gute Verbindung, das "gute Verstehen" über alle Meinungsgrenzen hinaus? Oder die erbitterte Austragung der Meinungsstreits, um so erst nach erzielter Einigung auch zwischenmenschlich in Einheit zu treten?*

Wenn die Zwischenmenschlichkeit aber auf der Ebene der Meinungen abläuft, kann es nur Sieger und Besiegte geben. Gewinner und Verlierer. Das Paradoxe daran ist, daß die Meinungsfreiheit, die zur Grundlage dieser Meinungsbildungsebene erklärt wird, genau in dem Moment nicht mehr möglich wird, wo Meinungen als die eigentlichen Träger menschlichen Handelns gesehen werden. Denn die Meinung ist selbst bereits ein Entschluß zum Wirken, sie setzt Urteil voraus, und bewegt damit zum ... politischen Kampf.

Die eigentliche Ebene des Menschen aber ist nicht seine Meinung. Nicht das Sein ist relativ, sondern unser Denken darüber! Mitmenschlichkeit, Einheit der Menschen, liegt auf der Ebene des Symbols, des geistigen Bildes als Grundbild seines Seines, seiner Gestalt und damit seines Tuns. Ja, dort liegt die eigentliche Wirklichkeit des Menschseins als "jemand", als fleischliche Person.

Weshalb substantielle Mitteilung über das Netz, den Bildschirm nur einen Inhalt haben kann: Den, in die Realität zurückzugehen.



*Darin schon zeigt sich, daß Facebook (social media) überhaupt nur möglich waren und sind, weil sie in einer Anthropologie - einer Sichtweise des Menschen - ihre Basis hatten und haben.




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Das unsichtbare Gesicht

Für die, die immer noch glauben, daß das Böse stinkt, und SS-Uniformen oder Rubbelkäppis trägt - das Interview, das Andre Heller mit einer der Privatsekretärinnen von Adolf Hitler führte, mit Traudel Junge. Sehr lehrreich! Es muß denn doch wohl einen anderen Schlüssel zum Bösen geben, als die subjektive Sinneswahrnehmung.







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Dienstag, 25. Februar 2014

Ein wahres Wort entschlüpfte

Es ist doch ein Irrtum zu glauben, daß man das später wiederbekommt, was man einmal eingezahlt. hat. Vielmehr muß es in dem Jahr, in dem es konsumiert wird, auch verdient werden, und es wird nicht von den Rentnern verdient, sondern von denen, die aktiv sind. Unter eigener Egoismus muß uns dazu bringen, unsere Ansprüche zugunsten der Jungen zu reduzieren und auf Zukunftsinvestitionen zu setzen."


Joschka Fischer, späterer Außenminister Deutschlands, in einem Aufsatz 1996




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Mann und Frau


Gesehen auf everyday_i_show







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Montag, 24. Februar 2014

Von der Vorhersagbarkeit

Politikfähigkeit, schreibt Volkmar Weiss in "Die IQ-Falle", hängt in hohem  Maß mit der Fähigkeit zusammen, auch mittel- und langfristige Entwicklungen abzuschätzen und Prognosen zu erstellen. Vielfach liegt die heute so häufige Aussage, daß bestimmte Entwicklungen nicht vorhersehbar seien, schlicht mit dem Ausblenden von unliebsamen Fakten zusammen, mit dem Verschließen der Augen vor Realitäten.

Den Beweis liefern immer wieder Personen, die sehr wohl "überraschende Wenden" (man denke an die Ereignisse in der DDR 1989/90, oder überhaupt den Zusammenbruch der Sowjetunion) sogar zeitlich richtig vorhergesagt haben. Diese haben nur - die Fakten und die richtigen Fakten zur Kenntnis genommen. Aber sie wurden meist aus politischer Unliebigkeit nicht zur Kenntnis genommen. Also bereitet sich die Politik auch nicht auf Dinge vor, die absehbar wären. Leider häufig durch die kurzfristig zweckmäßigeren Überlegungen, die die kurzen Wahlperioden mit sich bringen, denn Ereignisse, die in 20 Jahren passieren, sind für heutige Politiker nicht existentiell genug.

Wer deshalb von einem Wirklichkeitsbild ausgeht, das eher von Wunschbildern genährt als von solider Anthropologie getragen ist, wird sich immer verschätzen, und das Gewünschte sehen, nicht das Wirkliche. Und er greift umso lieber zum heute so beliebten Ausweichargument: Daß nichts vorhersagbar ist.

Die Frage bleibt aber dann, welchen Ausrichtungen Politik in der Gegenwart überhaupt folgen kann. Denn die Entwicklungen in einem Land sind so gut wie immer langfristig, ja generationenübergreifend. Somit muß Politik weit mehr grundsatzorientiert sein, als es vielen scheinen mag. Weil Grundsätze langfristige (letztlich: "ewige") Ziele darstellen, und Einzelentscheidungen in Hinblick auf die Übereinstimmung damit überprüfbar sind, sieht man sie nur genau genug an.




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Wertloses Aufflackern von Worten

Wer sich mit Philosophie beschäftigt, wird bald erkennen, daß sich die deutsche Sprache wesentlich besser eignet, Philosophie zu betreiben, als etwa die Englische.  Sie hat sich über die Jahrhunderte, in hoher Affinität zum Griechischen (für das Ähnliches gilt) und Hoch-Lateinischen, zu einem präzisen Instrument entwickelt, mit dem sich das über die Welt Erfahrene abstrahieren und damit in seiner Tiefe, in seinen immer einfacheren Ursprüngen, erkennen läßt. Viele Begriffe, mit denen etwas sehr Reales gemeint ist, finden sich im Englischen gar nicht, man kann sie nur umschreiben. Man denke alleine an die Differenzierung zwischen "Realität" und "Wirklichkeit", für das das Englische nur ein Wort kennt - "reality".

Warum erzählt der Verfasser dies? Weil er darauf hinweisen möchte, daß Sprache ein Kulturgut ist, das nicht im Einzelnen gründet, sondern als Kollektivleistung einer Sprachgemeinschaft entstanden ist und entsteht. Dabei zeigt sich aus diesem Beispiel gleich ein nächstes Merkmal - es sind diejenigen, die sich nicht mit einer Sprache zur bloßen Irgendwie-Bewältigung des Alltags begnügen, die eine Sprache entwickeln und formen, sondern es sind die Philosophen und vor allem die Schriftsteller und Dichter, die das tun. Und über ihre Werke und Hervorbringungen auf das Sprechen des Volkes Einfluß nehmen. 

Aber sie erfinden nichts dabei. Sie zeigen nur die Ambivalenzen in Begriffen auf, die sie in ihrer Suche nach der Wahrheit noch weiter differenzieren. Und darin wirkt sich Sprache auch auf das reale Alltagsbewältigen einer Sprachgemeinschaft aus. Salopp formuliert: Eine wenig ausgearbeitete Sprache macht eine kulturelle Höherentwicklung gar nicht möglich. Wer sich "primitiv" ausdrückt, und darüber nicht hinaussteigen kann, vermag auch die Dinge des Alltags nicht zu differenzieren.

Damit hängt eng zusammen der Charakter einer Sprache als "Geschenk". Sprache ist ohne Allgemeinheit, ohne soziales Umfeld, undenkbar und weitgehend sinnlos. Das ist selbst wiederum eine Analogie zum Wesen der Vernunft, dem Logis, der der Welt zugrundeliegt, und dem sich zu nähern eigentliches Wesen der Sprache ist. Deshalb kann nur über Sprache, und darin dem Logis, Einheit der Menschen entstehen. Einheit im Einen, natürlich nur ein Näherungsprozeß, aber in der Sprache wie Leitschienen auf der Straße in der Richtung gelegt. Ohne übernommene Sprache - ohne MUTTERSPRACHE - gibt es keine Kultur. Jeder Mensch, der sich eine Sprache erfinden muß, müßte quasi von vorne anfangen. Und wenn er dann stirbt, wird er vielleicht den Erkenntnisstand und die Vernunftausprägung der 17jährigen haben, die zweihundert Jahre vor ihm gelebt haben. 

Vereinfacht und zusammengefaßt: Sprache wird empfangen. Wer den Empfang einer Sprache verweigert, verweigert die Vernunft. Es ist kein Zufall, daß nach wie vor jener Mensch als Träger der Vernunft angesehen wird, der sich einer guten, und das heißt: distinkten, das heißt differenzierten Sprache bedient. Sie zeigt mehr als bloße technische Fähigkeit an, sie zeigt inneres Differenzierungsvermögen, und damit geistiges Durchdringungsvermögen der Welt an. Wer sohin intelligenter ist, ist auch fähiger im Umgang mit der Welt. Wer sohin eine gute Sprache empfing, und ihr treu blieb, ist vernünftiger.

Nun wird vielleicht klarer, warum diese Ausschweifung sich hier findet. Denn es stellt sich nun in Presseberichten offiziös heraus, was im persönlichen Umgang ohnehin bereits lange sichtbar gewesen war: Die Fähigkeit junger Menschen, sich präzise auszudrücken, ist dabei zu schwinden. Anstelle einer präzisen Sprache wird ein irgendwie verballhorntes Lautgeplappere gesetzt, dem es nicht mehr auf Bezug auf Allgemeines ankommt, sondern den jeder sich "irgendwie denkt".

Das hat es zwar immer gegeben, aber es hat noch vor wenigen Jahrzehnten Menschen ausgezeichnet, die - sagen wir es brutal offen - der Unterschicht angehört haben, dem psycho-sozialen Elend näher als der Kultur. Sittliche Schwäche hat sich eben in der Sprache ausgedrückt. Dieses Wissen war noch vor wenigen Jahrzehnten allgemein.

Doch dann kam die ... Rechtschreibreform. Und in einer unendlichen Zögerlichkeit und Unsicherheit wurde eine neue Schriftsprache "eingeführt". Schon diese Zögerlichkeit, dieses erst Verordnen, dann Zurücknehmen, um dann neuerlich zu verordnen, hat bereits ihren Geburtsschaden angezeigt, der fundamentale weitere Schäden nach sich zog: Es waren nicht die Schriftsteller, Dichter und Philosophen, die den Stand der Sprache quasi wieder einmal festlegten, mit allen Änderungen, die sich als Differenzierungsfähigkeit akkumuliert, aber ihren adäquaten Ausdruck noch nicht im Allgemeinen Sprachfundus gefunden hatten, sondern es waren Beamte und Politiker, die von völlig anderen Gesichtspunkten aus festlegte, was nun Sprache zu sein habe.

Plötzlich aber wurde in einer aberwitzigen Diskussion darüber diskutiert, wie diese Sprache auszusehen habe. Und es wurde gestrichen und vor allem wurde: "vereinfacht". Viele Worte (etwa solche, die aus anderen Sprachen hereingenommen wurden, und zwar nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil sie Dinge bezeichneten, die auch in unsere Kultur hineingenommen worden waren) verloren Hinweise auf ihre Herkunft (was sie als Begriffe noch schwieriger zu erfassen macht), und selbst wenn man das noch tolerieren könnte, vorausgesetzt die allgemeine Vernunftfähigkeit hat diese Dingkomplexe (denen Worte, Begriffe zugeordnet werden) bereits als Dingkomplexe gegenwärtig, andere genuin deutsche Begriffe wurden simplifiziert (so sehr oft, daß sie schließlich wieder freigegeben oder die verordnete Änderung rückgängig gemacht werden mußte), alles war plötzlich im Fluß.

Der Eindruck verfestigte sich, daß Sprache ein von jedem Subjekt beliebig disponibles Gut sei, das jeder nach Belieben - und zumal bereits Kinder - verändern könne. Dazu kamen Medien, in Internet und social media vor allem, die durch ihre technischen Implikationen für den Charakter des Sprechens einer Verflachung des Sprechens katastrophalen Vorschub leisteten.

Plötzlich auch war Sprache nicht mehr das, was jemand von den Eltern, vor allem der Mutter entgegennahm, sondern es tat sich eine Kluft auf, die gar nicht so sehr wegen ihrer Größe, sondern wegen ihrer prinzipiellen Aussage zu einem wirklichen Problem wurde (wie sich ja zeigt) - die Sprech- und Schreibweise der Eltern unterschied sich mit einem male von der der Kinder. Kinder. Denn nicht gemeint ist, wenn jemand, erwachsen geworden, und zwar auf dem Boden der Muttersprache erwachsen geworden, die übernommene Sprache als zu enges Kostüm erfährt, weil sich seine Vernunft bereits weiter entwickelt hat, sodaß er neue Begriffe sucht. Differenziertere Begriffe und Sprachwendungen.

Genau das zeigt sich nun. Kinder und junge Menschen empfinden heute die Sprache als etwas, das sie so zu handhaben hätten, wie es ihnen gerade in den Sinn käme. Was in der Realität heißt: völlig beliebig, und vor allem ohne sich um einen Ausdruck zu bemühen. Das Distinkte in der Sprache hat sich längst begonnen, aufzulösen. Wenn heute jeder Brief mit "Hallo" beginnt, dann zeigt das keinen kulturellen "Wandel", sondern den Abbau von Kultur, weil nicht einmal mehr der Mühe wert erscheint, das Verhältnis zum anderen zu spezifizieren, als "Lieber XY," oder "Sehr geehrte XY". 

Wobei sich die Initiatoren der verordneten Sprachreform (denn das war es, eine simple "Rechtschreibreform" gibt es nicht, man schneidet immer ins Fleisch der Vernunft selbst) ohnehin verraten haben. Denn sie haben den Instrumentalcharakter der Sprache in den Vordergrund geschoben. Genau so sehen sie es nämlich, und genau so handhaben sie ihre Sprache. Die Politiker, die ihnen hörigen Theoretiker (von "Wissenschaftler" sollte man da gar nicht sprechen.) 

Man hat die Autorität der Sprache gebrochen, so wie man überhaupt jede Autorität der Dinge gebrochen hat und bricht. In dem Moment aber, wo das geschieht, die Vernunft auf den Menschen selbst zurückgeworfen wird, ohne bereits geformt zu sein (denn das wäre ja das Wesen des Erwachsenseins), wo die Autorität der Dinge - die immer Autorität haben, weil sie immer ein "dieses da" sind, das dem Erkennenden vorausliegt - die Sprache nicht mehr bestimmt, weil es die Dinge nämlich sind, die jene Einheit tragen, die die Sprache dann in der Vernunft schafft, sinkt auch die Welt der Dinge ins Nebelhafte zurück. Das Grundlegende am Sprechen, der innere geistige Akt, wird für unnötig erklärt. 

Der Verfall der Fähigkeit zur Rechtschreibung zeigt damit keineswegs ein Versagen der Schuldidaktik an. Er zeigt einen Verfall der Fähigkeit zur Vernunft an. Das war Absicht wie Effekt der sogenannten "Rechtschreibreform", das war die Folge des Zerbrechens der Autorität der Sprache, die man nun allgemein und für jeden diskutabel gemacht hat, deren Natur man verwirrt hat. Und darin zeigt sich wiederum an, daß die Liebe, die es als persönliche Kraft nämlich ist, die überhaupt erkennen läßt, weil sie sich dem Ding hingibt, ihm mit innerer Kraft (die ursprünglich Anstrengung, in der Tugend aber Haltung weil Selbst-geworden-sein ist) zuwendet, entschwunden ist.

Wenn der geneigte Leser sich deshalb lieblos behandelt fühlt, wenn ihm das nächste Mail seiner Tochter ins Haus flattert, das mit "Hallo!" betitelt ist, dann hat er völlig recht, beleidigt oder entsetzt zu sein. Die tausend Schwüre um Liebe und Gefühl, die in der dann folgenden Textwurst irgendwie und ohne jede Rücksicht auf Orthographie ausgedrückt sind, sind nicht einmal mehr die wenigen Watt wert, die sie am Bildschirm aufflackern läßt. Das Gegenüber hat nicht einmal so viel Interesse an einem, daß ihm daran liegt, die Kraft aufzuwenden um eine Gestalt darzustellen (bzw. zu schaffen), die nämlich erst Einheit schaffen könnte, die Einendes manifestieren könnte. Er will eigensüchtig nur Funktionen nützen.





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Sonntag, 23. Februar 2014

Normalität des Bösen

Sie meinen, daß das Verhalten, die Sprechweise dieses Mannes einzigartig gewesen wäre? Daß es einen Diktator auszeichne? Dann, werte Herrschaften, behauptet der Verfasser dieser Zeilen, daß dieses, exakt dieses Verhalten - sich nach einem Wirkbilde zu präsentieren - heute das Allgemeinverhalten (!) der Menschen wurde. Jedes Facebook-Profil, jede Internetseite, bewegt sich in DEMSELBEN Kreis an Weltmanipulation. Hitler und sein Nazireich - der Verfasser wiederholt sich, und wiederholt sich - eine Vorwegnahme der Gegenwart. Prototyp der gegenwärtigen Irrsinns, denn anders kann man das Geschehen heute kaum mehr bezeichnen. sie, werter Leser, davon natürlich ausgeschlossen.

Wir haben uns von der Wirklichkeit dieser Zeit nicht nur nicht entfernt, wir haben sie umgesetzt. Wir haben sie alles andere als überwunden. Deshalb die Hysterie der Festmachung des Bösen an bestimmten äußeren Merkmalen. Aber die Wirklichkeit wird von tiefsten Eigenschaften, ontologischen Gegebenheiten gebildet.

Was uns nach wie vor fehlt, ist das Begreifen der geistigen Substanz des Bösen. Nur das macht, daß wir "überrascht" sind vom "Alltäglichen", das simpel "Normale", das das Böse prägt. Es ist eben nicht von Schwefelgestank begleitet, und der Böse trägt keine Teufelshörner und schreit wie Brandauer als Mephisto. Er kommt über das "Normale". Eine Einsicht, für die man die vorzumalen verfolgte Jüdin Hannah Arendt nahezu steinigte, als sie beim Eichmann-Prozeß in Israel 1961 den "Täter", den Organisator des Wahnsinns, aus persönlicher Wahrnehmung heraus als "Mann wie ich und Du" identifizierte, der kein Etikett trug, auf dem steht: Ich bin der Böse! Und keinen Hut, der ihn als Dämon ausweist, wie die Trottel der Bösartigkeit der Gegenwart, die Linke, vorgibt, um sich selbst zu verbergen. Er war ... normal, ja: banal normal.

Das Böse ist ganz anderer Art. Und es braucht das Sein. Wie wir. Und vergessen wir nicht: Das Böse hat seine beste Tragunterlage dort, wo keine Beziehung zur Wahrheit - wirkliche Gottlosigkeit - besteht. Dort gibt es keine Lüge, dort gibt es nur momentanen, letztlich irrationalen  Nutzen. Ein Mensch dieser Natur - es ist der Mensch der Gegenwart ... - kann sich scheinbar überall durchsetzen, weil der Melodie anpassen.

Hier also die einzige mehr oder weniger "privatime" Tonaufnahme von Adolf Hitler. (Filmlänge 50 min.)  Erstaunlich, was dieser Film spürbar macht, trotz mancher bemüht correcter, dabei primitiver Kommentare.






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Manchmal muß man die Amis einfach lieben

Manchmal kann man sie nur bewundern, diese Amerikaner. Wobei: Personen, deren Blick die europäischen Grenzen auch einmal überwunden hat, haben generell zu Dingen Zugang, die den psychotischen, traumatisierten Europäern, gedrillt zur Selbstzensur allen Denkens und Verleugnung allen Wahrnehmens, kastriert und apathisch, hysterisiert gegen alle Gegenmeinung, zur Existenzbedrohung wurden. Einfach einmal die Welt sein lassen, was sie ist, zumindest also: was sie sein könnte?

Da sagt doch dieser amerikanische Bischof wieder einmal etwas - ach ja, nun wird "bekannt", schreibt der Standard, daß der Mann ja schon seit seiner Ernennung von Papst Benedikt XVI. mit "umstrittenen" Aussagen (österreichischen Journalisten, denen die Zugehörigkeit zur Gilde der Dumpfbrüter schon als Berufsmerkmal und Eignungszertifikat nicht abzusprechen ist, ist nicht einmal mehr klar, daß für sie "umstritten" ist, was auf der gesamten (!) übrigen Welt Standard täglicher Auseinandersetzung ist, auch in den Medien, an der sich niemand aufreibt)aufgefallen sei. Ja, vielleicht dem Standard. Dem gewiß. Den Amerikanern ist er einer unter diesen oder jenen. Das ist vielleicht sogar die Schattenseite der Medaille.

Aber was sagt er, was die Moralinsauren des Landes vergrämt sein läßt? Mein Gott, hat der Mann denn keine Ahnung vom Gutmenschentum? Ist er gar wissenschaftlich unbeleckt und doof? 

Na, lesen Sie. 

Befürworter der Homosexuellen-Ehe müssten wie ungezogene Kinder bestraft werden, findet Thomas Paprocki, Bischof der Diözese Springfield im Bundesstaat Illinois. Gute Eltern wüssten, dass man Kinder manchmal bestrafen müsse.

"Nachlässige Gesellschaft"

In unserer "nachlässigen Gesellschaft" werde das aber als Hass ausgelegt statt als Liebe, sagte der Bischof in einem Interview mit der erzkonservativen Seite "lifesitenews.com". "Man muss verstehen, worum es bei der Liebe geht. Nämlich darum, das Beste für andere Menschen zu wollen." Wer gegen die Homosexuellen-Ehe eintrete, tue etwas Liebevolles, weil er die Wahrheit über die Ehe verkünde.

Der köstlichste Punkt im Standard ist aber, wenn er berichtet, daß der Bischof "bedroht" hätte. Was ihn natürlich als Bischof disqualifiziere, ja, die Kirche überhaupt als "steuerbefreite" Religionsgemeinschaft.

Bei der Präsidentschaftswahl 2012 drohte er Katholiken, mit einer Stimme für Barack Obama und seine Demokratische Partei würden sie die "Rettung ihrer Seele in Gefahr bringen".

Das ist eben der Unterschied. Linke reden nicht davon, und lassen sonst jedem seine Lebensführung, sie tun es einfach: sie exkommunizieren nicht einfach die Proponenten gegnerischer Meinung, sondern sie radieren deren Existenz aus, regeln deren Lebens- und Bekenntnisweise. Linke sind es eben, das Neue Volk Gottes. Und die Rettung der Menschheit rechtfertigt alles, man muß nur Zwischenzeiten ausrufen, Übergänge, in denen alles erlaubt ist, um einer besseren Zukunft willen.

Manchmal muß man die Amerikaner einfach lieben. Speziell dann, wenn man sieht, daß sie das mit der Meinungsfreiheit wirklich ernst nehmen. Und dafür durchs Feuer gehen, daß das auch praktiziert werden kann. Und plötzlich hat die Wahrheit auch Raum. Bitte, würde das jemand den österreichischen und deutschen Bischöfen auch erzählen? Daß ihre neurotische Angst vor der Wahrheit - ein hiesiges, höchst beschränktes Pastoralgetue ein Spezifikum verplumpter, entgeistigter Deutschtumsneurose ist? Wer soll den diese halbsüßen Maronibrater und Bassenaweiber noch ernstnehmen? Nicht einmal dieser Papst. Und da muß man ihm einmal richtig recht geben. Das Leben der Welt spielt woanders seine Melodien. In Europa ist alles Singen schon verstummt.




*Bassena, für unsere bundesdeutschen Leser, ist der Begriff für eine Wiener Wohnsituation, in der die Wasserversorgung für mehrere Hauseinheiten an einer zentralen Stelle, der Bassena, mit Wasserhahn und Becken, eingerichtet wurde. Dem Dorfbrunnen früherer Jahrhunderte verwandt. Die Wohnungen selbst hatten keine eigene Wasserversorgung. Sodaß sich die Frauen des Hauses zwangsläufig täglich und mehrmals trafen und natürlich - ach, Frauen und ihre Macht ... - Neuigkeiten aller Art austauschten, ganze Volksmeinungen und -stimmungen bildeten, unkontrollierbar, archaisch, anarchistisch, gemein wie edel ... im sogenannten "Bassenatratsch". Was dem Charakter dieser Meinungsbildung gemäß meist abwertend, denunziatorisch gemeint ist. Es gäbe in Wien wohl längst keine Bassenawohnungen mehr, wenn nicht jahrzehntelang durch an Wien und Österreich des-, lediglich an schnellem Geld interessierte Gastarbeiter eine Nachfrage nach diesen Substandardwohnungen angeheizt worden wäre, die Erneuerungsschritte weil marktwirtschaftlich unnotwendig verzögert hat. Aber vielleicht muß man darüber gar nicht unglücklich sein.




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Samstag, 22. Februar 2014

Wer braucht Realität?

Zalando macht Verluste, trotz ungebremster Expansion. Amazon macht Verluste, trotz Ausweitung der Umsätze. Und Kanzler Merkel bricht sich die Hüfte. Auch sie unterliege eben den Naturgesetzen scherzte sie unlängst bei einer Pressekonferenz.

Auch die Superreichen, übrigens. Es ist wie beim römischen Reich: In dem Moment, wo keine Erweiterung mehr möglich - oder einfach unterlassen - wird, die die substantielle Verlustsituation verschleiert, fällt die Zukunftskomponente als irrationaler Grund von Hoffnung und Daseinsargument weg.* Ab diesem Moment sind andere Qualitäten gefragt. Innere Qualitäten. Nun gienge es an die harte Arbeit des Erhalts, im Vermeiden von Abflüssen, im Herstellen des Selbstands auch aller Investitionen. (Auf eine Weise: Die Phase höherer Geistigkeit hätte zu beginnen, nur - ist sie möglich? Ist sie, gerade sie, nicht am Weg des Aufstiegs sogar verspielt und gemindert worden?) Die Flügel der Zukunft sind beschnitten, nun gilt es um wirkliche Flügel. Und da entscheidet sich plötzlich, wie vernünftig überhaupt etwas war.

Da entdeckt dann plötzlich die "russische Milliardärin", angeblich reichste Frau Rußlands, Jelena Baturina, daß die früher so frohgemut getätigten Investionen in Nobelhotels - ach, gewiß nicht zu zählen die Neider, noch weniger die Journalisten, die daraus ihre Milliarden an Vermögen hochrechneten - gar nicht rentabel sind. Daß da kein Geld fließt. Sonder nötig wäre. Ja, daß die grün vor Neid angebetete Sphäre der Reichen und Schönen vielfach überhaupt nur als Hobby möglich ist, und betrachtet wird, bestenfalls als "flagship" gewissen PR- und Imagewert abwirft, dessen sich dann jeder Halb-, Viertel- oder Möchtegern-Promi bedient, um reales Geld zu lassen

Amüsant.



*Pardon, es könnte sich die Kritik wiederholen, aber:  Scheint nicht die Kirche genau denselben Weg zu gehen, wenn nun ständig "Missionierung" gefordert wird, ohne zu sehen, daß die Substanz nahezu verdunstet ist? Was man ja anderseits sogar zugibt, zumindest als Datenbefund, siehe die derzeitigen Erhebungsbögen, vorliegt?) Wer soll denn missionieren, wenn nicht - nur - Heilige? Ah, Nachtijall ... die immer kurzfristigere Heiligsprechung von Zeitgenossen, sogar schon von Lebenden (die Berichterstattung über Papst Franziskus trägt alle Merkmale einer regelrechten "Präparation zur Heiligkeit" bei Lebzeiten, weil es gar nicht andres sein kann - als daß das, was persönlich, subjektiv, als "richtig" empfunden wird, auch objektiv "heilig" ist?!)  zeigt ihn ja an, den Ausweg: Wir erklären uns einfach selbst für Heilige! Na wenn das auch geht ... dann ersparen wir uns außerdem alle Mühsal, die sonst Heiligkeit - weil Welt - bedeutet. Und wehren uns gegen jede schnöde Gewinn-Verlust-Rechnung..




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Frau


Gesehen auf everyday_i_show








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Freitag, 21. Februar 2014

Laßt uns ein dummes Volk schaffen

Die Ergebnisse sind ja bereits aus Deutschland bekannt, wo sie Gesamtschule heißt. Nun hat die Evaluierung der Neuen Mittelschulen NMS in Österreich (hier der Standard, dort zum selben Thema Die Presse) dasselbe ergeben: Das Niveau dieser Errungenschaft wirklichkeitsloser Pädagogik ist nominell gerade dem der früheren Hauptschulen adäquat. Und das nur deshalb, weil immer noch viel Restbestand an Gymnasien in die Ergebnisgruppe hineinfällt, sonst läge es darunter. An den noch bestehenden Gymnasien sind die Werte ohnehin deutlich darüber. Aber die will man ja abschaffen. Sie sind zu selektiv.

Aber gut, Fakten interessieren in Österreich ja schon jahrzehntelang niemanden mehr. Hier zählt die politische Utopie, hier leben die Besten der Welt, die Musterschüler der linken Gutheit.

Etwas anderes aber fällt ebenfalls auf. Da heißt es, daß nach wie vor der soziale Hintergrund so viele Auswirkungen auf die Bildungsergebnisse der Schüler hätten. Im speziellen Fall sei es der hohe Anteil der Migranten in den NMS (die nun plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht sind) und die Leistungstests nach unten drückten. Nach wie vor sei der soziale Hintergrund ausschlaggebend für die Lernergebnisse der Schüler. Daran sehe man folgedessen, wo der Hobel noch weiter angesetzt werden müsse.

Nun, vielleicht liegt das überhaupt alles umgekehrt? Denn zwar gibt es "wissenschaftlich-mathematisch" eine hohe Korrelation zwischen sozialem Status und Bildungserfolg. Aber das sagt noch nichts über Ursache- und Wirkungsverhältnisse, der Grund dafür liegt wahrscheinlich ganz woanders.

Denn die Intelligenzmessung weltweit zeigt tatsächlich deutliche Zusammenhänge zwischen sozialem Status und Intelligenzniveau, nur ist es anders zu interpretieren: Wer intelligent ist, hat oder erreicht fast zwangsläufig höheren sozialen Status, und umgekehrt. Nicht nur das aber, sondern es ist nicht zu bezweifeln, daß Intelligenz genetisch entscheidende Faktoren hat, also in hohem Maß - vererbt wird.² Zwar braucht es bestimmte psychosoziale Bedingungen, um sie zu entfalten, aber ihr Grundstock ist gegeben und kann auch durch noch so viel Ausbildung nicht "erweitert" werden. (Während etwa Kreativität deutlich mehr von Persönlichkeitsfaktoren abhängt, nicht von Intelligenz alleine.)³

Wollen wir es nicht auf den bloßen terminus technicus Intelligenz ankommen lassen, nennen wir es besser "Vernunft". Auch die hat mit Intelligenz zu tun, wenn auch nicht ausschließlich. Sie hat aber ganz sicher mit der Fähigkeit zu einer bestimmten sozialen Stellung zu tun. Mit Sozialprogrammen und staatlichem Dirigismus in allen Bereichen wird aber nicht die Vernunft erhöht, sondern im Gegenteil wird diese verhindert, weil gar nicht mehr zur Lebensführung gebraucht. Zwar werden vielleicht die statistischen Parameter wie Anzahl der Waschmaschinen, Zweitfernseher und Vierthandys erhöht, der Wohlstand also, zwar wird durch "positive Diskriminierung" die Zusammensetzung der Führungskräfte verändert, zwar wird durch Verbot von Leistungsauswahlkriterien die Anzahl der Akademiker erhöht - aber das wirkliche durchschnittliche Niveau aller dieser Kräfte sinkt, es wird schwieriger, wirkliche Leistungsträger anhand früherer Auswahlkriterien (Noten, Zertifikate) zu erkennen. 

Gleichzeitig fehlen bei solcher Bildungspolitik den Mittelberufen - Handwerker, Selbständige (die übrigens eine ähnlich hohe Durchschnittsintelligenz haben wie Akademiker, das nur nebenher), Fachkräfte - jene Menschen, die sie mit hoher Intelligenz ausführen, die deshalb unbedingt gebraucht werden. (Weshalb solche Berufe nur noch durch Maschinen, durch Veränderung des Warenangebots zu mechanisierten, qualitativ niedrigeren Produkten, ersetzt werden sollen.) Gleichzeitig führen schon jetzt, wie eine Erhebung aus 2013 ergab, ein Drittel der (formalen) Akademiker Berufsaufgaben aus, für die eine universitäre Ausbildung nicht nötig wäre. Alleine, was dadurch also Geld verschleudert wird! Aber - wir haben es ja. Also - die anderen, wie Sozialisten eben denken.

Nur werden sich damit die realen Zusammenhänge nicht verändern. Nach wie vor werden intelligente Eltern intelligente Kinder auf die Welt bringen, die ihnen in ihren Berufen und damit ihrem Status nachfolgen. So, wie alle Kinder dem Status ihrer Eltern folgen, nicht aus sozialer Not, sondern weil Identitätsbildung gar nicht anders ablaufen kann als über die Eltern, als Ursprung des eigenen Seins, und damit (siehe u. a. C. G. Jung) als erstem, aber damit grundlegendem "Gott". Alles bewegt sich eben auf seinen Ursprung zu.*

Wirkliche Leistungsträger haben es freilich bei gleichmacherischer Politik, die meint, Identität durch funktionalisierte "Begabungsförderung"** bei Auslöschung der Identitätsunterschiede - und damit der Identität - ersetzen zu können, nun schwerer, einen ihnen gebührenden Platz in der sozialen Skala zu erlangen. Sie werden ihn aber trotzdem suchen, so wie alles nach Ausfaltung seines Seins sucht. (Was den überqualifizierten "Dummen" zum Beispiel antriebslos macht.) Das heißt, daß diese gleichmacherische Bildungspolitik recht kurzfristig ein Abwandern der wahren Leistungsträger nach sich zieht. Zurück bleiben die Dummen, um es weiter so salopp zu sagen.

Aber noch eine Aussage fällt auf: Nämlich die, daß die Leistungsstreuung in den NMS weit höher sei, trotz durchschnittlich gleicher Resultate, wie auf den früheren Hauptschulen. Das könnte bereits auf einen logischen weiteren Zusammenhang in genanntem Sinn hinweisen. Nämlich den, daß intelligente Menschen, gar "Hochbegabte", auch überdurchschnittlich gut mit schwierigen sozialen Bedingungen zurechtkommen. Der Mythos eines Zusammenhangs von Scheitern und Intelligenz ist also falsch, ja umgekehrt, auch wenn er im Einzelfall (bei ca. 10%) doch zutrifft, ähnlich wie bei "Künstler und Neurose".

Von so manchen weiteren Details, etwa der Geschlechterverteilung Mann:Frau = 9:1 bei Hochbegabten, oder daß es keineswegs unterschiedliche Arten von Intelligenz gibt, ein Modetrend der letzten Jahrzehnte in ihrem Gequatsche etwa von "Emotionaler Intelligenz", weil alle Intelligenzbereiche eng zusammenhängen, mit deutlicher Korrelation zu Mathematik als leitendem Parameter, soll gar nicht erst angefangen werden. Wo doch gerade die massiven pädagogischen Anstrengungen angelaufen sind, Neurotiker und Charaktergeschädigte als "Sonderbegabte auf einzelnen Gebieten" speziell zu fördern.

Während es weniger Intelligente - nicht können. Was nichts anderes heißt als daß die früheren Leistungsträger auch diesen nächsten Anschlag am besten zurechtkommen werden, während die weniger Intelligenzbegabten noch weiter nach unten sinken werden. Ganz zu schweigen vom verstärkten Zulauf zu Privatschulen, die erst recht soziale Klassifizierung schaffen und verstärken, Absolventen des Regelschulkreises noch weiter im sozialen Status absinken lassen, was die Intelligenzbegabteren noch weiter aus ihm abdrängen wird.

Und siehe da: Es ist statistisch belegt, auch für Deutschland, daß sozialistische Regierungen binnen weniger Jahre und Jahrzehnte über ein immer dümmeres Volk regieren. Es bestehen eindeutige Korrelationen zwischen sozialistischen Regierungen und sinkendem IQ. Naja, dann paßt ja alles wieder zusammen? Denn es ist auch statistisch nachweisbar, daß linke Weltanschauung mit dem niedrigeren Intelligenzquotienten einhergeht. Mit fehlender Vernunft sowieso. Dieses Wählerpublikum schafft man sich eben, etwa durch Sozialpolitik, die schon seit Jahrzehnten das historische Geburtenverhältnis verkehrt hat: Während früher sozial höhere, intelligentere Schichten mehr Nachwuchs hatten, ist es heute umgekehrt. Kein Wunder, daß die sozialistische Ministerin in Österreich mit den Ergebnissen dieser jüngsten Evaluierung zufrieden ist.***


²Wer sich fundierter ins Thema Intelligenz einlesen möchte, dem seien die Bücher von V. Weiss "Die IQ-Falle" sowie vor allem D. H. Rost "Intelligenz: Fakten und Mythen" empfohlen. Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung bietet übrigens eine recht gute Zusammenfassung. In der Besprechung des vermtulich gleichfalls lesenswerten Buches von Stern/Neubauer "Intelligenz - Große Unterschiede und ihre Folgen", das der Verfasser dieser Zeilen aber noch nicht kennt.

³Ist das nicht typisch für die Gegenwart, die zwar überall schneller dort ist, aber nicht weiß, wo sie überhaupt hinfährt? Erst zerstören wir also alle "sozialen Unterschiede", um allen die gleichen Chancen zu geben, um dann draufzukommen, daß diese Unterschiede in der Verfaßtheit der Menschen selbst begründet liegen, also gar nicht alle "dieselben" Chancen HABEN, was mit Kategorien des Sozialistischen nichts zu tun hat. Eine Gewißheit, die zu allen Zeiten alle Völker der Erde hatten, und die sich selbst im Zwischenmenschlichen ausdrückt: Intelligente Menschen werden als solche erkannt, und erfahren (auch hier: wissenschaftlich-statistisch) höhere natürliche Anerkennung.. Das das alles auch noch "wissenschaftlich untermauert" ist zeigt nicht zuerst das prinzipielle Versagen der Teilwissenschaft, sondern daß es an der Grundfähigkeit fehlt, Teilen ihren Platz im Ganzen zuzuweisen, sodaß man sich im Vielfältigen verliert. Übrigens ist genau das die Symptomatik des ADS7AHDS, des Aufmerksamkeits(hyperaktivitäts- und)defizitsyndroms, an dem heute angeblich 10 % der Jugendlichen leiden. ADS/AHDS ist eine Gesellschaftshaltung, Folge der Sozialisierung somit, keine Einzelerkrankung, die man quasi medikamentös heilen könnte.
*Die erste Grundbewegung alles Seienden in seinem Streben nach Teilhabe nach sein - also danach, daß es "etwas ist". Und dieses "etwas" ist es nur, wenn es "es selbst" ist und es vollkommen wird bzw. ist. Diese Grundbewegung umfaßt auch das als "Strebe nach dem Paradies" Angesprochene, das etwa allen Utopien zugrunde liegt, der Unterschied liegt allerdings im immanentistischen, selbsterlösenden (und damit a-theistischen) Charakter aller Utopien. Denn Gott ist das Sein selbst, und dieses kann sich niemand geben, wie es die Utopie versucht, man kann nur daran teilhaben - durch Selbstsein s. o. Im Streben aller Dinge, erst recht alles Lebendigen, zu sein, auch das zu "überleben", offenbart sich also das Streben aller Dinge nach Gott, dem Ursprung. Dieses Seinsgeschenk aber - und das ist das scheinbare Paradox - braucht das Sterben des weltimmanenten Seinwollens, so wie die Tier- und Pflanzenwelt (in der Art) erst überlebt, wenn in der Fortpflanzung das Individuum verblüht, aufgeht; der Neuanfang des Frühling den Tod des Winters voraussetzt. Eine Analogie!

**Noch einmal: Begabung ist ohne Identität, ohne Bezogenheit auf das soziale Umfeld, undenkbar weil inhaltslos, leer.

***Daß nach bestimmten Stimmen diese Ergebnisse, die ja die vielen hundert Millionen, die in diese NMS gesteckt wurden und werden, auch als sinnlose Verschwendung entblößen, bereits vor den Wahlen im letzten Herbst vorlagen, wollen wir als vernachlässigenswert erwähnen. Das ist man von Linken gewöhnt. Bis zu den nächsten Wahlen greift die Bildungspolitik ja vielleicht schon, und man hat noch mehr Dumme, auf deren Stimmen man hoffen kann.


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Schamlos ins Nichts

(Aus der FAZ) Der Erziehungswissenschaftler Hans-Jochen Gamm schrieb 1970: „Wir brauchen die sexuelle Stimulierung der Schüler, um die sozialistische Umstrukturierung der Gesellschaft durchzuführen, und den Autoritätsgehorsam einschließlich der Kinderliebe zu den Eltern gründlich zu beseitigen.“ 

Er bezog sich auf Freud: „Kinder, die sexuell stimuliert werden, sind nicht mehr erziehungsfähig, die Zerstörung der Scham bewirkt die Enthemmung auf allen anderen Gebieten, eine Brutalität und Missachtung der Persönlichkeit der Mitmenschen.“

(Fragment, in Reaktion auf den sehr lesenswerten, guten Artikel der FAZ; Johannes Paul II. hat zu dem Thema, mit vielfachem Bezug auf Max Scheler, mehrere Bücher geschrieben, die sich dem rational so schwer faßbaren, dabei in jeder subjektiven Gewißheit so präsenten Thema - Indiz für seine Seinsnähe, seine Qualität als Urphänomen - immerhin nähern)

Die sexuelle Stimulierung zieht den inneren Blick - das reflexive, urteilende "Ich" als die eigentliche geistige Kernsubstanz - vom Ursprung, dem Einen ab, macht den Menschen sohin unvernünftig. Denn Sexualität ist ihrem Wesen nach ein Akt innerhalb der Vernunft, wird aber bei Überstimulation, die sich speziell in der Gewohnheit zu einer kräftigen Komponente, einem zentrifugalen Vektor der Willenskraft sozusagen, entwickelt.

Während die Scham, über die als Grundgeschehen jeder Mensch von Beginn an verfügt, sich ihre Bezugspunkte im Spannungsfeld aus dem Zuinnersten einerseits, und dem allgemeinen Sittenbild (mit seinem impliziten, aber allgemein Bild des Gesollten) sucht, wird sie zur Zerreißnaht, wenn das öffentliche Klima Schamlosigkeit predigt. Denn Scham entsteht dort, wo etwas verfehlt wurde (oder in Gefährdung steht, verfehlt zu werden - siehe: Erröten ...), das zu erreichen (gewesen) wäre, und das zu erreichen man als Anspruch auch erfahren hat.

Diese bringt - in einem Klima der Schamlosigkeit - den Einzelnen in Widerspruch zu sich selbst, und zerstört damit die Vernunftspannung. Wer ein Kind also zur Schamlosigkeit erzieht, wie es heute tatsächlich vielfach passiert, wirft es in ein tobendes Meer, in dem es nur an der Oberfläche dadurch Halt findet, als es um sein Überleben - wortwörtlich, als Bestand haben im Logos, der Vernunft selbst, und nur dort findet das Ich seinen Selbststand, in der Eigenverantwortung, die sämtliche inneren, schon in der Physis entstehenden Spannungen einbindet und beantwortet - rudert. 

Weshalb der Schamlose ein ausgeprägtes "Missionierungsverhalten" zeigt, seiner Umgebung die Scham zu entreißen versucht, durch Bloßstellung etwa, durch Normalisierung des Klimas der Schamlosigkeit, oder gar durch Zwang - wie es heute in den Schulen sogar autoritär verordnet passiert.

Die Scham bewahrt das Gestalthafte, sinnlich Wahrnehmbare, in seiner eigentlichen Wirklichkeit: Dem geistigen Bezug, der (nur!) geistigen Ordnung. Sie bewahrt vor der Reduktion der Wahrnehmung auf vom Wollenszentrum losgelöste Teilwillen. Weshalb sich - in der Sexualität etwa, als tiefstem Selbstvollzug - die Scham selbst unter Eheleuten erhält, solange sie einander nicht instrumentalisieren, im Namen eines Teilwillens.* Deshalb gilt es nicht als schamlos, den Säugling zu säugen, sehr wohl aber, derselben Person (als Mutter) in der Pubertät seine Brüste zu entblößen, nur als Beispiel.

Wer sich schämt (und sich noch schämen kann - ein Loblied auf alle, die noch in der Lage sind, zu erröten!) -  weiß sich aufgedeckt in seinem Ungenügen vor diesem geistigen Sollenshintergrund, in gewisser Hinsicht: wo immer er herstammt. Weshalb das Schamgefühl selbst ein allgemeines Wesensprinzip des Menschen als Person ist, das in seiner Formung auf konkrete Inhalte natürlich nur im Kulturbezug, der das Idealbild als konkrete Normengestalt enthält, ausgefaltet werden kann.**

Weil Scham eben ihren Bezug im absoluten Wertgefüge des Seins hat - als das dem Seienden, dem Dinghaften zugrundeliegende, gleichzeitig vom Dinghaften in Teilhabe angestrebte - so gibt es zwar einerseits keineswegs eine wirkliche Erziehung zur SchamLOSIGkeit, weil sie sich andere Wertbezüge sucht (jemand, der nichts mehr dabei empfindet, vor Wildfremden nackt herumzuhüpfen, schämt sich, wenn er eine Aluminiumdose nicht in Mülltrennung entsorgt)

Was im Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als vorwiegend sexuelle "Entschränkung" der Jugend im Internet/social media diagnostiziert wird, als Schamlosigkeit, ist in seinen meisten Aspekten der Versuch, den Zwiespalt aus diesem gefühlten Konflikt - historische Wertgefüge und innerstes Wertempfinden -  dadurch zu erschlagen, als das eigene Konfliktempfinden durch Behauptung zum Allgemeinen, zur Norm gemacht werden soll. Ein Bemühen, das natürlich immer scheitern muß (woran dann andere für schuldig erklärt werden, namentlich repressive, "überholte" Erziehung der Väter).

Aber das - der Verfasser traute manchmal seinen Augen und Ohren nicht! - was als Erziehungsziel das Ablegen jeder Scham tatsächlich meint, ist aber noch mehr als auf bestimmte Gebiete (Sexualität) bezogen. Einem Generalgefühl folgt eine Generalantwort: Es ist das Ablegen JEDER Spannung zu einem Sollenshintergrund, dem gegenüber jemand sein Dasein verantwortlich (zur Antwort verpflichtet) weiß. Und es ist damit der gezielte Versuch, die Vernünftigkeit des Menschen, und damit seine Geistigkeit, zu zerstören. Und damit das Menschsein selbst.

Nacktheit, aber nicht Schamlosigkeit - Michelangelo, Sixtinische Kapelle
Damit ist auch klar, was die Scham von "Prüderie" fundamental unterscheidet. Letzere ist ein moralistischer, idealistischer Gestus. Die Scham selbst aber geht auf die Substanz, das historische, reale Sein, und hat deshalb immer (auch) ein zeit-relatives Gesicht. Weshalb es sehr wohl möglich (und geschehen) ist, daß eine Zeit eine (sagen wir: erotische) Darstellung schamlos empfindet, die eine andere völlig anders rezipiert. Die Darstellung von Nackten hat in der Renaissance großen Wirbel verursacht. Die Fresken in der Sixtinischen Kapelle wurden gar übermalt! Aber ein "nackter Adam", dessen männliches Glied man sieht, ist nicht an sich schamlos, sondern tatsächlich nur in Bezug auf den (historisch festzumachenden) Stand der Geistigkeit des Betrachters. Ja, die (die Zeit selbst erregende) Darstellung der Menschen fast prinzipiell als "nackt" war genau das Gegenteil im Auge des Michelangelo: Sie war Ausdruck der höchsten Sittlichkeit, wie sie im Himmel herrscht.

Dem Sittenlosen freilich ist jeder entblößte Schenkel einer Frau "unsittlich". Dem Sittlichen hingegen höhere Form der Beziehung der Schöpfung zu Gott, die in sich erotisch, in der gefallenen Welt freilich eine "stachelige Frucht" weil historisch relativ aufnehmbar, erkennbar ist. Die Kirche selbst wird vielfach - sehr erotisch! - als jungfräuliche Braut, voller Eros, dargestellt. (Und das ist sie ja wohl auch, im Bezug auf Gott.) Keineswegs ist also DER mit mehr Schamhaftigkeit gesegnet, der jeden Blick auf ein erotisches Element verweigert. Es ist relativ zur sittlichen Fassungskraft, das ist das Entscheidende. Der hoch Sittliche kann auch erotische Fresken (wie in dem Fall: mit Nackten) nicht nur ertragen, sie sind sogar gemäßer, wahrer Ausdruck höherer geistiger Realität.

Der Schamlose verliert aber überhaupt JEDE Fähigkeit, eine Persönlichkeit (Gestalt) zu formen. Er bleibt damit dem Peripheren (Vielfältigen) ausgeliefert, es mangelt ihm an der Fähigkeit der Spannungstrage zum Ursprung, zum eigenen innersten Empfinden. Sein einziger Halt bleibt - im Moralismus, im Gesetzeswerk. Das meint auch Freud, zumindest sollte man ihn so lesen, damit was er (oft sehr wahrhaftig beobachtet) schreibt Sinn erhält. 

Persönlichkeitsdiffusion², als DER Grundzug heutiger Pädagogik (und Psychologie), und Schamlosigkeit sind also nur je eine andere Seite der Medaille. Die heute Generalpostulat jeder Pädagogik seiende Erziehung zur Schamlosigkeit ist deshalb ein Weg kollektiven Mißbrauchs junger Menschen. Nahezu sämtliche psychosozialen Phänomene der Gegenwart lassen sich deshalb als Phänomene des Mißbrauchs klassifizieren. Daß man ihm mit so kollektiver "Geste der Entrüstung" begegnet, zeigt das überdeutlich. Denn es geht auf Kosten der Fähigkeit des Einzelnen, tatsächlichen - als "sexuelle Tat" identifizierten - Mißbrauch zu verarbeiten. Und das wäre sehr wohl möglich, Mißbrauch ist keineswegs eine Verdammung zu einem Schicksal, zu der er heute in so offenem Widerspruch zum gesellschaftlichen Habitus hochstilisiert wird. (Siehe der Verfasser dieser Zeilen in "Helena oder: Das Gute ist was bleibt", Roman, Passagen-Verlag, Wien)


*Der hohe Anteil an zweitwirklicher Sexualität, wie er allen Erhebungen (und Beobachtungen) nach heute alltäglich ist, wo also das sexuelle Erleben zu einem "Spiel der Phantasie" wird, ist im Grunde Zeichen einer unglaublichen Impotenz. Weil die sexuelle Zuwendung aus dem Ganzen der Person heraus gar nicht mehr genährt werden kann, muß sie als Teilwille behandelt und aktualisiert werden. Der zweitwirklich sexuell Tätige liebt nicht, kann auch gar nicht lieben, und muß sich deshalb das Gegenüber vorenthalten, und gewisse seiner Eigenschaften den Forderungen eines instrumentalisierten Teilwillens unterwerfen, um Liebe simulieren zu können.

Otto Weininger ist übrigens der Ansicht, daß deshalb gerade sehr geistige Menschen zu gar keiner anderen Sexualität mehr in der Lage sind, als zur damit ideellen Simulation sexualer Körperlichkeit. Weshalb vor allem geistig Tätige so auffällig (damals, 1923!) sexuelle Rollenspiele suchten - Sado-Maso-Praktiken etwa. Darin liegt sogar eine subtile Begründung der Homophilie der Griechen zu finden. Der Verfasser dieser Zeilen hat freilich den Verdacht, daß damit zwar tatsächlich etwas zum Verstehen des Phänomens beigetragen ist - aber keinesfalls auf ontologischer Ebene. Das zeigt sich schon darin, daß die heute so verbreitete ("Ausleben der Phantasie") sexuelle Zweitwirklichkeit zwar - ja - "idealistisch" ist, aber keineswegs GEISTIG. In jedem Fall entfremdet die Pseudologie, und zwar gerade in der Sexualität, und macht das Gegenüber zum reinen Objekt, zum Mittel zum Zweck. Jeder Vollzug entfernt also zwei solcher "Partner",  für die diesmal der Begriff tatsächlich zutrifft: Kumpane, die übereinkommen, sich gegenseitig in sich zu halten, zustimmen, sich gegenseitig zu mißbrauchen. Die Folgen sind entsprechend - Aufbau von Haß, den es nur mehr oder weniger zu unterdrücken gilt, so lange besteht dann auch diese "Beziehung".

**Wer gut beobachten kann, wird deshalb bei seinen eigenen Kindern schon im frühesten Kindheitsalter Formen des Schamgefühls entdecken können, das sich in verschiedensten Bereichen entwickeln. Es lassen sich daraus übrigens die Fundamente der Wertstruktur des Heranwachsenden (der Verfasser sagt aus Beobachtung an seinen eigenen Kindern sogar: schon im Kleinstkindalter) erkennen, wenn vielleicht auch erst später deuten, wenn sich die Ausgestaltung der Persönlichkeit des Heranwachsenden allmählich inhaltlich konkretisiert hat.

²Zur Ausdeutung dieses Begriffs, den der Verfasser dieser Zeilen in dessen Büchern so erhellend eingeführt  fand, darf auf den erst vor einigen Jahren verstorbenen, großartigen vormaligen Mainzer Universitätsdozenten für Pädagogik Walter Braun hingewiesen werden, mit dem der Verfasser, so lange der schwerkranke Mann dazu noch in der Lage war, in Briefkontakt stand. Einer der "Schlüsselmenschen" im Lebensweg des Verfassers, ganz gewiß, dem er viel verdankt. Es ist wirklich bedauerlich, daß seine hochgescheiten, gelehrten, gewiß aber nicht wie ein Blockbuster spannungslos konsumierbaren Bücher (man nehme etwa das zum Vater-Problem) so wenig bekannt sind. Gott hab ihn selig!





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Donnerstag, 20. Februar 2014

Quiz zum Tag - Auflösung

Teil 2) Die Auflösung


Nein, es handelt sich nicht um Zitate aus Mao Tsetungs Pamphlet, das die Kulturrevolution von 1966-1976 einleitete, trotz mancher Deckungsgleichheit, auf die Leser T hinwies. Und es handelt sich auch nicht um Auszüge aus den allseits so beliebten "Lebenserinnerungen eines Engadiner Urgesteins" des noch beliebteren Dorfschullehrers Urs Böldelwang, deren Herausgabe der umtriebige "Schülerkreis Urs Böldelwang e.V." so großzügig unterstützt hatte, und die heute nur noch selten antiquarisch (zu Höchstpreisen, besonders in der Sonderedition "Abgewackeltes Hirschleder; nur wenige Gebrauchsspuren") zu erhalten ist. Und nein, an Leser B gerichtet, es handelt sich nicht um eine Kompilation von Auszügen aus den Parteiprogrammen sämtlicher im Bundestag vertretenen Gruppierungen (Wie kommt er darauf? Das stand ja auch gar nicht zur Auswahl?)

Wie der geschätzte Leser gewiß aus manchen Satzzeichenfehlern erkannt haben wird, handelt es sich bei dem gestern hier zu lesenden Zitat vielmehr um Stellen aus dem Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler.

Für Spitzfindige erlaubt sich der Verfasser dieser Zeilen nunmehr die "Goldene Hutnadel 4. Klasse" als Preis für denjenigen auszusetzen, der die Trennlinie zwischen "links" und "rechts" sowie "gestern" und "heute" zu zeichnen vermag.




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Wie wir leben


Gesehen auf everyday_i_show







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Mittwoch, 19. Februar 2014

Das ist spannend

Diese Graphik kursiert derzeit (angeblich) im Netz: Es zeigt den verblüffend deckungsgleichen Verlauf des Dow Jones-Börsenindex in den Jahren 1927-29 sowie gegenwärtig, 2012-14. Zur Erinnerung: 1929 brachen binnen weniger Wochen die durch zu viel Geld - Kredite - hochgetriebenen Aktienkurse auf einen Bruchteil ihres Wertes ein. Die Weltwirtschaftskrise folgte, gegen die kein Land der Erde ein Rezept fand. Deflation war die Folge der Vernichtung von Unternehmenswerten. Bei Deflation aber steigt der Wert (weil Tauschwert in Waren) von Geld, also von Schulden. In solchen Zeiten kann sich also ein Staat nicht mehr entschulden, außer er spart bei den Ausgaben. Auch 1929 waren die öffentlichen Haushalte völlig überschuldet, sodaß kein Budgetspielraum für staatliche Wirtschaftspolitik mehr bestand. Eine Ankurbelugn der Nachfrage war nur noch möglich durch maßlose Ausweitung der Geldmengen, diese nur durch ZZukunftsperspektive, und die nur noch durch Krieg einlösbar.



Bild: Die Presse




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Das Quiz zum Tag

Von wem stammen diese Zitate?

a) Adolf Hitler (bekannt)

b) Urs Böldelwang (bekannterweise rechtsorientierter Dorfschullehrer aus Niederampfling an der Rupfach)

c) Mao Tsetung (bekannt)



"Daß ich mittellos und arm war, schien mir noch das am leichteste zu Ertragende zu sein, aber schwerer war es, daß ich nun einmal zu den Namenlosen zählte. [...] Dazu kam noch die Schwierigkeit, die sich aus meinem mangle an Schulen ergeben mußte. Die sogenannte Intelligenz sieht ja ohnehin immer mit einer wahrhaft unendlichen Herablassung auf jeden herunter, der nicht durch die boligaten Schjulen durchgezogen wurde und sich das nötige Wissen einpumpen ließ. Die Frage lautet ja doch nie: Was kann der Mensch, sondern was hat er gelernt? Diesen Gebildeten gilt der größte Hohlkopf, wenn er nur in genügend Zeugnisse eingewickelt ist, mehr als der hellste Junge [...] 

Im allgemeinen sind es die Kinder höherstehender, zur Zeit gut situierter Eltern, die wieder einer höheren Ausbildung für würdig erachtet werden. Fragen des Talents spielen dabei eine untergeordnete Rolle. [...] Ein Bauernjunge kann weit mehr Talente besitzen als das Kind von Eltern aus einer seit vielen Generationen gehobenen Lebensstellung [...] 

Würde der talentierte Bauernknabe von klein auf ebenfalls in solcher Umgebung herangewachsen sein, so wäre seine geistige Leistungsfähigkeit eine ganz andere. [...] Unerträglich ist der Gedanke, daß alljährlich Hunderttausende vollständig talentlose Menschen einer höheren Ausbildung gewürdigt werden, während andere Hunderttausende von großer Begabung ohne jede höhere Ausbildung bleiben. [...] 

Wenn in den letzten Jahrzehnten der Reichtum an bedeutenden Erfindungen besonders in Nordamerika außerordentlich zunahm, dann nicht zuletzt deshalb, weil dort wesentlich mehr Talente aus untersten Schichten die Möglichkeit einer höheren Ausbildung finden, als dies in Europa der Fall war. [...] 

Der [Staat] hat nicht auf Aufgabe, einer bestehenden Gesellschaftsklasse den maßgebenden Einfluß zu wahren, sondern die Aufgabe, aus der Summe aller [Bürger] die fähigsten Köpfe herauszuholen und zu Amt und Würden zu bringen. Er hat nicht nur die Verpflichtung, dem Durchschnittskind in der Volksschule eine bestimmte Erziehung zu geben, sondern auch die Pflicht, das Talent auf die Bahn zu bringen, auf die es gehört. Er hat es vor allem als seien höchste Aufgabe zu betrachten, die Tore der staatlichen höheren Unterrichtsanstalten jeder Begabung zu öffnen, ganz gleich, aus welchen Kreisen sie stammen mögen. [...] 

Es wird die Aufgabe eines [Staates] sein, in seinem Unterrichtswesen dafür Sorge zu tragen, daß eine dauernde Erneuerung der bestehenden geistigen Scdhichten durch frische Blutzufuhr von unten stattfindet."



Morgen: Auflösung


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Filmempfehlung

Einer der besten Filme der letzten Jahre, die der Verfasser dieser Zeilen gesehen hat, ist der aktuelle Film unter der Regie von Ridley Scott, "The Counselor".

[Der Verfasser dieser Zeilen empfiehlt, den Film erst anzuschauen, und die nachstehende Ausdeutung erst hinterher zu lesen.]

Ein Film, der seine Aussage auch formal bis ins Letzte durchzieht. Er zeigt eine Welt, die in ein irrationales, unbekanntes Geheimnis eingegliedert ist, das nur durch den Menschen entstanden ist, und jeden, der sich in einem einzigen Moment der Schwäche, der Verführtheit an ihr beteiligen, von ihr naschen möchte, in einen Abgrund reißt. Tritt man einmal aus der Welt des Guten, weil man meint, einmal mit dem Bösen kokettieren zu können, nur einmal, weil man nur kurzfristig, nur einmal eben seine "guten" Seiten möchte, gibt es durch seltsamen Zufall, in dem alles Böse seine Netze gestrickt hat, bald kein Entrinnen mehr. Und man erkennt sie, die Hölle, irrational, in Verzweiflung weil ohne Aussicht auf Vernunft. 

Großartige, äußerst kluge und tiefsinnige Dialoge, das Werk des Drehbuchautor Cormack MacCarthy, von realistischen, glaubwürdigen, wunderbar gezeichneten Figuren getragen, die entsprechend gut gespielt werden, erzählen aber schon nach wenigen Minuten, daß es hier um einen außergewöhnlichen Film geht. Weil nur aus Wahrheit heraus auch so gespielt werden kann, sodaß das aufbricht, was man als Schauspieler gar nicht machen kann: Ein wahrhaftiges Umfeld, das das nötige Licht wirft. Der Verfasser dieser Zeilen hat ihn sich sofort noch einmal angesehen, was kaum je vorkam, und wie bei einem guten Buch wird dann seine volle Gestalt noch begreifbarer, weil das Licht dann auch in die Rückseiten der Säulen gelangt, wo zuvor noch Schatten war, damit jedes künstlerische Werk auf seine volle Ebene hebt (freilich, manchmal genau dadurch als Blendwerk entlarvt.) Eine Ebene, die dieser Film erreicht, ob bewußt oder unbewußt tut nichts zur Sache, weil Wahrheit sich als Formgefühl in die Welt entfaltet.

Was der Film nie ausspricht ist es, was sich mehr und mehr als sein tragender Grund erweist, den man in der Frage nach der Bedeutung der Dinge - so wie im Leben - selbst zu beantworten beginnt. Er macht es nach und nach greifbar, aber man begreift auch das Unaussprechliche, warum es nie ausgesprochen wird: Als das tief Böse, das alle Grenzen überschreitet. Das Menschen in die Welt tragen, verwoben zu einem Schwarzhintergrund zur "normalen" Welt, deren Grenzen zum Nichts, zur Vernichtung lediglich zarte Jungfernhäutchen sind. Plötzlich werden sogar ganze Länder, ja Erdteile als in diesem Sumpf der Verzweiflung steckend erahnt, aus dem sie keine Ordnung je herausgeholt, in die sie hingegen menschliche Schwäche gestoßen hat. Wer je noch normal lebe möchte, der flieht, weil er vor dem Bösen flieht, das zum realen System geworden jede Luft zum Atmen nimmt.

Wie viel Scott/MacCarthy vom Bösen begriffen haben dürften, zeigt genau die Art, wie sie es zur Sichtbarkeit bringen. Weil es noch einen Rest von Sein (im Seienden) hat, zeigt sich das Böse in der Welt nur in kleinen und kleinsten "Spitzen", die sich fest mit "Normalem", an sich Gutem verbunden haben, sogar Alltäglichkeit als Träger benutzen weil brauchen. Um daraus umso leichter, und dabei so wenig spektakulär, ohne Hinkefuß oder Schwefelgeruch und ganz leise hervorzubrechen. (Obwohl die Hölle - großartige Szene!, ja die Schlüsselszene, so unscheinbar sie wirkt - tatsächlich stinkt, als sich ein Blick in sie auftut.) Die Hölle lächelt, solange sie um ihren Sieg weiß. Ja, nichts lächelt so lieb. Sie zeigt darin ihre Analogie zum Wesen aller Dinge, die im Maß ihres Selbstseins, als Anteil am Sein, Freude haben. Der Film ist durchzogen von einer seltsamen Heiterkeit, die genau eben nicht der Zynismus simplen Moralismus' ist.

Nie aber wird etwas erklärt, so wie sich das Leben aus den Dingen heraus auch nie erklärt sondern nur eine Oberfläche zeigt. Zugleich jede plumpe Geheimniskrämerei vermieden. Alles kommt so natürlich! Aber wir sehen eben nicht die Dinge, wir sehen ihren Sinn. Und so wie im Leben der Sinn, der Hintergrund erst im Nach-Denken erkennbar wird, weil er den Rahmen einfacher Phänomene übersteigt, wird auch die Geschichte der lange suchenden Phantasie erst allmählich klar. Bis einem der Atem stockt, weil man sie begriffen hat, und man schließlich sogar die wahren Träger des Bösen erkennt, obwohl man nach wie vor nur auf sein eigenes Erkennen vertrauen kann, nicht einmal dann wird etwas erklärt, selbst dann muß man selbst deuten. Als man sieht, wer um die volle Tragweite des Geschehens weiß.

"Niemand ist so grausam wie der Feigling. Und Sie werden Feiglinge sehen, wie sie jedes Vorstellungsvermögen übersteigen." - "Das ist etwas mehr Information, als ich haben wollte," antwortet daraufhin der Investor. Alle wollen es nicht wissen, alle wollen nichts wissen, denn aus dem Wissen erwächst erst die Erkenntnis dessen, was passiert, und dann müßte man sich gegen das entscheiden, was man gerne doch verkostet hätte. Das Einzelne steht im Vordergrund, herausgelöst aus dem Insgesamt, dem Hintergrund, der aber alles zusammenhängen und deuten würde. Das Jungfernhäutchen, das die Welt vom Bösen trennt, ist ... Gewißheit um die wahre Natur der Dinge, die sich aus dem Gesamthoriziont ergibt. Deren Kraft niemand entkommt, sobald sie durch Wissen entfesselt ist, das sie aus der Beziehungslosigkeit, sogar der Belanglosigkeit zurückstellt in die Deutung.

Und plötzlich wird der durchsichtige Diamant in seinem Wert erkennbar ... wird zu einer manichäistischen Aussage: Was von der Welt sichtbar ist, ist nur das Böse. Denn die Welt selbst ist böse. Licht ist in ihr nicht enthalten, sie läßt es durch, hält es aber nicht fest. Er wird nur an den Fehlern erkennbar. Die Kriterien des Diamants sind die des Bösen. Dem Manichäismus (vereinfacht: der Leibfeindlichkeit) ist die sichtbare Welt böse - die Welt des Bösen ist manichäistisch abgespalten. Nichts tröstet in dieser Welt, die wie eine Zweitwelt neben der der Liebe und des Nichtwissens besteht, die sich als Ganzes mit der Grenze, die allem Ganzen wesentlich zubehört, nur hält, solange sie ineinander verschränkt und aneinander gesättigt bleibt. Und solange man nicht das Tor der Lüge öffnet. Genau dort beginnt der Film: Da war einmal ein Mann, der log seiner schönen Frau vor, daß er Erfolg, Geld und keine Probleme habe. Und sie glaubte ihm, weil sie das Glück viel zu sehr wollte, um es der Wirklichkeit auszusetzen. Da waren einmal zwei Feiglinge.








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