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Dienstag, 24. November 2015

Wer mitbestimmt hat auch Mitverantwortung

Beim Sehen einer TV-Diskussion zum Thema Terrorismus: 

Wenn das Volk Souverän ist, jeder Einzelne "mitbestimmen" kann, dann ist in einer solcherart verstandenen Staatskonstruktion auch jeder Einzelne verantwortlich. Und damit ist auch jeder Einzelne potentieller Feind. In den Zeiten der Kabinettkriege blieb diese Verantwortung in Kreisen der direkten Verantwortlichen, der Regierendenn. Die interessieren heute aber eine IS gar nicht mehr. Ihr Feind ist das Volk. Regierungen interessieren diese Bewegungen gar nicht mehr.*

Gleichzeitig wird den Einzelnen bewußt, wie wenig ihre persöniche Macht ausreicht, um die Folgen ihrer Verantwortung zu tragen. Das zeigt am deutlichsten das Ungleichgewicht, das entstanden ist. Denn Verantwortung läßt sich nur im Gleichklang mit der Macht tragen. Insofern hat unsere Demokratie nicht die Machtstrukturen verändert, sondern die Verantwortung kollektiviert. Das Zeitalter der Volkskriege, der Kriege, die auf die Auslöschung von Völkern abzielten, begann mit genau diesem Schritt: der Abwälzung von politischer Verantwortung auf jeden Einzelnen.

Und noch einmal gleichzeitig suchen wir heute nach einzelnen Personen, direkten Ansprechpartnern, direkten Verantwortlichen ("die einzelnen Terroristen"), die dann mehr Verantwortung als andere haben tragen sollen. Indem wir fordern nicht "pauschal" zu verurteilen, sondern Einzelne zu suchen. Hier zeigt sich spätestens, daß etwas mit der Mitbestimmungsmär nicht stimmen kann. Indem wir uns weigern, jene soziale Gruppe, der diese Einzelnen zugehören, als Verantwortliche zu sehen. Einer extremen Kollektivierung steht also eine extreme Vereinzelung gegenüber.

Es ist einer jener Irrtümer, wo wir (und die Welt) den eigenen Mythen auf den Leim gehen. Die Wahrnehmung wurde hin zu rationalen Scheinkontruktionen verschoben. Und wir selbst sind daran interessiert, diesen irrationalen Mythos aufrechtzuhalten. Und haben die Welt daran glauben gemacht. Daraus folgt die Verschiebung der Berührungsebenen, die Volk direkt zum Feind macht.

Der Irrtum liegt darin zu glauben, weil Gestalt Funktion hat, sie in der Funktion  nicht nur zu begründen, sondern durch Funktion auch zu ersetzen sei. Der Irrtum liegt darin zu meinen, daß die Rationalität genügen würde, eine Gestalt zu erkennen und - wie eine Maschine - nachzubilden und nachzubauen. Das Zueinander der Welt ist ein zueinander von Gestalten, und deren Wirklichkeit ist bildhaft, und ist weit, unendlich (!) weit weil kategorial von dem unterschieden, was die Ration zu bilden vermag. Wir sind dem Maschinendenken auf den Leim gegangen.**

Deshalb muß man sagen, daß diese Mißverständnisse in höchstem Maß medieninduziert sind (und waren; die Aufklärungsideologie hätte es ohne den Buchdruck nicht gegeben.) Ohne Medien wären sie nicht möglich gewesen, und Medien (im speziellen das Internet, ein bereits fast ausschließliches Medium der Pseudologie) sind heute maßgeblich beteiligt. Und es ist mehr als folgerichtig, daß diese Pseudologie in Kulturen, in denen das Buch die Rolle des "sola scriptura" ("nur die Schrift") spielt, wie im Protestantismus, wie im Islam, ihren fruchtbarsten Boden findet. Der nur die Verwurzelung (die einzig diese Ganzheit der Wahrnehmung erfüllt) entgegenstehen kann.

Das (und nicht nur das) macht die gesamte Diskussion in Wahrheit irrational, zum bloßen Versuch, rationale Konstrukte zu finden, die Scheinsicherheiten gewähren sollen. Die Widersprüche stecken viel tiefer, und sie sind nicht auflösbar, und alle Lösungsdiskussionen bleiben an der Oberfläche bloßer kurzfristiger faktischer Phänomenfürsorge, weil die tragenden Säulen dieses Lebensgefühls sakrosankt gestellt ist, es eigentlich nur um ein Gefühl geht. Nicht zufällig wird dieses Wort auch außerordentlich häufig  ausgesprochen. 

Gerade also in einer Zeit, wo sich in der Spitze eines Volkes - angeblich - die direkte Spur des Handelns jedes Einzelnen findet, hat diese Spitze (etwa als politische Führung) ihre Repräsentationskraft, ihre Symbolkraft des "Für alle stehen" verloren.

Interessanterweise scheinen viele Muslime, die mit der IS sonst nicht direkt zu tun haben, dieses "pars pro toto" sehr wohl zu empfinden. Viele solidarisieren sich deshalb mit ihnen. Während unsere Institutionen mit bemerkenswerter Sturheit "die einzelnen Verbrecher" suchen.



*Das Moment des "ruler punishment" schwingt hier nicht mit. In diesem uralten Rechtsprinzip, das sich historisch in den Rechtssystemen der arabischen Völker sehr deutlich findet (an sich aber natürlich weltweit), wird das Vermögen als Selbstsein des Regierenden bzw. Machthabers (quasi: des Vaters) in seinem Machtbereich gesehen. Trifft man diesen, soll in Wahrheit der Regierende getroffen werden. Die Motive der IS sind aber offensichtlich anders, weil ihre Wirkung sogar das Gegenteil erreicht. Der Medea-Mythos illustriert es am eindrücklichsten, und die heute so weit verbreitete Art vieler Frauen, gegen den Mann zu kämpfen, indem sie die Kinder und/oder das Vermögen des Mannes zerstören, ist ganz genau so motiviert.

**Der VdZ hat lange gezögert, Hans-Peter Dürr in dieses Blog einzuführen. Denn was dieser vermittelt ist in Details außerordentlich richtig, um doch im Ganzen falsch zu sein. Dürr fehtl ganz deutlich die Metaphysik, um das, was er im Einzelnen sehr richtig herausgefunden hat, wirklich zu ordnen. Sein Weltbild bleibt deshalb mechanistisch, er ist nie bis zum Ende des prinzipielleren Denkweges gegangen, als seine Beschäftigugn mit der Quantenphysik erbrachte. Er hat also die Grenze des Mechanismus nur weiter (und sehr weit) nach hinten verschoben, was sich dann aber natürlich zurückwendet. Doch in diesem Zusammenhang bringt der VdZ ihn nun doch, mit dem Video "Wir erleben mehr als wir begreifen".








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