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Donnerstag, 2. Juni 2016

Wettlauf mit der Zeit (3)


Teil 3) Der Wettlauf zum Totalitarismus




Ein reiner Wettlauf mit der Zeit, der keine Ausnahmen mehr zuläßt

In Wahrheit ist jede Staatsbilanz (und die meisten Firmenbilanzen, übrigens) aus diesen Gründen ein purer Wettlauf mit der Zeit, der in dieser Form nur so lange aufrechterhalten werden kann, so lange auch das BIP nominell (!) steigt, Jahr für Jahr, und notwendigerweise. Nur so lassen sich steigende Ausgaben wenigstens in der Haushaltsbilanz verstecken und steigende Staatsschulden riskieren, weil angeblich durchs BIP rechtfertigen. Und so wird auch akzeptiert, daß pure Staatsausgaben wie Sozialausgaben und Flüchtlingsmilliarden plötzlich zu Signalen einer "positiven Wirtschaftsentwicklung" werden. Denn das aufsummierte "Volkseinkommen" steigt. In halb Europa, übrigens.

Solange sich Bruttoinlandsprodukt und offizielle Staatsverschuldung so irgendwie nicht nur in einem theoretisch akzeptablen und von der Welt akzeptierten Verhältnis befinden, also: offiziell, und vor allem solange eine Steigerung des BIP auch eine Bedienung der Zinsen aus den Schulden zuläßt (wozu man fast jährlich auf neue Ideen verfällt, wie etwa vor ein paar Jahren, als man die Schattenwirtschaft und Schwarzmärkte "einzupreisen" begann, ist ja auch Volkseinkommen, nicht wahr? oder für 2015, wo die Staaten sich einen kräftigen Kreditzusatzschluck genehmigen durften, weil ja die unvorhersehbare Flüchtlingskrise alle Staatshaushalte außerordentlich belastete, aber auf lange Frist - wir wissen ja - die Wirtschaftskraft steigt, eben durch die zugewanderten Fachkräfte von morgen, damit ist es sogar eine Investition, usw. usf.) ist alles paletti. 

Und auch das zeigen diese beiden Kurven - nicht nur Staatsausgaben, die halten sich wie gesagt in berechenbareren Grenzen, auch durch die Flüchtlingskrise. Aber man könnte und müßte aus der Entwicklung der Kurven auch den Schluß ziehen, daß ein Staat immer höhere Direktinvestitionen tätigen muß - Flughäfen, Autobahnen, Straßenbauten, Amtsgebäude, Schulbauten, Kindergärten, Wohnbauten, Brücken, Flußregulierungen, ... (und überall wird eine volkswirtschaftliche Bilanz erstellt - diese Brücke bringt 6,4 Mio Stunden Fahrzeitverkürzung, 3,4 Mrd. Euro mehr Warenfluß, 1,4 Mrd. BIP ...) - die zugleich immer höhere Reibungsverluste aufweisen (weil sich immer dadurch nur noch umschichtet, in Ausgleichspuffer ante muro abwandert, die aber mit der Zeit immer enger werden weil etwa der Mensch einen Rhythmus hat, den er auf Dauer nicht brechen kann, er IST eben keine abstrakte Maschine - Beispiel: Eine Brücke bringt 0,3 Std. Fahrzeitgewinn hier, aber 0,5 Std. mehr Arbeitsaufwand dort; die Verkehrsstrecken wurden immer schneller, die Gesamtfahrzeit der Menschen aber immer länger, usw.), um durch Geldausgeben ein Wirtschaftsklima zu erhalten oder zu erzeugen, das auch eine Steigerung des nominellen BIP bewirkt.

Man nennt dies seit der Zwischenkriegszeit "deficit spending", das kennen wir ja. Der Trugschluß dabei ist nur, daß seine theoretische Erfindung (die Keynes zugeschrieben wird, in Wahrheit aber seit eh und je in Gebrauch war) nur eine kurzfristige Anschubhilfe sein konnte, die sofort greifen mußte, weil langfristig genau das bewirkte, was wir in der Graphik ausgewiesen haben: Höhere Staatsschulden, bei steigendem Zwang, die Wirtschaft selbst in immer mehr Details zu bestimmen um natürliche Marktreaktionen (Inflation, Wertverluste aller Waren, Arbeitslosigkeit) auszuschalten, und dennoch bringt es langfristig eine Staatspleite.

Mit absoluter Zwangsläufigkeit läuft so ein System, laufend perenniert, auf Totalitarismus zu

Denn dieses System kommt irgendwann, und wenn es noch so weit in der Zukunft liegt, an ein Ende. Irgendwann glaubt man nicht mehr, daß die Staaten ihre Schulden bedienen können oder wollen. Und irgendwann glaubt man nicht mehr an die morgen zu erwartende definitive Innovation, die plötzlich neue Wirtschaftsräume eröffnet. Diese Systeme funktionieren aber nur so - sie brauchen einen "unentdeckten, sagenhaften Kontinent", sie brauchen Expansionsphantasie, und sei es am Mars. 

Die Frage ist nur, wer der erste ist, der seine Konsequenzen zieht und Zukunft ins Heute holt. (Weshalb einem weltumspannenden Verband der Wirtschaftspolitik so hohe Brisanz zukommt. Nur  so kann man dieses System stabil halten, indem alle des Kaisers neue Kleider "sehen wollen".) Dann kracht's, und zwar so wirklich. So ein System KANN sich deshalb gar keine Dissidenten erlauben, es muß immer rigider gegen Nicht-gläubige vorgehen. Dieses System mündet zwangsläufig im Totalitarismus, in der Alternativlosigkeit. Je länger es andauert, desto größer wird der Finalcrash, und damit umso schrecklicher die Angst davor, und damit wird der Spielraum schöpferischer, mutiger Politik immer enger.

Nicht zuletzt Hitler ist ein Beispiel dafür. Er hat ja gleichfalls dieser tollen Idee seinen berühmten Wirtschaftsaufschwung zuzuschreiben, der rein kreditfinanziert war. Der Staat Deutschland wäre in den mittleren bis späten 1940er Jahren vor der Zahlungsunfähigkeit gestanden. Wobei den Staatenlenkern vermutlich doch wieder irgendwelche neuen Kredit- und Rechenkunststücke eingefallen wären. Seit den 1970er Jahren gibt es ohnehin keinen Staat Europas (ja, vermutlich der Welt) mehr, der nicht diese Politik betreibt.

Man muß nur der Rückzahlungspflicht immer einen kleinen Schritt voraus sein, weil vor allem eines: liquide bleiben. Also muß die Welt auch glauben, daß es einem gut geht, und das heißt glauben, daß man irgendwann einmal auch diese Schulden tatsächlich bedienen kann, weil man ja ein wachsendes BIP hat und ein immer reicheres Volk auch immer mehr Schulden bedienen kann, alles klar?

Nicht, daß es einem wie Griechenland oder Spanien oder Portugal oder Irland geht. Die haben sich kalt überraschen lassen, ihre Privatwirtschaft wäre schwer ins Schlingern kommen. Plötzlich war aber das Geld in der Staatskasse alle, um das abzufangen. In Wahrheit aber haben diese Staaten kaum mehr Schulden als Österreich oder gar Italien. Wir waren nur etwas cleverer.




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