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Montag, 19. Januar 2009

Psychologie geht für Poesie

Durch die Auflösung der Kultur, im Entwerten aller überkommenen Prägemerkmale, wird die damit ausgelöste Identitätssuche zum scheinbar faszinierenden Prozeß künstlerischer Qualität. Die Poesie wird durch Psychologismen eines verzweifelten Versuchs, sich aus sich selbst zu definieren, nahezu verdrängt. Mit der Tücke, daß das Pathologische auf der Ebene der Psychologismen scheinbar deckungsgleich, dabei aber nur äquivok ist.

Ja oft ist scheinbar poetisches Empfinden nichts Simpleres als der zwanghafte Versuch, ideologische Forderungen und verirrte Ansprüche als ureigensten innersten Seelenkonflikt auszugeben - Falschgeld pur also, und besonders bei Frauen (heute) häufig.

Wieder andere - auch hier seien Frauen als häufigste Übeltäter genannt, wo sogar behauptet wird, es gäbe eine "Frauenspezifische Literatur und Kunst" - geben als Poesie aus, was nichts als das Ergebnis ersparter Mühe des poetischen Läuterns ist, ja wird gerade das Aussparen dieser Mühe und die daraus folgenden Wirrnisse als ... Mimesis der Kunst, des Poetischen ausgegeben. Wenn es frauenspezifische Kunst gibt, dann insofern, als von Frauen angefertigte Poesie gerne die für Frauen spezifische Neigung zum Fehler voreilig abschließender Synthese zeigt, die diesen Läuterungsprozeß - bei ihm kann man erst eigentlich von männlich sprechen - zu vermeiden sucht. Aber ungeläuterte, von ungereinigtem Wollen und Sehen bedrängte Poesie ist eben nicht oder noch nicht oder nur verminderte Poesie.

Zur Politik gemünztes Wollen ergibt keine Poesie, es kann bestenfalls als Bezugsgegenstand vorkommen.

Das gilt natürlich ebenso für das andere Ende der Fahnenstange - für jene, die meinen, "katholische" oder "christliche" Literatur und Dichtung zu verfassen, eigentlich: zu erfinden. Die gibt es genauso wenig, und die strengen Gesetze der Kunst gelten auch für sakrale Werke, die sich lediglich durch ihren Inhalt von weltlichen Werken unterschieden, nicht durch ihre Formgesetze. Auch jede moralische Wirkung ist eine indirekte Folge des Schauens (als Seinsübergang), aber nicht direkt intentierbar.

Stefan George: Solange der Dichter etwas will, und sei es noch so versteckt, ist er noch weit weg von Kunst. Nur die Läuterung und die Zucht ermöglicht Kunst. "vor zu lebhaften Ausdrücken der Kraft im Kunstwerk muß man auf der Hut sein ... hinter ihnen steht oft gar nicht des Empfindens Tiefe und Wahrheit - sondern nur schwärende Unreife oder die Anstrengung sich durch die eigenen Schreie etwas einzureden was nicht vorhanden ist ... Kunst ist nicht Schmerz und nicht Wollust, sondern der Triumph über das Eine und die Verklärung des anderen."




 *190109*