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Freitag, 8. Juli 2011

Den Autor im Werk

Der Wissenschaftler irrt zutiefst, schreibt Pawel Florenski über die Literaturwissenschaft, wenn er sich für aufmerksamer hält als der Autor und nicht versteht, daß dieser die Spuren seines Werkes nicht verwischen wollte. Sie sind ja Teil des eigentlichen Aufbaus (des Standpunktwechsels, dem auch er Autor unterliegt, schon durch die Zeit des Schaffens; Anm.) und sie zu vernichten oder verbergen hieße, das Werk seiner Struktur in bezug auf die Zeit zu berauben.

Der Leser oder Betrachter soll im Werk gemeinsam mit dem Autor wachsen und selbst die Brüche und Wendungen erfahren, aus deren Überlagerungen sich das eigentliche Gewebe des Werkes gebildet hat. Eben diese Überlagerungen sind es ja, diese fixierten Wellen der Zeit, die dem Werk den inneren Rhythmus geben, ohne den es tot und mechanisch ist.

Wenn man in einem Werk nicht die nackte Fabel sucht, sondern namentlich das Werk selbst, so kann man nicht umhin, in diesem seinem Wachstum, seiner Entfaltung im Leben es Künstlers in diesen überraschenden Widersprüchen, die doch durch die innereNotwendigkeit des Wachstums hervorgerufen sind, die wahre Schönheit des Werks zu sehen, seinen Reiz, seine Seele.

Ein Faust, dessen Plan in einem Moment erdacht und der nach diesem Plan geschrieben worden wäre, wäre unerträglich, ebenso unerträglich wie die amerikanische Architektur oder die analog aufgebauten Werke Waleri Brjussows, die mit dem Willen gemacht und nicht lebendig gewachsen sind.


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