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Dienstag, 29. November 2011

Zusammenhang

Das Wahre bleibt wahr, umso mehr, als eine Gegenwart anlegt, was die nächste Generation zeitigt. In einer alten Ausgabe der "Furche" (20. Juni 1970) fand ich einen Artikel, der so wie er steht genommen, und auf heute umgelegt werden kann. Verfaßt hat ihn Prof. Dr. Anton Hittmair, ein Hämatologe eigentlich, der aber mehrere Bücher zu den Themen "Lebensglück" aus ganzheitsmedizinischer Sicht verfaßte, und 1986 hoch betagt starb.

Hittmair schreibt gegen die damals aufkeimende Reformwut an, mit der die Schulen umgekrempelt werden sollten. Bildung, schreibt er, und nur um die kann es gehen, war und ist immer ein seltenes Gut. Denn sie ist nicht die Akkumulierung des Wissens, oder einer Anwendungsfähigkeit, sondern ein Akt persönlicher Reifung. Allen die "gleiche Chance" zuzuspielen wird nur bedeuten, daß es dem Begabten schwerer fällt nach oben zu steigen, während der Durchschnitt nach unten sinken, und der minder Begabte überhaupt ausscheiden wird.

Niemals kann es Ziel eines Bildungssystems (Schule) sein, Eliten zu "produzieren".  Das muß scheitern. Zielgruppe muß der Durchschnitt sein, mit Aussteigemöglichkeiten für hoch Begabte (die eben selten sind.)

Bildung muß man sich erarbeiten; Bildung kann man nicht manipulieren, geschweige denn in Schnellsiedekursen erzielen. Bildung braucht Zeit, um sich entwickeln zu können; Bildung ist ein Reifeprozeß.

Deshalb weist Birkmair (1970) darauf hin, welchen Einfluß die aufkeimende Sexualität auf das Denken hat. Aus diesem Grund verfügt der Mann heute erst mit etwa 25 Jahren über ein voll erwachtes Bewußtsein, weil die Akzeleration der Sexualkenntnis zu allererst eine solche Reifung (durch Abklärung) des Denkens verhindert.

Diesen Gedanken verfolgend wird vielleicht klar, wie die Sexualisierung der Jugend Hand in Hand mit einer Abnahme ihrer Bildung (bzw. mit deren Verzögerung) zusammenhängt! Im Klartext: Wir rufen mit der einen Hand hervor, was wir mit der anderen (ganz sicher erfolglos) zu bekämpfen versuchen ... Die tatsächliche Reifeverschiebung des Denkens nach oben ist ja nicht nur mit freiem Auge erkennbar, sondern hat mit der Bindung der Jugend, ja schon der Kinder, an emotionale Getriebenheit (am schlimmsten: im reflexiven "Gewährenlassen von Neigung", die Neigung niemals aus der Getriebenheit abstrahiert) direkt zu tun. Gleichzeitig nehmen - genau deshalb! - jene Unterrichtsmethoden zu, die Wissen und Bildung aus der Sphäre bewußter Abklärung in die unterbewußte Sphäre der Kinder verschiebt. Und damit deren Freiwerdung, deren freien Gebrauch ihrer Gedanken- und Geisteskraft, noch weiter, ja in vielen Fällen auf nimmerwiedersehen, verschiebt.

Es gibt keine Bildungsexplosion, schreibt Hittmair deshalb 1970. Schule kann nie mehr als einen Grundstock an Bildung legen, der dann im Leben ausreifen muß. Es gibt allerdings einen ausgeweiteten Bedarf der Wirtschaft nach ausgebildeten Fachkräften, die aus diesem Bildungssystem nur als Fachidioten hervorgehen, und von dort auch kommt der Druck auf das Schulsystem. Denn das erfordert Fachschulen, die möglichst rasch möglichst viele Fachkräfte produziert. Die individualistische Bildung, die viel Zeit braucht, wird damit verkümmern, so wie es der allgemeine Gebrauch der Vernunft tut. Denn Bildung bedeutet nicht möglichst umfangreiches Wissen und Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern bedeutet die Fähigkeit, die Dinge zu bewerten und an ihren rechten Ort zu stellen. Um dementsprechend vernunftgemäß das Leben zu gestalten.


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