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Samstag, 27. April 2013

Kultur wechselt nicht

Der Rewe-Berater Rudolf Maurer meint in einem Presse-Artikel, daß Österreich hinter Deutschland nachhinke. Anders als in Germanien, seien nämlich die Österreicher nur selten bereit, Einkaufgewohnheiten zu verändern, während in Deutschland deutlich höhere Flexibilität herrsche. Deshalb sei es in Österreich deutlich schwerer, Marktanteile auszubauen, hier seien die Menschen einfach zu faul.

Vielleicht ist das aber ganz etwas anderes? Denn es ist Merkmal von Kultur, zu institutionalisieren, ja Kultur IST in gewisser Hinsicht Institutionalisierung. Vielleicht also ist der Österreicher einfach immer noch mehr Kulturmensch, als der Deutsche? Indem er noch sehr viel rascher Dinge in feste Lebensabläufe einstellt, in denen sogar räumliche Nähe eine Rolle spielt. 

Und vielleicht überschätzt der Herr überhaupt den Wert des Einkaufens als Akt. Denn immerhin finden 30 % der Österreicher Einkaufen lästig, gehen nur noch 170 mal im Jahr in den Laden, statt 190 mal wie 2006. Und immer noch sind es zu 70 % die Frauen, die einkaufen. Während gleichzeitig 30 % aller verkauften Waren in Österreich Aktionswaren sind, gegen 19 % in Deutschland.

Das Wechselverhalten (von einem Supermarkt in den anderen) ist hier vor allem auf drei Warengruppen beschränkt: Windeln, Schnaps, und Bier. Produkte, die eher nicht den "Dingen schöner Lebensgestaltung" zuzuordnen sind.

Außerdem beklagen ja auch Klugscheißer anderer Fraktionen, daß in Österreich die Bereitschaft die Stelle und den Beruf zu wechseln, "flexibel" zu sein, den Wohnort nach Belieben von Graz nach Wien zu verlegen, deutlich geringer sei als anderswo. Von Amerika gar nicht zu reden.

Will er nicht so, wie die Utopisten der modernen Fraktion das gerne hätten, nämlich beliebig austauschbares Teilchen einer gewaltigen Maschine, die den Takt für alles und jedes vorgibt? 

Na das, bitte schön, wäre doch noch ein kleiner Funken Hoffnung. Daß in Österreich der Weltuntergang noch ein wenig weiter entfernt liegt, als 300 Kilometer nördlich. Und Herr Maurer soll sich lieber mal überlegen, wie Rewe zu einem menschlicheren Wirtschaften kommt, um in Österreich mehr Erfolg zu haben. Wo man noch nicht jedem abstrakten Konzept nachspringt, mit dem man anderswo offenbar leichter Menschen umprogrammiert.

Wenn auch zu bemerken ist, daß auch dort und nach wie vor 200 bis 250 Greißlerläden jährlich zusperren. Aber hier könnte man in Ansehung obiger Aussagen versucht sein, die Gründe dafür woanders zu suchen, als man es bisher oft tat. Denn der Mangel an Bereitschaft zu Treue - dem "Marketingexperten" offenbar überhaupt ein Greuel, zumindest wenn sie andere betrifft, während die nächsten Marketingmannschaften bereitstehen, um genau das zu "erzeugen", sobald man es eliminiert hat - ist es vielleicht nicht.

Denn auch auf Märkte geht jeder Österreicher immer noch sehr gern. Vielleicht also sieht mancher Österreicher noch mehr als Technizisten erwähnten Zuschnitts das gerne sehen auch den Einkauf als personalen Akt, wo das vertraute und vertrauenswürdige Gesicht mehr zählt, als 10 Cent Ersparnis beim Klopapier. Die Illusion von Menschlichkeit, wie sie Werbung zu suggerieren versucht, reicht da  nicht.





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